Gelb-grüne Wiesen und Felder, so weit das Auge reicht. Nur einige Windparks brechen das Bild. Mehldorf im Kreis Dithmarschen, im äußersten Westen Schleswig-Holsteins, ist ein beschauliches Örtchen mit kleinen Altstadtgässchen und schönem Marktplatz. „Aber natürlich gibt es hier auch Abhängige. Das ist eine Illusion, zu denken, dass es das an solchen Orten nicht gibt“, sagt Uta Kühl. Die Leiterin der Suchtberatungsstelle Dithmarschen wirkt resigniert.

Uta Kühl glaubt, dass ihre Arbeit in der Beratungsstelle der Diakonie Leben retten kann. Aber kostenlos arbeiten können sie und ihre Mitarbeiter nicht. „Seit 2012 sind die Landesmittel runtergefahren worden, und irgendwann ging es dann eben nicht mehr“, sagt Kühl. Sie musste radikal streichen: Stellen engagierter Kollegen. Das Café am Mittag, in das viele Schwerstabhängige kamen, die mit regelmäßigen Terminen Probleme haben. Und die Präventionsarbeit, die verhindern soll, dass Menschen überhaupt erst in die Abhängigkeit rutschen. Mit einem Mitarbeiter weniger kann Kühl nicht mehr an Schulen gehen, um etwas über Joints oder Alkopops zu erzählen.

Das Land Schleswig-Holstein finanzierte die Einrichtung anfangs zu 25 Prozent mit. Vor einigen Jahren hat es das Geld für Suchthilfe gekürzt. Neben Berlin, Thüringen und Nordrhein-Westfalen gehört Schleswig-Holstein zu den Ländern, die ihre Kommunen mit der Suchtbekämpfung immer stärker alleine lassen.


Karen Grass ist Rudolf Augstein Datenfellow bei CORRECT!V. Ihre Arbeit wird möglich gemacht durch die Rudolf Augstein Stiftung. In einem Themenschwerpunkt veröffentlichen wir verschiedene Beiträge zur deutschen Drogenpolitik. Karen Grass hat dafür mehrere Monate lang in allen Bundesländern recherchiert und einen umfassenden Report zusammengestellt.


Bis 2010 ging der Landesanteil für die Diakonie auf unter ein Fünftel runter. Im Jahr darauf kürzte das Land pauschal mehr als 15 Prozent des Geldes für die Suchthilfe. Dithmarschen traf es noch härter: Durch eine Umverteilung verlor der Kreis noch einmal ein Viertel der Landesförderung. „Das war dann endgültig der Punkt, an dem wir uns von Angeboten trennen mussten“, sagt Kühl. In einigen anderen Kreisen wie Flensburg, Plön oder Nordfriesland sieht es kaum besser aus.

Die Schulen suchen jetzt nach anderen Wegen, Prävention zu machen. Und fragen auf Landesebene an, „wer denn mal Prävention bei ihnen machen kann, sie hätten da gewisse Probleme mit Cannabis und anderen Drogen“, sagt Regina Kostrzewa, die Geschäftsführerin der Landesstelle für Suchtfragen in Schleswig-Holstein. „In manchen Regionen können Schulen selbst dann keine Angebote mehr bekommen, wenn sie schon im Februar anfragen – weil einfach kein Personal da ist.“ Durch die Kürzungen würde in ländlichen Regionen die Infrastruktur abgebaut, sagt Kostrzewa, obwohl gerade dort die Wege für Süchtige enorm weit sind.

Niedrige Honorare, kurze Verträge

Dorfjunkies haben Pech gehabt. Und die Suchthilfe auch. Denn sie kann Mitarbeiter mit unsicheren Verträgen und niedrigen Honoraren nicht lange halten. „Wenn die Leute gut ausgebildet sind, gehen sie nach einiger Zeit, weil die Vertragsbedingungen so prekär sind“, sagt Uta Kühl. „Wir fanden das ‚Hart am Limit’-Projekt gut und wollten es anfangs auf jeden Fall durchziehen“, sagt Uta Kühl. Auf Wunsch des Sozialministeriums bauten sie und ihre Kollegen Strukturen für das bundesweite Modellprojekt zur Alkoholaufklärung auf. Präventionsexperten sollen Jugendliche nach einem Alkohol-Absturz im Krankenhaus besuchen, um sie in einem empfänglichen Moment zu erreichen.

„Aber das Projekt sollte umgesetzt werden, ohne dass es etwas kostet“, sagt Kühl. „Ohne zusätzliche Stunden für Mitarbeiter, die dann möglichst ja auch an Wochenenden abrufbereit sein sollten, um ins Krankenhaus zu gehen.“ Die eigenen, ohnehin schon strapazierten Mitarbeiter konnte sie dazu nicht motivieren. Nach einer kurzen Phase mit freiwilligen Helfern musste die Diakonie das Projekt vor drei Jahren wieder aufgeben.

Beobachter sind von der Drogenpolitik der rot-grünen Landesregierung enttäuscht. In ihrem Koalitionsvertrag von 2012 hatte diese noch verkündet, die Menge an Cannabis hochzusetzen, bis zu der Strafverfahren eingestellt werden können. Außerdem wollte sie Fachkräfte die Drogen für Konsumenten auf Reinheit untersuchen lassen. Das sollte vor gefährlichen Produkten schützen – so genanntes Drugchecking. Bisher ist das in Deutschland verboten. Doch einige Bundesländer planen kontrollierte Modellprojekte.

Aus dem SPD-geführten Sozialministerium kam nach der Wahl jedoch nichts mehr dazu. „In vielen anderen Ländern wie Österreich hat sich gezeigt, dass Drugchecking Leben retten kann – aber hier wird damit gleich die Unterstützung eines ungebremsten Konsums verbunden“, sagt Wolfgang Dudda. Der Landtagsabgeordnete der Piraten glaubt, dass sich die Grünen in der Koalition von der SPD haben ausbremsen lassen. Das Sozialministerium will nicht erklären, warum die Ankündigungen bisher nicht eingelöst wurden.

Immerhin fördert die Landesregierung seit drei Jahren das Projekt Odyssee, das Drogenkonsumenten auf Parties anspricht und sie über gefährliche Kombinationen und neue Stoffe aufklärt. 2016 läuft die dreijährige Finanzierung aus. „Wir wissen nicht, wie es dann weiter geht – das weiß man in unserem Metier nie“, sagt Andreas Dehnke, der das Projekt leitet. Als Sozialarbeiter im Drogenbereich sei man immer auf kurzfristige Ansagen angewiesen, so Dehnke.

Klettern statt Drogen

In Bayern zeigt die Drogenhilfe „mudra“, dass Prävention funktionieren kann. „mudra“ bringt Ex-Crystal-Konsumenten zusammen und geht mit ihnen klettern. Nach zwei Jahren Vorarbeit wird das Projekt nun seit März für ein Jahr vom Bundesgesundheitsministerium gefördert. Danach ist offen, wie es weiter geht. Teile der Bilder in unserem Video sind Privatmaterial von „mudra“.

Mit dem schlanken Koffer durch die Lande

Viele Drogenhilfeprojekte suchen mittlerweile nach privaten Sponsoren, um die Lücken zu schließen. Eine andere Strategie: auf möglichst schlankem Fuß existieren. Klaus Weidhase hat sich zwangsweise darauf verlegt. „Ach, ich bin genügsam“, sagt Weidhase und lacht. Natürlich hätte der Präventionsexperte der Diakonie gern noch Kollegen, mit denen er sich die weit verstreuten Schulen im ostthüringischen Saale-Orla-Kreis aufteilen könnte. Aber die sind nun mal nicht in Sicht und so versucht Weidhase, möglichst flexibel zu arbeiten – was auch heißt, das Equipment überschaubar zu halten. „Ich habe in meinem Koffer einen gefaketen Joint, Haschischplatten, Alkopops und natürlich Rauschbrillen, die das Gefühl bei 1,3 Promille nachstellen. So ziehe ich durch die Lande“, sagt Weidhase.

Die Zusammenstellung seines Koffers übernimmt Weidhase selbst. Bei der Beratungsstelle im Saale-Orla-Kreis stehen seit Jahren alle Sachkosten auf dem Prüfstand. Der mobile Präventionsexperte musste deshalb vor einiger Zeit seinen Dienstwagen abgeben und tingelt nun stattdessen gegen eine Pauschale mit dem privaten PKW durch die Region.

Kommunen und Kreise haben seit Jahren kaum finanziellen Spielraum – und das Land streicht seit 2004 immer mehr Geld. Vor zehn Jahren gab Thüringen noch knapp 3,8 Millionen Euro aus, um die Kommunen bei Suchthilfe und Prävention zu unterstützen. Vergangenes Jahr war es weniger als die Hälfte. Dem Sozialministerium zufolge fielen die Gelder auch deshalb weg, weil weniger Bedarf an neuen Einrichtungen bestand und Projekte ausliefen.

Die Verantwortlichen vor Ort haben nicht den Eindruck, dass weniger Bedarf besteht. Gerald Böhm leitet die Beratungsstelle in Eisenach. „Eigentlich besteht durch die neuen Entwicklungen im Drogenbereich mehr Nachfrage, sowohl bei Prävention als auch bei der Beratung“, sagt Böhm. „Natürlich könnten wir mehr Personal gebrauchen, vor allem, seit diese Crystalwelle uns überrollt. Wenn Menschen ratsuchend vor der Tür stehen, muss die Prävention hinten anstehen, so leid einem das tut“, sagt Böhm.

Jedes Jahr 50 neue Klienten

In ostdeutschen Ländern und in Bayern brachte Crystal Meth die eigespielten Abläufe der Suchtberater durcheinander. In den vergangenen zehn Jahren stieg die Zahl der Personen, die wegen Problemen mit Stimulanzien in die thüringischen Beratungsstellen kamen, von 155 auf 1.074. Bei anderen Drogen zeigten sich kaum Veränderungen. Gerald Böhm hat in Eisenach jedes Jahr 50 neue Klienten. Die meisten kommen wegen Crystal. Die Wartezeit für Präventionsangebote verlängert sich dadurch immer mehr.

Klaus Weidhase macht wie Gerald Böhm schon seit Anfang der 90er Jahre Präventionsarbeit. Beide haben über die Jahre beobachtet, dass viele Beratungsstellen die Prävention als eigenständiges Ressort aufgeben. Aufklärung wird stattdessen oft nebenbei gemacht – falls die Kapazitäten da sind. „Als ich angefangen habe, waren wir über 30 spezialisierte Präventionsfachkräfte in Thüringen. Jetzt kenne ich noch fünf, wenn es hochkommt“, sagt Weidhase.

Während Thüringen Geld für Prävention strich, verschärfte das Land die Strafverfolgung: Zwischen 2004 und 2013 stieg die Zahl der Verfahren gegen Drogendelikte in Thüringen von 7.666 auf 8.699. Bei mehr als drei Viertel dieser Verfahren ging es zuletzt um den Erwerb und den Besitz von Drogen, die vermutlich für den Eigengebrauch gedacht waren. Den Konsum eindämmen konnte das polizeiliche Vorgehen bisher nicht.

Offenbar hat das auch die Polizei erkannt. Anfang des Jahres initiierte sie gemeinsam mit Organisationen wie der Diakonie im Landkreis Saale-Orlatal ein gemeinsames Präventionsnetzwerk.

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