Was waren die besten und wichtigsten investigativen Geschichten des Jahres 2016? Jeden Samstagmorgen verschicken wir per E-Mail unseren kostenlosen Spotlight-Newsletter mit den besten Recherchen der Woche. Zum Jahresende gibt es ein Spotlight-Spezial, wie immer subjektiv ausgewählt von unseren Reportern bei CORRECTIV.

#PanamaPapers

Investigative Geschichte haben heute oft nur eine kurze Halbwertszeit: Es gibt ein paar Tage Aufregung, danach wird die nächste Sau durchs Dorf gejagt. Bei den Panama Papers ist das anders. Seit die „Süddeutsche Zeitung“ Anfang April 2016 mit der Publikation von Artikeln begann, die auf geheimen Unterlagen der Steueroasen-Kanzlei Mossack Fonseca beruhen, folgen immer wieder neue Enthüllungen, Strafermittlungen und Rücktritte. Acht Monate nach der Veröffentlichung der PanamaPapers zieht die „Süddeutsche Zeitung” eine Zwischenbilanz. Die Kanzlei Mossack Fonseca, deren Datenschatz die SZ zusammen mit investigativen Journalisten weltweit ausgewertet hatte, gibt es in Panama nicht mehr. In 79 Ländern wurden Ermittlungen angestoßen oder Untersuchungsausschüsse eingesetzt, gegen Tausende Personen wird ermittelt, und in drei Ländern mussten Regierungsangehörige abtreten, darunter auch der Premierminister von Island. Aber vor allem war die Veröffentlichung ein Weckruf für Finanzminister für mehr Transparenz bei weltweiten Geldtransfers zu sorgen und genauer hinzusehen.

PanamaPapers (Süddeutsche Zeitung)

Nach Panama-Papers-Enthüllungen wird gegen Tausende ermittelt (Süddeutsche Zeitung)

Die Akte Trump

Eines der wichtigsten Ereignisse des vergangenen Jahres war die Wahl des New Yorker Bauunternehmers und Showman Donald Trump zum nächsten US-Präsidenten. Und das vermutlich wichtigste Buch über den künftigen Präsidenten ist „Die Akte Trump“ von David Cay Johnston. Der bekannte US-Investigativjournalist verfolgt seit rund 30 Jahren den Lebensweg von Trump, hat mehrere Interviews geführt und sich durch Aktenberge gewühlt. Man lernt, wie nicht mal minderjährige Familienmitglieder vor Trumps Rachsucht sicher sind. Und wie sein wirtschaftlicher Aufstieg dank der Zusammenarbeit mit New Yorker Mafiabossen vonstatten ging. Das alles ist in höchstem Maße besorgniserregend, aber es nützt ja auch nichts, es nicht zu wissen.

„Die Akte Trump“ von David Cay Johnston (Ecovin-Verlag)

Trumps Spenden

Der Reporter David Fahrenthold hat das Jahr 2016 damit verbracht, Donald Trumps angebliche Spenden zu überprüfen. Fahrenthold telefonierte mit hunderten Organisationen. Und fand nicht nur heraus, das Trump fast niemandem Geld gab – sondern dass Trump das Geld seiner Stiftung sogar für private Zwecke nutzte. Unter anderem, um überlebensgroße Trump-Portraits zu kaufen. Fahrenthold wurde zu einem der bekanntesten Trump-Reporter. Und war schließlich derjenige, der Trumps „Grab them by the pussy“-Video zugespielt bekam. In diesem Text schreibt er sehr amüsant über das Jahr 2016. Und erklärt nebenbei, wie guter Journalismus funktioniert.

David Fahrenthold tells the behind-the-scenes story of his year covering Trump (Washington Post)

Euros Für Ärzte

Wir bei CORRECTIV haben in diesem Jahr in mehreren Artikel den Einfluss der Pharmaindustrie auf Ärzte recherchiert. Eines der beliebtesten Instrumente der Beeinflussung sind so genannte Anwendungsbeobachtungen (AWBs). Das sind in der Regel Scheinstudien, bei denen Ärzte notieren sollen, wie gut ihr Patient ein verordnetes Präparat verträgt. Die Ärzte werden für diese wissenschaftlich meist wertlosen Studien oft fürstlich entlohnt. Deshalb stehen AWBs schon seit Jahren im Verdacht, vor allem den Vertrieb bestimmter Medikamente anzukurbeln. Zusammen mit Journalisten der „Süddeutschen Zeitung“, des „NDR“ und des „WDR“ haben wir alle 14.000 Meldungen über AWBs der vergangenen Jahre an die Kassenärztliche Bundesvereinigung ausgewertet und damit erstmals eine Datenbank erstellt, in der jeder nachschauen kann, ob auch sein Präparat im Rahmen einer AWB gefördert wird – und wie viel Honorar ein Arzt in diesen Fällen pro Patient erhalten kann.

Die Scheinforscher (CORRECTIV)

Datenbank über Anwendungsbeobachtungen (CORRECTIV)

In den USA müssen Pharmaunternehmen seit fünf Jahren detailliert veröffentlichen, welchem Arzt sie im vergangenen Jahr wie viel Geld haben zukommen lassen. In Deutschland geschah dies im Jahr 2016 erstmals auf freiwilliger Basis. Diese Freiwilligkeit sorgt aber dafür, dass nur 29 Prozent der Ärzte bereit waren, ihre erhaltenen Honorare und Spesen zu veröffentlichen. Doch die Art der Veröffentlichung durch die Industrie war derart intransparent und auf 54 verschiedenen Websites versteckt, dass kein Patient oder Krankenversicherter die Chance hatte, nachzuvollziehen, ob auch sein Arzt Geld angenommen hat. Gemeinsam mit den Datenjournalisten von „SpiegelOnline“ haben wir die Daten der Pharmaunternehmen kopiert und damit eine eigene, leicht durchsuchbare und frei zugängliche Datenbank gebaut, in der nun die Namen von jeweils mehr als 20.000 deutschen, 4.000 Schweizer und 3.000 österreichischen Ärzten stehen. In mehreren Artikel haben wir zudem das Problem dieser Interessenskonflikte in der Medizin recherchiert.

Seid umschlungen, Millionen! (CORRECTIV)

Zur Datenbank Euros-für-Ärzte (CORRECTIV)

Die Recherche hat zu großen Diskussionen innerhalb der Ärzteschaft geführt – und auch Anwälte auf den Plan gerufen, die in Klagen gegen unsere Datenbank ein großes Geschäft wittern.

Better Call Sascha (CORRECTIV)

 

 

 

 

Private Gefängnisse

Eine der besten Geschichten des Jahres war die Undercoverreportage des „Mother Jones“-Redakteurs Shane Bauer über ein Privatgefängnis in den USA. Bauer hat sich als Gefängniswärter bei CCA beworben, einem der skrupellosesten privaten Gefängnisbetreiber der USA. Bauer hat vier Monate im Knast gearbeitet. Ich habe so etwas noch nie gelesen: Aus dem Inneren des Gefängnisses, Gefangene aus der Sicht eines Wärters. Bauer hat die Hölle erlebt und zeigt, dass private Unternehmen keine Gefängnisse führen sollten. Um Kosten zu sparen, bleiben die Insassen sich selbst überlassen, die Gewalt ist extrem. Bauer ist mittendrin und macht begreiflich, was für skandalöse Zustände in diesen Gefängnissen herrschen. Seine Recherche hatte Folgen für das Unternehmen. Seine Geschichte ist episch lang für einen journalisitischen Artikel, aber jede Zeile wert.

„My four Months as a private prison guard“ (Mother Jones)

#FootballLeaks

Vor vier Wochen begann der SPIEGEL mit der Veröffentlichung von „Football Leaks“, einer Serie über die Steuervermeidungstricks von internationalen Profifußballern wie Christiano Ronaldo und Mesut Özil. Außerdem gibt es Geschichten über dubiose Beraterverträge von Pogba und andere Geschäfte, die einmal mehr zeigen, wie geldfixiert der Profifussball inzwischen ist. Die Recherchen basieren auf 18,6 Millionen Dokumenten, die die Enthüllungsplattform „Football Leaks” dem „Spiegel” zur Verfügung gestellt und die das Nachrichtenmagazin zusammen mit anderen europäischen Medien ausgewertet hat.

Football Leaks (Der Spiegel)

Arzt ohne Grenzen

„Arzt ohne Grenzen” betitelte das „SZ Magazin“ am 22. April eine Geschichte über den Kinderarzt Christoph Klein. Klein hatte eine experimentelle Therapie an Kindern durchgeführt, die an einer lebensbedrohlichen Krankheit litten. Doch acht der zehn Kinder bekamen wohl infolge der Behandlung Leukämie, drei starben. Der Artikel bot eine detaillierte Rekonstruktion der Ereignisse. Kinderarzt Klein ging gegen die Berichterstattung vor. Am Landgericht Hamburg wurde eine einstweilige Verfügung gegen den Artikel erwirkt, er ging offline. Doch das „SZ Magazin“ wehrte sich und bekam schließlich Recht. Der Artikel ist wieder öffentlich.

„Arzt ohne Grenzen“ (SZ-Magazin)

Kosten für Flüchtlinge

Viele Kommunen waren lange ziemlich ahnungslos, wie viel die Unterbringung eines Flüchtlings kosten darf. Entsprechend wurden sie von den professionellen Anbietern solcher Unterkünfte über den Tisch gezogen. CORRECTIV-Reporter haben Anfang diesen Jahres bei 400 Städten, Landkreisen und Gemeinden nach den realen Kosten der Unterbringung gefragt – und in einem Drittel der Kommunen die Zahlen bekommen. Erstmals wurde auf diese Weise ein bundesweiter Vergleich möglich. Demnach zahlen manche Kommunen dreimal so viel für Unterbringung und Versorgung wie andere. Vor allem Städte, die die gesamte Betreuung in den vergangenen Jahren ausgelagert, also privatisiert hatten, waren am Ende die Dummen.

Flüchtlinge als Geschäftsmodell (CORRECTIV)

Die TV-Reportage: Was kosten uns die Flüchtlinge (ZDFzoom und CORRECTIV)

Kindergärten

Immer mehr Kinder werden immer früher in Kindertagesstätten betreut. Gut 23 Milliarden Euro lässt sich der Staat das inzwischen kosten, mehr als doppelt so viel wie vor zehn Jahren. Trotzdem gibt es oft zu wenige Betreuer. Und schlechte, ja schreckliche Betreuung der Kinder ist offenbar kein Einzelfall. Das Investigativ-Team von „Zeit Online“ hat in einem Bereich recherchiert, den wir Journalisten uns viel zu selten angucken. Und hat nicht locker gelassen. Einer ersten Geschichte von Astrid Geister folgte eine Umfrage, die mehr als 2000 Menschen beantworteten. Schließlich bekamen die Kollegen mit Hilfe des Informationsfreiheitsgesetzes noch Zugang zu Prüfunterlagen von Berliner Kitas.

Abgrund unterm Regenbogen (Zeit Online)

Ergebnisse der Umfrage: Was macht Ihr da mit unseren Kindern? (Zeit Online)

Interne Prüfunterlagen: Hauptsache, die Eltern erfahren von nichts (Zeit Online)

Alle Kita-Texte von Zeit Online auf einer Seite 

Sachsen

Fassungslos haben viele von uns dieses Jahr nach Sachsen geschaut wie sehr rechtsradikale Haltungen dort bereits alltäglich sind. Und dann noch Bautzen: Selbst für „sächsische Verhältnisse“ sei die rechte Szene in Bautzen sehr gut aufgestellt, sagt ein Beamter. Die „Asylanten“ denken, die könnten ihre Lebensweise einfach mit hierherbringen, so geht das nicht, sagt ein Polizist. „Ich habe ein Messer in der Tasche und Lust, es einem von euch heute Abend in den Rücken zu rammen“, sagt ein Bautzener Jugendlicher. Es wird in absehbarer Zeit ein Bürgerkrieg ausbrechen in Deutschland, sagt ein anderer. Zwei Journalisten der „Zeit“ waren eine Woche lang in Bautzen und haben über die Übergriffe dort geschrieben – und über das langjährige Versagen der Politik.

„Kampf um den Kornmarkt“ (Die Zeit)

Untold Murder

Im März 1987 wurde in London der Privatdetektiv Daniel Morgan ermordet, offenbar weil er Informationen über Korruption in der Londoner Polizei besaß. Bis heute ist der Fall nicht aufgeklärt. Ein Zusammenschluss aus korrupten Polizisten, Journalisten und Politikern verhinderte dies. Denn im Mittelpunkt der Affäre stehen die Methoden der Zeitungen von Rupert Murdoch, die ihren politischen Einfluss immer wieder einsetzten. Der Journalist Peter Jukes hat diesen seit drei Jahrzehnten währenden Skandal, wie man ihn in einer westlichen Demokratie kaum für möglich hält, in einem beeindruckenden Podcast aufgearbeitet.

Untold: The Daniel Morgan Murder

Jürgen Habermas

In der Novemberausgabe der „Blätter für deutsche und internationale Politik“ erschien ein Gespräch mit dem Philosophen Jürgen Habermas, in dem es darum geht, wie man dem Rechtspopulismus den Boden entziehen kann. Das Gespräch wurde noch vor der US-Präsidentenwahl geführt, aber dennoch geht es zu einem grossen Teil bereits um Trump. Habermas ist trotz seines inzwischen hohen Alters noch immer einer der klügsten Köpfe unserer Zeit und dieses Gespräch deshalb noch immer lesenswert für alle, die die verrückten Zeiten, in denen wir leben, besser verstehen wollen.

Für eine demokratische Polarisierung. Ein Gespräch mit Jürgen Habermas (Blätter für deutsche und internationale Politik)

Best of USA

Und wem das alles noch nicht genug war: Die angesehene „Columbia Journalism Review“ hat den besten US-amerikanischen Journalismus des Jahres 2016 zusammengetragen. Einige Stücke hatten wir im SPOTLIGHT im Jahr 2016 bereits empfohlen, viele andere klingen ebenfalls spannend.

The best journalism of 2016 (CJR) 


Zu dieser Spotlight-Sonderausgabe haben beigetragen: Marcus Bensmann, Hristio BoytchevJustus von Daniels, Daniel DrepperAriel Hauptmeier, Camilla Kohrs und Frederik Richter.