Ein Volkswirt, eine medzinische Assistentin und ein Journalist: Der Whistleblower-Preis geht in diesem Jahr an drei Personen aus den unterschiedlichsten Berufsgruppen. Die ausgezeichneten Marie-Elisabeth Klein, Martin Porwoll und Can Dündar eint der Kampf gegen Ungerechtigkeit, die nicht länger im Verborgenen bleiben sollte.

Die Whistleblower Marie-Elisabeth Klein und Martin Porwoll halfen einen der größten Medizinskandale Deutschland aufzudecken, indem sie Beweise gegen den eigenen Arbeitgeber gesammelt haben. Durch ihre Aussagen und handfesten Belege machten sie bekannt, wie der Apotheker aus der „Alten Apotheke“ in Bottrop über Jahre teure Krebsmedikamente streckte und Patienten betrog. Tausende Menschen in sechs Bundesländern sind betroffen.

Für dieses Verhalten wurden Klein und Porwoll am heutigen Montag mit dem „Whistleblower-Preis“ ausgezeichnet. In der Begründung des Jury heißt es, die Preisträger hätten auf Grund ihres Insider-Wissens wesentlich dazu beigetragen, dass „die zuständige Staatsanwaltschaft dem Verdacht schwerer Straftaten eines Apothekers, die strukturell nur schwer aufzudecken sind, überhaupt nachgehen konnte“. Durch ihr Whistleblowing sei eine skandalöse Kontrollpraxis und Defizite der staatlichen Aufsichtsbehörden offenbar geworden, heißt es in einer Pressemitteilung der Stifter.

Juristische Angriffe gegen Apotheken-Whistleblower

Die Whistleblower der „Alten Apotheke“ gaben mit ihrer Enthüllung nicht nur ihren Arbeitsplatz auf. Sie werden nun auch von Juristen angegriffen. Die Kanzlei Höcker aus Köln versucht, ihnen einen Maulkorb zu verpassen. Aus diesem Grund hat CORRECTIV ein Crowdfunding für die Whistleblower begonnen. Bis zum 17. November 2017 benötigen die Whistleblower 10.000 Euro, um sich juristisch zu wehren.

Ohne Klein und Porwoll hätten die Recherche von CORRECTIV vermutlich nie begonnen. In den letzten Monaten hat unsere Redaktion intensiv über den Medizinskandal berichtet. Dabei gründeten wir eine mobile Lokalredaktion, die zwei Monate nach Bottrop gegangen ist, um den Fall in seinen Einzelheiten zu recherchieren. Am 13. November beginnt der Prozess gegen den beschuldigten Apotheker Peter S., über den CORRECTIV berichten wird.

Can Dündar als journalistischer Whistleblower ausgezeichnet

Den zweiten Preis erhält der Journalist Can Dündar. Ende 2015 enthüllte Dündar, wie der türkische Geheimdienst die Terrorgruppe „Islamischer Staat“ in Syrien mit Waffen belieferte. Das Erdogan-Regime verstieß damit gegen Völkerrecht. Dündar berichtete als Chefredakteur darüber in der türkischen Zeitung „Cumhuriyet“. Kurz danach wurde er wegen Geheimnisverrats angeklagt und im Jahr darauf zu knapp sechs Jahren Haft verurteilt.

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Seit Anfang 2017 leitet Can Dündar die türkische Redaktion von CORRECTIV

Vor dem Gerichtssaal schoss ein Attentäter auf ihn. Seit dem Putschversuch gegen den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan lebt Dündar in Deutschland, wo er mit CORRECTIV die türkischsprachige Exilredaktion Özgürüz aufgebaut hat. 

In der Mitteilung des Whistleblower-Preises heißt es: „Can Dündar hat sich nicht nur als kritischer Journalist, sondern auch als couragierter Whistleblower erwiesen.“ Er sei mutig und unerschrocken „unter den extremen Repressionsbedingungen des Erdogan-Regimes“ vorgegangen. Dabei sei Dündar neben unbekannten Informanten „der zentrale Akteur“ gewesen.  

Seit 1999 vergibt die „Vereinigung Deutscher Wissenschaftler“ gemeinsam mit der Juristenorganisation „Ialana“ alle zwei Jahre den Preis. Bei vergangen Ehrungen wurden prominente Whistleblower ausgezeichnet wie etwa der ehemalige US-Geheimdienst-Angestellte Edward Snowden (2013) oder die ehemalige US-Soldatin Chelsea Manning (2011).

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