Die Royal Shakespeare Company zeigt derzeit die Geschichte des türkischen Journalisten Can Dündar als Theaterstück. Dündar musste 2015 wegen kritischer Berichterstattung ins Gefängnis und lebt heute im Exil in Deutschland. Für die Theatermacher bietet sein Fall viel Stoff für provokante Fragen an die Gesellschaft.

Die letzten drei Jahre waren für den türkischen Journalisten Can Dündar turbulent: er wurde wegen seiner Recherchen verhaftet, mit absurden Vorwürfen vor Gericht gezerrt und ins Exil vertrieben. Die traditionsreiche Royal Shakespeare Company hat Dündars Geschichte jetzt in Stratford-upon-Avon, dem Geburtsort von Shakespeare, auf die Bühne gebracht.

#WEAREARRESTED heißt das Stück, nach dem Tweet, den Dündar bei seiner Verhaftung noch absetzen konnte. Es ist noch bis zum 23. Juni auf dem Theaterfestival Mischief zu sehen.

Heute ist Dündar Chefredakteur der türkischsprachigen Redaktion des Recherchezentrums Correctiv, genannt Özgürüz, wir sind frei. Zu seiner Zeit als Chefredakteur der türkischen Zeitung Cumhürriyet enthüllte Dündar, wie die türkische Regierung Waffen und Sprengstoff an islamistische Gruppen in Syrien lieferte. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan ließ ihn daraufhin verhaften, Dündar saß wegen des Vorwurfs der Spionage und Unterstützung von Terrorismus für drei Monate im Gefängnis.

„Wir erleben, wie sich die Demokratie verändert“

Für die Royal Shakespeare Company ist die Geschichte eine der großen Erzählungen, mit denen das Theater sein Shakespeare-Repertoire ergänzt und an den Debatten der Gegenwart teilnehmen will. Regisseurin Sophie Ivatts beobachtet im Zuge des EU-Austritts Großbritanniens, wie der Raum für öffentliche Debatten immer kleiner wird.

„Seit zehn Jahren erleben wir – vielleicht auf eine viel subtilere Weise als in der Türkei –, wie sich unsere Demokratie verändert, weg von einer sozialen Demokratie in Richtung eines sehr polarisierten Landes, sowohl was die politische Meinung als auch den Wohlstand betrifft,“ sagt Ivatts.

Auf der Bühne des Royal Shakespeare Theaters wird weder der Name des türkischen Präsidenten Erdoğan noch die Türkei genannt. Die Dramaturgin Pippa Hill extrahierte aus der Geschichte Dündars die universelle, menschliche Geschichte eines verhafteten Journalisten. Der Hauptdarsteller begibt sich auf eine emotionale Reise und macht auf den politischen Kontext aufmerksam: „Die Verquickung des Politischen mit dem Emotionalen fanden wir sehr spannend: Unser Ziel war es, den politischen Kontext zusammen mit seinen persönlichen Konsequenzen zu zeigen.“ Für die Theaterkritikerin der britischen Tageszeitung „The Guardian“ ist das Stück „ein einfacher, direkter Weg, um uns darauf aufmerksam zu machen, dass die Ereignisse in der Türkei überall eintreten könnten.“

Die Royal Shakespeare Company führt das Stück #WEAREARRESTED in ihrem Saal The Other Place auf. Die Einrichtung mit der Bühne in der Mitte, wie es zu Zeiten Shakespeares üblich war, lässt den Zuschauer intensiv an einer Redaktionskonferenz in Dündars ehemaliger Zeitung oder an seinem Alltag in Einzelhaft teilhaben.

Hauptdarsteller Peter Hamilton Dyer führt durch die Ereignisse: von der Entscheidung der Zeitung, die brisanten Filmaufnahmen der Waffenlieferungen nach Syrien zu veröffentlichen über die Verhaftung bis hin zum Exil des Journalisten in Deutschland. Szenen mit seiner Familie und aus der Haft färben die Erzählung, die sprachlich den Worten Dündars in seinem Buch „Wir sind verhaftet“ treu bleibt.

„Can Dündar ist ein unfreiwilliger Held in dieser Erzählung“, sagt der Schauspieler Dyer. „Wenn er könnte, würde er das Ganze anders haben.“

Das Theater hat den Fall Dündar aus einer auf die Türkei bezogenen Geschichte in eine globale Erzählung verwandelt. Nach der Premiere des Stückes traf eine Besucherin auf den Hauptdarsteller und erzählte, dass ihr Vater ein politischer Gefangener im Sudan gewesen sei. „Die Frau wusste kaum etwas darüber, was ihr Vater vor Jahrzehnten im Gefängnis erlebt hat,“ erzählt Dyer. „Und jetzt, viele Jahre später, schaute sie sich ein Stück an, basiert auf türkischen Erfahrungen, inszeniert von einem britischen Ensemble und porträtiert von einem englischen Schauspieler. Diese Geschichte half ihr, ihren Vater besser zu verstehen.“

Resonanz in Großbritannien

Das Stück betont die Bedeutung von Pressefreiheit und die Rolle von Journalisten als Gegengewicht zu den Mächtigen. Die würden viele in Großbritannien nicht in Frage stellen. Es ist aber eine andere Frage, die Regisseurin Ivatts an das heutige Großbritannien stellen möchte: „Was ist Dein persönlicher Bezug zum Patriotismus und was bedeutet Patriotismus für Dich?“

Denn viele seiner Landsleute sehen in Can Dündar einen Verräter wegen seiner Veröffentlichungen und seinem Kampf für die Pressefreiheit. Einen ähnlichen Fall gab es auch in der aufgeheizten politischen Atmosphäre rund um den Brexit.

Die Unternehmerin Gina Miller erstritt 2016 in einer Klage, dass das britische Parlament beim EU-Austritt des Landes ein Mitspracherecht hat. „Gina Miller hat vor dem Gericht Recht bekommen, das Parlament muss über den Brexit abstimmen – dennoch hat ein Großteil der britischen Presse sie als Verräterin bezeichnet,“ sagt die Regisseurin Ivatts.

Sie verweist auch auf die Ermordung der britischen Abgeordneten Jo Cox ebenfalls im Jahr 2016, die sich offen für den Verbleib des Landes in der EU und für liberale Werte aussprach. „Für mich ist das eine gewaltige Abkehr von der Demokratie, die quasi unbemerkt vonstatten geht.“

Die Wirtschaftszeitung „Financial Times“ geht in einer Kolumne über das Stück noch einen Schritt weiter und sieht bereits eine Gewöhnung an die neuen, repressiven Zustände.

„Die Botschaft scheint ja nicht zu sein, dass diese Ereignisse abscheulich wären, sondern eher, dass wir uns dieser Vorkommnisse auf noble und selbstgefällige Weise bewusst sind,“, schreibt die „Financial Times“ (Bezahlschranke).  FT.com.

Das Stück endet mit einer Szene in Berlin: Can Dündar sitzt in einem Cafe und merkt, dass er von Erdoğan-Anhängern umgeben ist. Auch in Deutschland muss Dündar noch um sein Leben fürchten.

„Am Ende wurde ich freigelassen – die Gesamtsituation hat sich aber keineswegs verändert, weil 150 weitere Personen immer noch im Gefängnis sind. Mir müssen also was tun!“, sagt Dündar.

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