Am Montag beginnt in Essen der Prozess im Fall der gepanschten Krebsmedikamente aus der Alten Apotheke in Bottrop. Nach Recherchen von CORRECTIV, DIE ZEIT und Panorama – die Reporter hat die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen auf zwei Assistentinnen des Apothekers Peter Stadtmann ausgeweitet.

Im Skandal um gepanschte Krebsmedikamente aus der Alten Apotheke in Bottrop steht jetzt nicht mehr nur der Apotheker Peter Stadtmann im Visier der Ermittler. Die Staatsanwaltschaft Essen ermittelt nach Informationen von CORRECTIV auch gegen zwei Mitarbeiterinnen. Ihre Namen standen auf Herstellungsprotokollen unterdosierter Therapien, die bei der Razzia im November 2016 beschlagnahmt wurden. Am 13. November beginnt gegen Stadtmann aus der Stadt im Ruhrgebiet der Prozess vor der Wirtschaftskammer des Landgerichts Essen.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass der Pharmazeut von 2012 bis zu dessen Verhaftung im November 2016 mehr als 60.000 weitgehend wirkungslose, weil unterdosierte Chemotherapien hergestellt habe. Über 4.000 Patienten in NRW, Niedersachsen, Sachsen, Rheinland-Pfalz und im Saarland haben in fünf Jahren über die behandelnden Ärzte Medikamente aus der Alten Apotheke in Bottrop erhalten.

Stadtmann war einer der 200 Zytokapotheker in Deutschland. Dafür muss ein Apotheker ein spezielles Labor einrichten und eine Genehmigung erhalten. Der Apotheker stellt in den sterilen Labors die Krebsmittel individuell auf den Patienten abgestimmt nach dem Rezept des Arztes her.

Zytostatika gelten in der Branche als Pharmagold. Eine einzelne Therapie mit modernen Antikörpern kann schon mal 100.000 Euro kosten. 500.000 Menschen erkranken in Deutschland jährlich an Krebs. Studien besagen: In ein paar Jahren wird jeder zweite Deutsche im Alter an Krebs erkranken. Die Branche setzt jedes Jahr vier Milliarden Euro um. Diesen Markt teilen sich ein paar Dutzend Pharmahändler, 1.500 niedergelassene Onkologen und Hämatologen sowie die knapp über 200 Apotheker, die Krebsmedikamente herstellen dürfen.

Nach den Unterlagen, die den Ermittlern vorliegen, kaufte Stadtmann weitaus weniger Krebsmittel ein, als er laut der Buchhaltung der Apotheke auslieferte. Die Ermittler stießen bei 35 Wirkstoffen auf fehlende Mengen. Gegenüber den Krankenkassen rechnete der Apotheker aus Bottrop aber die volle Dosis ab. In nur fünf Jahren soll Stadtmann so einen Schaden von über 56 Millionen Euro verursacht haben.

Als die Ermittler im November 2016 die Apotheke durchsuchten, beschlagnahmten sie 117 in der Apotheke hergestellte Infusionen. Darunter waren auch 29 sehr teure Antikörpertherapien, die für medizinische Studien bei der Krebstheraphie benötigt wurden.

Ein Großteil der Medikamente untersuchte das Landeszentrum Gesundheit NRW, die Antikörper Therapien das Paul-Ehrlich-Institut aus Hessen. Deren Analysen zeigten, dass insgesamt 66 der beschlagnahmten Infusionen fehlerhaft waren, und von den 29 Antikörpertherapien sogar 28 Zubereitungen.

Neben Stadtmann waren auch zwei Mitarbeiterinnen für die Herstellung der fehlerhaften Therapien verantwortlich. Ihre Namen fanden die Ermittler auf den beschlagnahmten Herstellungsprotokollen. Für 21 der fehlerhaften Proben unterzeichnete die pharmazeutisch-technische Assistentin S., für zwei weitere ihre Kollegin G.

Die genaue Rolle der beiden Mitarbeiterinnen in dem Skandal ist noch nicht klar.

Zwang Stadtmann seine Mitarbeiterinnen, die Mischungen zu panschen? Steht ihr Name fälschlicherweise unter den Protokollen? Eine Zeugin sagt gegenüber CORRECTIV, dass es nahezu unmöglich sei, die Herstellungsprotokolle und Unterschriften zu fälschen. Die Assistentin S. und ihr Anwalt verweigerten gegenüber CORRECTIV eine  Stellungnahme.

Insgesamt hat sich eine Mauer des Schweigens um die Alte Apotheke, in der bis zu 60 Mitarbeiter tätig waren, gelegt. Angestellte der Apotheke verweigern gegenüber Ermittlern reihenweise die Aussage, weil sie sich selbst belasten könnten. Stadtmann habe seine Mitarbeiter in der Regel 20 Prozent über Tarif bezahlt, hört man aus dem Umfeld der Mitarbeiter. Dazu habe es großzügige Schenkungen gegeben. Die Assistenten hätten in manchen Monaten 6.000 Euro netto verdienen können. Stadtmann selbst schweigt zu den Vorwürfen. Seine Anwälte ließen Fragen von CORRECTIV unbeantwortet.

Die Labormitarbeiterinnn arbeiten übrigens bis heute in der Alten Apotheke – so steht es zumindest in einem Schreiben der Anwälte, die Stadtmanns Mutter vertreten. Beide Mitarbeiterinnen behaupten in dem Dokument, nichts von den Panschereien gewusst zu haben.

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