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Patrik Stollarz / AFP

Ruhr

Die CORRECTIV Lokalredaktion

CORRECTIV.Ruhr sucht nach Themen, die Menschen wirklich vor Ort bewegen. Hier führen wir Debatten und experimentieren mit Formaten. Wir wollen dabei lernen, wie unsere Gesellschaft funktioniert, was sie zusammenhält, wie wir Probleme gemeinsam überwinden können.

Prozessauftakt gegen den Apotheker aus Bottrop Peter Stadtmann im Landgericht Essen

Alte Apotheke

Der Prozess, Tag 7

Der siebte Prozesstag in einem der größten Medizinskandale der Nachkriegszeit. Diesmal geht es um den vorgeworfenen Kassenbetrug. Thomas Tix sagt als Zeuge vor Gericht aus. Er ist Prokurist der ALG GmbH, die alle Kassenrezepte der Alten Apotheke abrechnete. CORRECTIV berichtet aus dem Gerichtssaal.

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von Cristina Helberg , Marcus Bensmann

Der Fall: Die Staatsanwaltschaft wirft dem Bottroper Apotheker Peter Stadtmann vor über 60.000 Krebsmittel gestreckt und so die Krankenkassen um mehr als 56 Millionen Euro betrogen zu haben. Als wichtiges Indiz gilt für die Anklage die beschlagnahmte Buchhaltung der Alten Apotheke, nach der weit weniger Wirkstoffe eingekauft wurden, als an die Patienten vergeben. Tausende Patienten in sechs Bundesländer sind betroffen.

Anzahl der Nebenkläger: 29 + 1 Adhäsionsklägerin (Zivilrecht im Strafprozess)

Tag 7: Zeuge Rezepte

Datum: 29.11.2017

Im Gerichtssaal 101 ist eine Leinwand samt Beamer aufgebaut. Von den Presseplätzen und aus dem Zuschauerraum ist nur die Rückseite der Leinwand zu sehen. Es geht um Details der Excel-Tabellen aus den Abrechnungen der ALG GmbH. Knapp 20 Zuschauer sind heute zur Verhandlung im Landgericht Essen gekommen. Außer CORRECTIV sind keine Journalisten im Saal.

Welchen Eindruck macht Peter Stadtmann?

Peter Stadtmanns Anwälten gelingt es, zwei mögliche Rechenfehler der Staatsanwaltschaft aufzuzeigen. Nach der Verhandlung sind sie gut gelaunt und verlassen lachend das Gerichtsgebäude. Stadtmann selbst wirkt während der Vernehmung des Zeugens konzentriert. Immer wieder schweift sein Blick in den Zuschauersaal. Der mysteriöse Besucher der letzten Tage, der mit der Verteidigung zusammenarbeitet, fehlt heute.  

Welchen Eindruck machen die Betroffenen?

Viele der Betroffenen sind auch heute als Nebenklägerinnen und -kläger im Gericht erschienen. In den Verhandlungspausen erzählen sie von privaten Dokumenten ihrer Krebsbehandlungen. Sie hätten darauf vergeblich nach konkreten Wirkstoffnamen gesucht. Lediglich der allgemeine Begriff Zytostatika tauche dort auf. Welche konkreten Therapien das waren, könnten sie im Nachhinein zumindest anhand dieser Dokumente nicht nachvollziehen.  

Die wichtigsten Ereignisse des Tages:

  • Nebenklage will mehr Akteneinsicht: Noch immer sind viele Dokumente, die die Anwälte der Nebenkläger erhalten haben, geschwärzt. Ein Anwalt der Nebenklage beantragt nun für die konkrete Befragung des Zeugens, geschwärzte Dokumente, die die ALG GmbH betreffen, freizugeben. Das Fragerecht der Nebenklage könne nur wahrgenommen werden, wenn man in diesem Bereich vollständige Akteneinsicht habe, sagt der Anwalt, „die Nebenklage wird sonst zum Zaungast“. Der Richter lehnt den Antrag kurze Zeit später ab. Es sei vom Gesetzgeber nicht vorgesehen, dass die Nebenklage die gleichen Akteneinsichtsrechte wie die Verteidigung habe, sagt der Richter. Die Verhandlung geht deshalb wie geplant weiter.
  • Zeuge Abrechnungsgesellschaft: Der Prokurist Thomas Tix von der ALG GmbH sagt als Zeuge aus. Die Firma ist auf die Abrechnung von Rezepten für Apotheken und Ärzte spezialisiert. Die Alte Apotheke rechnete mit der Firma laut Tix ab 2012 alle Kassenrezepte und später auch Privatrezepte ab. Über Aufstellungen von Kassenrezepten der ALG hat die Staatsanwaltschaft den wirtschaftlichen Schaden von über 56 Millionen Euro durch die gestreckten Krebsmittel errechnet, die den Krankenkassen entstanden sind.  

  • Herstellerrabatt und die tatsächliche Einkaufsmenge: Über die ALG GmbH wurden auch die gesetzlich vorgesehenen Herstellungsrabatte an die Krankenkassen gezahlt. Im Sozialgesetzbuch sind diese Nachlässe geregelt. Das Prinzip ist ganz einfach. Für jede verkaufte Packung eines Medikamentes erhält die Krankenkasse einen speziellen Rabatt. Diese Rabattzahlungen hätten für die Hersteller ein Hinweis sein können, dass es in dem Zytolabor der Alten Apotheke nicht mit rechten Dingen zugehen könnte. Denn wenn die Krankenkasse von einem Hersteller mehr Rabatt für den Verkauf eines Zytostatikum aus der Alten Apotheke verlangt, als der Hersteller an Peter Stadtmann geliefert hat, könnte dies auffallen. Zwar gehen Krebsmittel auch über Großhändler, aber gleichwohl hätte die Differenz eines Rabatt für eine Menge von einem Krebsmittel, die in dieser Höhe nie tatsächlich geliefert worden ist, ein Hinweis sein können. Die Verteidiger verwehrten einem Anwalt der Nebenklage weitere Nachfragen zu dem Thema. Der Richter Hidding stimmte dem Einwurf der Verteidigung zu.

  • Krankenkassen halten drei Millionen Euro zurück: Die Krankenkassen haben sich schon drei Millionen für mögliche Schadensersatzansprüche gesichert, sagt der Zeuge Tix. Dieses Geld hat die Alte Apotheke bisher nicht erhalten. Auf Nachfrage der Nebenklage bestätigt Tix, dass „Frau Stadtmann“ die Alte Apotheke jetzt leitet, also die Mutter des Angeklagten. Der ALG GmbH schuldet die Alte Apotheke nach Aussage von Tix noch ungefähr 30.000 Euro. Der Richter Hidding belehrte den Zeugen, dass er keine weiteren Fragen zu der neuen Besitzerin der Apotheke beantworten müsse. Dies tat Tix dann auch nicht.

  • Mögliche Rechenfehler der Staatsanwaltschaft: Thomas Tix beantwortet alle komplexen Fragen zur Abrechnung sicher. Der Verteidigung gelingt es, zwei mögliche Rechenfehler aufzuzeigen, die die Staatsanwaltschaft nach der Durchsicht der Akten der ALG gemacht haben könnte. Dies freut die Verteidiger sichtlich. Aber ein Anwalt der Nebenklage sagt, dass diese Rechenfehler minimal seien und nichts am Gesamtbild ändern würden.

Video:

Ausblick auf den nächsten Verhandlungstag:

Am nächsten Verhandlungstag am Mittwoch, den 06.12.2017, wird die Whistleblowerin Marie Klein als Zeugin aussagen. Zusammen mit Martin Porwoll hat sie die Ermittlungen gegen Stadtmann angestoßen. Marie Klein hatte einen Infusionsbeutel aus der Alten Apotheke zur Polizei gebracht.

Tag 6: Zeugin Kripo II

Datum: 27.11.2017

Knapp 20 Zuschauer sind diesmal zur Verhandlung im Landgericht Essen gekommen. Das Medieninteresse hat dagegen nachgelassen. Nur vier Presseplätze sind besetzt. Peter Stadtmann schweigt weiter zu den Vorwürfen. Der Vorsitzende Richter Johannes Hidding möchte wissen, ob im Laufe der Verhandlung noch mit einer Aussage Stadtmanns wenigsten zu seinem Lebenslauf zu rechnen sei. Seine Anwälte wollen das mit ihrem Mandanten besprechen. Sollte er nicht aussagen, will der Richter Zeugen zu den Lebensumständen von Peter Stadtmann befragen.

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Stadtmanns Anwälte beraten sich. Am sechsten Verhandlungstag wirkt die Verteidigung defensiver.

Correctiv.Ruhr

Welchen Eindruck macht Peter Stadtmann?

Peter Stadtmann und seine Anwälte wirken sehr defensiv. Den souveränen Schilderungen der Kriminalkommissarin Kathrin Gesing haben sie wenig entgegenzusetzen. In den ersten Verhandlungstagen vermied Stadtmann den Blickkontakt mit den Nebenklägerinnen und -klägern. Sie sitzen ihm im Gerichtssaal direkt gegenüber. Heute schweift sein Blick oft durch den Saal.

Welchen Eindruck machen die Betroffenen?

Die Betroffenen verfolgen, wie schon an den vorherigen Tagen, konzentriert alle Aussagen. Den sicheren Auftritt der Zeugin nehmen sie erleichtert auf, denn die unsicheren Aussagen der vorherigen Ermittlungsbeamte haben sie verunsichert.

Die wichtigsten Ereignisse des Tages:

  • Die Analysen des LZG: Zu Beginn der Verhandlung geht es noch einmal um den Sachverständigen Christoph Luchte und die Analysen des Landeszentrum Gesundheit NRW. Die Nebenklage und und die Verteidigung wollen die detaillierten Dokumentationen und Rohdaten zur Untersuchung jeder Probe anfordern. Luchte hatte ausgesagt, dass diese Dokumentationen in circa 20 Aktenordner im LZG lagern. Er hatte außerdem von sich aus Fehler im Gutachten berichtigt wie zum Beispiel kleinere Tipp- und Übertragungsfehler. Daraus folgern die Verteidiger, dass Luchte und seine Mitarbeiter noch weitere Fehler gemacht hätten. Die Verteidiger werfen Luchte vor, dass er die Untersuchungen nur beaufsichtigt habe, sie aber nicht selbst ausführte. Er sei wie ein Chefarzt, der nicht selbst operiert habe, aber versichert, dass der Eingriff nach allen Regeln der Kunst abgelaufen sei.

  • Souveräne Zeugin: Kathrin Gesing von der Kriminalpolizei Bottrop sagt vor Gericht als Zeugin aus. Sie führte zusammen mit Ulrich Herold die Ermittlungenen gegen Peter Stadtmann. Auf Nachfrage des Staatsanwaltes berichtet die Kommissarin von der Übergabe des ersten Infusionsbeutels durch die Angestellte der Alten Apotheke Marie Klein. „Frau Klein schüttelte den Beutel vor meinen Augen. Ich konnte keinen Schaum sehen.“ Auch ein Einstichloch konnte sie demnach nicht erkennen. Beides hätte laut den Erklärungen von Marie Klein aber deutlich zu sehen sein müssen: der Schaum, weil die deklarierten Wirkstoffe chemisch miteinander reagieren; und das Einstichloch, weil der Wirkstoff per Spritze injiziert wird.

  • Argument der Verteidigung widerlegt: Der Vorsitzende Richter Johannes Hidding befragt die Kommissarin Gesing auch zu den sogenannten Verwürfen. Stadtmanns Anwälte hatten behauptet, dass der Apotheker mit den Resten angebrochener Wirkstoffpackungen die fehlende Einkaufsquote ausgeglichen hätte. Gesing widerlegt diese Theorie mit wenigen Sätzen. Der Verwurf sei bereits Teil der Einkaufsmenge. Das heißt, die Differenz zwischen verkauften und gekauften Wirkstoffen würde in diesem Fall noch größer. Der Vorsitzende Richter grinst.

  • Der Notfallplan am Tag der Razzia: Wieder taucht die Frage auf, wer sich am Tag der Razzia in der Alten Apotheke um Ersatzmedikamente für die Patienten kümmerte. Die Verteidigung versucht dadurch Stadtmann in ein gutes Licht zu rücken. Er habe sich darum bemüht, schnell Ersatz für die Therapien bereitzustellen. Dabei gibt es für jede Zyto-Apotheke einen Notfallplan. In diesem Fall war der Apotheker Hubertus Ahaus aus Soest vorgesehen.  Ahaus sagt, dass er von der Amtsapothekerin Hanneline Lochte angefragt wurde, die Versorgung der Patienten zu übernehmen. Von Stadtmann schreibt Ahaus in der Antwort auf eine CORRECTIV-Anfrage nichts.

Die Antwort im Wortlaut:

„Unser Unternehmen wurde am Morgen des 29.11.2016 darüber informiert, dass das Labor der Alten Apotheke geschlossen worden sei. Wir wurden sodann von der für Bottrop zuständigen Amtsapothekerin gebeten, kurzfristig die Versorgung der Patienten in Lohnherstellung für die Alte Apotheke zu übernehmen. Diese Lohnherstellung erfolgte über einen Zeitraum von wenigen Tagen und im Rahmen eines Vertrages, der bereits früher auf eine entsprechende Forderung der zuständigen Behörde geschlossen worden war, um im Fall eines unvorhersehbaren Ausfalls der Produktionsstätten die Versorgung der Patienten sicherzustellen. Solche Verträge sind branchenüblich (…).“

Video:

Berichterstattung:

Hintergrund: Kampf um Gutachten (CORRECTIV.Ruhr)

Hintergrund: Der Apotheker – Stadtmanns Geschichte (CORRECTIV.Ruhr)

Ausblick auf den nächsten Verhandlungstag:

Am nächsten Verhandlungstag am Mittwoch, den 29.11.2017, wird der Zeuge Thomas Tix aussagen. Er ist Mitarbeiter der ALG GmbH. Über diese Firma lief die Rezeptabrechnung der Alten Apotheke. Die Rezepte sind ein zentraler Teil der Anklage, weil auf den ausgestellten Verordnungen der Ärzte die Berechnung des benötigten Wirkstoffes basiert.

Tag 5: Zeuge LZG II

Datum: 22.11.2017

Heute sind knapp 30 Zuschauer in den Saal 101 im Landgericht Essen gekommen. Auch der auffällige Beobachter sitzt wieder im Pressebereich des Zuschauerraums. Wie am vierten Prozesstag, schreibt er alle Details der pharmazeutischen Erklärungen detailliert mit. Die Mittagspause verbringt er mit Stadtmanns Anwälten. Der Zeuge und Sachverständige Christoph Luchte vom Landeszentrum Gesundheit Nordrhein-Westfalen (LZG) beantwortet stundenlang souverän die Fragen des Richters, des Staatsanwalts, der Nebenklage und der Verteidigung.

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Unsere Gerichtsreporter Marcus und Cristina im Einsatz.

Correctiv.Ruhr

Welchen Eindruck macht Peter Stadtmann?

Peter Stadtmann ist sehr konzentriert. Als Apotheker kann er den Ausführungen des Sachverständigen besser folgen als seine Anwälte. Immer wieder scheint er ihnen Details zu erläutern. Seine Verteidiger wirken unsicher, verhaspeln sich bei Fragen mehrfach.  

Welchen Eindruck machen die Betroffenen?

Die Betroffenen versuchen den komplizierten pharmazeutischen Ausführungen von Luchte zu folgen. Das ist für Laien sehr schwierig. Die Befragung zieht sich von 09:30 Uhr morgens bis 17 Uhr nachmittags. Dazwischen eine Stunde Mittagspause. Viele der Nebenklägerinnen und -kläger wirken körperlich angeschlagen. Die langen Verhandlungstage sind für sie schwer durchzuhalten.

Die wichtigsten Ereignisse des Tages:

  • Hätten Ärzte es merken können?  Zwei Infusionen, zwei Farben. Der Sachverständige Luchte berichtet von diesem interessanten Detail. Bei der Razzia im Zyto-Labor der Alten Apotheke wurden zwei Zubereitungen beschlagnahmt, die laut Herstellungsprotokoll die exakt gleiche Konzentration von Folinsäure enthalten sollten. Im Labor stellte sich heraus: Eine war korrekt, die andere unterdosiert. Das konnte man wohl auch mit bloßem Auge erkennen. Auf den Fotos vom Tag der Razzia fiel Luchte etwas auf: Die korrekte Infusion war gelb eingefärbt und die unterdosierte farblos. “Es war visuell nachvollziehbar, dass viel weniger Wirkstoff enthalten war”, sagt Luchte. Hätten dann nicht auch die behandelnden Ärzte auf farblose Infusionen aufmerksam werden müssen?

  • Liest der Richter CORRECTIV? Der Vorsitzende Richter Johannes Hidding möchte vom Sachverständigen Luchte wissen, ob das LZG detaillierte Dokumentationen und Rohdaten zur Untersuchung jeder Probe erhoben hat. Die Frage bezieht sich auf ein von der Verteidigung in Auftrag gegebenes Gutachten von Fritz Sörgel. Der renommierte Pharmazeut Sörgel hatte nach Informationen von CORRECTIV bemängelt, dass das LZG in seinem Bericht für das Gericht nicht ausreichend darlege, wie es zu den Ergebnissen der Wirkstoffanalyse gelangt sei. Laut Luchte hat das LZG aber alle Proben ausführlich dokumentiert. „Das sind circa 20 Aktenordner. Eine Menge Papier. Externe Experten könnten diese Dokumentation überprüfen“, erklärt Luchte. Der Richter Hidding lässt durchblicken, dass er gedenkt, diese umfangreichen Dokumente anzufordern und Stichproben prüfen zu lassen. Sollten unabhängige Experten die Daten ohne Beanstandung überprüfen, wären die Zweifel der Verteidigung an den Wirkstoffanalysen widerlegt. Wir haben bereits gestern ausführlich zum Hintergrund des Streits um die Gutachten berichtet.  

  • Neue Erklärungsversuche der Verteidigung: Stadtmanns Anwälte scheinen nach den überzeugenden Antworten des Sachverständigen Luchte zur umfangreichen Dokumentation des LZG von ihren Zweifeln an den Wirkstoffanalysen abzurücken. Stattdessen befragen sie Luchte, ob es denkbar sei, dass in den von den Herstellern gelieferten Ausgangswirkstoffen weniger als der deklarierte Wirkstoff enthalten gewesen sei. Indirekt bezweifeln sie damit die Minderdosierung nicht mehr und liefern eine neue Erklärung, die die Differenz zwischen eingekauften und verkauften Wirkstoffen erklären soll. Der Sachverständige Luchte kann dazu keine Angaben machen. Im Interview mit CORRECTIV erklärt der Anwalt der Nebenklage Aykan Akyildiz, warum diese Argumentation keinen Sinn macht. „Dann müsste man davon ausgehen, dass das bei sämtlichen Proben so gewesen ist. Und so war es ja nicht. Es gab durchaus Proben, die sichergestellt wurden und den vollen Wirkstoff enthielten. Das wäre dann schon ein merkwürdiger Zufall.“ Zusätzlich haben die Anwälte Stadtmanns noch eine weitere neue Erklärung für die Unterdosierungen. An den beschlagnahmten Infusionen hing teilweise Infusionsbesteck. In der Befragung des Zeugen Luchte wollen die Verteidiger wissen, ob möglicherweise die Wirkstoffkonzentration im Infusionsschlauch höher gewesen sein könnte als in der Infusion selbst. „Das sind Lösungen, deshalb sind wir nicht davon ausgegangen“, sagt Luchte.

  • Referenzproben und Blitzlicht: Bei einem weiteren Punkt scheinen die Verteidiger Angriffsmöglichkeiten zu sehen. Dabei geht es um sogenannte Referenzproben. Krebstherapien können je nach Wirkstoff sehr instabil und lichtempfindlich sein. Deshalb werden sie normalerweise erst kurz vor der Behandlung zubereitet und falls nötig vor Licht geschützt. Um auszuschließen, dass die Unterdosierung nicht auf einem Abbau der Wirkstoffe beruht, hatte das LZG von allen beschlagnahmten Therapien Kopien angefertigt und untersucht. Das sind die Referenzproben. Stadtmanns Anwälte bemängeln nun, die Referenzproben und die beschlagnahmten Zubereitungen seien nicht vergleichbar. Die bei der Razzia sichergestellten Arzneien seien von der Kripo mit Blitzlicht fotografiert und mit dem Auto ins LZG nach Münster transportiert worden. Die Referenzproben nicht. Allerdings: Wenn Autofahrten die Stabilität eines Wirkstoffes zur Bekämpfung von Krebs beeinflussen, wieso war es dann erlaubt, dass täglich Autos der Alten Apotheke aus Bottrop Zytostatika nach Düsseldorf zum Brustkrebspezialisten Mahdi Rezai lieferten?

Video:

Berichterstattung:

Kampf um Gutachten (CORRECTIV.Ruhr)

Hintergrund: Sieben offene Fragen zu den gepanschten Medikamenten (CORRECTIV.Ruhr)

Ausblick auf den nächsten Verhandlungstag:

Am nächsten Verhandlungstag am Montag, den 27.11.2017, wird die Kriminalkommissarin Kathrin Gesing vor Gericht als Zeugin aussagen. Sie hatte zusammen mit Ulrich Herold die Ermittlungenen gegen Peter Stadtmann geleitet. Zusammen mit dem LZG-Sachverständigen Christoph Luchte sicherte sie außerdem am Tag der Razzia im Zyto-Labor die Krebstherapien. Stadtmanns Anwälte haben schon bei der Vernehmung von Kommissar Herold versucht, ihm Fehler oder Ungenauigkeiten während der Razzia nachzuweisen. Das werden sie wohl auch am Montag bei seiner Kollegin versuchen.   

Tag 4: Zeuge LZG

Datum: 20.11.2017

Acht Journalisten sitzen in der ersten Reihe des Zuschauerraumes. Dahinter bleiben zwei für die Presse reservierte Stuhlreihen leer. Auch die Zuschauer sind überschaubar. Ein Zuschauer im eleganten grauen Anzug fällt auf. Er schreibt detailliert mit. In der Verhandlungspause gesellt er sich zu Stadtmanns Anwälten. Welche Funktion er für die Verteidigung hat, ist unklar. Der Vorsitzende Richter setzt zwölf weitere Verhandlungstage an. Der Prozess wird mindestens bis März 2018 laufen.

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Am vierten Prozesstag ging es um pharmazeutische Details.

Correctiv.Ruhr

Welchen Eindruck machte Peter Stadtmann?

Bei der Befragung des Sachverständigen und Apothekers Christoph Luchte geht es um pharmazeutische Details. Peter Stadtmann fixiert den Gutachter vom Landeszentrum Gesundheit Nordrhein-Westfalen mit düsterem Blick und runzelt immer wieder die Stirn. Während des souveränen Auftritts von Luchte verdunkeln sich auch die Mienen der Verteidiger.

Welchen Eindruck machten die Betroffenen?

Der Auftritt des starken Zeugen Luchte beruhigt die Nebenkläger- und klägerinnen. In den ersten Tagen wirkte die Nebenklage teilweise gespalten. Jetzt rücken die Anwälte der Nebenkläger zusammen. Die Betroffenen wollen die Ablehnung des Sachverständigen Christoph Luchte  verhindern. Ihre Anwälte verfassen dazu eine gemeinsame Erklärung. Es gilt, was viele Betroffene schon in ihrem Kampf gegen den Krebs erlebt haben: Gemeinsam ist man stärker.

Die wichtigsten Ereignisse des Tages:

  • Fortsetzung ohne Ergänzungsschöffen: Die Kammer weist den Antrag der Nebenkläger auf Aussetzung des Prozesses zurück. Die Verhandlung geht wie geplant weiter. Allerdings mit einem Risiko. Es steht kein Ersatzschöffe bereit. Sollte einer der zwei aktuellen Schöffen ausfallen, würde der Prozess platzen. Die Entscheidung begründet der Vorsitzende Richter Johannes Hidding mit dem Grundsatz der Beschleunigung und dem Recht auf den gesetzlichen Richter. Damit gemeint sind zwei Dinge: Eine Neuansetzung würde die Verhandlung verzögern. Das ist aus Sicht der Richter nicht vertretbar. Hinzu kommt das Recht auf den gesetzlichen Richter. Der Richter und die Schöffen werden nach einem gesetzlich bestimmten Verfahren bestimmt. Nachträglich berufene Ersatzschöffen lehnt Hidding deshalb ab. Die eventuelle Gefahr eines Scheitern des Prozess reicht nicht aus, um die Kammer neu zu besetzen.

  • Verteidiger wollen Sachverständigen verhindern: Am vierten Verhandlungstag soll der Zeuge und Sachverständige Christoph Luchte aussagen. Luchte ist Apotheker und einer der Laborleiter im Landeszentrum Gesundheit Nordrhein-Westfalen (LZG). Er hatte die Razzia im Zyto-Labor der Alten Apotheke begleitet und später ein Gutachten zu den Therapien geschrieben. Das LZG hat zusammen mit dem Paul-Ehrlich-Institut die beschlagnahmten Krebstherapien auf Wirkstoffe geprüft. Die Anwälte Stadtmanns wollen verhindern, dass der Laborleiter Luchte zum Sachverständigen ernannt wird. Sie verweisen in ihrem Ablehnungsgesuch auf drei zentrale Gründe. Demnach habe Christoph Luchte seine Kompetenzen überschritten, als er in seinem Gutachten auf Paragraphen im Pharmagesetz verwies. Als Sachverständiger sei es ihm nicht erlaubt, sich zu rechtlichen Aspekten der Untersuchung zu äußern. Als zweiten Punkt werfen sie der Staatsanwaltschaft vor, der Laborleiter sei in die Ermittlungsarbeit eingebunden worden. Für diese Argumentation nutzen die Anwälte Stadtmanns ein Zitat des Kriminialhauptkommissars Ulrich Herold. Er hatte am zweiten Verhandlungstag ausgesagt, dass Luchte bei der Untersuchung des Reinraumlabors im Zuge der Razzia „freie Hand gehabt habe“. Die Verteidiger nutzen unbedarfte Aussagen der Zeugen vor Gericht. Das dritte Argument der Verteidigung ist der angeblich „unsachliche Stil im Gutachten“. Christoph Luchte hatte im Gutachten hinter die Feststellung, dass die beschlagnahmten Zubereitungen unterdosiert waren, ein Ausrufezeichen gesetzt. Dieses Ausrufezeichen interpretieren die Verteidiger als Wertung. Generell habe Luchte „einen sehr hohen Belastungseifer offenbart”. Das widerspreche der Neutralitätspflicht eines Sachverständigen.

  • Staatsanwalt kommt in Fahrt: Der Staatsanwalt wirkte bisher oft defensiv. Heute entkräftet er alle Kritikpunkte der Verteidigung in seiner Stellungnahme. Sachverständiger müssten immer juristische Einordnungen vornehmen, argumentiert der Staatsanwalt. Denn seine Aufgabe sei es ja allen Prozessbeteiligten klar zu machen, wie die Ergebnisse einzuordnen sind.  Polizeibeamte hätten während der Razzia im Zytolabor den Gutachter Luchte ununterbrochen begleitet und die Medikamente mitgesichert. Damit sei klar, dass Luchte nie Ermittlungen selbst geführt habe, sondern die Kriminalpolizei. Auch auf den Punkt der Ausrufezeichen im Gutachten geht der Staatsanwalt ein. „Völlige Spekulation“ sei die Deutung der Verteidiger. Wofür die Ausrufezeichen stehen, könne letztendlich nur Luchte wissen.

  • „Stadtmann klammert sich an Ausrufezeichen“: Die Nebenkläger gehen auf die Unterstellungen der Verteidigung in einer gemeinsamen Erklärung ein. „Herr Stadtmann klammert sich nicht an einen Strohhalm, sondern an ein Ausrufezeichen“, sagt der Nebenklage Anwalt Khubaib-Ali Mohammed. Inhaltlich argumentieren sie wie der Staatsanwalt.

  • Erfolg für die Anklage: Stadtmanns Anwälte scheitern mit ihrem Ablehnungsgesuch gegen den Sachverständigen Christoph Luchte. Der Apotheker und Laborleiter des LZG kann nach stundenlangem Warten den Saal betreten und als Zeuge und Sachverständiger aussagen. Luchte sagt, dass das LZG bei der Prüfung von Zytostatika Expertise habe, und verweist auf das Projekt ZYTOK von 2012. Der wichtigste Zeuge der Anklage berichtet detailliert und kompetent von den Analysemethoden der beschlagnahmten Krebsmedikamente. Er wirkt deutlich sicherer als die vorherigen Zeugen der Kriminalpolizei. Immer wieder erfragt der Vorsitzende Richter Johannes Hidding Details zu den komplexen Untersuchungen. Luchte kann alle Fragen souverän beantworten. Er soll am nächsten Verhandlungstag weiter berichten.

Video:

Berichterstattung:

Ausblick auf den nächsten Verhandlungstag:

Am nächsten Verhandlungstag am Mittwoch, den 22.11.2017, wird die Aussage des Sachverständigen und Zeugen Christoph Luchte fortgesetzt. Dann haben auch Staatsanwaltschaft, Nebenklage und Verteidigung die Möglichkeit Fragen zu stellen. Der eigentlich für Mittwoch geladene Zeuge Dr. Siegfried Giess vom Paul-Ehrlich- Institut wird für einen anderen Tag geladen.

Tag 3: Neuer Schöffe

Datum: 17.11.2017

Der Medienrummel der ersten Tage ist vorbei. Nur wenige Journalisten begleiten den Prozess am dritten Tag. Dafür wird es auf der linken Seite des Saales langsam eng. Denn dort sitzen die Nebenkläger und -klägerinnen. Ihnen ist es wichtig jeden Prozesstag zu begleiten.

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Peter Stadtmann berät sich mit seinen Anwälten.

Correctiv.Ruhr

Welchen Eindruck macht Peter Stadtmann?

Der Angeklagte hört aufmerksam zu. Während der Vernehmung des Zeugen Björn Tröster, Wirtschaftsexperte der Kripo, macht Stadtmann sich Notizen. Immer wieder flüstert er seinen Anwälten Informationen zu, als im Gerichtssaal über Wirkstoffe und Lagerbestände diskutiert wird.

Welchen Eindruck machen die Betroffenen?

Die Nebenklägerinnen tragen auch am dritten Verhandlungstag weiße Rosen und wollen damit ihre Verbundenheit ausdrücken. Sie verfolgen den Verlauf des Prozesstages akribisch und melden sich sogar zweimal selbst zu Wort.

Die wichtigsten Ereignisse des Tages:

  • Neuer Schöffe und mögliche Aussetzung des Verfahrens: Gleich zu Beginn der Verhandlung erklärt der Vorsitzende Richter Johannes Hidding den Schöffen Heinz-Jürgen Kranfeld  auf Antrag einiger Nebenkläger für befangen. Er scheidet damit aus dem Prozess aus. Kranfeld hat selbst als Apotheker in Bottrop gearbeitet. Seine Ehefrau wird aktuell in der onkologischen Praxis von Dirk Pott zur Krebsnachsorge behandelt. Die Praxis von Pott gehörte zu den wichtigsten Kunden von Stadtmann. Die Verteidiger von Peter Stadtmann sehen in dem Arzt einen Entlastungszeugen. Für den ausgeschiedenen Schöffen Kranfeld rückt der dafür vorgesehene Ergänzungsschöffe Frank Laskowski nach.
  • Gefahr für Prozess: Das bedeutet allerdings, für die beiden aktuellen Schöffen gibt es jetzt keinen Nachrücker mehr. Das ist eine Gefahr für den ganzen Prozess. Der Prozess wird lange dauern. Sollte zu irgendeinem Zeitpunkt ein weiterer Schöffe ausfallen, gäbe es kein Ersatz mehr für ihn. Dann müsste der Prozess neu angesetzt werden. Sollte dies nach vier bis fünf Monaten passieren, könnte die Verteidigung von Peter Stadtmann sogar fordern, dass der Angeklagte dann aus der Untersuchungshaft entlassen werden müsse.
  • Lieber früh als spät: Dies wollen die Anwälte der Nebenklage verhinden, und lieber jetzt am Anfang des Prozesses die Notbremse ziehen. Der Prozess ist erst drei Tage alt, das neue Verfahren könnte innerhalb von einer Woche neu aufgestellt werden und dann gleich mit zwei Ersatzschöffen. „Es muss dann nur noch mal die Anklage neu verlesen werden und die zwei Zeugen gehört werden“, sagt der Anwalt der Nebenklage  Khubaib-Ali Mohammed. Die Tagungstermine seien ja schon terminiert.  Dann sei sicher, sagt Mohammed, dass der Prozess nicht später platzen würde und Stadtmann dann womöglich auf freien Fuß käme.
  • Kein Schwurgericht aber Verurteilung wegen Tötungsdelikts möglich: Die von der Nebenklage geforderte Verlegung an das Schwurgericht lehnt die Kammer ab. Der Prozess wird weiterhin vor der Wirtschaftskammer des Landgerichts Essen verhandelt. Nur der Angeklagte Peter Stadtmann habe das Recht eine Verlegung des Prozesses  während des Verfahren zu fordern, sagt der Richter Johannes Hidding. Aber auch die Wirtschaftskammer kann ein Urteil wegen eines Tötungsdeliktes verhängen. „Die Kammer hat die Rechtsmacht, jedwede Sanktion auszusprechen“, sagt Hidding am dritten Prozesstag.
  • Nebenkläger wollen Mitarbeiter von Hexal als Zeugen: Nachdem CORRECTIV.Ruhr seine Recherchen zu den Schwarzkäufen und den Fakeretouren sowie die Dementis des Pharmaunternehmens Hexal veröffentlicht hat, beantragt die Nebenklage den Hexal-Vertreter Wilfried Harseim und einen weiteren Mitarbeiter der Firma als Zeugen zu hören. Sie sollen bezeugen, dass die Behauptungen von Stadtmanns Verteidigern falsch sind. Die Anwälte hatten behauptet, Stadtmann habe regelmäßig Schwarzmedikamente aus dem Kofferraum heraus von dem Hexal-Vertreter gekauft. Außerdem habe der Apotheker mit Wissen der Pharmafirmen von Fakeretouren profitiert. Das heißt, er habe Retouren angemeldet und verbucht, die Waren aber weiterhin in der Apotheke für Zubereitungen verwendet.
  • Eigentor für Stadtmanns Anwälte: Der Vorsitzende Richter entlarvt ein zusätzliches Entlastungsargument der Verteidigung. Neben angeblichen Schwarzkäufen, Vorratslagerungen und Fakretouren sind auch „Verwürfe“ ein Posten für Stadtmanns Anwälte, der belegen soll, dass in der Alten Apotheke mehr Krebsmittel waren, als die Buchhaltung verzeichnet hatte. „Verwürfe“ sind die Restmengen aus einer Packung, die eigentlich vernichtet werden müssen. Die Verteidigung sagt, Stadtmann habe die Restmengen für andere Therapien genutzt und will so die Differenz zwischen eingekauften und verkauften Wirkstoffmengen rechtfertigen. Der Richter bemerkt allerdings einen logischen Fehler in dieser Argumentation, denn die „Verwürfe“ seien ja nicht zusätzlich, sondern sie müssten wie die ausgegebenen Therapien Teil der gelieferten Einkaufsmenge sein. Wegen dieser „Verwürfe“ müssten die Einkaufsmengen sogar höher sein als die Verkaufsmengen, weil angebrochene Packungen eigentlich entsorgt werden müssten.
  • Kripobeamter Tröster sagt als Zeuge aus: Heute sagt der Polizeibeamte Björn Tröster vor Gericht als Zeuge aus. Er berät die Kripo in Fällen von Wirtschaftskriminalität. Tröster war als gelernter Betriebswirt am Morgen der Razzia in der Alten Apotheke zuständig für die Sicherung des Buchungssystems. Das zentrale Indiz der Anklage. Der Zeuge wirkt auf Nachfragen der Verteidigung, wie schon der Kriminalhauptkommissar Ulrich Herold, unsicher. In der Befragung wird deutlich, dass die Ermittler der Verteidigung mehrere Angriffspunkte bieten. Ein Beispiel: Tröster berichtet über die Nachmeldung von Lieferungen durch den Pharma-Großhändler Noweda aus Essen. Der Ermittler muss auf Nachfrage der Verteidigung einräumen, dass er andere Hersteller nicht zu eventuellen Nachmeldungen befragt habe.

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Berichterstattung:

Ausblick auf den nächsten Verhandlungstag am 20.11.2017:

Das Gericht muss entscheiden, ob der Prozess mit zwei Ergänzungsschöffen neu aufgesetzt wird. Außerdem soll einer der Laborleiter des Landeszentrum Gesundheit Nordrhein-Westfalen, Christoph Luchte als Zeuge aussagen. Er war verantwortlich für die Wirkstoffprüfungen der beschlagnahmten Medikamente. Die Verteidigung will seine Ernennung zum Sachverständigen verhindern und wird versuchen, die Wirkstoffanalysen der beschlagnahmten Medikamente zu entkräften.

Tag 2: Zeuge Kripo

Datum: 14.11.2017

Diesmal ist es deutlich leerer als am ersten Prozesstag. Viele Plätze im Zuschauerraum bleiben leer. Fünfzehn Journalisten sind gekommen. Schon jetzt ist klar, die 14 angesetzten Verhandlungstage werden nicht ausreichen, um alle Zeugen zu hören. Weitere Termine im Februar und März 2018 sollen am Freitag bekannt gegeben werden.

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Peter Stadtmann und seine Verteidiger am 2. Prozesstag

correctiv.org

Welchen Eindruck macht Peter Stadtmann ?

Peter Stadtmann trägt wieder einen schwarzen Rollkragenpullover und ein schwarzes Sakko. Er wirkt angespannter als am ersten Tag. Immer wieder berät er sich ausführlich mit seinen Anwälten. Ansonsten schweigt er.

Welchen Eindruck machen die Betroffenen ?

Einige Betroffene können nach ihrer gestrigen Zulassung als Nebenkläger- und klägerinnen heute das erste Mal auf der linken Seite im Gerichtssaal Platz nehmen. Sie sitzen Peter Stadtmann direkt gegenüber. Empörung löst unter ihnen eine Aussage der Verteidigung aus. Die Anwälte Stadtmanns sprechen von „überdurchschnittlichen Behandlungserfolgen in mehreren Praxen, die von der Alten Apotheke beliefert wurden“. (Dazu mehr weiter unten). Die Betroffenen schütteln nur die Köpfe und werfen sich fassungslose Blicke zu.

Die wichtigsten Ereignisse des Tages:

  • Befangenheitsantrag vertagt: Die Entscheidung über den gestern vorgebrachten Befangenheitsantrag gegen einen der zwei Schöffen wird auf den nächsten Verhandlungstag am Freitag verschoben. Erst nach dieser Entscheidung wird das Gericht auch über die Verlegung des Prozesses an ein Schwurgericht entscheiden können.

  • Schöffin ausgefallen: Den Vorwurf von Stadtmanns Verteidigern, eine Schöffin sei unrechtmäßig von ihrem Amt freigestellt worden, weist der Richter ab. Die Anwälte Peter Stadtmanns haben Zweifel an der ordnungsgemäßen Besetzung der Kammer, weil eine vorgesehene Schöffin wegen einer Augen OP von ihrem Amt freigestellt worden war. Der Richter geht jedoch davon aus, dass der Schöffin nicht zugemutet werden konnte, die OP zu verschieben. Auch habe man keine Verzögerung des Prozesses riskieren können.

  • Eröffnungsrede der Verteidigung: Die Verteidiger von Peter Stadtmann nutzen die Möglichkeit ein sogenanntes „opening statement“ abzugeben. Dadurch soll der Angeklagte die Möglichkeit bekommen sich zur Anklage zu äußern. Doch Stadtmann selbst schweigt. “Das Schweigen ist nicht zuletzt den massiven Vorverurteilungen in den Medien geschuldet”, erklärt einer seiner Anwälte. In weiten Teilen der Öffentlichkeit gehe man schon jetzt zu Unrecht von der bewiesenen Schuld Stadtmanns aus. Bezogen auf die Anklage kritisieren seine Anwälte die Wirkstoffanalysen der beschlagnahmten Therapien. Das Paul Ehrlich Institut habe gar keine Möglichkeit, die Therapien korrekt auf Wirkstoffe zu untersuchen. Das Institut schreibt uns: “Mit diesen Methoden ist es möglich Antikörper zweifelsfrei nachzuweisen”. Außerdem monieren die Verteidiger, die von der Staatsanwaltschaft ermittelten zu niedrigen Einkaufsquoten seien nicht haltbar. Überfüllungen der Medikamente und Rabattlieferungen seien nicht berücksichtigt worden. Außerdem fehle in der Kalkulation der in der Alten Apotheke vorhandene Anfangsbestand an Medikamenten. Die Anwälte Stadtmanns verweisen außerdem auf ein aus ihrer Sicht “entscheidendes entlastendes Indiz”. Demnach seien die Behandlungserfolge mehrerer Praxen, die von der Alten Apotheke beliefert wurden, überdurchschnittlich. Die Überlebensrate der Patienten in diesen Praxen liege zum Teil deutlich höher als bei internationalen Studien. Solche Erfolge seien bei gepanschten Medikamenten unmöglich. Die Anwälte von Stadtmann beziehen sich auf folgende Ärzte: Mahdi Rezai, der Praxisgemeinschaft Pott, Hannig, Tirier, Rudolf Voigtmann und Dörte Schaffrin-Narbe.
  • Kripo im Zeugenstand: Um kurz vor 12 ruft der vorsitzende Richter Johannes Hidding Kriminalhauptkommissar Ulrich Herold in den Zeugenstand. Der erste Zeuge des Prozesses. Herold leitete die Ermittlungen gegen Stadtmann, vernahm Zeugen und entwarf den Plan für die Durchsuchung der Alten Apotheke, des Zytolabors und des Privathauses. Er berichtet auch von der Festnahme Stadtmanns. Der Apotheker sei morgens um kurz nach sechs in seinem Kellerlabor verhaftet worden. Er habe angespannt gewirkt, sei rot angelaufen. Laut Herold liegen aktuell 146 Strafanzeigen gegen Stadtmann vor.

  • Dementi von Hexal: Der Richter Johannes Hidding befragt den Kommissar Herold auch zu möglichen Schwarzverkäufen. Laut einem Schreiben von Stadtmanns Verteidigern soll ein Pharmavertreter von Hexal, Wilfried Harseim, aus dem Kofferraum Wirkstoffe schwarz an Stadtmann verkauft haben. Nach Unterlagen, die CORRECTIV vorliegen, behaupten die Verteidiger, dass Wilfried Harseim 2014 monatlich Peter Stadtmann die Zytostatika aus dem Kofferraum zu Preisen stark unter Marktwert verkauft haben solle. Peter Stadtmann soll zu diesem Zweck 2014 über 200.000 Euro bar abgeholt haben, schreiben die Anwälte. Der Schwarzhandel soll mit dazu beitragen, den Hauptpfeiler der Anklage zu stürzen. Die Differenz zwischen eingekauften und verkauften Wirkstoffmengen. Wir haben Hexal und Wilfried Harseim gefragt. Der Pharmavertreter hat nicht geantwortet. Aber der Sprecher von Hexal. Wir veröffentlichen die Antwort von Hexal von heute:

„Zytostatika werden im Werk Salutas Pharma (Tochtergesellschaft von Hexal) in Barleben (bei Magdeburg) von einem spezialisierten Logistikunternehmen abgeholt und von dort direkt in die Apotheken (oder zu Großhändlern) gebracht, die die Ware bestellt haben. Das heißt, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Außendienst kommen mit Ware nicht in Kontakt und können demnach Ware auch nicht selbst – wie von Ihnen geschildert — verkaufen. Wir hatten und haben keinerlei Hinweise darauf, dass sich außerhalb des geschilderten Vertriebswegs Ware von Hexal im Markt befand oder befindet. Selbstverständlich haben wir mit Herrn Harseim direkt über Ihre Anfrage gesprochen. Er selbst hatte uns auch über die Anfrage informiert, die Sie an ihn gestellt hatten. Im Gespräch mit uns hat Herr Harseim klargestellt, dass es die von Ihnen geschilderten Verkäufe nicht gegeben hat.” Das ist ein klares Dementi.

  • Positives zum Angeklagten: Stadtmanns Verteidiger versuchen dem Kommissar Herold mit wiederholten Fragen eine Bestätigung Ihrer Darstellung der Festnahme zu entlocken. Demnach habe Stadtmann sich am Tag der Razzia vorbildlich um Ersatzmedikamente für die Krebspatienten gekümmert. Dabei ist ein Notfallplan für jede Zyto-Apotheke Standard. Wie der Apotheker, der am Tag der Razzia eingesprungen war, uns gegenüber erklärte, gab es eine vertraglich festgehaltene Vereinbarung zwischen ihm und Stadtmann für „den Fall eines unvorhersehbaren Ausfalls der Produktionsstätten“.

  • Steuerstrafverfahren: Im Rahmen der Befragung durch die Anwälte der Nebenklage, sagt der Zeuge Herold vor Gericht aus, dass während der Ermittlungen eine Anfrage an die Steuerbehörden gestellt wurde. Herold sagt aus, dass demnach im Februar 2016 ein Steuerstrafverfahren im Bereich Kassenmanipulation gegen Stadtmann vorgelegen haben soll. Die Anwälte der Nebenklage können diese Information bisher nicht einsehen, da in den Akten dieser Teil geschwärzt ist.

Video

Berichterstattung:

Ausblick auf den nächsten Verhandlungstag:

Das Gericht muss am nächsten Verhandlungstag am Freitag, den 17.11.2017, entscheiden, ob einer der Schöffen befangen ist. Wenn das entschieden ist, kann die Kammer auch über die Forderung der Nebenklage befinden, den Prozeß vor die Schwurkammer zu bringen. Außerdem soll am Freitag die Kriminalkommissarin Kathrin Gesing als Zeugin aussagen.

Tag 1: Anklage

Datum: 13.11.2017

Schon am frühen Morgen warten Journalisten und Betroffene vor dem Landgericht Essen. Später im Gerichtssaal ist der Zuschauerraum voll. Sowohl die Plätze für Zuschauer als auch für Journalisten sind komplett besetzt. Knapp 50 Betroffene und 40 Journalisten sind anwesend.

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Peter Stadtmann auf dem Weg zur Anklagebank.

Correctiv.Ruhr

Was ist heute passiert?

Der Richter Johannes Hidding eröffnet den Prozess. Das Gericht besteht neben Hidding aus zwei weiteren Richtern, zwei Schöffen und einem Ergänzungsschöffen. Das mit den Schöffen ist wichtig. Warum, erklären wir weiter unten. Der Staatsanwalt Rudolf Jakubowski verliest die Anklageschrift in gekürzter Fassung. Viele Zahlen und Medikamentennamen. Der Prozess wird eröffnet. Aber er könnte morgen schon vorbei sein.

Welchen Eindruck macht Peter Stadtmann?

Peter Stadtmann betritt den Gerichtssaal ganz in schwarz gekleidet Er hat deutlich abgenommen und wirkt selbstsicher. Sein Gesicht verdeckt er nicht. Während der Verlesung der Anklageschrift hört er konzentriert zu und bespricht sich mit seinen Anwälten.

Welchen Eindruck machen die Betroffenen?

Die Anspannung der Betroffenen ist zu spüren. Einige tragen weiße Rosen. Die juristischen Feinheiten des Gerichtsprozesses am ersten Tag waren für einige schwer erträglich. Aber sie sind erleichtert, dass endlich der Prozess begonnen hat.

Die wichtigsten Ereignisse des Tages:

  • Erfolg für die Betroffenen: Der Richter lässt zusätzliche Nebenklagen zu. Mehrere weitere Nebenklagen sollen kurzfristig in den nächsten Tagen zugelassen werden. Einziges Kriterium: Die Patienten müssen nachweisen, dass sie im für die Anklage relevanten Zeitraum Medikamente der Alten Apotheke erhalten haben. Dafür reicht es, auf den Patientenlisten zu stehen. Der Richter fragte zur Zulassung der Nebenklage beispielsweise das Geburtsdatum einer Mandantin ab, eine andere Mandantin musste ihr Familienstammbuch einreichen. Damit geht der Richter deutlich weiter als die Staatsanwaltschaft und ermöglicht tausenden Betroffenen die Nebenklage. Die Staatsanwaltschaft hatte sich bisher vor allem auf den wirtschaftlich Schaden beschränkt, den Peter Stadtmann durch sein Panschen verursacht haben soll.
  • Tötungsabsichten: Die Anwälte der Nebenklage setzen dagegen einen klaren Ton. Sie werfen dem Angeklagten Peter Stadtmann „Tötungsabsichten bis zum Mordversuch“ durch das Panschen von Medikamenten vor. Sie kritisieren, dass der Staatsanwalt in der Anklage hunderte Seiten Zahlen herunterleiert, aber dem angerichteten Leid widmet er nur zwei Absätze. Die Anwälte der Nebenklage argumentieren, die Wirtschaftskammer sei daher nicht der richtige Ort für den Strafprozess. Deshalb fordern sie die Verlegung des Prozesses gegen Peter Stadtmann an das Schwurgericht.

  • Formale Mängel: Die Anwälte Stadtmanns zweifeln an der rechtmäßigen Benennung eines der Schöffen wegen formaler Mängel. Schöffen sind ehrenamtliche Richter, ohne juristische Ausbildung. Während der Verhandlung haben sie das gleiche Recht wie Berufsrichter. Sie entscheiden über Unschuld oder Schuld. Jeder Deutsche kann theoretisch als Schöffe benannt werden und ist dann verpflichtet das Amt auszuüben. Hier muss man wissen: Das Schöffenamt kann man nicht wegen einer Grippe ablehnen. Es gibt enge gesetzliche Grenzen, um von dieser Aufgabe befreit zu werden. Hier setzt die Verteidigung an. In diesem Fall wurde eine anfangs bestimmte Hauptschöffin wegen einer angeblich unkomplizierten Augenoperation vom Richter ausgetauscht. Die Verteidigung argumentiert, der vorgegebene Grund sei nicht relevant genug, und zweifelt deshalb die ordnungsgemäße Zusammensetzung des Gerichts an. Diese formale Verfahrenskritik birgt Sprengstoff. Denn dies könnte dazu führen, dass die ganze Verhandlung neu aufgerollt werden müsste. Sollte das passieren, könnten die Verteidiger Stadtmanns fordern, dass dann die Untersuchungshaft des Apothekers ausgesetzt werden müsse. Die nicht ordnungsgemäße Zusammensetzung eines Gerichtes ist außerdem ein Revisionsgrund.

  • Ein Apotheker als Schöffe: Aus inhaltlichen Gründen zweifelt dagegen der Anwalt der Nebenklage Khubaib-Ali Mohammed an einem Schöffen. Er sei befangen. Der Mann hat als Apotheker in Bottrop gearbeitet und kannte die Eltern von Stadtmann. Im Laufe des ersten Verhandlungstages stellte sich heraus, dass die Ehefrau des Schöffen seit drei Jahren in der onkologischen Praxis von Dirk Pott zur Krebsnachsorge behandelt wird. Allerdings hat sie nach Aussage des Schöffen nie Medikamente aus der Alten Apotheke erhalten. Das ist für den Prozess brisant, da die Verteidiger den Arzt aus Bottrop als Entlastungszeugen benannt haben. Die Gemeinschaftspraxis von Pott, Hanning und Tirier liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zur Alten Apotheke und sie gehörte zu den wichtigsten Kunden von Peter Stadtmann, Tausende Patienten haben allein über diese Praxis Krebsinfusionen von dem Angeklagten erhalten. Der Befangenheitsantrag Mohammeds wird aber nicht von allen Anwälten der Nebenklage unterstützt. Es zeigen sich erste Differenzen zwischen den Anwälten der Nebenkläger und -klägerinnen.

Video

Berichterstattung:

Ausblick auf den nächsten Verhandlungstag am 14.11.2017:

Das Gericht muss am nächsten Verhandlungstag entscheiden, wie es mit der Kritik an der Zusammensetzung, dem Vorwurf der Befangenheit des Schöffen und der Forderung nach einer Verlegung an das Schwurgericht umgeht. Sollte das Verfahren aber wie geplant weiterlaufen, will die Verteidigung eine 20-minütige Erklärung zur Anklage abgeben. Außerdem soll der Kriminalhauptkommissar Ulrich Herold als Zeuge gehört werden.

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Anmerkung der Redaktion: Bilder von Peter Stadtmann aus dem Gerichtssaal müssen auf Anordnung des Richters verpixelt werden. CORRECTIV behält sich rechtliche Schritte dagegen vor.

Das Ergebnis der Apothekenkontrollen in NRW offenbart grundsätzliche Probleme.(Symbolbild).© Marcelo Leal / Unsplash

Alte Apotheke

Warum die Ergebnisse der Apothekenkontrollen uns alle beunruhigen sollten

Das Ergebnis der Apothekenkontrollen in NRW offenbart zwei grundsätzliche Probleme: fehlende Transparenz der Behörden und fehlende Konsequenzen aus dem Bottroper Skandal um die Alte Apotheke. Ein Kommentar.

weiterlesen 4 Minuten

von Cristina Helberg

Im Leben gibt es oft zwei Wahrheiten. Auch die Pressemitteilung des NRW-Gesundheitsministeriums, die ich vergangenen Freitag las, enthielt zwei Versionen der Wahrheit. Es ging um die Ergebnisse der Kontrollen von Krebsmittel-herstellenden Apotheken in NRW.

Das Ministerium wählte für seine Bekanntmachung die Zeile: „Nordrhein-westfälische Apotheken stellen sichere, qualitativ hochwertige Zytostatika-Zubereitungen her“. Dass man die Ergebnisse der landesweiten Kontrollen auch anders interpretieren kann, zeigt eine Antwort des Ministeriums auf eine Presseanfrage unserer Redaktion nur vier Tage später. „In allen kontrollierten Apotheken wurden nach derzeitigem Kenntnisstand Mängel festgestellt“, schreibt da das Ministerium.

Mängel in allen Apotheken, die Krebsmittel herstellen, und gleichzeitig „qualitativ hochwertige Zytostatika-Zubereitungen“? Beide Aussagen sind ein Fazit der Kontrollen. Für welche sich das Ministerium als Titel entschied, ist bezeichnend für den Umgang des Hauses mit Transparenz und der Aufarbeitung des Bottroper Apothekenskandals.

Auslöser für die verschärften Kontrollen war der Fall des Bottroper Apothekers Peter Stadtmann. Tausende Patienten erhielten durch ihn unterdosierte Krebsmedikamente. Die Aufsichtsbehörden bemerkten nichts. Jahrelang. Erst Hinweise von Mitarbeitern der Alten Apotheke offenbarten den Skandal. Als Reaktion auf diesen Skandal sollten die Kontrollen seit August vergangenen Jahres eine entscheidende Frage klären: Steckt hinter dem Einzelfall „Alte Apotheke“ System? Gibt es möglicherweise mehr Apotheker wie Peter Stadtmann, die mit ein paar Milligramm weniger in Krebstherapien tausende Euro kassieren?

Das Gegenteil von Transparenz

Das Ministerium spricht in seiner Pressemitteilung von unangekündigten Kontrollen. Das trifft zu. Die Apotheker wussten nicht, wann die Kontrollen stattfinden würden. Richtig ist aber auch: Die ganze Kontrollaktion hat NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann zuvor öffentlichkeitswirksam angekündigt. Jeder Apotheker in NRW, der Krebstherapien herstellt, wusste also, dass er in Zukunft unangekündigt kontrolliert werden würde. Angekündigte unangekündigte Kontrollen, könnte man besser sagen, um beide Wahrheiten zu vereinen.

Laut Ministerium waren von 123 entnommenen Proben 122 richtig dosiert. Eine Probe war unterdosiert. Das ist erstmal ein gutes Ergebnis. Man kann es an den Beginn einer Pressemitteilung stellen. Wenn man ein positives Ergebnis der Kontrollen verkünden möchte. Wenn man aber einen der größten Medizinskandale der Bundesrepublik aufarbeiten möchte, empfiehlt es sich, die unterdosierte Probe transparent zu thematisieren.

Dass die unterdosierte Probe ein sogenannter „Rückläufer“ war, erwähnt das Ministerium mit keinem Wort. Die Öffentlichkeit erfährt deshalb nicht, dass die unterdosierte Probe nur durch Zufall keinem Patienten verabreicht wurde. Denn Rückläufer sind Therapien, die die Apotheke schon verlassen haben und die Ärzte oder Krankenhäuser zurückschicken, weil sie das Medikament nicht verabreichen konnten. Zum Beispiel, weil es dem Patienten plötzlich schlechter ging.

Erst als unsere Redaktion gezielt nachfragte, erklärte das Ministerium: „Bei der Probe handelte es sich um einen Rückläufer mit dem Wirkstoff Gemcitabin-Hydrochlorid.“ Auch den Wirkstoffgehalt erfährt die Öffentlichkeit in der Pressemitteilung nicht. Waren in der unterdosierten Probe nur 10 Prozent des Wirkstoffs oder 80 Prozent? Auf Nachfrage von Correctiv.ruhr erklärt das Ministerium: Den Wirkstoffgehalt könne man aus „datenschutzrechtlichen Gründen“ nicht nennen. Erst als wir erneut nachfragen, erhalten wir die Information doch noch: Um 17,8 Prozent war die Probe unterdosiert. Also etwa ein Fünftel weniger Wirkstoff. Warum veröffentlichte das Ministerium diesen Wert nicht in seiner Pressemitteilung?  

Laumann will „Apotheker sensibilisieren“

Erst im vorletzten Absatz gibt Gesundheitsminister Laumann in der Pressemitteilung seines Hauses zu, dass nicht alles glatt läuft. Zur „Sensibilisierung der Apotheken“ seien weiterhin Kontrollen notwendig, sagt er. Ein Hohn für alle Betroffenen. Tausende todkranke Patienten, die um ihre lebensrettenden Medikamente im Bottroper Fall betrogen wurden, haben die Apotheken in NRW nicht sensibilisiert? Und für was sollen Kontrollen die Apotheken eigentlich sensibilisieren? Für die Einhaltung der Apothekenbetriebsordnung, die die Grundlage ihrer Betriebserlaubnis ist? Oder für die Selbstverständlichkeit, Mängel zu beseitigen und Therapien richtig zu dosieren? Mit solchen Sätzen diskreditiert der Gesundheitsminister ganz nebenbei alle Apotheker, die ordnungsgemäß ihre Medikamente anmischen und bagatellisiert die festgestellten Mängel.

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Das Gegenteil von engmaschigen Kontrollen

Seit dem Erlass des Gesundheitsminister im Sommer letzten Jahres wurden alle 116 Apotheken in NRW, die Krebszubereitungen herstellen, kontrolliert. Insgesamt wurden 123 Proben entnommen. Das macht in einem Jahr ungefähr eine Probe pro Apotheke. Der Bottroper Apotheker Peter Stadtmann, der letzten Monat wegen Unterdosierung von Krebsmedikamenten in 14.500 Fällen verurteilt wurde, stellte täglich oft mehr als hundert Zubereitungen her. Nicht alle waren unterdosiert. Bei der aktuellen Kontrolle hätte er gute Chancen gehabt, nicht aufzufallen. Kann man das als Erfolg feiern?

Zwei Wahrheiten

Als der Richter Johannes Hidding am 6. Juli 2018 das Urteil über den Panschapotheker Peter Stadtmann sprach, musste er auch eingestehen, dass viele der vermutlichen Taten nicht strafrechtlich nachweisbar waren. Ob ein Krebskranker wegen unterdosierter Medikamente ein Jahr, einen Monat oder einen Tag früher stirbt, lässt sich medizinisch nicht bestimmen. Trotzdem, sagte Hidding, habe jeder Betroffene des Skandals das Recht auf zwei Wahrheiten: Auch wenn das Gericht Stadtmann juristisch für viele Taten nicht verurteilen konnte, sei er doch dafür verantwortlich.

Dass es solche zwei Wahrheiten nicht in weiteren Fällen gibt, dafür könnte das Gesundheitsministerium sorgen. Nicht mit tollen Pressemitteilungen, sondern mit engmaschigen Kontrollen und konsequenter Transparenz.

Dass das passiert, sollte uns alle interessieren.

Jeder vierte Mensch in NRW stirbt an einer Krebserkrankung.

Insgesamt wurden während der Kontrollen 761 Dokumentationsmängel und 136 organisatorische Mängel in Apotheken festgestellt. (Symbolbild).

Alte Apotheke

Alle Zyto-Apotheken in NRW mangelhaft

In jeder Apotheke, die in Nordrhein-Westfalen Krebsmittel anmischen darf, wurden Mängel festgestellt. Auf Nachfrage von Correctiv.ruhr hat das Landesgesundheitsministerium weitere Details der NRW-weiten Kontrollaktion bekannt gegeben. Das Ergebnis, das NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) vergangene Woche als Erfolg feierte, wirft bei genauerer Betrachtung Fragen auf.

von Cristina Helberg

„In allen kontrollierten Apotheken wurden nach derzeitigem Kenntnisstand Mängel festgestellt“, schreibt das Gesundheitsministerium auf eine Presseanfrage von Correctiv.ruhr. Zuvor hatte das Ministerium am vergangenen Freitag die Ergebnisse einer großangelegten Kontrolle von Apotheken veröffentlicht, die Krebsmedikamente herstellen.

116 sogenannte Zyto-Apotheken in NRW wurden kontrolliert. Sie sollten nach dem Fall der Alten Apotheke in Bottrop schärfer überwacht werden. Seit August vergangenen Jahres wurden von ihnen Proben entnommen und auf ihren Wirkstoffgehalt untersucht. Auch die Apotheken selbst wurden dabei kontrolliert. Die Überprüfungen fanden unangekündigt statt, die Kontrollaktion wurde jedoch vorher öffentlich angekündigt. Nach der Antwort des Ministeriums lassen sich die Ergebnisse der Kontrolle nun besser einordnen.

Insgesamt 897 Mängel in 116 Apotheken

Insgesamt wurden während der Kontrollen 761 Dokumentationsmängel und 136 organisatorische Mängel festgestellt.

Die organisatorischen Mängel werden dabei in zwei Kategorien unterteilt: In schwere Mängel, die „über die Mängelbeseitigung hinausgehende Maßnahmen erfordern“ und in Mängel mit geringerer Schwere.

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128 der insgesamt 136 organisatorischen Mängel waren laut Ministerium geringe Mängel.

Acht Beanstandungen fielen jedoch in die Kategorie schwere Mängel. Sie wurden alle in derselben Apotheke festgestellt. Den Namen dieser Apotheke will das Ministerium aus datenschutzrechtlichen Gründen nicht mitteilen. Der Apotheke wurde am 1. Juni 2018 die weitere Produktion von Krebsmedikamenten untersagt. Offenbar konnte die Apotheke die Mängel erst Wochen später beheben. Am 12. Juli hoben die Aufsichtsbehörden die Untersagung wieder auf. Das Ministerium betont, dass es sich bei dieser Apotheke nicht um diejenige handelt, bei der eine Unterdosierung festgestellt wurde. „Die festgestellten Mängel hatten offensichtlich keinen Einfluss auf die inhaltliche Zusammensetzung“, sagt ein Ministeriumssprecher.

Unterdosierte Probe nur durch Zufall nicht verabreicht

Eine Probe von insgesamt 123 Proben war unterdosiert. Zu dieser Probe veröffentlichte das Ministerium in seiner  Pressemitteilung vergangene Woche keine näheren Informationen. Auf Nachfrage erklärt es nun, dass die unterdosierte Probe ein „Rückläufer mit dem Wirkstoff Gemcitabin-Hydrochlorid“ war. Das heißt, die Probe wurde nur durch Zufall keinem Patienten verabreicht. „Bei der in Rede stehenden Probe wurde eine Unterdosierung von -17,8 Prozent beanstandet. Aus arzneimittelrechtlicher Sicht war die Probe damit nicht erheblich in ihrer Qualität gemindert“, schreibt das Ministerium. Im Fall der Alten Apotheke hatte die Staatsanwaltschaft Essen nur Zubereitungen in der Anklage berücksichtigt, die -20 Prozent oder noch weniger Wirkstoff enthielten. 

Sogenannte Rückläufer haben die Apotheke schon verlassen und werden von Ärzten oder Krankenhäusern zurückgeschickt, wenn sie nicht verabreicht werden können. Zum Beispiel, weil es dem Patienten plötzlich schlechter geht.

Gesundheitsminister Laumann sieht in den Ergebnissen der Kontrollen laut einer Pressemitteilung den Nachweis, „dass die Herstellung von patienten-individuellen Zytostatika-Zubereitungen im Land qualitativ hochwertig und entsprechend den ärztlichen Verordnungen erfolgt“. Es gebe keine Hinweise auf „systematische Unterdosierungen, wie im Fall des „Bottroper Apothekerskandals“.

NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU)© Patrik Stollarz / AFP

Alte Apotheke

Trotz angekündigter Kontrollen: Mängel und Unterdosierung bei Krebsmedikamenten in NRW

Das NRW-Gesundheitsministerium hat die Ergebnisse einer landesweiten Kontrolle von Krebsmedikamenten aus Apotheken veröffentlicht. Obwohl die Kontrollen öffentlich angekündigt waren, stellten die Aufsichtsbehörden Mängel und eine Unterdosierung fest. Eine Apotheke wurde vorübergehend geschlossen.

weiterlesen 4 Minuten

von Cristina Helberg , Bastian Schlange

Als Reaktion auf den Skandal der unterdosierten Krebsmedikamente aus der Alten Apotheke in Bottrop hatte Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann vor einem Jahr verschärfte Kontrollen und Probeentnahmen angeordnet. Nun hat das Ministerium die Ergebnisse bekannt gegeben.

Seit August vergangenen Jahres wurden alle 116 Apotheken in NRW überprüft, die individuelle Krebsmedikamente herstellen. Das Ergebnis: Von 123 Proben, die genommen wurden, waren 122 „analytisch nicht zu beanstanden”, teilte das Ministerium mit. In einem Fall war der Wirkstoff unterdosiert. Weitere Proben in der betroffenen Apotheke sollen aber in Ordnung gewesen sein.

Angekündigte unangekündigte Kontrollen

Das Ministerium schreibt in seiner Presseerklärung, dass die Kontrollen unangekündigt stattgefunden hätten. Ganz unangekündigt waren die Kontrollen allerdings nicht: Laumann hatte öffentlich angekündigt, dass er als Konsequenz aus dem Bottroper Medikamentenskandal Apotheken unangekündigt kontrollieren wolle. Jeder Apotheker, der individuelle Krebszubereitungen in NRW herstellt, wusste also, dass er in den nächsten Monaten überprüft wird. Nur der Zeitpunkt der angekündigten unangekündigten Kontrollen war unklar.

Trotzdem stellten die Aufsichtsbehörden bei ihren Inspektionen Mängel fest. Es handelte „sich überwiegend um Dokumentationsmängel (85 Prozent) und in einem geringeren Umfang um organisatorische Mängel (15 Prozent)“, schreibt das Gesundheitsministerium in seiner Pressemitteilung.

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In einer überprüften Apotheke wurde die Produktion vorübergehend gestoppt, nachdem Mängel entdeckt wurden. Es sei aber nicht die Apotheke gewesen, in der man die unterdosierte Probe entnommen habe.

Kein Bagatellfehler

Apotheken, die Krebsmedikamente herstellen, müssen den Produktionsprozess genauestens dokumentieren. Unter Dokumentationsmängel können dabei viele verschiedene Beanstandungen fallen. Welche das konkret in den vorliegenden Fällen waren, konnte uns das Ministerium heute Nachmittag nicht kurzfristig beantworten. Genauso wenig war es in der Lage zu sagen, wie viele Mängel insgesamt in absoluten Zahlen festgestellt wurden. Klar ist aber: Eine fehlerhafte Dokumentation ist kein Bagatellfehler. Dokumentation ist elementarer Bestandteil der Qualitätssicherung.

Dokumentationsmängel waren zum Beispiel im Fall der Alten Apotheke ein zentrales Problem. Weil Unterschriften fehlten, ließ sich bei vielen Krebsmedikamenten nicht nachvollziehen, von wem sie hergestellt wurden. Wenn man nicht nachweisen kann, wer unterdosierte Medikamente hergestellt hat, ist es schwer bis unmöglich jemanden dafür zu verurteilen.

Laumann will weiter kontrollieren

Gesundheitsminister Laumann lobt die Kontrollen als vollen Erfolg: „Die Ergebnisse der Überwachung zeigen, dass die Herstellung von patienten-individuellen Zytostatika-Zubereitungen im Land qualitativ hochwertig und entsprechend den ärztlichen Verordnungen erfolgt“. Trotzdem seien aufgrund der festgestellten Mängel Kontrollen zur „Sensibilisierung der Apotheken“ notwendig.

Laut Ministerium soll weiterhin „in angemessenem Umfang“ kontrolliert werden. Auch auf die Frage, was das Ministerium als angemessen betrachtet, haben wir bisher keine Antwort bekommen. Das Ministerium teilte uns mit, dass aus zeitlichen Gründen erst mit einer Beantwortung unserer Fragen Anfang nächster Woche zu rechnen sei.

© Ivo Mayr / Correctiv

Alte Apotheke

Wissenschaftler fordern Konsequenzen aus dem Fall der Alten Apotheke

Die Vereinigung deutscher Wissenschaftler (VDW) fordert von der Politik Aufarbeitung und Konsequenzen im Fall der Alten Apotheke. Es müssten Kommissionen eingesetzt und Bund-Länder-Grenzen überwunden werden. Die bisherigen Schritte reichten nicht aus.

von Marita Wehlus

Die mutmaßlich gestreckten Krebsmedikamente aus Bottrop dürften nicht als Einzelfall behandelt werden, sagt die Vereinigung deutscher Wissenschaftler VDW. Schließlich sei der Fall der Alten Apotheke „einer der größten Medizinskandale in der deutschen Nachkriegsgeschichte, auf einer Stufe mit dem Contergan-Fall.“ Hans-Jochen Luhmann aus dem Vorstand der VDW fordert: „Es müssen systematische Lehren gezogen werden.“ Bund und Land müssten sich koordinieren, ebenso müssten Apotheken-Aufsichten, Apothekerkammern und Krankenkassen intensiv kooperieren, um den Fall wie versprochen aufzuarbeiten.

Einzelne Maßnahmen wie die von der Apothekerkammer Westfalen-Lippe angekündigte Selbstverpflichtung reichen laut VDW nicht aus. Man müsse nun die Frage stellen, wie das passieren konnte und wie man auf das Versagen der Apothekeraufsicht reagiert, sagt auch VDW-Mann Dieter Deiseroth. Er hat sich in einem aktuell erschienenen Buch mit der Aufarbeitung des Apothekerskandals befasst. „Hätte es die Whistleblower nicht gegeben, hätte man es so belassen, und es wäre weiter gestorben worden.“

Hans-Jochen Luhmann stellt konkrete Forderungen, wie eine Aufarbeitung aus Sicht der VDW aussehen müsse:

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Das Land muss:

  • Nordrhein-Westfalen wird vom VDW in die Pflicht genommen. Das Gesundheitsministerium NRW muss aufklären, welche Fehler im Fall der Alten Apotheke passiert sind und wo es im Überwachungssystem gehakt hat. Bisher habe die Politik eine Aufarbeitung auf nach den Prozess verschoben. Luhmann fordert, über die strafrechtliche Aufklärung hinauszugehen. Nicht nur Sachverhalte aus dem Prozess müssten aufgearbeitet, sondern auch systemische Fehler angegangen werden.

Der Bund muss:

  • Die Gesundheitsministerkonferenz muss einen Überblick über die Konsequenzen und Aufsichtsvorschriften in den unterschiedlichen Bundesländern erarbeiten. Nur so könnten die Erkenntnisse daraus gebündelt werden.
  • Auch das Bundesministerium für Gesundheit muss handeln: Eine Expertenkommission aus den Apothekenaufsichten der Länder, den Apothekerverbänden und Krankenkassen muss eingesetzt werden. Sie könnten die Lücken im Kontrollsystem eruieren und dann einen gemeinsamen Plan erstellen, damit ein Verbrechen wie in Bottrop nicht wieder passieren kann. Man müsse bereits aktiv werden, bevor Verbrechen begangen werden und Kontrolle und Gesetz greifen. Zum Beispiel könnten Krankenkassenunterlagen für Aufsichtsstellen zugänglich gemacht werden, sagt Luhmann.

Bund und Länder müssen gemeinsam:

  • Eine Kommission aus Bund und Ländern muss herausfinden, wo die Kooperation zwischen den Ländern nicht funktioniert und welche Konsequenzen gezogen werden müssen. Luhmann könne sich auch eine übergeordnete Organisation auf Bundesebene vorstellen, die im risikobehafteten Bereich der Zytoherstellung ermittelt und Länderübergreifend agiert. „Man muss an das Tabu heran, dass sich der Bund nicht in Länderangelegenheiten einmischen darf.“ Luhmann sieht das Problem, dass es keine einheitlichen Standards über Länder hinweg gibt.

Als Zwischenlösung könnte sich Luhmann auch eine Verlagerung der Krebsmittelherstellung in Krankenhäuser vorstellen. Den Vorschlag hatte Karl Lauterbach von der SPD letztes Jahr ins Spiel gebracht.

 

vdw buch.png

BWV

Dieter Deiseroth hat sich mit dem VDW-Vorsitzenden Hartmut Graßl im Buch „Whistleblower-Enthüllungen zu Krebsmittel-Panschereien und illegalen Waffengeschäften” ausführlich mit dem Fall der Alten Apotheke beschäftigt. Deiseroth fordert neben einer Aufklärung auch, dass Whistleblower wie Martin Porwoll endlich besser vom Gesetzgeber geschützt werden.

Die Alte Apotheke in Bottrop steht im Zentrum eines der größten Medizinskandale der Nachkriegszeit.© Correctiv.Ruhr

Alte Apotheke

Peters Opfer und Peters Wahrheit

weiterlesen 7 Minuten

von David Schraven

Peter Stadtmann wurde zu 12 Jahren Haft verurteilt. Die Tat war offensichtlich, die Strafe ist sicher gerecht. 

Wenn ich an Peter Stadtmann denke, sehe ich nicht den verurteilten Apotheker vor mir. Ich sehe den Jungen, der schräg hinter mir in der Schulbank sitzt. Ich sehe den Jungen, der verschmitzt lächelt. Ich sehe den Jungen, der mitspielen will. Der mit uns am Strand in Holland lacht. Den Jungen, der in einem Hochhaus wohnt, ganz oben, wo man zwar eine tolle Aussicht hat, aber nicht einfach über Zäune klettern kann. 

Peter hatte keine schöne Kindheit. Es gab einen Geburtstag, den hat er mit seinen Eltern in einer Eisdiele gefeiert und die Gäste, Schulfreunde, wurden von der Straße hereingeholt, als sie vorbeigingen. Sie bekamen ein Eis spendiert. Händeschütteln. Abtreten. Die Erinnerung an dieses traurige Fest tut mir in der Seele weh. Meine Freunde haben bei Kindergeburtstagen im Dreck getobt, bis die Sonne unterging.

Peter hat etwas Schlimmes getan

Peter hat etwas Schlimmes getan. Er hat Medikamente gepanscht. Er hat Ausreden suchen lassen von seinen Anwälten. Er hat seine Familie ruiniert. Er hat sein Erbe ruiniert. Er hat sein Leben ruiniert. 

Und er hat die Leben von unzähligen Menschen zerstört, die gehofft hatten auf Heilung. Er hat Mütter und Väter zerstört, die um ihre Kinder bangten, und die starben. Er hat die Leben unzähliger Söhne und Töchter zerstört, die ihre Eltern bis in den Tod begleitet haben. 

Ich habe mit den Menschen gesprochen, die nach dem Tod in Bottrop zurückgeblieben sind. Ich habe ihre Tränen gesehen, ich habe ihr Schluchzen gehört.

Ich habe das Kind gesehen, das in einem Foto auf der weißen Tischdecke im Wohnzimmer die verlorene Mutter sucht. 

Ich habe den Mann gesehen, dessen Frau gestorben ist. Ein starker Mann, ein gebrochener Mann, einer der lachen möchte und weint. Einer der beten kann und flucht. Ein Mann, der nur noch lebt, weil sein erstarrtes Herz nicht aufhört zu schlagen.

Die Opfer

Ich habe die Krebskranke gesehen, die auf einem Stuhl sitzt, die Beine angezogen, den Kopf auf den Knien, die nicht an den baldigen Tod denken will. Die aber dennoch weint. Weil ihr im nächsten Jahr die Zeit mit ihren Kindern ausgeht. Sie wird den Schulabschluss nicht erleben, die Hochzeit, die Kindeskinder. Ihr Leben.

Das sind die Opfer.

Peters Opfer. 

Nicht die Opfer des kleinen Jungen, der auch nur geliebt werden wollte.  Sondern die Opfer des Mannes, der sich selbst verloren hat. 

Das Verbrechen ist so groß, dass es kaum erträglich ist. Der Richter hat in seinem Urteil festgestellt, dass Peter seine Taten nur begehen konnte, weil die Apothekenaufsicht, weil die Behörde versagt hat. 

Das Versagen der Behörden

Hat die Behörde auf das Versagen reagiert? Hat sich die Behörde entschuldigt? Hat die Behörde ihr Versagen aufgeklärt?

Nein.

Die Bottroper Behörde hat die Alte Apotheke offengelassen. 

Die Bottroper Behörde hat Fehler abgestritten. 

Die Bottroper Behörde hat die Menschen alleine gelassen. 

Peter und die SPD

Das Wegsehen begann unmittelbar nach der Festnahme von Peter Stadtmann. Verzweifelt wurde nach möglichen Beweisen gesucht, dass doch nicht alles so schlimm war. Die Verantwortlichen haben sich versteckt. 

Man stand sich nah. Bottrops Oberbürgermeister Tischler war der Bernd für den Peter. 

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Der Peter hat Bernds SPD Geld für den Wahlkampf rübergeschoben.

Der Peter hat dem Bernd mal ein Bild „ausgeliehen“.

Der Peter hat Dinge möglich gemacht. 

Die Stadt schwieg lange. 

Wir von CORRECTIV haben das nicht mehr ertragen. Wir haben angefangen zu recherchieren. Haben ein Büro in der Innenstadt aufgemacht. Haben Menschen eingeladen. Ihnen einen Raum gegeben und mit ihnen gesprochen, haben ihre Geschichten aufgeschrieben und sie ernst genommen. Wir haben für viele die Einsamkeit aufgebrochen. 

Dann haben sich die Menschen selbst organisiert. Sie sind auf die Straße gegangen. Haben sich vor unserer Redaktion getroffen und sind marschiert. Zur ersten Demonstration. Im Gedenken an ihre Armen und Kranken. Im Protest gegen das Schweigen. In der Hoffnung auf Veränderung. 

Der Protest der Betroffenen

Es waren viele. Hunderte. 

Wir sind mitgelaufen. Als Reporter beobachtend und doch dabei. 

Heike Benedetti hat ihre erste Rede gehalten. Sie war stolz und klar. Sie war ehrlich und bitter. 

Die Menschen aus Bottrop sind aufgewacht. 

Nun ist Peter verurteilt. Und die Stadt schweigt immer noch zum Behördenversagen. 

Doch weitere Verfahren laufen. Gegen die Schweiger. Gegen die Wegschauer. 

Peter, der Junge von damals, der auch nur Liebe suchte, ist zu einem einsamen Menschen geworden. 

Die Menschen, die ihm geblieben sind, sind nicht ehrlich zu ihm. 

Sonst würden sie ihm sagen, dass er reden muss. Dass er nicht weiter schweigen darf. 

Das Urteil ist gefallen. 

Wenn der kleine Junge noch einmal eine Chance auf Liebe finden will, muss er die Vergangenheit ablegen. Den falschen Beratern entsagen. Und reden. 

Peter: Wir sind da und hören Dir zu

Bis dahin können wir nur den tapferen Whistleblowern Martin Porwoll und Marie Klein danken. 

Sie waren die einzigen, die ersten, die sprachen – während alle anderen noch schwiegen. 

Nebenklägerinnen und Betroffene umarmen sich vor dem Gerichtssaal im Essener Landgericht.© correctiv.ruhr

Der Prozess

Das Urteil

weiterlesen 7 Minuten

von Cristina Helberg , Marcus Bensmann

Welchen Eindruck macht Peter Stadtmann?

Die Verteidiger schirmen den Apotheker von der Presse ab. Mehrere Fernsehteams und zahlreiche Journalisten sind vor Ort. Die Urteilsverkündung verfolgt er ungerührt mit farblosem Gesicht.

Welchen Eindruck machen die Betroffenen?

Die Reihen der Nebenklage und Zuschauer sind bis auf den letzten Platz besetzt. Mehrere Anwälte und Betroffene müssen auf zusätzliche Stühle ausweichen. Viele Nebenklägerinnen tragen weiße Rosen und schwarze Oberteile, um an verstorbene Angehörige und Betroffene zu erinnern. Im Laufes des Verfahrens waren einige Nebenkläger und regelmäßige Zuschauer verstorben oder gesundheitlich nicht mehr in der Lage, die Verhandlungstage vor Ort zu verfolgen. Als der Richter das Urteil verkündet, brechen viele Betroffene in Tränen aus.

 

Das Urteil:

  • 12 Jahre Haft und Berufsverbot. Wegen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz in knapp 14.500 Fällen und Betrug in 59 Fällen wird Peter Stadtmann zu zwölf Jahren Strafe verurteilt. Er wird aber nicht wegen Mordes, Körperverletzung oder dem jeweiligen Versuch verurteilt. Der Richter weicht damit von den Forderungen der Staatsanwaltschaft und der Nebenklage ab. Statt in den angeklagten rund 62.000 Fällen wird der Apotheker in etwa 14.500 Fällen für den Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz verurteilt. Der Grund: Das Gericht hat bei seiner Berechnung den eingekauften und vermeintlich verkauften Wirkstoff in der Apotheke zwischen 2012 und 2016 gegenübergestellt und dabei höhere Toleranzgrenzen angesetzt als in der Anklage. Auch den entstandenen Schaden schätzt das Gericht geringer als in der Anklage ein. Statt wie in der Anklage formuliert, 56 Millionen Euro, berechnet das Gericht 17 Millionen Euro Schaden, die Stadtmann zahlen muss. Der Richter Johannes Hidding verhängt zudem ein lebenslanges Berufsverbot als Apotheker.

  • Organisationsdelikt und einzelne Verstöße. Da Stadtmann alle Arbeitsabläufe in der Apotheke kontrolliert habe, wird er wegen eines Organisationsdeliktes verurteilt. Es müsse nicht nachgewiesen werden, welche Therapien genau von ihm angefertigt wurden. Konkret ist Stadtmann zudem für  27 unterdosierte Infusionen verantwortlich. Diese hatten Ermittler bei der Razzia beschlagnahmt und auf den Beuteln stand der Name Stadtmann als Hersteller. Das Arzneimittelgesetz bezeichnet der Richter als ein „scharfes Schwert“, es sei in diesem Fall ein „Rettungsanker“, der eine gerechte Strafe ermögliche, da Körperverletzung oder Mord in diesem Fall nicht nachweisbar sei. Peter Stadtmann muss für einige Nebenkläger die Prozesskosten tragen.

  • Zwei Wahrheiten. Richter Hidding geht ausführlich darauf ein, warum die 14.500 Verstöße gegen das Arzneimittelgesetz nicht als versuchter Mord zu bewerten sind. Er bezieht sich dabei auf ein Urteil des Bundesgerichtshofes von vor einem Jahr. Es hatte den Freispruch eines Arztes aus Göttingen bestätigt, der die Warteliste für Transplantationen zu Gunsten seiner Patienten verändert hatte. Mit dieser Manipulation habe er den Tod anderer Patienten in Kauf genommen  und sei somit des versuchten Totschlages zu verurteilen, war die Forderung der Staatsanwaltschaft. Aber die Richter am Bundesgerichtshof folgten dieser Argumentation nicht, sie sagten, es könne dem Arzt, nicht nachgewiesen werden, dass er den Tod der durch die Manipulationen benachteiligten Menschen bewusst einkalkuliert habe. Der Richter Johannes Hidding macht deutlich, dass er dieses Urteil des Bundesgerichtshofes für fraglich hält, aber er müsse sich daran halten. Dann spricht Hidding von dem Recht auf zwei Wahrheiten. Der Betroffene, der einen Angehörigen verloren hat, könne Stadtmann dafür verantwortlich machen, auch wenn dies juristisch vom Gericht nicht fassbar sei.

  • Habgier als Tatmotiv. Aus welchem Motiv handelte Peter Stadtmann? „Schlicht aus Habgier“, sagt Richter Hidding. Luxusgüter hätten eine große Rolle für Peter Stadtmann gespielt. Er ist nach Einschätzung des Gerichts „voll schuldfähig“, „geistig gesund“ und habe ohne Zweifel vorsätzlich gehandelt. Hidding sagt, Stadtmann habe einen Hang zum Luxus, so hätte er ein Haus mit Rutsche vom Schlafzimmer in den Pool gebaut.  Das Gericht müsse nicht die Gründe für diese Habgier und Sucht nach Anerkennung suchen. Habgier reicht als Tatmotiv. Die Verteidigung hatte auf Schuldunfähigkeit in Folge einer Hirnstörung plädiert.

  • Fehler der Staatsanwaltschaft. Weil Staatsanwaltschaft und Polizei am Morgen der Razzia in der Alten Apotheke im November 2016 zu früh zuschlugen, ist in 27 konkreten Fällen keine Verurteilung wegen Körperverletzung möglich. Die Ermittler hatten an dem Morgen nicht gewartet, bis die Zubereitungen in die Auslieferfahrzeuge geladen waren, sondern sie im Labor vor der Ausgabe an die Fahrer beschlagnahmt. Der Richter erklärt, deshalb sei eine Verurteilung wegen Körperverletzung in diesen Fällen nicht möglich. Damit folgt der Richter der Argumentation der Verteidigung. Sie hatte argumentiert, die Zubereitungen seien noch nicht von Peter Stadtmann freigegeben gewesen. Trotzdem ist in diesen Fällen eine Verurteilung wegen des Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz möglich, weil die Medikamente schon zubereitet wurden.

  • Zentrale Behauptungen der Verteidigung widerlegt. Das Gericht widerspricht zwei zentralen Argumenten der Verteidigung: Die Unverwertbarkeit  der Wirkstoffanalysen und angebliche Schwarzkäufe von Wirkstoffen. Die Proben des Paul-Ehrlich Instituts und des Landeszentrum Gesundheit NRW stuft das Gericht als verwertbar ein. Fehler seien lediglich im Bereich der Dokumentation gemacht worden und auch dort eher im Randbereich. Die gemachten Fehler seien für die Ergebnisse irrelevant. Außerdem sei jede Zubereitung mehrfach untersucht worden. Die Verteidigung hatte behauptet, es habe keine B-Proben gegeben. Das ist laut Richter falsch. Das Gericht glaubt auch nicht, „dass geheimnisvolle Unbekannte Peter Stadtmann auf Parkplätzen“ Wirkstoffe verkauft haben. Dafür gebe es nicht den „leisesten Anhaltspunkt“, so Richter Hidding.

  • Kriminelle Einrichtung mit makelloser Fassade. Der Richter sagt, Peter Stadtmann habe für sein Leben eine makellose Fassade geschaffen. „Nur wer sehr genau hinsah, dem konnten die feinen Risse auffallen”. Ausführlich geht  er auf die Whistleblower Martin Porwoll und Marie Klein ein. Sie hätten die Aufklärung des Verbrechens erst ermöglicht. Der Richter spricht auch über die anderen Mitarbeiter der Apotheke. Fast alle hatten im Prozess die Aussage verweigert. „Es spricht einiges dafür, dass auch Mitarbeiter einbezogen waren“, sagt Richter Johannes Hidding. Diese hätten offenbar ihr Gewissen mit Geld beruhigt. Für Richter Hidding ist der Fall der Alten Apotheke auch die Geschichte eines Behördenversagens. Peter Stadtmann hätte nicht so handeln können, wenn es eine wirksame Apothekenaufsicht gegeben hätte, sagt Richter Hidding.

  • Die Ungewissheit bleibt, Richter appelliert an Angeklagten. Noch immer leben rund 4.000 Betroffene in Ungewissheit, ob ihre Medikamente unterdosiert waren, sagt Richter Hidding am Ende seiner Urteilsbegründung. Er appelliert an den Angeklagten, in seiner Rolle als Apotheker habe er eine Verantwortung für seine Patienten. „Die Betroffenen wollen die Wahrheit hören und wollen keinen weiteren Prozesstag. Stellen Sie die Interessen ihrer Patienten endlich über ihr eigenes Interesse“, spricht der Richter den Angeklagten zum Schluss ganz direkt an. Peter Stadtmann hatte während des Prozesses geschwiegen und auch das ihm zustehende Schlusswort nicht genutzt. Die Verteidigung wollte sich heute nicht dazu äußern, ob sie in Revision geht.

Nach 44 Verhandlungstagen endete hiermit das CORRECTIV Gerichtstagebuch zum Prozess um gepanschte Krebsmittel aus der Alten Apotheke.

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Der Prozess

Der Prozess, Tag 43

Stadtmann schweigt bis zuletzt. Am Freitag um 11 Uhr wird das Urteil verkündet. Appelle der Nebenklage an den Angeklagten, das letzte Wort für die Aufklärung zu nutzen, verhallen. Stadtmann Verteidiger fordern den Freispruch und beklagen den Medienpranger.

weiterlesen 6 Minuten

von Marcus Bensmann

Welchen Eindruck macht Peter Stadtmann?

Stadtmann bleibt ungerührt. Er liest die Plädoyers seiner Anwälte, winkt sie heran und stellt Nachfragen. Zum Schluss sagt er ins Mikrofon, „ich möchte mich nicht mehr äußern“.

Welchen Eindruck machen die Betroffenen?

Es sind viele Nebenklägerinnen gekommen. Sie sind angespannt. Einige gratulieren dem Anwalt Mohammed für sein Plädoyer. Als Stadtmann das Schlusswort bekommt, ist die Anspannung mit Händen zu greifen, und kurz darauf die Enttäuschung. Stadtmann will nichts sagen. Neben Journalisten ist auch ein Gerichtszeichner im Saal. Der Besucherraum ist spärlich gefüllt.

Die wichtigsten Ereignisse des Tages:

  • Peter Stadtmann schweigt. Nachdem der Verteidiger Peter Strüwe den Freispruch fordert, fragt Richter Johannes Hidding den Angeklagten, ob er vom Recht des letzten Wortes Gebrauch machen will. Stadtmann beugt sich vor, ergreift das Mikrofon und zum ersten Mal ist im Verfahren die Stimme des Angeklagten zu hören. Stadtmann sagt, dass er nichts mehr sagen wolle. Auch dessen Anwälte erwähnen am heutigen Tag die Situation der Betroffenen mit keinem Wort.
  • Das Schlußwort als Erlösung. Der Anwalt der Nebenklage Khubaib-Ali Mohammed wendet sich direkt an Stadtmann. Er wolle ihn direkt ansprechen. Er vergleicht sein Leben mit dem Leben des Angeklagten, sieht Parallelen, eine dominante Mutter, die Liebe zur Kunst und den Zwang, dass das Leben vorgezeichnet sein müsse. Dann geht er auf das Schicksal der Nebenklägerin ein, deren Tochter ist an Krebs gestorben, und sie kümmere sich jetzt um die Enkelin. Mohammed beschreibt das Leben Stadtmanns in drei Akten, die Kindheit eines einsamen Menschen, ein Leben unter ständiger Bevormundung, das dann zu den Taten im Labor führte, und zum Schluss stehe die Katastrophe oder aber die Erlösung. Stadtmann könne das Angebot des letzten Wortes als Erlösung nutzen, er könne Klarheit und Aufklärung bringen, sagt Mohammed, denn sonst drohe eine langjährige Haftstrafe, wo er die schönen Momente des Lebens nicht erfahren könne, und auch nicht verfolgen könne, wie sein Kind aufwächst.
  • Keine Beweisanträge mehr. Der Versuch der Verteidiger noch einen Entscheid zu einem Beweisantrag zu erzwingen, weist der Richter mit dem Hinweis zurück, dass nach einem Kammerbeschluss über alle ausstehenden Beweisanträge im Urteil befunden wird.
  • Freispruch und sofortige Freilassung. Der Anwalt Ulf Reuker macht den Anfang der Plädoyers der Verteidigung. Er sagt, dass das Verfahren in keinem der Anklagepunkte die Schuld des Angeklagten bewiesen habe. Reuke stellt die Verwertbarkeit der Analysen der beschlagnahmten Infusionen durch das Paul-Ehrlich-Institut und das Landeszentrum Gesundheit NRW in Frage. Er bezieht sich dabei auf die Mängel, die die Gutachter Fritz Sörgel und Henning Blume und deren Mitarbeiterin gefunden hätten. Es sei nicht bewiesen worden, wer die Proben zubereitet habe, zudem seien diese am Tag der Razzia noch nicht freigegeben gewesen, sagt der Anwalt. Kein Zeuge habe den Angeklagten gesehen, dass er unterdosiert habe. Wenn dies aber geschehen sein sollte, dann wäre das keine vorsätzliche Tat. Reucker verweist auf das Gutachten von Pedro Faustmann, der Stadtmann eine Hirnstörung nach einem Unfall attestiert hatte. Auch hätte das Verfahren weder den Betrug, die Körperverletzung, noch die Minderdosierung nachweisen können, sagt Reuker. Die vorgetragene negative Warenbilanz sei nicht stichhaltig, es habe sich immer genügend Wirkstoff in der Apotheke befunden. Es sei kein Vorsatz noch ein Tatplan beim Angeklagten nachgewiesen worden. Das Organisationsdelikt sei für den Fall nicht anwendbar, sagt der Anwalt Reuker.
  • Medienpranger und Existenzvernichtung. Der Anwalt Peter Strüwe redet über Vorverurteilung durch die Medien. Er spricht vom Medienpranger. Auch hätten sich die Behörden an der Vorverurteilung beteiligt, sagt Strüwe, und nennt konkret das Kanzleramt, die Pressesprecherin der Staatsanwaltschaft  und den NRW-Gesundheitsminister. Strüwe greift den Staatsanwalt an, diese Vorverurteilung nicht in die Strafmaßforderung eingerechnet zu haben. Auch hätte die Staatsanwaltschaft berücksichtigen müssen, dass Stadtmann zuvor nicht straffällig gewesen sei, und er und seine Familie durch das Verfahren ruiniert seien. Strüwe sagt ebenfalls, dass das Verfahren keinen der Anklagepunkte bewiesen hätte und das Organisationsdelikt nicht anwendbar sei, deshalb müsse der Angeklagte freigesprochen werden.
  • Urteil um 11Uhr. Der Richter Johannes Hidding schließt den Verhandlungstag und kündigt die Urteilsverkündung für Freitag um 11 Uhr an.

Ausblick auf den nächsten Verhandlungstag

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Das Urteil wird am Freitag um 11 Uhr verkündet.

Letzter Verhandlungstag: 6.Juni

© correctiv.ruhr

Der Prozess

Der Prozess, Tag 42

Die Nebenklage will Stadtmann wegen Mordes verurteilen, der Staatsanwalt sieht dafür keine Möglichkeit. Emotionale Plädoyers rücken das Schicksal der Betroffenen in den Fokus. Das Urteil könnte am Freitag fallen.

weiterlesen 5 Minuten

von Cristina Helberg

Welchen Eindruck macht Peter Stadtmann?

Das ist die Tragik des Prozesses. Erst am Ende des achtmonatigen Verfahrens geht es das erste Mal um das Schicksal der Betroffenen. Mehrere Nebenklage-Anwälte nutzen ihre Plädoyers und sprechen detailliert über den Krankheitsverlauf von Betroffenen und die Angehörigen. Immer wieder richten sie sich dabei auch direkt an Peter Stadtmann. Der Angeklagte hört den ganzen Tag aufmerksam zu und schaut die Sprechenden während ihrer Beiträge an, bleibt jedoch regungslos. Auch als eine Nebenklage-Anwältin ihm den Apotheker-Eid laut vorliest, den auch der Angeklagte geleistet hat. In einer kurzen Pause verlassen Stadtmanns Anwälte den Saal. Er bleibt alleine sitzen und schaut stur auf die in diesem Moment fast leere Seite der Nebenklage.

Welchen Eindruck machen die Betroffenen?

Die zum Teil sehr emotionalen Plädoyers rühren die fünf anwesenden Nebenklägerinnen auf. Immer wieder brechen sie in Tränen aus. Trotz der zu erwartenden Plädoyers sind nur recht wenige Nebenkläger persönlich entschieden. Ihre Anwälte erklären, dass einige Mandanten gesundheitlich nicht in der Lage seien, am Prozess teilzunehmen. Andere sind in der Zwischenzeit verstorben. Auch an sie wird in den Plädoyers immer wieder erinnert. 

Die wichtigsten Ereignisse des Tages:

  • Staatsanwalt fordert 13 Jahre und sechs Monate. Das Gericht schließt die Beweisaufnahme und beginnt mit den Plädoyers. Der Staatsanwalt Jakubowski macht den Anfang und wirft dem Angeklagten 60 Straftaten vor – ein Organisationsdelikt und 59 Betrugsfälle. Das Organisationsdelikt umfasse mehrere Straftaten: einen Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz und 27 Fälle versuchter Körperverletzung. Stadtmann habe ein „systematisches Geschäftsmodell“ der minderwertigen Herstellung von Krebsmedikamenten betrieben und gewerbsmäßig in einem „beispiellosen Umfang“ Medikamente gefälscht. Er habe dabei insbesondere die hochpreisigen Infusionen aus den herzustellenden Therapien herausgesucht. Es habe sich im Prozess bestätigt, dass er 35 Wirkstoffe nicht ausreichend eingekauft habe. Die Verteidigung habe zwar noch ein paar Packungen Wirkstoff hervorzaubern können, diese würden den „Kohl aber auch nicht fett machen“. Am Ende sei der Angeklagte sehr gut damit weggekommen, dass nur 35 Wirkstoffe berücksichtigt wurden. Der Staatsanwalt betont, dass beim Mindereinkauf eine Toleranzgrenze von 30 Prozent zugunsten des Angeklagten berücksichtigt worden sei. Jakubowski sieht als erwiesen an, dass die Vorwürfe sich in allen 61.863 in der Anklage genannten Fällen bestätigt hätten. Ein Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz beginne nicht erst mit der Minderdosierung, sondern auch bei hygienischen Mängeln oder den „katastrophalen Herstellungsprotokollen“. An den Untersuchungsergebnissen des PEI und des LZG gebe es außerdem keine Zweifel. Die Gutachten hätten keine Einwände gegen die Analytik gezeigt und selbst Fritz Sörgel habe die angewandten Methoden als langjährigen Standard bezeichnet. Die restlichen 59 Straftaten seien Betrugsfälle durch Abrechnung mit Krankenkassen. Stadtmann hatte 59 Monate im angeklagten Tatzeitraum vom 1. Januar 2012 bis zum Tag der Razzia am 29. November 2016 mit den Krankenkassen abgerechnet.

  • Staatsanwalt: Mord nicht nachweisbar. Nicht nachweisbar sind laut Staatsanwalt jedoch Tötungsdelikte oder versuchter Mord, weil unklar bliebe, wer wann und in welchem Ausmaß von Unterdosierungen betroffen war. Die Nebenklage sieht das anders. Laut Staatsanwalt konnte auch nicht bewiesen werden, dass Stadtmann Mitarbeiter zum Panschen angewiesen habe. Doch auch die Mitarbeiter hätten bewusst oder unbewusst gegen Dokumentationsvorschriften verstoßen. Der Nebenklage-Anwalt Markus Goldbach spricht dagegen von einem „System von Unterstützern“. In fast allen anderen Punkten wirken Staatsanwalt und Nebenklage heute aber einig wie selten zuvor.

  • „An Dreistigkeit kaum zu überbieten“. Der Staatsanwalt wirft dem Apotheker vor, es sei „an Dreistigkeit kaum zu überbieten“, dass Stadtmann trotz einer Anzeige im Jahr 2013, die ihm bereits Unterdosierung vorwarf und eingestellt wurde, weiter unterdosiert habe. Es zeichne sich das Bild eines Apothekers, dem seine onkologische Spezialarbeit lediglich als Geldmaschine gedient habe. Straferschwerend sei zu berücksichtigen, dass Stadtmann ausgerechnet Krebsmedikamente manipuliert habe, die für die Betroffenen ein Rettungsanker seien und er sich zulasten von Menschen bereichert habe, die um ihr Leben kämpfen. „Wieso bereichert sich jemand, der selbst einmal schwer krank war, ausgerechnet an Schwerkranken?“, fragt Jakubowski.  

  • 56 Millionen Euro Schaden und die Eltern. Der Staatsanwalt sieht den in der Anklage bezifferten Schaden von 56 Millionen Euro als „vollumfänglich bestätigt“ an. Abzuziehen seien davon drei Millionen Euro, die die Krankenkassen nach der Inhaftierung Stadtmanns einbehalten hatten. Es dränge sich außerdem die Frage auf, warum es nach der Verhaftung Priorität gehabt habe, die Apotheke an die Mutter zu übergeben. Nebenklage-Anwalt Andreas Schulz betont, dass auch gegen die „Herrscherin des Kellers und ihren Ehemann wegen Betrugs ermittelt“ werde. Auch die Nebenklage-Anwältin Eva Kuhn erwähnt in ihrem Plädoyer Stadtmanns Mutter und betont, dass kurzfristige Vermögensübertragungen anfechtbar seien.

  • Staatsanwalt fordert lebenslanges Berufsverbot. Jakubowski fordert ein lebenslanges Berufsverbot für Peter Stadtmann. Es sei unvorstellbar, dass „dieser Mann noch einmal als Apotheker arbeite“. Zusätzlich fordert der Staatsanwalt, dass Peter Stadtmann die Prozesskosten der Nebenklage bezahlen müsse.

  • „Was spricht gegen die Höchststrafe? Nicht viel“. So leitet Staatsanwalt Jakubowski seine Ausführungen zu möglichen strafmildernden Umständen ein. Für den Angeklagten spreche lediglich, dass er nicht vorbestraft sei. Der Staatsanwalt  nimmt auch Bezug auf die Medienberichterstattung zum Fall. Immer wieder hatten Stadtmanns Anwälte eine Vorverurteilung ihres Mandanten beklagt. Jakubowski sagt, im Vorfeld habe es zwar eine teilweise vorverurteilende Berichterstattung gegeben. Diese habe sich jedoch im Laufe des Gerichtsprozesses ausdifferenziert. Der Gesundheitszustand des Angeklagten komme hingegen für strafmildernde Umstände nicht in Betracht.

  • Nebenklage will Verurteilung wegen Mord. Die Anwälte der Nebenklage fordern, Peter Stadtmann für Mord und versuchten Mord zu verurteilen. So ist der Nebenklage-Anwalt Markus Goldbach der Auffassung, dass eine Verurteilung wegen Mordes in einer nicht genau festzustellenden Anzahl von Fällen möglich sei. Er richtet das Wort direkt an den Angeklagten: „Sie, Herr Stadtmann, haben meine Mandantin um die Chance betrogen, diese Krankheit zu besiegen und das kann man nicht anders als versuchten Mord werten.” Einige Anwälte der Nebenklage fordern ein höheres Strafmaß als der Staatsanwalt. Der Anwalt Tobias Degener beantragt die Verurteilung von „nicht unter 14 Jahren”. Anwalt Manuel Reiger fordert zusätzlich zum Berufsverbot ein Verbot jeder Tätigkeit im Labor. Dieses Verbot solle durch eine elektronische Fußfessel überwacht werden. Außerdem solle dem Angeklagten verboten werden, mit den Betroffenen in Kontakt zu treten.

  • Gab es ein System Stadtmann? Der Nebenklage-Anwalt Markus Goldbach wirft dem Angeklagten ein „System von Unterstützern” vor. Von diesen Personen dürfe niemand unbehelligt bleiben, der das System des Apothekers mitgetragen habe. Das sei das Gericht allen Patienten schuldig. Denn diese müssten auch in Zukunft darauf vertrauen können, dass ihre Therapien ordnungsgemäß hergestellt werden. Mit den Unterstützern meint Goldbach offenbar insbesondere die Mitarbeiter der Apotheke, den Steuerberater Stadtmanns und seine Eltern. Goldbach führt aus, die Mitarbeiter hätten von Unterdosierungen gewusst, der Steuerberater habe offenbar von nicht erklärbaren Gewinnen berichtet und davon vermutlich auch die Eltern Stadtmanns unterrichtet. Die seien zudem noch aktiv in die Arbeit der Apotheke eingebunden gewesen und hätten offensichtliche Verletzungen der Herstellungsvorschriften ihres Sohnes hingenommen.

  • Behördenversagen im Fall Stadtmann. Immer wieder kritisieren die Nebenkläger in ihren Plädoyers den Umgang der Behörden mit dem Fall der Alten Apotheke. Der Anwalt Sebastian Bessler spricht von einem „schweren Fall von Behördenversagen”. Der Anwalt Salih Erdil fordert ein Urteil mit abschreckender Wirkung. Schließlich sei Stadtmann nicht der Erste und nicht der Letzte, der die Schwächen der Überwachungsbehörden erkenne. Eine hohe Strafe sei notwendig, wenn der Staat seine „Zähne zeigen wolle”, sagt der Anwalt Tobias Degener.

  • Kein Täter-Opfer-Ausgleich. Weder einen Entschädigungsfonds, noch Ausgleichszahlungen habe Peter Stadtmann angeboten, kritisiert die Anwältin Eva Kuhn. Sie betont, dass dies juristisch auch ohne ein Geständnis möglich gewesen wäre. Der Angeklagte habe weder über seine Anwälte, noch über das Gericht oder außergerichtlich einen Täter-Opfer-Ausgleich angestrebt. Das sei bei der von ihm erzielten Gewinnspanne besonders verwerflich. Auch der Nebenklage-Anwalt Schulz betont, dass ein Geständnis des Angeklagten und ein Täter-Opfer Ausgleich eine geringere Bestrafung und ein anderes Bild von ihm und seiner Familie in der Öffentlichkeit ergeben hätten.

  • Welches System steckte hinter den Unterdosierungen? Die Betroffenen und ihre Anwälte hatte besonders eine Frage im Prozess beschäftigt: Welche Proben wurden warum unterdosiert. Der Anwalt Aykan Akyildiz bedauert, dass wohl nie geklärt werde, wer wann und warum von welchen Unterdosierungen betroffen gewesen sei. Im Falle seiner Mandantin sei nicht geklärt worden, warum die für sie bestimmte und beschlagnahmte Infusion statt Trastuzumab den Wirkstoff Pertuzumab enthielt, obwohl letzterer im Einkauf teurer sei. Der Nebenklage-Anwalt Erdil stellt die Frage nach dem Motiv. Seinen Mandaten sei es nicht um die Vermögensvorteile Stadtmanns gegangen, sondern vor allem um die Beantwortung einer Frage: Warum jemand einer erkrankten Patientin die letzte Hoffnung auf Heilung nimmt? Diese Frage bleibe nun unbeantwortet. Der Staatsanwalt Jakubowski vergleicht in seinem Plädoyer die Umständer der mutmaßlichen Unterdosierungen mit „Forest Gump und seiner Pralinenschachtel: man wusste nie, was man bekommt“.

  • Vergleich mit KZ-Arzt. Eine Externalisierung von moralischer und rechtlicher Verantwortung wirft der Nebenklage-Anwalt Andreas Schulz indirekt in seinem Plädoyer dem Angeklagten vor. Schulz vergleicht Stadtmann indirekt mit dem KZ-Arzt Mengele, dem das Schicksal seiner Opfer egal gewesen sei. Dabei verweist er auf die von Zeugen im Gericht wiedergegebene Äußerungen Stadtmanns, der über Patienten gesagt haben soll, „die sterben doch eh“.  Auch auf die Rolle des Harry Lime im Film „Der dritte Mann“ spielt Schulz an. Dieser strecke im Film Penizillin, um Gewinne zu maximieren und rechtfertige das mit der Bedeutungslosigkeit des Lebens Einzelner.

  • Ähnlicher Fall in den USA? Der Nebenklage-Anwalt Schulz verweist in seinem Plädoyer auch auf einen vergleichbaren Fall in den USA. Dieser zeige verblüffende Parallelen. Dabei handele es sich um den Zyto-Apotheker Robert Courtney aus Kansas City im US-Bundesstaat Missouri. Er sei wegen der Unterdosierung in 98.000 Fällen zwischen 1992-2001 in den USA angeklagt und zu 30 Jahren Haft verurteilt worden. Es sei verblüffend, dass sowohl das FBI in den USA und die Ermittlungsbehörden NRW zunächst sehr zurückhaltend auf den jeweiligen Tatverdacht reagiert hätten. Die Ermittler in beiden Ländern hätten sich wohl ein Verbrechen dieser Dimension einfach nicht vorstellen können. Die us-amerikanische Justiz habe jedoch „robuster und konsequenter“ als bisher die deutsche reagiert. Cortney habe zivilrechtlich Schadensersatz von 2,2 Milliarden US-Dollar zahlen müssen. Die Ausfechtung der zivilrechtlichen Ansprüche stehe Peter Stadtmann noch bevor.

  • Machte sich einer der Verteidiger strafbar? Der Anwalt Schulz wirft die Frage auf, ob ein Verteidiger Stadtmanns die Grenzen anwaltlicher Interessenvertretung überschritten habe und an Straftaten beteiligt gewesen sei. Der indirekte Vorwurf: Der Verteidiger habe 2014 aufgrund der ersten Anzeige erklärt, sein Mandant Stadtmann würde niemals unterdosieren, weil es ihm um das Wohl der Patienten gehe und er ein guter Mensch sei. Obwohl der Steuerberater Stadtmanns, der ein Kanzleikollege des Anwalts sei, gesagt habe, dass die Gewinne des Angeklagten steuerlich nicht erklärbar seien.

  • Gericht bestätigt Sachverständige. Vor Beginn der Plädoyers lehnt das Gericht die Ablehungsanträge der Nebenklage und der Verteidigung gegen die Sachverständigen Faustmann und Schiffer ab. Damit werden die Aussagen beider Sachverständigen im Urteil berücksichtigt. In ihrer Begründung betont die Kammer, dass die Verteidigung selbst Schiffer als Sachverständigen vorgeschlagen habe.

  • Vier offene Beweisanträge der Verteidigung. Offen sind nun noch vier Anträge der Verteidigung, die erst im Urteil entschieden werden. Die Nebenklage hat alle Anträge zurückgezogen. Die vier Anträge der Verteidigung sind folgende: Antrag auf Anhörung des Architekten Stadtmanns als Zeugen und Antrag auf Anhörung zweier Mitarbeiter des Bottroper Spendenlaufs als Zeugen. Beide Anträge wurden schon am 41. Prozesstag gestellt. Mit der Anhörung der Zeugen wollen die Verteidiger offenbar belegen, dass Stadtmann Aufgaben aufgrund seines Gesundheitszustandes delegierte. Nebenklage-Anwalt Markus Goldbach dreht dieses Argument um: Wenn Stadtmann Aufgaben delegiert habe, habe er offenbar, anders als dargestellt, eine klare Vorstellung seiner psychischen und physischen Leistungsfähigkeit gehabt. Der dritte Antrag wurde ebenfalls bereits am vorherigen Prozesstag gestellt und heute weiter ausgeführt: die Verteidigung will den Sachverständigen Faustmann zur Begutachtung der Schuldfähigkeit berufen. Die Begründung: Die Qualifikation des Sachverständigen Schiffer sei nicht ausreichend, um die Einschränkungen in Folge der Hirnschädigung zu bewerten. Er habe keine neurologische oder medizinischer Ausbildung. Der vierte noch offene Antrag ist die heute gestellte Forderung der Verteidigung nach einem weiteren pharmazeutischen Gutachten zu den Untersuchungen des PEI und LZG. Dafür führen Stadtmanns Anwälte die bereits bekannten Gründe an. Sie werfen den beiden Instituten vor, deren Untersuchungsmethoden entsprechen nicht dem aktuellen Stand der Wissenschaft.

  • Vorwurf der „Verschleppungsabsicht“ und „Strafvereitlung“. Nachdem die Verteidigung am Morgen seitenlange Anträge verliest, werfen der Staatsanwalt und die Nebenklage Stadtmanns Anwälten vor, den Prozess bewusst in die Länge zu ziehen. „Bisher habe ich diesen Begriff vermieden, aber das ist jetzt im Bereich der Verschleppungsabsicht”, sagt Staatsanwalt Jakubowski. Der Antrag einen weiteren Sachverständigen zu den Gutachten des LZG und PEI zu hören entwerte zudem indirekt die Sachverständigen Kinzig, Sörgel und Blume. Der Nebenklage-Anwalt Khubaib-Ali Mohammed geht noch weiter. Er wirft der Verteidigung indirekt einen Anfangsverdacht von Strafvereitelung vor.

  • Verteidigung scheitert endgültig an Verlängerung der Antragsfrist. Die Verteidigung versucht am Morgen erneut mit dem letzten verbliebenen Mittel einer Gegenvorstellung vergeblich gegen die Beweisantragsfrist des Gerichtes vorzugehen. Das Gericht hält an dem Beschluss fest und bestätigt die Frist. Alle offenen Anträge werden somit erst im Urteil beschieden.

  • Nutzt Peter Stadtmann die Möglichkeit des Schlusswortes? Mehrere Anwälte der Nebenklage werfen dem Angeklagten vor Möglichkeiten der Aufklärung ungenutzt gelassen zu haben. Insbesondere sein Schweigen sei für die Opfer schwer zu ertragen. Die Anwältin Iris Gerdau appelliert eindringlich und emotional an Peter Stadtmann die letzte Möglichkeit, das Schlusswort des Angeklagten, zu nutzen, um sich noch zu äußern.

  • Urteil frühestens am Freitag. Richter Hidding stellt klar, dass mit einem Urteil frühestens am Freitag zu rechnen sei. Vorher müssen noch die restlichen Nebenklage-Anwälte und die Verteidigung ihre Plädoyers halten.

Ausblick auf den nächsten Verhandlungstag

Am Donnerstag werden voraussichtlich die letzten Plädoyers gehört. Das Urteil könnte dann am Freitag fallen. Die nächsten Verhandlungstage im Überblick (Beginn jeweils 09:30 Uhr): 5. Juli und 6. Juli.

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Der Prozess

Der Prozess, Tag 41

Die Verteidigung fordert, Stadtmann frei zu lassen. Der Staatsanwalt wirft der Nebenklage vor, das Urteil zu verzögern. Richter Hidding kündigt Plädoyers an.

weiterlesen 5 Minuten

von Marita Wehlus

Welchen Eindruck macht Peter Stadtmann?

Stadtmann kommt verspätet zur Verhandlung. Der Transport stand im Stau. Als er von dem Tod einer der Nebenklägerinnen hört, reagiert er zunächst nicht. Dann fängt er an intensiv mit seinen Anwälten zu reden.

Welchen Eindruck machen die Betroffenen?

Heute sind zwei Betroffene im Gericht. Bis zum Ende bleiben sie nicht. Anfangs verfolgen vier Zuschauer und vier Journalisten den Prozess. Am Abend sind es noch ein Zuschauer und zwei Journalisten.

Die wichtigsten Ereignisse des Tages:

  • Nebenklägerin verstorben. Eine der Nebenklägerinnen ist verstorben. „Ich muss Ihnen eine traurige, bedauerliche Nachricht überbringen“, sagt Richter Hidding zu Beginn der Verhandlung. Ein Anwalt habe ihn vom Tod einer der Nebenkläger unterrichtet. Ihr Ehemann, der heute nicht im Gerichtssaal sitzt, sei nun neuer Nebenkläger.

  • Staatsanwalt Jakubowski wettert gegen Nebenklage. Die Nebenklage stellt erneut Beweisanträge. Dem Staatsanwalt platzt daraufhin der Kragen: „Ich kann nicht verstehen, warum die Nebenklage sich daran beteiligt zu verzögern, dass dieser Mann verurteilt wird.“ Dabei dreht sich Jakubowski zu den Nebenklägerinnen um und schüttelt den Kopf. Nebenklageanwalt Goldbach hatte beantragt, seine Mandantin als Zeugin hören. Außerdem fordert er, für den Fall, dass Faustmann nicht abgelehnt wird, einen IQ-Experten zu vernehmen.

  • Antragsfrist bestätigt. Richter Hidding sieht in einigen Anträgen eine Verzögerungstaktik. Er hatte letzte Woche eine Frist für Anträge gestellt. Bis Mittwoch, den 27.06. sollten alle Beweisanträge eingegangen sein. Die Kammer bestätigt heute nachträglich den Beschluss. Grund: Die Beweisaufnahme sollte  schon im Februar geschlossen werden. Weil nun Beweisanträge sehr viel später gestellt werden, vermutet Hidding eine Verzögerungstaktik. Am Dienstag plant Hidding die Beweisaufnahme endgültig zu schließen. Nur glaubhaft begründete Anträge hätten dann vielleicht noch eine Chance.

  • Verteidigung fordert Haftentlassung. Stadtmanns Anwälte fordern, dass der Haftbefehl aufgehoben wird. Faustmanns Gutachten habe eine Hirnstörung bestätigt, die zu unbewussten Fehlleistungen führen könne. Die Argumentation: Falls Stadtmann unbewusst falsch dosiert hat, ist die Anklage nicht zu halten und der Haftgrund fällt weg. Die Verteidiger wollen außerdem noch den Architekten Stadtmanns und andere Zeugen hören. Sie sollen belegen, dass Stadtmann auch außerhalb des Zyto-Labors Einschränkungen hatte und irrationale Entscheidungen getroffen habe. Wenn Schiffer nicht abgelehnt wird, wollen sie Faustmann als offiziellen Gutachter zu Schuldfähigkeit hören.

  • Gericht ist nicht befangen. Die Kammer aus Ersatzrichtern hat den Befangenheitsantrag gegen das Gericht abgelehnt. Nebenkläger hatten einen Ablehnungsantrag gegen Richter Hidding und die gesamte Kammer gestellt. Der vorsitzende Richter Hidding war bereits am vergangenen Verhandlungstag vom Vorwurf der Befangenheit entlastet worden. Dies gilt nun auch für die gesamte Kammer. Damit geht der Prozess weiter und wird nicht neu aufgerollt.

  • Nebenklage und Verteidiger lehnen gegenseitig Gutachter ab. Die Nebenklage lehnt den psychiatrischen Gutachter Pedro Faustmann wegen Befangenheit ab. Staatsanwalt Jakubowski will sich nicht zu Faustmanns Aussage äußern. Stadtmanns Anwälte lehnen ihrerseits den Gutachter Schiffer ab, obwohl sie ihn selbst vorgeschlagen hatten. Sie hätten seine Qualifikation besser prüfen müssen, sagen die Verteidiger und räumen dies als Fehler ein. Staatsanwalt Jakubowski lehnt beide Anträge ab. Er wirft Verteidigung und Nebenklage vor, lediglich inhaltliche Kritik am Ergebnis der Gutachten zu äußern.

Ausblick auf den nächsten Verhandlungstag

Richter Hidding könnte am Dienstag die Beweisaufnahme schließen. Staatsanwaltschaft und Nebenklage könnten dann mit ihren Plädoyers beginnen. Die nächsten Verhandlungstage im Überblick (Beginn jeweils 09:30 Uhr): 03.07., 05.07. und 06.07.

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Der Prozess

Der Prozess, Tag 40

Der psychiatrische Sachverständige Pedro Faustmann sagt erneut aus. Der Saal diskutiert über IQ-Werte und Schmerztropfen. Ersatzrichter müssen nun entscheiden, ob die ganze Kammer befangen ist.

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von Marita Wehlus

Welchen Eindruck macht Peter Stadtmann?

Stadtmann wirkt heute ruhig. Als seine Verteidiger nach dem Zitat einer Zeugin suchen, blättert er in den großen Aktenordnern herum und sucht danach. Ansonsten lehnt er sich große Teile der Verhandlung zwischen seinen Verteidigern zurück und sieht geradeaus.

Welchen Eindruck machen die Betroffenen?

Am Anfang des Tages sind sechs Betroffene im Gericht. Bis die Sitzung mit fast vierstündiger Verspätung beginnt, sind fünf davon gegangen. Am Ende des Tages sitzen nur noch Anwälte auf den Bänken der Nebenklage. Zwei Zuschauer und zwei Journalisten verfolgen den Verhandlungstag.

Die wichtigsten Ereignisse des Tages:

  • Ersatzrichter müssen über Befangenheit entscheiden.Teile der Nebenklage haben nach Richter Hidding auch die komplette Kammer abgelehnt. Den Befangenheitsantrag gegen den Vorsitzenden Richter Hidding wies die Kammer heute zurück. Doch über einen Antrag gegen die anderen beiden Berufsrichter und die zwei Schöffen in der Kammer müssen nun andere befinden. Nach einem komplexen System ist festgeschrieben, welche Richter in so einem Fall über welche Kollegen entscheiden. Die drei Richter des Landgerichts Essen, die ausgewählt wurden, setzen eine Frist. Bis morgen, 13 Uhr, dürfen alle dazu Stellung nehmen. Danach werden sie sich beraten. Lehnen sie die Kammer wegen Befangenheit ab, müsste das Verfahren mit neuer Besetzung wiederholt werden.

  • Die IQs von amerikanischen Apothekern 1945. Ein Streitpunkt ist und bleibt die Einschätzung von Stadtmanns IQ. Bereits der psychologische Sachverständige Boris Schiffer hatte kritisiert, dass sich Faustmann auf ungewöhnliche Vergleichsgruppen beziehe. Faustmann hatte gesagt, Stadtmann habe in einigen Tests einen für ihn auffällig niedrigen IQ-Wert von 100-115 erzielt. Der IQ von Apothekern liege durchschnittlich bei 120-125 Punkten. Diesen Vergleichswert hat Richter Hidding herausgesucht. Er stamme aus einer US-Untersuchung aus dem Jahr 1945. Dort sei auch aufgeführt, dass ein Bäcker einen niedrigeren IQ als ein Konditor habe, sagt Hidding. „Vielleicht weil er auf Kuchen schreiben muss“, sagt der Richter, und fragt, ob solche Zahlen überhaupt einen Aussagewert hätten. Faustmann bejaht, es seien ja nur Mittelwerte. Hidding ist dies nicht genug. Die Frage sei berechtigt, wenn Faustmann ihm mit solchen uralten Studien käme. Der Sachverständige erwähnt eine Studie von 2001, dort seien keine Apotheker, jedoch Pharmazeuten mit einem Wert von 116 eingetragen. Die Nebenklage hakt nach: „Ist es nicht nur Ihre eigene Einschätzung, dass der Angeklagte einen höheren IQ gehabt haben muss?“ Faustmann antwortet, er beziehe das aus dem Beruf, dem Bildungsweg und dem Abiturschnitt.

  • Eingeschränkt nur im Zytolabor? Richter Hidding versteht nicht, wie das ganze Leben Stadtmanns so toll laufen konnte und dann ein so winziger Teil nicht. Er habe schließlich erfolgreich gearbeitet, ein Haus gebaut und Charity betrieben, sagt Hidding. Genau darin läge die Schwierigkeit, sagt Faustmann. Man merke oft nicht, wenn die Einschränkung in einem ganz spezifischen Bereich sei. Es müsse die Situation unter Zeitdruck mit vielen Wiederholungen in Folge gegeben sein, sagt Faustmann. Sonst würde man die Einschränkungen in anderen Teilen des Alltags wohl nicht bemerken. Es sei bei Stadtmann auch zu keiner Wesensveränderung gekommen, sagt Faustmann. Leistungseinschränkungen seien bei dem hohen Selbstbild und der gehobenen Stimmung Stadtmanns nicht leicht zu erkennen. In Belastungssituationen würden sich dann die Einschränkungen zeigen. Ob dies nur im Zyto-Labor der Fall gewesen sei, könne er auch nicht sagen.

  • Wusste Stadtmann, was er tat? Laut Faustmann könnten unbewusste Unterdosierungen in der Stresssituation von Zyto-Herstellungen passiert sein. Die unterschiedlich unterdosierten Proben passten in ihrer Bandbreite zu der Theorie. Stadtmann habe gesagt, er könne vom Protokoll her einschätzen, ob eine Wirkstoffmenge richtig für die Person sei, sagt Nebenklageanwalt Goldbach. Die Äußerung stamme aus dem Gutachten Schiffers. Wie habe er dann mutmaßlich viel zu geringe Mengen hineintun können, fragt Goldbach. Er sei ja im Alltag nicht gestört gewesen, sagt Faustmann. Nur unter bestimmten Anforderungen arbeite er schnell, fühle sich dabei gut, mache aber qualitative Fehler. Nebenklageanwalt Schulz hakt nach. Eine Zeugin habe Stadtmann das Zitat „Die sterben doch eh alle“ zugeschrieben. Wie würde das ins Bild passen, wäre es dann nicht vorsätzlich? Faustmann argumentiert wieder mit der Stresssituation. Nach fünf Nachfragen, sagt er: „Wenn jemand das während der Herstellung sagen würde, also eine Metaebene aufmacht, dann müsste man das anders bewerten.“ Die Argumentation der Nebenklage: Wenn eine Person darüber reflektiert, während sie die Handlung ausführt, dann liegt ein Vorsatz nahe.

  • Kritik an Tests von Schiffer. Die Verteidigung befragt Faustmann zum Gutachten von Professor Schiffer. Wie Faustmann damit umgehen würde, wenn ein Proband vor dem Termin Neuralgin gegen Kopfschmerzen genommen hätte? Das sei für Faustmann ein „absolutes No Go“. Die Untersuchung müsste abgebrochen werden, sagt Faustmann. Man könne dann keine validen Tests mehr machen. Der Richter korrigiert: Die Tropfen seien laut Schiffer nur vorbeugend gewesen. Im Gerichtssaal wird über das Medikament diskutiert. Ein Arztbrief von 2006 weise auf mögliche psychische Nebenwirkungen der Tropfen hin, sagt Faustmann. Auch zu den Fragen Schiffers wollen Stadtmanns Anwälte Faustmanns Einschätzung. Wie fände er es, dass Schiffer dem Angeklagten Zeugenaussagen vorgehalten habe? Er würde davon abraten, es sei nicht die Aufgabe des Gutachters zu ermitteln, sagt Faustmann.

  • Keine Vereidigung. Obwohl alle Beteiligten eine Vereidigung des Sachverständigen beantragten, lehnt die Kammer das ab. Staatsanwalt Jakubowski machte den Vorschlag, Nebenklage und Verteidigung schlossen sich an. Richter Hidding war dagegen: „Wir machen hier keine Vereidigungen. Ich will nicht sagen es wäre Quatsch, aber…“. Die Kammer schließt sich dem Vorsitzenden an. Es benötige keine Vereidigung, um ein unparteiisches Gutachten sicherzustellen.

  • Verteidiger zweifeln Herstellungsprotokolle an. Die Verteidigung beantragt, 27 der beschlagnahmten Infusionsbeutel zu sehen. Stadtmann soll diese Proben selbst hergestellt haben. Seine Anwälte wollen beweisen, dass hier nicht das Kürzel „PS“ markiert wurde. Dann seien die Herstellungsprotokolle der einzige Hinweis auf Stadtmann als Hersteller. Hier will die Verteidigung einen Graphologen hören, der bestätigen soll, dass die Kürzel auf den Protokollen nicht Stadtmanns Unterschrift sind.  

Ausblick auf den nächsten Verhandlungstag

Der Verhandlungstag am Donnerstag wird abgesagt. Das Programm am Freitag ist noch nicht klar. Zumindest will die Kammer aber am Freitag darüber beraten, ob die Frist für Anträge verlängert wird.

Die nächsten Verhandlungstage im Überblick (Beginn jeweils 09:30 Uhr):      29.06., 03.07., 05.07. und 06.07.

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Der Prozess

Der Prozess, Tag 39

Die Nebenklage lehnt Richter Hidding als befangen ab. Eine Scheidungsanwältin sagt als unerwartete Zeugin aus. Ein Sachverständiger bescheinigt Stadtmann Störungen. Am späten Abend wird die Verhandlung wegen einem Migräneanfall Stadtmanns unterbrochen.

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von Marita Wehlus

Welchen Eindruck macht Peter Stadtmann?

Stadtmann ist heute ruhig und starrt über weite Teile der Verhandlung auf die Wand gegenüber. Als es kurz vor Schluss eine Pause gibt, steht er am offenen Fenster und beobachtet die Straße. Nach der Verhandlung wirkt er müde, unterhält sich aber noch mit seinen Anwälten.

Welchen Eindruck machen die Betroffenen?

Zehn Betroffene sitzen heute auf den Bänken der Nebenklage. Am Ende des zehnstündigen Verhandlungstages sind es nur noch zwei. Neun Zuschauer und fünf Journalisten verfolgen anfangs den Prozess. Über den Tag verlassen drei Journalisten und fünf Zuschauer den Saal.

Die wichtigsten Ereignisse des Tages:

  • Befangenheitsantrag gegen Richter Hidding. Schon am Sonntag hatte Nebenklageanwalt Andreas Schulz einen Antrag auf Ablehnung des Vorsitzenden eingereicht. Das verkündet Richter Hidding zu Beginn der Sitzung. In einem solchen Fall muss die Kammer ohne den vorsitzenden Richter über dessen Befangenheit entscheiden. Trotz des Antrages entscheidet Hidding weiterzuverhandeln und den Sachverständigen Pedro Faustmann aus praktischen Gründen erst einmal aussagen zu lassen. Es beginnt ein Schlagabtausch an Anträgen. Schulz fordert einen Kammerbeschluss. Als die Kammer den Richter bestätigt, beantragt Nebenklage-Anwältin Gerdau eine Unterbrechung. Sie will einen Antrag auf Befangenheit der gesamten Kammer vorbereiten. Hidding will das Wort nicht mehr erteilen. Auch dafür benötigt es wieder einen Kammerbeschluss. Schulz wirft immer wieder ein, er wolle eine Entscheidung zu seinem Antrag auf Einsicht der Arbeitsunterlagen der Sachverständigen. Auch in der Befragung von Faustmann, betont er immer wieder, die Unterlagen ja leider nicht zu bekommen. Richter Hidding wird laut. Schulz wirft ihm vor, empfindlich zu sein. Die Verteidigung beantragt die Vernehmung der Zeugin Christina M., die sie bereits geladen haben und die vor Ort ist. Dem wird stattgegeben. Sie darf aussagen. Alle anderen Anträge werden auf Mittwoch verschoben.

  • Scheidungsanwältin kann kurze Ehe nicht verstehen. Christina M., eine Schulfreundin Stadtmanns sagt aus, sie habe auffällige Veränderungen an ihm bemerkt. Sie hatte sich bereits per Fax bei Gericht gemeldet. In der Schulzeit sei Stadtmann ein strukturierter, überlegter, ein bisschen verklemmter Mensch gewesen, sagt die Zeugin. Als er sie 2010 wieder kontaktierte, um sich von ihr als Scheidungsanwältin vertreten zu lassen, habe sie einige Veränderungen bemerkt. Die kurzfristige Eheschließung sei für sie schwer nachvollziehbar gewesen. Es habe nicht zu dem Mensch gepasst, den sie kannte. Es seien auch geschätzt 400.000 bis 600.000 Euro an die Ehefrau und ihre Eltern geflossen. Dies und die Gründe der Trennung habe Stadtmann nicht begründen können. Das habe für sie realitätsfern gewirkt. Auch Konzentrationsprobleme und Stimmungsschwankungen seien ihr aufgefallen. In einem Gespräch sei er euphorisch gewesen und im nächsten bedrückt. Die Veränderung hätten auch Stadtmanns Vater und sein Anwalt bestätigt, sagt Christina M. Auf Nachfrage, wie das Fax an das Gericht gelangte der Nebenklage, sagt Christina M., dass sie zuerst Stadtmanns Verteidigern angerufen habe. Dort habe sie das Aktenzeichen erfragt, um das Fax an das Gericht zu schicken. Grund: Sie hatte die Kanzlei damals Stadtmanns Eltern empfohlen und sich noch an den Namen erinnert.

  • Kognitive und affektive Störung? Die Testergebnisse sprechen für eine Störung der kognitiven Leistungsfähigkeit im konzeptuellen Denken und Exekutivfunktionen, sagt der psychiatrische Sachverständige Pedro Faustmann. Die IQ-Werte von 100 beziehungsweise 115 würde man bei einem studierten Akademiker anders erwarten. Richter Hidding wirft ein, dass in Deutschland die Bildung nicht allein von der Intelligenz abhinge. Faustmann bezieht sich auf Listen, die Psychologen für die Einschätzung von IQs entworfen haben. Dort sei für einen Apotheker 120 bis 125 ein normaler IQ-Wert. Auch habe er im Vergleich zu Hauptschülern in einem der Tests schlecht abgeschnitten. Der psychologische Sachverständige Schiffer hatte diese Vergleichswerte in Frage gestellt, da er sie in keinem Handbuch gefunden habe. Faustmann verweist auf Testverfahren, die man in einem Katalog bestellen könne. Auffällig sei außerdem gewesen, wie Stadtmann sich verhalten habe, sagt Faustmann. Er habe im Gespräch motiviert und freundlich gewirkt: „Er hatte sich einen Notizblock mitgenommen, eine Überschrift geschrieben, um was es gehen solle heute.“ Das sei ein ungewöhnliches Verhalten für jemanden, der so lange in Haft saß. Das deute auf eine affektive Störung hin. Stadtmann habe auch seine eigenen Schwächen nicht gesehen.  Auf Frage der Nebenklage erklärt Faustmann, in Bezug auf das Gutachten von Schiffer, sei seine Diagnose gleich, nur habe Schiffer keine validen Testergebnisse gehabt.

  • Fehler oder Vorsatz? Die Nebenklage will wissen, ob es unter solchen Bedingungen möglich ist, dass nur Unter- jedoch keine Überdosierungen produziert werden. Stadtmann  habe ständig Angst gehabt, nicht mit der Arbeit fertig zu werden, sagt der Sachverständige. Falls diese Angst so dominant war, ließen sich gerade Unterdosierungen erklären, sagt Faustmann. In so einer Situation käme es zu Elementarhandlungen, wie einfache Schritte immer wieder zu wiederholen. Auch sei es plausibel, dass Stadtmann durch die Angst lieber zu wenig als zu viel Wirkstoff hineingetan habe. Dies müsse nicht bewusst geschehen sein.  Die Nebenklage hakt nach: Bei den beschlagnahmten Proben war nur eine von 29 Antikörper-Probe nicht unterdosiert gewesen. Ausgerechnet die war für eine Studie hergestellt worden. Wie sich das erklären ließe, fragt die Nebenklage. Faustmann weicht aus. Dies könne er nur beantworten, wenn er die Herstellungssituation kenne. Sind alle Proben an einem Tag entstanden? Wie viel Zeitdruck hat bei der Herstellung geherrscht? Ohne diese Informationen könne er die Frage nicht beantworten.

  • Migräneanfall Stadtmanns, Faustmann muss in die Verlängerung. Bevor die Verteidigung den Sachverständigen befragen kann, muss die Verhandlung am späten Abend gegen 19.45 Uhr abgebrochen werden. Stadtmann habe einen Migräneanfall, sagen seine Anwälte und bereits Schmerzmittel genommen. Er könne der Verhandlung nicht weiter folgen. Faustmann muss somit erneut geladen werden. Er hatte bereits zu Anfang mitgeteilt, dass er die nächsten zwei Wochen keine Zeit habe. Auch eine erneute Befragung des Sachverständigen Schiffer sei noch möglich, sagt Richter Hidding. Bis Mittwoch will er einen neuen Termin mit Faustmann koordinieren. Dann müsse man sehen, ob die angesetzten Termine  eingehalten werden. Möglicherweise kommt es auch zu einer Unterbrechung.

Ausblick auf den nächsten Verhandlungstag

Am Mittwoch sollen einige Anträge gestellt werden. Das Gericht will außerdem entscheiden, wie der Zeitplan für die nächste Woche aussieht.

Die nächsten Verhandlungstage im Überblick (Beginn jeweils 09:30 Uhr):      27.06., 28.06., 29.06., 03.07., 05.07. und 06.07.

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Der Prozess

Der Prozess, Tag 37

Die Verteidigung beantragt, noch mehrere Zeugen zu hören, den psychologischen Sachverständigen Schiffer auszuschließen und ein neues Gutachten über die beschlagnahmten Proben. Das Gericht lehnt derweil 18 übrige Anträge ab.

weiterlesen 5 Minuten

von Marita Wehlus

Welchen Eindruck macht Peter Stadtmann?

Stadtmann wirkt heute aufgeweckt und aufmerksam. Nachdem der Richter darauf verweist, nächste Woche könne ein Urteil fallen, diskutiert Stadtmann ernst mit seinen Anwälten.

Welchen Eindruck machen die Betroffenen?

Sieben Nebenklägerinnen sitzen im Gerichtssaal. Einige davon tragen heute T-Shirts mit dem Spruch „Wer schweigt, macht sich mitschuldig“. Der Richter weist sie an, den Text zu verdecken. Sieben Zuschauer sitzen anfangs im Gericht. Nach zahlreichen Pausen sind es nur noch zwei. Drei Journalisten verfolgen den Verhandlungstag.

Die wichtigsten Ereignisse des Tages:

  • Verteidigung stellt Flut von Anträgen. Stadtmanns Anwälte wollen die Beweisaufnahme noch nicht schließen. Sie stellen insgesamt zwölf Anträge. Unter anderem lehnen sie den psychologischen Sachverständigen Boris Schiffer ab. Er habe dem Angeklagten nicht klargemacht, dass er Psychologe und kein Psychiater sei. Richter Hidding lässt zum Ende der Verhandlung durchklingen, dass dieser Antrag wohl abgelehnt wird. Die Verteidigung beantragt außerdem eine neue Untersuchung der beschlagnahmten Proben. Bei den Gutachten seien zu viele Fehler passiert, wie die Aussage von Martina Kinzig vom Pharmazeutischen Institut Nürnberg belege. Weitere Anträge der Verteidigung: Ein Sachverständiger solle aussagen, dass Keime in der Laborluft keine Kontaminierungsgefahr bergen. Stadtmanns Ärztin solle zudem als Zeugin geladen werden. Sie könne bestätigen, dass Stadtmann am Tag vor der Razzia keine Zytostatika für den nächsten Tag hergestellt habe. Der Angeklagte sei am Vormittag in der Arztpraxis gewesen und habe so keine der beschlagnahmten Krebstherapien hergestellt. Nebenklage und Staatsanwaltschaft monieren, dass es sich nur um einen einstündigen Arzttermin gehandelt habe. Über den Rest des Tages könne die Zeugin nichts sagen. Die Verteidigung kommt auch noch einmal auf mögliche Schwarzkäufe zu sprechen. Es gebe einen Mailverteiler, über den Apotheker Zytostatika untereinander verkaufen. Dazu wollen Stadtmanns Anwälte eine Zeugin vom Verband Zytostatika herstellender Apotheker laden. Auch den Zeugen Hubertus A. wollen die Anwälte erneut hören. Der mit Stadtmann befreundete Apotheker soll aussagen, dass im Januar 2016 Zytostatika der Alten Apotheke in seinem Labor hergestellt wurden. Die Verteidigung verweist darauf, dass diese wohl in die Warenrechnung der Alten Apotheke eingegangen seien. Richter Hidding ruft A. in der Pause an und spricht mit seinem Laborleiter. Es solle sich um maximal zwei Tage gehandelt haben.

  • Medienberichte: Verteidigung und Gegenseite einig. Die Verteidigung beantragt auch, Medienberichte zu verlesen. Sie sollen zeigen, wie Stadtmann vorverurteilt worden wäre. Seine Anwälte nennen über 20 Beispiele. Stadtmanns Schuld wäre in einigen Artikeln als sicher dargestellt worden. Die Berichterstattung habe sein Recht auf ein faires Verfahren erheblich beeinträchtigt. Dies ist der einzige Antrag, dem auch die Staatsanwaltschaft, sowie große Teile der Nebenklage zustimmen. Der Nebenklage-Anwalt Andreas Schulz merkt allerdings an, die Verteidigung hätte ihren Mandanten durch das psychologische Gutachten bereits selbst bloßgestellt.

  • Sörgel kritisiert erneut die Probenuntersuchungen. Richter Hidding verliest ein Fax des Sachverständigen Fritz Sörgel. Sörgel fragt an, wann er sein zusammenfassendes Gutachten ins Gericht einbringen kann. Er hatte die Dokumentation des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) und des Landeszentrums für Gesundheit (LZG) untersucht. Letzte Woche erstattete seine Mitarbeiterin Martina Kinzig ihr Gutachten. Sörgel möchte nun erneut gehört werden. Die Fülle der Fehler bei PEI und LZG sei im Hinblick auf die Ergebniszuverlässigkeit nicht hinnehmbar, schreibt Sörgel in seinem Fax. Auf Nachfrage der Verteidigung erklärt der Richter, dass Sörgel bereits entlassen sei.

  • Kindheitsfreundin Stadtmanns faxt dem Richter. Am Freitag meldete sich auch eine Kindheitsfreundin des Angeklagten bei dem Gericht. Über ihre Anwaltskanzlei nimmt sie in dem Fax Stellung zu Wesensveränderungen bei Stadtmann. Sie sei mit dem Angeklagten zur Schule gegangen, habe dann den Kontakt verloren. 2010 habe Stadtmann sie angerufen, um sich von ihr als Scheidungsanwältin beraten zu lassen. Sie habe damals eine auffällige Persönlichkeitsveränderung bemerkt. Die Hamburgerin widerspricht dem Gutachten des psychologischen Sachverständigen Schiffer. Stadtmann habe Stimmungsschwankungen gehabt, sich vollkommen verworren verhalten und sei emotional nicht zugänglich gewesen. Sie stehe dafür auch als Zeugin bereit, schreibt die Frau. Nebenklage-Anwalt Mohammed behält sich vor, die Rechtsanwältin wegen Verstoß gegen ihre Schweigepflicht anzuzeigen.

  • 18 Anträge zurückgewiesen, Urteil vielleicht nächste Woche. Das Gericht weist 18 Anträge zurück, die sich im Laufe der Verhandlung angesammelt haben. 15 davon stellte die Verteidigung. Das Gericht lehnt eine ganze Reihe Ärzte als Zeugen ab. Sie sollten bestätigen, dass Therapien aus der Alten Apotheke gewirkt haben. Auch einige weitere Zeugen wird das Gericht nicht laden. So Martin Porwoll und Marc F., die sich in Aussagen über ein Gespräch widersprochen hatten. Außerdem werden Screenshots des Warensystems nicht ins Verfahren gebracht. Die Zahlen hieraus würden ohnehin als unzuverlässig gesehen. Man könne von absichtlichen Falscheingaben ausgehen. Außerdem hätten einige Lieferanten bereits Fehler korrigiert. Deshalb könne man eine Fehlertoleranz mit einrechnen. Diese solle zugunsten des Angeklagten sein, sagt der Richter.  Auch den Antrag der Nebenklage, die Tonaufzeichnungen des Sachverständigen Schiffer zu hören, lehnt das Gericht ab. Über die Anträge der Verteidigung von heute wird am nächsten Verhandlungstag entschieden. Wenn sie abgelehnt werden, können die Plädoyers beginnen. „Dann könnten wir kommende Woche das Urteil verkünden“, sagt Richter Hidding.

Ausblick auf den nächsten Verhandlungstag

Der Richter will morgen die Anträge von heute beschließen. Falls keine weiteren dazu kommen und die Beweisanträge abgelehnt werden, fangen die Plädoyers an.

Die nächsten Verhandlungstage im Überblick (Beginn jeweils 09:30 Uhr): 19.06., 20.06., 22.06., 25.06., 27.06. und 29.06.

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