Der zweite Prozesstag in einem der größten Medizinskandale der Nachkriegszeit. Die Verteidigung des Bottroper Apothekers Peter Stadtmann stellen als Antwort auf die Anklageverlesung ihre Sichtweise da. Der Leiter der Ermittlungen gegen Stadtmann, Kriminalhauptkommissar Ulrich Herold, sagt als erster Zeuge aus. CORRECTIV berichtet aus dem Gerichtssaal.

Diesmal ist es deutlich leerer als am ersten Prozesstag. Viele Plätze im Zuschauerraum bleiben leer. Fünfzehn Journalisten sind gekommen. Schon jetzt ist klar, die 14 angesetzten Verhandlungstage werden nicht ausreichen, um alle Zeugen zu hören. Weitere Termine im Februar und März 2018 sollen am Freitag bekannt gegeben werden.

Welchen Eindruck macht Peter Stadtmann ?

Peter Stadtmann trägt wieder einen schwarzen Rollkragenpullover und ein schwarzes Sakko. Er wirkt angespannter als am ersten Tag. Immer wieder berät er sich ausführlich mit seinen Anwälten. Ansonsten schweigt er.

Welchen Eindruck machen die Betroffenen ?

Einige Betroffene können nach ihrer gestrigen Zulassung als Nebenkläger- und klägerinnen heute das erste Mal auf der linken Seite im Gerichtssaal Platz nehmen. Sie sitzen Peter Stadtmann direkt gegenüber. Empörung löst unter ihnen eine Aussage der Verteidigung aus. Die Anwälte Stadtmanns sprechen von “überdurchschnittlichen Behandlungserfolgen in mehreren Praxen, die von der Alten Apotheke beliefert wurden”. (Dazu mehr weiter unten). Die Betroffenen schütteln nur die Köpfe und werfen sich fassungslose Blicke zu.

Die wichtigsten Ereignisse des Tages:

  • Befangenheitsantrag vertagt: Die Entscheidung über den gestern vorgebrachten Befangenheitsantrag gegen einen der zwei Schöffen wird auf den nächsten Verhandlungstag am Freitag verschoben. Erst nach dieser Entscheidung wird das Gericht auch über die Verlegung des Prozesses an ein Schwurgericht entscheiden können.

  • Schöffin ausgefallen: Den Vorwurf von Stadtmanns Verteidigern, eine Schöffin sei unrechtmäßig von ihrem Amt freigestellt worden, weist der Richter ab. Die Anwälte Peter Stadtmanns haben Zweifel an der ordnungsgemäßen Besetzung der Kammer, weil eine vorgesehene Schöffin wegen einer Augen OP von ihrem Amt freigestellt worden war. Der Richter geht jedoch davon aus, dass der Schöffin nicht zugemutet werden konnte, die OP zu verschieben. Auch habe man keine Verzögerung des Prozesses riskieren können.

  • Eröffnungsrede der Verteidigung: Die Verteidiger von Peter Stadtmann nutzen die Möglichkeit ein sogenanntes „opening statement“ abzugeben. Dadurch soll der Angeklagte die Möglichkeit bekommen sich zur Anklage zu äußern. Doch Stadtmann selbst schweigt. "Das Schweigen ist nicht zuletzt den massiven Vorverurteilungen in den Medien geschuldet", erklärt einer seiner Anwälte. In weiten Teilen der Öffentlichkeit gehe man schon jetzt zu Unrecht von der bewiesenen Schuld Stadtmanns aus. Bezogen auf die Anklage kritisieren seine Anwälte die Wirkstoffanalysen der beschlagnahmten Therapien. Das Paul Ehrlich Institut habe gar keine Möglichkeit, die Therapien korrekt auf Wirkstoffe zu untersuchen. Das Institut schreibt uns: "Mit diesen Methoden ist es möglich Antikörper zweifelsfrei nachzuweisen". Außerdem monieren die Verteidiger, die von der Staatsanwaltschaft ermittelten zu niedrigen Einkaufsquoten seien nicht haltbar. Überfüllungen der Medikamente und Rabattlieferungen seien nicht berücksichtigt worden. Außerdem fehle in der Kalkulation der in der Alten Apotheke vorhandene Anfangsbestand an Medikamenten. Die Anwälte Stadtmanns verweisen außerdem auf ein aus ihrer Sicht "entscheidendes entlastendes Indiz". Demnach seien die Behandlungserfolge mehrerer Praxen, die von der Alten Apotheke beliefert wurden, überdurchschnittlich. Die Überlebensrate der Patienten in diesen Praxen liege zum Teil deutlich höher als bei internationalen Studien. Solche Erfolge seien bei gepanschten Medikamenten unmöglich. Die Anwälte von Stadtmann beziehen sich auf folgende Ärzte: Mahdi Rezai, der Praxisgemeinschaft Pott, Hannig, Tirier, Rudolf Voigtmann und Dörte Schaffrin-Narbe.
  • Kripo im Zeugenstand: Um kurz vor 12 ruft der vorsitzende Richter Johannes Hidding Kriminalhauptkommissar Ulrich Herold in den Zeugenstand. Der erste Zeuge des Prozesses. Herold leitete die Ermittlungen gegen Stadtmann, vernahm Zeugen und entwarf den Plan für die Durchsuchung der Alten Apotheke, des Zytolabors und des Privathauses. Er berichtet auch von der Festnahme Stadtmanns. Der Apotheker sei morgens um kurz nach sechs in seinem Kellerlabor verhaftet worden. Er habe angespannt gewirkt, sei rot angelaufen. Laut Herold liegen aktuell 146 Strafanzeigen gegen Stadtmann vor.

  • Dementi von Hexal: Der Richter Johannes Hidding befragt den Kommissar Herold auch zu möglichen Schwarzverkäufen. Laut einem Schreiben von Stadtmanns Verteidigern soll ein Pharmavertreter von Hexal, Wilfried Harseim, aus dem Kofferraum Wirkstoffe schwarz an Stadtmann verkauft haben. Nach Unterlagen, die CORRECTIV vorliegen, behaupten die Verteidiger, dass Wilfried Harseim 2014 monatlich Peter Stadtmann die Zytostatika aus dem Kofferraum zu Preisen stark unter Marktwert verkauft haben solle. Peter Stadtmann soll zu diesem Zweck 2014 über 200.000 Euro bar abgeholt haben, schreiben die Anwälte. Der Schwarzhandel soll mit dazu beitragen, den Hauptpfeiler der Anklage zu stürzen. Die Differenz zwischen eingekauften und verkauften Wirkstoffmengen. Wir haben Hexal und Wilfried Harseim gefragt. Der Pharmavertreter hat nicht geantwortet. Aber der Sprecher von Hexal. Wir veröffentlichen die Antwort von Hexal von heute:

„Zytostatika werden im Werk Salutas Pharma (Tochtergesellschaft von Hexal) in Barleben (bei Magdeburg) von einem spezialisierten Logistikunternehmen abgeholt und von dort direkt in die Apotheken (oder zu Großhändlern) gebracht, die die Ware bestellt haben. Das heißt, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Außendienst kommen mit Ware nicht in Kontakt und können demnach Ware auch nicht selbst – wie von Ihnen geschildert - verkaufen. Wir hatten und haben keinerlei Hinweise darauf, dass sich außerhalb des geschilderten Vertriebswegs Ware von Hexal im Markt befand oder befindet. Selbstverständlich haben wir mit Herrn Harseim direkt über Ihre Anfrage gesprochen. Er selbst hatte uns auch über die Anfrage informiert, die Sie an ihn gestellt hatten. Im Gespräch mit uns hat Herr Harseim klargestellt, dass es die von Ihnen geschilderten Verkäufe nicht gegeben hat." Das ist ein klares Dementi.

  • Positives zum Angeklagten: Stadtmanns Verteidiger versuchen dem Kommissar Herold mit wiederholten Fragen eine Bestätigung Ihrer Darstellung der Festnahme zu entlocken. Demnach habe Stadtmann sich am Tag der Razzia vorbildlich um Ersatzmedikamente für die Krebspatienten gekümmert. Dabei ist ein Notfallplan für jede Zyto-Apotheke Standard. Wie der Apotheker, der am Tag der Razzia eingesprungen war, uns gegenüber erklärte, gab es eine vertraglich festgehaltene Vereinbarung zwischen ihm und Stadtmann für „den Fall eines unvorhersehbaren Ausfalls der Produktionsstätten“.

  • Steuerstrafverfahren: Im Rahmen der Befragung durch die Anwälte der Nebenklage, sagt der Zeuge Herold vor Gericht aus, dass während der Ermittlungen eine Anfrage an die Steuerbehörden gestellt wurde. Herold sagt aus, dass demnach im Februar 2016 ein Steuerstrafverfahren im Bereich Kassenmanipulation gegen Stadtmann vorgelegen haben soll. Die Anwälte der Nebenklage können diese Information bisher nicht einsehen, da in den Akten dieser Teil geschwärzt ist.

Video

Berichterstattung:

Ausblick auf den nächsten Verhandlungstag:

Das Gericht muss am nächsten Verhandlungstag am Freitag, den 17.11.2017, entscheiden, ob einer der Schöffen befangen ist. Wenn das entschieden ist, kann die Kammer auch über die Forderung der Nebenklage befinden, den Prozeß vor die Schwurkammer zu bringen. Außerdem soll am Freitag die Kriminalkommissarin Kathrin Gesing als Zeugin aussagen.

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