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Cristina Helberg

Faktencheckerin

Im CORRECTIV.Faktencheck-Team recherchiert Cristina zu Desinformation im Netz und deckt fast täglich Falschnachrichten auf. Für die Faktencheck-Community-Redaktion Checkjetzt bildet sie Interessierte in Verifikation und Recherche aus. Für die NRW-Redaktion von CORRECTIV recherchierte sie zum Medizinskandal um unterdosierte Krebsmedikamente aus Bottrop und begleitete den anschließenden Gerichtsprozess, oft als einzige Journalistin im Saal. 2019 absolvierte Cristina eine Weiterbildung in investigativer Recherche an der Columbia University in New York. 2018 wurde sie vom Medium Magazin als “Top 30 bis 30″- Nachwuchsjournalistin ausgezeichnet. Vorher reiste sie um die Welt, studierte Lateinamerikanistik auf Kuba und in Köln, absolvierte die Zeitenspiegel Journalistenschule und arbeitete als freie Journalistin.

E-Mail: cristina.helberg(at)correctiv.org

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Ein Corona-Test am 15. Juli in Sacramento in den USA. (Symbolbild: picture alliance/ZUMA Press)

von Cristina Helberg

In einem Artikel wird spekuliert, die Aufregung um das Coronavirus sei „ein riesiger Fake“. Denn in den USA könnten zehntausende Menschen fälschlich als Covid-19-Todesfälle deklariert worden sein. Damit solle die Sterberate angeblich „künstlich nach oben getrieben werden“. Für diese Schlussfolgerung gibt es keine Belege.

Die Webseite Schweizer Morgenpost behauptet in einem Artikel, dass in den USA zehntausende Menschen als „falsche Coronatote“ gezählt worden sein könnten. „In amerikanischen Städten und Bundesstaaten wird offenbar die Sterblichkeit unter den am Coronavirus erkrankten Menschen künstlich nach oben getrieben“, heißt es weiter. Zudem wird behauptet, es sei eine „bekannte Tatsache“, dass positiv auf das Coronavirus getestete Menschen auch dann als Coronatote zählen, wenn sie bei einem Unfall oder durch andere Erkrankungen sterben würden. 

Der Artikel vom 21. Juli wurde laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 2.600 Mal geteilt. Die Webseite Schweizer Morgenpost hat in der Vergangenheit wiederholt Falschmeldungen verbreitet, die wir geprüft haben. (Zum Beispiel hier, hier und hier)

Wir haben die Behauptungen zur Zählweise der Covid-19-Todesfälle in den USA geprüft. Es gibt keine Belege, dass die Zahlen viel zu hoch sind.

Anweisung des CDC widerspricht der Behauptung

Auf seiner Webseite schreibt das US-amerikanische Zentrum für Krankheitsbekämpfung und Prävention (CDC) deutlich: „Wenn COVID-19 als Todesursache auf dem Totenschein angegeben wird, wird die Angabe codiert und als Tod aufgrund von COVID-19 gezählt. COVID-19 sollte nicht auf dem Totenschein angegeben werden, wenn es den Tod nicht verursacht oder dazu beigetragen hat.“ Der Hinweis ist dort mindestens seit dem 28. Mai zu lesen, wie eine archivierte Version der Webseite zeigt. 

Schon am 3. April 2020 veröffentlichte das CDC außerdem eine detaillierte Anleitung, wie Totenscheine im Zusammenhang mit dem Coronavirus ausgefüllt werden sollen. Dort steht: „Zweck dieses Berichts ist es, Sterbebeglaubigern eine Anleitung für die ordnungsgemäße Bescheinigung der Todesursache in Fällen zu geben, in denen bestätigte oder vermutete Covid-19-Infektionen zum Tod geführt haben.“ Weiter wird in dem Dokument deutlich gemacht, dass im oberen, ersten Teil des Totenscheins die „unmittelbare Ursache für den Tod“ anzugeben sei. Bei einem tödlichen Unfall, wäre das demnach die tödliche Unfallverletzung und nicht eine eventuell vorliegende Coronavirus-Infektion. 

CDC weist auf mögliche spätere Änderungen hin 

Das CDC weist auf seiner Webseite außerdem daraufhin, dass es zwei Zählweisen der Covid-19-Todesfälle gibt, die voneinander zu unterscheiden sind. Zunächst laufen vorläufige Zählungen der Todesfälle bei der Behörde ein und werden veröffentlicht. Diese provisorischen Zählungen werden laufend überprüft und aktualisiert und können sich deshalb erhöhen oder verringern, wenn neue Daten zu Sterbeurkunden übermittelt wurden. Mit Stand 29. Juli 2020 zählte das CDC 148.866 Covid-19-Todesfälle in den USA.

Bundesstaat Washington änderte Zählweise im Juni 

Soweit die Anweisungen der Bundesbehörde. Allerdings wurden in einigen US-amerikanischen Bundesstaaten offenbar trotzdem eine Zeitlang alle positiv getesteten Personen automatisch zu den Covid-19-Todesfällen gezählt. Die Gesundheitsbehörde des US-Bundesstaat Washington veröffentlichte am 20. Juni eine Ankündigung, die Zählweise zu ändern. „Bisher haben wir alle Menschen, die starben und zuvor positiv auf Covid-19 getestet wurden, gezählt. Diese Methode identifiziert Personen, die das Virus hatten, sagt uns aber nicht, ob Covid-19 ihren Tod verursacht hat“, heißt es darin. 

Warum Demokratie Faktenchecks braucht

Desinformation im Netz ist ein zentrales Problem des 21. Jahrhunderts. Es hat das Potenzial, Demokratien zu zerreiben. Nie war das deutlicher als in der Corona-Krise. Faktenchecker auf der ganzen Welt haben die Gefahr erkannt – und arbeiten trotz Widerstands und Angriffen täglich dagegen an. Warum unsere Arbeit so wichtig ist.

ZUM ARTIKEL

Als Grund für diese Vorgehensweise gibt die Behörde an, sie habe versucht, von Beginn des Ausbruchs an, Daten möglichst in Echtzeit zu veröffentlichen, um dem Gesundheitssystem und der Politik Zugang zu den aktuellsten Informationen zu ermöglichen. Der reguläre Prozess für die Erhebung der Daten dauere bis zu 18 Monate. 

Im Zuge der Umstellung der Zählweise Mitte Juni löschte die Behörde im Staat Washington am 17. Juni sieben Todesfälle aus der Corona-Statistik: zwei Suizide, drei Tötungsdelikte und zwei Todesfälle durch Überdosis. Außerdem wurden in der Statistik neue Kategorien eingeführt: „bestätigter Covid-19-Tod“, „große Wahrscheinlichkeit auf Covid-19-Tod“, „Verdacht auf Covid-19-Tod“ und „kein Corona-Tod“ (Beispiele dafür sind Mord, Überdosis, Selbstmord, Autounfall oder Krankheit mit klarem Ausschluss einer Covid-19-Erkrankung). 

Opfer eines Motorradunfalls in Florida als Covid-19-Todesfall gezählt?

Die Schweizer Morgenpost nennt in ihrem Artikel nur zwei Einzelfälle als angebliche Belege für „zehntausende“ falsch zugeordnete Todesfälle. Zum Beispiel den Fall eines Motorradunfalls in Florida: Ein dabei getöteter Mann sei wegen eines vorherigen positiven Corona-Tests als Coronatoter gezählt worden. Als Quelle bezieht sich die Seite auf die Berichterstattung des Fernsehsenders FOX35. Erst nach deren Berichterstattung sei der Mann von der Liste der Coronatoten genommen worden. 

Die US-Faktenchecker von Lead-Stories haben in einem Faktencheck analysiert, dass der Sender FOX35 den Fall aufgebauscht hatte. Die Faktenchecker schreiben: „Ein Beamter des öffentlichen Gesundheitswesens, den FOX35 mit den Worten aufzeichnete, er wisse nicht, ob der Tod des Motorradfahrers in die Covid-19-Zählung aufgenommen wurde oder nicht, ist nicht die Person, die die Todesursache bestimmt. Staats- und Bundesbeamte sagen, dass der Tod nicht zur Gesamtzahl der Todesfälle des Staates addiert wurde.“ 

Familie in Oklahoma streitet um Todesursache 

Außerdem verweist die Schweizer Morgenpost auf einen Bericht der Webseite The Oklahoman über einen Mann, der an Alzheimer erkrankt war und positiv auf das Coronavirus getestet wurde. Die Familie glaubt laut dem Bericht, er sei an Alzheimer gestorben, weil seine Coronavirus-Symptome schon abgeklungen waren. Auf seinem Totenschein gab ein Arzt jedoch das Coronavirus als Todesursache an. 

Aus diesen beiden Einzelfällen zieht die Schweizer Morgenpost den Schluss: „Mittlerweile befürchten viele Amerikaner, dass Zehntausende auf den Todeslisten stehen könnten, die zwar am Coronavirus erkrankt waren, aber nicht daran gestorben sind. Das könnte auch in Europa der Fall sein und das Chaos um das Virus als einen riesigen Fake entlarven.“ 

Sterbefallzahlen werden offenbar eher unterschätzt 

Auch wenn in Einzelfällen die Frage, ob Personen an oder mit dem Coronavirus gestorben sind, streitig sein kann, gibt es keinerlei Belege, dass „zehntausende Menschen“ in den USA falsch als Corona-Tote deklariert worden sein könnten und die Corona-Sterberate damit „künstlich“ nach oben getrieben werden soll. Stattdessen sind die US-Behörden offensichtlich darum bemüht, möglichst genaue Daten zu dokumentieren und arbeiten deshalb mit einem zweistufigen Verfahren. 

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In Deutschland werden vom Robert-Koch-Institut (RKI) auch Todesfälle in die Statistik aufgenommen, die nicht an, aber mit dem Virus gestorben sind. Wir haben einen ausführlichen Faktencheck dazu veröffentlicht. Eine Sprecherin des RKI teilte uns mit, Fälle, in denen ein Infizierter zum Beispiel durch einen Unfall sterbe, seien sehr selten, so dass die Statistik nicht verzerrt werde. Obduktionen von verstorbenen Covid-19-Patienten in Hamburg zeigen außerdem, dass die überwiegende Mehrheit tatsächlich an Covid-19 starb.

Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Todesfälle im Zusammenhang mit Corona eher unterschätzt werden. Das sagte zum Beispiel der RKI-Chef Lothar Wieler am 3. April, als er auf die Kritik an der Zählweise in einer Pressekonferenz angesprochen wurde.Für Italien bestätigen diese Vermutung auch erste wissenschaftliche Untersuchungen, die kürzlich veröffentlicht wurden. 

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Es gibt keine Belege, dass Corona-Todeszahlen in den USA „künstlich“ in die Höhe getrieben werden.

Virus Outbreak Belgium
Ein Labortechniker während der Forschung am Coronavirus in Beerse, Belgien, am 17. Juni 2020. (Symbolbild: AP Photo/Virginia Mayo)

von Cristina Helberg

Weltweit kursiert aktuell die virale Behauptung, das neue Coronavirus SARS CoV-2 sei eigentlich ein Bakterium und kein Virus. Die Patienten würden an nichts anderem als an Thrombosen sterben und Italien habe das Virus besiegt. Diese und weitere Behauptungen sind falsch. Wir erklären, warum.

In einem Text der Webseite Liebe isst Leben vom 30. Mai wird behauptet, italienische Ärzte hätten die Heilung für Covid-19 gefunden: Sie hätten herausgefunden, dass das Coronavirus SARS-CoV-2 eigentlich ein Bakterium sei und kein Virus. Die aus dem Virus entstehende Krankheit, das „sogenannte Covid-19“, sei nichts anderes als eine Thrombose. Das ist falsch. 

Der Artikel wurde laut dem Analysetool Crowdtangle insgesamt mehr als 650 Mal auf Facebook geteilt und in mehreren Facebook-Gruppen weiter verbreitet, darunter den Gruppen „Wutbürger, Widerstand leisten ist jetzt Pflicht“ und „Qanon Europa“. 

Die Falschinformation wird aber nicht nur in Deutschland verbreitet. Dieselben Behauptungen, teilweise im Wortlaut identisch, wurden auch von Faktencheckern in Peru, Kolumbien, auf den Philippinen, in Nigeria, Ägypten, Indien, Australien, Kenia, der Türkei und der Ukraine geprüft und für falsch befunden. CORRECTIV kooperiert im Rahmen des International Fact-Checking Network mit Faktencheck-Organisationen weltweit. 

SARS-CoV-2 ist kein Bakterium, sondern ein Virus 

Die erste zentrale Behauptung des Textes lautet: Italienische Ärzte hätten bei Autopsien festgestellt, dass „es sich nicht um einen Virus, sondern um eine Bakterie handelt, die den Tod verursacht“. Das ist falsch. 

Die WHO informiert auf ihrer Webseite regelmäßig über populäre Falschmeldungen rund um das Coronavirus SARS-CoV-2. Am 9. Juni veröffentlichte die Organisation eine Klarstellung zu der Bakterien-Behauptung: „Die Coronavirus-Krankheit (Covid-19) wird durch ein Virus verursacht. NICHT durch Bakterien. Das Virus, das Covid-19 verursacht, gehört zu einer Familie von Viren namens Coronaviridae.“ 

In den vergangenen Monaten kursierte außerdem die Behauptung, Antibiotika würden gegen die durch das Coronavirus SARS-CoV-2 ausgelöste Krankheit Covid-19 helfen. Diese Falschmeldung hängt indirekt auch mit der Frage zusammen, ob es sich um Bakterien oder Viren handelt. Deshalb stellt die WHO weiter klar: „Antibiotika wirken nicht gegen Viren. Einige Menschen, die an Covid-19 erkranken, können als Komplikation auch eine bakterielle Infektion entwickeln. In diesem Fall können Antibiotika von einem Gesundheitsversorger empfohlen werden.“ 

Auch das Robert-Koch-Institut schreibt auf seiner Webseite: „Nicht selten leiden Covid-19-Patienten unter weiteren Infektionen: Bei 5 – 40 Prozent der Patienten kam es zu Co-Infektionen. […] Zudem wurden in einigen Fällen Superinfektionen mit multiresistenten Bakterien […] festgestellt.“

Information auf der Webseite des Robert-Koch-Institutes. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Behauptung ist also falsch. Das Coronavirus ist kein Bakterium. Es kann aber während einer Covid-19-Erkrankung zu zusätzlichen Infektionen mit Bakterien kommen. Diese können, anders als Viren, mit Antibiotika behandelt werden. 

Nein, die WHO hat Autopsien von Corona-Toten nicht verboten 

Weiter wird im Text behauptet, italienische Ärzte hätten gegen ein „Weltgesundheitsgesetz“ der WHO verstoßen, das Autopsien von Coronavirus-Toten verboten habe. Das ist falsch. Im März gab die WHO in einem offiziellen Papier sogar Empfehlungen, was man bei einer Autopsie von Corona-Toten beachten solle.  

Auch italienische Behörden haben Autopsien nicht verboten, jedoch davon abgeraten, wie die italienischen Faktenchecker der Webseite Open im Mai recherchierten. Das Gesundheitsministerium gab dennoch Hinweise, wie Autopsien von Corona-Toten sicher durchgeführt werden können. Allerdings sind in Italien offenbar viele Autopsieräume nicht für diese sichere Durchführung geeignet. Bereits am 22. April wurde eine Studie über die Ergebnisse von Autopsien an 38 verstorbenen italienischen Covid-19-Patienten als Preprint veröffentlicht. 

Die Behauptung ist also ebenfalls falsch. Weder die WHO, noch die italienischen Behörden haben Autopsien verboten. 

Nein, Covid-19 ist nicht gleichbedeutend mit einer Thrombose

Weiter wird im Text behauptet, italienische Ärzte hätten herausgefunden, dass Covid-19 „nichts anderes als […] Thrombose“ sei. 

Auch diese Behauptung ist falsch, aber nicht neu. Bereits im April wurde in einem Whatsapp-Kettenbrief behauptet, Autopsien in Italien hätten gezeigt, dass Covid-19 Patienten nicht an Lungenentzündung, sondern an einer Thrombose sterben würden. Deshalb benötigten Krankenhäuser angeblich weder Beatmungsgeräte noch Intensivstationen. Diese Behauptung greift auch die Seite Liebe isst Leben erneut auf. Warum das nicht stimmt, haben wir in einem Faktencheck recherchiert

In der noch nicht abschließend bewerteten Studie italienischer Ärzte vom 22. April 2020 über die Autopsien von 38 Corona-Patienten steht: „Das vorherrschende Muster von Lungenläsionen bei Covid-19-Patienten ist DAD, wie auch bei den beiden anderen Coronaviren, die den Menschen infizieren, SARS-CoV und MERS-CoV.“ DAD steht für „diffuser Alveolarschaden“, eine Schädigung der Lungenbläschen. 

Weiter steht in dem Preprint: „Unsere Daten unterstützen nachdrücklich die Hypothese, von neueren klinische Studien, dass Covid-19 durch Blutgerinnungsstörung und Thrombose verkompliziert wird, oder eng damit zusammenhängt“ (PDF, Seite 5). Die Autoren beobachteten Thromben – Blutgerinnsel – bei 33 der 38 untersuchten Patienten. Aus diesem Grund werde eine Verwendung von Antikoagulanzien, also gerinnungshemmenden Medikamenten, vorgeschlagen.  

Die Autoren ziehen also keinesfalls den Schluss, dass Patienten mit Covid-19 ausschließlich an Thrombosen starben. Sie warnen jedoch, dass diese offenbar häufig auftreten. 

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Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) führt neben Lungenentzündungen schon seit Ende Januar Thrombopenie als mögliche Komplikation in kritischen Fällen von Covid-19 auf. (PDF, Seite 3) Thrombozytopenie ist eine deutliche Verminderung der Zahl der Blutplättchen, die das Risiko für eine Thrombose erhöht. Die WHO rät deshalb zur Anwendung von gerinnungshemmendem Heparin bei Patienten, bei denen keine anderen Umstände dagegen sprechen. (PDF, Seite 8)

Auch andere Studien weisen auf die Gefahr von Thrombosen hin, zum Beispiel eine am 10. April erschienene niederländische Studie

Die Behauptung ist also größtenteils falsch. Thrombosen treten bei Covid-19 Patienten offenbar häufig auf. Das heißt aber nicht, dass alle Covid-19 Patienten ausschließlich an Thrombosen sterben. 

Nein, Italien hat das Coronavirus nicht „besiegt“

Weiter wird im Text von Liebe isst Leben behauptet, Italien habe das Coronavirus „besiegt“ und eine Heilung gefunden. Das ist falsch. Die Zahlen sind in Italien zwar deutlich gesunken, am 23. Juni meldete das zuständige Ministerium aber immer noch 122 neue Fälle im Vergleich zum Vortag. 

5G, Aspirin und Zink – ein Mix aus falschen Behauptungen und unbelegten Empfehlungen

Der Artikel endet mit einer Warnung an die Leserinnen und Leser und einer Handlungsempfehlung, die mehrere Falschmeldungen der vergangenen Monate vermischt. 

Eine davon: Angeblich werde das Coronavirus (beziehungsweise das angebliche Bakterium) durch die Strahlung des neuen Mobilfunkstandards 5G verstärkt. Für einen Zusammenhang gibt es jedoch keine Belege. Wir haben mehrere Faktenchecks dazu veröffentlicht. 

Behauptungen zu 5G, Zink und Aspirin in dem Artikel der Webseite Liebe isst Leben. (Screenshot: CORRECTIV)

Außerdem wird in dem Artikel zur Einnahme von Aspirin geraten. Das italienische Gesundheitsministerium haben die Covid-19-Behandlungsprotokolle geändert und verabreiche Patienten nun Aspirin und Apronax. 

Aspirin und Apronax gehören zu den nicht-steroidalen entzündungshemmenden Medikamenten, für die laut WHO bisher weder Vorteile, noch Nachteile für Covid-19 Patienten nachgewiesen sind. 

Die Behauptung, italienische Behörden hätten die Behandlungsprotokolle geändert, ist falsch. Auf der Webseite des italienischen Gesundheitsministeriums steht weiterhin: „Gegenwärtig gibt es keine spezifische Behandlung für die durch das neue Coronavirus verursachte Krankheit. Die Behandlung basiert nach wie vor hauptsächlich auf einem symptomatischen Ansatz, bei dem den Infizierten unterstützende Therapien (z.B. Sauerstofftherapie, Flüssigkeitsmanagement) zur Verfügung gestellt werden, die dennoch hochwirksam sein können.“ 

Die Webseite des Ministeriums verweist außerdem auf eine Übersicht der italienischen Arzneimittelagentur (AIFA) für Medikamente, die aktuell bei COVID-19-Patienten im Rahmen von klinischen Versuchen eingesetzt werden. Aspirin und Apronax tauchen darin nicht auf. 

Auch zu der falschen Behauptung, Aspirin könne Covid-19 heilen, haben wir bereits in der Vergangenheit einen Faktencheck veröffentlicht. 

Verbraucherzentrale warnt vor falschen Heilungsversprechen 

Zusätzlich rät der Text der Webseite Liebe isst Leben zur Einnahme von Zink. Schon seit Beginn der Corona-Pandemie kursieren immer wieder fragwürdige Empfehlungen für Nahrungsergänzungsmittel gegen das Coronavirus. 

Die Verbraucherzentrale warnt: „Es gibt keine Nahrungsergänzungsmittel, die eine Erkrankung mit dem neuartigen Coronavirus (SARS-CoV-2) verhindern können.“ Auf ihrer Webseite geht die Zentrale detailliert auf verschiedene Nahrungsergänzungsmittel ein. Zu Zink steht dort: „Auch bestimmte Mineralstoffe wie Selen, Zink, Eisen und Kupfer sind wichtig für ein normales Immunsystem. Das funktioniert aber nur, wenn vorher ein Defizit bestanden hat. Ein Zuviel an Mineralstoffprodukten bringt die feinen Regelkreisläufe im Körper durcheinander.“

Auch zur Einnahme von sogenannten Antikoagulantien (Gerinnungshemmern) rät die Webseite. Tatsächlich hat ein Arbeitskreis des RKI am 18. Juni in einem Papier die Möglichkeit erwähnt, Corona-Patienten Gerinnungshemmer zur Thrombosevorbeugung zu verabreichen. Die Autoren warnen aber ausdrücklich vor einem Blutungsrisiko, und die Empfehlung gilt nur für Patienten, die stationär im Krankenhaus behandelt werden und unter der Aufsicht von Ärzten stehen (PDF, Seite 7).

Die Empfehlungen der Webseite für Medikamente oder Nahrungsergänzungsmittel führen also alle in die Irre. Aspirin und Apronax haben laut WHO keinen Effekt im Zusammenhang mit dem Virus. Laut dem italienischen Gesundheitsministerium gibt es gegenwärtig keine spezifische Behandlung für Covid-19. Die Einnahme von Zink ist nur sinnvoll, falls ein Defizit besteht. Die Einnahme von Gerinnungshemmern birgt Risiken wie Blutungen und sollte ausschließlich mit Ärzten beraten werden.

Unsere Bewertung:
Falsch. Das SARS-CoV-2 ist kein Bakterium, Italien hat das Coronavirus noch nicht besiegt und Thrombosen sind nicht die alleinige Todesursache von Corona-Patienten.

Hunde-Impfstoff
Mit diesem Foto wird in einem Facebook-Beitrag suggeriert, das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 sei schon seit 20 Jahren bekannt. Das ist falsch. (Screenshot: CORRECTIV)

von Cristina Helberg

Das Foto einer Impfdosis für Hunde gegen Coronaviren führen Nutzer in Sozialen Netzwerken als Beweis heran, dass das aktuelle Coronavirus schon lange bekannt sei. Das ist falsch. Die Familie der Coronaviren kennen Wissenschaftler schon seit den 60er-Jahren.

In einem Facebook-Beitrag wird ein Foto einer angeblichen Coronavirus-Impfdosis geteilt. Über dem Foto ist zu lesen: „Im Jahre 2001 gab es einen Impfstoff für Haustiere gegen Corona. Glaubste nicht? Ist aber so.“ Und darunter: „[…] etwas stimmt nicht, die halten die Leute wirklich für Idioten“. Der Nutzer, der das Foto geteilt hat, schrieb dazu: „Vor 20 Jahren“. So wird suggeriert, der aktuelle Coronavirus SARS-CoV-2 sei gar nicht neu, sondern schon seit Jahrzehnten bekannt und einen Impfstoff gebe es längst. Das ist falsch. Der Beitrag wurde mehr als 10.000 Mal geteilt. 

Dieser Facebook-Beitrag suggeriert, das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 sei schon seit 20 Jahren bekannt. Das ist falsch. (Screenshot: CORRECTIV)

Richtig ist: Die Familie der Coronaviren ist in der Wissenschaft schon seit Mitte der 1960er-Jahre bekannt, wie das Robert-Koch-Institut auf seiner Webseite schreibt. Auch bei SARS und MERS handelt es sich um Coronaviren. Bei SARS-CoV-2 wird daher von Experten auch von einem „neuartigen“ Coronavirus gesprochen. Da es lange keinen eigenen Namen hatte, setzen viele Menschen SARS-CoV-2 offenbar mit dem Begriff „Coronavirus“ gleich. 

Zu Beginn der Pandemie Anfang 2020 kursierte eine ähnliche Falschmeldung. In Sozialen Netzwerken teilten Nutzer ältere Fotos von Desinfektionsmittelflaschen, auf denen zu lesen war, dass sie gegen Coronaviren wirksam seien. Daraus leiten Facebook-Nutzer ab, dass das neuartige Coronavirus schon lange bekannt sei. Das stimmt nicht. Die Details haben wir in einem Faktencheck erklärt. 

Impfstoff für Hunde ist nicht für SARS-CoV-2 geeignet

Aber was genau ist auf dem aktuell kursierenden Bild zu sehen? Auf dem lilafarbenen Etikett der Impfdosis ist die Bezeichnung „Canine Coronavirus Vaccine“ und die Bezeichnung „Nobivac“ zu lesen. „Canine“ ist eine englische Bezeichnung für Hund – es handelt sich um eine Impfdosis für Hunde. 

Das US-amerikanische Pharmaunternehmen Merck Animal Health vertreibt den Wirkstoff unter dem Namen Nobivac und weist auf seiner Webseite extra darauf hin, dass es sich nicht um einen Impfstoff gegen das aktuelle Coronavirus SARS-CoV-2 handelt. 

Hinweis auf der Seite des Pharmaunternehmens, dass diese Impfstoffe nichts mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 zu tun haben. (Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

Die zwei Coronaviren CCov und CRCoV für die das Pharmaunternehmen Impfstoffe für Hunde anbietet, können bei den Tieren schwere Infektionen auslösen.  

CORRECTIV ist spendenfinanziert
Wir recherchieren zu Missständen in der Gesellschaft, bieten Bildungsprogramme an und setzen uns für Informationsrechte und Pressefreiheit ein.
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Auch in anderen Ländern kursieren ähnliche Falschmeldungen im Zusammenhang mit Hundeimpfstoffen gegen lange bekannte Coronaviren. Die Behauptungen wurden unter anderem von Faktencheckern in Spanien, den USA und Brasilien geprüft. Das Ergebnis: In allen Fällen handelt es sich um Impfstoffe gegen lange bekannte Coronaviren, jedoch nicht gegen das neuartige SARS-CoV-2. CORRECTIV kooperiert im Rahmen des Internationalen Fact-Checking-Netzwerks mit Faktencheckern weltweit. 

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Das Bild zeigt keinen Hunde-Impfstoff gegen das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2, sondern gegen ältere bekannte Coronaviren.

PCR-Tests Coronavirus
Proben für Corona-Tests werden im Diagnosticum-Labor im sächsischen Plauen für die weitere Untersuchung vorbereitet. (Symbolbild: picture alliance/Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/ZB) 

von Cristina Helberg

Seit Beginn der Corona-Pandemie kursiert in Sozialen Netzwerken ein zentraler Vorwurf: Die PCR-Tests seien unzuverlässig und lieferten oft falsche Ergebnisse. Die Test selbst sind zwar sehr genau, ihr Ergebnis wird aber durch die sogenannte Vortestwahrscheinlichkeit beeinflusst. Was steckt dahinter? 

Hinweis: Dieser Artikel beschreibt ein theoretisches Problem aufgrund einer mathematischen Besonderheit. Die hier angegebenen Werte sagen nichts über die Häufigkeit falscher Corona-Testergebnisse in der Praxis in Deutschland aus.

Besonders zu Beginn der Corona-Pandemie in Deutschland im März wiederholten Kritiker der Eindämmungsmaßnahmen eine Behauptung immer wieder: Die PCR-Tests, mit denen Infektionen erkannt werden, seien in „bis zu 80 Prozent der Fälle“ falsch positiv. „Falsch positiv“ bedeutet: Eine eigentlich gesunde Person bekommt ein positives Testergebnis und wird fälschlich als Infektionsfall gezählt. Dass diese Fehlerquote hoch sei, behaupteten in Youtube-Videos unter anderem der Internist Claus Köhnlein, Heiko Schöning und der Heilpraktiker Andreas Schlecht. Sie bezogen sich dabei unter anderem auf Störanfälligkeiten des Tests oder Reaktionen mit anderen, älteren Coronaviren. 

Wir haben die Behauptung, die Fehlerquote liege bei „30 bis 50 Prozent“, bereits im April 2020 in einem Faktencheck als falsch eingestuft. Die Labore der Unikliniken Köln, Stuttgart und Dresden hatten auf unsere Anfrage den in den Youtube-Videos angegebenen Fehlerquoten bezogen auf Störanfälligkeiten und Kreuzreaktionen widersprochen. Sie betonten aber, dass es wichtig sei, dass Abstriche richtig genommen, Labore Erfahrung haben und die Proben richtig transportiert werden. Unser Faktencheck bezog sich dabei auf die Sensitivität und die Spezifität der Tests, die nach Aussage der Experten sehr hoch ist. 

Es gibt jedoch noch eine andere große Fehlerquelle: die Vortestwahrscheinlichkeit. Selbst wenn Corona PCR-Tests hoch spezifisch und sensitiv sind, können sie je nachdem, wie viel getestet wird und wie viele Menschen infiziert sind, viele falsche Ergebnisse liefern. Dazu hatten viele unser Leserinnen und Leser Fragen. In diesem Text erklären wir das Problem.

Was sind Sensitivität und Spezifität?

Sensitivität ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Test Infizierte als infiziert erkennt, und Spezifität die Wahrscheinlichkeit, dass er Gesunde als gesund erkennt. 

Die Gesellschaft zur Förderung der Qualitätssicherung in medizinischen Laboratorien hat im April dazu einen Versuch durchgeführt. Laboren wurden verdeckte positive und negative Proben mit SARS-CoV-2 oder anderen Coronaviren geschickt. Im Anschluss erhob die Gesellschaft, wie viele Proben die 463 Laboratorien aus 36 Ländern richtig als positiv oder negativ erkannten. 

In einer Zwischenauswertung vom 3. Juni kommen die Autoren zu dem Schluss, dass die Labore von drei positiven Proben 98,9% bis 99,7% korrekt als positiv erkannten (Sensitivität). Die vierte, am stärksten verdünnte positive Probe erkannten 93 Prozent. Im Fall der negativen Proben waren es 97,8% bis 98,6% korrekte Ergebnisse (Spezifität). „Diese hohen Erfolgsquoten repräsentieren eine sehr gute Leistungsfähigkeit der Ringversuchsteilnehmer und der angewendeten Testformate“, schreiben die Autoren (PDF, Seite 19-20 und Seite 21).  

Die angewandten PCR-Tests sind insgesamt also in der Regel hoch spezifisch und sensitiv (auch wenn die genauen Ergebnisse je nach Art des Tests sehr unterschiedlich sein können) und der Ringversuch bestätigt Aussagen von drei Uniklinik-Laboren in unserem Faktencheck. Berücksichtigt wurden in dem Versuch allerdings keine anderen Faktoren wie falsche Probenentnahmen. Diese könnten wesentlich zur Fehlerquote beitragen, insbesondere zu falsch negativen Ergebnissen.  

Die Vortestwahrscheinlichkeit spielt eine wichtige Rolle 

In unserem Faktencheck Anfang April erwähnten wir bereits die wichtige Rolle der sogenannten Basisrate oder Prävalenz, also die Häufigkeit, mit der eine Krankheit in der Bevölkerung vorkommt. Ein ähnlicher Faktor ist die Vortestwahrscheinlichkeit, also die Wahrscheinlichkeit, dass jemand, der getestet werden soll, wirklich infiziert ist. Warum das Einfluss auf den Test hat, zeigt ein Beispiel. 

Angenommen ein Test hat eine sehr hohe Sensitivität und Spezifität von 99 Prozent. Testet man nun 100 Gesunde, werden 99 Personen korrekt negativ getestet und eine Person falsch positiv. Testet man jedoch 100 Infizierte, wird der Test 99 Personen korrektiv positiv erkennen und eine Person falsch negativ. Die Anzahl und die Art falscher Testergebnisse hängt demnach auch davon ab, wie viele von den getesteten Personen gesund und wie viele infiziert sind. 

Alexander Dalpke, Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene der Technischen Universität Dresden führte in unserem Faktencheck dieses Beispiel an, um zu verdeutlichen, dass der Test derselbe bleibt, die Wahrscheinlichkeiten sich jedoch je nach Basisrate ändern: „Der Test wird im positiven und negativen Vorhersagewert besser, wenn gezielt Populationen mit einer höheren Vortestwahrscheinlichkeit untersucht werden.“

Deshalb sollen vor allem Menschen mit Symptomen getestet werden

Seit Beginn der Corona-Pandemie gilt in Deutschland unter anderem deshalb die Vorgabe des Robert-Koch-Instituts, dass vor allem Menschen getestet werden sollten, die Symptomen zeigen, direkten Kontakt zu Infizierten hatten oder sich in Risikogebieten aufhielten. Darauf wies auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung bis zum 15. Juni auf ihrer Webseite hin. Mittlerweile gibt es aber einige Änderungen. Zukünftig sind auch Reihentestungen in Kitas, Schulen oder Pflegeheimen möglich. Auch Personen ohne Symptome, aber mit einer Warnbenachrichtigung durch die Corona-App können sich auf Kosten der Krankenkassen nun testen lassen. 

Das Robert-Koch-Institut hatte bis zum 2. Juni auf seiner Webseite stehen: „Von einer Testung von asymptomatischen Personen wird aufgrund der unklaren Aussagekraft eines negativen Ergebnisses sowie der Möglichkeit falsch positiver Befunde in Abhängigkeit von der Prävalenz/ Inzidenz in der Regel abgeraten.“ 

RKI zum PCR-Test: keine Testung von Personen ohne Symptome
Hinweis auf der Seite des Robert-Koch-Instituts. (Abgerufen am 18. Mai 2020, Screenshot: CORRECTIV)

Am 3. Juni nahm das RKI den Teilsatz über die Möglichkeit falsch positiver Befunde aus dem Artikel, ergänzte dafür aber einen ganzen Absatz zur Vortestwahrscheinlichkeit. Dort steht nun: „Generell wird die Richtigkeit des Ergebnisses von diagnostischen Tests auch von der Verbreitung einer Erkrankung beeinflusst. Je seltener die Erkrankung und je ungezielter getestet wird, umso höher sind die Anforderungen an Sensitivität und Spezifität der zur Anwendung kommenden Tests.“  

RKI Änderung Hinweis zu PCR-Tests
Hinweis zur Vortestwahrscheinlichkeit auf der Webseite des Robert-Koch-Instituts (Abgerufen am 15. Juni, Screenshot: CORRECTIV)

Der große Unterschied von 50 oder einem Prozent Vortestwahrscheinlichkeit 

Das British Medical Journal stellt auf seiner Webseite eine interaktive Covid-19-Simulation zur Verfügung, an der jeder ausprobieren kann, wie sich die Test-Spezifität und Sensivität und die Vortestwahrscheinlichkeit auf die Testergebnisse von 100 Personen auswirken. Je nach Vortestwahrscheinlichkeit kommt es zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen. 

Kalkulator 50 Prozent Vortestwahrscheinlichkeit
Eine Simulation mit dem Covid-19-Kalkulator des British Medical Journal. Von 100 getesteten Personen mit einer Vortestwahrscheinlichkeit von 50 Prozent wird eine Person falsch positiv getestet. (Screenshot: CORRECTIV)

Nehmen wir als Beispiel je 50 und ein Prozent Vortestwahrscheinlichkeit. Bei 50 Prozent, wenn also von 100 getesteten Personen 50 infiziert sind, werden im Test (mit den angenommenen Parametern 99 Prozent Sensitivität und 98 Spezifität) 50 korrekt positiv erkannt, eine Person als falsch positiv, 49 als korrekt negativ und 0 falsch negativ. Eine Person würde also fälschlicherweise unter Quarantäne gestellt. Der Anteil falsch positiver Ergebnisse an allen Tests liegt bei einem Prozent (1 von 100). 

Bei einer Vortestwahrscheinlichkeit von nur einem Prozent sieht das schon ganz anders aus. Von 100 Personen ist nun eine infiziert. Im Test wird es deshalb ein korrektes positives Ergebnis geben, aber auch zwei falsch positive Ergebnisse. Es gibt also mehr falsch positive Ergebnisse als tatsächlich positive. Der Anteil der falsch positiven Ergebnisse an allen Tests liegt bei zwei Prozent (2 von 100). Falsch negativ wird in diesem Szenario niemand getestet.  

Kalkulator 1 Prozent Vortestwahrscheinlichkeit
Eine Simulation mit dem Covid-19-Kalkulator des British Medical Journal. Von 100 getesteten Personen mit einer Vortestwahrscheinlichkeit von einem Prozent werden zwei falsch positiv getestet. (Screenshot: CORRECTIV)

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Die Beispiele zeigen: Kommt die Krankheit in der getesteten Gruppe kaum vor, sinkt die Wahrscheinlichkeit, bei einem positiven Testergebnis auch tatsächlich infiziert zu sein, extrem. 

Im ersten Beispiel bedeutet ein positiver Test, dass die Person mit 98 prozentiger Wahrscheinlichkeit auch tatsächlich infiziert ist. Im zweiten Beispiel liegt dieser Wert nur noch bei 33 Prozent. Rund 67 Prozent der positiven Testergebnisse (2 von 3) sind in diesem Fall falsch. 

Gesundheitsminister Spahn warnt vor millionenfachen Reihentestungen 

Besonders kritisch wird das Problem der Vortestwahrscheinlichkeit, wenn große Gruppen Menschen ohne Symptome oder konkreten Verdacht auf Covid-19 getestet werden. Wenn es also nicht mehr nur um 100, sondern um Millionen Menschen geht. Davor warnte auch Gesundheitsminister Jens Spahn am 14. Juni in der ARD im Nachbericht aus Berlin. Auf mögliche Reihentestungen angesprochen, sagte er: „Ich finde nur eins immer wichtig, wenn ich lese, wir müssten drei, vier oder fünf Millionen jetzt flächendeckend jeden Tag testen: […] Dadurch, dass wir […] die Zahlen so runtergebracht haben, haben wir im Moment eine Positiv-Testung von unter einem Prozent bei gleichbleibend konstanter Testzahl in den letzten Wochen. Und wir müssen jetzt aufpassen, dass wir nicht nachher durch zu umfangreiches Testen […] zu viel falsch Positive haben. Weil die Tests ja nicht 100 Prozent genau sind, sondern auch eine kleine, aber eben auch eine Fehlerquote haben.“

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Weiter sagte Spahn: „Wenn insgesamt das Infektionsgeschehen immer weiter runter geht und und Sie gleichzeitig das Testen auf Millionen ausweiten, dann haben Sie auf einmal viel mehr falsch Positive als tatsächlich Positive.“ 

Insgesamt zeigt sich, PCR-Tests auf SARS-CoV-2 sind in der Regel sehr genau. Pauschale Aussagen von Kritikern wie Claus Köhnlein oder Heiko Schöning wie „der PCR-Test hat eine Fehlerquote von 30 bis 50 Prozent“ sind demnach falsch. Doch die geringe Fehlerquote reicht schon aus, um theoretisch zum Problem zu werden. Je geringer die Vortestwahrscheinlichkeit in der Bevölkerung ist, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Tests korrekte Ergebnisse liefern. Das kann in der Theorie dazu führen, dass mehr Menschen falsch positiv getestet werden, als tatsächlich erkrankt sind. Das gilt insbesondere, wenn die Erkrankung immer seltener wird und gleichzeitig immer breiter getestet wird, also zum Beispiel Reihentestungen von Fußballern stattfinden. 

Wie Labore in der Praxis falsch-positive Test verhindern, lesen Sie hier ausführlich. 

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In einem mittlerweile gelöschten Youtube-Video wurde behauptet, deutschlandweit seien Pflastersteine an als Baustellen getarnten Orten für Demonstrationen bereit gelegt worden. (Screenshot: CORRECTIV)

von Cristina Helberg

Anhand verschiedener Fotos von Baustellen wird in Sozialen Netzwerken behauptet, die „Antifa“ habe für die Anti-Rassismus-Demonstrationen in deutschen Städten Pflastersteine „bereitgelegt“. Deutsche Behörden hätten diese Vorbereitungen abgesegnet. Beide Behauptungen sind falsch. Der Mythos tauchte zuvor bereits in den USA auf.

In einem Youtube-Video vom 5. Juni warnt eine Männerstimme: „Die deutsche Antifa und die deutsche Black Lives Matter Bewegung hat für morgen […] zu zahlreichen Protesten nach US-amerikanischem Vorbild in deutschen Städten aufgerufen.“ In den USA seien die Proteste von Radikalen unterwandert worden, behauptet der Sprecher. „Normalerweise sollte uns die Polizei vor solchen Szenen schützen und Schadensbegrenzung betreiben, stattdessen wurden mir heute diese Bilder über Telegram zugeschickt“. Die darauf folgenden Bilder zeigen Baustellen mit freiliegenden Pflastersteinen in mehreren deutschen Städten. 

Der Sprecher deutet damit an, deutsche Behörden und die Polizei würden die Bereitstellung von Pflastersteinen für Demonstranten unterstützen. Das Youtube-Video wurde mittlerweile gelöscht. Kurz vor der Löschung hatte es 189.000 Aufrufe. Auf mehreren anderen Youtube-Kanälen ist es weiter zu sehen. 

Auch auf Facebook wird die Falschmeldung verbreitet

Auch in einem Facebook-Beitrag vom 5. Juni sind die Bilder von Baustellen zu sehen, zusammen mit der Behauptung: „Damit schmeißen sie morgen die Geschäfte kaputt. Das Ganze wird weltweit von den Demokraten / radikalen Linken koordiniert und wurde von unserer korrupten Regierung abgesegnet. Sie wollen den gleichen Chaos wie in den USA weltweit erzeugen, weil sie wieder die Kontrolle haben wollen!“ Der Beitrag wurde mehr als 500 Mal geteilt.  

Facebook-Beitrag mit falschen Behauptungen vom 5. Juni 2020 (Screenshot: CORRECTIV)

Falschmeldungen aus den USA sollen in Deutschland reproduziert werden 

Die Beiträge in Sozialen Netzwerken beziehen sich auf die Demonstrationen in zahlreichen deutschen Städten gegen Rassismus am Wochenende des 6. und 7. Juni. Die Fotos sind offenbar der Versuch, ein in den USA kursierendes Narrativ in Deutschland zu reproduzieren. Dort gibt es anhaltende Proteste nach dem gewaltsamen Tod des Schwarzen George Floyd bei seiner Festnahme durch Polizisten am 25. Mai. In diesem Kontext tauchten in den USA Behauptungen auf, in gezielten Aktionen würden von linken Extremisten und Polizisten Paletten mit Ziegelsteinen in der Nähe der Proteste bereitgestellt. Diese Theorie verbreitete unter anderem die für irreführende Meldungen bekannte Webseite Law Enforcement Today, die sich wiederum auf die Webseite Breitbart bezog

Faktenchecker von Politifact haben die Behauptungen geprüft und kommen zu dem Schluss, dass sie größtenteils falsch sind. Auch ein Verifikationsteam des Senders NBC untersuchte die Vorwürfe in mehreren Städten und widerlegte sie. Teilweise handelte es sich nach den Recherchen der Journalisten um normale, bereits bestehende Baustellen, teilweise lagen diese gar nicht in der Nähe von Protestrouten. 

Das Weiße Haus veröffentlichte laut US-amerikanischen Journalisten ebenfalls auf Twitter ein Video mit der Behauptung, Fotos würden zeigen, wie die „Antifa“ Paletten mit Ziegelsteinen für Protestierende bereitstelle. Nach Hinweisen von Journalisten, dass diese Behauptungen schon widerlegt wurden, löschte das Weiße Haus das Video laut Medienberichten kommentarlos.  

Was steckt hinter den Behauptungen in Deutschland? 

Bilder aus neun deutschen Städten werden bei Facebook und Youtube im Kontext dieses falschen Narrativs geteilt. Unter anderem verbreitete außerdem die AfD Hannover einige dieser Fotos auf Twitter weiter. Wir haben alle geprüft. 

Retweet der AfD Hannover mit Behauptungen zu Pflastersteinen in Karlsruhe. (Screenshot: CORRECTIV)

1. Behauptungen zu Pflastersteinen in Mainz: Stadt und Polizei dementieren 

In dem Youtube-Video und in dem Facebook-Beitrag wird ein Bild vor dem Mainzer Hauptbahnhof gezeigt, das angeblich belegen soll, dass am 5. Juni eigens für die Demonstrationen Pflastersteine bereit gelegt wurden. Tatsächlich handelt es sich jedoch um eine reguläre Baustelle, die schon länger besteht.

Facebook-Beitrag über eine angeblich präparierte Baustelle in Mainz. (Screenshot: CORRECTIV)

Auf eine Presseanfrage von CORRECTIV schrieb die Stadt Mainz: „Die Bilder der Baustelle am Hauptbahnhof Mainz sind real, diese ist seit Mitte Mai eingerichtet, da Kabel neu verlegt werden für das Aufstellen einer Anzeigetafel der ‘Mainzer Mobilität’.“ Vergleichbare Anzeigen fänden sich bereits in der Nähe vor Ort. „Die Pflastersteine der Baustelle waren am Wochenende in dicke Planen eingewickelt, also nicht sichtbar. Bei der Demonstration gegen Rassismus – Veranstaltungsort etwa 2 km vom Bahnhof entfernt am Mainzer Rheinufer – waren circa 2.500 Personen. Der Protest verlief durchweg friedlich. Von Pflastersteinen, die vermeintlich geworfen wurden, ist nichts bekannt.“

Die Polizei Mainz bestätigte diese Angaben gegenüber CORRECTIV: „Die Baustelle steht in keinem Zusammenhang zu irgendwelchen Demonstrationen. Es wurden im Zusammenhang mit der Anti-Rassismus-Demonstration in Mainz keinerlei Störer geschweige denn Pflastersteine festgestellt.“

Antwort der Polizei Mainz vom 9. Juni auf eine Presseanfrage von CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV).

2. Stadt Köln: „Ganz normale Baustelle“

In dem Youtube-Video und bei Facebook werden auch Fotos der Kölner Schildergasse als vermeintliche Belege für das Narrativ verbreitet.  

Die Polizei Köln antworte auf eine CORRECTIV-Anfrage am 9. Juni: „Der Polizei Köln liegen keine Informationen darüber vor, dass am vergangenen Wochenende bei Demonstrationen in Köln und Leverkusen Pflastersteine geworfen wurden.“

Die Pressestelle der Stadt Köln bestätigte auf Nachfrage telefonisch am 9. Juni 2020: „Das ist eine ganz normale, reguläre Baustelle“. 

3. Stadt Wiesbaden: „Behauptung entspricht nicht den Tatsachen“ 

Im Zusammenhang mit dem Narrativ der bereitgestellten Pflastersteine wird auch ein Bild vor dem hessischen Landtag in Wiesbaden bei Facebook verbreitet. 

Das für Wiesbaden zuständige Polizeipräsidium Westhessen stellt auf Nachfrage von CORRECTIV klar: „Die von Ihnen angesprochene Behauptung entspricht nicht den Tatsachen. Das im Internet kursierende und von Ihnen angehängte Bild zeigt eine Baustelle vor dem Hessischen Landtag auf dem Wiesbadener Schlossplatz. In dem umzäunten Baustellenbereich finden bereits seit mehreren Wochen Erdarbeiten statt und die hierbei herausgerissenen Pflastersteine werden seitdem in den zu sehenden Kisten gelagert.“ Die Baustelle auf dem Wiesbadener Schlossplatz befinde sich über einen Kilometer Luftlinie vom Luisenplatz, dem Ort der Versammlung, entfernt. 

In einer Pressemitteilung vom 6. Juni bezeichnete die Polizei die Versammlung auf dem Luisenplatz in Wiesbaden anlässlich des bundesweiten Aktionstages zum Thema „Black Live Matters“ als „störungsfrei“.

Antwort des Polizeipräsidiums Westhessen auf eine Presseanfrage von CORRECTIV. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Stadt Wiesbaden verwies auf Nachfrage von CORRECTIV auf eine Pressemitteilung, die sie bereits am 20. Februar veröffentlichte und in der sie über den Ausbau des Fernwärmenetzes und damit verbundenen Bauarbeiten informierte. In dem dort verlinkten Plan der Bauabschnitte ist deutlich markiert, dass auch vor dem Landtag Arbeiten stattfinden werden. 

4. Behauptungen zu Pflastersteinen in Karlsruhe: Stadt und Polizei dementieren 

Auch ein Foto aus Karlsruhe wird im Zusammenhang mit dem Pflasterstein-Narrativ bei Facebook und Youtube verbreitet. In dem Facebook-Beitrag vom 5. Juni steht unter anderem: „Am Donnerstag wurde diese ‘Baustelle’ errichtet.“ Mit den Anführungszeichen wird suggeriert, es handele es sich um keine richtige Baustelle, sondern nur eine Tarnung für die bereit gelegten Steine für Demonstranten. Das ist falsch. 

Auf eine Presseanfrage von CORRECTIV antwortete die Pressestelle der Stadt Karlsruhe: „Die Fotos zeigen eine eine echte Baustelle (Kabelverlegungsarbeiten der Telekom) in der Karlsruher Innenstadt mit natürlich völlig falscher Kommentierung. Genehmigt sind die Bautätigkeiten an dieser Stelle durch das Ordnungsamt der Stadt Karlsruhe bis einschließlich 12. Juni 2020.“ Weiter schrieb die Stadt: „Es gab keinerlei Vorkommnisse mit Pflastersteinen bei den Versammlungen am Wochenende. Im Gegenteil: Insgesamt 4.500 Menschen demonstrierten friedlich auf zwei Versammlungen im Stadtgebiet gegen Rassismus.“

Das Polizeipräsidium Karlsruhe bestätigte gegenüber CORRECTIV: „Die Versammlungen am Wochenende in Karlsruhe verliefen ohne Probleme (von zum Teil unzureichenden Abständen abgesehen). Erkenntnisse, dass von Seiten der Versammlungsteilnehmer Steine bereitgelegt wurden, gibt es beim Polizeipräsidium Karlsruhe nicht.“

5. Stadt Marburg: Kein Einsatz von Steinen bei Demos 

In einem weiteren Facebook-Beitrag wird auch ein Foto aus Marburg mit Säcken voll Steinen als vermeintliche Belege für das Narrativ verbreitet.  

Auf eine Presseanfrage von CORRECTIV schrieb die Stadt Marburg dazu: „Die Säcke mit den Pflastersteinen gehören zu der Baustelle am Rudolphsplatz, wo der Verbindungsweg von der Weidenhäuser Brücke zur Bushaltestelle Rudolphsplatz hergestellt wird. Die Säcke stehen aktuell noch dort, weil sie noch nicht verbaut werden konnten.“ Außerdem stellt die Stadt klar: „Bei der Demonstration gegen rassistisch motivierte Gewalt am Samstag, 6. Juni, in Marburg kam es nicht zum Einsatz von Pflastersteinen durch Demonstrierende. Es liegen auch keine Erkenntnisse vor, dass Demonstrierende gezielt im Vorfeld Steine bereitgelegt haben.“

6. Stadt Erfurt: Es gab gar keine Demo am Wochenende

In dem verbreiteten Youtube-Video vom 5. Juni wird auch ein Foto aus Erfurt als vermeintlicher Beleg für bereitgelegte Pflastersteine genutzt. 

Foto einer Baustelle in Erfurt in dem mittlerweile gelöschten Youtube-Video. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Pressestelle der Stadt Erfurt antwortete auf unsere Presseanfrage: „Zu sehen ist hier eine Lagerfläche der Firma Strassing. Diese Firma baut aktuell am Benediktsplatz, der sich rund 500 Meter entfernt inmitten der historischen Altstadt befindet. Hier ist es räumlich sehr eng. Deshalb hat die Firma Strassing auf dem Domplatz eine Lagerfläche beantragt und genehmigt bekommen.“

Die Landespolizeiinspektion Erfurt antwortete auf unsere Presseanfrage, ob Pflastersteine bei Demonstrationen am 6. und 7. Juni genutzt wurden: „In Erfurt haben keine Demonstrationen stattgefunden, somit ist die Frage hinfällig.“

7. Stadt Düsseldorf: „Ganz normale Baustelle“

Auch ein Bild aus Düsseldorf wird von den Urhebern des Youtube-Videos als angeblicher Beweis für das Narrativ genutzt. 

Bild aus Düsseldorf in dem mittlerweile gelöschten Youtube-Video. (Screenshot: CORRECTIV)

Auf eine Presseanfrage von CORRECTIV schickte die Pressestelle der Stadt Düsseldorf ein Bild der Baustelle: „Wie Sie sehen, ist das eine ganz normale Leitungsbaustelle. […] Als Landeshauptstadt Düsseldorf verwahren wir uns gegen die Unterstellung, wir hätten in irgendeiner Form Beihilfe zu geplanten Gewalttaten geleistet.“ 

Bild der Baustelle in Düsseldorf (Foto: Pressestelle Stadt Düsseldorf)

Das Polizeipräsidium Düsseldorf antwortete auf unsere Fragen, ob die Behauptungen in dem Youtube-Video zu den Pflastersteinen korrekt seien, und ob es bei den Anti-Rassismus-Demonstrationen am Wochenende des 6. und 7. Juni in Düsseldorf zum Einsatz von Pflastersteinen durch Demonstranten gekommen sei: „Ihre beiden Fragen können wir mit einem knappen ‘Nein’ beantworten.“

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8. Hamburg: Baustelle besteht schon seit Ende 2019 

Auch Fotos von Steinen am Hamburger Jungfernstieg werden in dem Youtube-Video und in dem Facebook-Beitrag verbreitet. 

Auf unsere Presseanfrage antwortete die Polizei Hamburg am 9. Juni: „Bei dem gezeigten Ausschnitt mit Hamburg-Bezug handelt es sich um die Baustelleneinrichtungsfläche Ballindamm, zwischen Bergstraße und Alstertor auf der Wasserseite. Dort finden seit Ende letzten Jahres umfangreiche Straßenbauarbeiten im Zusammenhang mit dem Ausbau der Velorouten 5 und 6 unter Federführung des Bezirksamtes Mitte statt. In der Baustelleneinrichtungsfläche wird Baumaterial gelagert.“ 

Die Baustelle ist demnach nicht erst seit kurzem und nicht eigens für die Demonstrationen errichtet worden. 

Weiter verwies die Polizei Hamburg auf eine Pressemitteilung vom 7. Juni, derzufolge Einsatzkräfte am Rande der friedlichen Demonstration mit Pyrotechnik, Flaschen und Steinen beworfen worden seien. „Uns liegen keine Hinweise darauf vor, dass dieses Bewurfmaterial gezielt bereit gelegt wurde.“

Die in dem Youtube-Video und dem Facebook-Beitrag gezeigte Baustelle besteht also bereits seit Ende 2019. Laut Polizei gibt es keine Hinweise, dass Steine gezielt bereit gelegt wurden. Polizisten seien jedoch mit Steinen angegriffen worden. 

Antwort der Polizei Hamburg auf eine Presseanfrage von CORRECTIV. (Screenshot: CORRECTIV)

9. Bezirksamt Berlin: „Baustellen nicht für Demonstrationen beräumt“

Auch Aufnahmen aus Berlin tauchen in dem Youtube-Video und bei Facebook auf. Zu sehen ist eine Baustelle am Bahnhof Potsdamer Platz. Auf Nachfrage von CORRECTIV antwortete das Bezirksamt Mitte: „Die Baustelle […] wurde deutlich vor den Protesten (vor Corona) eingerichtet. Sie ist weiterhin aktuell. Mit Sicherheit können wir sagen, dass im Bezirksamt Mitte keine Baustellen für Proteste eingerichtet werden. Baustellen gibt es natürlich im Bezirk und in der ganzen Stadt. Diese werden nicht in Vorbereitung auf Demonstrationen beräumt.“ 

Die Polizei Berlin antwortete auf unsere Anfrage: „Die Polizei Berlin legte oder legt weder Pflastersteine bereit, noch unterstützt oder deckt sie derartige Unternehmungen!“

Unsere Bewertung:
Falsch. In allen Fällen handelt es sich laut Polizei und Städten um reguläre Baustellen. In keinem Fall ist den Behörden das Bereitlegen von Steinen bekannt, meist verliefen die Demonstrationen friedlich.

SWITZERLAND WORLD ECONOMIC FORUM WEF 2019
Bill Gates am 22. Januar 2019 auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos in der Schweiz. Einen Tag später gab er dem Fernsehsender CNBC ein Interview. (Symbolfoto: picture alliance/KEYSTONE)

von Cristina Helberg

In der Telegram-Gruppe „QAnons Channel Germany“ wird ein aus dem Kontext gerissenes Zitat von Bill Gates verbreitet. Angeblich habe er in einem Interview verraten, er wolle alle Menschen impfen und so einen Gewinn von 2.000 Prozent machen. Das ist irreführend verkürzt.

„Bill Gates hat am Mittwoch bei CNBC verraten, warum er uns alle impfen will: Für einen Gewinn von 2000 Prozent“, schrieb am 20. Mai ein Nutzer in die deutsche Telegram-Gruppe „QAnons Channel Germany“. Dazu veröffentlichte er einen zehn Sekunden langen Videoausschnitt als angeblichen Beleg. Der Post wurde laut den Angaben bei Telegram mehr als 116.00 Mal gesehen. Wir haben die Behauptung geprüft. 

Das Video ist ein Ausschnitt eines Fernsehinterviews des US-amerikanischen Senders CNBC mit dem Microsoft-Gründer Bill Gates am 23. Januar 2019 beim Weltwirtschaftsforum in Davos in der Schweiz. 

Die Reporterin fragt Bill Gates zu Beginn des Videos mit Verweis auf einen kürzlich von ihm erschienen Artikel: „Sie haben in den letzten zwei Jahrzehnten 10 Milliarden Dollar in Impfungen investiert und Sie haben die Rentabilität der Investition ausgerechnet. Könnten Sie uns die Zahlen erklären?“

Bill Gates antwortet darauf: „Es ist ziemlich beeindruckend, wenn man diese Impfstoffe nimmt, sie sehr preiswert macht, […] ein Liefersystem entwickelt, so dass sie wirklich die Abdeckung da draußen bekommen, rettet man buchstäblich Millionen von Leben. […] Wir sehen eine phänomenale Erfolgsgeschichte. Es waren hundert Milliarden, die die Welt insgesamt investiert hat, unsere Stiftung etwas mehr als 10 Milliarden, aber wir haben das Gefühl, dass es einen Mehrwert von mehr als zwanzig zu eins gegeben hat. Wenn man sich also nur den wirtschaftlichen Nutzen anschaut, ist das eine ziemlich starke Zahl im Vergleich zu allem anderen, der menschliche Nutzen in Millionen von geretteten Leben […]“. 

Der Teil der Antwort, in dem deutlich wird, dass Bill Gates als Wertsteigerung den immateriellen Wert geretteter Leben betrachtet, ist in der Telegram-Nachricht abgeschnitten. So wird suggeriert, Bill Gates wolle durch Impfprogramme extrem hohe finanzielle Gewinne machen. 

Die Reporterin fragt in dem Interview weiter nach: „Ich denke, die Zahlen, die Sie durchgespielt haben, waren, wenn Sie das Geld in den S&P 500 [Anmerkung der Redaktion: Aktienindex von 500 der größten börsennotierten US-amerikanischen Unternehmen] investiert und die Dividende reinvestiert hätten, würden Sie auf etwa 17 Milliarden Dollar kommen, aber Sie denken, es sind 200 Milliarden Dollar? 

Bill Gates antwortet: „Hier, ja. Wissen Sie, kleinen Kindern zu helfen, zu leben, die richtige Ernährung zu bekommen, einen Beitrag für ihre Länder zu leisten, das hat eine Rückvergütung, die über jeden typischen finanziellen Ertrag hinausgeht”.

Bill Gates veröffentlichte Artikel in Wall Street Journal 

Bei dem von der Reporterin zu Beginn erwähnten Artikel, handelt es sich um einen Text, den Bill Gates wenige Tage vor dem CNBC-Interview, am 16. Januar 2019, im Wall Street Journal veröffentlicht hatte.

Darin schreibt er über seine Investitionen in drei internationalen Gesundheitsorganisationen: Die Impfallianz Gavi, den Global Fund und die Global Polio Eradication Initiative (GPEI). Diese hätten mit ihrem Ziel, Leben zu retten und Leid zu beenden, nicht nur alle Erwartungen übertroffen, sondern seien auch in einem traditionellen Sinn von Investitionen erfolgreich gewesen: „Sie haben eine Menge Wohlstand geschaffen, denn wenn die Menschen nicht krank im Bett liegen, können sie zur Arbeit oder zur Schule gehen.“

Darauf folgt ein Gedankenexperiment von Gates, in dem er auf ein Rechenmodell des Copenhagen Consensus Center verweist. 

„Nehmen wir an, unsere Stiftung hätte nicht in Gavi, den Global Fund und GPEI investiert und stattdessen diese 10 Milliarden Dollar in den S&P 500 gesteckt und versprochen, den Rest 18 Jahre später den Entwicklungsländern zukommen zu lassen. In der vergangenen Woche hätten diese Länder etwa 12 Milliarden Dollar erhalten, inflationsbereinigt, oder 17 Milliarden Dollar, wenn wir die reinvestierten Dividenden mit einbeziehen.“

Weiter rechnet Gates vor, eine Investition der 10 Milliarden Dollar in Energieprojekte in den Entwicklungsländern hätte eine Rendite von 150 Milliarden Dollar gebracht. Eine Investition der Summe in Infrastruktur 170 Milliarden Dollar. 

„Durch Investitionen in globale Gesundheitsinstitutionen haben wir jedoch all diese Renditen übertroffen: Die 10 Milliarden Dollar, die wir für die Bereitstellung von Impfstoffen, Medikamenten, Moskitonetzen und anderen Hilfsgütern in den Entwicklungsländern zur Verfügung stellten, brachten einen geschätzten sozialen und wirtschaftlichen Nutzen von 200 Milliarden Dollar“, so Gates. 

CORRECTIV ist spendenfinanziert
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Die Telegram-Gruppe „QAnons Channel Germany“, in der die falsche Behauptung verbreitet wurde, hat mehr als 22.000 Abonnenten. „QAnon“ ist ein Netzwerk US-amerikanischer Verschwörungsanhänger, die glauben, es gebe einen „Tiefen Staat“ („Deep State“) von Eliten, und Donald Trump gehe gegen diese vor. Teil dieses Mythos ist auch die Behauptung, eine Elite aus Politikern und Stars entführe Kinder in unterirdische Lager, um sie dort sexuell zu missbrauchen und das Stoffwechselprodukt Adrenochrome aus Ihnen zu sammeln und sich so zu verjüngen. 

Immer wieder tauchen in diesem Zusammenhang Falschmeldungen auf, zum Beispiel Bilder dieser angeblichen Untergrundlager, die wir unter anderem hier geprüft haben.

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Das Zitat ist irreführend verkürzt. Bill Gates bezieht sich auf einen theoretischen sozialen und wirtschaftlichen Mehrwert durch Gesundheitshilfe.

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Das Video des Youtubers „Coach Cecil“ enthält falsche und unbelegte Behauptungen. (Screenshot: CORRECTIV)

von Cristina Helberg

In einem Video stellt der Youtuber „Coach Cecil“ zahlreiche Behauptungen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie auf. Viele davon sind falsch oder unbelegt.

Das Video des Youtubers „Coach Cecil“ vom 1. Mai mit dem Titel „Aufgeflogen: Die wahren Mächte Volksverrat“ beginnt dramatisch. „Heute wird, glaub ich, mein aller heftigstes Video von allen Corona-Videos, die ich überhaupt gemacht habe. […] Es geht um die ganzen Verstrickungen […], von Bill Gates und den ganzen Organisationen wie der Charité, wie dem Robert-Koch-Institut und so weiter. Es wird wirklich dramatisch heute“, sagt der Youtuber aus dem Off. Und er verspricht den Zuhörern: „Ich werde nichts hineininterpretieren, sondern ich werde euch einfach nur die Fakten aufzählen“. 

Dieses Versprechen hält Cecil mit seinem Video jedoch nicht. Unser Faktencheck zeigt: Mehrere seiner Behauptungen beruhen nicht auf Fakten, sondern sind schlichtweg falsch. Am 19. Mai stellte Cecil das Video auf seinem Kanal auf privat. Bis zu diesem Zeitpunkt war es mehr als 839.000 Mal geklickt worden. Andere Kanäle verbreiten das Video weiterhin, unter anderem der Kanal „Schwindelambulanz Sinsheim“ (693.000 Klicks) von Bodo Schiffmann

Der Youtuber „Coach Cecil“ betreibt seinen Kanal seit 2015. In seinen Videos gibt der ehemalige Profi-Basketballer, der eigentlich Cecil Egwuatu heißt, Ernährungstipps und zeigt Sportübungen. Seit der Corona-Pandemie hat er sich in verschiedenen Videos auch zu den Maßnahmen der Regierung geäußert und unter anderem davon gesprochen, dass alle Medien gesteuert seien. Das ZDF berichtete im April, Cecil habe in seinen Videos Nahrungsergänzungsmittel als Mittel gegen Corona beworben. 

Wir haben die wichtigsten Behauptungen in seinem Video vom 1. Mai geprüft. Von den sieben geprüften Behauptungen, die „Coach Cecil“ aufgestellt hat, sind fünf falsch oder teilweise falsch und zwei unbelegt.

1. Behauptung: Bill Gates ist der Hauptsponsor der WHO 

An mehreren Stellen im Video (ab Minute 02:34 und ab Minute 9:40) behauptet Cecil, Bill Gates sei nach dem Absprung der USA der Hauptsponsor der WHO und der zweitgrößte Sponsor sei die Gavi-Allianz, die von Bill Gates gesponsert werde. „Die WHO ist eigentlich wie eine Hausgesundheitsorganisation, er hat wirklich den allergrößten Teil, den er da reinsteckt“, so Cecil. Eine ähnliche Behauptung tauchte auch in einem Video mit zahlreichen Falschbehauptungen von Ken Jebsen auf. Wir haben einen Faktencheck dazu veröffentlicht. 

Korrekt ist, dass die Bill & Melinda Gates Stiftung laut WHO der zweitgrößte Spender nach den USA ist – die Zuwendungen machen 11,41 Prozent der Finanzierung aus. Spenden der Gavi Impfallianz entsprechen 6,49 Prozent. Die Gavi Impfallianz wird selbst zu einem großen Teil von der Gates-Stiftung finanziert (von 2016 bis 2020 zu etwa 17 Prozent; Tabelle „Annual Contributions 31 December 2019“). 

Das Programm-Budget der WHO für 2018/2019 lag insgesamt bei rund 4,4 Milliarden US-Dollar (Seite 5), und für 2020/2021 bei rund 4,8 Milliarden (Seite 6). In den Jahresberichten der WHO wird der Anteil der Bill & Melinda Gates Stiftung deutlich: 2018 spendete sie rund 229 Millionen Dollar für den „General Fund“ der WHO (PDF, Seite 6). 2017 waren es rund 325 Millionen Dollar (PDF, Seite 7).

Fazit: Teilweise falsch. Die Bill & Melinda Gates Foundation ist in den vergangenen Jahren der zweitgrößte Sponsor der WHO gewesen. Die Zuwendungen machen jedoch nicht den „allergrößten Teil“ des Budgets aus.

2. Behauptung: Der italienische Abgeordnete Vittorio Sgarbi habe mit den Gesundheitsbehörden gesprochen und herausgefunden, dass 96 Prozent der Patienten nicht an Corona gestorben seien 

Cecil relativiert seinen Verweis (ab Minute 04:21) auf den Politiker Sgarbi, in dem er sagt: „96 Prozent ist natürlich schon krass. Also ich war bei dem Gespräch mit der Gesundheitsbehörde nicht dabei, also kann ich es nicht hundertprozentig bestätigen“. Trotzdem nutzt er die Behauptung als vermeintlichen Beleg. Wir haben Sgarbis Behauptungen in einem Faktencheck ausführlich geprüft.  

Sgabi bezog sich mit seiner Behauptung auf eine Studie aus Italien, zieht jedoch Schlüsse, die die Studie nicht zulässt. Sie kommt anhand der Analyse von Patientenakten zu dem Schluss, dass von 2.351 Patienten 96,2 Prozent eine oder mehrere Vorerkrankungen hatten. Auf diese Zahl bezieht Sgarbi sich. Für seine Schlussfolgerung, dass diese Menschen alle nicht an Covid-19 starben, ist die Studie aber keine Grundlage.

Fazit: Unbelegt. Vittorio Sgarbi zieht falsche Schlüsse aus einer Studie. Es ist unklar, wie viele Menschen in Italien wirklich ursächlich am Coronavirus starben.

3. Behauptung: Rechtsmediziner Püschel hat „bis zum heutigen Tag“ nicht einen Corona-Fall obduziert, der an und nicht mit Corona gestorben ist 

Das behauptet Cecil im Video ab Minute 04:52. Wir haben das Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf, wo Klaus Püschel das Institut für Rechtsmedizin leitet, mit den Behauptungen konfrontiert. 

Die Pressestelle antwortete per E-Mail am 13. Mai: „Nein, das stimmt nicht. Bis zum 7. Mai lagen dem Institut für Rechtsmedizin 192 Sterbefälle mit bestätigten Sars-CoV-2 Nachweisen vor. Dabei konnte in 187 Fällen Covid-19 als todesursächlich eruiert werden. Die sorgfältige Untersuchung der Toten findet seit dem 23. März im Institut für Rechtsmedizin statt und belegt, dass es sich bei dem Großteil der Verstorbenen um bereits zuvor körperlich bzw. immunologisch erheblich beeinträchtigte Patientinnen und Patienten handelte.“ 

Fazit: Falsch. Laut Universitätsklinikum Hamburg Eppendorf starben 187 von 192 obduzierten Personen ursächlich an Covid-19. 

4. Behauptung: In den Statistiken des RKI werden die Genesenen nicht abgezogen 

Cecil zeigt ab Minute (07:25) ein Dashboard des Robert-Koch-Instituts. Darunter hat er geschrieben: „Die Genesenen werden nicht abgezogen“. Oben rechts im Bild ist jedoch deutlich zu erkennen, dass die Genesenen sehr wohl gekennzeichnet sind. Circa 123.500 Genesene steht dort für den 30. April 2020. Die Zahlen der Genesenen wird in dem Dashboard täglich aktualisiert.

Bild aus dem Youtube-Video des Kanals „Coach Cecil“. Oben rechts nennt das Dashboard des Robert-Koch-Instituts die tagesaktuelle Zahl der Genesenen. (Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

Auch in den täglichen Lageberichten des RKI wird die Zahl der Genesenen prominent auf der ersten Seite gleich neben den bestätigten Fällen genannten, auch am 30. April war das der Fall. 

Lagebericht des Robert-Koch-Instituts vom 30. April 2020, rechts markiert die Zahl der Genesenen (Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

Korrekt ist, dass die Zahl der Genesenen nicht von der Gesamtzahl der bestätigten Fälle abgezogen wird. 

Das Robert-Koch-Institut schreibt dazu auf seiner Webseite: „Daten darüber, ob ein Patient wieder genesen ist, werden nicht offiziell erhoben. Die Erhebung ist auch nicht gesetzlich vorgesehen. Allerdings kann man zumindest bei den Fällen, bei denen die meisten Angaben ermittelt wurden und, die keine schweren Symptome hatten, die nicht in ein Krankenhaus eingewiesen wurden, davon ausgehen, dass sie spätestens nach 14 Tagen wieder genesen sind. Das RKI schätzt die Zahl der Genesenen und stellt sie täglich auf dem RKI-Dashboard und im Situationsbericht  zur Verfügung.“

Erklärung auf der Website des Robert-Koch-Instituts. (Screenshot: CORRECTIV)

Auch die John Hopkins Universität führt in ihrem Dashboard Zahlen von Genesenen zusätzlich auf, statt sie abzuziehen. 

Fazit: Teilweise falsch. Cecil suggeriert, das RKI würde absichtlich die Zahl der Genesenen nicht abziehen, um für Angst zu sorgen. Die geschätzte Zahl der Genesenen nennt das RKI jedoch prominent in Lageberichten und im Dashboard. 

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5. Behauptung: Das RKI hat Apotheken verboten, Antikörpertests zu verkaufen und mit 30.000 Euro Strafe gedroht 

Cecil behauptet weiter, das RKI wolle offenbar die Dunkelziffer der bereits Erkrankten gar nicht herausfinden und habe Apotheken verboten, Antikörpertests zu verkaufen (ab Minute 07:45). Das ist falsch. 

Das RKI selbst schreibt auf eine Presseanfrage von CORRECTIV: „Das RKI hat keinen Einfluss auf Tests, die in Apotheken verkauft werden.“ Das bestätigte uns auch das Bundesgesundheitsministerium auf Anfrage: „Die von Ihnen zitierte Behauptung ist falsch und entbehrt jeder Grundlage. Schon rein rechtlich könnte das RKI überhaupt kein Verkaufsverbot in Apotheken durchsetzen.“

Die Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände antwortete auf eine Presseanfrage von CORRECTIV: „Apotheken dürfen in der Tat Antikörpertests derzeit weder an Laien abgeben noch selbst in der Apotheke an Patienten anwenden. Die Verletzung des Abgabeverbots nach § 3 Abs. 4 der Medizinprodukte-Abgabeverordnung kann als Ordnungswidrigkeit mit einer Geldbuße bis zu 30.000 Euro geahndet werden. Das bedarf keines spezifischen ‚Verbotes‘ durch das RKI.“ 

Es gibt also ein Verbot, das RKI hat damit aber nichts zu tun. Grund für das Verbot ist laut der Bundesvereinigung die nicht gesicherte Zuverlässigkeit der Antikörpertests. Im Laufe der nächsten Wochen sei aber mit dem Marktzugang zuverlässiger Tests zu rechnen.

Antikörpertests funktionieren grundsätzlich anders als PCR-Tests. Antikörpertests weisen keine aktuelle Infektion nach, sondern untersuchen Blut darauf, ob virusspezifische Antikörper nachweisbar sind. So soll festgestellt werden, ob man schon mit dem Virus infiziert war. Für die PCR-Tests wird ein Nasen-Rachen-Abstrich genommen, mit dem Ziel eine aktuelle Infektion nachzuweisen. 

Fazit: Die Behauptung ist teilweise falsch. Das RKI hat kein Verbot ausgesprochen und wäre dazu gar nicht befugt. Aktuell gilt wegen Unzuverlässigkeit der bisherigen Antikörpertests ein Verkaufsverbot. 

6. Behauptung: Die PCR-Tests sind „sehr, sehr unzuverlässig“, weil oft falsch-positiv

Ab Minute 08:45 behauptet Cecil: „Der Test ist halt mega unzuverlässig, also sehr oft falsch positiv“. Dazu haben wir einen ausführlichen Faktencheck veröffentlicht, nachdem zuvor in Videos behauptet worden war, die in Deutschland genutzten PCR-Tests könnten zu 30 bis 50 Prozent falsch positiven Ergebnissen führen. Dafür hat CORRECTIV Labore von den drei Unikliniken Köln, Stuttgart und Dresden zur Testgenauigkeit befragt. 

Corinne Klett vom Zentralinstitut für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin des Klinikums Stuttgart antwortete: „Die Tests am Klinikum Stuttgart weisen eine sehr hohe Qualität mit sehr geringen Fehlerquoten auf. Insbesondere falsch positive Ergebnisse sind nahezu ausgeschlossen.“ Sie verweist jedoch darauf, dass die Abstriche gründlich genommen werden müssten. „In Krankenhäusern mit geschultem Personal sollten diese Fehler jedoch kaum auftreten.“ Weiter schrieb sie per E-Mail: „Die Tests am Klinikum Stuttgart erkennen im niedrigen Virusbereich erkrankte Patienten zu 95%, bei höheren Virus-Konzentrationen liegt die Sensitivität bei annähernd 100%.“

Bislang seien keinerlei Kreuzreaktionen bekannt, die zu falsch positiven Ergebnissen führen könnten. „Deshalb sind falsch positive Corona-PCR-Ergebnisse nahezu auszuschließen. Als Fehlerquelle kommt vor allem die Präanalytik in Frage, also beispielsweise ungenügende Abstrichtechnik, Probenverwechslung oder auch zu lange Lagerung bzw. Transportzeiten.“

Das bestätigte auch Rolf Kaiser vom Institut für Virologie der Universität zu Köln am Telefon: „Unter der Vorgabe, dass der Abstrich richtig genommen wird und das Labor erfahren ist und sauber arbeitet, sind Fehlerquoten von 30 bis 50 Prozent falsch positiven Testergebnissen nicht erklärbar.“ Man könne generell nie ausschließen, dass mal etwas falsch laufe und Fehler passieren, aber dafür gebe es interne Kontrollen im Test und im Labor. „Die Quoten liegen dabei deutlich unter 30 bis 50 Prozent.“

Zu der Behauptung, die Test könnten aus anderen Gründen falsch positiv sein, sagte er: „Die gebräuchlichen aktuellen PCR Test auf den Coronavirus haben kein Problem mit Kreuzreaktionen von bekannten Coronaviren. Dazu hat auch schon ein Ringversuch mehrerer Labore zur Qualitätssicherung stattgefunden.“ 

Labor der Universität Dresden: „Uns sind bislang keine Fälle falsch positiver Befunde bekannt“

Alexander Dalpke, Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene der Technischen Universität Dresden schreibt per E-Mail über sein Labor:  „Uns sind bislang keine Fälle falsch positiver Befunde bekannt“. Auf die Frage von CORRECTIV, ob in deutschen Laboren, die Erfahrung mit PCR-Tests haben und Proben untersuchen, bei denen der Abstrich korrekt genommen wurde, eine Fehlerquote von 30 bis 50 Prozent falsch positiven Tests denkbar sei, antwortete er: „Nein, die RT-PCR sind hochspezifisch (Spezifität sicher im Bereich >95/98%).“ 

Er verweist aber wie seine Kollegen auf das Problem der Abstriche. Je schlechter die Proben genommen würden, desto weiter sinke die Sensitivität. „Es gibt tatsächlich Hinweise, dass Rachenabstriche nur 70% der Erkrankten erkennen.“ Deshalb setze man nur geschultes Personal für die Abstriche ein. Und Dalpke macht auf ein weiteres Problem aufmerksam: „Falsch positive und falsch negative Ergebnisse hängen darüber hinaus davon ab wie die ‘Vortestwahrscheinlichkeit’ ist.“ 

Fazit: Größtenteils falsch. Drei große Labore widersprechen der Behauptung, der PCR-Test sei unzuverlässig und liefere falsch-positive Ergebnisse. 

7. Behauptung: RKI-Präsident Lothar Wieler ist Mitarbeiter der WHO 

Weiter behauptet Cecil, der Präsident des RKI, Lothar Wieler sei „Mitarbeiter der WHO“ (ab Minute 10:21) und die WHO sei „praktisch sein Arbeitgeber“ (ab Minute 09:54 und 12:45). Als vermeintliche Belege führt der Youtuber öffentlich zugängliche Informationen auf der Webseite des RKI an. Dort ist eine Auswahl der Funktionen und Mitgliedschaften von Wieler in verschiedenen internationalen Gremien aufgelistet, darunter auch Expertenkommissionen der WHO. 

Auf Nachfrage schreibt uns das RKI: „Der Präsident des Robert Koch-Instituts ist kein Mitarbeiter der Weltgesundheitsorganisation. Herr Wieler erhält keine Zahlungen der WHO für die Funktionen in Gremien der WHO (bei Bedarf werden Reisekosten übernommen).“ 

Auf eine Presseanfrage von CORRECTIV bestätigt die WHO diese Angaben: „Er ist kein Angestellter und könnte keine direkten Zahlungen außer (möglicherweise) Reisekosten erhalten.“

In den öffentlichen Informationen der WHO zu ihrem Budget und der Anzahl ihrer Mitarbeiter finden sich keine personenspezifischen Daten, deshalb können wir die Angaben nicht überprüfen.

Fazit: Die Behauptung ist unbelegt.

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. „Coach Cecil“ stellt in seinem Video falsche und unbelegte Behauptungen auf.

Ramadan Dortmund
Diese Meldung ist veraltet. Die Stadt Dortmund und der Veranstalter haben mittlerweile mitgeteilt, dass die Veranstaltung abgesagt wurde. (Screenshot: CORRECTIV)

von Cristina Helberg

Ein Facebook-Beitrag verbreitet die Behauptung, in Dortmund finde anlässlich des Ramadan eine Veranstaltung mit 50.000 Teilnehmern statt – trotz Corona-Maßnahmen. Das ist falsch. Die Veranstaltung ist abgesagt.

Auf Facebook teilte ein Nutzer am 10. April einen Screenshot eines Artikels. In der Überschrift steht: „Corona vorbei? Ramadan-Veranstaltung mit 50.000 Teilnehmern in Dortmund wird nicht abgesagt!“ Der Beitrag wurde bisher mehr als 300 Mal auf Facebook geteilt. 

Wir haben die Behauptung geprüft. 

Der in dem Facebook-Beitrag zu sehende Artikel stammt von der Webseite Conservo. Als Autor ist der bekannte islamfeindliche Blogger David Berger angegeben. Veröffentlicht wurde der Artikel am 5. April.

Stadt Dortmund: „Festi Ramazan findet nicht statt“

Am 6. April, also einen Tag nach der Veröffentlichung des Artikels, reagierte die Stadt Dortmund öffentlich und schrieb auf ihrem verifizierten Twitter-Account: „ Da es vermehrt zu Fake-News zu diesem Thema kam, noch einmal deutlich: Der Veranstalter hat der Stadt Dortmund schon vor einiger Zeit mitgeteilt, dass die Veranstaltung Festi Ramazan 2020 in den Westfalenhallen nicht stattfindet.“ 

Zu der Veranstaltung Festi Ramazan waren laut der Stadt Dortmund ursprünglich insgesamt 50.000 Besucher im Zeitraum über drei Wochen vom 1. bis zum 24. Mai erwartet worden. 

Auch auf der Webseite der Veranstalter des Festi Ramazan wird auf die Absage hingewiesen: „Um die Gesundheit und das Wohl unserer Gäste und unserer Stadt, der Mitwirkenden und des Teams zu schützen, sehen wir bedauerlicherweise derzeit keine andere Möglichkeit, als das Festi Ramazan für den geplanten Zeitraum 01.05 – 24.05.2020 abzusagen.“ 

Der Hinweis auf die Absage des Festi Ramazan auf der Webseite der Veranstalter (Screenshot am 28. April: CORRECTIV).

Conservo-Artikel nicht mit Absage aktualisiert

In dem Conservo-Artikel findet sich jedoch kein Hinweis, dass die Veranstaltung mittlerweile abgesagt wurde. Der Artikel wurde bisher laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 7.000 Mal bei Facebook geteilt, in mehreren Gruppen auch nachdem die Veranstaltung schon abgesagt war. Zum Beispiel hier am 7. April und hier am 8. April. 

Mehr als 7.000 Mal wurde der veraltete Artikel laut Crowdtangle auf Facebook geteilt. Teilweise auch noch nachdem die Stadt die Absage der Veranstaltung am 6. April bekannt gegeben hatte. (Screenshot: CORRECTIV)

Auch aus dem Facebook-Beitrag, den wir in diesem Faktencheck geprüft haben, ist nicht ersichtlich, dass die Veranstaltung in der Zwischenzeit abgesagt wurde – obwohl der Nutzer den Beitrag am 10. April veröffentlichte, also vier Tage nach der offiziellen Absage. 

Mehrere Medien berichteten Anfang Mai über die Falschmeldungen zum Festi Ramazan, darunter die Faktenchecker von Mimikama, t-online und die Ruhrnachrichten.  

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Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Die Veranstaltung Festi Ramazan in Dortmund vom 1. bis 24. Mai 2020 ist abgesagt.

Vaio di Fidenza Hospital Intensive Care Unit - Parma
Das Krankenhaus Vaio di Fidenza in Parma in Italien am 24. April 2020. (Symbolfoto: Sandro Capatti / picture alliance / abaca)

von Cristina Helberg

In einem auf Whatsapp geteilten Kettenbrief wird behauptet, Autopsien in Italien hätten gezeigt, dass Covid-19 Patienten nicht an Lungenentzündung, sondern an einer Thrombose sterben würden. Deshalb benötigten Krankenhäuser weder Beatmungsgeräte noch Intensivstationen. Diese Darstellung ist falsch.

Ein Kettenbrief, der aktuell auf Whatsapp geteilt wird, behauptet, wegen eines Diagnosefehlers sei die Krankheit Covid-19 weltweit falsch behandelt worden. Mit den Worten „ULTIMA HORA, DIE LETZTE STUNDE“ beginnt der Brief. „Weltweit wurde Covid-19 aufgrund eines schwerwiegenden Diagnosefehlers falsch behandelt“, heißt es weiter. 

Weder Beatmungsgeräte noch Intensivstationen seien nötig. Stattdessen sei der richtige Weg, erkrankte Patienten mit Antibiotika, entzündungshemmenden und gerinnungshemmenden Medikamenten zu behandeln. Denn Autopsien italienischer Ärzte von Covid-19-Patienten hätten gezeigt, dass diese an Thrombosen, nicht an Lungenentzündungen gestorben seien. 

Diese Zusammenfassung ist falsch. Wir haben die Behauptungen, die uns Leser eingereicht haben, Schritt für Schritt geprüft. 

1.Behauptung: 50 Autopsien italienischer Ärzte von Covid-19-Patienten hätten gezeigt, dass diese an Thrombosen, nicht an Lungenentzündungen gestorben seien

Tatsächlich gibt es eine noch nicht abschließend bewertete Studie italienischer Ärzte vom 22. April 2020, in der über die Autopsien von 38 verstorbenen Covid-19 Patienten berichtet wird – nicht 50. Darin schreiben die Autoren: „Das vorherrschende Muster von Lungenläsionen bei Covid-19-Patienten ist DAD, wie auch bei den beiden anderen Coronaviren, die den Menschen infizieren, SARS-CoV und MERS-CoV.“ DAD steht für „diffuser Alveolarschaden“, eine Schädigung der Lungenbläschen. 

Über die untersuchten Patienten schreiben die Autoren: „Zum Zeitpunkt der Krankenhauseinweisung hatten alle Patienten Rachenabstrichproben, die positiv für SARS-CoV-2 Infektionen waren, und wiesen klinische und radiologische Merkmale einer interstitiellen Lungenentzündung auf.“ (PDF, Seite 3) 

Weiter steht in dem Preprint: „Unsere Daten unterstützen nachdrücklich die Hypothese, von neuere klinische Studien, dass Covid-19 durch Blutgerinnungsstörung und Thrombose verkompliziert wird, oder eng damit zusammenhängt“ (PDF, Seite 5). Die Autoren beobachteten Thromben – Blutgerinnsel – bei 33 der 38 untersuchten Patienten. Aus diesem Grund werde eine Verwendung von Antikoagulanzien, also gerinnungshemmenden Medikamenten, vorgeschlagen.  

Die Autoren ziehen also keinesfalls, wie in der Whatsapp-Nachricht behauptet, den Schluss, dass Patienten mit Covid-19 ausschließlich an Thrombosen starben. Sie warnen jedoch, dass diese häufig auftreten. 

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) führt neben Lungenentzündungen schon seit Ende Januar Thrombopenie als mögliche Komplikation in kritischen Fällen von Covid-19 auf. (PDF, Seite 3) Thrombopenie ist eine deutliche Verminderung der Zahl der Blutplättchen, die das Risiko für eine Thrombose erhöht. Die WHO rät deshalb zur Anwendung von gerinnungshemmendem Heparin bei Patienten, bei denen keine anderen Umstände dagegen sprechen. (PDF, Seite 8)

Auch andere aktuelle Studien weisen auf die Gefahr von Thrombosen hin. In einer am 10. April erschienen niederländischen Studie wurden 184 Intensivpatienten mit durch Covid-19 bedingten Lungenentzündungen untersucht. 31 Prozent hatten Komplikationen mit Thrombosen, obwohl sie prophylaktisch Gerinnungshemmer bekamen. Die Autoren schreiben, der Wert sei „bemerkenswert hoch“ und empfehlen, bei betroffenen Intensivpatienten vorsorglich hohe Dosen von Gerinnungshemmern einzusetzen. 

Dass Lungenentzündungen bei Covid-19-Patienten auftreten, belegen verschiedene Studien. Eine am 14. April veröffentlichte Studie untersuchte vier in Wuhan verstorbene Patienten. Die Autoren schreiben, diese seien „an einer COVID-19-Pneumonie“ gestorben. 

Fazit: Thrombosen treten bei Covid-19 Patienten offenbar häufig auf. Das heißt aber nicht, dass alle Covid-19 Patienten ausschließlich an Thrombosen sterben. 

2.Behauptung: Weder Beatmungsgeräte noch Intensivstationen seien nötig. Stattdessen sei der richtige Weg, erkrankte Patienten mit Antibiotika, entzündungshemmenden und gerinnungshemmenden Medikamenten zu behandeln.

Diese Schlussfolgerung ist falsch. 

Die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DPG) veröffentlichte am 21. April eine Pressemitteilung, in der sie eine rechtzeitige Beatmung der Patienten empfiehlt. „Da es bislang kein Medikament gegen COVID-19 gibt, stellt die Beatmung schwer Erkrankter derzeit die einzige Behandlungsmöglichkeit dar“, wird Torsten Bauer, stellvertretender Präsident der DGP, darin zitiert. 

Die WHO schreibt auf ihrer Webseite: „Antibiotika wirken nicht gegen Viren, sie wirken nur gegen bakterielle Infektionen. Covid-19 wird von einem Virus verursacht, daher wirken Antibiotika nicht.“ Antibiotika sollten deshalb laut WHO nicht als Mittel zur Vorbeugung oder Behandlung von Covid-19 eingesetzt werden. „In Krankenhäusern setzen Ärzte manchmal Antibiotika ein, um bakterielle Sekundärinfektionen zu verhindern oder zu behandeln, die bei schwerkranken Patienten eine Komplikation von Covid-19 darstellen können.“ 

Antibiotika können also zusätzlich eingesetzt werden, wenn neben Covid-19 auch andere bakterielle Infektionen vorliegen. Gegen Covid-19 sind sie nutzlos. 

Informationen der WHO zu Antibiotika. (Screenshot: CORRECTIV)

Richtig ist, dass die WHO schon seit Januar zur Verabreichung von gerinnungshemmenden Mitteln rät, um Komplikationen wie Thrombosen zu verhindern. (PDF, Seite 8). 

Eine am 19. April veröffentlichte Auswertung der WHO von 73 Studien, bei denen die Wirkung von nicht-steroidalen entzündungshemmende Medikamenten bei Patienten mit Covid-19, MERS und SARS untersucht wurde, kommt zu dem Schluss, dass diese aktuell keine Hinweise auf Nutzen oder Risiken liefern. Zu nicht-steroidalen entzündungshemmenden Medikamenten gehören unter anderem Ibuprofen, Aspirin und Diclofenac. 

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Zu dem Medikament Ibuprofen kursierten im März unbelegte Meldungen, es könne eine Covid-19 Erkrankung verschlimmern. Unser Faktencheck zeigte: Die Frage nach möglichen Auswirkungen des Schmerzmittels ist ungeklärt. 

Fazit: Antibiotika können bei Covid-19 Patienten eingesetzt werden, um zusätzliche bakterielle Infektionen zu behandeln. Gerinnungshemmende Medikamente können das Risiko von Thrombosen minimieren. Entzündungshemmende Medikamente sind nach aktuellem Stand der WHO weder vor- noch nachteilhaft. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, dass die Behandlung mit Beatmungsgeräten oder die Versorgung auf der Intensivstation unnötig seien. 

3.Behauptung: Ein Video einer mexikanischen Familie in den USA bestätigt, dass sie mit einem Hausmittel geheilt wurden: Drei 500g Aspirin-Tabletten, gelöst in mit Honig gekochtem Zitronensaft, wurden heiß genommen, und am nächsten Tag waren sie gesund

Belege für diese Behauptung oder einen Link zu dem angeblichen Video liefert die Whatsapp-Nachricht nicht. Aspirin gehört zu den nicht-steroidalen entzündungshemmenden Medikamenten, für die laut WHO aktuell weder Vorteile, noch Nachteile für Covid-19 Patienten nachgewiesen sind. 

Fazit: Die Einnahme von Aspirin, egal ob mit Honig und Zitronensaft oder ohne, ist demnach nutzlos. 

Auf den Whatsapp-Kettenbrief haben uns Leser hingewiesen. Er wurde zuerst auf Spanisch verbreitet und auch von mehreren anderen Faktencheck-Organisationen geprüft. Unter anderem von Maldita, ColombiaCheck und Verificado

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Antibiotika wirken nicht gegen Viren und Thrombosen sind nicht die ausschließliche Todesursache bei Covid-19-Patienten.

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Nein, diese Menschen urinierten nicht vor einer Kirche. Sie beteten. (Screenshot und Collage: CORRECTIV)

von Cristina Helberg

Seit Jahren teilen Menschen im Netz ein Foto, auf dem mehrere Personen vor einer Kirche zu sehen sind. Die Falschmeldung dazu: Sie hätten an die Kirchenwand uriniert. Das stimmt nicht. Sie beteten.

Manche Falschmeldungen tauchen immer wieder auf. So auch ein Foto von Menschen, die in einer Reihe vor einer Kirchenwand stehen. Mindestens seit 2016 behaupten Nutzer im Netz fälschlicherweise, die Menschen auf dem Foto würde an die Wand urinieren. Meist mit der Behauptung verbunden, es handele sich nicht um Deutsche. 

Eine Facebook-Nutzerin veröffentlichte das Foto nun erneut am 18. April auf Facebook und schrieb dazu: „Kirchenschänder in München!!!“. Der Beitrag wurde mehr als 1.400 Mal geteilt. Auf dem Foto selbst steht die Behauptung: „Sechs Neubürger urinieren an das christliche Gotteshaus“. 

Das ist falsch. 

Im August 2016 fand der Faktencheck-Verein Mimikama heraus, dass das Foto vor der St. Gertrud Kirche in München aufgenommen wurde. Die Kirche veröffentlichte damals auf ihrer Webseite eine Stellungnahme, die heute nicht mehr online ist. 

In der Stellungnahme stand: „Seit einigen Jahren wird einer der Räume unserer Kirche von der eritreisch-orthodoxen Gemeinde benutzt. Jeden Sonntag wird eine Eucharistie gefeiert. Junge Eritreer treffen sich oft auch nach der Messe am Wochenende diesem Raum. So hat sich eine gute ökumenische Beziehung zwischen der eritreischen Gemeinde und unserer katholischen Pfarrei St. Gertrud entwickelt. Ab und zu feiern wir gemeinsam ökumenische Gottesdienste. Nach der Tradition der orthodoxen Christen in Eritrea und Äthiopien gehen die Gläubigen oft nicht in die Kirche hinein, sondern beten draußen vor der Kirche. Sie lehnen sich an die Wand des Gotteshauses und beten. Die Männer auf diesem Bild beten gerade.“ 

Die Stellungnahme hat Mimikama mit Screenshots dokumentiert. Die Gemeinde wiederholte sie gegenüber CORRECTIV am 23. April per E-Mail. Dazu schrieb Pater Matthias Zlonkiewicz: „Ich kann bestätigen, dass die Männer, die auf dem Foto zu sehen sind, nichts Schlimmes tun. Sie stehen an der Kirchenwand und beten gerade. Jede Unterstellung, dass sie urinieren, ist einfach falsch.“ 

In einer E-Mail bestätigte Matthias Zlonkiewicz, dass es sich um eine Falschmeldung handelt. (Screenshot: CORRECTIV)

Auf der Seite der Gemeinde St. Gertrud wird auf die regelmäßigen Gottesdienste der eritreisch-orthodoxen Kirche verwiesen. 

Hinweis auf der Webseite der Gemeinde St. Gertrud in München. (Screenshot: CORRECTIV)

Neben Mimikama berichteten im August 2016 mehrere Medien über die Falschmeldung, darunter der Bayerische Rundfunk, Focus und die Münchener Abendzeitung

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Unsere Bewertung:
Falsch. Die Menschen auf dem Foto beteten.

Grippeimpfung
Ein Arzt impft am 13. November 2019 einen Patienten gegen Grippe in Berlin. (Symbolfoto: Robert Guenther/picture alliance / dpa Themendienst)

von Cristina Helberg

Im Netz und in Messenger-Diensten wie Whatsapp kursiert die Behauptung, eine Grippeimpfung erhöhe das Risiko einer Erkrankung an der Lungenkrankheit Covid-19. Das ist falsch.

Per Whatsapp erhielt einer unser Leser am 30. März eine Nachricht, die ihm seltsam vorkam: „Grippeimpfungen erhöhen das Risiko an Corona zu erkranken“. Was hatte ihn misstrauisch gemacht? „Jemand zitierte einen Artikel aus der Daily Mirror. Der Originaltext fehlt in der Whatsapp“, schrieb er uns über unseren CrowdNewsroom zum Coronavirus. Dort kann jeder Nachrichten oder Artikel einreichen, die unser Team dann sichtet und gegebenenfalls Faktenchecks dazu veröffentlicht. 

Erhöht die Grippeimpfung also das Risiko, an Covid-19 zu erkranken? Wir haben die Behauptung geprüft. 

Irreführende Überschrift im Daily Mirror

In der Whatsapp-Nachricht wird als angeblicher Beleg ein Artikel der britischen Zeitung Daily Mirror angeführt. Welcher Artikel genau, wird nicht gesagt. Eine Google-Suche nach dem Stichwort „flu vaccine“ (Deutsch: Grippeimpfung) und Artikeln, die zwischen dem 31. Dezember 2019 und dem 15. April 2020 auf der Webseite der Zeitung erschienen, liefert nur zwölf Treffer. In keinem der Artikel wird die Behauptung der Whatsapp-Nachricht bestätigt. Ein Artikel, der am 17. März 2020 erschien, scheint jedoch die Ursache der Falschmeldung zu sein. Der Grund ist die missverständlich formulierte Überschrift des Artikels: „Coronavirus: Top-Mediziner warnt: Wer eine Grippeimpfung bekommt, sollte zu Hause bleiben“. In dem Artikel geht es um Unsicherheiten in der britischen Bevölkerung, wer zur Risikogruppe während der Corona-Pandemie gehört. 

„Briten, die die jährliche winterliche Grippeimpfung erhalten, fallen in die Kategorie ‘hohes Risiko’ der Regierung und sollten sich selbst isolieren, warnt ein Top-Mediziner“, schreibt die Autorin des Artikels. Weiter steht dort: „Jonathan Van-Tam, stellvertretender Chief Medical Officer für England, sagte heute Morgen im Frühstücksfernsehen der BBC: ‘Ich möchte nicht auf jede einzelne Risikogruppe im Detail eingehen, aber wir sagen, dass es die Menschen sind, denen Grippeimpfstoffe angeboten werden, mit Ausnahme von Kindern, die in diese Risikokategorie passen, Menschen, für die der Ratschlag zur sozialen Distanzierung sehr eindrücklich ist.’“. 

Aus dem Kontext wird deutlich, dass nicht vor der Grippeimpfung an sich gewarnt wird, sondern erklärt wird, dass die Risikogruppen für Grippeerkrankungen und schwere Verläufe von Covid-19 mit Ausnahme von Kindern dieselben sind. 

Der britische Gesundheitsdienst National Health Service empfiehlt Grippeimpfungen für Personen ab 65 Jahren, Schwangere, Kinder und Erwachsene mit einer Vorerkrankung (zum Beispiel langfristige Herz- oder Atemwegserkrankungen) und medizinisches Personal. In Deutschland empfiehlt die Ständige Impfkommission die saisonale Grippeschutzimpfung schon ab 60 Jahren.

Virologe Drosten: Man ist nach einer Influenza-Impfung nicht anfälliger für Viren

Der Hinweis in der Whatsapp-Nachricht auf einen Artikel des Daily Mirror ist demnach kein Beleg. Aber was ist dran an der Behauptung, Grippeimpfungen könnten das Risiko einer Corona-Erkrankung erhöhen? 

Im NDR-Corona-Podcast befragte die Journalistin Anja Martini am 11. März den Virologen Christian Drosten zu dem Thema: „Ist es noch sinnvoll, sich jetzt gegen Grippe impfen zu lassen? Wenn man danach, wenn man diese Impfung bekommen hat, ja zwei Wochen lang, ein bisschen anfälliger ist für Viren?“ 

Drosten antwortete: „Man ist nicht nach einer Influenza-Impfung anfälliger für Viren. Das stimmt nicht.“ Weiter sagte er: „Es ist nie schädlich, sich gegen die Grippe impfen zu lassen, zumal man dann in einer guten Startsituation ist, wenn man sich im nächsten Herbst gegen die Grippe impfen lässt. Dann hat man eine gute Reaktion auf die Impfung für die dann kommende Saison, wo das pandemische SARS-2-Virus zusammenfallen wird mit der Grippesaison.“ 

RKI: Kein Hinweis auf höheres Risiko durch Grippeimpfung 

Auf eine Presseanfrage von CORRECTIV antwortete das Robert-Koch-Institut per E-Mail: „Dem Robert Koch-Institut liegen bislang keine Hinweise dazu vor, dass Grippe-Impfungen das Risiko, an Covid-19 zu erkranken, erhöht. Dem RKI ist auch kein physiologischer Mechanismus bekannt, der einen solchen Einfluss plausibel erklären könnte.“  

Weiter schreibt das RKI: „Gerade im Kontext der Covid-19-Pandemie – der Anfang der Covid-19-Epidemie fiel in die Grippewelle – war es essentiell, dass die Risikogruppen gegen Grippe geimpft waren, um schwere Influenza-Verläufe zu verhindern und Engpässe in Krankenhäusern (u. a. bei Intensivbetten, Beatmungsplätzen) zu vermeiden.“ Das werde auch für die kommende Influenzasaison von großer Bedeutung sein. 

Die Risikogruppen für schwere Verläufe von Influenza und Covid-19 seien sehr ähnlich: insbesondere ältere Menschen ab 60 Jahren, hochaltrige Menschen und Menschen mit Grunderkrankungen. Diesen Menschen werde eine Influenza-Impfung empfohlen. „Es ist denkbar, dass sich Personen aus den oben genannten Gruppen gegen Grippe impfen lassen haben und – unabhängig davon – an Covid-19 erkrankt sind und vielleicht auch schwer erkrankt sind. Das bedeutet jedoch nicht, dass es einen Zusammenhang zwischen einer Grippe-Impfung und dem Risiko einer Covid-19-Erkrankung gibt“, schreibt das RKI.  

E-Mail-Antwort des Robert-Koch-Instituts auf eine Presseanfrage von CORRECTIV. (Screenshot: CORRECTIV)

Paul-Ehrlich-Institut: Immunsystem nur bei Lebend-Impfstoffen geschwächt 

Auch das Paul-Ehrlich-Institut schreibt auf eine Presseanfrage von CORRECTIV: „Uns liegen keine Informationen darüber vor, dass Grippeimpfungen das Risiko erhöhen, an COVID-19 zu erkranken.“ Das Immunsystem sei bei bestimmten Impfungen wie gegen Masern durch die Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Lebendvirus etwas geschwächt. Daher gelte die Empfehlung des RKI, Lebendimpfstoffe entweder gleichzeitig zu impfen oder einen Mindestabstand von vier Wochen einzuhalten. Das sei bei Totimpfstoffen nicht notwendig. 

Weiter schreibt das Paul- Ehrlich-Institut: „Bei den Grippeimpfstoffen handelt es sich mit Ausnahme des lebend-attenuierten Impfstoffes Fluenz Tetra, der nur im Alter von zwei bis einschließlich 17 Jahren eingesetzt werden darf, um Totimpfstoffe.“

E-Mail-Antwort des Paul-Ehrlich-Instituts auf eine Presseanfrage von CORRECTIV. (Screenshot: CORRECTIV)

Falsche Behauptung auch bei Facebook

Auch auf Facebook kursiert die falsche Behauptung. Der bei Allgemeinmedizinern umstrittene Mediziner und Psychotherapeut Rüdiger Dahlke behauptet ebenfalls unter Verweis auf den Daily Mirror-Artikel in einem Facebook-Beitrag vom 24. März: „In England reihen Regierung und höchste Stellen des Gesundheitswesens all jene über 65-Jährigen, die die normale Grippe-Impfung erhalten haben, in die Gruppe der Höchstgefährdeten ein“.

Das ist, wie der Faktencheck zeigt, falsch. Der Beitrag, in dem er auf sein eigenes Seminarangebot verlinkt, wurde mehr als 1.100 Mal geteilt. Die Faktenchecker der DPA haben zu den falschen Behauptungen ebenfalls einen Artikel veröffentlicht.   

CORRECTIV ist spendenfinanziert
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Update, 20. April 2020: Wir haben den Text um die Einschätzung des Paul-Ehrlich-Instituts ergänzt. 

Unsere Bewertung:
Falsch. Influenza-Impfungen machen nicht anfälliger für Coronaviren.

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Viele Youtube-Kanäle, die sonst Verschwörungstheorien verbreiten, nutzen die Corona-Pandemie, um Ärzte zu interviewen – auch völlig fachfremde. (Foto: Ivo Mayr/CORRECTIV)

von Cristina Helberg

Youtube duldet Falschmeldungen, Hetze und Verschwörung seit Jahren auf seiner Plattform. Das wird in der Corona-Pandemie zu einem besonderen Problem: Pseudo-Sprechstunden und absurde Gesundheitstipps generieren Millionen Klicks. „Alternative Medien“ helfen bei der Verbreitung.

Schon zu normalen Zeiten ist Youtube Umschlagplatz Nummer Eins für gezielte Desinformation und Falschmeldungen. Keine andere Plattform tut so wenig dagegen und nirgendwo anders erreichen Fakes so hohe öffentliche Klick- und Sharezahlen. 

Während der Corona-Pandemie zeigt sich, wie problematisch es ist, wenn sich Millionen Menschen bei Youtube informieren. 

Wenn es um „Fake News“ geht, denken die Meisten an politisch motivierte Falschmeldungen. Unterschätzt wird dabei die Reichweite von Falschmeldungen im Gesundheits- und Medizinbereich. Eine Pflanze heilt Krebs in 16 Stunden und das Masernvirus existiert gar nicht? Schon vor der Corona-Pandemie konnten Faktencheckerinnen beobachten, dass viele der meistgeklickten Fakes medizinische Themen behandelten. Solche, die Betroffenen Heilung versprachen – und mit falscher Hoffnung Geld verdienten. 

In Zeiten von Corona hat sich die Arbeit im Faktencheck-Team daher inhaltlich kaum verändert. Die Narrative der Desinformation sind dieselben geblieben, nur mit einem Corona-Dreh versehen. Einschlägige Webseiten berichteten vorher regelmäßig von einer angeblichen „Invasion“ von Geflüchteten. Jetzt warnen sie, die Corona-Maßnahmen würden ausgenutzt, um „heimlich“ Asylbewerber nach Deutschland zu bringen. Wer früher „Lügenpresse“ schrie, beschuldigt die ARD nun ohne jeden Beleg, Särge von 2014 in der Corona-Berichterstattung gezeigt zu haben. 

Und viele, die vorher auf Youtube fragwürdige Gesundheitstipps und Heilsversprechungen gaben, geben sich nun als Coronavirus-Experten aus. Sie werden auf Youtube-Kanälen als „Mediziner“ vorgestellt und treten gerne in weißen Hemden oder Arztkitteln auf. Dass sie zwar meist Ärzte sind, aber nicht über ihre eigenen Fachgebiete sprechen, wird dabei verschwiegen. 

Urologe im Youtube-Gespräch mit „alternativen Medien“

So behauptet Michael Spitzbart im Compact-Interview auf Youtube, das Virus sei für Gesunde „praktisch harmlos“ und rät dazu, das Immunsystem zu beschäftigen: „Wenn im Restaurant eine Gabel runterfällt, die erst recht nehmen. Das ist eine geimpfte Gabel“. Das Youtube-Video vom 3. April erreichte bisher 172.000 Klicks. (Unser Faktencheck dazu) Spitzbart ist Urologe.  

Der Internist Claus Köhnlein streut in Youtube-Interviews mit den „alternativen Medien“ Der fehlende Part (860.000 Aufrufe) und KenFM (105.000 Aufrufe) Zweifel an der Zuverlässigkeit der PCR-Tests, mit denen auf Corona-Infektionen getestet wird. Knapp eine Million Mal wurden diese Videos insgesamt aufgerufen. (Unser Faktencheck dazu)

Seit dem Ausbruch des neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2 hat sich auf Youtube eine Allianz aus Homöopathen, Impfgegnern, Verschwörungstheoretikern und „alternativen Medien“ gebildet. Überschneidungen hat es schon vorher gegeben, aber die hohen Klickzahlen befeuern die Gastauftritte und Co-Produktionen. Mediziner der unterschiedlichsten Fachbereiche liefern den Youtube-Kanälen der „alternativen Medien“ die notwendige Faktenfassade während der Pandemie. 

Verunsicherte Einreichungen von Leser*innen

Viele Einreichungen der letzten Tage in unserem CrowdNewsroom lassen vermuten, dass solche Videos aktuell zahlreiche Menschen erreichen, die die Kanäle zuvor nicht kannten. Unsere Nutzer berichten von Whatsapp-Gruppen mit Bekannten oder Familienmitgliedern, in die plötzlich fragwürdige Meldungen geschickt würden. Nie zuvor hat unser Faktencheck-Team seit der Gründung im Mai 2017 so viele Anfragen erhalten. Viele davon klingen ehrlich verzweifelt. 

Einer breiten Öffentlichkeit wurde das Problem der fragwürdigen Youtube-Videos durch Auftritte des Internisten und Lungenarztes Wolfgang Wodarg bewusst, der sich unter anderem von Eva Herman und dem ZDF-Magazin Frontal 21 interviewen ließ. Diese Videos und ein Kettenbrief zur Ibuprofen-Einnahme schafften es aufgrund ihrer vermeintlichen Legitimation durch Mediziner per Weiterleitung offenbar auch in Kreise, die sonst seltener irreführende oder falsche Meldungen erreichen. 

Interview mit verschwörungstheoretischen Kanälen

Ein weiteres Problem ist die offenbare Unbedarftheit mancher Mediziner bei der Auswahl ihrer Gesprächspartner. So gab etwa die Virologin Karin Mölling dem Medium KenFm ein Interview, das auf Youtube 170.000 Mal aufgerufen wurde. 

Michael Butter, der zu Verschwörungstheorien forscht, sagte dazu in einem Zeit-Interview„Die Virologin Karin Mölling [ist] eine emeritierte Professorin am angesehenen Max-Planck-Institut für molekulare Genetik in Berlin. Sie hält die strikten Maßnahmen wie das weitreichende Kontaktverbot für übertrieben. Das ist eine legitime wissenschaftliche Position. Aber Frau Mölling hat dazu KenFM ein Interview gegeben. Auf dieser Internetseite wurde schon behauptet, die Massenmedien seien von Zionisten unterwandert oder die Flüchtlingskrise sei bewusst gesteuert und diene der ‘Desorganisation’ Deutschlands. Auch zu Corona werden dort seit Wochen Verschwörungstheorien verbreitet. In so einem Kontext werden Frau Möllings Äußerungen offensichtlich Teil dieser Verschwörungstheorien. Das hätte ihr klar sein müssen.“

Medizinische Tipps, die dem aktuellen Stand der Forschung widersprechen, sind das eine Problem. Ihnen kann man mit Fakten begegnen. Auf Youtube werden diese Falschmeldungen jedoch mit Verschwörungstheorien verbunden und damit Millionen von Klicks generiert. Wahlweise werden die Pharmaindustrie, die USA, China oder satanische Sekten für die Pandemie verantwortlich gemacht. 

„Machtergreifung“, Weltuntergang und Biowaffe: Verschwörungstheorien in Corona-Zeiten

Eine aktuelle Analyse der Universität Münster hat  15.000 Facebook-Posts von „alternativen Nachrichtenmedien“ von Anfang Januar bis zum 22. März untersucht. Sie kommt zu dem Schluss, diese hätten bisher während der Corona-Krise vor allem Gerüchte und einzelne Verschwörungstheorien verbreitet. „Diese Medien vermischen in ihren Veröffentlichungen das Leugnen des Klimawandels, die Flüchtlingskrise, Weltuntergangstheorien und das Coronavirus“, sagt Thorsten Quandt, der die Studie leitete. 

Unter anderem hätten „alternative Medien“ die Verschwörungstheorie, das Virus sei eine Biowaffe aus China, verbreitet. (Unseren Faktencheck dazu finden Sie hier) „Wir fanden mehrere Fälle, in denen ihre Aussagen an anderer Stelle aufgegriffen wurde, beispielsweise in den Youtube-Kanälen von Verschwörungstheoretikern, die als sekundäres Verbreitungssystem dienen. Sie bezeichnen die Botschaften der alternativen Nachrichtenmedien als glaubhaft“, sagt Thorsten Quandt. 

Das bestätigt, was wir Faktencheckerinnen seit Jahren beobachten: Youtube-Verschwörungstheoretiker und „alternative Medien“ sind untrennbar miteinander verbunden. Nun mischen sich zunehmend auch Mediziner darunter. 

So spielte zum Beispiel der Homöopath Ralf Kron im Youtube-Interview mit dem Blog eingeschenkt.tv auf eine Verschwörungstheorie an: Auf Desinfektionsmitteln werde schon seit Jahren Schutz gegen Coronaviren versprochen. (Unser Faktencheck dazu) 

Auch bekannte Größen der Verschwörungsszene wie Oliver Janich melden sich in diesen Wochen zu Wort: In einem seiner Videos tritt der ebenfalls bekannte Verschwörungstheoretiker Gerhard Wisnewski auf und bekräftigt, was er schon in einem zweiten Youtube-Interview sagte: „Was wir hier haben, das ist 1933 auf globaler Ebene, die Machtergreifung der WHO-Strukturen zusammen mit chinesischen Strukturen“. Knapp 300.000 Mal wurde das Video aufgerufen. 

Youtubes zögernde Antwort auf Desinformation

Youtube stellt Faktenchecker vor besondere Herausforderungen: Die Videos sind häufig lang und die Aussagen ein wildes Durcheinander aus Tatsachenbehauptungen (prüfbar), Meinung (nicht prüfbar) und Verschwörungstheorien (nur Aspekte prüfbar). Der Faktencheck eines einzigen Videos kann Tage dauern, während die Klickzahlen im Minutentakt steigen. Anders als Facebook ermöglicht Youtube außerdem bisher keine Verknüpfung von Faktenchecks mit Falschmeldungen, die Usern dann angezeigt werden. Zudem bietet Youtube Faktencheckerinnen kein Tool, mit dem die Plattform effektiv nach Falschmeldungen durchsucht werden kann.

WHO-Direktor Tedros Adhanom Ghebreyesus kündigte im Februar an, nicht nur gegen das Virus anzukämpfen, „sondern auch gegen die Trolle und Verschwörungstheoretiker, die Fehlinformationen vorantreiben und die Reaktion auf den Ausbruch untergraben“. 

Bei Youtube scheint man das Problem weiterhin nur langsam anzugehen. Angesichts der Corona-Pandemie blendet die Plattform in Deutschland aktuell unter Videos lediglich einen Verweis auf Informationen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung oder WHO ein, wie der Konzern in einem FAQ zum Coronavirus schreibt. Beim Thema „Falschmeldungen“ bleibt Youtube in diesen Richtlinien jedoch vage und schreibt, man würde Inhalte löschen – nach eigenen Angaben aber erst dann, wenn es sich um Inhalte handele, in denen behauptet werde, „dass schädliche Substanzen oder Behandlungen positive gesundheitliche Auswirkungen haben können.“

Aus den Youtube-Richtlinien zum Thema „Falschmeldungen“. (Screenshot: CORRECTIV)

Bleiben bei sonstig irreführenden Videos also die Info-Einblendungen. Diese jedoch sind selbst irreführend designt: Wer ein Video damit sieht, könnte meinen, die abstrusesten Verschwörungsvideos seien durch die Bundeszentrale legitimiert oder stammten sogar von ihr. Selbst Youtubes aktuelle Verbesserungsansätze promoten Fakes und Verschwörung demnach noch.

Update, 11. April:  Wir haben am Ende des Artikels einen Auszug aus den Youtube-Richtlinien ergänzt. 

Update, 24. April 2020: In einer Stellungnahme hat sich Youtube nach Erscheinen zu unserem Text geäußert. Youtube schreibt, es sei nicht zutreffend, dass man Falschmeldungen, Hetze und Verschwörung auf der Plattform dulde.  

„Wir nehmen den Kampf gegen jedwede Form problematischer Inhalte sehr ernst und entfernen schon seit vielen Jahren alle Inhalte, die gegen unsere Produktrichtlinien verstoßen. Zum Beispiel erlauben wir keine Anstiftung zu Gewalt, Belästigung oder Hassrede. Dabei setzen wir auf eine Kombination aus Nutzern und Technologie, um unzulässige Inhalte zu melden und diese Richtlinien durchzusetzen. Wir arbeiten laufend an der Verbesserung unserer internen Prozesse, um eine zügige und sachgerechte Prüfung und Entfernung sicherzustellen und haben die betreffenden Richtlinien für Hassrede und ähnlich problematische Inhalte immer wieder verschärft.“

Weiter schreibt Youtube: „Natürlich wird es auf YouTube immer wieder Inhalte geben, die sich an der Grenze unserer Richtlinien befinden. Deshalb haben wir in den vergangenen Jahren daran gearbeitet, Inhalte von verlässlichen Quellen auf YouTube zu fördern und die Verbreitung von grenzwertigen Inhalten und schädlichen Fehlinformationen zu reduzieren.“ Die Infotafeln mit Verweis auf Informationen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, über die CORRECTIV berichtet hatte, seien mit der Behörde abgestimmt.