correctiv-ruhr

Patrik Stollarz / AFP

Ruhr

Die CORRECTIV Lokalredaktion

CORRECTIV.Ruhr sucht nach Themen, die Menschen wirklich vor Ort bewegen. Hier führen wir Debatten und experimentieren mit Formaten. Wir wollen dabei lernen, wie unsere Gesellschaft funktioniert, was sie zusammenhält, wie wir Probleme gemeinsam überwinden können.

© correctiv.ruhr

Der Prozess

Der Prozess, Tag 23

Die Verteidigung verweist auf ein „Hirnorganisches Psychosyndrom" und mögliche „unverschuldete Minderdosierungen".

von Cristina Helberg

Am 23. Verhandlungstag sind keine Zeugen geladen. Stattdessen entscheidet das Gericht über mehrere Beweisanträge. CORRECTIV berichtet aus dem Gerichtssaal.

Welchen Eindruck macht Peter Stadtmann?

Die Anwälte von Peter Stadtmann wollen unter allen Umständen verhindern, dass Details der von ihnen vorgebrachten „Hirnschädigung“ öffentlich bekannt werden. Intensiv beraten sie sich zu diesem Thema mit Peter Stadtmann selbst.

Welchen Eindruck machen die Betroffenen?

Einige Nebenklägerinnen werten einen Nebensatz des Richters als Hinweis, dass sie eventuell doch noch als Zeugen im Verfahren gehört werden. Die Ausführungen der Verteidigung zu einer möglichen Einschränkung der Schuldfähigkeit des Angeklagten, beobachten sie kritisch.

Die wichtigsten Ereignisse des Tages:

  • Ist Peter Stadtmann nur eingeschränkt schuldfähig? Das legen zumindest seine Anwälte nahe. Peter Stadtmann habe seit einem Sturz im Jahr 2008 eine „schwere Hirnschädigung infolge eines Schädel-Hirn-Traumas”. Die Verteidigung beantragt zu diesem Thema den Psychiater Pedro Faustmann von der Ruhr-Universität Bochum als Sachverständigen zu laden. Er habe Peter Stadtmann im Dezember und Januar zweimal in der Haft besucht und ein vorläufiges Gutachten geschrieben. Laut Stadtmanns Anwälten zeige ihr Mandant „gravierende neurologische Auffälligkeiten.” Bei der Bearbeitung verschiedener Testaufgaben sei seine Leistung schon nach kürzester Zeit rapide abgefallen. Ein „Hirnorganisches Psychosyndrom” verursache eine „Störung des entscheidungsbezogenen Denkens”. Das könne zu „unbewussten Fehlleistungen unter Stress führen”. Eventuelle Fehlleistungen seien für Peter Stadtmann jedoch „nicht wahrnehmbar“. Demnach sei bei einer möglichen Unterdosierung von Therapien ein vorsätzliches Handeln nicht möglich. Auch sei eine erhebliche Verminderung der Steuerungsfähigkeit des Angeklagten denkbar.

  • Verteidigung versucht Gutachten unter Verschluss zu halten. Stadtmanns Anwälte wollen ihren Beweisantrag, Pedro Faustmann als Zeugen zu hören, zunächst nur unter Ausschluss der Öffentlichkeit verlesen. Der Richter lehnt das mit Verweis auf das große öffentliche Interesse ab. Dieses überwiege, weil es um die Gesundheit der Bevölkerung gehe. Das vorläufige Gutachten von Pedro Faustmann möchte die Verteidigung dennoch möglichst unter Verschluss halten und verweist darauf lediglich als Anhang des Beweisantrages. Das Gutachten zu der „Hirnschädigung” Peter Stadtmanns soll demnach weder öffentlich im Gerichtssaal verlesen, noch der Nebenklage zur Verfügung gestellt werden. Die Nebenklage will das nicht hinnehmen und beantragt Einsicht in das Gutachten, um sich auf eine mögliche Vernehmung des Psychiaters Faustmann vorzubereiten. Der Staatsanwalt Rudolf Jakubowski lehnt den Antrag der Verteidigung, Faustmann als Zeugen zu hören, ab. Jakubowski verweist auf die Aussagen mehrerer Zeugen, die nach dem Unfall keine Persönlichkeitsveränderung bei Peter Stadtmann bemerkt haben wollen. Außerdem sei das Herstellen von Therapien kein standardisierter Vorgang, bei dem Flüchtigkeitsfehler passieren könnten. Zudem habe sich der Angeklagte laut dem Whistleblower Martin Porwoll damit gerühmt, dass er besonders gut in der Herstellung von Therapien sei. Die Nebenklage schließt sich der ablehnenden Stellungnahme des Staatsanwaltes an. Der Nebenklage-Anwalt Markus Goldbach fügt hinzu, dass in den Minderdosierungen gerade keine Flüchtigkeit erkennbar sei, da diese durchgängig festgestellt worden seien. Ob Pedro Faustmann als Zeuge gehört wird, und ob die Nebenklage Einsicht in sein Gutachten erhält, hat das Gericht noch nicht entschieden.

  • Verteidigung sieht das Gericht in Beweisnot. Stadtmanns Anwälte beantragen die Präzisierung des rechtlichen Hinweises, den der Richter dem Angeklagten am 22. Verhandlungstag erteilt hatte. Das Gericht sei offenbar in „Beweisnot“. Es sei „völlig unklar, wer was wann in der Therapiezubereitung gemacht hat”. Keiner der Mitarbeiter habe Peter Stadtmann beim Produzieren im Labor gesehen. In seinem Hinweis hatte der Vorsitzende Richter Johannes Hidding gesagt, man könne in das Labor der Alten Apotheke „nicht hineinschauen“. Diesen Punkt greift die Verteidigung nun auf. Es sei retrospektiv nicht möglich, die Vorläufe im Labor zu rekonstruieren. Das müsse der Rechtsstaat aushalten.

  • Unverschuldete Minderdosierung? Die Verteidigung bringt eine „unverschuldete oder fahrlässige Unterdosierung“ ins Spiel. Dieser Erklärungsansatz sei bisher nicht geprüft worden. Die Beweisaufnahme habe nichts ergeben, was für eine vorsätzliche Unterdosierung spreche. Auch sei bisher kein Tatmotiv erbracht worden. Die Herstellung im Labor unter Zeitdruck, die mehrere Zeugen vor Gericht beschrieben hätten, könne statistisch gesehen schnell zu Fehlern führen. Auch die niedrigen Einkaufsquoten würden sich laut Verteidigung so erklären lassen. Würden Therapien unverschuldet unterdosiert, würde auch weniger eingekauft. Der Einkauf passe sich dem Verbrauch an und nicht umgekehrt, denn einen automatisierten Einkauf habe es nicht gegeben. Dafür sprechen laut Verteidigung auch die Aussagen mehrerer Mitarbeiter, es sei immer genügend Wirkstoff auf Lager gewesen. Ein anderer Grund für unverschuldete Unterdosierungen könnten laut Verteidigern die instabilen Wirkstoffe sein. Mangelnde Kontrollen würden zudem ermöglichen, dass eine unverschuldete Unterdosierung auch jahrelang unentdeckt bleiben könne.

  • Organisationstat oder nicht? In seinem rechtlichen Hinweis hatte der Richter Johannes Hidding auf eine mögliche Organisationstat verwiesen. Die Verteidigung stellt das in Zweifel. Diese Rechtsfigur der „uneigentlichen Organisationstat“ sei auf Mehrpersonenverhältnisse zugeschnitten, also Straftaten mehrerer Personen. Es habe jedoch kein Zeuge von Anweisungen Stadtmanns zu Unterdosierungen oder einem möglichen Tatplan berichtet. Sämtliche Mitarbeiter hätten vor Gericht ausgesagt, selbst die Therapien immer ordnungsgemäß hergestellt zu haben. Es gebe zudem keine Hinweise darauf, dass der Betrieb der Alten Apotheke auf Straftaten ausgerichtet worden sei. Der Nebenklage-Anwalt Markus Goldbach bemerkt dazu, dass für eine Organisationstat nicht erforderlich sei, dass sich mehrere handelnde Personen zusammen schließen. Auch die Schaffung einer Organisationsstruktur reiche aus.

  • In Straßenkleidung im Labor. Immer wieder haben Zeugen vor Gericht ausgesagt, dass Peter Stadtmann das Reinraumlabor in Straßenkleidung betrat. Die Verteidigung argumentiert gegen eine mögliche Kontaminierung des Labors. Demnach habe sich im Rahmen der Beweisaufnahme keine überdurchschnittliche Zahl von Blutvergiftungen bei Patienten ergeben. Wann und in welchem Umfang mögliche Blutvergiftungen bei Patienten untersucht wurden, bleibt jedoch offen. Zudem gebe es laut Verteidigung in der Apothekenbetriebsordnung keine konkrete Vorschrift zur Schutzkleidung. Es sei deshalb unklar, was eine Schutzkleidung laut Norm genau darstelle. Wie bereits am letzten Verhandlungstag verweist die Verteidigung auf Prüfberichte einer Laborbetriebsgesellschaft. Die Prüfberichte aus den Jahren 2012 bis 2015 sollen laut Verteidigung beweisen, dass die Werkbänke in der Alten Apotheke nicht kontaminiert waren. Das Gericht hat über den Beweisantrag zu diesen Prüfberichten noch nicht entschieden.

  • Möbelhändler wird nicht als Zeuge gehört. Das Gericht lehnt den Antrag der Verteidigung, einen Möbelhändler als Zeugen zu hören, ab. Der Möbelhändler sollte eine Lieferung von hochwertigen Haushaltsgegenständen im Auftrag Peter Stadtmanns an den Pharmavertreter Wilfried H. bezeugen. Laut dem Vorsitzenden Richter Johannes Hidding ließen sich aus einer solchen Aussage aber nicht zwingend private Lieferungen „erheblicher Mengen Zytostatika“ ableiten. Der Pharmavertreter Wilfried H. habe vor Gericht glaubhaft ausgesagt, dass er privat keine Zytostatika an Peter Stadtmann lieferte. Zudem habe Martin Porwoll vor Gericht ausgesagt, dass er keine Hinweise auf Schwarzkäufe bemerkt und die Alte Apotheke bei allen Herstellern sehr gute Konditionen gehabt habe. Daraus schließe die Kammer laut Richter Hidding, dass Schwarzkäufe, die nicht als Betriebsausgaben abgerechnet werden könnten, wirtschaftlich nicht sinnvoll seien. Auch die weitere Beweisaufnahme habe keine Hinweise darauf geliefert.

  • Nebenklägerinnen im Zeugenstand? Der Richter lehnt die Fernsehreportage „Panorama Die Reporter — Der Krebsapotheker” von NDR und CORRECTIV als Beweis ab. Die Nebenklage hatte am 18. Verhandlungstag beantragt, die Reportage als Beweis aufzunehmen, um die Folgen für die Betroffenen zu belegen. Dazu erklärt der Richter, dass der Antrag keine konkreten Tatsachen nenne und deshalb nur ein Beweisermittlungsantrag sei. Außerdem sei es gegebenenfalls sinnvoller, mehrere Nebenklägerinnen vor Gericht als Zeuginnen zu hören. Konkret nennt der Richter vier Nebenklägerinnen, für die dies möglicherweise in Frage kommen könnte. Die Nebenklage hatte in ihrem Beweisantrag auch auf die mögliche Überprüfung der Glaubwürdigkeit der Whistleblower Marie Klein und Martin Porwoll hingewiesen. „Die Kammer bewertet die Aussagen der Zeugen Klein und Porwoll im Wesentlichen als glaubhaft, deshalb bedarf es keines Vergleichs”, sagt der Richter.

  • Akteneinsicht für die Nebenklage. Die Nebenklage erhält Akteneinsicht in Auszüge der Finanzakten. Allerdings nur in die Dokumente, die am vergangenen Prozesstag öffentlich in der Verhandlung vorgelesen wurden. Darunter sind Kontenlisten und ein Vollstreckungsprotokoll einer Gerichtsvollzieherin. Der Antrag der Nebenklage auf vollständige Einsicht in die Finanzakten wird abgelehnt. Auch die Einsicht der Nebenklage in Umsatzlisten eines Kontos und Kreditkartenabrechnungen wird abgelehnt.

  • Kontroverse der Sachverständigen. Am 9. März kommt es am Essener Landgericht wohl zur direkten Konfrontation der Sachverständigen. Siegfried Giess vom Paul-Ehrlich-Institut (PEI) und Christoph Luchte vom Landeszentrum Gesundheit NRW (LZG) werden an dem Tag erneut als Zeugen vor Gericht aussagen. Beide stützen die Anklage. Die Verteidigung bekommt die Gelegenheit am gleichen Tag Fritz Sörgel und Henning Blume zu laden. An diesem Tag würden demnach die vier Experten aufeinandertreffen. Zudem teilt der Richter mit, dass das PEI Aktenordner mit Rohdaten an das Gericht geliefert hat. Diese könnten nun von den Verfahrensbeteiligten eingesehen werden. Zudem gebe es laut Richter die Möglichkeit, die für das Qualitätsmanagement zuständigen MItarbeiter des PEI und des LZG, als Zeugen zu laden.

Ausblick auf den nächsten Verhandlungstag:

Update, den 06.03.2018: Wegen Krankheit des Vorsitzenden fallen am 07. und am 09. März die Termine aus. Am 09. März sollten die Sachverständige der Verteidigung und die Sachverständige, die die beschlagnahmten Krebsmittel ausgewertet haben, aussagen. Ein neuer Termin für den Show-Down der Sachverständigen steht noch nicht fest. Neuer Termin ist der 13.03.

Die nächsten Verhandlungstage im Überblick (Beginn jeweils 09:30 Uhr):13.03., 14.03., 19.03., 21.03., 22.03., 03.04., 06.04., 03.05., 04.05., 09.05., 16.05., 18.05., 23.05., 24.05.

 

„““

 

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

Unsere Recherchen entstehen vor Ort. Wir liefern Hinter­­­gründe und spüren Skandalen nach – da wo sie passieren. Wir berichten mitten aus dem Leben – wo die Menschen sind. Jetzt spenden!


Nebenklägerinnen und Betroffene umarmen sich vor dem Gerichtssaal im Essener Landgericht.© correctiv.ruhr

Der Prozess

Das Urteil

weiterlesen 7 Minuten

von Cristina Helberg , Marcus Bensmann

Welchen Eindruck macht Peter Stadtmann?

Die Verteidiger schirmen den Apotheker von der Presse ab. Mehrere Fernsehteams und zahlreiche Journalisten sind vor Ort. Die Urteilsverkündung verfolgt er ungerührt mit farblosem Gesicht.

Welchen Eindruck machen die Betroffenen?

Die Reihen der Nebenklage und Zuschauer sind bis auf den letzten Platz besetzt. Mehrere Anwälte und Betroffene müssen auf zusätzliche Stühle ausweichen. Viele Nebenklägerinnen tragen weiße Rosen und schwarze Oberteile, um an verstorbene Angehörige und Betroffene zu erinnern. Im Laufes des Verfahrens waren einige Nebenkläger und regelmäßige Zuschauer verstorben oder gesundheitlich nicht mehr in der Lage, die Verhandlungstage vor Ort zu verfolgen. Als der Richter das Urteil verkündet, brechen viele Betroffene in Tränen aus.

 

Das Urteil:

  • 12 Jahre Haft und Berufsverbot. Wegen Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz in knapp 14.500 Fällen und Betrug in 59 Fällen wird Peter Stadtmann zu zwölf Jahren Strafe verurteilt. Er wird aber nicht wegen Mordes, Körperverletzung oder dem jeweiligen Versuch verurteilt. Der Richter weicht damit von den Forderungen der Staatsanwaltschaft und der Nebenklage ab. Statt in den angeklagten rund 62.000 Fällen wird der Apotheker in etwa 14.500 Fällen für den Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz verurteilt. Der Grund: Das Gericht hat bei seiner Berechnung den eingekauften und vermeintlich verkauften Wirkstoff in der Apotheke zwischen 2012 und 2016 gegenübergestellt und dabei höhere Toleranzgrenzen angesetzt als in der Anklage. Auch den entstandenen Schaden schätzt das Gericht geringer als in der Anklage ein. Statt wie in der Anklage formuliert, 56 Millionen Euro, berechnet das Gericht 17 Millionen Euro Schaden, die Stadtmann zahlen muss. Der Richter Johannes Hidding verhängt zudem ein lebenslanges Berufsverbot als Apotheker.

  • Organisationsdelikt und einzelne Verstöße. Da Stadtmann alle Arbeitsabläufe in der Apotheke kontrolliert habe, wird er wegen eines Organisationsdeliktes verurteilt. Es müsse nicht nachgewiesen werden, welche Therapien genau von ihm angefertigt wurden. Konkret ist Stadtmann zudem für  27 unterdosierte Infusionen verantwortlich. Diese hatten Ermittler bei der Razzia beschlagnahmt und auf den Beuteln stand der Name Stadtmann als Hersteller. Das Arzneimittelgesetz bezeichnet der Richter als ein „scharfes Schwert“, es sei in diesem Fall ein „Rettungsanker“, der eine gerechte Strafe ermögliche, da Körperverletzung oder Mord in diesem Fall nicht nachweisbar sei. Peter Stadtmann muss für einige Nebenkläger die Prozesskosten tragen.

  • Zwei Wahrheiten. Richter Hidding geht ausführlich darauf ein, warum die 14.500 Verstöße gegen das Arzneimittelgesetz nicht als versuchter Mord zu bewerten sind. Er bezieht sich dabei auf ein Urteil des Bundesgerichtshofes von vor einem Jahr. Es hatte den Freispruch eines Arztes aus Göttingen bestätigt, der die Warteliste für Transplantationen zu Gunsten seiner Patienten verändert hatte. Mit dieser Manipulation habe er den Tod anderer Patienten in Kauf genommen  und sei somit des versuchten Totschlages zu verurteilen, war die Forderung der Staatsanwaltschaft. Aber die Richter am Bundesgerichtshof folgten dieser Argumentation nicht, sie sagten, es könne dem Arzt, nicht nachgewiesen werden, dass er den Tod der durch die Manipulationen benachteiligten Menschen bewusst einkalkuliert habe. Der Richter Johannes Hidding macht deutlich, dass er dieses Urteil des Bundesgerichtshofes für fraglich hält, aber er müsse sich daran halten. Dann spricht Hidding von dem Recht auf zwei Wahrheiten. Der Betroffene, der einen Angehörigen verloren hat, könne Stadtmann dafür verantwortlich machen, auch wenn dies juristisch vom Gericht nicht fassbar sei.

  • Habgier als Tatmotiv. Aus welchem Motiv handelte Peter Stadtmann? „Schlicht aus Habgier“, sagt Richter Hidding. Luxusgüter hätten eine große Rolle für Peter Stadtmann gespielt. Er ist nach Einschätzung des Gerichts „voll schuldfähig“, „geistig gesund“ und habe ohne Zweifel vorsätzlich gehandelt. Hidding sagt, Stadtmann habe einen Hang zum Luxus, so hätte er ein Haus mit Rutsche vom Schlafzimmer in den Pool gebaut.  Das Gericht müsse nicht die Gründe für diese Habgier und Sucht nach Anerkennung suchen. Habgier reicht als Tatmotiv. Die Verteidigung hatte auf Schuldunfähigkeit in Folge einer Hirnstörung plädiert.

  • Fehler der Staatsanwaltschaft. Weil Staatsanwaltschaft und Polizei am Morgen der Razzia in der Alten Apotheke im November 2016 zu früh zuschlugen, ist in 27 konkreten Fällen keine Verurteilung wegen Körperverletzung möglich. Die Ermittler hatten an dem Morgen nicht gewartet, bis die Zubereitungen in die Auslieferfahrzeuge geladen waren, sondern sie im Labor vor der Ausgabe an die Fahrer beschlagnahmt. Der Richter erklärt, deshalb sei eine Verurteilung wegen Körperverletzung in diesen Fällen nicht möglich. Damit folgt der Richter der Argumentation der Verteidigung. Sie hatte argumentiert, die Zubereitungen seien noch nicht von Peter Stadtmann freigegeben gewesen. Trotzdem ist in diesen Fällen eine Verurteilung wegen des Verstoßes gegen das Arzneimittelgesetz möglich, weil die Medikamente schon zubereitet wurden.

  • Zentrale Behauptungen der Verteidigung widerlegt. Das Gericht widerspricht zwei zentralen Argumenten der Verteidigung: Die Unverwertbarkeit  der Wirkstoffanalysen und angebliche Schwarzkäufe von Wirkstoffen. Die Proben des Paul-Ehrlich Instituts und des Landeszentrum Gesundheit NRW stuft das Gericht als verwertbar ein. Fehler seien lediglich im Bereich der Dokumentation gemacht worden und auch dort eher im Randbereich. Die gemachten Fehler seien für die Ergebnisse irrelevant. Außerdem sei jede Zubereitung mehrfach untersucht worden. Die Verteidigung hatte behauptet, es habe keine B-Proben gegeben. Das ist laut Richter falsch. Das Gericht glaubt auch nicht, „dass geheimnisvolle Unbekannte Peter Stadtmann auf Parkplätzen“ Wirkstoffe verkauft haben. Dafür gebe es nicht den „leisesten Anhaltspunkt“, so Richter Hidding.

  • Kriminelle Einrichtung mit makelloser Fassade. Der Richter sagt, Peter Stadtmann habe für sein Leben eine makellose Fassade geschaffen. „Nur wer sehr genau hinsah, dem konnten die feinen Risse auffallen”. Ausführlich geht  er auf die Whistleblower Martin Porwoll und Marie Klein ein. Sie hätten die Aufklärung des Verbrechens erst ermöglicht. Der Richter spricht auch über die anderen Mitarbeiter der Apotheke. Fast alle hatten im Prozess die Aussage verweigert. „Es spricht einiges dafür, dass auch Mitarbeiter einbezogen waren“, sagt Richter Johannes Hidding. Diese hätten offenbar ihr Gewissen mit Geld beruhigt. Für Richter Hidding ist der Fall der Alten Apotheke auch die Geschichte eines Behördenversagens. Peter Stadtmann hätte nicht so handeln können, wenn es eine wirksame Apothekenaufsicht gegeben hätte, sagt Richter Hidding.

  • Die Ungewissheit bleibt, Richter appelliert an Angeklagten. Noch immer leben rund 4.000 Betroffene in Ungewissheit, ob ihre Medikamente unterdosiert waren, sagt Richter Hidding am Ende seiner Urteilsbegründung. Er appelliert an den Angeklagten, in seiner Rolle als Apotheker habe er eine Verantwortung für seine Patienten. „Die Betroffenen wollen die Wahrheit hören und wollen keinen weiteren Prozesstag. Stellen Sie die Interessen ihrer Patienten endlich über ihr eigenes Interesse“, spricht der Richter den Angeklagten zum Schluss ganz direkt an. Peter Stadtmann hatte während des Prozesses geschwiegen und auch das ihm zustehende Schlusswort nicht genutzt. Die Verteidigung wollte sich heute nicht dazu äußern, ob sie in Revision geht.

Nach 44 Verhandlungstagen endete hiermit das CORRECTIV Gerichtstagebuch zum Prozess um gepanschte Krebsmittel aus der Alten Apotheke.

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

Unsere Recherchen entstehen vor Ort. Wir liefern Hinter­­­gründe und spüren Skandalen nach – da wo sie passieren. Wir berichten mitten aus dem Leben – wo die Menschen sind. Jetzt spenden!


© CORRECTIV.RUHR

Der Prozess

Der Prozess, Tag 43

Stadtmann schweigt bis zuletzt. Am Freitag um 11 Uhr wird das Urteil verkündet. Appelle der Nebenklage an den Angeklagten, das letzte Wort für die Aufklärung zu nutzen, verhallen. Stadtmann Verteidiger fordern den Freispruch und beklagen den Medienpranger.

weiterlesen 6 Minuten

von Marcus Bensmann

Welchen Eindruck macht Peter Stadtmann?

Stadtmann bleibt ungerührt. Er liest die Plädoyers seiner Anwälte, winkt sie heran und stellt Nachfragen. Zum Schluss sagt er ins Mikrofon, „ich möchte mich nicht mehr äußern“.

Welchen Eindruck machen die Betroffenen?

Es sind viele Nebenklägerinnen gekommen. Sie sind angespannt. Einige gratulieren dem Anwalt Mohammed für sein Plädoyer. Als Stadtmann das Schlusswort bekommt, ist die Anspannung mit Händen zu greifen, und kurz darauf die Enttäuschung. Stadtmann will nichts sagen. Neben Journalisten ist auch ein Gerichtszeichner im Saal. Der Besucherraum ist spärlich gefüllt.

Die wichtigsten Ereignisse des Tages:

  • Peter Stadtmann schweigt. Nachdem der Verteidiger Peter Strüwe den Freispruch fordert, fragt Richter Johannes Hidding den Angeklagten, ob er vom Recht des letzten Wortes Gebrauch machen will. Stadtmann beugt sich vor, ergreift das Mikrofon und zum ersten Mal ist im Verfahren die Stimme des Angeklagten zu hören. Stadtmann sagt, dass er nichts mehr sagen wolle. Auch dessen Anwälte erwähnen am heutigen Tag die Situation der Betroffenen mit keinem Wort.
  • Das Schlußwort als Erlösung. Der Anwalt der Nebenklage Khubaib-Ali Mohammed wendet sich direkt an Stadtmann. Er wolle ihn direkt ansprechen. Er vergleicht sein Leben mit dem Leben des Angeklagten, sieht Parallelen, eine dominante Mutter, die Liebe zur Kunst und den Zwang, dass das Leben vorgezeichnet sein müsse. Dann geht er auf das Schicksal der Nebenklägerin ein, deren Tochter ist an Krebs gestorben, und sie kümmere sich jetzt um die Enkelin. Mohammed beschreibt das Leben Stadtmanns in drei Akten, die Kindheit eines einsamen Menschen, ein Leben unter ständiger Bevormundung, das dann zu den Taten im Labor führte, und zum Schluss stehe die Katastrophe oder aber die Erlösung. Stadtmann könne das Angebot des letzten Wortes als Erlösung nutzen, er könne Klarheit und Aufklärung bringen, sagt Mohammed, denn sonst drohe eine langjährige Haftstrafe, wo er die schönen Momente des Lebens nicht erfahren könne, und auch nicht verfolgen könne, wie sein Kind aufwächst.
  • Keine Beweisanträge mehr. Der Versuch der Verteidiger noch einen Entscheid zu einem Beweisantrag zu erzwingen, weist der Richter mit dem Hinweis zurück, dass nach einem Kammerbeschluss über alle ausstehenden Beweisanträge im Urteil befunden wird.
  • Freispruch und sofortige Freilassung. Der Anwalt Ulf Reuker macht den Anfang der Plädoyers der Verteidigung. Er sagt, dass das Verfahren in keinem der Anklagepunkte die Schuld des Angeklagten bewiesen habe. Reuke stellt die Verwertbarkeit der Analysen der beschlagnahmten Infusionen durch das Paul-Ehrlich-Institut und das Landeszentrum Gesundheit NRW in Frage. Er bezieht sich dabei auf die Mängel, die die Gutachter Fritz Sörgel und Henning Blume und deren Mitarbeiterin gefunden hätten. Es sei nicht bewiesen worden, wer die Proben zubereitet habe, zudem seien diese am Tag der Razzia noch nicht freigegeben gewesen, sagt der Anwalt. Kein Zeuge habe den Angeklagten gesehen, dass er unterdosiert habe. Wenn dies aber geschehen sein sollte, dann wäre das keine vorsätzliche Tat. Reucker verweist auf das Gutachten von Pedro Faustmann, der Stadtmann eine Hirnstörung nach einem Unfall attestiert hatte. Auch hätte das Verfahren weder den Betrug, die Körperverletzung, noch die Minderdosierung nachweisen können, sagt Reuker. Die vorgetragene negative Warenbilanz sei nicht stichhaltig, es habe sich immer genügend Wirkstoff in der Apotheke befunden. Es sei kein Vorsatz noch ein Tatplan beim Angeklagten nachgewiesen worden. Das Organisationsdelikt sei für den Fall nicht anwendbar, sagt der Anwalt Reuker.
  • Medienpranger und Existenzvernichtung. Der Anwalt Peter Strüwe redet über Vorverurteilung durch die Medien. Er spricht vom Medienpranger. Auch hätten sich die Behörden an der Vorverurteilung beteiligt, sagt Strüwe, und nennt konkret das Kanzleramt, die Pressesprecherin der Staatsanwaltschaft  und den NRW-Gesundheitsminister. Strüwe greift den Staatsanwalt an, diese Vorverurteilung nicht in die Strafmaßforderung eingerechnet zu haben. Auch hätte die Staatsanwaltschaft berücksichtigen müssen, dass Stadtmann zuvor nicht straffällig gewesen sei, und er und seine Familie durch das Verfahren ruiniert seien. Strüwe sagt ebenfalls, dass das Verfahren keinen der Anklagepunkte bewiesen hätte und das Organisationsdelikt nicht anwendbar sei, deshalb müsse der Angeklagte freigesprochen werden.
  • Urteil um 11Uhr. Der Richter Johannes Hidding schließt den Verhandlungstag und kündigt die Urteilsverkündung für Freitag um 11 Uhr an.

Ausblick auf den nächsten Verhandlungstag

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

Wir recherchieren für die Gesellschaft – aber auch mit der Gesellschaft. Diese Recherche ist nur mit Hilfe von Bürgerinnen und Bürgern möglich, die uns beim Sammeln der Daten unterstützen oder unsere Arbeit mit einem finanziellen Beitrag fördern. Jetzt spenden!

Das Urteil wird am Freitag um 11 Uhr verkündet.

Letzter Verhandlungstag: 6.Juni

© correctiv.ruhr

Der Prozess

Der Prozess, Tag 42

Die Nebenklage will Stadtmann wegen Mordes verurteilen, der Staatsanwalt sieht dafür keine Möglichkeit. Emotionale Plädoyers rücken das Schicksal der Betroffenen in den Fokus. Das Urteil könnte am Freitag fallen.

weiterlesen 5 Minuten

von Cristina Helberg

Welchen Eindruck macht Peter Stadtmann?

Das ist die Tragik des Prozesses. Erst am Ende des achtmonatigen Verfahrens geht es das erste Mal um das Schicksal der Betroffenen. Mehrere Nebenklage-Anwälte nutzen ihre Plädoyers und sprechen detailliert über den Krankheitsverlauf von Betroffenen und die Angehörigen. Immer wieder richten sie sich dabei auch direkt an Peter Stadtmann. Der Angeklagte hört den ganzen Tag aufmerksam zu und schaut die Sprechenden während ihrer Beiträge an, bleibt jedoch regungslos. Auch als eine Nebenklage-Anwältin ihm den Apotheker-Eid laut vorliest, den auch der Angeklagte geleistet hat. In einer kurzen Pause verlassen Stadtmanns Anwälte den Saal. Er bleibt alleine sitzen und schaut stur auf die in diesem Moment fast leere Seite der Nebenklage.

Welchen Eindruck machen die Betroffenen?

Die zum Teil sehr emotionalen Plädoyers rühren die fünf anwesenden Nebenklägerinnen auf. Immer wieder brechen sie in Tränen aus. Trotz der zu erwartenden Plädoyers sind nur recht wenige Nebenkläger persönlich entschieden. Ihre Anwälte erklären, dass einige Mandanten gesundheitlich nicht in der Lage seien, am Prozess teilzunehmen. Andere sind in der Zwischenzeit verstorben. Auch an sie wird in den Plädoyers immer wieder erinnert. 

Die wichtigsten Ereignisse des Tages:

  • Staatsanwalt fordert 13 Jahre und sechs Monate. Das Gericht schließt die Beweisaufnahme und beginnt mit den Plädoyers. Der Staatsanwalt Jakubowski macht den Anfang und wirft dem Angeklagten 60 Straftaten vor – ein Organisationsdelikt und 59 Betrugsfälle. Das Organisationsdelikt umfasse mehrere Straftaten: einen Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz und 27 Fälle versuchter Körperverletzung. Stadtmann habe ein „systematisches Geschäftsmodell“ der minderwertigen Herstellung von Krebsmedikamenten betrieben und gewerbsmäßig in einem „beispiellosen Umfang“ Medikamente gefälscht. Er habe dabei insbesondere die hochpreisigen Infusionen aus den herzustellenden Therapien herausgesucht. Es habe sich im Prozess bestätigt, dass er 35 Wirkstoffe nicht ausreichend eingekauft habe. Die Verteidigung habe zwar noch ein paar Packungen Wirkstoff hervorzaubern können, diese würden den „Kohl aber auch nicht fett machen“. Am Ende sei der Angeklagte sehr gut damit weggekommen, dass nur 35 Wirkstoffe berücksichtigt wurden. Der Staatsanwalt betont, dass beim Mindereinkauf eine Toleranzgrenze von 30 Prozent zugunsten des Angeklagten berücksichtigt worden sei. Jakubowski sieht als erwiesen an, dass die Vorwürfe sich in allen 61.863 in der Anklage genannten Fällen bestätigt hätten. Ein Verstoß gegen das Arzneimittelgesetz beginne nicht erst mit der Minderdosierung, sondern auch bei hygienischen Mängeln oder den „katastrophalen Herstellungsprotokollen“. An den Untersuchungsergebnissen des PEI und des LZG gebe es außerdem keine Zweifel. Die Gutachten hätten keine Einwände gegen die Analytik gezeigt und selbst Fritz Sörgel habe die angewandten Methoden als langjährigen Standard bezeichnet. Die restlichen 59 Straftaten seien Betrugsfälle durch Abrechnung mit Krankenkassen. Stadtmann hatte 59 Monate im angeklagten Tatzeitraum vom 1. Januar 2012 bis zum Tag der Razzia am 29. November 2016 mit den Krankenkassen abgerechnet.

  • Staatsanwalt: Mord nicht nachweisbar. Nicht nachweisbar sind laut Staatsanwalt jedoch Tötungsdelikte oder versuchter Mord, weil unklar bliebe, wer wann und in welchem Ausmaß von Unterdosierungen betroffen war. Die Nebenklage sieht das anders. Laut Staatsanwalt konnte auch nicht bewiesen werden, dass Stadtmann Mitarbeiter zum Panschen angewiesen habe. Doch auch die Mitarbeiter hätten bewusst oder unbewusst gegen Dokumentationsvorschriften verstoßen. Der Nebenklage-Anwalt Markus Goldbach spricht dagegen von einem „System von Unterstützern“. In fast allen anderen Punkten wirken Staatsanwalt und Nebenklage heute aber einig wie selten zuvor.

  • „An Dreistigkeit kaum zu überbieten“. Der Staatsanwalt wirft dem Apotheker vor, es sei „an Dreistigkeit kaum zu überbieten“, dass Stadtmann trotz einer Anzeige im Jahr 2013, die ihm bereits Unterdosierung vorwarf und eingestellt wurde, weiter unterdosiert habe. Es zeichne sich das Bild eines Apothekers, dem seine onkologische Spezialarbeit lediglich als Geldmaschine gedient habe. Straferschwerend sei zu berücksichtigen, dass Stadtmann ausgerechnet Krebsmedikamente manipuliert habe, die für die Betroffenen ein Rettungsanker seien und er sich zulasten von Menschen bereichert habe, die um ihr Leben kämpfen. „Wieso bereichert sich jemand, der selbst einmal schwer krank war, ausgerechnet an Schwerkranken?“, fragt Jakubowski.  

  • 56 Millionen Euro Schaden und die Eltern. Der Staatsanwalt sieht den in der Anklage bezifferten Schaden von 56 Millionen Euro als „vollumfänglich bestätigt“ an. Abzuziehen seien davon drei Millionen Euro, die die Krankenkassen nach der Inhaftierung Stadtmanns einbehalten hatten. Es dränge sich außerdem die Frage auf, warum es nach der Verhaftung Priorität gehabt habe, die Apotheke an die Mutter zu übergeben. Nebenklage-Anwalt Andreas Schulz betont, dass auch gegen die „Herrscherin des Kellers und ihren Ehemann wegen Betrugs ermittelt“ werde. Auch die Nebenklage-Anwältin Eva Kuhn erwähnt in ihrem Plädoyer Stadtmanns Mutter und betont, dass kurzfristige Vermögensübertragungen anfechtbar seien.

  • Staatsanwalt fordert lebenslanges Berufsverbot. Jakubowski fordert ein lebenslanges Berufsverbot für Peter Stadtmann. Es sei unvorstellbar, dass „dieser Mann noch einmal als Apotheker arbeite“. Zusätzlich fordert der Staatsanwalt, dass Peter Stadtmann die Prozesskosten der Nebenklage bezahlen müsse.

  • „Was spricht gegen die Höchststrafe? Nicht viel“. So leitet Staatsanwalt Jakubowski seine Ausführungen zu möglichen strafmildernden Umständen ein. Für den Angeklagten spreche lediglich, dass er nicht vorbestraft sei. Der Staatsanwalt  nimmt auch Bezug auf die Medienberichterstattung zum Fall. Immer wieder hatten Stadtmanns Anwälte eine Vorverurteilung ihres Mandanten beklagt. Jakubowski sagt, im Vorfeld habe es zwar eine teilweise vorverurteilende Berichterstattung gegeben. Diese habe sich jedoch im Laufe des Gerichtsprozesses ausdifferenziert. Der Gesundheitszustand des Angeklagten komme hingegen für strafmildernde Umstände nicht in Betracht.

  • Nebenklage will Verurteilung wegen Mord. Die Anwälte der Nebenklage fordern, Peter Stadtmann für Mord und versuchten Mord zu verurteilen. So ist der Nebenklage-Anwalt Markus Goldbach der Auffassung, dass eine Verurteilung wegen Mordes in einer nicht genau festzustellenden Anzahl von Fällen möglich sei. Er richtet das Wort direkt an den Angeklagten: „Sie, Herr Stadtmann, haben meine Mandantin um die Chance betrogen, diese Krankheit zu besiegen und das kann man nicht anders als versuchten Mord werten.” Einige Anwälte der Nebenklage fordern ein höheres Strafmaß als der Staatsanwalt. Der Anwalt Tobias Degener beantragt die Verurteilung von „nicht unter 14 Jahren”. Anwalt Manuel Reiger fordert zusätzlich zum Berufsverbot ein Verbot jeder Tätigkeit im Labor. Dieses Verbot solle durch eine elektronische Fußfessel überwacht werden. Außerdem solle dem Angeklagten verboten werden, mit den Betroffenen in Kontakt zu treten.

  • Gab es ein System Stadtmann? Der Nebenklage-Anwalt Markus Goldbach wirft dem Angeklagten ein „System von Unterstützern” vor. Von diesen Personen dürfe niemand unbehelligt bleiben, der das System des Apothekers mitgetragen habe. Das sei das Gericht allen Patienten schuldig. Denn diese müssten auch in Zukunft darauf vertrauen können, dass ihre Therapien ordnungsgemäß hergestellt werden. Mit den Unterstützern meint Goldbach offenbar insbesondere die Mitarbeiter der Apotheke, den Steuerberater Stadtmanns und seine Eltern. Goldbach führt aus, die Mitarbeiter hätten von Unterdosierungen gewusst, der Steuerberater habe offenbar von nicht erklärbaren Gewinnen berichtet und davon vermutlich auch die Eltern Stadtmanns unterrichtet. Die seien zudem noch aktiv in die Arbeit der Apotheke eingebunden gewesen und hätten offensichtliche Verletzungen der Herstellungsvorschriften ihres Sohnes hingenommen.

  • Behördenversagen im Fall Stadtmann. Immer wieder kritisieren die Nebenkläger in ihren Plädoyers den Umgang der Behörden mit dem Fall der Alten Apotheke. Der Anwalt Sebastian Bessler spricht von einem „schweren Fall von Behördenversagen”. Der Anwalt Salih Erdil fordert ein Urteil mit abschreckender Wirkung. Schließlich sei Stadtmann nicht der Erste und nicht der Letzte, der die Schwächen der Überwachungsbehörden erkenne. Eine hohe Strafe sei notwendig, wenn der Staat seine „Zähne zeigen wolle”, sagt der Anwalt Tobias Degener.

  • Kein Täter-Opfer-Ausgleich. Weder einen Entschädigungsfonds, noch Ausgleichszahlungen habe Peter Stadtmann angeboten, kritisiert die Anwältin Eva Kuhn. Sie betont, dass dies juristisch auch ohne ein Geständnis möglich gewesen wäre. Der Angeklagte habe weder über seine Anwälte, noch über das Gericht oder außergerichtlich einen Täter-Opfer-Ausgleich angestrebt. Das sei bei der von ihm erzielten Gewinnspanne besonders verwerflich. Auch der Nebenklage-Anwalt Schulz betont, dass ein Geständnis des Angeklagten und ein Täter-Opfer Ausgleich eine geringere Bestrafung und ein anderes Bild von ihm und seiner Familie in der Öffentlichkeit ergeben hätten.

  • Welches System steckte hinter den Unterdosierungen? Die Betroffenen und ihre Anwälte hatte besonders eine Frage im Prozess beschäftigt: Welche Proben wurden warum unterdosiert. Der Anwalt Aykan Akyildiz bedauert, dass wohl nie geklärt werde, wer wann und warum von welchen Unterdosierungen betroffen gewesen sei. Im Falle seiner Mandantin sei nicht geklärt worden, warum die für sie bestimmte und beschlagnahmte Infusion statt Trastuzumab den Wirkstoff Pertuzumab enthielt, obwohl letzterer im Einkauf teurer sei. Der Nebenklage-Anwalt Erdil stellt die Frage nach dem Motiv. Seinen Mandaten sei es nicht um die Vermögensvorteile Stadtmanns gegangen, sondern vor allem um die Beantwortung einer Frage: Warum jemand einer erkrankten Patientin die letzte Hoffnung auf Heilung nimmt? Diese Frage bleibe nun unbeantwortet. Der Staatsanwalt Jakubowski vergleicht in seinem Plädoyer die Umständer der mutmaßlichen Unterdosierungen mit „Forest Gump und seiner Pralinenschachtel: man wusste nie, was man bekommt“.

  • Vergleich mit KZ-Arzt. Eine Externalisierung von moralischer und rechtlicher Verantwortung wirft der Nebenklage-Anwalt Andreas Schulz indirekt in seinem Plädoyer dem Angeklagten vor. Schulz vergleicht Stadtmann indirekt mit dem KZ-Arzt Mengele, dem das Schicksal seiner Opfer egal gewesen sei. Dabei verweist er auf die von Zeugen im Gericht wiedergegebene Äußerungen Stadtmanns, der über Patienten gesagt haben soll, „die sterben doch eh“.  Auch auf die Rolle des Harry Lime im Film „Der dritte Mann“ spielt Schulz an. Dieser strecke im Film Penizillin, um Gewinne zu maximieren und rechtfertige das mit der Bedeutungslosigkeit des Lebens Einzelner.

  • Ähnlicher Fall in den USA? Der Nebenklage-Anwalt Schulz verweist in seinem Plädoyer auch auf einen vergleichbaren Fall in den USA. Dieser zeige verblüffende Parallelen. Dabei handele es sich um den Zyto-Apotheker Robert Courtney aus Kansas City im US-Bundesstaat Missouri. Er sei wegen der Unterdosierung in 98.000 Fällen zwischen 1992-2001 in den USA angeklagt und zu 30 Jahren Haft verurteilt worden. Es sei verblüffend, dass sowohl das FBI in den USA und die Ermittlungsbehörden NRW zunächst sehr zurückhaltend auf den jeweiligen Tatverdacht reagiert hätten. Die Ermittler in beiden Ländern hätten sich wohl ein Verbrechen dieser Dimension einfach nicht vorstellen können. Die us-amerikanische Justiz habe jedoch „robuster und konsequenter“ als bisher die deutsche reagiert. Cortney habe zivilrechtlich Schadensersatz von 2,2 Milliarden US-Dollar zahlen müssen. Die Ausfechtung der zivilrechtlichen Ansprüche stehe Peter Stadtmann noch bevor.

  • Machte sich einer der Verteidiger strafbar? Der Anwalt Schulz wirft die Frage auf, ob ein Verteidiger Stadtmanns die Grenzen anwaltlicher Interessenvertretung überschritten habe und an Straftaten beteiligt gewesen sei. Der indirekte Vorwurf: Der Verteidiger habe 2014 aufgrund der ersten Anzeige erklärt, sein Mandant Stadtmann würde niemals unterdosieren, weil es ihm um das Wohl der Patienten gehe und er ein guter Mensch sei. Obwohl der Steuerberater Stadtmanns, der ein Kanzleikollege des Anwalts sei, gesagt habe, dass die Gewinne des Angeklagten steuerlich nicht erklärbar seien.

  • Gericht bestätigt Sachverständige. Vor Beginn der Plädoyers lehnt das Gericht die Ablehungsanträge der Nebenklage und der Verteidigung gegen die Sachverständigen Faustmann und Schiffer ab. Damit werden die Aussagen beider Sachverständigen im Urteil berücksichtigt. In ihrer Begründung betont die Kammer, dass die Verteidigung selbst Schiffer als Sachverständigen vorgeschlagen habe.

  • Vier offene Beweisanträge der Verteidigung. Offen sind nun noch vier Anträge der Verteidigung, die erst im Urteil entschieden werden. Die Nebenklage hat alle Anträge zurückgezogen. Die vier Anträge der Verteidigung sind folgende: Antrag auf Anhörung des Architekten Stadtmanns als Zeugen und Antrag auf Anhörung zweier Mitarbeiter des Bottroper Spendenlaufs als Zeugen. Beide Anträge wurden schon am 41. Prozesstag gestellt. Mit der Anhörung der Zeugen wollen die Verteidiger offenbar belegen, dass Stadtmann Aufgaben aufgrund seines Gesundheitszustandes delegierte. Nebenklage-Anwalt Markus Goldbach dreht dieses Argument um: Wenn Stadtmann Aufgaben delegiert habe, habe er offenbar, anders als dargestellt, eine klare Vorstellung seiner psychischen und physischen Leistungsfähigkeit gehabt. Der dritte Antrag wurde ebenfalls bereits am vorherigen Prozesstag gestellt und heute weiter ausgeführt: die Verteidigung will den Sachverständigen Faustmann zur Begutachtung der Schuldfähigkeit berufen. Die Begründung: Die Qualifikation des Sachverständigen Schiffer sei nicht ausreichend, um die Einschränkungen in Folge der Hirnschädigung zu bewerten. Er habe keine neurologische oder medizinischer Ausbildung. Der vierte noch offene Antrag ist die heute gestellte Forderung der Verteidigung nach einem weiteren pharmazeutischen Gutachten zu den Untersuchungen des PEI und LZG. Dafür führen Stadtmanns Anwälte die bereits bekannten Gründe an. Sie werfen den beiden Instituten vor, deren Untersuchungsmethoden entsprechen nicht dem aktuellen Stand der Wissenschaft.

  • Vorwurf der „Verschleppungsabsicht“ und „Strafvereitlung“. Nachdem die Verteidigung am Morgen seitenlange Anträge verliest, werfen der Staatsanwalt und die Nebenklage Stadtmanns Anwälten vor, den Prozess bewusst in die Länge zu ziehen. „Bisher habe ich diesen Begriff vermieden, aber das ist jetzt im Bereich der Verschleppungsabsicht”, sagt Staatsanwalt Jakubowski. Der Antrag einen weiteren Sachverständigen zu den Gutachten des LZG und PEI zu hören entwerte zudem indirekt die Sachverständigen Kinzig, Sörgel und Blume. Der Nebenklage-Anwalt Khubaib-Ali Mohammed geht noch weiter. Er wirft der Verteidigung indirekt einen Anfangsverdacht von Strafvereitelung vor.

  • Verteidigung scheitert endgültig an Verlängerung der Antragsfrist. Die Verteidigung versucht am Morgen erneut mit dem letzten verbliebenen Mittel einer Gegenvorstellung vergeblich gegen die Beweisantragsfrist des Gerichtes vorzugehen. Das Gericht hält an dem Beschluss fest und bestätigt die Frist. Alle offenen Anträge werden somit erst im Urteil beschieden.

  • Nutzt Peter Stadtmann die Möglichkeit des Schlusswortes? Mehrere Anwälte der Nebenklage werfen dem Angeklagten vor Möglichkeiten der Aufklärung ungenutzt gelassen zu haben. Insbesondere sein Schweigen sei für die Opfer schwer zu ertragen. Die Anwältin Iris Gerdau appelliert eindringlich und emotional an Peter Stadtmann die letzte Möglichkeit, das Schlusswort des Angeklagten, zu nutzen, um sich noch zu äußern.

  • Urteil frühestens am Freitag. Richter Hidding stellt klar, dass mit einem Urteil frühestens am Freitag zu rechnen sei. Vorher müssen noch die restlichen Nebenklage-Anwälte und die Verteidigung ihre Plädoyers halten.

Ausblick auf den nächsten Verhandlungstag

Am Donnerstag werden voraussichtlich die letzten Plädoyers gehört. Das Urteil könnte dann am Freitag fallen. Die nächsten Verhandlungstage im Überblick (Beginn jeweils 09:30 Uhr): 5. Juli und 6. Juli.

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

Unsere Recherchen entstehen vor Ort. Wir liefern Hinter­­­gründe und spüren Skandalen nach – da wo sie passieren. Wir berichten mitten aus dem Leben – wo die Menschen sind. Jetzt spenden!


© correctiv.ruhr

Der Prozess

Der Prozess, Tag 41

Die Verteidigung fordert, Stadtmann frei zu lassen. Der Staatsanwalt wirft der Nebenklage vor, das Urteil zu verzögern. Richter Hidding kündigt Plädoyers an.

weiterlesen 5 Minuten

von Marita Wehlus

Welchen Eindruck macht Peter Stadtmann?

Stadtmann kommt verspätet zur Verhandlung. Der Transport stand im Stau. Als er von dem Tod einer der Nebenklägerinnen hört, reagiert er zunächst nicht. Dann fängt er an intensiv mit seinen Anwälten zu reden.

Welchen Eindruck machen die Betroffenen?

Heute sind zwei Betroffene im Gericht. Bis zum Ende bleiben sie nicht. Anfangs verfolgen vier Zuschauer und vier Journalisten den Prozess. Am Abend sind es noch ein Zuschauer und zwei Journalisten.

Die wichtigsten Ereignisse des Tages:

  • Nebenklägerin verstorben. Eine der Nebenklägerinnen ist verstorben. „Ich muss Ihnen eine traurige, bedauerliche Nachricht überbringen“, sagt Richter Hidding zu Beginn der Verhandlung. Ein Anwalt habe ihn vom Tod einer der Nebenkläger unterrichtet. Ihr Ehemann, der heute nicht im Gerichtssaal sitzt, sei nun neuer Nebenkläger.

  • Staatsanwalt Jakubowski wettert gegen Nebenklage. Die Nebenklage stellt erneut Beweisanträge. Dem Staatsanwalt platzt daraufhin der Kragen: „Ich kann nicht verstehen, warum die Nebenklage sich daran beteiligt zu verzögern, dass dieser Mann verurteilt wird.“ Dabei dreht sich Jakubowski zu den Nebenklägerinnen um und schüttelt den Kopf. Nebenklageanwalt Goldbach hatte beantragt, seine Mandantin als Zeugin hören. Außerdem fordert er, für den Fall, dass Faustmann nicht abgelehnt wird, einen IQ-Experten zu vernehmen.

  • Antragsfrist bestätigt. Richter Hidding sieht in einigen Anträgen eine Verzögerungstaktik. Er hatte letzte Woche eine Frist für Anträge gestellt. Bis Mittwoch, den 27.06. sollten alle Beweisanträge eingegangen sein. Die Kammer bestätigt heute nachträglich den Beschluss. Grund: Die Beweisaufnahme sollte  schon im Februar geschlossen werden. Weil nun Beweisanträge sehr viel später gestellt werden, vermutet Hidding eine Verzögerungstaktik. Am Dienstag plant Hidding die Beweisaufnahme endgültig zu schließen. Nur glaubhaft begründete Anträge hätten dann vielleicht noch eine Chance.

  • Verteidigung fordert Haftentlassung. Stadtmanns Anwälte fordern, dass der Haftbefehl aufgehoben wird. Faustmanns Gutachten habe eine Hirnstörung bestätigt, die zu unbewussten Fehlleistungen führen könne. Die Argumentation: Falls Stadtmann unbewusst falsch dosiert hat, ist die Anklage nicht zu halten und der Haftgrund fällt weg. Die Verteidiger wollen außerdem noch den Architekten Stadtmanns und andere Zeugen hören. Sie sollen belegen, dass Stadtmann auch außerhalb des Zyto-Labors Einschränkungen hatte und irrationale Entscheidungen getroffen habe. Wenn Schiffer nicht abgelehnt wird, wollen sie Faustmann als offiziellen Gutachter zu Schuldfähigkeit hören.

  • Gericht ist nicht befangen. Die Kammer aus Ersatzrichtern hat den Befangenheitsantrag gegen das Gericht abgelehnt. Nebenkläger hatten einen Ablehnungsantrag gegen Richter Hidding und die gesamte Kammer gestellt. Der vorsitzende Richter Hidding war bereits am vergangenen Verhandlungstag vom Vorwurf der Befangenheit entlastet worden. Dies gilt nun auch für die gesamte Kammer. Damit geht der Prozess weiter und wird nicht neu aufgerollt.

  • Nebenklage und Verteidiger lehnen gegenseitig Gutachter ab. Die Nebenklage lehnt den psychiatrischen Gutachter Pedro Faustmann wegen Befangenheit ab. Staatsanwalt Jakubowski will sich nicht zu Faustmanns Aussage äußern. Stadtmanns Anwälte lehnen ihrerseits den Gutachter Schiffer ab, obwohl sie ihn selbst vorgeschlagen hatten. Sie hätten seine Qualifikation besser prüfen müssen, sagen die Verteidiger und räumen dies als Fehler ein. Staatsanwalt Jakubowski lehnt beide Anträge ab. Er wirft Verteidigung und Nebenklage vor, lediglich inhaltliche Kritik am Ergebnis der Gutachten zu äußern.

Ausblick auf den nächsten Verhandlungstag

Richter Hidding könnte am Dienstag die Beweisaufnahme schließen. Staatsanwaltschaft und Nebenklage könnten dann mit ihren Plädoyers beginnen. Die nächsten Verhandlungstage im Überblick (Beginn jeweils 09:30 Uhr): 03.07., 05.07. und 06.07.

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

Unsere Recherchen entstehen vor Ort. Wir liefern Hinter­­­gründe und spüren Skandalen nach – da wo sie passieren. Wir berichten mitten aus dem Leben – wo die Menschen sind. Jetzt spenden!


© CORRECTIV.RUHR

Der Prozess

Der Prozess, Tag 40

Der psychiatrische Sachverständige Pedro Faustmann sagt erneut aus. Der Saal diskutiert über IQ-Werte und Schmerztropfen. Ersatzrichter müssen nun entscheiden, ob die ganze Kammer befangen ist.

weiterlesen 4 Minuten

von Marita Wehlus

Welchen Eindruck macht Peter Stadtmann?

Stadtmann wirkt heute ruhig. Als seine Verteidiger nach dem Zitat einer Zeugin suchen, blättert er in den großen Aktenordnern herum und sucht danach. Ansonsten lehnt er sich große Teile der Verhandlung zwischen seinen Verteidigern zurück und sieht geradeaus.

Welchen Eindruck machen die Betroffenen?

Am Anfang des Tages sind sechs Betroffene im Gericht. Bis die Sitzung mit fast vierstündiger Verspätung beginnt, sind fünf davon gegangen. Am Ende des Tages sitzen nur noch Anwälte auf den Bänken der Nebenklage. Zwei Zuschauer und zwei Journalisten verfolgen den Verhandlungstag.

Die wichtigsten Ereignisse des Tages:

  • Ersatzrichter müssen über Befangenheit entscheiden.Teile der Nebenklage haben nach Richter Hidding auch die komplette Kammer abgelehnt. Den Befangenheitsantrag gegen den Vorsitzenden Richter Hidding wies die Kammer heute zurück. Doch über einen Antrag gegen die anderen beiden Berufsrichter und die zwei Schöffen in der Kammer müssen nun andere befinden. Nach einem komplexen System ist festgeschrieben, welche Richter in so einem Fall über welche Kollegen entscheiden. Die drei Richter des Landgerichts Essen, die ausgewählt wurden, setzen eine Frist. Bis morgen, 13 Uhr, dürfen alle dazu Stellung nehmen. Danach werden sie sich beraten. Lehnen sie die Kammer wegen Befangenheit ab, müsste das Verfahren mit neuer Besetzung wiederholt werden.

  • Die IQs von amerikanischen Apothekern 1945. Ein Streitpunkt ist und bleibt die Einschätzung von Stadtmanns IQ. Bereits der psychologische Sachverständige Boris Schiffer hatte kritisiert, dass sich Faustmann auf ungewöhnliche Vergleichsgruppen beziehe. Faustmann hatte gesagt, Stadtmann habe in einigen Tests einen für ihn auffällig niedrigen IQ-Wert von 100-115 erzielt. Der IQ von Apothekern liege durchschnittlich bei 120-125 Punkten. Diesen Vergleichswert hat Richter Hidding herausgesucht. Er stamme aus einer US-Untersuchung aus dem Jahr 1945. Dort sei auch aufgeführt, dass ein Bäcker einen niedrigeren IQ als ein Konditor habe, sagt Hidding. „Vielleicht weil er auf Kuchen schreiben muss“, sagt der Richter, und fragt, ob solche Zahlen überhaupt einen Aussagewert hätten. Faustmann bejaht, es seien ja nur Mittelwerte. Hidding ist dies nicht genug. Die Frage sei berechtigt, wenn Faustmann ihm mit solchen uralten Studien käme. Der Sachverständige erwähnt eine Studie von 2001, dort seien keine Apotheker, jedoch Pharmazeuten mit einem Wert von 116 eingetragen. Die Nebenklage hakt nach: „Ist es nicht nur Ihre eigene Einschätzung, dass der Angeklagte einen höheren IQ gehabt haben muss?“ Faustmann antwortet, er beziehe das aus dem Beruf, dem Bildungsweg und dem Abiturschnitt.

  • Eingeschränkt nur im Zytolabor? Richter Hidding versteht nicht, wie das ganze Leben Stadtmanns so toll laufen konnte und dann ein so winziger Teil nicht. Er habe schließlich erfolgreich gearbeitet, ein Haus gebaut und Charity betrieben, sagt Hidding. Genau darin läge die Schwierigkeit, sagt Faustmann. Man merke oft nicht, wenn die Einschränkung in einem ganz spezifischen Bereich sei. Es müsse die Situation unter Zeitdruck mit vielen Wiederholungen in Folge gegeben sein, sagt Faustmann. Sonst würde man die Einschränkungen in anderen Teilen des Alltags wohl nicht bemerken. Es sei bei Stadtmann auch zu keiner Wesensveränderung gekommen, sagt Faustmann. Leistungseinschränkungen seien bei dem hohen Selbstbild und der gehobenen Stimmung Stadtmanns nicht leicht zu erkennen. In Belastungssituationen würden sich dann die Einschränkungen zeigen. Ob dies nur im Zyto-Labor der Fall gewesen sei, könne er auch nicht sagen.

  • Wusste Stadtmann, was er tat? Laut Faustmann könnten unbewusste Unterdosierungen in der Stresssituation von Zyto-Herstellungen passiert sein. Die unterschiedlich unterdosierten Proben passten in ihrer Bandbreite zu der Theorie. Stadtmann habe gesagt, er könne vom Protokoll her einschätzen, ob eine Wirkstoffmenge richtig für die Person sei, sagt Nebenklageanwalt Goldbach. Die Äußerung stamme aus dem Gutachten Schiffers. Wie habe er dann mutmaßlich viel zu geringe Mengen hineintun können, fragt Goldbach. Er sei ja im Alltag nicht gestört gewesen, sagt Faustmann. Nur unter bestimmten Anforderungen arbeite er schnell, fühle sich dabei gut, mache aber qualitative Fehler. Nebenklageanwalt Schulz hakt nach. Eine Zeugin habe Stadtmann das Zitat „Die sterben doch eh alle“ zugeschrieben. Wie würde das ins Bild passen, wäre es dann nicht vorsätzlich? Faustmann argumentiert wieder mit der Stresssituation. Nach fünf Nachfragen, sagt er: „Wenn jemand das während der Herstellung sagen würde, also eine Metaebene aufmacht, dann müsste man das anders bewerten.“ Die Argumentation der Nebenklage: Wenn eine Person darüber reflektiert, während sie die Handlung ausführt, dann liegt ein Vorsatz nahe.

  • Kritik an Tests von Schiffer. Die Verteidigung befragt Faustmann zum Gutachten von Professor Schiffer. Wie Faustmann damit umgehen würde, wenn ein Proband vor dem Termin Neuralgin gegen Kopfschmerzen genommen hätte? Das sei für Faustmann ein „absolutes No Go“. Die Untersuchung müsste abgebrochen werden, sagt Faustmann. Man könne dann keine validen Tests mehr machen. Der Richter korrigiert: Die Tropfen seien laut Schiffer nur vorbeugend gewesen. Im Gerichtssaal wird über das Medikament diskutiert. Ein Arztbrief von 2006 weise auf mögliche psychische Nebenwirkungen der Tropfen hin, sagt Faustmann. Auch zu den Fragen Schiffers wollen Stadtmanns Anwälte Faustmanns Einschätzung. Wie fände er es, dass Schiffer dem Angeklagten Zeugenaussagen vorgehalten habe? Er würde davon abraten, es sei nicht die Aufgabe des Gutachters zu ermitteln, sagt Faustmann.

  • Keine Vereidigung. Obwohl alle Beteiligten eine Vereidigung des Sachverständigen beantragten, lehnt die Kammer das ab. Staatsanwalt Jakubowski machte den Vorschlag, Nebenklage und Verteidigung schlossen sich an. Richter Hidding war dagegen: „Wir machen hier keine Vereidigungen. Ich will nicht sagen es wäre Quatsch, aber…“. Die Kammer schließt sich dem Vorsitzenden an. Es benötige keine Vereidigung, um ein unparteiisches Gutachten sicherzustellen.

  • Verteidiger zweifeln Herstellungsprotokolle an. Die Verteidigung beantragt, 27 der beschlagnahmten Infusionsbeutel zu sehen. Stadtmann soll diese Proben selbst hergestellt haben. Seine Anwälte wollen beweisen, dass hier nicht das Kürzel „PS“ markiert wurde. Dann seien die Herstellungsprotokolle der einzige Hinweis auf Stadtmann als Hersteller. Hier will die Verteidigung einen Graphologen hören, der bestätigen soll, dass die Kürzel auf den Protokollen nicht Stadtmanns Unterschrift sind.  

Ausblick auf den nächsten Verhandlungstag

Der Verhandlungstag am Donnerstag wird abgesagt. Das Programm am Freitag ist noch nicht klar. Zumindest will die Kammer aber am Freitag darüber beraten, ob die Frist für Anträge verlängert wird.

Die nächsten Verhandlungstage im Überblick (Beginn jeweils 09:30 Uhr):      29.06., 03.07., 05.07. und 06.07.

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

Unsere Recherchen entstehen vor Ort. Wir liefern Hinter­­­gründe und spüren Skandalen nach – da wo sie passieren. Wir berichten mitten aus dem Leben – wo die Menschen sind. Jetzt spenden!


© correctiv.ruhr

Der Prozess

Der Prozess, Tag 39

Die Nebenklage lehnt Richter Hidding als befangen ab. Eine Scheidungsanwältin sagt als unerwartete Zeugin aus. Ein Sachverständiger bescheinigt Stadtmann Störungen. Am späten Abend wird die Verhandlung wegen einem Migräneanfall Stadtmanns unterbrochen.

weiterlesen 7 Minuten

von Marita Wehlus

Welchen Eindruck macht Peter Stadtmann?

Stadtmann ist heute ruhig und starrt über weite Teile der Verhandlung auf die Wand gegenüber. Als es kurz vor Schluss eine Pause gibt, steht er am offenen Fenster und beobachtet die Straße. Nach der Verhandlung wirkt er müde, unterhält sich aber noch mit seinen Anwälten.

Welchen Eindruck machen die Betroffenen?

Zehn Betroffene sitzen heute auf den Bänken der Nebenklage. Am Ende des zehnstündigen Verhandlungstages sind es nur noch zwei. Neun Zuschauer und fünf Journalisten verfolgen anfangs den Prozess. Über den Tag verlassen drei Journalisten und fünf Zuschauer den Saal.

Die wichtigsten Ereignisse des Tages:

  • Befangenheitsantrag gegen Richter Hidding. Schon am Sonntag hatte Nebenklageanwalt Andreas Schulz einen Antrag auf Ablehnung des Vorsitzenden eingereicht. Das verkündet Richter Hidding zu Beginn der Sitzung. In einem solchen Fall muss die Kammer ohne den vorsitzenden Richter über dessen Befangenheit entscheiden. Trotz des Antrages entscheidet Hidding weiterzuverhandeln und den Sachverständigen Pedro Faustmann aus praktischen Gründen erst einmal aussagen zu lassen. Es beginnt ein Schlagabtausch an Anträgen. Schulz fordert einen Kammerbeschluss. Als die Kammer den Richter bestätigt, beantragt Nebenklage-Anwältin Gerdau eine Unterbrechung. Sie will einen Antrag auf Befangenheit der gesamten Kammer vorbereiten. Hidding will das Wort nicht mehr erteilen. Auch dafür benötigt es wieder einen Kammerbeschluss. Schulz wirft immer wieder ein, er wolle eine Entscheidung zu seinem Antrag auf Einsicht der Arbeitsunterlagen der Sachverständigen. Auch in der Befragung von Faustmann, betont er immer wieder, die Unterlagen ja leider nicht zu bekommen. Richter Hidding wird laut. Schulz wirft ihm vor, empfindlich zu sein. Die Verteidigung beantragt die Vernehmung der Zeugin Christina M., die sie bereits geladen haben und die vor Ort ist. Dem wird stattgegeben. Sie darf aussagen. Alle anderen Anträge werden auf Mittwoch verschoben.

  • Scheidungsanwältin kann kurze Ehe nicht verstehen. Christina M., eine Schulfreundin Stadtmanns sagt aus, sie habe auffällige Veränderungen an ihm bemerkt. Sie hatte sich bereits per Fax bei Gericht gemeldet. In der Schulzeit sei Stadtmann ein strukturierter, überlegter, ein bisschen verklemmter Mensch gewesen, sagt die Zeugin. Als er sie 2010 wieder kontaktierte, um sich von ihr als Scheidungsanwältin vertreten zu lassen, habe sie einige Veränderungen bemerkt. Die kurzfristige Eheschließung sei für sie schwer nachvollziehbar gewesen. Es habe nicht zu dem Mensch gepasst, den sie kannte. Es seien auch geschätzt 400.000 bis 600.000 Euro an die Ehefrau und ihre Eltern geflossen. Dies und die Gründe der Trennung habe Stadtmann nicht begründen können. Das habe für sie realitätsfern gewirkt. Auch Konzentrationsprobleme und Stimmungsschwankungen seien ihr aufgefallen. In einem Gespräch sei er euphorisch gewesen und im nächsten bedrückt. Die Veränderung hätten auch Stadtmanns Vater und sein Anwalt bestätigt, sagt Christina M. Auf Nachfrage, wie das Fax an das Gericht gelangte der Nebenklage, sagt Christina M., dass sie zuerst Stadtmanns Verteidigern angerufen habe. Dort habe sie das Aktenzeichen erfragt, um das Fax an das Gericht zu schicken. Grund: Sie hatte die Kanzlei damals Stadtmanns Eltern empfohlen und sich noch an den Namen erinnert.

  • Kognitive und affektive Störung? Die Testergebnisse sprechen für eine Störung der kognitiven Leistungsfähigkeit im konzeptuellen Denken und Exekutivfunktionen, sagt der psychiatrische Sachverständige Pedro Faustmann. Die IQ-Werte von 100 beziehungsweise 115 würde man bei einem studierten Akademiker anders erwarten. Richter Hidding wirft ein, dass in Deutschland die Bildung nicht allein von der Intelligenz abhinge. Faustmann bezieht sich auf Listen, die Psychologen für die Einschätzung von IQs entworfen haben. Dort sei für einen Apotheker 120 bis 125 ein normaler IQ-Wert. Auch habe er im Vergleich zu Hauptschülern in einem der Tests schlecht abgeschnitten. Der psychologische Sachverständige Schiffer hatte diese Vergleichswerte in Frage gestellt, da er sie in keinem Handbuch gefunden habe. Faustmann verweist auf Testverfahren, die man in einem Katalog bestellen könne. Auffällig sei außerdem gewesen, wie Stadtmann sich verhalten habe, sagt Faustmann. Er habe im Gespräch motiviert und freundlich gewirkt: „Er hatte sich einen Notizblock mitgenommen, eine Überschrift geschrieben, um was es gehen solle heute.“ Das sei ein ungewöhnliches Verhalten für jemanden, der so lange in Haft saß. Das deute auf eine affektive Störung hin. Stadtmann habe auch seine eigenen Schwächen nicht gesehen.  Auf Frage der Nebenklage erklärt Faustmann, in Bezug auf das Gutachten von Schiffer, sei seine Diagnose gleich, nur habe Schiffer keine validen Testergebnisse gehabt.

  • Fehler oder Vorsatz? Die Nebenklage will wissen, ob es unter solchen Bedingungen möglich ist, dass nur Unter- jedoch keine Überdosierungen produziert werden. Stadtmann  habe ständig Angst gehabt, nicht mit der Arbeit fertig zu werden, sagt der Sachverständige. Falls diese Angst so dominant war, ließen sich gerade Unterdosierungen erklären, sagt Faustmann. In so einer Situation käme es zu Elementarhandlungen, wie einfache Schritte immer wieder zu wiederholen. Auch sei es plausibel, dass Stadtmann durch die Angst lieber zu wenig als zu viel Wirkstoff hineingetan habe. Dies müsse nicht bewusst geschehen sein.  Die Nebenklage hakt nach: Bei den beschlagnahmten Proben war nur eine von 29 Antikörper-Probe nicht unterdosiert gewesen. Ausgerechnet die war für eine Studie hergestellt worden. Wie sich das erklären ließe, fragt die Nebenklage. Faustmann weicht aus. Dies könne er nur beantworten, wenn er die Herstellungssituation kenne. Sind alle Proben an einem Tag entstanden? Wie viel Zeitdruck hat bei der Herstellung geherrscht? Ohne diese Informationen könne er die Frage nicht beantworten.

  • Migräneanfall Stadtmanns, Faustmann muss in die Verlängerung. Bevor die Verteidigung den Sachverständigen befragen kann, muss die Verhandlung am späten Abend gegen 19.45 Uhr abgebrochen werden. Stadtmann habe einen Migräneanfall, sagen seine Anwälte und bereits Schmerzmittel genommen. Er könne der Verhandlung nicht weiter folgen. Faustmann muss somit erneut geladen werden. Er hatte bereits zu Anfang mitgeteilt, dass er die nächsten zwei Wochen keine Zeit habe. Auch eine erneute Befragung des Sachverständigen Schiffer sei noch möglich, sagt Richter Hidding. Bis Mittwoch will er einen neuen Termin mit Faustmann koordinieren. Dann müsse man sehen, ob die angesetzten Termine  eingehalten werden. Möglicherweise kommt es auch zu einer Unterbrechung.

Ausblick auf den nächsten Verhandlungstag

Am Mittwoch sollen einige Anträge gestellt werden. Das Gericht will außerdem entscheiden, wie der Zeitplan für die nächste Woche aussieht.

Die nächsten Verhandlungstage im Überblick (Beginn jeweils 09:30 Uhr):      27.06., 28.06., 29.06., 03.07., 05.07. und 06.07.

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

Unsere Recherchen entstehen vor Ort. Wir liefern Hinter­­­gründe und spüren Skandalen nach – da wo sie passieren. Wir berichten mitten aus dem Leben – wo die Menschen sind. Jetzt spenden!

© correctiv.ruhr

Der Prozess

Der Prozess, Tag 37

Die Verteidigung beantragt, noch mehrere Zeugen zu hören, den psychologischen Sachverständigen Schiffer auszuschließen und ein neues Gutachten über die beschlagnahmten Proben. Das Gericht lehnt derweil 18 übrige Anträge ab.

weiterlesen 5 Minuten

von Marita Wehlus

Welchen Eindruck macht Peter Stadtmann?

Stadtmann wirkt heute aufgeweckt und aufmerksam. Nachdem der Richter darauf verweist, nächste Woche könne ein Urteil fallen, diskutiert Stadtmann ernst mit seinen Anwälten.

Welchen Eindruck machen die Betroffenen?

Sieben Nebenklägerinnen sitzen im Gerichtssaal. Einige davon tragen heute T-Shirts mit dem Spruch „Wer schweigt, macht sich mitschuldig“. Der Richter weist sie an, den Text zu verdecken. Sieben Zuschauer sitzen anfangs im Gericht. Nach zahlreichen Pausen sind es nur noch zwei. Drei Journalisten verfolgen den Verhandlungstag.

Die wichtigsten Ereignisse des Tages:

  • Verteidigung stellt Flut von Anträgen. Stadtmanns Anwälte wollen die Beweisaufnahme noch nicht schließen. Sie stellen insgesamt zwölf Anträge. Unter anderem lehnen sie den psychologischen Sachverständigen Boris Schiffer ab. Er habe dem Angeklagten nicht klargemacht, dass er Psychologe und kein Psychiater sei. Richter Hidding lässt zum Ende der Verhandlung durchklingen, dass dieser Antrag wohl abgelehnt wird. Die Verteidigung beantragt außerdem eine neue Untersuchung der beschlagnahmten Proben. Bei den Gutachten seien zu viele Fehler passiert, wie die Aussage von Martina Kinzig vom Pharmazeutischen Institut Nürnberg belege. Weitere Anträge der Verteidigung: Ein Sachverständiger solle aussagen, dass Keime in der Laborluft keine Kontaminierungsgefahr bergen. Stadtmanns Ärztin solle zudem als Zeugin geladen werden. Sie könne bestätigen, dass Stadtmann am Tag vor der Razzia keine Zytostatika für den nächsten Tag hergestellt habe. Der Angeklagte sei am Vormittag in der Arztpraxis gewesen und habe so keine der beschlagnahmten Krebstherapien hergestellt. Nebenklage und Staatsanwaltschaft monieren, dass es sich nur um einen einstündigen Arzttermin gehandelt habe. Über den Rest des Tages könne die Zeugin nichts sagen. Die Verteidigung kommt auch noch einmal auf mögliche Schwarzkäufe zu sprechen. Es gebe einen Mailverteiler, über den Apotheker Zytostatika untereinander verkaufen. Dazu wollen Stadtmanns Anwälte eine Zeugin vom Verband Zytostatika herstellender Apotheker laden. Auch den Zeugen Hubertus A. wollen die Anwälte erneut hören. Der mit Stadtmann befreundete Apotheker soll aussagen, dass im Januar 2016 Zytostatika der Alten Apotheke in seinem Labor hergestellt wurden. Die Verteidigung verweist darauf, dass diese wohl in die Warenrechnung der Alten Apotheke eingegangen seien. Richter Hidding ruft A. in der Pause an und spricht mit seinem Laborleiter. Es solle sich um maximal zwei Tage gehandelt haben.

  • Medienberichte: Verteidigung und Gegenseite einig. Die Verteidigung beantragt auch, Medienberichte zu verlesen. Sie sollen zeigen, wie Stadtmann vorverurteilt worden wäre. Seine Anwälte nennen über 20 Beispiele. Stadtmanns Schuld wäre in einigen Artikeln als sicher dargestellt worden. Die Berichterstattung habe sein Recht auf ein faires Verfahren erheblich beeinträchtigt. Dies ist der einzige Antrag, dem auch die Staatsanwaltschaft, sowie große Teile der Nebenklage zustimmen. Der Nebenklage-Anwalt Andreas Schulz merkt allerdings an, die Verteidigung hätte ihren Mandanten durch das psychologische Gutachten bereits selbst bloßgestellt.

  • Sörgel kritisiert erneut die Probenuntersuchungen. Richter Hidding verliest ein Fax des Sachverständigen Fritz Sörgel. Sörgel fragt an, wann er sein zusammenfassendes Gutachten ins Gericht einbringen kann. Er hatte die Dokumentation des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) und des Landeszentrums für Gesundheit (LZG) untersucht. Letzte Woche erstattete seine Mitarbeiterin Martina Kinzig ihr Gutachten. Sörgel möchte nun erneut gehört werden. Die Fülle der Fehler bei PEI und LZG sei im Hinblick auf die Ergebniszuverlässigkeit nicht hinnehmbar, schreibt Sörgel in seinem Fax. Auf Nachfrage der Verteidigung erklärt der Richter, dass Sörgel bereits entlassen sei.

  • Kindheitsfreundin Stadtmanns faxt dem Richter. Am Freitag meldete sich auch eine Kindheitsfreundin des Angeklagten bei dem Gericht. Über ihre Anwaltskanzlei nimmt sie in dem Fax Stellung zu Wesensveränderungen bei Stadtmann. Sie sei mit dem Angeklagten zur Schule gegangen, habe dann den Kontakt verloren. 2010 habe Stadtmann sie angerufen, um sich von ihr als Scheidungsanwältin beraten zu lassen. Sie habe damals eine auffällige Persönlichkeitsveränderung bemerkt. Die Hamburgerin widerspricht dem Gutachten des psychologischen Sachverständigen Schiffer. Stadtmann habe Stimmungsschwankungen gehabt, sich vollkommen verworren verhalten und sei emotional nicht zugänglich gewesen. Sie stehe dafür auch als Zeugin bereit, schreibt die Frau. Nebenklage-Anwalt Mohammed behält sich vor, die Rechtsanwältin wegen Verstoß gegen ihre Schweigepflicht anzuzeigen.

  • 18 Anträge zurückgewiesen, Urteil vielleicht nächste Woche. Das Gericht weist 18 Anträge zurück, die sich im Laufe der Verhandlung angesammelt haben. 15 davon stellte die Verteidigung. Das Gericht lehnt eine ganze Reihe Ärzte als Zeugen ab. Sie sollten bestätigen, dass Therapien aus der Alten Apotheke gewirkt haben. Auch einige weitere Zeugen wird das Gericht nicht laden. So Martin Porwoll und Marc F., die sich in Aussagen über ein Gespräch widersprochen hatten. Außerdem werden Screenshots des Warensystems nicht ins Verfahren gebracht. Die Zahlen hieraus würden ohnehin als unzuverlässig gesehen. Man könne von absichtlichen Falscheingaben ausgehen. Außerdem hätten einige Lieferanten bereits Fehler korrigiert. Deshalb könne man eine Fehlertoleranz mit einrechnen. Diese solle zugunsten des Angeklagten sein, sagt der Richter.  Auch den Antrag der Nebenklage, die Tonaufzeichnungen des Sachverständigen Schiffer zu hören, lehnt das Gericht ab. Über die Anträge der Verteidigung von heute wird am nächsten Verhandlungstag entschieden. Wenn sie abgelehnt werden, können die Plädoyers beginnen. „Dann könnten wir kommende Woche das Urteil verkünden“, sagt Richter Hidding.

Ausblick auf den nächsten Verhandlungstag

Der Richter will morgen die Anträge von heute beschließen. Falls keine weiteren dazu kommen und die Beweisanträge abgelehnt werden, fangen die Plädoyers an.

Die nächsten Verhandlungstage im Überblick (Beginn jeweils 09:30 Uhr): 19.06., 20.06., 22.06., 25.06., 27.06. und 29.06.

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

Unsere Recherchen entstehen vor Ort. Wir liefern Hinter­­­gründe und spüren Skandalen nach – da wo sie passieren. Wir berichten mitten aus dem Leben – wo die Menschen sind. Jetzt spenden!

© CORRECTIV.RUHR

Der Prozess

Der Prozess, Tag 38

Das Gericht entscheidet, den psychiatrischen Gutachter der Verteidigung doch noch zu hören. Neue Untersuchungen der beschlagnahmten Proben auf Wirkstoffgehalt wird es nicht geben.

weiterlesen 5 Minuten

von Marita Wehlus

Welchen Eindruck macht Peter Stadtmann?

Der Angeklagte berät sich heute viel mit seinen Anwälten. Sie gehen Schriftstücke durch und tuscheln miteinander.

Welchen Eindruck machen die Betroffenen?

Auf den Bänken der Nebenklage sitzen heute vier Betroffene. Sieben Zuschauer und fünf Journalisten beobachten den Prozess.

Die wichtigsten Ereignisse des Tages:

  • Psychiatrischer Gutachter kommt. Das Gericht wird am 25. Juni den Psychiater Pedro Faustmann als Sachverständigen hören. Er hatte Stadtmann ein hirnorganisches Psychosyndrom und kognitive Einschränkungen attestiert. Das steht im Gegensatz zum Gutachten des Sachverständigen Boris Schiffer. Gleich zu Beginn weist das Gericht heute den Befangenheitsantrag gegen Schiffer zurück. Die Verteidigung hatte den psychologischen Gutachter abgelehnt, weil dieser Psychologe und kein Psychiater ist. Seinen Beruf habe Schiffer dem Angeklagten nicht klar gemacht. Die Fehleinschätzung des Angeklagten sei nicht die Schuld des Sachverständigen, entscheidet das Gericht. Schiffer, der Professor für forensische Psychiatrie ist, habe genug Sachkunde. Doch Faustmann, der Psychiater und Neurologe ist, soll auf Antrag der Verteidigung nun auch gehört werden. Nebenklage-Anwalt Schulz hatte sich dem Antrag angeschlossen, da er sich ein „revisionssicheres Urteil“ wünsche. Die Staatsanwaltschaft hingegen sieht das Gegenteil von Faustmanns Gutachten bereits als bewiesen an und lehnt es ab, ihn zu hören. Die Sachverständigen waren zu unterschiedlichen Schlüssen gekommen. Schiffer hält Stadtmann für voll schuldfähig und kritisiert einige Methoden in Faustmanns Gutachten. Ein Kritikpunkt war Faustmanns Einstufung von Stadtmanns IQ als unterdurchschnittlich. Faustmann hatte nach seinen Tests infrage gestellt, dass der Angeklagte seine Handlungen steuern könne. Schiffer hingegen hatte Stadtmann Simulationstendenzen unterstellt.

  • Keine neue Probenuntersuchung, Zyto-Zweitmarkt bestätigt. Das Gericht weist 12 Anträge der Verteidigung von gestern zurück. Es wird keine Zeugen oder Sachverständigen hören und auch keine Schriftstücke verlesen. Zu den beschlagnahmten Proben wolle das Gericht keine neuen Sachverständigen. Man habe bereits Gutachten zum Wirkstoffgehalt in den Proben. Die Ergebnisse lägen vor, ungeachtet von Dokumentationsversäumnissen, sagt Richter Hidding. Einige Behauptungen aus den Anträgen werden allerdings als wahr angenommen.  So zum Beispiel, dass ein Zweitmarkt für Zytostatika-Apotheker besteht. Über einen Mailverteiler sollen Apotheker Wirkstoffe untereinander verkauft haben. Die Verteidigung hatte dazu eine Zeugin vom Verband Zytostatika herstellender Apotheker hören wollen. Das Gericht glaubt auch, dass Stadtmann am Tag vor seiner Verhaftung eine Stunde bei seiner Ärztin war. Als Beweis bedürfe es aber keiner Zeugenbefragung, sagt das Gericht.

  • Nebenklage fordert Unterlagen der Sachverständigen. Die Nebenklage beantragt erneut, alle Arbeitsunterlagen der Sachverständigen Schiffer und Faustmann zu sehen. Dies hatte Richter Hidding gestern abgelehnt. Nun drängt die Nebenklage auf einen Kammerbeschluss. Die Verteidigung verweist darauf, dass nur die wichtigsten Ergebnisse der Untersuchungen vom Sachverständigen gefordert werden können. Richter Hidding, der gegen die Akteneinsicht war, weist die Verteidiger auf einen Widerspruch in ihrer Argumentation hin. Vom Landeszentrum für Gesundheit (LZG) und dem Paul-Ehrlich-Institut (PEI) habe die Verteidigung schließlich auch alle Einzelunterlagen gefordert.

  • Richter setzt Deadline für Anträge. Durch die Befragung des Psychiaters  Faustmann verzögert sich das Prozessende weiter. Richter Hidding setzt den Beteiligten eine Frist. Bis zum Verhandlungsbeginn am 27. Juni müssen alle Beweisanträge eingegangen sein. Dann soll bald die Beweisaufnahme geschlossen werden können. Ob nach Faustmann auch Schiffer erneut geladen wird, ist unklar. Der Richter hatte bereits anfragen lassen, doch Schiffer sei am Montag verhindert, teilt sein Büro mit. So ist keine direkte Auseinandersetzung der beiden Gutachter möglich. LZG und PEI konnten damals direkt mit Martina Kinzig über deren Vorwürfe diskutieren. Würde Schiffer erneut aussagen, würden die Plädoyers weiter nach hinten verschoben.

Ausblick auf den nächsten Verhandlungstag

Die restlichen Termine diese Woche hat Richter Hidding gestrichen. Weiter geht es am 25. Juni mit der Befragung von Pedro Faustmann. Es gibt außerdem vier neue Termine bis in den Juli hinein.

Die nächsten Verhandlungstage im Überblick (Beginn jeweils 09:30 Uhr):      25.06., 27.06., 28.06., 29.06., 03.07., 05.07. und 06.07.

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

Unsere Recherchen entstehen vor Ort. Wir liefern Hinter­­­gründe und spüren Skandalen nach – da wo sie passieren. Wir berichten mitten aus dem Leben – wo die Menschen sind. Jetzt spenden!

© correctiv.ruhr

Der Prozess

Der Prozess, Tag 35

Der psychologische Sachverständige hält Stadtmann für schuldfähig. Der Angeklagte gibt im Gespräch mit dem Psychologen Fehler zu. Die Verteidigung versucht die Verhandlung zu verzögern.

weiterlesen 5 Minuten

von Marita Wehlus

Welchen Eindruck macht Peter Stadtmann?

Peter Stadtmann berät sich heute öfter mit seinen Verteidigern. Während der Aussage des Sachverständigen bleibt sein Blick stoisch.

Welchen Eindruck machen die Betroffenen?

Heute sind zehn Nebenkläger erschienen. Im Laufe des langen Verhandlungstages leeren sich aber die Reihen. Am Ende sind keine Nebenkläger mehr da. Der Grund: Parallel demonstrieren am späten Nachmittag Betroffene in Bottrop vor der Alten Apotheke. Nur zehn ihrer Anwälte verbleiben im Gerichtssaal. Zehn Zuschauer beobachten die Verhandlung. Der Prozesstag wird anfangs von sechs Journalisten begleitet, am Ende von einem.

Die wichtigsten Ereignisse des Tages:

  • Simulierte Stadtmann? Der Sachverständige Boris Schiffer hat Stadtmanns kognitive Leistungsfähigkeit getestet. Dadurch will Schiffer einschätzen, wie beeinträchtigt Stadtmann nach seiner Hirnverletzung 2008 war. Schiffer sieht in den Testergebnissen aber „Simulationstendenzen“. Er geht davon aus, dass Stadtmann sich in keinem dieser Tests so präsentiert habe, wie er könnte. Zum Beispiel was sein Gedächtnis angeht: Hier sei seine Leistung auf dem Niveau eines schwer kranken Alzheimerpatienten gewesen. Menschen mit einem hirnorganischen Psychosyndrom würden wesentlich besser abschneiden. Außerdem seien die Ergebnisse unplausibel, sehe man sich das Gutachten von Pedro Faustmann an. Dieser hatte ein erstes psychiatrisches Gutachten über Stadtmann erstellt. Hier habe der Angeklagte noch wesentlich besser abgeschnitten. Auch ein Arztbrief aus dem Jahr 2010 bescheinige, Stadtmann sei „klinisch neurologisch und psychopathologisch wieder hergestellt.“ Das steht im Gegensatz zu seiner Selbstbeurteilung. Hier habe Stadtmann das Bild einer stark eingeschränkten Person gezeichnet.

  • Stadtmanns IQ. Schiffer kritisiert Faustmanns Gutachten zu Peter Stadtmann. Dieser habe dem Angeklagten einen unterdurchschnittlichen IQ attestiert. Faustmann nehme das als Hinweis auf eine Funktionsbeeinträchtigung. Dabei liege der Wert mit 108 IQ-Punkten im oberen Durchschnitt, sagt Schiffer. Damit könne man durchaus ein gutes Abitur ablegen und ein Studium durchstehen. Faustmann habe in seinem Gutachten den IQ mit Normgruppen verglichen, die in keinem Handbuch zu finden wären. So sei er zu einer falschen Schlussfolgerung gekommen, sagt Schiffer. Er habe außerdem die Tatsache, dass Stadtmann seine Haft als Erholung bezeichnet hätte, als Hinweis auf eine affektive Störung gesehen.

  • Keine Einschränkung der Schuldfähigkeit. Es gebe aus forensisch-psychologisch-psychiatrischer Sicht keine Hinweise auf eine Einschränkung der Schuldfähigkeit, sagt Schiffer. Stadtmann habe keine organische Persönlichkeitsstörung und seine Funktionsbeeinträchtigung sei nicht schwer genug, um behandelt zu werden, sagt Schiffer. Aus seiner Sicht sei es zudem unwahrscheinlich, dass unbeabsichtigte Fehler ausschließlich zu Unterdosierungen geführt hätten, aber nicht zu Überdosierungen. Außerdem bezweifelt er, dass ein Patient mit hirnorganischer Störung über vier Jahre hinweg täglich betrügerische Handlungen vornehmen könne. Betroffene hätten eher Probleme mit Impulshandlungen. Diese habe er bei Stadtmann nicht festgestellt.

  • Stadtmann gibt unbewusste Fehler zu. Im Gespräch mit ihm, habe Stadtmann eingeräumt, unbewusste Fehler gemacht haben zu können, sagt Schiffer. Als er Stadtmann fragte, ob er denke, Fehler gemacht zu haben, habe dieser genickt. Der Angeklagte habe ihn auch gefragt, ob er ihm attestieren könne, nicht mehr als Apotheker arbeiten zu dürfen. Er habe seine Beeinträchtigungen nach dem Gutachten Faustmanns selbst erkannt, sagte er Schiffer. Auf die Unterdosierungen angesprochen, reagierte Stadtmann mit einem „kleinen emotionalen Ausbruch“, sagt der Sachverständige. Er könne sich das selbst nicht erklären, habe Stadtmann gesagt und dabei aufgebracht gewirkt.

  • Volle Schränke, volles Lager. Stadtmann habe mit ihm auch über die Bestellungen in der Apotheke gesprochen, sagt Schiffer. Die Kühlschränke und das Lager seien immer voll gewesen, habe Stadtmann berichtet. Erst wenn ein Mitarbeiter die letzte Charge aus dem Keller geholt habe, habe man nachbestellt. Auf die Frage, wie er sich die Differenz zwischen bestelltem und verkauftem Wirkstoff erkläre, habe Stadtmann keine Angaben machen wollen.

  • Verzögerungstaktik der Verteidigung. Die Verteidigung beantragt heute zum zweiten Mal, den Prozess für drei Wochen zu unterbrechen. Ein Grund: Der Sachverständige sei Psychologe, es sei aber ein psychiatrisches Gutachten bestellt worden. Erst am vergangenen Prozesstag hatten Stadtmanns Anwälte darum gebeten, zu unterbrechen. Sie benötigten mehr Zeit, um sich auf die Befragung von Schiffer vorzubereiten. Das Gericht lehnt dies heute zu Beginn ab. Nach der Befragung des Sachverständigen durch Richter, Staatsanwalt und Nebenklage, stellt die Verteidigung erneut einen Antrag auf Unterbrechung. Sie monieren, es gebe neue Erkenntnisse durch die Aussage Schiffers. Unter anderem, dass dieser kein Mediziner zu sein scheine. Schiffer ist Leiter der forensisch-psychiatrischen Abteilung der Ruhr-Uni Bochum. Er sei dort wegen seiner Sachkunde zum Professor berufen worden und habe schon etwa 40 forensisch-psychiatrischer Gutachten ausgestellt, sagt Schiffer. Staatsanwalt Jakubowski erwähnt, dass erst die Verteidigung Schiffers Namen ins Spiel gebracht habe. Auch der zweite Antrag der Verteidigung wird abgelehnt.

Ausblick auf den nächsten Verhandlungstag

Morgen will der Richter Beschlüsse zu ausstehenden Anträgen verkünden. Außerdem soll möglicherweise ein schriftliches Beweisstück vorgelesen werden.

Die nächsten Verhandlungstage im Überblick (Beginn jeweils 09:30 Uhr): 14.06., 18.06., 19.06., 20.06., 22.06., 25.06., 27.06. und 29.06.

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

Unsere Recherchen entstehen vor Ort. Wir liefern Hinter­­­gründe und spüren Skandalen nach – da wo sie passieren. Wir berichten mitten aus dem Leben – wo die Menschen sind. Jetzt spenden!


© CORRECTIV.RUHR

Der Prozess

Der Prozess, Tag 36

Das Gericht hat heute sieben Beweisanträge abgelehnt. Es will am Montag die Beweisaufnahme abschließen.

weiterlesen 5 Minuten

von Marita Wehlus

Welchen Eindruck macht Peter Stadtmann?

Stadtmann wirkt heute gefasst und ruhig. Vor dem Verhandlungsbeginn berät er sich kurz mit seinen Anwälten. Später lehnt er sich zwischen ihnen auf seinem Stuhl zurück.

Welchen Eindruck machen die Betroffenen?

Heute sind sechs Nebenklägerinnen im Gerichtssaal. Als sie hören, dass sie nicht als Zeuginnen gehört werden, bleiben sie gefasst. Fünf Zuschauer und eine Journalistin beobachten den Prozess.

Die wichtigsten Ereignisse des Tages:

  • Gericht lehnt Beweisanträge ab. Sieben Beweisanträge weist das Gericht heute zurück. Es will die Nebenkläger nicht als Zeugen hören. Es sei nicht feststellbar, ob genau diese Zeugen von Unterdosierungen betroffen waren. Auch eine Onkologin, die die Staatsanwaltschaft hören wollte, soll nicht aussagen. Genauso wenig wie eine ganze Liste an Zeugen der Nebenklage. Darunter auch Stadtmanns Steuerberater. Außerdem lehnt das Gericht einen weiteren Zeugen von Hexal ab. Auch der Psychiater Dr. Faustmann wird nicht geladen. Er hatte Stadtmann ein „hirnorganisches Psychosyndrom“ attestiert. Das Gericht will auch niemanden zu einer ins Internet gelangten Gerichtsakte befragen. Eine Bundestagsanfrage zum Thema Alte Apotheke wird auch nicht als Beweismittel zugelassen. Die restlichen Beweisanträge sollen am Montag entschieden werden.

  • Marc F. widerspricht Martin Porwoll. Der Richter verliest ein Schreiben des Alten-Apotheke-Mitarbeiters Marc F.. Dieser hatte den Verteidigern Stadtmanns die Stellungnahme geschickt. In dem Schreiben bestreitet Marc F. Details aus der Zeugenaussage von Whistleblower Martin Porwoll. Porwoll hatte vor Gericht ausgesagt, dass F. ihm gesagt hätte, dass die Wahrscheinlichkeit, in den Therapien Wirkstoffe zu finden, bei null Prozent liege. Außerdem habe Marc F. davon gesprochen, Wirkstoffe seien in die Therapien „hineingezaubert“ worden. Marc F. schreibt in seiner Stellungnahme, diese Gespräche hätten nie stattgefunden. Die Nebenklage regt nun an, F. und Porwoll als Zeugen zu hören. F. war schon einmal vor Gericht geladen. Er hatte damals die Aussage verweigert.

  • Plädoyers sollen beginnen. Richter Johannes Hidding kündigt an, am Montag über die ausstehenden Anträge zu entscheiden und dann die Beweisaufnahme zu beenden. Einer der noch ausstehenden Anträge kam heute von Nebenklage-Anwalt Andreas Schulz. Er beantragt, die Unterlagen des Sachverständigen Boris Schiffer einzusehen und die Tonaufnahmen des Gesprächs mit Stadtmann zu hören. Der Richter hingegen ist bereits auf der Zielgeraden. Staatsanwalt Jakubowski soll sein Plädoyer für den nächsten Verhandlungstag vorbereiten. Auch die Nebenklage könnte dann vielleicht schon mit ihren Plädoyers beginnen, kündigt der Richter an. Wenn das geschieht, könnte bald ein Urteil fallen.

Ausblick auf den nächsten Verhandlungstag

Am Montag will Richter Hidding die Beweisaufnahme abschließen und mit den Plädoyers anfangen. Staatsanwalt Jakubowski und die Nebenklage sollen sich dafür bereithalten.

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

Unsere Recherchen entstehen vor Ort. Wir liefern Hinter­­­gründe und spüren Skandalen nach – da wo sie passieren. Wir berichten mitten aus dem Leben – wo die Menschen sind. Jetzt spenden!

Die nächsten Verhandlungstage im Überblick (Beginn jeweils 09:30 Uhr):     18.06., 19.06., 20.06., 22.06., 25.06., 27.06. und 29.06.

© correctiv.ruhr

Der Prozess

Der Prozess, Tag 34

Die Sachverständige Martina Kinzig zweifelt wegen kleinerer und größerer Dokumentationsfehler die Ergebnisse des Landeszentrums für Gesundheit (LZG) und des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI) an. Derweil will die Verteidigung für drei Wochen unterbrechen.

weiterlesen 4 Minuten

von Marita Wehlus

Welchen Eindruck macht Peter Stadtmann?

Peter Stadtmann wirkt heute konzentriert. Er hört aufmerksam zu und unterhält sich zwischendurch mit seinen Anwälten.

Welchen Eindruck machen die Betroffenen?

Heute sind sieben Nebenklägerinnen erschienen. Am Ende des Prozesstages sind die Reihen der Anwälte leerer geworden. Sechs Zuschauer haben sich eingefunden. Eine Gerichtszeichnerin und drei Journalisten verfolgen den heutigen Verhandlungstag.

Die wichtigsten Ereignisse des Tages:

  • Fehler beim Fehlerfinden. Martina Kinzig vom Institut für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung in Nürnberg soll die Dokumentation des LZG und PEI bei der Untersuchung von Zytostatika aus der Alten Apotheke überprüfen. Christoph Luchte vom LZG ist auch im Gericht und kann zwei Kritikpunkte von Kinzig gleich entkräften. Sie hatte eine fehlende Dokumentation eines Messgerätes und eine nicht nachvollziehbare Korrektur beanstandet. Luchte zeigt ihr die vermeintlich fehlenden Dokumente am Richtertisch. Sie lagen in den Ordnern bereits vor. Offenbar hatte Kinzig sie übersehen. Sie zieht ihre Beanstandungen in den beiden Fällen zurück. Matthias Heuermann vom LZG fragt Kinzig später, ob sie nicht auch an ihren eigenen Ergebnissen zweifle, wenn doch auch sie Fehler gemacht und Dokumente übersehen hätte. Kinzig verweist darauf, keine Zeit für eine erneute Überprüfung ihrer Stellungnahme gehabt zu haben.

  • Kleine Dokumentationsfehler. Die Sachverständige Martina Kinzig hat in den Gutachten des LZG und des Paul-Ehrlich-Instituts insgesamt 77 Fehler gefunden. 28 beim LZG und 49 beim PEI. Viele davon beziehen sich auf Korrekturen. Diese müssten eindeutig gekennzeichnet und unterschrieben werden. Außerdem müsse man den ursprünglichen Wert noch lesen können. Ihr größter Kritikpunkt gilt sowohl LZG als auch PEI: Beide Institute hätten nicht dokumentiert, wann die Proben aus der Kühlung entnommen wurden und wann wieder zurückgestellt. Andere Fehler erscheinen kleiner. Zum Beispiel, dass der Sachverständige Luchte bei dem Transport der Proben die Protokolle mit zwei unterschiedlichen Kugelschreiberfarben ausgefüllt hat. Das könne möglicherweise darauf hindeuten, dass es zu einem späteren Zeitpunkt fertig geschrieben worden wäre. Kinzig erhebt mehr Kritik gegenüber dem PEI, das für die Untersuchung der monoklonalen Antikörper zuständig war. Insgesamt bezweifelt sie aber die Ergebnisse beider Institute. Die Häufung der Fehler, reduziere das Vertrauen in das gesamte Arbeitssystem.

  • „Da sind wir anderer Auffassung.“ Luchte und Heuermann kritisieren ihrerseits die Beurteilung von Martina Kinzig. Heuermann erkennt 13 von Kinzigs Kritikpunkten nicht als Fehler an. Immer wieder kommt es zu Diskussionen, ob etwas ein Dokumentationsfehler sei oder nicht. Beispielsweise darüber, ob Pipetten, wenn sie von der externen Kalibrierung kommen noch einmal selbst geprüft werden müssen. Einige Fehler gesteht das LZG auch ein. Doch Heuermann sieht diese als nicht relevant genug an, um die komplette Untersuchung in Frage zu stellen. Die Fehler hätten keinen Einfluss auf das Ergebnis der Untersuchung und das Urteil des Gutachtens gehabt. Auf Nachfrage der Nebenklage erklärt Luchte, dass die analytischen Ergebnisse ohnehin einen Spielraum für Messfehler von +/- 20 Prozent hatten.

  • Sachverständiger attestiert scheinbar Zurechnungsfähigkeit. Am kommenden Verhandlungstag soll eigentlich Boris Schiffer sein abschließendes psychologisches Gutachten über Peter Stadtmann vortragen. Doch die Verteidigung beantragt, die Verhandlung drei Wochen zu unterbrechen. Die Anwälte Stadtmanns wollen sich auf die Befragung des Sachverständigen besser vorbereiten. Sie erwähnen in ihrem Antrag auch, dass Schiffer in seinem Gutachten zu einem anderen Schluss kommt als der von ihnen beauftragte Psychiater. Dieser hatte Stadtmann ein „Hirnorganisches Psychosyndrom“ bescheinigt. Das lässt darauf schließen, dass Schiffer Stadtmann für zurechnungsfähig hält. Der Richter will erst am Mittwoch entscheiden, ob Schiffer befragt wird oder die Befragung verschoben wird.

Ausblick auf den nächsten Verhandlungstag

Am Mittwoch ist der Sachverständige Boris Schiffer geladen. Er sollte prüfen, ob Stadtmann zurechnungsfähig ist. Doch Richter Hidding will erst am Mittwoch darüber entscheiden, ob er ihn befragt. Sollte er dem Antrag der Verteidigung auf Unterbrechung stattgeben, will er noch andere Beschlüsse verkünden und Schiffer zu einem anderen Termin laden.

Die nächsten Verhandlungstage im Überblick (Beginn jeweils 09:30 Uhr): 13.06., 14.06., 18.06., 19.06., 20.06., 22.06., 25.06., 27.06. und 29.06..

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

Unsere Recherchen entstehen vor Ort. Wir liefern Hinter­­­gründe und spüren Skandalen nach – da wo sie passieren. Wir berichten mitten aus dem Leben – wo die Menschen sind. Jetzt spenden!

© CORRECTIV.RUHR

Der Prozess

Der Prozess, Tag 33

Der Richter will ab Mitte Juni die Plädoyers hören. Er lehnt den Sachverständigen Fritz Sörgel nicht ab. Außerdem besucht der psychologische Gutachter ein Zytolabor.

weiterlesen 4 Minuten

von Marita Wehlus

Welchen Eindruck macht Peter Stadtmann?

Peter Stadtmann berät sich heute gleich zu Beginn intensiv mit seinen Verteidigern. Während der Verhandlung bleibt er teilnahmslos.

Welchen Eindruck machen die Betroffenen?

Heute sind sechs Betroffene zum Sitzungstag gekommen. Nur drei Zuschauer haben sich für den kurzen Termin eingefunden. Fünf Journalisten und eine Gerichtszeichnerin verfolgen den Prozesstag.

Die wichtigsten Ereignisse des Tages

  • Der Sachverständige Fritz Sörgel ist nicht befangen. Das Gericht weist den Nebenklage-Antrag auf Befangenheit des Sachverständigen Sörgel zurück. Für so einen Antrag müsse man ein Misstrauen glaubhaft machen. Mittel dazu seien schriftliche Dokumente, wie eidesstattliche Erklärungen und nicht Zeugen, die im Antrag benannt werden. Die Nebenklage hatte dem Sachverständigen Befangenheit vorgeworfen. Er habe die Unwahrheit zu Kontakten mit Medien gesagt. Dies sei durch einen Facebook-Post von Sörgel belegt, in dem er die CORRECTIV-Berichterstattung anspreche. „Eine Äußerung auf einem Facebook Account ist noch keine Äußerung gegenüber den Medien“, begründet das Gericht seine Entscheidung, den Sachverständigen nicht abzulehnen. Auch die anderen Aspekte im Ablehnungsantrag der Nebenklage wies das Gericht zurück. Sie seien nicht ausreichend eine Befangenheit glaubhaft zu machen.

  • Richter will nichts zu abgelaufenen Medikamenten hören. Das Gericht weist einen Antrag auf die Ladung eines Zeugen zurück. Die Nebenklage hatte den Mann befragen wollen. Er soll der Amtsapothekerin Hanneline Lochte von abgelaufenen Krebsmitteln erzählt haben. Das Gericht hält dies nicht für notwendig, da sich die Anklage vor allem auf die Unterdosierung von Medikamenten und Hygienemängel bezöge.

  • Keine Hygienemängel im Zytolabor. Das Gericht verliest Prüfprotokolle einer Laborbetriebsgesellschaft. Diese hatte die Verteidigung im Februar eingereicht. Die Firma hatte das Zytolabor von 2012 bis 2015 auf Keimbelastung untersucht. Dabei wurden Proben von Oberflächen und Türgriffen im Labor genommen. In vier Fällen fanden die Prüfer Bakterien in geringer Keimzahl, in einem Pilzsporen. Die Prüfer urteilen, dass „die Untersuchungsergebnisse aus hygienisch-bakteriologischer Sicht nicht zu beanstanden“ seien.

  • Staatsanwaltschaft will keine zweite Zeugenbefragung. Der Staatsanwalt Jakubowski will keine Zeugen zu einer im Internet veröffentlichten Gerichtsakte befragen. Damit reagiert er auf einen Antrag der Verteidigung. Sie hatte am 29. Prozesstag gefordert, einige Zeugen erneut zu laden und zu fragen, ob sie Kenntnis von der Gerichtsakte hätten. Sie wollen klären, ob die Zeugen die Akte gelesen haben und so in ihrer Aussage beeinflusst worden seien. Die bisher dazu befragten Zeugen haben angegeben, die Akte nicht gelesen zu haben. Jakubowski hält es für unwahrscheinlich, dass die noch nicht befragten Zeugen anders antworten würden.

  • Der psychologische Sachverständige sieht sich ein Zytolabor an. Boris Schiffer, der die Zurechnungsfähigkeit des Angeklagten bewerten soll, hat heute einen Ortstermin. Der psychologische Sachverständige wolle sich ein Labor ansehen, in dem Zytostatika hergestellt werden, sagt der Richter. Er habe vorher nachgefragt, ob dies in Ordnung sei, er wolle sich einen Eindruck über die Arbeiten in so einem Labor verschaffen. Sein Auftrag als Sachverständiger decke dies ab, entschied der Richter. In Kürze würde ein Termin vereinbart, damit der Sachverständige Schiffer sein Gutachten vortragen könne.

  • Sitzungstage abgesagt, ab Mitte Juni Schlussplädoyers. Da für die Sitzungstage nächste Woche keine Zeugen geladen und auch keine Beweisaufnahmen vorgesehen waren, sagt das Gericht die Termine ab. Der nächste Verhandlungstag findet erst Mitte Juni statt. Dann sollten die Parteien sich auch langsam auf die Schlusserklärungen vorbereiten, da vermutlich keine weitere Beweisaufnahme hinzu kommen werde, sagt Richter Johannes Hidding. Das lässt darauf schließen, dass wahrscheinlich weder die Nebenkläger noch die Ärzte als Zeugen aussagen werden.

Ausblick auf den nächsten Verhandlungstag

Die Verhandlungstage nächste Woche wurden abgesagt. Weiter geht es erst am 11. Juni mit der Sachverständigen Martina Kinzig. Sie soll ihr Gutachten über die Untersuchungen der Landeszentrale für Gesundheit ergänzen.

Die nächsten Verhandlungstage im Überblick (Beginn jeweils 09:30 Uhr): 11.06., 13.06., 14.06., 18.06., 19.06., 20.06., 22.06., 25.06., 27.06. und 29.06..

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

Unsere Recherchen entstehen vor Ort. Wir liefern Hinter­­­gründe und spüren Skandalen nach – da wo sie passieren. Wir berichten mitten aus dem Leben – wo die Menschen sind. Jetzt spenden!