Der achte Prozesstag in einem der größten Medizinskandale der Nachkriegszeit. Die Whistleblowerin Marie Klein sagt vor Gericht aus. Sie lieferte einen Infusionsbeutel bei der Polizei ab und löste damit die Razzia in der Alten Apotheke aus. CORRECTIV berichtet aus dem Gerichtssaal.

Der Gerichtssaal 101 ist diesmal ähnlich voll wie am Tag des Prozessauftakts. Mehrere Kamerateams sind vor Ort. Der Zuschauerraum ist bis auf den letzten Platz besetzt. Viele Betroffene und Zuschauer wollen Marie Klein durch ihre Anwesenheit unterstützen.

Welchen Eindruck macht Peter Stadtmann?

Die Verteidigung hört der Zeugin Klein konzentriert zu. Aus der Mittagspause kommt Peter Stadtmann mit einem Aktenordner unter dem Arm. Seinen Anwälten hält er ein Dokument aus dem Ordner hin und erklärt ihnen etwas.

Welchen Eindruck machen die Betroffenen?

Der Richter lässt drei weitere Nebenklägerinnen zu. Die drei Frauen dürfen vom Zuschauerraum auf die linke Seite des Gerichtssaales ziehen. Dort wird es langsam eng, weil so viele Nebenkläger am Prozess teilnehmen. Eine Nebenklägerin ist am vergangenen Mittwoch gestorben. Als ihr Anwalt das mitteilt, geht ein Raunen durch den Saal. Ihr Anwalt beantragt, den Ehemann der Verstorbenen als Nebenkläger zuzulassen.

Die wichtigsten Ereignisse des Tages:

  • So arbeitete Stadtmann im Labor: Marie Klein berichtet von Details der Arbeit im Zytolabor der Alten Apotheke. Immer wieder seien Vorschriften nicht eingehalten worden. „Es war wie ein Puzzle, es kam immer ein Steinchen hinzu." Peter Stadtmann habe im Labor stets alleine gearbeitet. Es sei generell ungewöhnlich, dass Chefs überhaupt selbst produzieren. Wenn Peter Stadtmann Krebstherapien herstellte, habe es unter den Mitarbeitern geheißen, er ginge „spielen". Klein sah ihn fast täglich in Straßenkleidung im Reinraumlabor. Auch auf den Fußmatten am Eingang des Labors seien die Abdrücke von Stadtmanns Straßenschuhen erkennbar gewesen. „Im Wischmopp, mit dem wir das Labor reinigten, waren zahlreiche Hundehaare", sagt Marie Klein. Auch Pfützen von Wirkstoffen auf dem Linoleumboden des Labors zeugten laut Klein von der unsauberen Arbeit Stadtmanns. Trotz all dieser Missstände habe sich niemand getraut, etwas zu sagen. „Das System war streng hierarchisch.” Der Arbeitsdruck sei groß gewesen. „Schnell war eines der Worte, die täglich in der Apotheke fielen. Schnell, schnell, schnell." Klein berichtet auch vom Umgang Stadtmanns gegenüber Mitarbeitern. „Besonders gegenüber Frauen hatte er ein schwer zu ertragendes Verhalten." Detailliert beschreibt sie ihren inneren Kampf um eine mögliche Aussage bei der Polizei. „Ich konnte nicht mehr mit ansehen, was da passierte", sagt Klein. Ihr kommen die Tränen. Letztendlich habe ein Ereignis den Ausschlag gegeben. Für Marie Klein der „Tag X”. An jenem Tag soll Martin Porwoll in den Keller des Labors gekommen sein. Er habe die Angestellten gebeten, die Therapien für seine Schwiegermutter herzustellen. Sie war an Krebs erkrankt und Porwoll wollte sicherstellen, dass nicht Stadtmann die Therapien herstelle. „Ich möchte, dass es wirkt", soll er gesagt haben. Klein entschied sich daraufhin, als Zeugin auszusagen und brachte später einen Infusionsbeutel zur Polizei. Kurz nach der Razzia in der Alten Apotheke wurde Marie Klein aus der WhatsApp-Gruppe der Mitarbeiter gelöscht. Dann lag die fristlose Kündigung im Briefkasten. „Das hat mich erschüttert. Der ganze Kollegenkreis brach weg."

  • Minus im Dokumentationssystem: Marie Klein berichtet von einer internen Anweisung in der Alten Apotheke. Demnach sollten die Mitarbeiter des Labors im Sommer 2016 Minusbestände aus dem System löschen. Minusbestände kann es eigentlich nicht geben. Aus einem einfachen Grunde. Wirkstoffe, die nicht auf Lager sind, können nicht verarbeitet werden. Zu der Löschanweisung habe es keine Erklärung gegeben. Sie selbst habe nur einmal eine Charge gelöscht, weil sie ein schlechtes Gefühl dabei gehabt habe.

  • Klein zu Pharmavertretern: Der Richter befragt die Zeugin Klein zu Kontakten mit Pharmavertretern. Sie erinnert sich an Herrn Harseim von Hexal. Sie habe ihn einmal kurz gesehen. Er habe aber keine Wirkstoffe dabei gehabt. „Kein Mensch transportiert gerne Zytostatika im eigenen Kofferraum." Wir haben ausführlich zum Hintergrund berichtet.

  • Stadtmanns Mutter arbeitet in Apotheke: Laut Klein hat die Mutter von Stadtmann ganz normal in der Apotheke gearbeitet. Sie kontrollierte hochpreisige Rezepte. Auch der Vater von Stadtmann war sporadisch in der Alten Apotheke.

  • Klein widerspricht CORRECTIV Artikel: Marie Klein widerspricht vor Gericht einem Artikel von CORRECTIV über die Whistleblower Martin Porwoll und Marie Klein. Demnach gab es, nachdem Klein den Infusionsbeutel hatte, kein Treffen mit Porwoll vor einem Buchladen. Wir haben es in dem Artikel geändert.

Ausblick auf den nächsten Verhandlungstag:

Am nächsten Verhandlungstag am Freitag, den 08.12.2017, wird Prof. Dr. Martin Schuler aussagen. Er ist Direktor der Inneren Klinik an der Uniklinik Essen. Weil er davon ausgeht, dass es schwierig sei, die Auswirkungen der Unterdosierung im Behandlungsverlauf einzelner Patienten nachzuweisen, ist die Staatsanwaltschaft vom Vorwurf der Tötungsabsicht und Körperverletzung abgerückt. Das Gericht ging mit der Zulassung der Nebenklägerinnen und -kläger aber darüber hinaus.

Marie Klein wurde bisher von Richter, Staatsanwalt und der Nebenklage befragt. Die Verteidigung wird Klein am Montag, den 11.12.2017, befragen. Dafür wird die für diesen Tag geplante Vernehmung von Martin Porwoll auf das kommende Jahr verlegt.

 

Die nächsten Verhandlungstage im Überblick (Beginn jeweils 09:30 Uhr): 08.12, 11.12., 14.12., 08.01.18, 11.01.18, 15.01.,18.01., 24.01., 29.01., 31.01., 01.02., 05.02., 08.02., 14.02., 16.02., 20.02., 22.02., 13.03.

 

 

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