Die Vereinigung deutscher Wissenschaftler (VDW) fordert von der Politik Aufarbeitung und Konsequenzen im Fall der Alten Apotheke. Es müssten Kommissionen eingesetzt und Bund-Länder-Grenzen überwunden werden. Die bisherigen Schritte reichten nicht aus.

Die mutmaßlich gestreckten Krebsmedikamente aus Bottrop dürften nicht als Einzelfall behandelt werden, sagt die Vereinigung deutscher Wissenschaftler VDW. Schließlich sei der Fall der Alten Apotheke „einer der größten Medizinskandale in der deutschen Nachkriegsgeschichte, auf einer Stufe mit dem Contergan-Fall.” Hans-Jochen Luhmann aus dem Vorstand der VDW fordert: „Es müssen systematische Lehren gezogen werden.” Bund und Land müssten sich koordinieren, ebenso müssten Apotheken-Aufsichten, Apothekerkammern und Krankenkassen intensiv kooperieren, um den Fall wie versprochen aufzuarbeiten.

Einzelne Maßnahmen wie die von der Apothekerkammer Westfalen-Lippe angekündigte Selbstverpflichtung reichen laut VDW nicht aus. Man müsse nun die Frage stellen, wie das passieren konnte und wie man auf das Versagen der Apothekeraufsicht reagiert, sagt auch VDW-Mann Dieter Deiseroth. Er hat sich in einem aktuell erschienenen Buch mit der Aufarbeitung des Apothekerskandals befasst. „Hätte es die Whistleblower nicht gegeben, hätte man es so belassen, und es wäre weiter gestorben worden.”

Hans-Jochen Luhmann stellt konkrete Forderungen, wie eine Aufarbeitung aus Sicht der VDW aussehen müsse:

Das Land muss:

  • Nordrhein-Westfalen wird vom VDW in die Pflicht genommen. Das Gesundheitsministerium NRW muss aufklären, welche Fehler im Fall der Alten Apotheke passiert sind und wo es im Überwachungssystem gehakt hat. Bisher habe die Politik eine Aufarbeitung auf nach den Prozess verschoben. Luhmann fordert, über die strafrechtliche Aufklärung hinauszugehen. Nicht nur Sachverhalte aus dem Prozess müssten aufgearbeitet, sondern auch systemische Fehler angegangen werden.

Der Bund muss:

  • Die Gesundheitsministerkonferenz muss einen Überblick über die Konsequenzen und Aufsichtsvorschriften in den unterschiedlichen Bundesländern erarbeiten. Nur so könnten die Erkenntnisse daraus gebündelt werden.
  • Auch das Bundesministerium für Gesundheit muss handeln: Eine Expertenkommission aus den Apothekenaufsichten der Länder, den Apothekerverbänden und Krankenkassen muss eingesetzt werden. Sie könnten die Lücken im Kontrollsystem eruieren und dann einen gemeinsamen Plan erstellen, damit ein Verbrechen wie in Bottrop nicht wieder passieren kann. Man müsse bereits aktiv werden, bevor Verbrechen begangen werden und Kontrolle und Gesetz greifen. Zum Beispiel könnten Krankenkassenunterlagen für Aufsichtsstellen zugänglich gemacht werden, sagt Luhmann.

Bund und Länder müssen gemeinsam:

  • Eine Kommission aus Bund und Ländern muss herausfinden, wo die Kooperation zwischen den Ländern nicht funktioniert und welche Konsequenzen gezogen werden müssen. Luhmann könne sich auch eine übergeordnete Organisation auf Bundesebene vorstellen, die im risikobehafteten Bereich der Zytoherstellung ermittelt und Länderübergreifend agiert. „Man muss an das Tabu heran, dass sich der Bund nicht in Länderangelegenheiten einmischen darf.” Luhmann sieht das Problem, dass es keine einheitlichen Standards über Länder hinweg gibt.

Als Zwischenlösung könnte sich Luhmann auch eine Verlagerung der Krebsmittelherstellung in Krankenhäuser vorstellen. Den Vorschlag hatte Karl Lauterbach von der SPD letztes Jahr ins Spiel gebracht.

 

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BWV

Dieter Deiseroth hat sich mit dem VDW-Vorsitzenden Hartmut Graßl im Buch „Whistleblower-Enthüllungen zu Krebsmittel-Panschereien und illegalen Waffengeschäften" ausführlich mit dem Fall der Alten Apotheke beschäftigt. Deiseroth fordert neben einer Aufklärung auch, dass Whistleblower wie Martin Porwoll endlich besser vom Gesetzgeber geschützt werden.

 

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