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Wer auf dem Markusplatz in Venedig „Allahu Akbar“ ruft, solle erschossen werden, sagte Luigi Brugnaro 2017 im Rahmen einer Pressekonferenz. (Symbolfoto: EdiHoch/Pixabay)

von Bianca Hoffmann

Zurzeit wird ein Artikel von Tag24 häufig bei Facebook geteilt, der bereits 2017 erschienen ist. Darin geht es um Venedigs Bürgermeister Luigi Brugnaro. Er hatte im August 2017 gesagt, dass er Menschen, die auf dem Markusplatz „Allahu Akbar“ rufen, erschießen lassen wolle. 

Hat Venedigs Bürgermeister Luigi Brugnaro gesagt, er wolle Menschen sofort erschießen lassen, wenn sie auf dem Markusplatz Allahu Akbar“ rufen? Davon handelt ein Artikel des Nachrichtenportals Tag24, der laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 14.000 Mal auf Facebook geteilt wurde. In den vergangenen Wochen tauchte er wieder verstärkt auf Facebook auf, unter anderem am 23. Dezember auf der Facebook-Seite von Markus Bayerbach, der für die AfD in Bayern im Landtag sitzt. 

Der Artikel erschien bereits am 24. August 2017. Als Quelle gibt Tag24 die britische Boulevardzeitung The Sun an. 

Unsere Recherche zeigt: Der Bürgermeister von Venedig hat tatsächlich 2017 eine solche Aussage getroffen. Unklar ist, ob es sich um eine reale Forderung handelte. Wir konnten durch eine Google-Suche keine Medienberichte darüber finden, dass sie umgesetzt wurde.  

Der Landtagsabgeordnete Markus Bayerbach (AfD Bayern) hat den Text von Tag24 zweieinhalb Jahre nach Erscheinen auf seiner Facebook-Seite geteilt. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Äußerung Brugnaros fiel bei einer Sommerkonferenz in Rimini, auf der die Bürgermeister verschiedener Städte vor allem über Demografie und Familien sprachen. Venedigs Bürgermeister erinnerte an den Anschlag am 13. November 2015 in Paris, bei dem eine junge Frau aus Venedig ums Leben gekommen war. Und nur wenige Tage vor der Konferenz in Rimini hatte es in Barcelona am 17. August 2017 einen islamistischen Terroranschlag gegeben. 

Das Zitat des venezianischen Bürgermeisters sorgte damals international für ein großes Medienecho. Unter anderem berichtete die britische The Times über den Vorfall. 

Was genau hat Luigi Brugnaro gesagt?

Die venezianische Lokalzeitung La Nuova di Venezia schrieb am 22. August 2017, dass Luigi Brugnaro in Rimini gesagt habe: „Wenn jemand auf dem Markusplatz ‘Allahu Akbar’ ruft, werden wir ihn erschießen.“ 

Eine zweite Version des Zitats in dem Artikel von La Nuova di Venezia lautet: „Wir müssen den Terrorismus hier in Italien besiegen, wir verstärken unsere Verteidigung, und ich sage, wenn jemand anfängt, auf der Piazza San Marco zu rennen und ‘Allah Akbar’ ruft, werden wir ihn in drei Schritten niederschießen.“

Fast der gleiche Wortlaut  findet sich auch in diesem Youtube-Video und in einem Protokoll des Rimini-Treffens vom 22. August 2017. 

Brugnaro sagte demnach: „Weißt du noch, sagte ich zu einem Journalisten, wenn du auf der Piazza San Marco rennst und ‘Allahu Akbar’ rufst, werden wir dich erschießen, das heißt, wir werden dich erschießen, wir werden Scharfschützen haben, wir werden dich erschießen, wir haben unsere Verteidigung erhöht […]. Du gehst zum Markusplatz und rufst ‘Allahu Akbar’, wir schießen dich nach drei Schritten nieder. Wir haben die Verteidigung erhöht. Jetzt werden wir sie wieder erhöhen, weil wir der Stadt das Gefühl geben müssen, dass wir da sind, dass wir reagieren wollen.“

Von der Teilnahme des Bürgermeisters bei der Konferenz wurde in einer Pressemitteilung der Stadt Venedig berichtet. Darin steht allerdings nichts über Terrorismusabwehr oder ob die Behauptung, wer „Allahu akbar“ rufe, werde erschossen, eine Forderung war, die auch umgesetzt wurde. Eine Google-Suche nach „Allahu Akbar“ auf der Webseite der Gemeinde Venedig führte zu keinem Treffer.  

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Sprecher des Bürgermeisters: Zitat wurde aus dem Zusammenhang gerissen

Auf eine Anfrage von CORRECTIV an die Stadt Venedig antwortete Sprecher Alessandro Bertasi per E-Mail. Er schreibt, die zitierten Sätze seien aus dem Zusammenhang gerissen worden. „Die zitierten Sätze wurden aus einem viel weiteren Kontext genommen [estrapolate], der den Zuhörer gut in das eigentliche Ziel dieser Worte einführte. Die Stadt Venedig, die noch immer vom Tod der Mitbürgerin Valeria Solesin im Bataclan in Paris betroffen ist, stellt einen symbolischen Ort für die ganze Welt dar und ist daher leider ein sehr attraktiver Ort für mögliche Terroranschläge.“ (Übersetzung: Google Translate.)

E-Mail von Alessandro Bertasi, Pressesprecher der Stadt Venedig. (Screenshot: CORRECTIV)

2017 sei kurz vor der Sommerkonferenz in Rimini der Plan einer Terrorzelle vereitelt worden, die berühmte Rialto-Brücke zu sprengen. „Nach diesem Moment, in dem sich die Stadt dank der präzisen und pünktlichen Arbeit der Polizeikräfte vor einem schrecklichen Angriff gerettet hatte, wollte der Bürgermeister eine klare Botschaft an alle aussenden, die solche Taten in der Stadt Venedig durchführen wollten.”

Unsere Bewertung:
Richtig. Die Aussage wurde 2017 tatsächlich von Luigi Brugnaro getroffen, wurden aber nach Angaben der Pressestelle Venedigs aus dem Zusammenhang gerissen. 

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Im Interview mit dem privaten Radiosender 94,3 rs2 sagte Stefan Hockertz, das neuartige Coronavirus sei nicht gefährlicher als die Grippe. Die Reaktion der Politik hält er für maßlos. (Quelle: 94,3 rs2, Screenshot: CORRECTIV)

von Lea Weinmann

Der Immunologe Stefan Hockertz behauptet in einem Radiointerview, das neuartige Coronavirus sei nicht gefährlicher als die Grippe, die Reaktion der Politik sei maßlos und überzogen. Der Mitschnitt verbreitet sich rasant, vor allem auf Whatsapp. Seine Behauptungen sind jedoch teilweise irreführend.

In einem Radiointerview bei dem privaten Sender 94,3 rs2 in Berlin stellt Stefan Hockertz, der von den Moderatoren als Immunologe und Toxikologe mit Professorentitel vorgestellt wird, verschiedene Behauptungen rund um das neuartige Coronavirus und die Krankheit Covid-19 auf. Sein Grundtenor: Die Reaktion der Politiker sei überzogen; das Virus sei nicht gefährlicher als ein Grippevirus.

Der Interview-Mitschnitt wurde am 24. März in zwei verschiedenen Versionen (hier und hier) auf der Webseite des Radiosenders veröffentlicht. Der Mitschnitt und der dazugehörige Facebook-Beitrag von 94,3 rs2 wurden zusammengenommen mehr als 12.500 Mal auf Facebook geteilt (Stand: 31. März). Zudem haben zahlreiche Blogs und Webseiten den Mitschnitt aufgegriffen, es gibt Artikel auf PI-News, der Achse des Guten und Zur Zeit. Auch auf Whatsapp verbreitet sich das Interview aktuell vermehrt. Der Journalist Jakob Augstein hat das Interview auf Twitter mit einem Link zu einem Youtube-Video empfohlen. Das Video wurde mittlerweile jedoch wegen Urheberrechtsverletzung gelöscht.

Stefan Hockertz selbst hat nach eigenen Angaben zuletzt vor 16 Jahren im Forschungsbereich gearbeitet. Heute ist er demnach Geschäftsführer einer Beratungsfirma für toxikologische und pharmakologische Technologie.

Der BR hat zu den Aussagen von Hockertz bereits einen Faktencheck veröffentlicht. Das Ergebnis: Für einen Vergleich des Coronavirus mit Influenza ist es zu früh. Zu dieser Schlussfolgerung kommt auch CORRECTIV: Viele der Behauptungen von Hockertz sind irreführend, wie unser Faktencheck zeigt.

1. Behauptung: Covid-19 besitze die gleiche Gefährlichkeit wie Influenza und die Todesraten seien vergleichbar

Hockertz behauptet in dem Interview (ab Minute 1:17), das neuartige Coronavirus sei vergleichbar mit dem Virus, das Influenza auslöst und besitze auch „in etwa die gleiche Gefährlichkeit“ (ab Minute 1:40). Diese Behauptung ist irreführend.

Es ist richtig, dass beide Virentypen Atemwegserkrankungen auslösen und schnell von Person zu Person übertragbar sind. Abgesehen davon seien SARS-CoV-2 und die saisonalen Grippeviren aber „sehr unterschiedlich“, schreibt das Europäische Zentrum für Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC)

Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) verbreitet sich Influenza wegen ihrer kürzeren Inkubationszeit schneller als Covid-19. Gleichwohl deuteten die bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnisse an, dass es bei Covid-19 mehr schwere Infektionsverläufe gebe als bei einer Influenza-Infektion. 

Hinzu kommt laut WHO, dass es im Gegensatz zu Influenza gegen Covid-19 keine Impfstoffe gibt. Da es ein neuer Virus sei, sei außerdem niemand gegen die Krankheit immun, schreibt das ECDC. Das bedeute: „Theoretisch ist die gesamte menschliche Bevölkerung potenziell für eine Infektion mit Covid-19 anfällig.“

Diese Punkte lässt Hockertz in dem Interview unerwähnt.

Letalität von SARS-CoV-2 ist noch unklar

Der Immunologe behauptet außerdem, die Todesrate liege bei beiden Krankheiten zwischen 0,5 und einem Prozent (ab Minute 1:26). Für SARS-CoV-2 gibt es aber noch gar keine gesicherten Erkenntnisse zur Sterberate. Die Todesfälle sind nicht miteinander vergleichbar, weil sie unterschiedlich gemessen werden. 

Das ECDC erklärt, an der saisonalen Grippe würden in Europa wegen der hohen Zahl der Ansteckungen jedes Jahr geschätzt zwischen 15.000 und 75.000 Menschen sterben. Dies sei etwa einer von 1.000 Infizierten (0,1 Prozent).

Die WHO schreibt, auf Basis bisheriger Erkenntnisse scheine die Sterblichkeitsrate für Covid-19 höher zu sein als bei Influenza, insbesondere höher als bei der saisonalen Grippe. Laut Robert-Koch-Institut (RKI) gibt es über die Letalität – also den Anteil der Verstorbenen an den tatsächlich Erkrankten – für SARS-CoV-2 noch keine verlässlichen Daten (unter Punkt 8), weil nicht klar ist, wie viele Menschen momentan infiziert sind. Die bisherigen Studien liefern je nach Region und Messzeitpunkt sehr unterschiedliche Werte zwischen 0,8 und 7,7 Prozent, schreibt das Institut.

Zahl der Grippetoten basiert auf statistischen Schätzungen

Die Zahl der Grippetoten basiert auf der sogenannten Exzess-Mortalität, erklärte das RKI in seinem Grippe-Saisonbericht 2018 (Seite 21 und 22). Häufig werde Influenza nicht als Todesursache in den Totenschein eingetragen und „verberge“ sich hinter anderen Vorerkrankungen. Deshalb werde die Sterberate statistisch geschätzt: Experten beobachten, wie viele Menschen in der Grippesaison im Vergleich zu den übrigen Monaten im Jahr sterben. Sollte es in der Zeit einen „Mortalitätsanstieg“ geben, werden diese zusätzlichen Todesfälle der Influenza zugeordnet. Dies wird auch als „Übersterblichkeit“ bezeichnet (PDF, Seite 34). 

Die statistische Schätzung liegt oft weitaus höher als die Zahl der tatsächlich als Grippetote gemeldeten Fälle. In der Grippesaison 2017/2018, die im Radiointerview von dem Moderator erwähnt wird (Minute 3:05), errechnete man so 25.000 Tote in Deutschland – was eine „ungewöhnlich starke“ Grippewelle gewesen sei, heißt es in dem Bericht des RKI (Seite 7 und 8). Zum Vergleich: 1.674 Todesfälle wurden in dieser Saison tatsächlich „mit laborbestätigter Influenza-Infektion“ an das RKI gemeldet (Seite 35). 

RKI: Jeder Verstorbene, der positiv auf Corona getestet wurde, zählt als Corona-Todesfall

Beim Coronavirus ist es für solche statistischen Schätzungen zu früh. Es werden aktuell die Covid-19-positiv getesteten Todesfälle gemeldet. Auch hier vermutet Hockertz Verzerrungen (ab Minute 2:13): Die bisherigen Corona-Toten seien „so oder so gestorben, und zwar sind sie mit Corona gestorben und nicht an Corona.“ 

Richtig ist, dass jeder, der positiv auf das neuartige Coronavirus getestet wurde und dann stirbt, als Corona-Todesfall zählt. Das sagte der Präsident des RKI, Lothar Wieler, in einem Lagebericht am 20. März (Minute 17:50). Das schließt nicht aus, dass diese Personen auch andere Erkrankungen hatten. Es bedeutet aber auch nicht, dass sie an diesen anderen Erkrankungen „so oder so“ gestorben wären.

Bisher sei in Europa (noch) kein nationaler Anstieg der Übersterblichkeit erkennbar, den man auf die Covid-19-Pandemie zurückführen könne, heißt es auf dem Portal Euromomo (European Mortality Monitoring Project), das die Mortalitätsraten europäischer Länder auswertet. Das bedeute aber nicht, dass es nicht in bestimmten Gebieten oder Altersgruppen doch einen Anstieg gebe, der mit Covid-19 zusammenhänge. Zudem sei die Registrierung und Meldung von Todesfällen immer einige Wochen verzögert.

Auch RKI-Präsident Wieler warnte am 20. März (Minute 17:30): „Wir stehen am Anfang einer Epidemie […] und wir werden leider in Zukunft mehr Fälle haben.“ Es ist also momentan noch nicht möglich abzuschätzen, wie viele Todesfälle es durch Covid-19 geben wird.

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2. Behauptung: Covid-19 sei nur für fünf Prozent der Bevölkerung gefährlich

An einer weiteren Stelle im Radiointerview (ab Minute 8:25) behauptet Hockertz, Covid-19 sei für etwa fünf Prozent der Bevölkerung wirklich gefährlich: alte, kranke, schwache, vorgeschädigte Menschen und Raucher. Die übrigen 95 Prozent „machen diese Krankheit leicht durch oder haben gar keine Symptome“, sagt Hockertz.

Zu den Risikogruppen von Covid-19 zählen nach Angaben des RKI (Punkt 2) tatsächlich ältere Menschen ab 50 bis 60 Jahren, Raucher und Personen mit bestimmten Vorerkrankungen. 

Ein Viertel der Erwachsenen in Deutschland raucht, 28 Prozent sind 60 Jahre oder älter

Allerdings sind allein fast ein Viertel aller Erwachsenen in Deutschland Raucher, sagt das Bundesgesundheitsministerium (23,8 Prozent). Nach Angaben des Statistischen Bundesamts sind 28,2 Prozent der Deutschen 60 Jahre oder älter (Stand: 2018). 

Zwar gibt es keine Angaben dazu, wie viel Prozent der deutschen Bevölkerung insgesamt zur Risikogruppe gehören – es dürften aber vor dem Hintergrund dieser Zahlen deutlich mehr als fünf Prozent sein. Zuerst hatte eine Analyse des ARD-Faktenfinders diesen Widerspruch aufgedeckt.

Experten gehen momentan davon aus, dass die Krankheit Covid-19 bei etwa 80 Prozent der Infizierten „mild bis moderat“ und bei 20 Prozent schwerer verläuft (Punkt 2). Dabei wurden auch bei jüngeren Patienten und Personen ohne Vorerkrankungen schon schwere Verläufe beobachtet, schreibt das RKI.

3. Behauptung: Die vielen Todesfälle in Italien seien auf mangelnde Krankenhaushygiene zurückzuführen

Hockertz nennt in dem Interview ab Minute 6:15 eine Studie, anhand der er belegen will, dass die hohe Zahl der Todesfälle in Italien nicht auf Covid-19, sondern auf die mangelnde Krankenhaushygiene in dem Land zurückzuführen sei. Diese führe zu sogenannten nosokomialen Infektionen, sagt Hockertz: „Das sind Menschen, die kommen mit einem Beinbruch ins Krankenhaus und sterben an einer Lungenentzündung.“ Diese Infektionen kämen in Italien besonders häufig vor, behauptet er.

Nosokomiale Infektionen sind Infektionen, die sich Patienten in einem Kranken­haus zuziehen. 

Es gibt zwar Hinweise darauf, dass die Hygiene in italienischen Krankenhäusern schlechter ist als in anderen Ländern. So sagte beispielsweise ein Gesundheitssoziologe, Claus Wendt, am 24. März gegenüber dem ZDF, dass Italien im europäischen Vergleich besonders schlecht abschneide. 

Für die 2018 vom ECDC veröffentlichte Studie, deren Ergebnisse Hockertz zitiert, wurden Todesfälle in Folge von Infektionen mit antibiotikaresistenten Bakterien geschätzt – und nicht etwa, wie er behauptet, Todesfälle durch Krankenhausinfektionen insgesamt. Die Daten dazu wurden schon im Jahr 2015 erhoben.

Die Studie, die Hockertz zitiert, belegt nicht seine These

Nach Informationen des RKI machen antibiotikaresistente Bakterien, um die es in der Studie geht, jedoch nur einen Teil aller Krankenhausinfektionen aus. Umgekehrt sind auch nicht alle Infektionen mit antibiotikaresistenten Bakterien auf einen Krankenhausaufenthalt zurückzuführen (Frage: „Wie viele Infektionen werden durch multiresistente Erreger verursacht?“). 

Zahlen zu diesen Infektionen als Beleg für eine mangelnde Krankenhaushygiene anzuführen, ist also irreführend. Wie viele Krankenhausinfektionen (und daraus resultierende Todesfälle) es in Italien wirklich gibt, konnte CORRECTIV nicht herausfinden.

Es gibt zudem keine Belege für die These, dass Krankenhauskeime statt SARS-CoV-2 für die Todesfälle in Italien verantwortlich sind; dies ist Spekulation. Im Widerspruch dazu steht außerdem, dass laut den italienischen Behörden die bestätigten Todesfälle mit dem Coronavirus infiziert waren (Bericht des italienischen Gesundheitsinstituts vom 30. März). 

4. Behauptung: In Italien gebe es mehr Corona-Tote, weil die Luftverschmutzung dort hoch ist

Zu der Behauptung Hockertz’, die hohe Zahl der Todesfälle in Italien sei auf die hohe Luftverschmutzung in Italien zurückzuführen (ab Minute 8:25), gibt es bisher keine wissenschaftlichen Belege. Jedoch vermuten einige Forscher einen Zusammenhang zwischen der Luftverschmutzung und der Virusverbreitung. 

So schrieben Forscher verschiedener italienischer Universitäten sowie der Gesellschaft für Umweltmedizin im März in einem gemeinsamen Positionspapier, dass die Luftverschmutzung durch Feinstaubpartikel in Norditalien die Ausbreitung von Viren möglicherweise begünstigen könnte. Diese Vermutung ist aber noch nicht belegt.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Es gibt noch nicht ausreichend Informationen über das neuartige Coronavirus, um es mit Grippeviren zu vergleichen oder seine Gefahr für den Menschen abschließend zu beurteilen.

Särge
Dieser Facebook-Beitrag stellt eine Behauptung über die ARD ohne Belege auf. (Screenshot: CORRECTIV)

von Cristina Helberg

In mehreren Facebook-Beiträgen werfen Nutzer der ARD vor, sie habe Bilder von Särgen aus dem Jahr 2014 in aktuellen Beiträgen über das Coronavirus genutzt. Dafür gibt es jedoch weder Belege noch irgendwelche Hinweise.

„ARD hat wieder zugeschlagen“, so beginnt ein Facebook-Beitrag, der aktuell viel geteilt wird. Weiter steht dort: „Haben Bilder von Särgen der Corona Opfer gezeigt. Jetzt hat sich herausgestellt, dass sie genau dieselben Bilder 2014 in einer Doku: ‘Tod vor Lampedusa’ bei dem Schiffsunglück benutzt haben. Scheiss Lügenpresse […]“. Belege für diese Behauptung nennt der Autor nicht. Nach unseren Recherchen wurde der Beitrag von verschiedenen Nutzern mindestens 1.400 Mal geteilt. 

Tatsächlich zeigen die Bilder in dem Screenshot Särge von Menschen, die 2013 bei einem Schiffsunglück vor der italienischen Insel Lampedusa starben, in einem Flughafen-Hangar. 

Erst vor Kurzem verbreiteten Nutzer ein ähnliches Foto derselben Szene auf Facebook und behaupteten, die Särge gehörten zu Opfern des Coronavirus in Italien. In einem Faktencheck zeigten wir bereits, dass diese Behauptungen falsch sind. Allerdings hatten die Behauptungen damals keinen Zusammenhang mit der ARD, die Fotos wurden in falschem Kontext von Privatpersonen auf Facebook verbreitet. 

Richtig ist: Der Fotograf Alberto Pizzoli nahm beide Fotos am 5. Oktober 2013 im Hangar des Flughafen Lampedusa auf, wie sich auf der Webseite der Bilddatenbank Getty Images verifizieren lässt (Bild 1, Bild 2). 

Die Bilder in dem aktuell verbreiteten Facebook-Screenshot zeigen einen Artikel der Süddeutschen Zeitung aus dem Jahr 2014, in dem als Ort der Fotos korrekt Lampedusa angegeben ist. Eine Google-Suche nach Bildern von Särgen auf der Webseite der ARD liefert keinen Hinweis auf eine aktuelle Nutzung der Bilder im falschen Kontext. Ebensowenig eine zeitlich eingegrenzte  Google-Rückwärtssuche für seit Januar 2020 veröffentlichte Bilder. 

Ein Ergebnis: 2013 verwendete die Tagesschau ein ähnliches Bild wie in dem Facebook-Beitrag in korrekter Weise für einen Artikel über verstorbene Geflüchtete vor Lampedusa. Am 28. März 2020 veröffentlichte die Tagesschau einen Artikel über Opfer des Coronavirus in Italien mit einem Bild, auf dem Särge zu sehen sind. Sie sind jedoch deutlich heller als die Särge auf den Aufnahmen im Facebook-Beitrag und die Bilder wurden offensichtlich an einem anderen Ort aufgenommen. 

Links der Bericht der Tagesschau vom 28. März 2020 und rechts das bei Facebook verbreitete Foto. Offensichtlich handelt es sich um unterschiedliche Orte. (Screenshots: CORRECTIV)

Auf eine Presseanfrage von CORRECTIV schrieb eine Sprecherin der ARD per E-Mail: „Bei Facebook wurde offenbar ein Bezug zur ARD hergestellt, ohne irgendeine konkrete Sendung oder ein Ausstrahlungsdatum zu benennen oder dies mit Fakten zu belegen. Es ist für uns im Moment nicht nachvollziehbar, wo das entsprechende Foto aus dem Zusammenhang gerissen aktuell in unserem Programm verwendet worden sein könnte. Was nicht heißt, dass uns nicht auch Fehler unterlaufen können, mit denen wir aber grundsätzlich offen und transparent umgehen.“ 

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Unsere Bewertung:
Unbelegt. Es gibt keine Hinweise, dass die ARD das Bild tatsächlich im falschen Kontext verwendete.

Coronavirus - Robert-Koch-Institut - Pressekonferenz
Lothar Wieler, Leiter des Robert-Koch-Instituts, auf einer Pressekonferenz. Zu Fake News äußert sich das Institut nicht. (Foto Annegret Hilse/Reuters-Pool/dpa)

von Frederik Richter , Alice Echtermann , Till Eckert , Cristina Helberg

Deutschland bekämpft mit allen Mitteln den Ausbruch der Corona-Pandemie. An eines hat jedoch kaum einer gedacht: den Einfluss von Desinformation. Das Robert-Koch-Institut und weitere Einrichtungen geben Faktencheckern selten Auskunft. Das kann gefährlich sein.

Desinformation rund um die Corona-Pandemie erreicht in sozialen Netzwerken Millionen Menschen. Sie hängen an den Lippen von Ärzten und angeblichen Experten, die behaupten, die Pandemie sei nicht viel schlimmer als eine Grippe-Welle.

Solche Falschinformationen haben konkrete Auswirkungen: Wer glaubt, das Coronavirus sei nicht so schlimm, ist weniger bereit, sich an Hygieneregeln und Maßnahmen zur Eindämmung zu halten. Es kann um Leben und Tod gehen.

„Desinformation über Gesundheit kann Ausbrüche von Ansteckungskrankheiten verschlimmern“, schrieben zwei britische Forscher in einer Studie vom November 2019. Sie verwiesen darauf, dass während des Ausbruchs von Ebola in Westafrika das Verhalten der Menschen davon abhing, welche Informationen über Übertragungswege der Krankheit sie erhalten hatten.

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Bereits am 2. Februar wies die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in einem Situationsbericht darauf hin, dass die Corona-Pandemie von einer „massiven Infodemie“ begleitet werde. Seitdem beobachtet die WHO Gerüchte und Mythen rund um den Corona-Ausbruch und kämpfen mit Aufklärung gegen sie an.

Es gibt bei Bundesbehörden und in den Ländern auch positive Beispiele. Doch beim Robert-Koch-Institut (RKI), der wichtigsten Bundesbehörde im Kampf gegen Pandemien, und anderen Einrichtungen findet dieser Teil der Pandemie-Bekämpfung kaum statt. Manche Pressesprecher halten den „Quatsch“ im Internet offenkundig für unwichtig im Vergleich zu anderen Anfragen und antworten nicht auf Fragen von Faktencheckern, die der Desinformation entgegentreten wollen.

Das RKI ließ seit Januar etwa ein halbes Dutzend Anfragen zu jeweils verschiedenen Falschbehauptungen zum Coronavirus unbeantwortet oder verwies auf andere Behörden. Erst als wir uns massiv bei der Bundesregierung beschwerten, erhielten wir Ende März Informationen.

Die Pandemie ist eine beispiellose Herausforderung für die Gesellschaft, die Medien und vor allem auch für die Behörden. Einige Aspekte der Pandemie-Bekämpfung in Deutschland gelten international als vorbildlich. In Frankreich wie auch in Großbritannien zum Beispiel führen Kommentatoren in der innenpolitischen Debatte immer wieder die vergleichsweise großen Testkapazitäten in Deutschland an.

Mitten im Sturm

Das RKI steht im Zentrum des Sturms. Ohne Frage sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter überlastet und arbeiten sehr hart, um die Krise zu bewältigen. Das Institut erhält nach eigenen Angaben derzeit über 100 Medienanfragen pro Tag. Das ist mit den Kapazitäten aus normalen Zeiten nicht zu bewältigen. Doch wenn über mehrere Wochen hinweg Anfragen unbeantwortet bleiben, entsteht der Eindruck, dass das Institut die Bedeutung von Desinformation bei der Bekämpfung von Pandemien unterschätzt.

Anfang Februar wandten wir uns an einen Wissenschaftler des Robert-Koch-Instituts. Wir wollten über ein weitverbreitetes Gerücht schreiben, dass das Virus aus einem Biowaffen-Labor im chinesischen Wuhan stamme, und baten um eine Einschätzung. Entsprechende Facebook-Posts waren schon im Januar tausendfach geteilt worden.

Stattdessen antwortete die Pressesprecherin des RKI. Sie bat uns, Anfragen in Zukunft nur an die Pressestelle zu richten. Unsere Fragen beantwortete sie nicht.

Die Pressesprecherin lieferte lediglich einen vagen Verweis auf eine Äußerung des Virologen Christian Drosten zur Entstehung des Virus. Diesen Verweis sollten wir jedoch nicht zitieren. „Mein Kommentar bezog sich auf alle diese Verschwörungs-Behauptungen und ist nur für Ihren Hintergrund gemeint gewesen. Ich möchte solche Behauptungen nicht durch Zitate aufwerten“, schrieb die Sprecherin zur Begründung.

Diese Haltung ist überholt. Nach ihr wird das, was im Internet steht, erst dann wichtig, wenn eine Pressesprecherin es mit einem Zitat würdigt. Offenkundig ist den Presseverantwortlichen fremd geblieben, dass das Internet anders funktioniert. Desinformationen führen an offiziellen Verlautbarungen vorbei ein Eigenleben – und sie können Leben kosten.

Nichts hinzuzufügen

Als wir dem RKI die Bedeutung von Faktenchecks noch einmal schriftlich erläuterten und um Auskunft baten, antwortete die Sprecherin lediglich: „Ich kann meinen Ausführungen nichts hinzufügen.“ Die Falschinformation, dass das Virus aus einem chinesischen Labor für Biowaffen stammt, zirkuliert bis heute. Ein ehemaliger AfD-Politiker griff sie noch vor wenigen Tagen im baden-württembergischer Landtag auf – dieses Mal in der Version, dass das Virus aus einem Biowaffenlabor in den USA stammen könnte.

Erst Ende März, nachdem wir noch mehrfach angefragt haben, äußerte sich das RKI dazu uns gegenüber – und wir konnten schließlich einen ersten Faktencheck dazu veröffentlichen.

Andere Faktenchecker wie die Kolleginnen und Kollegen vom Bayerischen Rundfunk haben ähnliche Erfahrungen gemacht.

„In den ersten Tagen und Wochen der Berichterstattung über das Coronavirus hat das Robert-Koch-Institut auf die Fragen unserer Faktencheck-Redaktion relativ schnell geantwortet, aber eher knapp“, sagt Sophie Rohrmeier, Teamlead Verifikation und Faktenfuchs beim Bayerischen Rundfunk.

„Auf Details sind sie nicht eingegangen. Der nächste Schritt war dann, dass sie uns gesagt haben, aus Kapazitätsgründen könnten sie nicht mehr antworten. Inhaltlich haben wir also keine Fragen mehr beantwortet bekommen.“

Das RKI habe zum Beispiel nicht auf den Vorwurf der sogenannten Überzählung reagiert. Dabei geht es um die Frage, ob nicht zuviele Tote in der Corona-Statistik auftauchen, weil Patienten an mehreren Krankheiten sterben können. Auch das bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit habe nicht geantwortet, sagt Rohrmeier.

„Ich verstehe, dass das RKI und andere Behörden gerade sehr viele Anfragen bekommen und es etwas länger dauern kann. Aber wenn man das Virus eindämmen will, muss man auch Ängste und Gerüchte eindämmen. Desinformation zu bekämpfen, gehört aus meiner Sicht dazu, um das Virus zu bekämpfen.“

Die Bevölkerung überzeugen

Die Haltung des RKI verwundert, wenn man eine Risikoanalyse der Bundesregierung zum Bevölkerungsschutz aus dem Januar 2013 liest. Die Analyse enthält das fiktive Szenario einer globalen Pandemie – ausgelöst durch ein neuartiges Coronavirus.

Darin findet sich ein Abschnitt zum Thema Kommunikation. „Nur wenn die Bevölkerung von der Sinnhaftigkeit von Maßnahmen (z. B. Quarantäne) überzeugt ist, werden sich diese umsetzen lassen“, heißt es.

Die Autorinnen und Autoren des Berichts – der unter der Federführung des RKI verfasst wurde – gehen davon aus, dass die Behörden Verunsicherungen und verschiedenen Erklärungen mit Informationen begegnen müssen. „Es ist von einer vielstimmigen Bewertung des Ereignisses auszugehen, die nicht widerspruchsfrei ist“, schrieben sie.

Und weiter: „Dementsprechend ist mit Verunsicherung der Bevölkerung zu rechnen. Zusätzlich ist ein (mehr oder minder qualifizierter) Austausch über neue Medien (z. B. Facebook, Twitter) zu erwarten.“

„Leider nicht die Kapazität“

Die Analyse stammt aus einer Zeit, in der über soziale Netzwerke verbreitete Desinformationen und „Fake News“ noch nicht im heutigen Ausmaß als Problem erkannt waren. Doch die Autoren erkannten bereits, dass sie ein Faktor bei der Bekämpfung von Epidemien sind. Hält man sich die Reaktion des RKI vor Augen, scheint diese Erkenntnis dort noch nicht angekommen zu sein.

Oder es sieht sich als nicht zuständig an. Auf seiner Webseite schreibt das Institut, die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) sei dafür zuständig, die Bevölkerung zu informieren. Tatsächlich schaltet die BzgA zahlreiche Anzeigen in sozialen Netzwerken. Wer auf Twitter, Instagram oder Youtube „Coronavirus“, „Covid-19“ oder ähnliche Suchwörter eingibt, bekommt einen Link zur Webseite der Behörde eingeblendet.

Die BzgA jedoch verbreitet lediglich die fachlichen Informationen des RKI, wie uns eine Pressesprecherin auf Nachfrage mitteilte. Damit kann auch die BzgA die Fragen von Faktencheckern nicht beantworten.

Factchecker sind für ihre Arbeit auf Aussagen von Expertinnen und Wissenschaftlern angewiesen (Foto: Ivo Mayr/CORRECTIV)

Zum Entkräften von Desinformation, die auf vielschichtige, aber immer andere Weise Falschmeldungen, Halbwahrheiten und Spekulationen mit Fakten vermischt, müssen Medien auch spezifische Fragen zu Falschinformationen stellen, die Expertinnen und Experten und Behörden lächerlich vorkommen. Es sind Fragen, die viele Menschen in Deutschland umtreiben und die sie verunsichern.

Am 25. März versuchten wir es wieder bei der Pressestelle des RKI.

„Wir haben leider nicht die Kapazität, hier Infos bereitzustellen und können nur auf unsere Internetseiten verweisen. Vielleicht kann auch jemand von der Gesellschaft für Virologie weiterhelfen“, lautete die Antwort.

Doch da wissen wir bereits, dass die Gesellschaft für Virologie auch nicht helfen kann. Am 16. März fragten wir die Gesellschaft an. Wir suchten einen Virologen, der die Aussage entkräften kann, dass Vitamin C in hohen Dosen das Coronavirus abtöten kann. Facebook-Posts mit dieser Aussage wurden mehrere tausend Mal geteilt, Youtube-Videos mehrere zehntausend Mal aufgerufen.

Zu banal

Das klingt aus Sicht von Experten vielleicht zu banal, um sich damit abzugeben. Doch Faktenchecker sind darauf angewiesen, in ihren Texten Wissenschaftler zitieren zu können. Die Öffentlichkeit muss auf ihr Wissen zurückgreifen können, um Informationen einzuordnen.

Ohne Zitate von Wissenschaftlern und Expertinnen ist ein Faktencheck nicht möglich. Nur mit den unabhängigen Einordnungen wird die Arbeit der Faktenchecker gründlich und glaubwürdig.

Die Pressesprecherin der Gesellschaft für Virologie lehnte unsere Anfrage jedoch ab. Man habe nicht mehr die Kapazität, jede Anfrage zu beantworten, sagte sie am Telefon. Es gebe zu viele Anfragen, als dass man sich mit allem beschäftigen könne, was im Internet geschrieben werde. Die Pressesprecherin entschuldigte sich vielmals und sandte uns anschließend auch noch den Verweis auf eine wissenschaftliche Studie zum Thema.

Ähnlich ist es bei der Berliner Charité. Am 24. Januar, noch bevor der Ausbruch des Coronavirus in China das größte Thema in den Medien war, wandten wir uns zum ersten Mal an das dortige Institut für Virologie. Wir erhielten keine Antwort. Am 6. Februar stellten wir eine weitere Anfrage. Es sei der Charité ein Anliegen, mit der eigenen Expertise zur Einordnung von Fake News und Gerüchten beizutragen, lautete die Antwort. Der Leiter der Virologie, Christian Drosten, stehe jedoch wegen des erhöhten Aufkommens von Presseanfragen zum Coronavirus für die Beantwortung unserer Fragen nicht zur Verfügung.

Nicht unsere Aufgabe

Das Landeszentrum Gesundheit in Nordrhein-Westfalen – das Bundesland war zunächst am stärksten von der Corona-Pandemie betroffen – hat eine Fachabteilung Infektionsschutz. Doch die Behörde konzentriert sich auf die Zusammenarbeit mit anderen Behörden. Als wir um Informationen zur Einordnung der millionenfach verbreiteten Aussagen von Wolfgang Wodarg baten, teilte eine Sprecherin mit: Nicht unsere Aufgabe. Wodarg zählt zu den Ärzten, die die Corona-Pandemie für Panikmache von Regierungen, Experten und Medien halten.

Ganz anders agiert die WHO: Sie hat eine Liste mit „Myth busters“, also Faktenchecks falscher Behauptungen über das Coronavirus auf der eigenen Webseite veröffentlicht. Auch in sozialen Netzwerken verbreitet sie diese.

Das Bundespresseamt sagte uns auf Anfrage, dass die Bundesregierung sehr wohl gegen Desinformationen vorgehe. „Auf unseren Kanälen versuchen wir, kursierende Falschinformationen klar zu benennen“, teilte ein Sprecher mit. „Wir sensibilisieren für das Aufkommen von Desinformation und zeigen den Bürgerinnen und Bürgern verlässliche Quellen auf.“ Das Bundesministerium für Forschung und Bildung zum Beispiel hat auf seiner Webseite einige Faktenchecks veröffentlicht.

Der Sprecher verwies auch darauf, dass sich verschiedene Bundesminister täglich in Pressekonferenzen Fragen der Medien stellten. Doch das hilft der Arbeit in Sachen Desinformation wenig, denn diese verbreitet sich spontan und beinhaltet meist sehr spezielle Behauptungen, die die Glaubwürdigkeit von Wissenschaft untergraben. Das Bundesgesundheitsministerium verwies uns bei einer Anfrage übrigens ebenfalls an das RKI.

Gegenüber dem Bundespresseamt beschwerten wir uns massiv über die mangelnde Auskunftsbereitschaft des RKI. Drei Tage später beantwortete die Behörde zum ersten Mal eine Anfrage von uns.

So ein „Quatsch“

Zuvor hatten wir uns auf unserer Suche nach Informationen auch an den Pressesprecher eines großes Krankenhauses in Nordrhein-Westfalen gewandt. Um es deutlich zu machen: Das Krankenhaus dient ausschließlich der Versorgung von Patienten und sei keine Forschungseinrichtung. Es wäre nicht zu erwarten, dass es der Presse wissenschaftliche Einschätzungen zur Verfügung stellt.

Doch die spontane Antwort des Sprechers bringt eine offenbar weit verbreitete Haltung bei deutschen Institutionen und Behörden auf den Punkt: „Wenn ich offen sein darf: Zu so einem Quatsch äußern wir uns also nicht; dazu ist die Zeit gerade zu kostbar“, schrieb er.

Auch das ist eine Binsenweisheit. Es muss auch nicht jeder Antworten geben. Es wäre aber hilfreich, wenn sich zumindest eine Stelle im RKI um die Belange der Faktenchecker kümmern könnte – damit Falschinformationen in den sozialen Medien schnell auf Augenhöhe begegnet werden kann.

Es gibt auch positive Beispiele. Das Bundesinstitut für Risikobewertung beantwortete eine Anfrage von uns sehr zügig. Die Staatskanzlei des Saarlands kontaktierte uns diese Woche und zeigte Interesse an einem Austausch im Kampf gegen Fake News. Das Bundesland informiert bereits mit einem automatisierten Messenger-Dienst über das Coronavirus.

Julii Brainard und Paul Hunter, die Autoren der eingangs erwähnten Studie, untersuchten den Einfluss von Desinformation auf die Schwere eines Pandemie-Ausbruchs. Die Wissenschaftler der Universität East Anglia modellierten verschiedene Kommunikations-Strategien zur Bekämpfung von Desinformation. Sie kamen in ihrem theoretischen Modell zu dem Schluss, dass diese den Einfluss von Desinformationen auf einen Krankheitsausbruch reduzierten.

„Die Wirksamkeit der Anwendung solcher Strategien im Kampf gegen „Fake News“ muss unter realen Bedingungen getestet werden“, schrieben sie.

Die Welt, und damit auch deutsche Behörden, hat jetzt die Gelegenheit dazu.

Mitarbeit: Tania Röttger, Marcus Bensmann, Bianca Hoffmann, David Schraven und Lea Weinmann

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Hilft Alkohol gegen das neuartige Coronavirus? Nein, er macht sogar anfälliger für Erkrankungen. (Foto: Gerrie van der Walt / Unsplash)

von Matthias Bau

In einer Meldung, die auf Whatsapp kursiert, wird behauptet, ein erhöhter Alkoholkonsum helfe, Coronaviren im Mund- und Rachenraum abzutöten. Das ist falsch. Alkohol macht das Immunsystem anfälliger für Erkrankungen.

Auf einem Bild mit Text, welches derzeit vor allem auf Whatsapp geteilt wird, wird behauptet, dass ein erhöhter Alkoholkonsum gegen das Coronavirus hilft. Es wird angedeutet, Alkohol könne die Viren im Rachen abtöten. Die Meldung enthält das Logo des Robert Koch Instituts (RKI) und das Datum 19. März 2020. Darin heißt es: „Ab einer Menge von 100g Alkohol pro Tag soll sich eine ausreichende Desinfizierung im Mund und Rachenraum einstellen […] Wer mehr verträgt soll und darf sogar auch mehr zu sich nehmen.” Dies entspreche der Menge von fünf Bier.

Diese Behauptung ist falsch und das Bild eine Fälschung. 

Die angebliche Meldung vom RKI. (Screenshot: CORRECTIV)

Auf ihrem Twitter Account erklärte die WHO am 29. März ausdrücklich: „Alkohol zu trinken schützt nicht gegen Covid-19 und kann gefährlich sein.” Das RKI ist zudem nicht die Quelle der Mitteilung: In keinem der Situationsberichte des RKI (Stand 30. März) finden sich Ausführungen zum Thema Alkohol. Insbesondere auch nicht in dem vom 19. März

Die Ärztin Dr. Susanne Huggett erklärte in einem Artikel der Bild-Zeitung: „Wenn wir Alkohol trinken, landet dieser in der Speiseröhre und im Magen-Darm-Trakt und nicht tief in der Lunge und in den Atemwegen, in denen sich das Coronavirus befindet. Die Annahme, dass man sich vor einer Infektion schützen kann, indem man hochprozentigen Alkohol trinkt, ist folglich falsch.” Genauso wenig lässt sich das Virus abtöten, indem man sich mit Alkohol oder Chlor besprüht. Meldungen, die das behauptet hatten, wurden offiziell von der WHO zurückgewiesen

Erhöhter Alkoholkonsum schadet der Gesundheit

Wer 100 Gramm Alkohol pro Tag konsumiert, bringt seine Gesundheit in Gefahr. Einen risikofreien Alkoholkonsum bescheinigt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung allen, die nicht mehr als 12 bis 24 Gramm Alkohol am Tag zu sich zu nehmen. Der Wert für Frauen liege bei 12 Gramm; das entspreche einem kleinen Bier oder einem Glas Wein. Männer könnten die doppelte Menge trinken. 

Ab dann jedoch gilt: „Wer die Grenzwerte von 12 bzw. 24 Gramm reinen Alkohols pro Tag überschreitet, kann seine Gesundheit gefährden. Nicht nur die Leber, nahezu jedes Organ kann durch Alkoholkonsum dauerhaft beeinträchtigt werden.” Und dabei handelt es sich nur um die Langzeitwirkungen des übermäßigen täglichen Konsums. Akut führt er dazu, dass das Immunsystem geschwächt und der Körper anfälliger für Erkältungsviren wird.  

Ist das Coronavirus „alkoholsensibel“?

Warum glauben offenbar dennoch einige Menschen, dass sie sich durch den Konsum von Alkohol desinfizieren könnten? Sie haben möglicherweise eine Aussage des Gesundheitsministers Jens Spahn falsch verstanden. Spahn hatte am am 11. März 2020 auf einer Pressekonferenz, erklärt, das Coronavirus sei „alkoholsensibel”.  

Die Äußerung Spahns fiel, als er über Desinfektionsmittel sprach. Vermutlich bezog er sich auf eine Informationen des Bundesinstituts für Risikobewertung vom 30. März (Seite 2). Dieses hat mitgeteilt, dass Coronaviren „als behüllte Viren, deren Erbgut von einer Fettschicht (Lipidschicht) umhüllt ist, […] empfindlich auf fettlösende Substanzen wie Alkohole oder Tenside” reagieren. Weiter heißt es von Seiten des Instituts, es sei „hoch wahrscheinlich, dass durch diese Substanzen die Virusoberfläche beschädigt und das Virus inaktiviert wird“. Dieses Aussage bezieht sich allerdings auf die Desinfektion von Oberflächen. 

Eine gute Handhygiene und der Abstand zu anderen Menschen bleiben also, wo die Kontaktvermeidung nicht möglich ist, derzeit immer noch die besten Mittel, um sich gegen eine Ansteckung mit Covid-19 zu schützen. Ein Medikament steht laut der WHO und dem Robert Koch Institut gegen das Virus noch nicht zur Verfügung. „Verschiedene spezifische Therapieansätze – darunter experimentelle Wirkstoffe und bereits zugelassene Medikamente – werden derzeit im Rahmen von Studien geprüft”, schreibt das RKI auf seiner FAQ-Seite.

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Auf die gefälschte Meldung bei Whatsapp haben uns Leser hingewiesen. Zu dem neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2 sind zahlreiche Falschmeldungen im Umlauf. Um sie effektiv zu bekämpfen, sind wir auf Hilfe angewiesen. In unserem CrowdNewsroom zum Coronavirus kann jeder Nachrichten oder Artikel einreichen, die unser Team sichtet und gegebenenfalls Faktenchecks dazu veröffentlicht. 

Unsere Bewertung:
Völlig falsch. Die Meldung ist eine Fälschung. Alkohol hilft nicht gegen Coronaviren im Mund und Rachenraum.

Landtag Baden-W¸rttemberg
Der ehemalige AfD-Landtagsabgeordnete Wolfgang Gedeon im November 2019 bei einer Rede im baden-württembergischen Landtag. (Foto: Tom Weber / dpa)

von Till Eckert

Der ehemalige AfD-Politiker Wolfgang Gedeon suggerierte in einer Rede im baden-württembergischen Landtag, beim neuartigen Coronavirus könnte es sich um eine US-amerikanische Biowaffe aus dem Labor handeln. Die Wissenschaft widerspricht.

„Gott scheint geopolitisch ein Amerikaner zu sein“, sagte Wolfgang Gedeon, fraktionsloser Abgeordneter, in einer Rede im baden-württembergischen Landtag am 4. März (ab Minute 1:28:54). Thema: Das neuartige Coronavirus. Er erklärt seine Aussage damit, dass die USA „kaum“ vom Virus betroffen seien, stattdessen aber Iran, Deutschland und China. Auch Israel würde angeblich vom Virus verschont, so Gedeon. Ein Ausschnitt der Rede wurde auf Facebook bisher mehr als 14.000 Mal geteilt. 

„Könnte es sein, dass hier jemand dem Schicksal nachgeholfen hat?“, fragt Gedeon. Und behauptet: „Es gibt ganz ernst zu nehmende wissenschaftliche Hinweise, dass dieses Virus nicht in der Natur, sondern in Laboratorien entstanden ist. […] Sind diejenigen, die einen Biowaffen-Angriff von vornherein ausschließen, nicht diejenigen, die an den Weihnachtsmann glauben?“ 

Damit greift Gedeon eine Theorie auf, die schon seit den ersten Nachrichten über den Ausbruch des Coronavirus im Januar im Netz kursiert und nach wie vor verbreitet wird. Nach Einschätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO), des Robert-Koch-Instituts (RKI) sowie einem Statement von mehr als 25 Forschern im Journal The Lancet hat sie aber keinerlei Grundlage – es gibt also keine „wissenschaftlichen Hinweise“ dafür. 

USA waren und sind, anders als von Gedeon behauptet, von Coronavirus betroffen

Gedeon behauptet in seiner Rede unter anderem, die USA seien selbst „überhaupt nicht“ betroffen vom Coronavirus. Das stimmt – und stimmte – nicht. In den USA gibt es laut Centers for Disease Control and Prevention (CDC), einer Behörde des US-amerikanischen Gesundheitsministerium, aktuell 163.500 Infizierte (Stand: 31. März 2020). Am 4. März, dem Zeitpunkt von Gedeons Rede, lag diese Zahl zwar weitaus niedriger, bei 98 Fällen; aber dass die USA gar nicht betroffen waren, ist falsch.

Coronavirus-Infizierte in den USA laut dem CDC: Am 4. März gab es demnach 98 Fälle. (Screenshot: CORRECTIV)

WHO, RKI und mehr als 25 Forscher widersprechen Theorie von der Biowaffe

Wir haben die Weltgesundheitsorganisation (WHO) zu der Theorie befragt, das neuartige Coronavirus könnte keinen natürlichen Ursprung haben und im Labor gezüchtet worden sein. Ein Sprecher antwortete uns per E-Mail: „Es gibt immer mehr Beweise für die Verbindung zwischen dem Covid-19 und anderen ähnlichen bekannten Coronaviren, die in Fledermäusen zirkulieren, insbesondere denen der Unterart Rhinolophus.“  

Der Übertragungsweg auf den Menschen zu Beginn dieses Ereignisses ist laut WHO jedoch bisher unklar. „Die derzeit wahrscheinlichste Hypothese ist, dass ein intermediäres Wirtstier bei der Übertragung eine Rolle gespielt hat. Sowohl chinesische als auch externe Expertengruppen arbeiten daran, die tierische Quelle dieses neuen Virus zu identifizieren“, schreibt uns der Sprecher. Auf ihrer Webseite informiert die WHO ausführlich über die Herkunft des Virus.

E-Mail der WHO auf die Frage, ob das neuartige Coronavirus als Biowaffe im Labor gezüchtet worden sein könnte. (Screenshot: CORRECTIV)

Wir haben zur Biowaffen-Behauptung außerdem beim RKI angefragt. Per E-Mail antwortete uns eine Sprecherin: „Zu einer solchen Behauptung liegt uns keinerlei Evidenz vor. Aufgrund der bisherigen Datenlage vermutet man, dass SARS-CoV-2 aus einem Fledermaus-Coronavirus hervorgegangen ist.“ Das RKI verweist dazu auf eine Studie im Journal Nature von Anfang Februar, in der dieser Ursprung des Virus als wahrscheinlich bezeichnet wird; es sei 96 Prozent genetisch identisch mit einem Fledermaus-Coronavirus.

E-Mail des RKI auf die Frage, ob das neuartige Coronavirus als Biowaffe im Labor gezüchtet worden sein könnte. (Screenshot: CORRECTIV)

Im Journal The Lancet schrieben mehr als 25 Forscher, darunter der deutsche Virologe und Leiter der Virologie der Charité Berlin, Christian Drosten, außerdem ein Statement, in dem sie der Behauptung widersprechen: „Wissenschaftler aus mehreren Ländern haben die Genome des Erregers, des Coronavirus 2 (SARS-CoV-2) des schweren akuten respiratorischen Syndroms, veröffentlicht und analysiert, und sie kommen mit überwältigender Mehrheit zu dem Schluss, dass dieses Coronavirus wie so viele andere neu auftretende Krankheitserreger aus der Tierwelt stammt.“ 

Die Forscher verweisen dafür auf mehrere Studien und Einschätzungen verschiedener Institutionen aus Wissenschaft und Medizin. „Verschwörungstheorien schaffen nichts anderes als Angst, Gerüchte und Vorurteile, die unsere weltweite Zusammenarbeit im Kampf gegen dieses Virus gefährden“, schreiben die Forscher zudem.

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Gedeons Andeutung, das Virus sei möglicherweise als Biowaffe in einem Labor entstanden, ist demnach irreführend – es gibt laut führenden Gesundheitsinstituten keine Belege dafür, dass das Virus keinen natürlichen Ursprung hat, im Gegenteil. 

Gedeon wurde nach einer Entscheidung des Bundesschiedsgerichts am 20. März 2020 wegen „israelfeindlicher und antisemitischer Positionen“ aus der AfD ausgeschlossen. Er ist seitdem Abgeordneter ohne Parteizugehörigkeit im baden-württembergischen Landtag. 

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Die USA waren und sind vom Virus betroffen; für die Biowaffen-Theorie gibt es keine Belege, die Wissenschaft widerspricht.

Youtube-Video von Roby Facchinetti
Der Sänger Roby Facchinetti möchte die Erlöse mit seinem Lied „inascerò, Rinascerai“ an ein Krankenhaus in Bergamo spenden. Er hat der Klinik aber nicht die Rechte daran übertragen. (Quelle: Youtube, Roby Facchinetti / Screenshot: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

In einem Whatsapp-Kettenbrief wird ein Link zu einem Youtube-Video verbreitet und behauptet, mit jedem Klick werde Geld an ein Krankenhaus in Bergamo gespendet, denn der Sänger habe die Rechte an das Hospital übertragen. Das ist falsch. 

Derzeit kursiert in Messenger-Apps wie Whatsapp ein Text mit einem Youtube-Link und der Behauptung: „Dieses Lied ist von der berühmtesten Band Italiens der 70er Jahre. Sie haben die Urheberrechte an das Krankenhaus in Bergamo überschrieben. Jeder Klick auf das Video ist damit quasi eine Spende, da YouTube dem Inhaber Geld pro Klick bezahlt. Im Krankenhaus von Bergamo sind alleine gestern 800 Menschen gestorben. Bitte teilt das!“

Inzwischen hat das Video mit dem Lied „Rinascerò, Rinascerai“ des Sängers Roby Facchinetti mehr als sieben Millionen Aufrufe. Es wurde mit englischen Untertiteln und deutscher Video-Beschreibung am 27. März 2020 auf Youtube veröffentlicht und soll laut der Aussage von Facchinetti der Hilfe für den Kampf gegen Covid-19 dienen. Wer es anklickt, spendet aber nicht automatisch an ein Krankenhaus in Bergamo. Die Aussage, jeder Klick käme direkt einer Spende an das Krankenhaus gleich, ist falsch.

Zwar ist dem Video Werbung vorgeschaltet, mit der Facchinetti ebenfalls Geld über Youtube verdient. Dieses Geld ist jedoch offenbar nicht primär gemeint mit der Unterstützung des Krankenhauses. Facchinetti schreibt in der Beschreibung des Videos und auf seiner Webseite, wie er helfen will: „Alle Einnahmen aus Downloads, Urheberrechten und Redaktionsrechten (Facchinetti / D’Orazio) werden vollständig gespendet zugunsten des Papa Giovanni XXIII Krankenhauses in Bergamo für den Kauf von medizinischen Geräten.“ 

Aus dieser Formulierung wird klar, dass der Sänger die Urheberrechte nicht auf das Krankenhaus übertragen hat – er besitzt sie weiterhin selbst. Für den Fall, dass jemand direkt an die Klinik in Bergamo spenden möchte, gibt Facchinetti die Bankverbindung des Krankenhauses an. 

Webseite von Roby Facchinetti
Hinweis auf der Webseite des Sängers Roby Facchinetti (Screenshot: CORRECTIV)

Auf seiner Webseite weist der Sänger außerdem seit dem 27. März darauf hin, dass die Informationen, die per Whatsapp verschickt werden, falsch seien. Klicks auf das Video seien keine Spenden. Der einzige Weg der Hilfe sei der Download des Liedes über einen Link, den er zur Verfügung stelle.

Auch die Aussage aus der Whatsapp-Nachricht, allein in Bergamo seien 800 Menschen an einem Tag gestorben, ist irreführend. Zwar meldete Italien teilweise 800 bis 900 Todesfälle pro Tag, diese Zahlen bezogen sich aber auf das ganze Land, nicht nur auf Bergamo. Aus den Zahlen des italienischen Gesundheitsministeriums geht hervor, dass Menschen in Italien insgesamt nicht nur in der Lombardei (wo Bergamo liegt) sterben, sondern auch in anderen Regionen. Über die hohen täglichen Todeszahlen berichteten auch Medien, zum Beispiel die BBC oder das ZDF

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Klicks auf das Video helfen dem Krankenhaus in Bergamo nicht direkt. Der Sänger möchte vielmehr die Erlöse durch den Song spenden. 

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Dieses Video wird aktuell auf Whatsapp geteilt. Die Aufnahmen entstanden im August 2019 in Hongkong – Monate vor dem Ausbruch des neuartigen Coronavirus. (Screenshot: CORRECTIV)

von Cristina Helberg

Eine Whatsapp-Nachricht behauptet, in Hongkong würden Menschen aktuell 5G-Masten abreißen, weil sie im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie stehen würden. Das ist falsch. Das Video zeigt Protestierende in Hongkong im August 2019 – lange vor dem Ausbruch von SARS-CoV-2.

Der neue Mobilfunkstandard 5G war schon vor dem Ausbruch des neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2 ein Thema, zu dem viele irreführende und falsche Meldungen im Internet kursierten. Aktuell verbreiten sich mehrere Videos und Nachrichten, die einen Zusammenhang zwischen schweren Verläufen der durch den Coronavirus ausgelösten Krankheit Covid-19 und 5G-Masten suggerieren. 

Per Whatsapp wird ein Video verschickt, in dem Menschen auf einer Straße einen Funkmast zu Fall bringen. Die Behauptung dazu: „Wegen Coronavirus: in Hongkong zerstören die Menschen die 5G Masten“. Das verlinkte Video führt zu der Webseite „Traugott Ickeroth“. 

Aktuell findet sich auf der Website  ein „Live-Ticker“ zu den Entwicklungen rund um das Coronavirus mit dem Titel „Der Sturm ist da“. Darin wurde am 24. März die Behauptung veröffentlicht: „In Honkong [sic!] legen sie 5G-Mobilfunkmasten um“ samt des Videos. Darauf folgt der Satz: „Würden sie es nicht tun, würde der Sendemast die Honkonger [sic!] umlegen.“ Der Ticker wurde bisher laut dem Analysetool Crowdtangle knapp 1.000 Mal bei Facebook geteilt. 

Ansonsten behandelt die Webseite Themen wie „UFO Sichtung beim WTC“, die Verschwörungstheorie der „Neuen Welt-Ordnung“ und impfkritische Inhalte

Wir haben den Hintergrund des Videos mit dem Funkmast geprüft. 

Das Video entstand im August 2019

Eine Google-Suche nach den Stichworten „lamp post protestors hong kong“ führt zum Originalvideo, das die britische Zeitung Guardian am 26. August 2019 mit der auf Englisch verfassten Überschrift „Hongkong: Anti-Überwachungsprotestler reißen ‘intelligenten’ Laternenpfahl ab“ veröffentlichte. 

Im Netz finden sich außerdem weitere Fotoaufnahmen der Szene aus anderen Perspektiven, die übereinstimmend den 24. August 2019 als Aufnahmedatum angeben. Zum Beispiel dieses Foto aus der Bilddatenbank Getty Images und dieses Foto in einem Artikel der Seite People’s Daily Online. Den Laternenpfahl brachten Demonstranten demnach zu Fall, weil sie gegen mögliche Videoüberwachung protestierten. 

Mehrere Merkmale belegen, dass die Fotoaufnahmen dieselbe Szene wie im aktuell bei Whatsapp verbreiteten Video zeigen: Das rote Gebäude im Hintergrund mit Ikea-Werbung, ein filmender Mann mit Warnweste auf einem Steinblock und ein brauner Regenschirm. Die Aufnahmen entstanden demnach am 24. August 2019 in Hongkong, lange bevor das neuartige Coronavirus bekannt wurde. 

Übereinstimmende Merkmale im Whatsapp-Video und in Medienberichten über die Proteste in Hongkong: Das rote Gebäude im Hintergrund mit Ikea-Werbung, ein filmender Mann mit Warnweste auf einem Steinblock und ein brauner Regenschirm. (Screenshots und Collage: CORRECTIV)

Der Standort der Laterne lässt sich bei Google Maps nachvollziehen und lieg in der Sheung Yuet Road im Hongkonger Stadtteil Kowloon. Die Gebäude im Hintergrund stimmen mit den Bildaufnahmen überein. 

Gegenüber den Faktencheckern von AFP bestätigte das Hongkong’s Office of the Government Chief Information Officer im September 2019 die Zerstörung einer „smarten“ Laterne bei Protesten. 

Doch was haben die Laternen mit dem Mobilfunkstandard 5G zu tun? 

In einer Pressemitteilung von Juli 2019 informierte die Regierung von Hongkong über den Zweck der Laternen. Als ein Punkt wird darin genannt: „Es ist vorgesehen, dass Mobilfunknetzbetreiber 5G-Basisstationen installieren, um die zukünftige Entwicklung von Mobilfunkdiensten der fünften Generation (5G) in Hongkong zu erleichtern und kostenlose Wi-Fi-Dienste anzubieten.“ Die Wut der Demonstranten richtete sich den übereinstimmenden Medienberichten zufolge gegen die Laterne, weil sie befürchten, damit könnten persönliche Daten gesammelt werden. Ob, die im Video zu sehende Laterne zum Zeitpunkt der Zerstörung 5G-Ausrüstung und Gesichtserkennungssoftware enthielt, ist unklar.

Auch in anderen Faktenchecks haben wir bereits Behauptungen zu 5G und Corona geprüft. Unter anderem die Behauptung, die Todesfälle durch das neue Coronavirus in Wuhan könnten auch einem von „5G verursachten Zellabbau“ zugeschrieben werden – die Strahlung könne zu „grippeähnlichen Symptomen“ führen. Das stimmt nicht. Die Todesfälle hatten nichts mit 5G zu tun. Hier geht es zum vollständigen Faktencheck.

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Unsere Bewertung:
Falsch. Das Video entstand im August 2019 in Hongkong. Mit dem Coronavirus hat es nichts zu tun.

Coronavirus
Es gibt keine geheime Vorhersage zur aktuellen Coronavirus-Pandemie. (Symbolbild: picture alliance / ZUMAPRESS)

von Alice Echtermann

Ein Artikel von „MZW-News“ behauptet, das Coronavirus sei absichtlich freigesetzt worden, um die Wirtschaft zu schwächen – und die Bundeskanzlerin habe dies seit 2013 gewusst. Das ist falsch.

Ein Artikel von MZW-News verbreitet unter der Überschrift „Was Angela Merkel den Deutschen verschweigt“ aktuell Spekulationen über den Ausbruch des neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2. Er sei angeblich geplant gewesen, um die schwächelnde Wirtschaft in den Abgrund zu treiben – und Angela Merkel habe davon seit 2013 gewusst. 

Als angeblichen Beleg zieht der Artikel eine Bundesdrucksache aus dem Jahr 2013 heran. Darin sei angeblich der Ablauf der aktuellen Pandemie ganz genau beschrieben. Der Artikel wurde laut dem Analysetool Crowdtangle bereits mehr als 6.900 Mal auf Facebook geteilt. Die Behauptungen darin sind falsch.

Die Webseite MZW-News verbreitet sonst unter anderem antisemitische und den Nationalsozialismus verharmlosende Beiträge.  

Artikel vom MZW-News
Auszug aus dem Artikel von MZW-News vom 22. März. (Screenshot: CORRECTIV)

Bei der zitierten Drucksache handelt es sich um den „Bericht zur Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz 2012“, der 2013 dem Bundestag vorgelegt wurde. Wie CORRECTIV bereits in einem anderen Faktencheck recherchiert hat, handelte es sich dabei nicht um einen „Geheimplan“ oder eine Vorhersage der aktuellen Pandemie. Sondern um eine Analyse einer hypothetischen Pandemie mit einem ausgedachten Virus namens „Modi-SARS“. 

Der öffentlich zugängliche Bericht stammt vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) und sollte der besseren Prävention einer Virus-Pandemie dienen.

Der hypothetische Erreger „Modi-SARS“ war eng an das SARS-Virus angelehnt, das im Februar 2003 erstmals identifiziert wurde. Das aktuelle Coronavirus SARS-CoV-2 ist ebenfalls eng mit diesem alten Virus verwandt. 

Es war keine Vorhersage

Wie uns eine Sprecherin des BBK per E-Mail mitteilte, dienen solche Risikoanalysen der Vorbereitung auf Gefahren. Das Bundesamt hat seit 2012 mehrere Analysen veröffentlicht, beispielsweise zu einem Wintersturm (2013), einer Sturmflut (2014) und einer Dürre (2018). Alle Analysen sind auf der Webseite des BBK abrufbar.

Das RKI bestätigt auf Anfrage von CORRECTIV per E-Mail: „Bei dem damaligen Szenario Modi-SARS handelte es sich NICHT um eine Vorhersage der Entwicklung und der Auswirkungen eines pandemischen Geschehens, sondern um ein Maximalszenario ausgelöst durch einen fiktiven Erreger, um das theoretisch denkbare Schadensausmaß einer Mensch-zu-Mensch übertragbaren Erkrankung mit einem hochvirulenten Erreger zu illustrieren und die hiervon betroffenen Bereiche zu sensibilisieren.“

Risikoanalyse unterscheidet sich auch von der aktuellen Pandemie

Der Risikobericht 2012 war also ein solches theoretisches Szenario. Tatsächlich wurde darin angenommen, dass sich das Virus „Modi-SARS“ von Asien her ausbreitet (Seite 58 bis 60). Er weist aber in einigen Punkten auch große Unterschiede zu der aktuellen Pandemie mit SARS-CoV-2 auf. 

So nahmen die Autoren in der Risikoanalyse an, dass alle Altersgruppen gleich betroffen wären (Seite 58). Zudem ging sie davon aus, dass zehn Prozent der Erkrankten sterben würden (Seite 64). Bei der aktuellen Covid-19-Pandemie zählen ältere Personen (ab etwa 50 bis 60 Jahren) nach Angaben des RKI zur Risikogruppe für schwere Verläufe (unter Punkt 2). Sie sind also stärker betroffen als jüngere Menschen. 

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Über die Letalität – also den Anteil der Verstorbenen an den Erkrankten – gibt es laut Robert-Koch-Institut noch keine verlässlichen Daten (unter Punkt 8), weil nicht klar ist, wie viele Menschen momentan insgesamt erkrankt sind. Zum Anteil der Verstorbenen an den bisher erfassten Erkrankten liefern Studien sehr unterschiedliche Zahlen, je nach Region, schreibt das Institut. Alle Angaben liegen jedoch deutlich unter den hypothetischen zehn Prozent der Risikoanalyse aus dem Jahr 2012.

Auch für in dem Artikel von MZW-News verbreitete Behauptung, das Coronavirus stamme aus einem Labor in Wuhan gibt es übrigens keinerlei Belege. Eine große Gruppe von Wissenschaftlern – darunter auch der deutsche Virologe Christian Drosten – hat jedoch bereits am 19. Februar im Journal The Lancet ein Statement veröffentlicht und darin betont, die „Verschwörungstheorien“, dass das Virus keinen natürlichen Ursprung habe, seien haltlos. Sie würden nur Angst, Gerüchte und Vorurteile schüren: „Wissenschaftler aus mehreren Ländern haben das Genom des Virus SARS-CoV-2 analysiert und veröffentlicht, und sie kommen mit überwältigender Mehrheit zu dem Schluss, dass dieses Coronavirus seinen Ursprung in der Natur hat, wie so viele andere Erreger.“

Hinweis: Kurz vor Veröffentlichung dieses Artikels wurde der Text von MZW-News verändert und ergänzt um Aussagen des Mediziners Sucharit Bhakdi. Diese wurden bereits von den Faktencheckern der DPA entkräftet. 

Unsere Bewertung:
Falsch. Angela Merkel wusste 2013 nichts von der aktuellen Coronavirus-Pandemie. 

Screenshot des Videos
„Teilt dieses Video in Deutschland“, fordert die Frau und behauptet, selbst in Italien zu sein. (Screenshot: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

In einem Video gibt eine Frau, die selbst sagt, sie sei in Italien, Anweisungen an Menschen in Deutschland, um sich vor dem Coronavirus zu schützen. Manche Hinweise sind sinnvoll, sie werden jedoch vermischt mit teils irreführenden Tipps. 

Die blonde Frau trägt eine Schutzmaske um den Hals und filmt sich selbst: „Ich mach jetzt das Video, weil wir haben jetzt hier in Italien ein totes Kind von vier Monaten“, sagt sie aufgeregt. Sie wolle ja keine Panik verbreiten, aber: „Die sterben hier wie die Fliegen.“ Das Video wird laut Hinweisen, die Leser CORRECTIV gesandt haben, aktuell auf Whatsapp verbreitet. Auf Facebook wurde es bereits mehr als 22.000 Mal geteilt. 

Die unbekannte Frau fordert Menschen auf, starke Desinfektionsmittel zu kaufen, Kleinkinder zu Hause zu lassen und aufzuhören, Toilettenpapier zu hamstern. Das ist nicht falsch. Sie gibt in dem Video aber auch einige konkrete Handlungsanweisungen mit alarmierenden Behauptungen über das Coronavirus. Am Schluss fordert sie: „Ich möchte, dass ihr das Video jetzt teilt, so weit wie es geht innerhalb Deutschlands.“

CORRECTIV hat die Behauptungen der Frau über das Virus überprüft: Sie sind überspitzt, teilweise unbelegt oder irreführend. 

1. Behauptung: Kleidung und Schuhe sollte man draußen ausziehen und sofort waschen – mit Wäschedesinfektionsmittel.

Wäschedesinfektionsmittel schadet zwar vielleicht nicht, ist aber nicht nötig. Wie uns das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) per E-Mail mitgeteilt hat, sind Coronaviren von einer Fettschicht (Lipidschicht) umhüllt, deshalb reagieren sie empfindlich auf fettlösende Substanzen, die in Waschmitteln enthalten sind. „Im normalen Alltag können Personen in Privathaushalten ihre Wäsche wie gewohnt waschen.“ 

Für den Umgang mit Textilien im Falle einer Erkrankung rät das BfR: „Kleidung, Bettwäsche, Unterwäsche, Handtücher, Waschlappen von Erkrankten sowie Textilien, die mit infektiösen Körperflüssigkeiten in Kontakt gekommen sind, sollten bei einer Temperatur von mindestens 60°C in der Waschmaschine mit einem Vollwaschmittel gewaschen und gründlich getrocknet werden. Beim Umgang mit Wäsche von Erkrankten sollte der direkte Kontakt von Haut und Kleidung mit kontaminierten Materialien vermieden werden, die Wäsche nicht geschüttelt und im Anschluss die Hände gründlich gewaschen werden.“

2. Behauptung: Das Virus haftet bis zu neun Stunden am Boden.

Diese Aussage ist unbelegt. Es ist noch unklar, wie lange das neuartige Coronavirus auf Oberflächen überleben kann. Das BfR informiert auf seiner Webseite, die Stabilität des Virus hänge ab von Umweltfaktoren wie Temperatur, Luftfeuchtigkeit und der Beschaffenheit der Oberfläche. „Im Allgemeinen sind humane Coronaviren nicht besonders stabil auf trockenen Oberflächen. In der Regel erfolgt die Inaktivierung in getrocknetem Zustand innerhalb von Stunden bis einigen Tagen.“ 

Für SARS-CoV-2 zeigten erste Laboruntersuchungen, dass es „nach starker Kontamination bis zu drei Stunden als Aerosol, bis zu vier Stunden auf Kupferoberflächen, bis zu 24 Stunden auf Karton und bis zu zwei bis drei Tage auf Edelstahl und Plastik infektiös bleiben kann“. Von Fußböden ist nicht die Rede. Die Studie ist zudem noch nicht durch ein Peer-Review-Verfahren, also durch andere Wissenschaftler, überprüft worden.

3. Behauptung: Das Virus wird auch über den Wind übertragen. Deshalb sollte man nie ohne Schutzmaske und Sonnenbrille aus dem Haus gehen.

Diese Aussage erweckt den falschen Eindruck, dass es vor allem gefährlich sei, sich draußen aufzuhalten. Wie der Virologe Christian Drosten im NDR-Podcast mehrfach erklärt hat, besteht jedoch eine größere Ansteckungsgefahr mit infizierten Personen in geschlossenen Räumen. 

Wenn jemand huste oder niese, würden feine Tröpfchen in der Luft stehen, erklärt Drosten. Die Reichweite betrage etwa zwei Meter. Die „kleine Virus-Wolke in der Luft“ falle in etwa fünf Minuten zu Boden. „Und wenn man durch diese Wolke in diesen fünf Minuten durchläuft und die eingeatmet hat, dann wird man sich mit einiger Wahrscheinlichkeit infizieren.“ (Podcast vom 27. Februar)

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Die Situation in geschlossenen Räumen spiele deshalb eine größere Rolle, weil sich draußen das, was man ausatme, stark verdünne „und es verdünnt sich dann natürlich auch das Virus. Außerdem hat man ja fast immer ein kleines bisschen Wind.“ (Podcast vom 23. März) Sich im Freien anzustecken ist deshalb laut Christian Drosten eher unwahrscheinlich: „Das ist nicht so, dass man sich beim Spazierengehen infiziert, wenn man sich begegnet. Das ist nicht so, dass da draußen jetzt irgendwo Virus in entscheidender Konzentration in der Luft steht.“ (Podcast vom 13. März)

Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung schreibt uns: „Eine Übertragung durch die Luft ohne Tröpfchen ist nach dem derzeitigen Stand des Wissens unwahrscheinlich.“ 

Laut WHO sollte man eine Schutzmaske vor allem dann tragen, wenn man selbst hustet oder niest. Die Tröpfcheninfektion ist laut Robert-Koch-Institut der häufigste Übertragungsweg des Virus. Theoretisch sei auch eine Ansteckung über die Bindehaut der Augen möglich. Brillen zu tragen ist also nicht falsch. Wie Masken sind sie aber völlig nutzlos, wenn man sich nicht regelmäßig die Hände wäscht. 

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Die Aussagen sind stark zugespitzt. Die Behauptungen über den Verbreitungsweg und die Lebensdauer des Virus sind irreführend oder unbelegt. 

Beatmungsgerät im Krankenhaus
In der Sprachnachricht wird behauptet, nur junge Menschen hätten weltweit einen Anspruch auf einen Beatmungsplatz. Das ist falsch. (Symbolbild: Roland Weihrauch / dpa)

von Alice Echtermann

In einer Sprachnachricht werden mehrere falsche Behauptungen über das Coronavirus verbreitet: Es sei nicht natürlichen Ursprungs, Vitamin-D-Mangel und 5G-Mobilfunkstrahlen wären Schuld an schweren Erkrankungen und sehr alte Patienten würden gemäß „weltweiter Regeln“ nicht mehr behandelt. Das alles ist falsch. 

In einer mehr als elf Minuten langen Sprachnachricht berichtet eine unbekannte Frau einer angeblichen Bekannten namens „Claudi“ von ihren Erkenntnissen über das Coronavirus, die sie bei ihrer Arbeit in einer alternativmedizinischen Zahnklinik in der Schweiz gewonnen habe. Die Frau bittet darum, den Blog der Klinik, „swiss-biohealth.com“, zu lesen und stellt zahlreiche falsche Behauptungen über SARS-CoV-2 auf. 

Auf der Webseite von Swiss Biohealth steht dieser Hinweis dazu: „Derzeit kursieren Fake-News in Form einer Sprachnachricht, welche angeblich in unserem Namen verbreitet werden oder unsere Meinung widerspiegeln sollen. Wir distanzieren uns von allen News, welche subjektive Meinungen im Zusammenhang mit der Swiss Biohealth AG oder SDS Swiss Dental Solutions AG zum Inhalt haben.“  

CORRECTIV hat die Behauptungen der Frau einzeln überprüft. 

1. Behauptung: Alle schwerkranken Covid-19-Patienten hatten Vitamin-D-Mangel. Man sollte hohe Dosen Vitamin D und Vitamin C zu sich nehmen. 

Die Frau behauptet, eine Behandlung mit Vitamin D, Vitamin C und Kortison würde „das Immunsystem hochziehen“, so dass eine Chance bestehe, die Infektion mit dem Coronavirus zu überleben. Deshalb sollten alle Vitamin D zu sich nehmen, und zwar „mindestens die dreifache empfohlene Tagesdosis“. 

Diese Hinweise sind irreführend und vermitteln falsche Hoffnungen. 

Wir konnten bei unserer Recherche keinerlei zuverlässige Quellen finden für die Behauptung, alle schwerkranken Covid-19-Patienten hätten einen Vitamin-D-Mangel gehabt. Auf unsere Anfrage schreibt das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) per E-Mail, auch dort habe man keine Kenntnis darüber. „Da SARS-CoV-2 erst seit kurzer Zeit bekannt ist, gibt es keine Studien, die untersucht haben, ob eine Vitamin-D-Supplementierung vor einer Infektion mit diesem Virus schützt. Fallberichte weisen darauf hin, dass die chronisch sehr hohe Einnahme von Vitamin-D über Präparate ohne ärztliche Kontrolle gesundheitliche Risiken bergen kann.“

Ein möglicher Hintergrund der Behauptung könnte ein am 25. März veröffentlichtes Papier zweier Wissenschaftler von der Universität Turin sein, die darauf hinweisen, dass Vitamin D möglicherweise zur Prävention von Covid-19 hilfreich sein könnte. Es handelt sich jedoch nicht um eine Studie, und es geht um Vorbeugung, nicht um die Behandlung der Krankheit. Ältere Forschungsarbeiten, die die WHO 2017 analysiert hat legen nahe, dass eine gute Versorgung mit Vitamin D bei Kindern und Jugendlichen das Risiko von Atemwegserkrankungen verringern kann. Die WHO weist jedoch darauf hin, dass regelmäßige kleine Dosen wirksamer und sicherer seien als einzelne hohe Dosen.

Laut Robert-Koch-Institut (RKI) ist Vitamin-D-Mangel in Deutschland recht verbreitet: 45,6 Prozent der Kinder und 56 Prozent der Erwachsenen seien nicht ausreichend damit versorgt (Stand: Januar 2019). Vor allem in den Wintermonaten, da 80 bis 90 Prozent des Vitamin D in der Haut gebildet werden, wenn sie der Sonne ausgesetzt ist. Das heißt aber nicht, dass Menschen wegen dieses Mangels an Covid-19 erkranken. Wir haben zudem bereits in einem anderen Faktencheck recherchiert, dass es auch keine Belege dafür gibt, dass Vitamin C Viren abtöten kann. 

Es gibt laut WHO bisher weder ein Heilmittel noch eine Impfung gegen das Coronavirus. Auch wenn Vitamine grundsätzlich helfen, das menschliche Immunsystem zu stärken, sollte man nicht zu viel davon einnehmen. Die Verbraucherzentrale warnt aktuell auf ihrer Webseite davor, zu hohe Dosen Vitamin D zu sich zu nehmen. „Es gibt keine Nahrungsergänzungsmittel, die eine Erkrankung mit dem neuartigen Coronavirus (SARS-CoV-2) verhindern können. Nahrungsergänzungsmittel dienen auch nicht der Behandlung von Erkrankungen.“ 

Hinweis der Verbraucherzentrale
Warnung der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen vor der Einnahme von zu viel Vitamin D. (Screenshot: CORRECTIV)

Das Bundesinstitut für Risikobewertung rät dazu, nicht mehr als 20 Mikrogramm Vitamin D pro Tag zu sich zu nehmen. Die Obergrenze von 100 Mikrogramm pro Tag sollte nicht überschritten werden, sonst könnten Nebenwirkungen wie die Bildung von Nierensteinen oder Nierenverkalkung auftreten. 

2. Behauptung: Kinder sind „außen vor“, weil die Rezeptoren, bei denen die Viren ansetzen, noch nicht entwickelt sind. 

Die Andeutung, dass Jugendliche oder Kinder nicht gefährdet seien, ist falsch. Richtig ist nach aktuellem Stand allerdings, dass Kinder offenbar seltener an Covid-19 erkranken. Es gibt bisher keine Belege, dass der Grund dafür nicht entwickelte Rezeptoren sind. 

Das RKI schreibt: „Bisherigen Daten zufolge ist die Symptomatik von Covid-19 bei Kindern deutlich geringer ausgeprägt ist als bei Erwachsenen. Zum tatsächlichen Beitrag von Kindern und Jugendlichen an der Transmission in der Bevölkerung liegen keine Daten vor. Aufgrund der hohen Kontagiosität des Virus und dem engen Kontakt zwischen Kindern und Jugendlichen untereinander erscheint es jedoch plausibel, dass Transmissionen stattfinden.“ 

In einer Pressekonferenz am 26. März sagte Lothar Wieler, Präsident des RKI: „An Covid-19 können alle Menschen in Deutschland erkranken, unabhängig vom Alter und unabhängig vom Gesundheitszustand […].“ Auch jüngere und gesunde Menschen könnten sehr schwer erkranken oder sterben, betonte er (ab Minute 7:50). 

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Wissenschaftler haben in einer kürzlich veröffentlichten, noch nicht abschließend bewerteten Untersuchung von 391 SARS-CoV-2-Fällen in Shenzhen (China) herausgefunden, dass die Wahrscheinlichkeit einer Infektion bei Kindern genauso hoch sei wie bei Erwachsenen. Und eine Auswertung von Fällen in China im Journal Pediatrics kommt ebenfalls zu dem Schluss, dass Kinder auch erkranken können: „Obwohl klinische Manifestationen der Covid-19-Fälle bei Kindern generell weniger schwer waren als bei erwachsenen Patienten, waren junge Kinder, insbesondere Kleinkinder, anfällig für eine Infektion.“

Warum Kinder seltener schwer erkranken, ist unklar. Einer der Gründe könnte sein, dass sie weniger ACE2-Rezeptoren in ihren unteren Atemwegen haben, vermutet James Diaz, Professor an der New Orleans School of Public Health, laut einem Artikel von Science Daily. Es gibt aber auch laut Medienberichten noch andere mögliche Erklärungen, zum Beispiel, dass Kinder häufiger anderen Arten von Coronaviren ausgesetzt sind, oder dass ihr Immunsystem bei einer Infektion nicht so leicht überreagiert. 

3. Behauptung: Das aktuelle Coronavirus ist eine Mutation, die nicht natürlich entstanden sein kann. 

Für diese Spekulation gibt es keinen Beleg. Die Frau in der Sprachnachricht behauptet, das RKI habe diese „unnatürliche Mutation“ bestätigt – im RKI-Steckbrief zu SARS-CoV-2 steht jedoch nichts davon

Eine große Gruppe von Wissenschaftlern – darunter auch der deutsche Virologe Christian Drosten – hat jedoch bereits am 19. Februar im Journal The Lancet ein Statement veröffentlicht und darin betont, die „Verschwörungstheorien“, dass das Virus keinen natürlichen Ursprung habe, seien haltlos. Sie würden nur Angst, Gerüchte und Vorurteile schüren. 

„Wissenschaftler aus mehreren Ländern haben das Genom des Virus SARS-CoV-2 analysiert und veröffentlicht, und sie kommen mit überwältigender Mehrheit zu dem Schluss, dass dieses Coronavirus seinen Ursprung in der Natur hat, wie so viele andere Erreger“, heißt es in dem Artikel von The Lancet. Die Wissenschaftler nennen als Quellen mehrere Studien und fordern auch dazu auf, Unterstützung für ihr Statement durch eine Online-Unterschrift zu bekunden. Die Petition wurde bereits mehr als 18.600 Mal unterschrieben.  

Auch das Robert Koch Institut antwortete auf unsere Anfrage per E-Mail, es liege „keinerlei Evidenz“ vor, dass das Virus eine unnatürliche Mutation sei. „Aufgrund der bisherigen Datenlage vermutet man, dass SARS-CoV-2 aus einem Fledermaus-Coronavirus hervorgegangen ist.“

4. Behauptung: Das Virus ist nicht wärmeempfindlich, deshalb werden die Infektionen im Frühjahr und Sommer nicht abnehmen. 

Wenn man die „Temperaturempfindlichkeit“ nur auf das Wetter bezieht, stimmt die Behauptung im Wesentlichen überein mit Prognosen von Experten: Wärmeres Wetter allein wird das Virus vermutlich nicht aufhalten. 

Professor Marc Lipsitch vom Center for Communicable Disease Dynamics (Harvard T.H. Chan School of Public Health), schrieb in einem Artikel: „Die kurze Antwort ist, dass wir eine moderate Verringerung der Ansteckungsrate von SARS-CoV-2 bei wärmerem, feuchterem Wetter erwarten können […].“ Man könne jedoch nicht davon ausgehen, dass diese allein die Ausbreitung stoppt. Denn das Virus sei neu und es gebe keine Immunität in der Bevölkerung. 

Die WHO hat ebenfalls bereits darauf hingewiesen, dass sich das Coronavirus grundsätzlich auch in heißem, feuchtem Klima ausbreiten kann. 

Das heißt aber nicht, dass das Wetter gar keine Rolle spielt. So sagte der Virologe Christian Drosten im NDR-Podcast (Folge 4 am 2. März, Transkript zum Download), das wärmere Wetter werde wahrscheinlich helfen, die Krankheit zu bekämpfen. „Die Fälle werden sich vermehren, aber die zunehmende Trockenheit und die UV-Strahlung werden mit großer Wahrscheinlichkeit die Übertragungsereignisse verringern.“

Auf Nachfrage schrieb uns eine Sprecherin des Robert Koch Instituts: „Man kann noch nichts zur möglichen Saisonalität von Covid-19 sagen. Allgemein hat Saisonalität von Viren aber nicht ausschließlich etwas mit der Stabilität der Viren zu tun.“ Es geht also nicht nur um die Temperatur. Bei Grippeviren zum Beispiel vermute man, dass die Schleimhäute der oberen Atemwege anfälliger seien bei trockener Luft, und das Immunsystem im Winter weniger stark sei als im Sommer. „Ein weiterer Faktor könnte auch sein, dass man sich im Winter längere Zeit zusammen mit anderen Menschen in weniger belüfteten Räumen aufhält und dadurch eine Ansteckung wahrscheinlicher ist.“

5. Behauptung: Patienten werden nach ihren Überlebenschancen in drei Gruppen aufgeteilt, nur jüngere Menschen werden beatmet. Diese Regelung („Triage“) gilt weltweit. 

Die Frau behauptet, gemäß der „Triage“ würden die ältesten Patienten „auf die Seite gelegt zum Sterben“ und gar nicht behandelt. Die zweite Gruppe, ältere Menschen mit guter Verfassung, würden zwar behandelt, aber nicht beatmet. Nur die dritte Gruppe der jüngeren Menschen werde zugelassen für einen Beatmungsplatz. Die Frau unterstellt, dass diese dritte Gruppe die „Leistungsträger der Gesellschaft“ seien und man sie deshalb retten wolle.

Diese Darstellung ist falsch. 

Der Begriff „Triage“ stammt aus der Katastrophenmedizin; er bezeichnet die Einteilung von Patienten in Gruppen, wenn viele Menschen zeitgleich behandelt werden müssen und es nur begrenzte Möglichkeiten gibt. Weltweit gibt es hier laut Ärzteblatt verschiedene Systeme, mit drei, vier oder fünf Stufen beziehungsweise Patientengruppen.  

Wir haben die aktuelle Situation in Deutschland recherchiert. In einer Pressekonferenz am 26. März sagte Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, noch sei es in Deutschland nicht so weit, dass solche Entscheidungen getroffen werden müssen (ab Minute 53:30). 

Das Land bereitet sich jedoch auf diesen Fall vor. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete kürzlich, sieben medizinische Fachgesellschaften hätten ein Papier veröffentlicht, das Handlungsempfehlungen für den Notfall enthält. Darin steht: „Wenn die Ressourcen nicht ausreichen, muss unausweichlich entschieden werden, welche intensivpflichtigen Patienten akut-/intensivmedizinisch behandelt und welche nicht (oder nicht mehr) akut-/intensivmedizinisch behandelt werden sollen.“ Dann müsse „analog der Triage in der Katastrophenmedizin“ entschieden werden, bei wem die Behandlung die beste Erfolgsaussichten habe. 

Eine Einteilung aufgrund des „kalendarischen Alters oder sozialer Kriterien“ schließen die Autoren aber kategorisch aus. Zudem betonen sie, dass es sich um Empfehlungen handele, die nicht juristisch geprüft wurden. 

Triage für Deutschland
Auszug aus dem Papier mit Handlungsempfehlungen im Notfall, das die FAZ exklusiv veröffentlicht hat. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin gehört ebenfalls zu den Organisationen, die das Papier verfasst haben, In der Pressekonferenz am 26. März sagte Uwe Janssens, es sei als Vorbereitung zu verstehen – und das Alter sei ganz bewusst nicht das alleinige Entscheidungskriterium. Niemand in Deutschland müsse Angst haben, dass Entscheidungen mit „Daumen rauf oder Daumen runter“ gefällt würden (ab Minute 53:30). 

6. Behauptung: Mobilfunkstrahlen (5G) schwächen das Immunsystem. 

Die Frau stützt ihre Aussage darauf, dass es angeblich überall, wo SARS-CoV-2 stark ausgebrochen sei, den neuen Mobilfunkstandard 5G gebe. „Man weiß, dass Wlan und Elektrosmog vom Handy, Funkwellen, alles was über 3G hinausgeht, immens das Immunsystem nach unten fährt“, behauptet sie.

Das ist falsch. Wie uns das Bundesamt für Strahlenschutz bereits für einen früheren Faktencheck mitteilte, können alle Mobilfunksendeanlagen (also von 2G bis 5G) „höchstens eine geringfügige, nicht wahrnehmbare Erwärmung verursachen, die sich vor allem auf die Körperoberfläche beschränkt“. Die geltenden Grenzwerte für Strahlung seien bereits von dieser Wärmewirkung abgeleitet: „Eine messbare Erhöhung der Körperkerntemperatur infolge der Felder von Mobilfunksendeanlagen ist nicht zu erwarten.“ 

Eine negative Wirkung elektromagnetischer Felder auf das Immunsystem sei zudem nicht wissenschaftlich nachgewiesen, ebensowenig wie bei Wlan, schreibt uns das Bundesamt per E-Mail. Es gebe es eine Reihe von Studien aus Frankreich und Italien zu diesem Thema: „Ein negativer Einfluss wurde nicht gefunden.“

Update, 31. März 2020: Wir haben einen Hinweis auf ein Papier italienischer Forscher und ältere Studien zum Thema Vitamin D ergänzt. Zudem haben wir zwei Antworten des Robert-Koch-Instituts auf unsere Presseanfrage eingefügt. 

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Die Sprachnachricht enthält fast ausschließlich falsche Informationen zum Coronavirus. 

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Eine Ratte schlürft an einem Kaffee-Becher. Ratten und Nagetiere gehören zu den Verbreitern des sogenannten Hantavirus. (Symbolfoto: Mert Guller / Unsplash)

von Till Eckert

In einem Artikel der Deutschen Wirtschaftsnachrichten wird behauptet, in China sei „nun auch das Hantavirus ausgebrochen“. Es gebe einen „ersten Toten“. Das Virus ist in China jedoch eine bekannte, endemische Krankheit mit etwa 100 Toten jedes Jahr.

„In China ist nun auch das Hanta-Virus ausgebrochen, erster Toter in Yunnan“, titelte die Webseite Deutsche Wirtschaftsnachrichten in einem Artikel vom 24. März. Der Text wurde bisher mehr als 6.000 Mal auf Facebook geteilt.

Mit der Überschrift wird auf die aktuelle Coronavirus-Pandemie angespielt und suggeriert, nun gebe es einen zusätzlichen Ausbruch eines gefährlichen Virus. Im Text steht zudem: „Während die ganze Welt aufgrund des anhaltenden Ausbruchs des Coronavirus in eine schwierige Situation gerät, sieht es so aus, als würde sich China auf einen weiteren großen Kampf vorbereiten – diesmal gegen das Hantavirus.“ Doch ist das wirklich so?

Text der Deutschen Wirtschaftsnachrichten. (Screenshot: CORRECTIV)

WHO: Hantavirus ist eine bekannte, endemische Krankheit in China

Als Quelle wird im Text der Deutschen Wirtschaftsnachrichten auf einen Tweet des chinesischen Staatsmediums Global Times vom 24. März verwiesen. Dort steht: „Eine Person aus der Provinz Yunnan starb am Montag auf dem Rückweg in die Provinz Shandong, als sie in einem gecharterten Bus zur Arbeit fuhr. Er wurde positiv auf das #Hantavirus getestet. Weitere 32 Personen im Bus wurden getestet.“ Von einem „Ausbruch“ steht nichts im Tweet. 

Wir haben die Weltgesundheitsorganisation (WHO) um Informationen zu einem angeblichen aktuellen „Ausbruch“ des Hantavirus befragt. Per E-Mail antwortete ein Sprecher der WHO: „Das Hantavirus ist eine endemische Krankheit in China; jährlich werden etwa 10.000 Fälle gemeldet, und leider sterben pro Jahr etwa 100 Menschen daran.“ Endemisch bedeutet, dass die Krankheit örtlich begrenzt dauerhaft vorkommt. Es sei eine meldepflichtige Krankheit in China, was bedeute, dass die lokalen Regierungen verpflichtet seien, den nationalen Behörden Fälle zu melden. 

E-Mail der WHO zum Hantavirus. (Screenshot: CORRECTIV)

„Hantavirus-Fälle werden der WHO im Rahmen der Internationalen Gesundheitsvorschriften in der Regel nicht gemeldet, da sie keine Ausbrüche von internationaler Bedeutung darstellen“, schreibt die WHO weiter. Das Hantavirus werde normalerweise vom Tier auf den Menschen übertragen, und nur selten von Mensch zu Mensch.  

Dass es also einen aktuellen „Ausbruch“ des Virus mit einem „ersten Toten“ in China gebe, ist falsch. Das Hantavirus ist laut Robert-Koch-Institut (RKI) weltweit verbreitet, der Erreger werde hauptsächlich über Nagetiere übertragen. Die Zahlen der Erkrankungen in Deutschland variierten von Jahr zu Jahr stark. In einigen Jahren habe es wenige Hundert Fälle gegeben, in anderen „epidemische Zustände“ in bestimmten Gebieten Deutschlands. Der bisherige Höchstwert waren mehr als 2.800 Fälle im Jahr 2001. 

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Die Webseite „Infektionsschutz.de“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung informiert seit mindestens 2018 auf ihrer Webseite über das Virus und Risikogebiete in Deutschland, dazu zählen ländliche Gebiete wie etwa die Schwäbische und Fränkische Alb. Erkrankte seien in Deutschland aber nicht ansteckend, da eine Übertragung von Mensch zu Mensch bei den hierzulande verbreiteten Virustypen nicht zu erwarten sei. Auch das RKI schreibt, eine solche Übertragung finde nicht statt, mit Ausnahme eines Virustypus in Südamerika.

Unsere Bewertung:
Falsch. Es gibt keinen aktuellen „Ausbruch“ des Hantavirus mit „erstem Toten“ in China – es handelt sich um eine bekannte, endemische Krankheit mit mehreren Toten jährlich.

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Der Cospudener See im Süden Leipzigs – hier hat die Polizei am 25. März Personen kontrolliert. Der Cospudener See im Süden Leipzigs – hier hat die Polizei am 25. März Personen kontrolliert. (Bildrechte: Don-kun, Cospudener See Westufer Oktober 2014 07, CC BY-SA 3.0 )

von Steffen Kutzner

Eine Frau behauptet, sie wäre beim Inlineskaten in Leipzig von der Polizei angehalten worden, weil sie sich zu weit von ihrer Wohnung entfernt hätte. Das verstoße angeblich gegen die Ausgangsbeschränkungen zur Bekämpfung des Coronavirus. Eine solche Regel gab es tatsächlich – aber nur einen Tag lang.

Am 25. März erreichte uns eine E-Mail von einer Leipzigerin: Sie leitete CORRECTIV den Text einer Nachricht weiter, die eine Frau in der Messenger-App Telegram in den Gruppenchat ihres Wohnortes geschickt habe. Die Frau stamme aus dem westlich gelegenen Stadtteil Lindenau. Sie behauptet, sie sei an einem See im Süden der Stadt (Cospudener See) von der Polizei kontrolliert worden und habe die Information bekommen, sie erhalte „einen Brief von der Staatsanwaltschaft”, weil sie sich nicht mehr im Umfeld ihrer Wohnung aufhalte. Dieses Umfeld sei als ein Radius von fünf Kilometern definiert.

Der Inhalt der Nachricht ist nach CORRECTIV-Recherchen korrekt. Allerdings galt die Fünf-Kilometer-Regelung nur für einen Tag.

In der Telegram-Nachricht berichtet eine Frau, ihr seien juristische Konsequenzen angedroht worden, wenn sie sich weiter als fünf Kilometer von ihrer Wohnung entfernt. (Screenshot: CORRECTIV)

In einer Bekanntmachung des Sozialministeriums Sachsen vom 22. März wurde zur Bekämpfung des Coronavirus eine Ausgangsbeschränkung für das Bundesland verhängt. „Sport und Bewegung an der frischen Luft im Umfeld des Wohnbereichs” wurden darin explizit erlaubt. Für die räumliche Beschränkung des „Umfelds” wurde jedoch kein exakter Radius angegeben. 

Auf einer Webseite des Freistaates Sachsen zum Coronavirus, die häufig gestellte Fragen zu den Ausgangsbeschränkungen beantwortet, heißt es noch einmal, dass es „keine klare Definition” gebe, bis wohin genau der Umfeld des Wohnbereichs geht.

Screenshot von der Coronavirus-Webseite des Freistaates Sachsen. (Screenshot: CORRECTIV)

Dienstanweisung der Polizei Leipzig legte Radius von fünf Kilometern fest, wurde aber nach einem Tag zurückgezogen

Dass der Frau, die die Telegram-Nachricht verschickt hat, trotzdem juristische Konsequenzen angekündigt wurden, lag an einer internen Verfügung der Polizei Leipzig. Polizeisprecher Olaf Hoppe erklärte auf Anfrage von CORRECTIV, es habe eine Handlungsorientierung für Einsatzkräfte gegeben, die Sicherheit schaffen sollte, aber „nur Verwirrung” ausgelöst habe.

Die Antwort von Polizeisprecher Olaf Hoppe auf unsere Nachfrage per E-Mail am 26. März. (Screenshot: CORRECTIV)

Laut einer Pressemitteilung vom 26. März hat der Leiter der Leipziger Polizeidirektion am 24. März um 16.41 Uhr eine Handlungsanleitung für die Polizisten zur Verfügung gestellt. Darin heißt es, dass „kein zu hoher Maßstab” an das Kriterium des Umfelds angelegt werden solle und ein Radius von fünf Kilometern um die Wohnadresse „angemessen” erscheine. Schon am nächsten Tag, am Abend des 25. März, sei die Anweisung zurückgenommen worden, weil sie sich als „unzweckmäßig” herausgestellt habe. 

Am Cospudener See, an dem die Verfasserin der Telegram-Nachricht nach eigener Aussage angehalten wurde, wurden laut der Pressemitteilung an diesem Tag zwischen 12 und 15 Uhr 189 Kontrollen durchgeführt und 31 Verstöße gegen die Allgemeinverfügung registriert. Da die Handlungsanweisung jedoch zurückgenommen wurde, würden die Anzeigen nun „nicht als Straftaten, sondern als Prüffälle an die zuständige Staatsanwaltschaft übergeben“.

Auch Sachsens Innenminister Roland Wöller betonte bei der Landespressekonferenz am 26. März noch einmal: „Die fünf Kilometer gibt es nicht.” Er appellierte an den „gesunden Menschenverstand“ und erklärte, das Wohnumfeld werde „mit Augenmaß” kontrolliert. (ab Minute 24:10)

CORRECTIV ist spendenfinanziert
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Fazit: Die Fünf-Kilometer-Regel gibt es nicht mehr. Die Dienstanweisung der Polizei Leipzig wurde nach einem Tag wieder zurückgezogen. Es gibt weiterhin keine genaue Definition, was zum Umfeld des Wohnbereichs zählt und was nicht.

Unsere Bewertung:
Richtig. In Leipzig gab es an einem Tag Anzeigen gegen Personen, die sich mehr als fünf Kilometer von ihrer Wohnung entfernt hatten.