Faktencheck

Video einer Frau in Italien schürt Panik mit überspitzten Behauptungen über das Coronavirus

In einem Video gibt eine Frau, die selbst sagt, sie sei in Italien, Anweisungen an Menschen in Deutschland, um sich vor dem Coronavirus zu schützen. Manche Hinweise sind sinnvoll, sie werden jedoch vermischt mit teils irreführenden Tipps. 

von Alice Echtermann

Screenshot des Videos
„Teilt dieses Video in Deutschland“, fordert die Frau und behauptet, selbst in Italien zu sein. (Screenshot: CORRECTIV)
Bewertung
Unbelegt. Die Aussagen sind stark zugespitzt. Die Behauptungen über den Verbreitungsweg und die Lebensdauer des Virus sind irreführend oder unbelegt. 

Die blonde Frau trägt eine Schutzmaske um den Hals und filmt sich selbst: „Ich mach jetzt das Video, weil wir haben jetzt hier in Italien ein totes Kind von vier Monaten“, sagt sie aufgeregt. Sie wolle ja keine Panik verbreiten, aber: „Die sterben hier wie die Fliegen.“ Das Video wird laut Hinweisen, die Leser CORRECTIV gesandt haben, aktuell auf Whatsapp verbreitet. Auf Facebook wurde es bereits mehr als 22.000 Mal geteilt. 

Die unbekannte Frau fordert Menschen auf, starke Desinfektionsmittel zu kaufen, Kleinkinder zu Hause zu lassen und aufzuhören, Toilettenpapier zu hamstern. Das ist nicht falsch. Sie gibt in dem Video aber auch einige konkrete Handlungsanweisungen mit alarmierenden Behauptungen über das Coronavirus. Am Schluss fordert sie: „Ich möchte, dass ihr das Video jetzt teilt, so weit wie es geht innerhalb Deutschlands.“

CORRECTIV hat die Behauptungen der Frau über das Virus überprüft: Sie sind überspitzt, teilweise unbelegt oder irreführend. 


1. Behauptung: Kleidung und Schuhe sollte man draußen ausziehen und sofort waschen – mit Wäschedesinfektionsmittel.

Wäschedesinfektionsmittel schadet zwar vielleicht nicht, ist aber nicht nötig. Wie uns das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) per E-Mail mitgeteilt hat, sind Coronaviren von einer Fettschicht (Lipidschicht) umhüllt, deshalb reagieren sie empfindlich auf fettlösende Substanzen, die in Waschmitteln enthalten sind. „Im normalen Alltag können Personen in Privathaushalten ihre Wäsche wie gewohnt waschen.“ 

Für den Umgang mit Textilien im Falle einer Erkrankung rät das BfR: „Kleidung, Bettwäsche, Unterwäsche, Handtücher, Waschlappen von Erkrankten sowie Textilien, die mit infektiösen Körperflüssigkeiten in Kontakt gekommen sind, sollten bei einer Temperatur von mindestens 60°C in der Waschmaschine mit einem Vollwaschmittel gewaschen und gründlich getrocknet werden. Beim Umgang mit Wäsche von Erkrankten sollte der direkte Kontakt von Haut und Kleidung mit kontaminierten Materialien vermieden werden, die Wäsche nicht geschüttelt und im Anschluss die Hände gründlich gewaschen werden.“

2. Behauptung: Das Virus haftet bis zu neun Stunden am Boden.

Diese Aussage ist unbelegt. Es ist noch unklar, wie lange das neuartige Coronavirus auf Oberflächen überleben kann. Das BfR informiert auf seiner Webseite, die Stabilität des Virus hänge ab von Umweltfaktoren wie Temperatur, Luftfeuchtigkeit und der Beschaffenheit der Oberfläche. „Im Allgemeinen sind humane Coronaviren nicht besonders stabil auf trockenen Oberflächen. In der Regel erfolgt die Inaktivierung in getrocknetem Zustand innerhalb von Stunden bis einigen Tagen.“ 

Für SARS-CoV-2 zeigten erste Laboruntersuchungen, dass es „nach starker Kontamination bis zu drei Stunden als Aerosol, bis zu vier Stunden auf Kupferoberflächen, bis zu 24 Stunden auf Karton und bis zu zwei bis drei Tage auf Edelstahl und Plastik infektiös bleiben kann“. Von Fußböden ist nicht die Rede. Die Studie ist zudem noch nicht durch ein Peer-Review-Verfahren, also durch andere Wissenschaftler, überprüft worden.

3. Behauptung: Das Virus wird auch über den Wind übertragen. Deshalb sollte man nie ohne Schutzmaske und Sonnenbrille aus dem Haus gehen.

Diese Aussage erweckt den falschen Eindruck, dass es vor allem gefährlich sei, sich draußen aufzuhalten. Wie der Virologe Christian Drosten im NDR-Podcast mehrfach erklärt hat, besteht jedoch eine größere Ansteckungsgefahr mit infizierten Personen in geschlossenen Räumen. 

Wenn jemand huste oder niese, würden feine Tröpfchen in der Luft stehen, erklärt Drosten. Die Reichweite betrage etwa zwei Meter. Die „kleine Virus-Wolke in der Luft“ falle in etwa fünf Minuten zu Boden. „Und wenn man durch diese Wolke in diesen fünf Minuten durchläuft und die eingeatmet hat, dann wird man sich mit einiger Wahrscheinlichkeit infizieren.“ (Podcast vom 27. Februar)

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Die Situation in geschlossenen Räumen spiele deshalb eine größere Rolle, weil sich draußen das, was man ausatme, stark verdünne „und es verdünnt sich dann natürlich auch das Virus. Außerdem hat man ja fast immer ein kleines bisschen Wind.“ (Podcast vom 23. März) Sich im Freien anzustecken ist deshalb laut Christian Drosten eher unwahrscheinlich: „Das ist nicht so, dass man sich beim Spazierengehen infiziert, wenn man sich begegnet. Das ist nicht so, dass da draußen jetzt irgendwo Virus in entscheidender Konzentration in der Luft steht.“ (Podcast vom 13. März)

Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung schreibt uns: „Eine Übertragung durch die Luft ohne Tröpfchen ist nach dem derzeitigen Stand des Wissens unwahrscheinlich.“ 

Laut WHO sollte man eine Schutzmaske vor allem dann tragen, wenn man selbst hustet oder niest. Die Tröpfcheninfektion ist laut Robert-Koch-Institut der häufigste Übertragungsweg des Virus. Theoretisch sei auch eine Ansteckung über die Bindehaut der Augen möglich. Brillen zu tragen ist also nicht falsch. Wie Masken sind sie aber völlig nutzlos, wenn man sich nicht regelmäßig die Hände wäscht. 





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