Screenshot des Videos
„Teilt dieses Video in Deutschland“, fordert die Frau und behauptet, selbst in Italien zu sein. (Screenshot: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

In einem Video gibt eine Frau, die selbst sagt, sie sei in Italien, Anweisungen an Menschen in Deutschland, um sich vor dem Coronavirus zu schützen. Manche Hinweise sind sinnvoll, sie werden jedoch vermischt mit teils irreführenden Tipps. 

Die blonde Frau trägt eine Schutzmaske um den Hals und filmt sich selbst: „Ich mach jetzt das Video, weil wir haben jetzt hier in Italien ein totes Kind von vier Monaten“, sagt sie aufgeregt. Sie wolle ja keine Panik verbreiten, aber: „Die sterben hier wie die Fliegen.“ Das Video wird laut Hinweisen, die Leser CORRECTIV gesandt haben, aktuell auf Whatsapp verbreitet. Auf Facebook wurde es bereits mehr als 22.000 Mal geteilt. 

Die unbekannte Frau fordert Menschen auf, starke Desinfektionsmittel zu kaufen, Kleinkinder zu Hause zu lassen und aufzuhören, Toilettenpapier zu hamstern. Das ist nicht falsch. Sie gibt in dem Video aber auch einige konkrete Handlungsanweisungen mit alarmierenden Behauptungen über das Coronavirus. Am Schluss fordert sie: „Ich möchte, dass ihr das Video jetzt teilt, so weit wie es geht innerhalb Deutschlands.“

CORRECTIV hat die Behauptungen der Frau über das Virus überprüft: Sie sind überspitzt, teilweise unbelegt oder irreführend. 

1. Behauptung: Kleidung und Schuhe sollte man draußen ausziehen und sofort waschen – mit Wäschedesinfektionsmittel.

Wäschedesinfektionsmittel schadet zwar vielleicht nicht, ist aber nicht nötig. Wie uns das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) per E-Mail mitgeteilt hat, sind Coronaviren von einer Fettschicht (Lipidschicht) umhüllt, deshalb reagieren sie empfindlich auf fettlösende Substanzen, die in Waschmitteln enthalten sind. „Im normalen Alltag können Personen in Privathaushalten ihre Wäsche wie gewohnt waschen.“ 

Für den Umgang mit Textilien im Falle einer Erkrankung rät das BfR: „Kleidung, Bettwäsche, Unterwäsche, Handtücher, Waschlappen von Erkrankten sowie Textilien, die mit infektiösen Körperflüssigkeiten in Kontakt gekommen sind, sollten bei einer Temperatur von mindestens 60°C in der Waschmaschine mit einem Vollwaschmittel gewaschen und gründlich getrocknet werden. Beim Umgang mit Wäsche von Erkrankten sollte der direkte Kontakt von Haut und Kleidung mit kontaminierten Materialien vermieden werden, die Wäsche nicht geschüttelt und im Anschluss die Hände gründlich gewaschen werden.“

2. Behauptung: Das Virus haftet bis zu neun Stunden am Boden.

Diese Aussage ist unbelegt. Es ist noch unklar, wie lange das neuartige Coronavirus auf Oberflächen überleben kann. Das BfR informiert auf seiner Webseite, die Stabilität des Virus hänge ab von Umweltfaktoren wie Temperatur, Luftfeuchtigkeit und der Beschaffenheit der Oberfläche. „Im Allgemeinen sind humane Coronaviren nicht besonders stabil auf trockenen Oberflächen. In der Regel erfolgt die Inaktivierung in getrocknetem Zustand innerhalb von Stunden bis einigen Tagen.“ 

Für SARS-CoV-2 zeigten erste Laboruntersuchungen, dass es „nach starker Kontamination bis zu drei Stunden als Aerosol, bis zu vier Stunden auf Kupferoberflächen, bis zu 24 Stunden auf Karton und bis zu zwei bis drei Tage auf Edelstahl und Plastik infektiös bleiben kann“. Von Fußböden ist nicht die Rede. Die Studie ist zudem noch nicht durch ein Peer-Review-Verfahren, also durch andere Wissenschaftler, überprüft worden.

3. Behauptung: Das Virus wird auch über den Wind übertragen. Deshalb sollte man nie ohne Schutzmaske und Sonnenbrille aus dem Haus gehen.

Diese Aussage erweckt den falschen Eindruck, dass es vor allem gefährlich sei, sich draußen aufzuhalten. Wie der Virologe Christian Drosten im NDR-Podcast mehrfach erklärt hat, besteht jedoch eine größere Ansteckungsgefahr mit infizierten Personen in geschlossenen Räumen. 

Wenn jemand huste oder niese, würden feine Tröpfchen in der Luft stehen, erklärt Drosten. Die Reichweite betrage etwa zwei Meter. Die „kleine Virus-Wolke in der Luft“ falle in etwa fünf Minuten zu Boden. „Und wenn man durch diese Wolke in diesen fünf Minuten durchläuft und die eingeatmet hat, dann wird man sich mit einiger Wahrscheinlichkeit infizieren.“ (Podcast vom 27. Februar)

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Die Situation in geschlossenen Räumen spiele deshalb eine größere Rolle, weil sich draußen das, was man ausatme, stark verdünne „und es verdünnt sich dann natürlich auch das Virus. Außerdem hat man ja fast immer ein kleines bisschen Wind.“ (Podcast vom 23. März) Sich im Freien anzustecken ist deshalb laut Christian Drosten eher unwahrscheinlich: „Das ist nicht so, dass man sich beim Spazierengehen infiziert, wenn man sich begegnet. Das ist nicht so, dass da draußen jetzt irgendwo Virus in entscheidender Konzentration in der Luft steht.“ (Podcast vom 13. März)

Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung schreibt uns: „Eine Übertragung durch die Luft ohne Tröpfchen ist nach dem derzeitigen Stand des Wissens unwahrscheinlich.“ 

Laut WHO sollte man eine Schutzmaske vor allem dann tragen, wenn man selbst hustet oder niest. Die Tröpfcheninfektion ist laut Robert-Koch-Institut der häufigste Übertragungsweg des Virus. Theoretisch sei auch eine Ansteckung über die Bindehaut der Augen möglich. Brillen zu tragen ist also nicht falsch. Wie Masken sind sie aber völlig nutzlos, wenn man sich nicht regelmäßig die Hände wäscht. 

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Die Aussagen sind stark zugespitzt. Die Behauptungen über den Verbreitungsweg und die Lebensdauer des Virus sind irreführend oder unbelegt. 

Beatmungsgerät im Krankenhaus
In der Sprachnachricht wird behauptet, nur junge Menschen hätten weltweit einen Anspruch auf einen Beatmungsplatz. Das ist falsch. (Symbolbild: Roland Weihrauch / dpa)

von Alice Echtermann

In einer Sprachnachricht werden mehrere falsche Behauptungen über das Coronavirus verbreitet: Es sei nicht natürlichen Ursprungs, Vitamin-D-Mangel und 5G-Mobilfunkstrahlen wären Schuld an schweren Erkrankungen und sehr alte Patienten würden gemäß „weltweiter Regeln“ nicht mehr behandelt. Das alles ist falsch. 

In einer mehr als elf Minuten langen Sprachnachricht berichtet eine unbekannte Frau einer angeblichen Bekannten namens „Claudi“ von ihren Erkenntnissen über das Coronavirus, die sie bei ihrer Arbeit in einer alternativmedizinischen Zahnklinik in der Schweiz gewonnen habe. Die Frau bittet darum, den Blog der Klinik, „swiss-biohealth.com“, zu lesen und stellt zahlreiche falsche Behauptungen über SARS-CoV-2 auf. 

Auf der Webseite von Swiss Biohealth steht dieser Hinweis dazu: „Derzeit kursieren Fake-News in Form einer Sprachnachricht, welche angeblich in unserem Namen verbreitet werden oder unsere Meinung widerspiegeln sollen. Wir distanzieren uns von allen News, welche subjektive Meinungen im Zusammenhang mit der Swiss Biohealth AG oder SDS Swiss Dental Solutions AG zum Inhalt haben.“  

CORRECTIV hat die Behauptungen der Frau einzeln überprüft. 

1. Behauptung: Alle schwerkranken Covid-19-Patienten hatten Vitamin-D-Mangel. Man sollte hohe Dosen Vitamin D und Vitamin C zu sich nehmen. 

Die Frau behauptet, eine Behandlung mit Vitamin D, Vitamin C und Kortison würde „das Immunsystem hochziehen“, so dass eine Chance bestehe, die Infektion mit dem Coronavirus zu überleben. Deshalb sollten alle Vitamin D zu sich nehmen, und zwar „mindestens die dreifache empfohlene Tagesdosis“. 

Diese Hinweise sind irreführend und vermitteln falsche Hoffnungen. 

Wir konnten bei unserer Recherche keinerlei zuverlässige Quellen finden für die Behauptung, alle schwerkranken Covid-19-Patienten hätten einen Vitamin-D-Mangel gehabt. Auf unsere Anfrage schreibt das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) per E-Mail, auch dort habe man keine Kenntnis darüber. „Da SARS-CoV-2 erst seit kurzer Zeit bekannt ist, gibt es keine Studien, die untersucht haben, ob eine Vitamin-D-Supplementierung vor einer Infektion mit diesem Virus schützt. Fallberichte weisen darauf hin, dass die chronisch sehr hohe Einnahme von Vitamin-D über Präparate ohne ärztliche Kontrolle gesundheitliche Risiken bergen kann.“

Laut Robert-Koch-Instituts (RKI) ist Vitamin-D-Mangel in Deutschland recht verbreitet: 45,6 Prozent der Kinder und 56 Prozent der Erwachsenen seien nicht ausreichend damit versorgt (Stand: Januar 2019). Vor allem in den Wintermonaten, da 80 bis 90 Prozent des Vitamin D in der Haut gebildet werden, wenn sie der Sonne ausgesetzt ist. Das heißt aber nicht, dass Menschen wegen dieses Mangels an Covid-19 erkranken. Wir haben zudem bereits in einem anderen Faktencheck recherchiert, dass es auch keine Belege dafür gibt, dass Vitamin C Viren abtöten kann. 

Es gibt laut WHO bisher weder ein Heilmittel noch eine Impfung gegen das Coronavirus. Auch wenn Vitamine grundsätzlich helfen, das menschliche Immunsystem zu stärken, sollte man nicht zu viel davon einnehmen. Die Verbraucherzentrale warnt aktuell auf ihrer Webseite davor, zu hohe Dosen Vitamin D zu sich zu nehmen. „Es gibt keine Nahrungsergänzungsmittel, die eine Erkrankung mit dem neuartigen Coronavirus (SARS-CoV-2) verhindern können. Nahrungsergänzungsmittel dienen auch nicht der Behandlung von Erkrankungen.“ 

Hinweis der Verbraucherzentrale
Warnung der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen vor der Einnahme von zu viel Vitamin D. (Screenshot: CORRECTIV)

Das Bundesinstitut für Risikobewertung rät dazu, nicht mehr als 20 Mikrogramm Vitamin D pro Tag zu sich zu nehmen. Die Obergrenze von 100 Mikrogramm pro Tag sollte nicht überschritten werden, sonst könnten Nebenwirkungen wie die Bildung von Nierensteinen oder Nierenverkalkung auftreten. 

2. Behauptung: Kinder sind „außen vor“, weil die Rezeptoren, bei denen die Viren ansetzen, noch nicht entwickelt sind. 

Die Andeutung, dass Jugendliche oder Kinder nicht gefährdet seien, ist falsch. Richtig ist nach aktuellem Stand allerdings, dass Kinder offenbar seltener an Covid-19 erkranken. Es gibt bisher keine Belege, dass der Grund dafür nicht entwickelte Rezeptoren sind. 

Das RKI schreibt: „Bisherigen Daten zufolge ist die Symptomatik von Covid-19 bei Kindern deutlich geringer ausgeprägt ist als bei Erwachsenen. Zum tatsächlichen Beitrag von Kindern und Jugendlichen an der Transmission in der Bevölkerung liegen keine Daten vor. Aufgrund der hohen Kontagiosität des Virus und dem engen Kontakt zwischen Kindern und Jugendlichen untereinander erscheint es jedoch plausibel, dass Transmissionen stattfinden.“ 

In einer Pressekonferenz am 26. März sagte Lothar Wieler, Präsident des RKI: „An Covid-19 können alle Menschen in Deutschland erkranken, unabhängig vom Alter und unabhängig vom Gesundheitszustand […].“ Auch jüngere und gesunde Menschen könnten sehr schwer erkranken oder sterben, betonte er (ab Minute 7:50). 

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Wissenschaftler haben in einer kürzlich veröffentlichten, noch nicht abschließend bewerteten Untersuchung von 391 SARS-CoV-2-Fällen in Shenzhen (China) herausgefunden, dass die Wahrscheinlichkeit einer Infektion bei Kindern genauso hoch sei wie bei Erwachsenen. Und eine Auswertung von Fällen in China im Journal Pediatrics kommt ebenfalls zu dem Schluss, dass Kinder auch erkranken können: „Obwohl klinische Manifestationen der Covid-19-Fälle bei Kindern generell weniger schwer waren als bei erwachsenen Patienten, waren junge Kinder, insbesondere Kleinkinder, anfällig für eine Infektion.“

Warum Kinder seltener schwer erkranken, ist unklar. Einer der Gründe könnte sein, dass sie weniger ACE2-Rezeptoren in ihren unteren Atemwegen haben, vermutet James Diaz, Professor an der New Orleans School of Public Health, laut einem Artikel von Science Daily. Es gibt aber auch laut Medienberichten noch andere mögliche Erklärungen, zum Beispiel, dass Kinder häufiger anderen Arten von Coronaviren ausgesetzt sind, oder dass ihr Immunsystem bei einer Infektion nicht so leicht überreagiert. 

3. Behauptung: Das aktuelle Coronavirus ist eine Mutation, die nicht natürlich entstanden sein kann. 

Für diese Spekulation gibt es keinen Beleg. Die Frau in der Sprachnachricht behauptet, das RKI habe diese „unnatürliche Mutation“ bestätigt – im RKI-Steckbrief zu SARS-CoV-2 steht jedoch nichts davon. Auf die Presseanfrage von CORRECTIV erteilte das RKI keine Auskunft.

Eine große Gruppe von Wissenschaftlern – darunter auch der deutsche Virologe Christian Drosten – hat jedoch bereits am 19. Februar im Journal The Lancet ein Statement veröffentlicht und darin betont, die „Verschwörungstheorien“, dass das Virus keinen natürlichen Ursprung habe, seien haltlos. Sie würden nur Angst, Gerüchte und Vorurteile schüren. 

„Wissenschaftler aus mehreren Ländern haben das Genom des Virus SARS-CoV-2 analysiert und veröffentlicht, und sie kommen mit überwältigender Mehrheit zu dem Schluss, dass dieses Coronavirus seinen Ursprung in der Natur hat, wie so viele andere Erreger“, heißt es in dem Artikel von The Lancet. Die Wissenschaftler nennen als Quellen mehrere Studien und fordern auch dazu auf, Unterstützung für ihr Statement durch eine Online-Unterschrift zu bekunden. Die Petition wurde bereits mehr als 18.600 Mal unterschrieben.  

4. Behauptung: Das Virus ist nicht wärmeempfindlich, deshalb werden die Infektionen im Frühjahr und Sommer nicht abnehmen. 

Wenn man die „Temperaturempfindlichkeit“ nur auf das Wetter bezieht, stimmt die Behauptung im Wesentlichen überein mit Prognosen von Experten: Wärmeres Wetter allein wird das Virus vermutlich nicht aufhalten. 

Professor Marc Lipsitch vom Center for Communicable Disease Dynamics (Harvard T.H. Chan School of Public Health), schrieb in einem Artikel: „Die kurze Antwort ist, dass wir eine moderate Verringerung der Ansteckungsrate von SARS-CoV-2 bei wärmerem, feuchterem Wetter erwarten können […].“ Man könne jedoch nicht davon ausgehen, dass diese allein die Ausbreitung stoppt. Denn das Virus sei neu und es gebe keine Immunität in der Bevölkerung. 

Die WHO hat ebenfalls bereits darauf hingewiesen, dass sich das Coronavirus grundsätzlich auch in heißem, feuchtem Klima ausbreiten kann. 

Das heißt aber nicht, dass das Wetter gar keine Rolle spielt. So sagte der Virologe Christian Drosten im NDR-Podcast (Folge 4 am 2. März, Transkript zum Download), das wärmere Wetter werde wahrscheinlich helfen, die Krankheit zu bekämpfen. „Die Fälle werden sich vermehren, aber die zunehmende Trockenheit und die UV-Strahlung werden mit großer Wahrscheinlichkeit die Übertragungsereignisse verringern.“

5. Behauptung: Patienten werden nach ihren Überlebenschancen in drei Gruppen aufgeteilt, nur jüngere Menschen werden beatmet. Diese Regelung („Triage“) gilt weltweit. 

Die Frau behauptet, gemäß der „Triage“ würden die ältesten Patienten „auf die Seite gelegt zum Sterben“ und gar nicht behandelt. Die zweite Gruppe, ältere Menschen mit guter Verfassung, würden zwar behandelt, aber nicht beatmet. Nur die dritte Gruppe der jüngeren Menschen werde zugelassen für einen Beatmungsplatz. Die Frau unterstellt, dass diese dritte Gruppe die „Leistungsträger der Gesellschaft“ seien und man sie deshalb retten wolle.

Diese Darstellung ist falsch. 

Der Begriff „Triage“ stammt aus der Katastrophenmedizin; er bezeichnet die Einteilung von Patienten in Gruppen, wenn viele Menschen zeitgleich behandelt werden müssen und es nur begrenzte Möglichkeiten gibt. Weltweit gibt es hier laut Ärzteblatt verschiedene Systeme, mit drei, vier oder fünf Stufen beziehungsweise Patientengruppen.  

Wir haben die aktuelle Situation in Deutschland recherchiert. In einer Pressekonferenz am 26. März sagte Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, noch sei es in Deutschland nicht so weit, dass solche Entscheidungen getroffen werden müssen (ab Minute 53:30). 

Das Land bereitet sich jedoch auf diesen Fall vor. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung berichtete kürzlich, sieben medizinische Fachgesellschaften hätten ein Papier veröffentlicht, das Handlungsempfehlungen für den Notfall enthält. Darin steht: „Wenn die Ressourcen nicht ausreichen, muss unausweichlich entschieden werden, welche intensivpflichtigen Patienten akut-/intensivmedizinisch behandelt und welche nicht (oder nicht mehr) akut-/intensivmedizinisch behandelt werden sollen.“ Dann müsse „analog der Triage in der Katastrophenmedizin“ entschieden werden, bei wem die Behandlung die beste Erfolgsaussichten habe. 

Eine Einteilung aufgrund des „kalendarischen Alters oder sozialer Kriterien“ schließen die Autoren aber kategorisch aus. Zudem betonen sie, dass es sich um Empfehlungen handele, die nicht juristisch geprüft wurden. 

Triage für Deutschland
Auszug aus dem Papier mit Handlungsempfehlungen im Notfall, das die FAZ exklusiv veröffentlicht hat. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin gehört ebenfalls zu den Organisationen, die das Papier verfasst haben, In der Pressekonferenz am 26. März sagte Uwe Janssens, es sei als Vorbereitung zu verstehen – und das Alter sei ganz bewusst nicht das alleinige Entscheidungskriterium. Niemand in Deutschland müsse Angst haben, dass Entscheidungen mit „Daumen rauf oder Daumen runter“ gefällt würden (ab Minute 53:30). 

6. Behauptung: Mobilfunkstrahlen (5G) schwächen das Immunsystem. 

Die Frau stützt ihre Aussage darauf, dass es angeblich überall, wo SARS-CoV-2 stark ausgebrochen sei, den neuen Mobilfunkstandard 5G gebe. „Man weiß, dass Wlan und Elektrosmog vom Handy, Funkwellen, alles was über 3G hinausgeht, immens das Immunsystem nach unten fährt“, behauptet sie.

Das ist falsch. Wie uns das Bundesamt für Strahlenschutz bereits für einen früheren Faktencheck mitteilte, können alle Mobilfunksendeanlagen (also von 2G bis 5G) „höchstens eine geringfügige, nicht wahrnehmbare Erwärmung verursachen, die sich vor allem auf die Körperoberfläche beschränkt“. Die geltenden Grenzwerte für Strahlung seien bereits von dieser Wärmewirkung abgeleitet: „Eine messbare Erhöhung der Körperkerntemperatur infolge der Felder von Mobilfunksendeanlagen ist nicht zu erwarten.“ 

Eine negative Wirkung elektromagnetischer Felder auf das Immunsystem sei zudem nicht wissenschaftlich nachgewiesen, ebensowenig wie bei Wlan, schreibt uns das Bundesamt per E-Mail. Es gebe es eine Reihe von Studien aus Frankreich und Italien zu diesem Thema: „Ein negativer Einfluss wurde nicht gefunden.“

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Die Sprachnachricht enthält fast ausschließlich falsche Informationen zum Coronavirus. 

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Eine Ratte schlürft an einem Kaffee-Becher. Ratten und Nagetiere gehören zu den Verbreitern des sogenannten Hantavirus. (Symbolfoto: Mert Guller / Unsplash)

von Till Eckert

In einem Artikel der Deutschen Wirtschaftsnachrichten wird behauptet, in China sei „nun auch das Hantavirus ausgebrochen“. Es gebe einen „ersten Toten“. Das Virus ist in China jedoch eine bekannte, endemische Krankheit mit etwa 100 Toten jedes Jahr.

„In China ist nun auch das Hanta-Virus ausgebrochen, erster Toter in Yunnan“, titelte die Webseite Deutsche Wirtschaftsnachrichten in einem Artikel vom 24. März. Der Text wurde bisher mehr als 6.000 Mal auf Facebook geteilt.

Mit der Überschrift wird auf die aktuelle Coronavirus-Pandemie angespielt und suggeriert, nun gebe es einen zusätzlichen Ausbruch eines gefährlichen Virus. Im Text steht zudem: „Während die ganze Welt aufgrund des anhaltenden Ausbruchs des Coronavirus in eine schwierige Situation gerät, sieht es so aus, als würde sich China auf einen weiteren großen Kampf vorbereiten – diesmal gegen das Hantavirus.“ Doch ist das wirklich so?

Text der Deutschen Wirtschaftsnachrichten. (Screenshot: CORRECTIV)

WHO: Hantavirus ist eine bekannte, endemische Krankheit in China

Als Quelle wird im Text der Deutschen Wirtschaftsnachrichten auf einen Tweet des chinesischen Staatsmediums Global Times vom 24. März verwiesen. Dort steht: „Eine Person aus der Provinz Yunnan starb am Montag auf dem Rückweg in die Provinz Shandong, als sie in einem gecharterten Bus zur Arbeit fuhr. Er wurde positiv auf das #Hantavirus getestet. Weitere 32 Personen im Bus wurden getestet.“ Von einem „Ausbruch“ steht nichts im Tweet. 

Wir haben die Weltgesundheitsorganisation (WHO) um Informationen zu einem angeblichen aktuellen „Ausbruch“ des Hantavirus befragt. Per E-Mail antwortete ein Sprecher der WHO: „Das Hantavirus ist eine endemische Krankheit in China; jährlich werden etwa 10.000 Fälle gemeldet, und leider sterben pro Jahr etwa 100 Menschen daran.“ Endemisch bedeutet, dass die Krankheit örtlich begrenzt dauerhaft vorkommt. Es sei eine meldepflichtige Krankheit in China, was bedeute, dass die lokalen Regierungen verpflichtet seien, den nationalen Behörden Fälle zu melden. 

E-Mail der WHO zum Hantavirus. (Screenshot: CORRECTIV)

„Hantavirus-Fälle werden der WHO im Rahmen der Internationalen Gesundheitsvorschriften in der Regel nicht gemeldet, da sie keine Ausbrüche von internationaler Bedeutung darstellen“, schreibt die WHO weiter. Das Hantavirus werde normalerweise vom Tier auf den Menschen übertragen, und nur selten von Mensch zu Mensch.  

Dass es also einen aktuellen „Ausbruch“ des Virus mit einem „ersten Toten“ in China gebe, ist falsch. Das Hantavirus ist laut Robert-Koch-Institut (RKI) weltweit verbreitet, der Erreger werde hauptsächlich über Nagetiere übertragen. Die Zahlen der Erkrankungen in Deutschland variierten von Jahr zu Jahr stark. In einigen Jahren habe es wenige Hundert Fälle gegeben, in anderen „epidemische Zustände“ in bestimmten Gebieten Deutschlands. Der bisherige Höchstwert waren mehr als 2.800 Fälle im Jahr 2001. 

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Die Webseite „Infektionsschutz.de“ der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung informiert seit mindestens 2018 auf ihrer Webseite über das Virus und Risikogebiete in Deutschland, dazu zählen ländliche Gebiete wie etwa die Schwäbische und Fränkische Alb. Erkrankte seien in Deutschland aber nicht ansteckend, da eine Übertragung von Mensch zu Mensch bei den hierzulande verbreiteten Virustypen nicht zu erwarten sei. Auch das RKI schreibt, eine solche Übertragung finde nicht statt, mit Ausnahme eines Virustypus in Südamerika.

Unsere Bewertung:
Falsch. Es gibt keinen aktuellen „Ausbruch“ des Hantavirus mit „erstem Toten“ in China – es handelt sich um eine bekannte, endemische Krankheit mit mehreren Toten jährlich.

Schutzmaske gegen Coronavirus
Italien hat Masken in der Türkei gekauft – doch die Lieferung wurde zwei Wochen lang blockiert. (Symbolbild: Pixabay / Orna Wachman) 

von Alice Echtermann

Ein Facebook-Nutzer behauptet, die Türkei habe Italien in der Corona-Krise geholfen, aber niemand würde darüber berichten. Die italienische Luftwaffe habe 200.000 Masken und medizinische Geräte in der Türkei abgeholt. Diese Darstellung ist irreführend, weil Kontext fehlt.

In einem Facebook-Post am 22. März behauptet ein Nutzer, die italienische Luftwaffe habe 200.000 Masken, Corona-Testkits, Beatmungsgeräte und anderes medizinisches Material in der Türkei abgeholt. „Die Türkei hat geholfen und keiner will es wissen! Was für eine traurige Welt unsere Medien uns verkaufen!“, schreibt er. Der Beitrag wurde bereits mehr als 7.900 Mal geteilt. 

Der Nutzer lässt hier jedoch relevanten Kontext weg, wodurch ein falscher Eindruck entsteht. 

Facebook-Beitrag über die Türkei
Der Facebook-Beitrag vom 22. März. (Screenshot am 24. März: CORRECTIV)

Laut einem Bericht der italienischen Zeitung Corriere vom 19. März hatte die Türkei den Export von 200.000 Masken nach Italien tagelang blockiert. Die italienische Firma Comitec hatte die Masken demnach bei einer türkischen Firma namens Ege Maske für 670.000 Euro gekauft. Am 4. März sei die Charge ausgeliefert worden, seitdem lag sie beim Zoll in Ankara und durfte nicht das Land verlassen. Der italienische Premierminister Conte habe den türkischen Präsidenten Erdogan angerufen, bisher ohne Erfolg. 

Export von Masken und Schutzausrüstung aus der Türkei seit dem 4. März genehmigungspflichtig

Der Hintergrund: Die Türkei hat ihre Exportbestimmungen für medizinische Schutzausrüstung am 4. März verändert. Seitdem muss die Ausfuhr von Schutzausrüstung wie Masken, Overalls, Schutzbrillen oder Handschuhe vorab vom türkischen Gesundheitsministerium genehmigt werden, berichteten die deutsche Ausgabe der Zeitung Hürriyet und weitere türkische Medien

Die Türkei ist mit solchen Regelungen nicht allein. Deutschland zum Beispiel hat am 5. März sogar ein Exportverbot für medizinische Schutzgüter erlassen.

Wie TRT Haber am 23. März berichtete, wurde die Blockade der Masken-Lieferung nach Italien schließlich „nach hochrangigen und diplomatischen Kontakten“ der beiden Länder überwunden. 

Das passt zusammen mit offiziellen Mitteilungen aus Italien. Am 21. März schrieb das italienische Außenministerium auf seiner Webseite, man habe die Lieferung von 200.000 Masken in der Türkei „entsperrt“. Sie würden nun entweder das Land verlassen, oder man würde sie selbst abholen. 

Mitteilung Außenministerium Italien
Auszug aus der Mitteilung des italienischen Außenministeriums am 21. März. (Screenshot: CORRECTIV)

Auch auf Twitter teilte Außenminister Luigi di Maio diese Nachricht am 22. März mit, und in einer weiteren Mitteilung des Ministeriums vom 23. März steht ebenfalls, man habe die Lieferung „endlich entsperrt“. 

Es handelte sich also bei den 200.000 Masken – anders als man aus dem Facebook-Beitrag herauslesen könnte – nicht um eine humanitäre Hilfslieferung der Türkei an Italien. Zudem waren es ausschließlich Masken, keine Beatmungsgeräte. Die Türkei half insofern, als dass sie die Ausfuhr der Masken genehmigte. 

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Eine Google-Rückwärtssuche nach dem Foto, das in dem Facebook-Beitrag verwendet wurde, führt zu möglichen Quellen der Behauptung: mehrere türkischsprachige Accounts auf Twitter. Darin ist die Rede von einer angeblichen Lieferung von 200.000 Masken, Testkits und anderen medizinischen Gütern aus der Türkei nach Italien. Es kann auch hier nur die Lieferung der 200.000 Masken gemeint sein, andere Berichte konnten wir bei unserer Recherche nicht finden.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Es fehlt Kontext. Italien hat 200.000 Masken in der Türkei gekauft.  

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Vitamin C ist in vielen Lebensmitteln enthalten. Aber hilft es gegen das Coronavirus? Dafür gibt es keine Belege. (Symbolbild: Luisella Planeta Leoni / Pixabay)

von Lea Weinmann

In einem Facebook-Beitrag und auf Instagram wird behauptet, Vitamin C könne in hoher Dosierung Viren abtöten. Dafür gibt es keine Belege. Generell ist Vitamin C gut für das Immunsystem, die Einnahme extrem hoher Dosen ist dafür laut Experten jedoch nicht nötig.

In einem Facebook-Beitrag wird behauptet, Vitamin C könne in hoher Dosierung Viren abtöten. Der Beitrag wurde am 10. März veröffentlicht und bisher mehr als 4.100 Mal (Stand: 24. März) auf Facebook geteilt. Er zeigt ein Foto eines älteren Mannes im Anzug, der sich als Dr. med. Michael Spitzbart bezeichnet. „Vitamin C tötet Viren höchst effektiv ab“, schreibt er in dem Text dazu. Allerdings benötige man dafür angeblich „viel höhere Dosen, als das gemeinhin empfohlen wird“, schreibt Spitzbart weiter. Ein weiterer Facebook-Beitrag, der seine Behauptungen und das Foto am 19. März aufgegriffen hat, wurde bisher mehr als 4.300 Mal geteilt. Auch auf Instagram hat Spitzbart den Beitrag veröffentlicht.

Für die Behauptungen gibt es nach Recherchen von CORRECTIV keine Belege. Dieter Hoffmann, Doktor am Institut für Virologie an der Technischen Universität München, schreibt uns auf Anfrage per E-Mail: „Bisher gibt es meines Wissens keine Hinweise, dass Vitamin C Viren direkt inaktiviert.“ Auch zu der Behauptung, dass Vitamin C direkt gegen das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 wirkt, sind dem Experten „keine Daten bekannt“.

Dieter Hoffmann vom Institut für Virologie an der Technischen Universität München schreibt per E-Mail, ihm seien keine Hinweise bekannt, dass Vitamin C Viren direkt inaktiviere. (Screenshot: CORRECTIV)

Es gibt jedoch laut Hoffmann „Hinweise, dass Vitamin C Immunfunktionen verbessert und dadurch Dauer und Schwere von Atemwegsinfektionen reduziert“. Hoffmann verweist dazu auf eine Art Leserbrief im Journal of Antimicrobial Chemotherapy von Dezember 2003. Darin werden Hinweise aus Studien zur positiven Wirkung von Vitamin C auf das Immunsystem und Auswirkungen bei Atemwegserkrankungen zusammengefasst. Es wird gefordert, dass man erforschen möge, ob Vitamin C auch bei SARS-Erkrankungen hilfreich sein könnte. Das SARS-Virus gehört ebenso wie das neuartige SARS-CoV-2 zu den Coronaviren (Robert-Koch-Institut: „Was sind Coronaviren?“).

Vitamin C ist gut für den menschlichen Körper

Nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) wirkt Vitamin C antioxidativ, das heißt, dass es schädliche Verbindungen im menschlichen Körper abfängt und so die Zellen und Moleküle im Körper vor Schäden schützt. Das schreibt uns eine Sprecherin der DGE auf Anfrage per E-Mail: „Eine gute Versorgung mit Vitamin C ist wichtig für ein funktionierendes Immunsystem. Eine unzureichende Zufuhr kann sich unter anderem in einer erhöhten Infektanfälligkeit äußern.“

Die E-Mail der Sprecherin der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. (Screenshot: CORRECTIV)

Ob Vitamin C – wie behauptet – in hoher Dosierung gegen das neuartige Coronavirus wirkt, kann auch die DGE-Sprecherin nicht beantworten: „Das Coronavirus ist bisher nicht ausreichend erforscht. Zu möglichen positiven Wirkungen des Vitamins auf das Coronavirus ist daher keine Aussage möglich.“

Experten: Vitamin-C-Zufuhr bei ausgewogener Ernährung ausreichend

Spitzbart empfiehlt in seinem Facebook-Beitrag „zur Prophylaxe die orale Aufnahme von drei Gramm pro Tag“, „im Erkrankungsfall“ gar bis zu 30 Gramm täglich.

Das geht weit über die offiziellen Empfehlungen der DGE hinaus: Demnach sind für Erwachsene zwischen 95 Milligramm (Frauen) und 110 Milligramm (Männer) Vitamin C täglich ausreichend, bei Kindern ist die empfohlene Tagesdosis geringer. Diese Dosis erreiche man schon mit einem Apfel am Tag, schreibt die Sprecherin der DGE: „Bereits ein Glas Orangensaft und eine Portion gegarter Brokkoli (150 Gramm) oder eine Portion gegarter Rosenkohl (150 Gramm), eine Kiwi und ein Apfel liefern 150 Milligramm des Vitamins.“

Dieter Hoffmann vom Institut für Virologie bestätigt per E-Mail: „Insgesamt sind wir bei ausgewogener Ernährung gut mit Vitamin C versorgt. Ob in dieser Situation zusätzliche Zufuhr einen nützlichen Effekt hat, ist zweifelhaft.“

Auch die Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen warnt in einem Beitrag auf ihrer Webseite ausdrücklich vor Anbietern, die Nahrungsergänzungsmittel zur Behandlung von Covid-19 bewerben: „Da dieser Virus erst seit kurzer Zeit bekannt ist, gibt es noch keine Studien, die eine Wirksamkeit von bestimmten Pflanzen, Vitaminen oder Mineralstoffen gegen ihn beweisen.“ Die Autoren raten deutlich davon ab, besonders große Mengen an Vitaminen zu sich zu nehmen.

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China testet Vitamin-C-Infusionen zur Behandlung von Lungenentzündungen 

Am Zhongnan Krankenhaus im chinesischen Wuhan läuft zwar derzeit eine wissenschaftliche Studie zur Behandlung der durch das neuartige Coronavirus verursachten Lungenentzündungen mit Vitamin-C-Infusionen. Die Ergebnisse sollen jedoch erst Ende September dieses Jahres veröffentlicht werden.

Der österreichische Verein Mimikama hat zu dem Beitrag ebenfalls einen Faktencheck veröffentlicht und führt darin einen Beitrag in der Fachzeitschrift Expert Review of Anti-infective Therapy von Dezember 2019 an. Die Autoren thematisieren darin In-vitro-Studien, bei denen sehr hohe Dosen von Vitamin C tatsächlich eine „viruzide“ Wirkung aufwiesen, also Viren abtöteten. Die Autoren halten es aber für „höchst unwahrscheinlich“, dass Vitamin C außerhalb der Laborbedingungen Viren direkt abtöten könne.

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Es gibt keine Belege, dass Vitamin C Viren abtöten kann.

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Offenbar versuchen Betrüger, aus der Coronavirus-Krise Kapital zu schlagen. (Symbolbild: Pixabay) 

von Alice Echtermann

Derzeit teilen viele Menschen in sozialen Netzwerken Warnungen, dass Menschen in Schutzanzügen herumlaufen und sich als Mitarbeiter des Gesundheitsamtes ausgeben. Die Meldung hat einen wahren Kern. Es ist allerdings unklar, welches Ausmaß die Masche wirklich hat.

Während sich das neuartige Coronavirus weiter ausbreitet, verstärken über soziale Netzwerke verbreitete Warnungen die Ängste der Menschen. Aktuell geht die Nachricht um, Menschen in Schutzanzügen würden sich als Mitarbeiter des Gesundheitsamtes ausgeben und versuchen, sich Zutritt zu Wohnungen zu verschaffen. 

Ein Facebook-Beitrag dazu vom 19. März wurde bereits mehr als 8.100 Mal geteilt. Auch in Messenger-Diensten wie WhatsApp wird die Nachricht verbreitet, wie uns Leser per E-Mail mitteilten. Das Problem an dieser Nachricht ist, das sie unspezifisch ist – sie enthält keinen genauen Ort. 

Nachricht auf Whatsapp
Diese Nachricht auf Whatsapp wurde CORRECTIV von Lesern geschickt. (Quelle: privat)

Wie real diese Gefahr ist, ist schwer einzuschätzen. Einzelne Vorfälle, vor denen Polizei und Medien warnten, könnten zu falschem Alarm andernorts geführt haben. Fest steht aber: Warnungen der Polizei vor einer solchen Betrugsmasche gibt es. 

Warnung in Nienburg stammte vom Landkreis 

In dem Facebook-Beitrag geht es konkret um Nienburg. Tatsächlich warnte der Landkreis Nienburg am 20. März vor Personen, die sich als Gesundheitsamt-Mitarbeiter ausgeben. Mehrere Medien griffen die Warnung auf, zum Beispiel Radio Bremen

Der Pressesprecher des Landkreis Nienburg, Cord Steinbrecher, schrieb uns per E-Mail, dass eine Person in Quarantäne von Menschen in Schutzkleidung aufgesucht wurde, die einen Abstrich nehmen wollten – es habe aber nachweislich durch das Gesundheitsamt keinen Einsatz dort gegeben. „Parallel erreichten uns zwei weitere Hinweise mit ähnlichen Schilderungen. Wir haben uns daraufhin entschieden, die uns zur Verfügung stehenden Kanäle (BIWAPP, Internetseite und Twitter) zu nutzen, um die Bevölkerung vor dieser Gefahr zu warnen.“ BIWAPP ist eine Bürgerinfo- und Warn-App. 

Auf Nachfrage teilte die Polizei Nienburg CORRECTIV per E-Mail mit: „Die Polizeiinspektion Nienburg/Schaumburg ist in einem solchen Sachverhalt alarmiert worden, die eingesetzten Beamten konnten aber vor Ort keine Feststellungen treffen. Am Wochenende haben sich aus polizeilicher Sicht in unserem Zuständigkeitsbereich keine weiteren derartigen Sachverhalte ereignet bzw. sind uns nicht gemeldet worden.“

Lokale Polizeidienststellen warnen vor verschiedenen Tricks

Überall in Deutschland gibt es aktuell Berichte über mutmaßliche Betrugsmaschen, die oft vor allem ältere Menschen zum Ziel haben. Manchmal scheint es eine Variante des telefonischen „Enkeltricks“ zu sein – zum Beispiel in Mannheim. Manchmal kommen offenbar Menschen vorbei und behaupten, sie müssten Tests durchführen.

So berichtete die Leipziger Polizei am 18. März von einem konkreten Fall, bei dem Unbekannte einem Mann am Telefon sagten, ein Verwandter sei infiziert und man müsse ein Team von Coronavirus-Testern vorbeischicken. Es seien dann tatsächlich Personen in Schutzanzügen aufgetaucht und hätten unter anderem einen Mundabstrich gemacht. Es sei jedoch nichts gestohlen worden. 

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Die Polizei Leipzig stellte deshalb klar: „Sowohl Ärzte als auch Teams des Gesundheitsamtes kommen im Stadtgebiet Leipzig nicht zu potentiell infizierten Personen nach Hause und nehmen dort auch keine Abstriche! Ebenso wird ein so genannter ‘Schweißtest’ an den Unterarmen bei einer Coronainfizierung nicht durchgeführt.“

Von einer anderen Variante schreibt die Polizei Konstanz: In Anrufen sei behauptet worden, Geldscheine seien mit dem Coronavirus verseucht und müssten ausgehändigt werden. 

Oft kein konkreter Verdacht

Eine Suche im Presseportal zeigt, dass diverse weitere Polizeistellen Warnungen herausgegeben haben, zum Beispiel in:

Wichtig ist aber auch: Nicht immer liegt den Warnungen ein konkreter Fall zugrunde. Die Polizei im Kreis Minden-Lübbecke schreibt zum Beispiel, das LKA warne zwar vor einer neuen Betrugsmasche, aber: „Derartige Fälle aus dem Kreis Minden-Lübbecke sind gegenwärtig weder der Kreispolizeibehörde noch dem Krisenstab des Kreises bekannt.“

Und die Polizei Konstanz schreibt, eine Meldung, nach der Menschen in Schutzanzügen herumlaufen würden, habe sich nicht bestätigt: „Sämtliche Überprüfungen der Polizei verliefen negativ, es konnten keine Personen angetroffen oder Nachweise erlangt werden, dass tatsächlich solche Personen unterwegs waren.“

Unsere Bewertung:
Richtig. Es gibt Warnungen von Polizeidienststellen und einzelnen Städten, dass Betrüger sich als Mitarbeiter des Gesundheitsamtes ausgeben. Das Ausmaß der Masche ist unklar. 

Image from iOS
Diese Falschmeldung leiten aktuell viele Menschen bei Whatsapp weiter (Screenshot: CORRECTIV).

von Cristina Helberg

Viele Menschen verbreiten aktuell eine falsche Warnung vor aus der Luft verbreiteten Desinfektionsmitteln bei Whatsapp. Die Polizei München hat bereits öffentlich reagiert: Es handele sich um eine Falschmeldung. Auch das Innenministerium spricht von „Fake News“.

Die bei Whatsapp versandte Warnung vor Hubschraubern, die angeblich Desinfektionsmittel versprühen sollen, erfüllt typische Merkmale einer per Kettenbrief verbreiteten Falschnachricht: Sie schürt Ängste und warnt vor etwas. „Heute Abend ab 23:30 Uhr sollte niemand auf der Straße sein. Türen und Fenster sollten geschlossen bleiben, da 5 Hubschrauber Desinfektionsmittel in die Luft sprühen, um das Coronavirus auszurotten. Bitte verbreiten Sie diese Informationen an alle Ihre Kontakte!“ 

Die Zeitangaben sind scheinbar konkret, jedoch bei genauerem Hinsehen beliebig. Weder Ort noch Datum sind angegeben. Und zuletzt folgt wie bei allen Kettenbriefen der Aufruf, die Nachricht zu verbreiten. 

Nicht nur in Deutschland teilten viele Menschen die Warnung, sondern auch in Österreich. Sowohl die Polizei München als auch die Polizei Wien haben bereits öffentlich auf Twitter reagiert und klargestellt: Es handelt sich um eine Falschmeldung. „Nein! Hubschrauber versprühen keine Desinfektionsmittel über Bayern“, schrieb die Polizei München in einem Tweet am 22. März. „Insbesondere über Messenger-Dienste werden derzeit gezielt Falschmeldungen und böswillige Gerüchte verbreitet.“ 

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Die Polizei Wien meldete auf Twitter: „Achtung Fake News. Da wir hier und via Notruf vermehrt besorgte Anfragen dazu bekommen: Es werden keine Hubschrauber über Wien fliegen und es werden auch keine Chemikalien versprüht!“  

Tweet der Polizei Wien vom 19. März 2020 (Screenshot: CORRECTIV).

Tweet der Polizei Wien vom 19. März 2020 (Screenshot: CORRECTIV).

Auf Anfrage von CORRECTIV schrieb ein Sprecher des Bundesinnenministeriums am 23. März: „Bei der von Ihnen erwähnten Behauptung handelt es sich nach unserer Einschätzung um ‘„Fake News’“. Ein Versprühen von Desinfektionsmitteln per Hubschrauber ist nicht geplant. Sollten heute Abend Hubschrauberflüge stattfinden, dann nur im Rahmen der üblichen Einsätze (z.B. Rettungseinsätze).“

Unsere Bewertung:
Falsch. Laut Bundesinnenministerium, Polizei München und Polizei Wien handelt es sich um eine Falschmeldung.

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Wassertrinken oder Gurgeln können das Coronavirus SARS-CoV-2 nicht aufhalten. (Symbild: Daria Shevstova/Pexels)

von Bianca Hoffmann

In einem Facebook-Post wird behauptet, das Coronavirus bleibe für vier Tage in der Kehle, bevor es die Lunge erreicht. Deswegen würde es helfen, viel Wasser zu trinken und zu gurgeln. Das ist nicht richtig.

Am 16. März behauptete ein Nutzer auf Facebook, das Coronavirus bleibe, bevor es die Lunge erreicht, für vier Tage in der Kehle. In dieser Zeit würde die infizierte Person anfangen zu husten und habe Schmerzen im Hals. Anscheinend wurde der Facebook-Beitrag automatisch ins Deutsche übersetzt. Es heißt dort wörtlich: „Wenn sie viel Wasser nimmt und mit warmen Wasser, Salz oder Essig Gargarejo macht, wird der Virus eliminiert.“ Gargarejo ist Portugiesisch und bedeutet Gurgeln. 

In dem Facebook-Beitrag wird behauptet, Gurgeln helfe gegen SARS-CoV-2. (Screenshot vom 20. März 2020: CORRECTIV)
In dem Facebook-Beitrag wird behauptet, Gurgeln helfe gegen SARS-CoV-2. (Screenshot vom 20. März 2020: CORRECTIV)

Der Beitrag wurde bis zum 20. März 2020 schon mehr als 17.200 Mal geteilt. 

Die Behauptung ist nicht richtig. Weder Trinken noch Gurgeln können das Coronavirus abtöten oder die Erkrankung mit Covid-19 eindämmen. 

Coronavirus befindet nicht auf den Zellen, sondern darin

Im ersten Teil des Beitrags auf Facebook wird behauptet, das Virus bleibe für vier Tage in der Kehle, bevor es die Lunge erreicht. „Wie lange das Virus in welcher Zelle verbleibt, lässt sich aktuell unseres Wissens nach noch nicht sagen. Anzunehmen ist aber eine längere Verweildauer. Die Wissenschaft wird hier mittelfristig Antworten liefern können“, schreibt Dr. Achim Jerg, Internist vom Uniklinikum Ulm in einer E-Mail an CORRECTIV.  

Entscheidend sei, erklärt Jerg, dass sich das Virus nicht auf den Zellen befindet, wie zum Beispiel Bakterien, sondern in den Zellen. „Initiale Eintrittspforte des Virus sind die Zellen der oberen Atemwege, in welche das Virus eindringt.“

Wassertrinken und Gurgeln halten das Virus nicht auf

Als Nächstes werden im Facebook-Beitrag mögliche Handlungsempfehlungen abgegeben. Zum einen steht dort, man solle viel trinken. Das ist generell gesund. Laut WHO kann es jedoch eine Infektion mit dem Coronavirus nicht verhindern. Das teilte die Organisation bereits am 8. Februar auf Twitter mit.  

Und auch das Gurgeln wird die Infektion nicht verhindern. Achim Jerg schreibt dazu: Da sich das Virus in den Zellen befinde und nicht darauf, sei „es dem Gurgeln nicht zugänglich. Nach aktuellem Wissensstand lässt sich der Eintritt der Viren nur durch hygienische Maßnahmen (z.B. Händehygiene, Social Distancing) verhindern.“

Unsere Bewertung:
Falsch. Wassertrinken und Gurgeln helfen nicht gegen das Coronavirus.

Matteo Bassetti
Der italienische Arzt Matteo Bassetti erklärte in einem Interview Ende Februar, dass noch niemand in Italien am Coronavirus gestorben sei. (Screenshot: CORRECTIV)

von Steffen Kutzner

In einem Interview, das aktuell auf Youtube verbreitet wird, sagt der italienische Virologe Matteo Bassetti, dass in Italien bisher niemand ursächlich am Coronavirus gestorben sei. Das Interview wurde jedoch schon Ende Februar aufgenommen.

Auf Youtube wurde am 15. März ein Video hochgeladen, in dem ein italienischer Arzt vermeintlich die aktuelle Lage durch das Coronavirus in Italien erklärt. 

Matteo Bassetti, Direktor der auf Infektionskrankheiten spezialisierten Universitätsklinik Ospedale San Martino im norditalienischen Genua, sagt darin laut dem deutschen Übersetzer, dass das Virus nur wie eine „starke Grippe“ sei. Es habe bisher keine Fälle gegeben, in denen eine Coronainfektion ohne Vorerkrankung zum Tod geführt habe. Er sagt auch, dass bisher insgesamt erst elf Todesfälle bekannt seien. Am Ende des Videos wird als Text eingeblendet „Der Corona Virus ist Quatsch“.

Das Video, das bereits mehr als 209.000 Aufrufe auf Youtube hat, scheint im krassen Gegensatz zu den offiziellen Zahlen der WHO über Italien zu stehen, die zum Zeitpunkt der Veröffentlichung des Youtube-Videos am 15. März 1.441 Tote zählte. Bis zum 19. März verdoppelte sich diese Zahl auf 2.978 Tote.

Das Video-Interview mit Bassetti ist von Ende Februar

Der Grund für Bassettis Aussagen wird klarer, wenn man das Video zu seiner ersten Veröffentlichung zurückverfolgt: Es wurde schon am 26. Februar von der Genova Post auf Facebook gestellt und dort seitdem 2,4 Millionen Mal aufgerufen. Zu diesem Zeitpunkt gab es in Italien laut WHO tatsächlich erst elf Todesfälle.

Auf unsere Anfrage nach einer Einschätzung des Arztes in der italienischen Öffentlichkeit schrieben uns die italienischen Faktenchecker von Pagella Politica, dass Bassetti zu Beginn des Ausbruchs in Italien bekannt geworden sei, weil es den Anschein erweckt habe, er würde die Gefahr der Epidemie herunterspielen. 

Auszug der Mail von Pagella Politica zur Einschätzung von Matteo Bassetti. (Screenshot: CORRECTIV)
Auszug der Mail von Pagella Politica zur Einschätzung von Matteo Bassetti. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Behauptung, dass in Italien niemand allein am Coronavirus gestorben sei, also ohne Vorerkrankungen zu haben, ist nach heutigem Stand falsch.

Studien zu Vorerkrankungen mit unterschiedlichem Ergebnis

Das italienische Istituto Superiore de Sanità, die Gesundheitsbehörde, die ähnlich wie das Robert-Koch-Institut in Deutschland Handlungsempfehlungen an die Bevölkerung und die Regierung Italiens ausgibt, hat am 17. März eine Studie veröffentlicht, für die 2003 gestorbene Corona-Patienten untersucht wurden. Bei einer Stichprobe von 355 dieser Patienten wurden die Vorerkrankungen aufgeschlüsselt: Drei von ihnen hatten keinerlei Vorerkrankungen. Das entspricht einem Anteil von 0,8 Prozent.

Auszug aus der Studie des Istituto Superiore de Sanità. „Patologie“ bedeutet Krankheiten, die die infizierten Patienten zusätzlich zum Coronavirus hatten. (Screenshot: CORRECTIV)
Auszug aus der Studie des Istituto Superiore de Sanità. „Patologie“ bedeutet Krankheiten, die die infizierten Patienten zusätzlich zum Coronavirus hatten. (Screenshot: CORRECTIV)

Ob und wie diese Vorerkrankungen tatsächlich einen Einfluss auf Verlauf oder Ausgang der Infektion hatten, geht aus der Studie nicht hervor. Ein mit dem Coronavirus infizierter Patient, der eine Vorerkrankung hat, muss nicht zwingend an dieser Vorerkrankung gestorben sein. Diese können unterschiedlich schwer sein. Viele der 355 Patienten in der italienischen Studie hatten zum Beispiel Bluthochdruck (76,1 Prozent) oder Diabetes (35,5 Prozent). 

Die Zahlen zu den Vorerkrankungen sind zudem von Land zu Land verschieden. Eine andere Studie, die am 17. Februar von der chinesischen Gesundheitsbehörde Chinese Center for Disease Control and Prevention veröffentlicht wurde, gibt bei 1.023 Todesfällen durch das Coronavirus bei 133 keine Vorerkrankung an. Das entspricht einem Anteil von 13 Prozent.

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Fazit: Die Angaben von Matteo Bassetti zu den Todeszahlen in Italien waren zum Zeitpunkt des Interviews korrekt, die Situation hat sich aber seit dem 26. Februar verändert. Das Youtube-Video vom 15. März wurde aus dem zeitlichen Kontext gerissen und führt deshalb in die Irre.

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Das Interview wurde schon Ende Februar aufgezeichnet.

US-Soldaten kommen zum Manöver Defender Europe
Am 5. März kamen 180 US-Soldaten am Flughafen Nürnberg an, um am Nato-Manöver Defender-Europe-20 teilzunehmen. Das Manöver war lange geplant, wurde aber wegen des Coronavirus unterbrochen. (Foto: picture alliance/Christian Albrecht/Flughafen Nürnberg/dpa)

von Steffen Kutzner

In einem Facebook-Post wird behauptet, während der Corona-Krise würden 37.000 US-Soldaten in Europa einmarschieren. Sie seien immun gegen das Coronavirus. Beides ist falsch. Gemeint ist das Nato-Manöver „Defender-Europe 20“. Es wurde von medialer Berichterstattung begleitet und kürzlich wegen des Virus unterbrochen.

Auf Facebook wurde am 14. März in einem Beitrag behauptet, die Öffentlichkeit sei nicht über ein großes Militärmanöver der USA in Europa informiert worden. Angeblich würden 37.000 „bis an die Zähne bewaffnete“ US-Soldaten ankommen. Die Verfasserin deutet an, dies geschehe absichtlich, während die Menschen in Europa durch das Coronavirus abgelenkt seien. Es klingt, als würden die US-Truppen heimlich in Europa einmarschieren. Zudem wird behauptet, die amerikanischen Soldaten wären immun gegen SARS-CoV-2. 

Das stimmt nicht. Es gibt viele Medienberichte über das Manöver namens Defender-Europe 20, das über die Nato organisiert wurde. Auch die Spekulationen, die US-Soldaten seien immun gegen das neuartige Coronavirus, sind erfunden. 

Das Militärmanöver war auf sechs Monate ausgelegt

Zwischen Januar und Mai 2020 sollte in Europa die größte Militärübung der Nato seit mehr als 25 Jahren stattfinden, heißt es in einem Informationsflyer der Bundeswehr. Ursprünglich sollte die Übung inklusive der Rückverlegung der US-Truppen bis Juli 2020 laufen.

An dem Manöver sollten zwar tatsächlich 37.000 Soldaten beteiligt sein, darunter aber nur 29.000 US-Soldaten: 20.000 Soldaten, die aus den USA nach Europa verlegt würden, plus weitere 9.000, die bereits in Europa seien. Der Rest sind Einheiten der deutschen Bundeswehr und anderer Staaten. Die USA wolle laut Bundeswehr üben, eine Division von den USA nach Osteuropa zu verlegen.

Das Manöver hat also schon im Januar begonnen. Die Bundeswehr hat ihren Teil der Übung in Deutschland am 16. März jedoch wegen des Coronavirus vorzeitig abgebrochen, die USA dagegen haben laut einer Mitteilung am 16. März offiziell die Truppenbewegungen bis auf Weiteres ausgesetzt.

Es gab in Deutschland zahlreiche Medienberichte über das Manöver, etwa am 12. Februar beim ZDF oder am 25. Februar in der Süddeutschen Zeitung. Das Manöver fand also keineswegs heimlich statt, wie es in dem Facebook-Beitrag angedeutet wird. Auch schon vor Beginn von „Defender-Europe 20“ wurde von deutschen Medien berichtet, etwa im Oktober 2019 bei der Welt.

Nato-Manöver wurde wegen Covid-19 unterbrochen

Im Facebook-Beitrag wird außerdem die Behauptung aufgestellt, die US-Streitkräfte seien „völlig gesund und daher völlig immun gegen das ‘Coronavirus‘. […] Warum können italienische Bürger dieses Virus bekommen und nur das US-Militär kann problemlos durch dasselbe Italien ziehen?“ Es wird keine Quelle für diese Behauptung genannt. 

Sie ist außerdem völlig haltlos, denn die Truppenbewegungen wurden laut der Pressemitteilung des Europäischen Kommandos der USA wegen des Ausbruchs des Virus am 13. März – also einen Tag vor der Veröffentlichung des Facebook-Beitrags – unterbrochen. Die Gesundheit und Sicherheit von Militär, Zivilisten und Familienangehörigen sei das wichtigste, heißt es in der Mitteilung. 

Screenshot US Army Defender-Europe 20
Auszug aus einer Pressemitteilung der U.S. Army Europe. (Screenshot: CORRECTIV)

Der Facebook-Post gibt also einige Zahlen des Nato-Manövers falsch wieder, zudem ist die Andeutung einer Geheimaktion falsch. Es wurde kommuniziert und deutsche Medien haben über das Manöver berichtet.

Auch die Facebook-Seite „Spucknik“ verbreitete den Text am 15. März. Die Seite veröffentlicht nach eigenen Angaben Satire, hat den Beitrag aber offensichtlich nicht selbst verfasst – und aus den Nutzerkommentaren geht hervor, das viele ihn durchaus ernst nehmen.

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Über das Manöver wurde berichtet. Es wurde wegen des Coronavirus unterbrochen.

Särge Faktencheck
Dieses Foto steht nicht in Zusammenhang mit der aktuellen Coronavirus-Krise in Italien. (Collage: CORRECTIV)

von Bianca Hoffmann

In mehreren Beiträgen auf Facebook wird ein Foto mit vielen Särgen gezeigt. Angeblich zeigt das Bild die derzeitige Situation in Italien, wo viele Menschen durch das neuartige Coronavirus gestorben sind. Das ist jedoch falsch. Das Foto entstand schon 2013.

Ein Facebook-Nutzer hat am 18. März ein Bild von Särgen veröffentlicht, auf denen Blumen liegen. Dazu schreibt er: „Auch Deutschland wird sich an dieses Bild gewöhnen müssen. Erst recht, wenn weiterhin alle Beschlüsse mit Füßen getreten werden. BITTE BITTE BLEIBT ZUHAUSE, WENN IHR WEITER LEBEN WOLLT.“ Im Bild ist außerdem zu lesen: „Vielleicht ein Grund, dass alle mal Zuhause bleiben. So schauts in Italien aus.“ Der Beitrag wurde inzwischen mehr als 2.000 Mal geteilt. 

Der Beitrag einer anderen Facebook-Nutzerin mit dem gleichen Bild wurde bisher mehr als 2.800 Mal geteilt. 

An dem Aufruf, zu Hause zu bleiben, ist nichts Falsches. Das Bild ist allerdings aus dem Zusammenhang gerissen worden. Es entstand schon 2013. Damals ertranken vor Lampedusa zahlreiche Flüchtlinge. 

Foto hat keinen Zusammenhang zur aktuellen Situation in Italien

Wir haben das Bild bei der Bilderrückwärtssuche von Tineye hochgeladen. Direkt der erste Link führte in die Bilderdatenbank der Foto-Agentur Getty Images

Das Foto wurde demnach von der französischen Presseagentur AFP gemacht. In der Bildunterschrift ist zu lesen: „Diese Särge der Opfer wurden am 5. Oktober 2013 in einem Hangar des Flughafens von Lampedusa gesehen, nachdem ein Boot mit Migranten gesunken ist und mehr als hundert Menschen umgekommen sind.“ Weitere 200 Menschen würden noch vermisst.

Am 3. Oktober 2013 sank vor der Küste von Lampedusa ein Schlepperboot mit Flüchtlingen und Migranten. Fast 500 Menschen aus Somalia und Eritrea waren an Bord, wie es in diesem Medienbericht der Süddeutschen Zeitung heißt. 339 von ihnen konnten nur noch tot aus dem Meer geborgen werden. 

Abgesehen von dem Foto ist die Botschaft der Facebook-Nutzer im Kern richtig. Italien ist bislang nach China das Land mit den meisten Coronavirus-Erkrankungen und -Todesfällen. SARS-CoV-2 hat laut WHO dort bis zum 18. März schon knapp 2.500 Todesopfer gefordert

Angela Merkel rät dazu, Abstand zu anderen Menschen zu halten

In ihrer Rede an die Nation rief Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am 18. März dazu auf: „Im Moment ist nur Abstand Ausdruck von Fürsorge!“ (Youtube-Video, ab Minute 9:11). Sie wiederholt in ihrer Rede die Ratschläge von Experten, um eine Infektion zu vermeiden: 

  • gründlich und oft die Hände waschen,
  • 1,5 Meter Abstand zu anderen Personen halten,
  • kein Handschlag mehr,
  • kaum noch Kontakte zu Menschen, die zu einer Risikogruppe gehören.

Das Bild mit den Särgen tauchte übrigens nicht nur in Deutschland auf. Auch in Sri Lanka gibt es Facebook-Beiträge mit dem Foto, die von Faktencheckern aus Sri Lanka überprüft wurden. 

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Das Foto ist alt und hat nichts mit dem Coronavirus zu tun.

Coronavirus - Jobcenter in Berlin geschlossen
Jobcenter schränken Arbeit wegen Coronavirus ein – aber schließen nicht komplett. (Foto: picture alliance/Stefan Jaitner/dpa)

von Steffen Kutzner

In einem Artikel wird behauptet, ab dem 18. März seien sämtliche Jobcenter und Arbeitsagenturen geschlossen. Schuld daran sei das neuartige Coronavirus. Richtig ist: Es soll keine persönlichen Termine mehr geben, für Notfälle gibt es aber eine Kontaktmöglichkeit vor Ort. 

In einem Artikel der Webseite „Gegen Hartz“ wird behauptet, alle Jobcenter und Arbeitsagenturen würden ab Mittwoch (18. März) schließen. Beratungen sollen dann nur noch per Telefon stattfinden. Das habe die Webseite aus einer internen Quelle erfahren. 

Diese Behauptung ist nur zum Teil richtig. Die Behörden schließen nicht komplett. Die Überschrift des Artikels ist daher etwas irreführend. 

Artikel von Gegen Hartz
Die Überschrift des Artikels auf der Webseite gegen-hartz.de. (Screenshot: CORRECTIV)

Persönlicher Kontakt in Notfällen noch möglich

Ab dem 18. März gibt es keinen offenen Kundenzugang mehr in Jobcentern und Arbeitsagenturen, heißt es in einer Pressemitteilung der Bundesagentur für Arbeit vom 17. März. Vollständig geschlossen seien die Einrichtungen jedoch nicht: Im Notfall sei ein persönlicher Kontakt möglich. 

In einer früheren Pressemitteilung vom 15. März bat die Bundesagentur für Arbeit darum, alle Anliegen bis auf Weiteres telefonisch zu klären. Auch dort hieß es, die Agenturen und Jobcenter seien in Notfällen weiterhin persönlich erreichbar. 

Laut Bundesagentur für Arbeit sind allerdings alle Kundentermine vorerst abgesagt und Fristen außer Kraft gesetzt. Eine telefonische oder schriftliche Absprache sei nicht nötig, und auch rechtliche Konsequenzen drohten nicht. Auch Arbeitslosmeldungen, für die man sonst persönlich vorbeikommen müsse, könnten vorerst telefonisch erfolgen und Anträge in die Hausbriefkästen geworfen werden. Die Auszahlung der Geldleistungen sei gesichert.

Ein persönliches Erscheinen solle „wirklich nur im Notfall“ erfolgen, heißt es in der Pressemitteilung vom 15. März. Auf Twitter schrieb die Arbeitsagentur zudem am 16. März, dass wegen einer Überlastung des Telefonnetzes auch Anrufe nur in Notfällen getätigt werden sollten.

Tweet der Bundesagentur für Arbeit
Der Tweet der Bundesagentur für Arbeit vom 16. März. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Arbeitsagentur bestätigte CORRECTIV gegenüber per E-Mail noch einmal, dass die Dienststellen auch nach dem 18. März besetzt seien und weiter arbeiten würden. Persönliche Vorsprachen seien nicht möglich. Für Notfälle werde allerdings eine „Kontaktmöglichkeit vor Ort“ geschaffen.

Die Mail der Bundesagentur für Arbeit
Eine Referentin der Bundesagentur erklärt, dass für Notfälle persönliche Kontaktmöglichkeiten geschaffen werden. (Screenshot: CORRECTIV)

Die „interne Quelle“ von „Gegen Hartz“ ist offenbar die Pressemitteilung der Bundesagentur für Arbeit vom 15. März. Darin steht aber nicht, dass alle Jobcenter wegen des neuartigen Coronavirus’ geschlossen werden, sondern dass der Publikumsverkehr auf ein Minimum reduziert wird. 

Unsere Bewertung:
Größtenteils richtig. Die Jobcenter arbeiten eingeschränkt, schließen aber nicht komplett.