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Screenshot aus der betreffenden Sendung „Heute Journal“ vom 8. Juli 2020. (Quelle: ZDFheute Nachrichten/Youtube, Screenshot: CORRECTIV)

von Steffen Kutzner

Auf Facebook wird ein Versprecher eines Nachrichtenmoderators in mehreren Beiträgen erwähnt und als vorsätzliche Lüge dargestellt. Dass sich der Sprecher noch in derselben Sendung korrigiert hat, wird unterschlagen.

In mehreren FacebookBeiträgen wird auf einen Versprecher von „Heute Journal“-Moderator Heinz Wolf hingewiesen. Er hatte in einem ZDF-Beitrag vom 8. Juli 2020 zu aktuellen Fallzahlen des Coronavirus in den USA (ab 14:12 im Video) versehentlich von 130 Millionen Menschen gesprochen, die dort an den Folgen des Coronavirus gestorben seien. 

Einige Facebook-Nutzer sehen dies als Beleg für „Fake News“, also bewusste Falschinformation. Sie zeigen jedoch nur den Videoausschnitt mit dem Versprecher. Dass Heinz Wolf seinen Fehler noch in derselben Sendung korrigierte, wird in den Beiträgen nicht erwähnt.

Als Wolf seinen Fehler einige Minuten nach seinem Versprecher korrigierte (ab 22:37 im Video), nannte er die richtige Zahl von etwa 130.000 Toten (Stand 8. Juli). Der Moderator entschuldigte sich für den Fehler.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Der Nachrichtensprecher machte einen Fehler, korrigierte diesen aber und entschuldigte sich.

Unfall in Bulgarien im Jahr 2016
Dieses Foto von einem Unfall in Bulgarien kursiert erneut auf Facebook. (Screenshot vom 10. August: CORRECTIV)

von Sarah Thust

In Sozialen Netzwerken kursiert ein Foto von einem Unfall in Bulgarien. Es zeigt einen schwarzen PKW am Straßenrand mit deutschem Kennzeichen. Angeblich werden Familienangehörige gesucht. Doch das Foto stammt aus dem Jahr 2016.

Auf Facebook kursiert ein Foto von einem schwarzen PKW mit einem deutschen Kennzeichen, das mit den Buchstaben MTK (Main-Taunus-Kreis) beginnt. Das Bild zeigt einen Unfall in Bulgarien, heißt es in einem Beitrag, der Anfang Juli veröffentlicht wurde. Bei dem Unfall sei ein Mann gestorben, eine Frau liege schwer verletzt im Krankenhaus. Nun werden angeblich Familienangehörige gesucht. Deshalb bittet die Facebook-Nutzerin darum, das Foto zu teilen. 

Der Beitrag vom 7. Juli wurde bereits mehr als 10.000 Mal geteilt. Ein Faktencheck zeigt jedoch: Der Aufruf führt in die Irre. Er suggeriert, dass der Unfall aktuell sei. Er liegt jedoch vier Jahre zurück.

Dieses Foto von einem Unfall in Bulgarien kursiert erneut auf Facebook.
Dieses Foto von einem Unfall in Bulgarien kursiert erneut auf Facebook. (Screenshot vom 10. August: CORRECTIV)

Der Unfall in Bulgarien ereignete sich 2016

In dem Beitrag heißt es: „In Bulgarien hat ein PKW kennzeichen MTK […] schweres Unfall gehabt. Mann ist verstorben, Frau liegt Schwerferletzt im Spital, bitte soviel wie Möglich TEILEN Familien angehörige werden gesucht [sic!]“ Das Bild wird aktuell auch mit einem anderen Text geteilt, wie die Faktenchecker von Mimikama am 7. Juli berichteten

Das Foto wurde demnach bereits im Jahr 2016 in den Sozialen Netzwerken verbreitet – mit dem Aufruf, dass Angehörige gesucht werden. Eine Bilder-Rückwärtssuche ergibt für diesen Zeitraum dazu zwar keine Treffer, aber die Polizei Westhessen hat am 17. Juni 2016 auf Facebook bestätigt, dass das Bild echt ist und es den Unfall gab. Allerdings bat sie schon damals darum, das Foto nicht weiterzuverbreiten.

Polizei schrieb 2016 auf Facebook, die Angehörigen seien bereits informiert

„Unsere Polizeistationen im Main-Taunus-Kreis erreichen momentan zahlreiche Anrufe und persönliche Besuche. Grund ist die Sorge von Menschen, dass bei dem schweren Unfall in Bulgarien ihre Familie betroffen sein könnte“, hieß es in dem Beitrag der Polizei. „Bitte teilt die Unfallbilder NICHT weiter. Solltet Ihr sie sehen, würde es uns helfen, wenn Ihr sie entsprechend kommentiert: Die Angehörigen sind bereits informiert!“

Die Polizei Westhessen bat schon 2016 darum, das Bild nicht weiterzuverbreiten.
Die Polizei Westhessen bat schon 2016 darum, das Bild nicht weiterzuverbreiten. (Screenshot: CORRECTIV)

Auch 2016 hatte Mimikama schon darüber berichtet. Die Meldung über den Unfall wurde damals offenbar auch in türkischen Medien verbreitet, wie aus einem Tweet der Polizei Westhessen hervorgeht.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Es wird suggeriert, es handele sich um einen aktuellen Unfall. Er geschah jedoch 2016.

Collage ohne Titel
Screenshot des auf Facebook und Twitter geteilten Zeitungsausschnitts, in dem unter anderem das Renteneintrittsalter, das Rentenniveau und die Wohneigentumsquote von Deutschland, Italien und Frankreich verglichen wurden. (Quelle: Facebook, Collage: CORRECTIV)

von Steffen Kutzner

Deutschland habe im Vergleich zu Italien und Frankreich ein niedrigeres Rentenniveau, eine niedrigere Wohneigentumsquote, ein niedrigeres mittleres Vermögen pro Kopf und ein höheres Renteneintrittsalter – das legt ein auf Facebook verbreitetes Foto nahe. Jedoch lassen sich die Renten- und Wirtschaftssysteme unterschiedlicher Länder kaum miteinander vergleichen.

In Sozialen Netzwerken kursiert ein abfotografierter Zeitungsausschnitt, in dem jeweils bezüglich Deutschland, Italien und Frankreich das mittlere Vermögen pro Person, die Wohneigentumsquote, das Rentenniveau und das Renteneintrittsalter einander gegenübergestellt werden. Das Bild wurde auf Facebook und Twitter insgesamt über 23.000 Mal geteilt.Verbreitet wurde es unter anderem vom Facebook-Account der AfD Offenbach Land und Russlanddeutsche für die AfD.

Der auf Facebook und Twitter geteilte Zeitungsausschnitt. (Quelle: Facebook)

Der Ausschnitt stammt offenbar aus der Regionalzeitung „Neues Gera“, wie eine Google-Suche nach dem Text zeigt. In der Ausgabe vom 5. Juni 2020 findet sich der Abschnitt unter dem Titel „Ist Deutschland wirklich so reich?“ auf Seite 9. 

Mittleres Vermögen pro Person liegt in Deutschland bei 35.313 US-Dollar

Laut des Berichts „Global Wealth Databook 2019“, den die Schweizer Bank Credit Suisse herausgab, liegt das durchschnittliche Vermögen eines Deutschen bei knapp 217.000 US-Dollar und hat sich somit seit dem Jahr 2000 mehr als verdoppelt. Die durchschnittlichen Werte für Frankreich und Italien lagen bei 276.121 (Frankreich) und 234.139 (Italien) US-Dollar pro Person (PDF zum Download; Seite 20). 

Die Zahl aus dem Facebook-Bild bezieht sich dagegen nicht auf das durchschnittliche Vermögen, sondern offenbar auf das mittlere Vermögen, also auf den Median, wie er im „Global Wealth Databook“ angegeben ist. Dieser Wert lag im Jahr 2019 in Deutschland demnach bei 35.313 US-Dollar pro Person, in Italien bei 91.889 und in Frankreich bei 101.942 (Seite 108). Die Zahlen in dem Beitrag stimmen also mit den offiziellen Daten überein und scheinen aktuell zu sein.

Zum Vermögen werden auch Eigentumswohnung und -häuser gezählt, daher erklärt sich der Unterschied des mittleren Vermögens zwischen den Ländern zum Teil aus dem nächsten Punkt, der Wohneigentumsquote:

Wohneigentumsquote in Deutschland im Vergleich am niedrigsten

Laut Eurostat, dem Statistischen Amt der EU, lag der Anteil der Bürger, die nicht zur Miete, sondern in Eigenheimen wohnten, im Jahr 2018 in Deutschland bei 51,5 Prozent, in Italien bei 72,4 Prozent und in Frankreich bei 65,1 Prozent. Die Zahlen in dem auf Facebook geteilten Beitrag sind also korrekt. Potenzielle Gründe für diese Unterschiede werden jedoch nicht genannt weder im Screenshot, noch im Ursprungsartikel

Auszug der Aufstellung der Wohneigentumsquote in Europa laut Eurostat. (Quelle: Eurostat, Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

Mögliche Gründe für die niedrige Wohneigentumsquote und dem Reiz zum Mieten in Deutschland zählt die Bundesbank in einem Beitrag auf: „Höhere Grunderwerbsteuern machen Immobilien zu einem teureren und weniger liquiden Vermögenswert; die fehlende Abzugsmöglichkeit für Hypothekenzinsen für Eigennutzer ist zwar steuersystematisch schlüssig, verteuert aber die Finanzierungskosten, und das Mieten von Sozialwohnungen bietet, sofern verfügbar, eine kostengünstige Alternative zum Wohneigentum.“ 

Die wohnungspolitischen Maßnahmen in Deutschland würden sich damit „in besonderer Weise“ von denen in anderen Ländern unterscheiden. Dieser Kontext fehlt in dem Beitrag, der auf Facebook geteilt wird.

Rentenniveau (netto) liegt aktuell in Deutschland bei 48,2 Prozent

Dass Rentensysteme unterschiedlicher Länder in Beiträgen in Sozialen Netzwerken miteinander verglichen werden, kommt immer wieder vor. Jedoch lassen sich die unterschiedlichen Systeme kaum vergleichen, da sie sehr unterschiedlich sein können – je nachdem wie groß oder klein beispielsweise der Anteil der gesetzlichen Rente am gesamten Altersvorsorgekonzept ist. Ist dieser Anteil hoch, ist auch die Abgabe an die Rentenversicherung höher als in einem Land, in dem der Anteil geringer ist; etwa weil dort die private Altersvorsorge stärker subventioniert wird. 

Laut Webseite der Deutschen Rentenversicherung zeigt das Rentenniveau die „Relation zwischen der Höhe einer Rente (45 Jahre Beitragszahlung auf Basis eines durchschnittlichen Einkommens) und dem durchschnittlichen Einkommen eines Arbeitnehmers“. Das Rentenniveau bezieht sich auf einen angenommenen Durchschnittsrentner und die Rente vor steuerlichen Abzügen („Sicherungsniveau vor Steuern“). Die aktuellste Information stammt aus dem Rentenversicherungsbericht 2019. Das Rentenniveau liegt demnach aktuell nicht bei 48,1, sondern bei 48,2 Prozent (Seite 11 im Bericht). 

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Das deutsche Rentenniveau in dem Zeitungsausschnitt ist also das „Sicherungsniveau vor Steuern“. Die anderen beiden Zahlen, für Italien und Frankreich, stammen jedoch nach unseren Recherchen aus einem Bericht der Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD) und sind nicht damit vergleichbar. 

Zahlen für Italien und Frankreich stammen vermutlich aus OECD-Bericht von 2017

Der Bericht der OECD „Renten auf einen Blick“ vergleicht unter anderem die Renten-Nettoersatzquoten von Ländern weltweit. Die Nettoersatzquote beschreibt das Verhältnis der Altersrente zu dem, was zuvor verdient wurde – netto, also nach Steuern. 

Ein Blick in den Bericht der OECD von 2017 zeigt, dass die Nettoersatzquote stark variiert – nicht nur von Land zu Land, sondern auch von Einkommensgruppe zu Einkommensgruppe. Für Durchschnittsverdiener in Italien werden 93,2 Prozent angegeben, für Frankreich 74,5 Prozent. Deutschlands Nettoersatzquote von Durchschnittsverdienern lag laut OECD 2017 bei 50,5 Prozent (Seite 121 im Bericht). Bis auf Deutschland entsprechen diese Zahlen den Angaben in dem Zeitungsartikel. 

In dem Zeitungsartikel werden also Werte verglichen, die ganz unterschiedlich berechnet wurden. Zudem sind die Zahlen veraltet, da es von der OECD bereits einen neuen Bericht für das Jahr 2019 gibt, der zu anderen Zahlen kommt: Deutschland: 51,9 Prozent, Italien: 91,8 Prozent und Frankreich: 73,6 (Seite 159 im Bericht).

Wie wir bereits für einen anderen Faktencheck recherchierten, ist die Nettoersatzquote anders als das deutsche „Sicherungsniveau vor Steuern“ eine theoretische Modellrechnung. Sie bezieht sich auf die fiktive Rente eines 20-Jährigen, der (im Falle des OECD-Berichts von 2017) 2016 in den Arbeitsmarkt eingetreten ist.

Auszug aus dem OECD-Bericht „Renten auf einen Blick 2017“ mit den Rentenniveaus für Gering-, Durchschnitts- und Besserverdiener. (Quelle: OECD-Bericht „Renten auf einen Blick 2017“, S. 119, Screenshot und Markierungen: CORRECTIV)

Die Angabe der Nettoersatzquote oder des Rentenniveaus allein sagt zudem nichts über die tatsächliche Versorgung im Alter aus. So lag die durchschnittliche Rente in Italien Anfang 2019 laut der italienischen Sozialversicherung INPS bei 1.197 Euro (Seite 16). In Deutschland lag sie Ende 2018 bei 864 Euro (West) (Seite 34/35 in der Zeile „Rente wegen Alters insgesamt“) und 1.075 Euro (Ost) (Seite 36/37 in der Zeile „Rente wegen Alters insgesamt“). Der Unterschied ist also nicht so groß, wie der Unterschied der Nettoersatzquoten zunächst vermuten lässt.

OECD: Durchschnittliches Renteneintrittsalter lag in Deutschland 2018 bei 65,5 Jahren

Für Personen, die 1964 oder später geboren wurden, liegt die Regelaltersgrenze für den Renteneintritt in Deutschland bei 67 Jahren. Im Moment liegt das Durchschnittsalter noch leicht darunter: Laut des Berichts der OECD aus dem Jahr 2019 lag das durchschnittliche Renteneintrittsalter im Jahr 2018 in Deutschland bei 65,5 Jahren. In Frankreich lag es durchschnittlich bei 63,3 Jahren und in Italien bei 67 Jahren (Männer) und 66,6 Jahren (Frauen).

Übersicht des durchschnittlichen Rentenalters im Jahr 2018 aus dem OECD-Bericht „Pensions At Glance 2019“. (Quelle: OECD-Bericht „Pensions At Glance 2019“, S. 139, Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

Um grundsätzlich Anspruch auf die gesetzliche Altersrente zu haben, muss man in Italien 67 Jahre alt sein und 20 Jahre eingezahlt haben. In Frankreich liegt das Mindestalter für Personen, die ab 1955 geboren wurden, bei 62 Jahren.

Fazit: Die Zahlen zum Rentenniveau in dem Zeitungsartikel stammen aus unterschiedlichen Quellen und wurden anhand von verschiedenen Modellen berechnet. Sie sind daher nicht vergleichbar. 

Einzelne spezifische Werte des Renten- und Wirtschaftssystems unterschiedlicher Länder miteinander zu vergleichen, ist nicht sinnvoll, weil diese einzelnen Punkte einander beeinflussen und bedingen. So hat Italien laut OECD etwa eine deutlich höhere Nettoersatzquote, was sich aber nicht in deutlich höheren Rentenzahlungen niederschlägt. Zudem hängen Zahlen wie das Rentenniveau oder die Wohneigentumsquote von vielen anderen Faktoren ab, wie der wirtschaftlichen Situation eines Landes oder wohnungspolitischen Maßnahmen.

Update, 11. August 2020: In einer früheren Version dieses Faktenchecks hatten wir die Nettoersatzquote der OECD mit dem Rentenniveau („Sicherungsniveau vor Steuern“) gleichgesetzt. Die Zahlen werden jedoch unterschiedlich berechnet und sind nicht vergleichbar. Wir haben den Fehler korrigiert.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Es fehlt Kontext – Renten- und Wirtschaftssysteme unterschiedlicher Länder lassen sich nicht sinnvoll vergleichen.

Am vergangenen Samstag fanden in Berlin Proteste gegen die Corona-Maßnahmen statt. In Sozialen Netzwerken kursieren viele falsche Behauptungen über die Anzahl der Teilnehmer.
Am vergangenen Samstag fanden in Berlin Proteste gegen die Corona-Maßnahmen statt. In Sozialen Netzwerken kursieren viele falsche Behauptungen über die Anzahl der Teilnehmer. (Quelle: Picture Alliance/ Christoph Soeder/ dpa)

von Uschi Jonas

Am vergangenen Samstag protestierten in Berlin Menschen gegen die Corona-Maßnahmen. Über die Zahl der Teilnehmer an der Demonstration und der anschließenden Kundgebung gibt es in Sozialen Netzwerken unterschiedliche Angaben. Manche behaupten, es seien 500.000 bis 3,5 Millionen Menschen gewesen. Das ist falsch.

Update, 6. August: Leserinnen und Leser haben uns darauf hingewiesen, dass wir in unserem Text die Kundgebung auf der Straße des 17. Juni falsch verortet hatten. Die Polizei hatte uns mitgeteilt, dass der Hauptbereich auf Höhe des Sowjetischen Ehrendenkmals gelegen habe. Das ist nicht richtig. Der Bereich der Kundgebung lag zwischen der Yitzhak-Rabin-Straße und dem Großen Stern. Wir bitten diesen Fehler zu entschuldigen und haben den Text überarbeitet. Die Gesamtbewertung dieses Faktenchecks veränderte sich dadurch nicht.

„Das Ende der Pandemie – Tag der Freiheit“ – unter diesem Motto protestierten am vergangenen Samstag organisiert von der Initiative „Querdenken 711“ Menschen gegen die Corona-Maßnahmen in der Hauptstadt. Laut der Polizei Berlin fanden sich zunächst gegen 11 Uhr Unter den Linden Menschen für einen Demonstrationszug zusammen. Anschließend gab es ab 15.30 Uhr eine Kundgebung auf der Straße des 17. Juni.

Doch vor allem die Zahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer sorgt im Nachgang für Diskussionen. In Sozialen Netzwerken kursieren zahlreiche Behauptungen und Vergleiche mit früheren Veranstaltungen wie der Love Parade, die von den offiziellen Angaben der Polizei abweichen. CORRECTIV hat einige dieser Behauptungen überprüft. Sie alle übertreiben die realistische Teilnehmerzahl bei der Kundgebung um ein Vielfaches. 

Behauptung 1: Luftaufnahme zeigt Teilnehmer der Anti-Corona-Kundgebung

In Sozialen Netzwerken tauchen zahlreiche Fotos auf, die die Anti-Corona-Kundgebung am vergangenen Samstag mit der Teilnehmerzahl bei der Techno-Veranstaltung Love Parade in Bezug setzen. In einem Facebook-Beitrag wird zum Beispiel mit einer Luftaufnahme behauptet, die Kundgebung habe auch rund um den Großen Stern und die Siegessäule stattgefunden, die Straßen seien in alle Himmelsrichtungen voller Demonstranten gewesen.

In einem Facebook-Beitrag wird mit einem Foto der Love Parade 2001 behauptet, dass es mehr Teilnehmer bei der Anti-Corona-Kundgebung gegeben habe als die Polizei meldete. (Quelle: Facebook, Screenshot und Schwärzungen: CORRECTIV)
In einem Facebook-Beitrag wird mit einem Foto der Love Parade 2001 behauptet, dass es mehr Teilnehmer bei der Anti-Corona-Kundgebung gegeben habe als die Polizei meldete. (Quelle: Facebook, Screenshot und Schwärzungen: CORRECTIV)

Eine Bilder-Rückwärtssuche bei Google ergibt jedoch, dass das verwendet Foto nicht die Kundgebung vom vergangenen Samstag zeigt. Stattdessen stammt es von der Love Parade am 21. Juli 2001, aufgenommen von einem Fotografen der Presseagentur AP. Die Polizei zählte damals laut Medienberichten 800.000 Besucher, die Veranstalter sprachen von rund einer Million. 

Fotos zeigen Kundgebung kurz nach ihrem Beginn

Auf Nachfrage von CORRECTIV erklärte ein Sprecher der Polizei Berlin am Montag, dass die Kundgebung unter dem Motto „Das Ende der Pandemie – Tag der Freiheit“ für den Bereich auf der Straße des 17. Juni zwischen dem Sowjetischen Ehrendenkmal bis zum Brandenburger Tor angemeldet gewesen sei. Im weiteren Verlauf sei die Demonstration bis zur Yitzhak-Rabin-Straße erweitert worden. Der Bereich bis zum Großen Stern sei nur aus Sicherheitsgründen ebenfalls abgesperrt gewesen. 

Luftaufnahmen zeigen jedoch, dass das nicht stimmen kann. Ein Foto der Deutschen Presse-Agentur (DPA) zeigt, dass sich für die Kundgebung Menschen auf der Straße des 17. Juni versammelten. An einer Stelle ist die Strecke durch mehrere Kastenwagen der Polizei getrennt. Klar zu sehen ist, dass die Hauptkundgebung westlich von der Absperrung stattgefunden hat – zu erkennen ist eine große Bühne mit dem Banner der Initiative „Querdenken“.

Eine Luftaufnahme der DPA von der Anti-Corona-Kundgebung vor dem Brandenburger Tor am 1. August. Sie entstand etwa eine halbe Stunde nach Beginn der Veranstaltung. (Quelle: Picture Alliance/ Christoph Soeder/ dpa)
Eine Luftaufnahme der DPA von der Anti-Corona-Kundgebung vor dem Brandenburger Tor am 1. August. Sie entstand etwa eine halbe Stunde nach Beginn der Veranstaltung. (Quelle: Picture Alliance/ Christoph Soeder/ dpa)

Beim Hineinzoomen in die Luftaufnahme ist östlich von der Polizei-Absperrung eine Statue zu erkennen: „Der Rufer“. Wie Google Maps zeigt, steht diese Statue zwischen Brandenburger Tor und dem Sowjetischen Ehrendenkmal und somit östlich von der Yitzhak-Rabin-Straße. Zu erkennen ist ebenfalls, dass die Polizeiwagen in der Nähe von Ampeln platziert sind. Daher ist es plausibel, dass sie etwa auf Höhe der Yitzhak-Rabin-Straße stehen.

Der Bildausschnitt zeigt, dass die Statue „Der Rufer“ zwischen der Polizeiabsperrung und dem Brandenburger Tor steht. Die Ampeln zeigen, dass die Polizeiwagen mutmaßlich etwa auf Höhe der Yitzhak-Rabin-Straße standen. (Foto: Picture Alliance/Christoph Soeder/dpa, Markierung: CORRECTIV)
Der Bildausschnitt zeigt, dass die Statue „Der Rufer“ zwischen der Polizeiabsperrung und dem Brandenburger Tor steht. Die Ampeln zeigen, dass die Polizeiwagen mutmaßlich etwa auf Höhe der Yitzhak-Rabin-Straße standen. (Foto: Picture Alliance/ Christoph Soeder/ dpa, Markierung: CORRECTIV)

Die Kundgebung unter dem Motto „Das Ende der Pandemie – Tag der Freiheit“ fand folglich im Bereich zwischen Yitzhak-Rabin-Straße und Siegessäule statt. CORRECTIV hat die Polizei Berlin am Donnerstag damit konfrontiert, doch keine Rückmeldung mehr erhalten. 

Das Ende der Menschenmenge ist zwar auf dem Foto der DPA nicht ersichtlich, aber es ist zu erkennen, dass sich die Menschenmenge am unteren Rand des Fotos Richtung Siegessäule bereits ausdünnt. 

Auf Nachfrage von CORRECTIV teilte die DPA mit, dass die Luftaufnahme des Fotografen Christoph Soeder zwischen 16:03 und 16:10 Uhr entstanden sei. Da die Kundgebung laut Polizei rund 30 Minuten zuvor um 15:30 Uhr begann, ist davon auszugehen, dass ein Großteil der Teilnehmer zum Zeitpunkt des Fotos anwesend war. Es existieren zudem keine Aufnahmen, die zeigen, dass die Kundgebung bis zum Großen Stern reichte oder gar darüber hinaus. 

Eine andere Luftaufnahme, die von der Tagesschau veröffentlicht wurde, bestätigt, dass die Menschenmenge nicht bis zur Siegessäule reichte. Ein Tagesschau-Redakteur wies uns darauf hin, dass das Foto von Imago Images stamme. Auf Nachfrage von CORRECTIV teilte der Imago-Fotograf Christian Spicker mit, dass das Foto um 15:39 Uhr entstanden sei, also kurz nach dem offiziellen Beginn der Kundgebung. Ein größerer Ausschnitt des Fotos bei der Tagesschau zeigt ebenfalls, dass sich die Menge deutlich ausdünnt und zumindest zum Zeitpunkt des Fotografierens  nicht bis zur Siegessäule reichte.

Fazit: Falsch. Ein Foto, das Menschenmassen rund um den Großen Stern zeigt, stammt nicht von der Anti-Corona-Kundgebung am 1. August in Berlin, sondern von der Love Parade im Jahr 2001. Luftbilder der Kundgebung „Das Ende der Pandemie – Tag der Freiheit“ am 1. August zeigen deutlich geringere Menschenmengen.. 

Behauptung 2: Die Teilnehmerzahl bei der Kundgebung vor dem Brandenburger Tor habe nicht etwa 20.000, sondern 500.000 bis über eine Million Menschen betragen

In einer Pressemitteilung teilte die Berliner Polizei bereits am Samstag, mit, dass sich bei der Kundgebung 20.000 Menschen vor dem Brandenburger Tor versammelt hatten. 17.000 hätten an der davor stattgefundenen Demonstration, also dem Aufzug, der durch die Stadt führte, teilgenommen. Der Demonstrationszug war von 11 bis 15:30 Uhr angemeldet und stand unter dem Motto „Versammlung für die Freiheit“, wie ein Polizeisprecher CORRECTIV am Telefon erläuterte. 

Der Zug sollte eigentlich bis zur Straße des 17. Juni gehen, aber kam schon zuvor zum Ende, so der Polizeisprecher. Gestartet sei er Unter den Linden 74 bis 76 und zog dann über die Friedrichstraße, Torstraße, Rosenthaler Straße, Weinmeisterstraße, Münzstraße, Memhardstraße, Karl-Liebknecht-Straße, Spandauer Straße, den Molkenmarkt, Leipziger Straße, Glinkastraße, Dorotheenstraße und die Ebertstraße. Er endete noch vor der Straße des 17. Juni. 

Am Montag sagte der Pressesprecher der Polizei CORRECTIV, dass sich an der Schätzung der Teilnehmerzahl nichts geändert habe. Weiter erklärte er, es sei üblich, dass die Polizei bei Großlagen wie bei der Veranstaltung am vergangenen Samstag in Berlin Polizeihubschrauber einsetze, um die Teilnehmerzahlen abzuschätzen. 

„Der Polizeihubschrauber hat eine Kamera an Bord. Von dort findet eine Direktübertragung der Bilder an den Führungsstab statt. Dieser nimmt anhand der Bilder dann eine Schätzung vor. Gespeichert werden die Bilder jedoch nicht, da dies datenschutzrechtlich verboten ist“, sagte der Pressesprecher CORRECTIV. 

In Sozialen Netzwerken verbreiten sich dennoch zahlreiche Behauptungen, die Teilnehmerzahl habe weitaus höher gelegen und die Medien würden lügen. So heißt es beispielsweise in einem Artikel des rechtspopulistischen Magazins Compact, es seien 500.000 bis eine Million Teilnehmer bei der Kundgebung anwesend gewesen. 

Sind 500.000 oder eine Million Menschen plausibel?

Auf Facebook wird in zahlreichen Beiträgen behauptet, es seien mindestens eine Million Teilnehmer gewesen (zum Beispiel hier, hier oder hier). Recherchen von CORRECTIV zeigen, dass diese Behauptungen nicht richtig sein können. 

Immer wieder sind die Straßen im Tiergarten Schauplatz für Großveranstaltungen in Berlin. Ein Vergleich mit den Aufnahmen und den Informationen über die Teilnehmerzahl der Love Parade zeigt deutlich, dass bei der Kundgebung am Samstag nicht eine Million oder mehr Menschen anwesend gewesen sein können. 

Zwischen 1996 und 2003 fand die Veranstaltung rund um den Großen Stern im Tiergarten statt, 2004 und 2005 fiel sie aus, 2006 fand sie ein letztes Mal in Berlin statt. Auf Nachfrage von CORRECTIV konnte die Polizei Berlin keine Teilnehmerzahlen nennen; das Archiv reiche nicht so weit zurück. 

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Laut dem Online-Portal Statista, das sich als Quelle auf die Veranstalter der Love Parade beruft, betrug die Teilnehmerzahl im Berliner Tiergarten in den Jahren 1996 bis 2006 zwischen 750.000 und maximal 1,5 Millionen (1999).

Bei der Love Parade feierten die Teilnehmer dicht gedrängt nicht nur (wie am vergangenen Samstag bei der Anti-Corona-Kundgebung) auf dem Abschnitt zwischen Yitzhak-Rabin-Straße und Siegessäule, sondern auf der ganzen Strecke zum Brandenburger Tor und auch auf allen Straßen rund um den Großen Stern. 

Das zeigen Fotos wie das bereits erwähnte Luftbild der Presseagentur AP von dem Event 2001, bei dem die Veranstalter von einer Million Menschen sprachen und die Polizei von 800.000. Immer wieder kommt es vor, dass Veranstalter höhere Angaben machen als die Polizei. Dennoch ist es nicht möglich, dass bei der Kundgebung „Das Ende der Pandemie – Tag der Freiheit“ ähnlich viele Menschen anwesend waren wie bei der Love Parade.

Schätzungen zeigen, es hätten dicht gedrängt maximal rund 173.600 Menschen bei der Anti-Corona-Kundgebung Platz gehabt

Das Online-Tool „Mapchecking“ ermöglicht es, die maximale Anzahl stehender Personen in einem bestimmten Gebiet zu schätzen. Das Tool bietet die Möglichkeit, bis maximal sieben Personen pro Quadratmeter die Größe einer Menschenmenge zu schätzen. Das Maximum liege bei fünf Menschen auf einem Quadratmeter; alles darüber hinaus sei ein großes gesundheitliches Risiko, zeigt eine Analyse zu Sicherheit und Risiko von Menschenansammlungen von Keith Still. Still ist ein Mathematik-Professor, der auch ein Gutachten zur Love Parade 2010 erstellt hat, bei der es zu einer Massenpanik kam.

So dicht gedrängt stehen Menschen der Studie von Keith Still zufolge, wenn auf einen Quadratmeter fünf Personen kommen (Quelle: Keith Still, Screenshot: CORRECTIV)
So dicht gedrängt stehen Menschen der Studie von Keith Still zufolge, wenn auf einen Quadratmeter fünf Personen kommen (Quelle: Keith Still, Screenshot: CORRECTIV)

Selbst bei der Annahme von fünf Personen pro Quadratmeter beträgt die Schätzung des Tools „Mapchecking“ lediglich rund 173.600 Personen, die auf dem Bereich zwischen Yitzhak-Rabin-Straße und Siegessäule Platz hätten.

Selbst dicht gedrängt hätten in dem Bereich der Kundgebung lediglich rund 173.600 Menschen Platz gehabt, wie das Tool „Mapchecking“ zeigt. (Quelle: Mapchecking, Screenshot: CORRECTIV)
Selbst dicht gedrängt hätten in dem Bereich der Kundgebung lediglich rund 173.600 Menschen Platz gehabt, wie das Tool „Mapchecking“ zeigt. (Quelle: Mapchecking, Screenshot: CORRECTIV)

In Sozialen Netzwerken kursiert zudem die Behauptung, die Polizei habe nicht alle Protestierenden, die zur Kundgebung „Das Ende der Pandemie – Tag der Freiheit“ auf die Straße des 17. Juni wollten, auch dort hin gelassen. Stattdessen seien zahlreiche Menschen in Seitenstraßen und rund um den Großen Stern geleitet worden. 

Dies verneinte der Pressesprecher der Polizei gegenüber CORRECTIV: „Wir haben alle, die zu dieser Kundgebung wollten, auch in den Kundgebungsbereich hineingelassen.“ Hinter der Yitzhak-Rabin-Straße oder rund um den Großen Stern seien keine Menschen umgeleitet worden, auch habe es dort keine weiteren Versammlungen gegeben. Die Behauptung ist also unbelegt.

Rund um das Brandenburger Tor fanden andere Kundgebungen statt

Lediglich – wie auch auf Luftaufnahmen zu erkennen – rund um das Brandenburger Tor und den Pariser Platz habe es einen weiteren abgesperrten Bereich gegeben, so der Polizeisprecher. 

Wie auf Fotos erkennbar ist, war dieser Bereich von der Kundgebung „Das Ende der Pandemie – Tag der Freiheit“ durch die Kastenwagen der Polizei abgetrennt. „Es waren Teilnehmer anderer Kundgebungen“, sagte der Polizeisprecher. Um das Brandenburger Tor hätten im Tagesverlauf weitere Kundgebungen stattgefunden, die von anderen Veranstaltern angemeldet worden seien. 

„Dort hatten wir zeitgleich eine Versammlung unter dem Motto ‘Reform 3000  – Stolperstein auf der Querdenker-Demo’, die angemeldet war von 10:30 bis 18 Uhr. Und ebenfalls auf dem Pariser Platz eine Kundgebung ‘Gegen Rassismus, Antisemitismus – kein Fußbreit den Verschwörungstheoretikern’ von 10:30 bis 17:30 Uhr“, so der Sprecher. Die Angaben der Polizei von 20.000 Teilnehmer beziehen sich auf die große Kundgebung „Das Ende der Pandemie – Tag der Freiheit“.

Zur Teilnehmerzahl der anderen Kundgebungen um das Brandenburger Tor und auf dem Pariser Platz macht die Polizei keine Angaben. Großzügig mit dem „Mapchecking“-Tool berechnet hätten dort dicht gedrängt (fünf Personen pro Quadratmeter) 88.200 Menschen Platz.

Dicht gedrängt hätten in dem Bereich um das Brandenburger Tor rund 88.200 Menschen Platz gehabt, wie das Tool „Mapchecking“ zeigt. (Quelle: Mapchecking, Screenshot: CORRECTIV)
Dicht gedrängt hätten in dem Bereich um das Brandenburger Tor rund 88.200 Menschen Platz gehabt, wie das Tool „Mapchecking“ zeigt. (Quelle: Mapchecking, Screenshot: CORRECTIV)

Jedoch ist auf Fotos zu sehen, dass die Menschen auch dort nicht dicht gedrängt versammelt waren.

Eine Ausschnitt der Luftaufnahme der DPA zeigt die Menschenmenge vor dem Brandenburger Tor. (Quelle: Picture Alliance/ Christoph Soeder/ dpa, Screenshot: CORRECTIV)
Eine Ausschnitt der Luftaufnahme der DPA zeigt die Menschenmenge vor dem Brandenburger Tor. (Quelle: Picture Alliance/ Christoph Soeder/ dpa, Screenshot: CORRECTIV)

Fazit: Falsch. Es haben nicht 500.000 bis über eine Million Menschen an der Kundgebung auf der Straße des 17. Juni teilgenommen. Die Polizei spricht von 20.000, Schätzungen zufolge würde die Fläche zwischen Yitzhak-Rabin-Straße und Siegessäule maximal rund 173.600 Menschen dicht gedrängt zulassen. So dicht standen die Menschen am Samstag Luftaufnahmen zufolge jedoch nicht. Diese entstanden kurz nach Beginn der Veranstaltung. Selbst wenn später noch zahlreiche weitere Menschen zu der Kundgebung hinzugestoßen wären, sind Zahlen von 500.000 oder mehr Teilnehmern nicht realistisch. 

3. Behauptung: Die Polizei habe selbst von 800.000 Teilnehmern beim Demonstrationszug gesprochen

In einem Facebook-Beitrag wird behauptet, die Polizei habe von 800.000 Menschen bei der Anti-Corona-Demonstration gesprochen, die durch die Stadt zog. Auch Daniel Wald, Landtagsabgeordneter der AfD in Sachsen-Anhalt verbreitet diese Behauptung auf Facebook.

Auf Nachfrage von CORRECTIV dementierte die Polizei Berlin diese Behauptung. Telefonisch bestätigte ein Sprecher die in einer Pressemitteilung am Samstag veröffentlichten Zahlen. Demnach nahmen höchstens 17.000 Personen an der Demonstration teil, die am Samstag gegen 11 Uhr Unter den Linden begann und gegen 14 Uhr noch vor der Straße des 17. Juni endete.

In einem Tweet teilte die Polizei Berlin bereits am 1. August mit, dass sie die „exorbitant höhere Zahl, die laut verschiedener Tweets durch uns genannt worden sein soll“ nicht bestätigen könne.

Fazit: Falsch. Die Polizei sprach nicht von 800.000 Teilnehmern bei der Demonstration, sondern von 17.000.

4. Behauptung: Die Polizei habe getwittert, es seien 3,5 Millionen Teilnehmer bei der „Tag der Freiheit“-Demonstration bestätigt

Auf Facebook wird außerdem ein angeblicher Tweet der Polizei Berlin verbreitet. Demnach habe die Polizei getwittert: „Auf der ‘Tag der Freiheit’ Demonstration können wir zurzeit mindestens 3,5 Millionen Teilnehmer bestätigen.“ 

Sowohl der Twitter-Account-Name als auch das Logo des Accounts „Polizei Berlin Einsatz“ des Screenshots des angeblichen Tweets stimmen mit dem verifizierten Account der Berliner Polizei überein. Dort ist ein solcher Tweet aber nicht zu finden. 

Auf Nachfrage von CORRECTIV dementierte ein Sprecher der Polizei Berlin, dass die Polizei zu irgendeinem Zeitpunkt einen solchen Tweet veröffentlicht habe.

Eine Google-Suche nach dem Text des Tweets führt zu keinen relevanten Treffern. Der Screenshot des Tweets ist also eine Fälschung.

Auf Facebook wird ein gefälschter Screenshot eines Tweets der Polizei verbreitet (Quelle: Facebook, Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)
Auf Facebook wird ein gefälschter Screenshot eines Tweets der Polizei verbreitet (Quelle: Facebook, Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)

Fazit: Falsch. Die Polizei hat nicht getwittert, sie könne 3,5 Millionen Teilnehmer auf der „Tag der Freiheit“-Demonstration bestätigen.

Update, 5. August 2020: Zunächst hatten wir geschrieben, dass uns die Quelle der Luftaufnahme bei der Tagesschau unbekannt sei; diese Information haben wir ergänzt. Zudem haben wir den Text um Passagen über die angebliche Aufspaltung des Demonstrationszuges durch die Polizei ergänzt und erklärt, dass die Menschen rund um das Brandenburger Tor nicht zur Kundgebung „Das Ende der Pandemie – Tag der Freiheit“ gehörten. 

Unsere Bewertung:
Falsch. Die Angaben von 500.000 oder bis zu 3,5 Millionen Menschen bei dem Protest in Berlin sind falsch.

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Bilder auf Facebook sollen Kannibalismus und Kindesmissbrauch beweisen. (Symbolbild: Unsplash/ Volodymyr Hryschenko)

von Kathrin Wesolowski

In einem Facebook-Video erzählt ein Kind, ein anderes Kind sei gefoltert und gegessen worden. Zudem wurde ein Foto eines Mädchens mit schweren Blutergüssen im Gesicht veröffentlicht. Die Bilder sollen Kannibalismus und Kindesmissbrauch beweisen. Die Behauptungen sind größtenteils falsch.

Ein Kind erzählt weinend und detailliert davon, wie ein anderes Kind grausam getötet und gegessen worden sei. Dieses Video mit ZDF-Logo kursiert auf Facebook. Am 5. Juli wurde es gemeinsam mit einem Foto veröffentlicht, auf dem ein Kind zu sehen ist einmal mit schweren Blutergüssen um die Augen, einmal ohne diese. Auf dem Bild steht: „Diese Augen entstehen bei schwerst gefolterten Kindern“. 

Der Facebook-Beitrag wurde bislang mehr als 1.100 Mal geteilt. Im Text steht unter anderem: „Das kommt jetzt alles an die Öffentlichkeit […] Es geht um weltweiten Menschenhandel, Kindesmissbrauch, satanische Rituale, Kannibalismus!“ Der Beitrag suggeriert also, das Video und das Foto seien Belege, dass es diese Art von Straftaten aktuell in Deutschland gibt. Nach Recherchen von CORRECTIV führt er damit in die Irre.

Das Video und Foto sollen unter anderem Menschenhandel und Kindesmissbrauch beweisen. Diese Behauptung ist größtenteils falsch. (Screenshot: CORRECTIV)

1. Behauptung: Videoausschnitt beweise Menschenhandel, Kindesmissbrauch, satanische Rituale, Kannibalismus

Das Video aus dem Facebook-Beitrag kursiert aktuell auch auf Youtube (zum Beispiel hier, hier und hier). Es zeigt den Ausschnitt mit dem weinenden Kind (ab Minute 4:45). Die Überschrift dazu lautet unter anderem „Satanismus, Kannibalismus & Menschenopfer in Deutschland“. Ebenso wie in dem Facebook-Beitrag von Anfang Juli wird suggeriert, das Video sei aktuell. 

Auf Anfrage von CORRECTIV teilt das ZDF mit, dass der Videoausschnitt aus einem ZDF-Beitrag des Autors Rainer Fromm stammt. Der Beitrag der Sendung „ZDF.reporter“ wurde bereits am 15. Januar 2003 ausgestrahlt und ist folglich 17 Jahre alt.

„Die Reportage hatte den Schwerpunkt ritualisierte Gewalt in Deutschland“, schreibt das ZDF weiter. Ausgangspunkt der Recherche sei ein Bericht der Enquete-Kommission „Sogenannte Sekten und Psychogruppen“ vom 9. Juni 1998 gewesen. Die Kommission setzte sich aus zwölf Mitgliedern des Deutschen Bundestags zusammen. In dem Endbericht waren zahlreiche Schilderungen von Menschen enthalten, die von ritualisierten Gewaltformen berichteten.

In dem ZDF-Beitrag stufte die behandelnde Therapeutin Dagmar Eckers die Aussagen des Mädchens, das von Kannibalismus an Kindern gesprochen hat, als glaubhaft ein. Das bestätigt  auch das ZDF.

Ein Auszug aus der E-Mail des ZDF an CORRECTIV. (Screenshot: CORRECTIV)

ZDF-Beitrag über Kannibalismus ist umstritten

Dennoch war der Fernsehbeitrag umstritten. In dem Beitrag äußerte sich auch an mehreren Stellen (zum Beispiel ab Minute 2) eine damals 34-Jährige zu Kannibalismus, den sie in ihrer Kindheit miterlebt hätte. Die Lokalzeitung Trierischer Volksfreund schrieb im Januar 2004 dazu, die Staatsanwaltschaft habe ein laufendes Verfahren zu dem Fall der Frau eingestellt. Denn an dem Fall sei „überhaupt nichts dran“, zitierte der Volksfreund die Staatsanwaltschaft Trier.

Auf unsere Anfrage schrieb uns die Staatsanwaltschaft Trier, dass dem Verfahren eine Strafanzeige einer Frau zugrunde gelegen habe, „die im Wesentlichen behauptet hatte, jahrelang Opfer von schweren Straftaten im Rahmen satanistischer Handlungen geworden zu sein“. Das Ermittlungsverfahren sei im Dezember 2003 eingestellt worden, da die Vorwürfe nach dem Ergebnis der Ermittlungen haltlos gewesen seien und einer realen Grundlage entbehrt hätten.

Ein Ausschnitt aus der E-Mail der Staatsanwaltschaft Trier. (Screenshot: CORRECTIV)

Fazit: Der Videoausschnitt stammt aus einem ZDF-Beitrag zum Thema ritualisierte Gewalt, dieser ist jedoch von 2003. Er wurde in dem Facebook-Beitrag von Juli 2020 also aus dem Kontext gerissen und ist kein Beleg für aktuellen Kindesmissbrauch in Deutschland. Einen Zusammenhang mit Menschenhandel hat das Video ebenfalls nicht. 

2. Behauptung: Blutergüsse an den Augen des Kindes auf dem Foto seien durch schwerste Folter entstanden

Die zwei Fotos eines Mädchens in dem Facebook-Beitrag führen ebenfalls in die Irre. Sie stammen nicht aus Deutschland und haben auch keinen Bezug zu dem ZDF-Video.

Ein YouTube-Video des britischen Fernsehsenders Channel 4 vom 09. Juli 2015 zeigt den Journalisten Jon Snow, wie er ein Mädchen namens Nema im Gazastreifen besucht. Zu sehen ist das Mädchen zunächst gesund und ohne Blutergüsse. Ein Rückblick zeigt das Mädchen dann ein Jahr zuvor mit den Blutergüssen im Gesicht. Das Titelbild des Videos ist identisch zu dem, das auf Facebook im Zusammenhang mit schwerster Folter geteilt wurde.

Das Titelbild des Videos zeigt das gleiche Foto das auf Facebook geteilt wurde. (Quelle: Youtube, Screenshot: CORRECTIV)

Bereits im Juli 2014 hatte Channel-4-Reporter Jon Snow das Mädchen getroffen. Im Bericht von damals heißt es allerdings nicht, dass das Mädchen gefoltert worden sei. Stattdessen seien die Wunden entstanden, als das Kind in ein Artilleriefeuer geriet. 

Fazit: Das Foto des Mädchens mit den Blutergüssen im Gesicht beweist nicht „schwerste Folter“ und stammt auch nicht aus Deutschland. Das Mädchen hat sich Medienberichten zufolge die Verletzungen durch ein Artilleriefeuer in Gaza zugezogen.

Update, 29. Juli 2020: Wir haben die Bewertung und Teile des Textes sprachlich angepasst, um Missverständnisse zu vermeiden. In der ersten Version dieses Artikels wurde nicht deutlich genug, dass das eingestellte Verfahren der Staatsanwaltschaft sich nicht auf die Aussagen des Kindes in dem ZDF-Video bezog. 

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Video und Foto wurden aus dem Kontext gerissen. Der ZDF-Beitrag ist von 2003, das Bild des Mädchens stammt aus dem Gazastreifen.

Tourismus auf Mallorca
Dieses Foto von 2018 vom Strand El Arenal in Palma verwendeten einige Medien auf irreführende Weise zur Bebilderung aktueller Berichte über Mallorca. (Symbolfoto: picture alliance/Clara Margais/dpa)

von Kathrin Wesolowski

In den Sozialen Netzwerken kursiert ein Foto eines überfüllten Strandes auf Mallorca. Die Behauptung: Es sei von den Nachrichtenseiten Focus-Online und Welt.de für die aktuelle Berichterstattung über Partys ohne Abstand verwendet worden, obwohl es veraltet ist. Das ist richtig – das Archivbild wurde nicht gekennzeichnet.

Hunderte von Menschen an einem Strand, dutzende von Strandliegen und Schirme aneinandergereiht – ein Foto kursiert gemeinsam mit dem Bild eines leeren Strandes in den Sozialen Netzwerken. Beide sollen den Strand El Arenal auf Mallorca zeigen: Das Bild ohne viele Menschen ist laut Bildunterschrift eine aktuelle Aufnahme der „Live Cam Ballermann“ von Wetter.com. Das andere ist offenbar ein Artikelbild der Nachrichtenseite Focus-Online. In der Bildunterschrift auf Facebook steht zusätzlich die Behauptung: „Die Partys am Strand von Mallorca existieren nicht!“

Mit diesen Fotos beschweren sich Nutzer auf Facebook aktuell über die Berichterstattung über Partys auf Mallorca. Sie sollen zeigen, dass Focus-Online ein veraltetes Bild nutzte. Das ist richtig. (Screenshot: CORRECTIV)

Beiträge mit dem gleichen Screenshot des Focus-Online-Artikels (beispielsweise hier und hier) wurden in den vergangenen Tagen auf Facebook tausendfach geteilt.

Das gleiche Strand-Foto wurde laut einem anderen Facebook-Beitrag auch von Welt.de verwendet. Über dem Bild steht „Diese Bilder schockieren die ganze Insel“.  Der Screenshot stammt offenbar aus einem Messenger-Dienst, wurde am 15. Juli auf Facebook geteilt und mittlerweile mehr als 550 Mal geteilt.

Hier wird das Foto eines überfüllten Strandes auf Mallorca geteilt mit dem Titel „Die Bilder schockieren die ganze Insel“. (Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)

Es wird also suggeriert, Focus-Online und Welt.de hätten ein veraltetes Foto verwendet und auf Mallorca habe es keine Partys ohne Abstand am Strand gegeben. CORRECTIV hat diese Behauptung überprüft. Sie ist richtig. Das Foto wurde von Focus-Online und Welt.de in der aktuellen Berichterstattung verwendet, ohne darauf zu verweisen, dass es veraltet ist. 

Foto des überfüllten Mallorca-Strandes entstand wahrscheinlich 2018

Das Foto ist von der DPA und laut der Beschreibung in ihrer Pressefoto-Datenbank aus dem Jahr 2018 . Es wird häufig als Symbolbild für Mallorca-Berichte verwendet. Die Deutsche Welle verwendete es in einem Artikel vom 1. Mai 2020, verwies mit der Bildunterschrift „Von so vollen Stränden wie im Sommer 2018 können die Spanier in diesem Jahr nur träumen“ aber darauf, dass es bereits 2018 entstanden ist. Zudem war es nicht das Titelbild des Artikels.

Warum Demokratie Faktenchecks braucht

Desinformation im Netz ist ein zentrales Problem des 21. Jahrhunderts. Es hat das Potenzial, Demokratien zu zerreiben. Nie war das deutlicher als in der Corona-Krise. Faktenchecker auf der ganzen Welt haben die Gefahr erkannt – und arbeiten trotz Widerstands und Angriffen täglich dagegen an. Warum unsere Arbeit so wichtig ist.

ZUM ARTIKEL

Der Weser-Kurier nutzte das Foto beispielsweise als Titelbild in einem Artikel vom 4. Oktober 2019. Und die Sächsische Zeitung nutzte das Foto bereits in einem Artikel vom 22. September 2019 und schrieb dazu, es sei ein „Symbolbild“. 

Aktuelle Live-Fotos des Strandes El Arenal auf Mallorca zeigen Strände ohne Liegen und Schirme

Wetter.com zeigt mit seiner Live-Webcam aktuelle Bilder des Strandes El Arenal. Auf diesen ist zu sehen, dass es derzeit keine Strandliegen und Schirme dort gibt.

Live-Bilder des Strandes El Arenal auf Mallorca (Stand 22. Juli 2020, 9:18 Uhr). (Quelle: Livecam El Arenal Playa de Palma / Screenshot: CORRECTIV)

Dass an dem Mallorca-Strand illegale Massenpartys stattfanden, wurde weder in dem Artikel von Focus-Online noch in dem Artikel von Welt.de behauptet. Die Verwendung des veralteten Fotos als Titelbild suggeriert das allerdings.

Focus-Online und Welt.de verweisen nicht auf Entstehungsdatum des Mallorca-Fotos

In dem Focus-Online-Artikel vom 19. Juni 2020 mit dem Titel „Für Malle-Urlaub werden Corona-Regeln ignoriert – doch ganze Branche blutet gerade aus“ verwendet die Nachrichtenseite das Foto mit dem überfüllten Strand. Es handelt sich nicht um einen Bericht über Partys auf Mallorca, sondern um einen Meinungsbeitrag des Gastautors Jörg Heynkes, der Event-Unternehmer ist. Er greift allerdings die Verstöße gegen die Corona-Regeln auf. Die Bildunterschrift bei Focus-Online lautet „Strand von El Arenal auf der Balearen-Insel Mallorca“. Dabei wird nicht auf das Entstehungsdatum verwiesen. 

Focus-Online verweist in unter seinem Artikelbild nicht auf das Entstehungsdatum des Fotos. (Screenshot: CORRECTIV)

Welt.de verwendet das Foto des Strandes als Titelbild eines Artikels auf Facebook vom 12. Juli über die Feiern auf Mallorca. Darüber steht tatsächlich „Diese Bilder schockieren die ganze Insel“.

Auch Welt.de nutzt das Archivfoto für die aktuelle Berichterstattung, ohne auf das Entstehungsdatum hinzuweisen. (Quelle. Facebook / Screenshot: CORRECTIV)

In demselben Welt.de-Artikel ist ein Video über die Partys in Mallorca zu sehen mit dem gleichen Foto als Titelbild. Beide Male wird nicht auf das Entstehungsdatum hingewiesen. Im Text zu dem Video steht unter anderem: „Im dichten Gedränge sollen Hunderte Urlauber aus Deutschland am Ballermann gefeiert haben“. Gemeinsam mit dem Foto suggeriert Welt.de, dass die Partys am Strand stattgefunden hätten.

Welt.de nutzt das alte Foto eines überfüllten Strandes auf Mallorca als Titelbild eines Videos über die aktuellen Geschehnisse. (Screenshot: CORRECTIV)

Es gab Verstöße gegen die Corona-Regeln auf Mallorca – die Partys fanden nicht am Strand statt, sondern in der „Bierstraße“

Wie wir in einem anderen Faktencheck überprüften, gab es Partys ohne Abstand auf Mallorca – und zwar von der Nacht des 10. Juli auf den 11. Juli 2020. Diese Feiern fanden aber nicht am Strand, sondern in der sogenannten „Bierstraße“ statt. An diesem Wochenende griffen viele Medien das Thema auf und berichteten darüber. Welt.de griff dafür aber auf das veraltete Foto von 2018 zurück.

Unsere Bewertung:
Richtig. Focus-Online und Welt.de verwendeten ein veraltetes Foto eines überfüllten Strandes auf Mallorca für die aktuelle Berichterstattung, ohne dies kenntlich zu machen.

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Aufnahme vom 10. Juli 2020: Dieses Pressefoto wurde vor dem Lokal „Las Palmeras” in der „Bierstraße” auf Mallorca gemacht. Einige Medien haben auch das Videomaterial dazu veröffentlicht. (Foto: picture alliance/Michael Wrobel/Birdy Media/dpa)

von Sarah Thust

Wurde in Mallorcas Partymeilen wirklich ohne Einhaltung der Corona-Regeln gefeiert? Einige Leute behaupten auf Facebook, es habe keine Partys in Palma de Mallorca gegeben und die Medien würden lügen. Das ist falsch. Kritik müssen sich einige Medien dennoch gefallen lassen.

Auf Facebook kursiert etwa seit dem 15. Juli ein Text einer Frau, die über ihre Erfahrungen im Urlaub auf Mallorca berichtet. Sie suggeriert, dass die Medien die Berichte über feiernde Touristen nahe des Strandes Playa de Palmas auf Mallorca erfunden hätten. Tatsächlich sei zum Beispiel die „Schinkenstraße” (Carrer del Pare Bartomeu Salvà) in Palma, die als Partymeile für deutsche Urlauber bekannt ist, leer gewesen. Der Text der mutmaßlichen Urlauberin wurde auf Facebook mehrfach kopiert, einer der ersten Beiträge wurde bereits mehr als 11.100 Mal geteilt. 

Der Vorwurf: Inmitten der Corona-Krise würden die Medien die Situation am Ballermann falsch darstellen, alte Bilder aus Mallorca zeigen und seien Schuld an der Maskenpflicht. Das ist falsch.

Tatsächlich berichteten Medien von Partys auf Mallorca: Hunderte Menschen hätten am Freitagabend in einer Straße in Palma gefeiert – trotz der strengen Corona-Regeln. Zuerst hatte darüber die Mallorca-Zeitung berichtet. CORRECTIV hat die Situation auf Mallorca rekonstruiert und dabei auch Fehler in der medialen Berichterstattung entdeckt.

Mallorca: Fotos und Videos zeigen viele Besucher auf der „Bierstraße” – und sie sind echt

In dem Beitrag auf Facebook berichtet eine unbekannte Frau von ihrem Urlaub auf Mallorca. Darin heißt es, sie sei am Freitag (gemeint ist wohl der 10. Juli, da der Beitrag nach unseren Recherchen am 15. Juli aufgetaucht ist) von einem sechstägigen Urlaub zurückgekehrt. Belege für ihre Behauptungen führt sie nicht an. 

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Beitrag vom 15. Juli 2020: Eine Facebook-Nutzerin hat diese Nachricht geteilt. Darin heißt es unter anderem, dass in Mallorca Maskenpflicht gelte, weil die Medien lügen würden. (Quelle: Facebook / Screenshot vom 21. Juli: CORRECTIV)

CORRECTIV hat Fotos und Videos gefunden, die belegen, dass in der „Bierstraße“ auf Mallorca in der Nacht vom 10. auf den 11. Juli sehr viele Touristen gefeiert haben, teils auch auf der Straße und ohne Masken. 

Dieses Video der Mallorca-Zeitung in einem Artikel vom 11. Juli und dieses Video vom 10. Juli auf Instagram zeigen die Szenen. Im Fokus liegt dabei auf dem Lokal „Las Palmeras“. CORRECTIV konnte das Instagram-Video verifizieren. Es wurde am Freitag, 10. Juli 2020 um 23:07 Uhr erstellt, wie der Quelltext des Instagram-Beitrags anzeigt. 

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Links ein Ausschnitt aus dem Instagram-Video, rechts ein Blick auf Google Streetview in die „Bierstraße”. Das Restaurant „Deutsches Eck” und das Restaurant „Al Faro” sind deutlich zu erkennen. Das „Las Palmeras” befindet sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite des „Deutschen Ecks”. (Quelle: Instagram und Google Streetview / Screenshots und Collage: CORRECTIV)

Ein Foto der DPA vom 10. Juli zeigt die „Bierstraße“ in Palma de Mallorca

Es gibt außerdem ein Pressefoto der Nachrichtenagentur DPA, das denselben Ort zeigt. Laut eines Fotoredakteurs der DPA wurde es am 10. Juli um 23:19 Uhr aufgenommen.

Las Palmeras 10. Juli 2020 Mallorca
Aufnahme vor dem „Las Palmeras“: „Das Foto wurde am 10. Juli 2020 um 23:19 Uhr erstellt, so steht es in den exif-Daten der Kamera“, bestätigte ein Redakteur der Deutschen Presse-Agentur (DPA) auf Nachfrage von CORRECTIV. (Foto: picture alliance/Michael Wrobel/Birdy Media/dpa)

Den Ort der Aufnahmen konnten wir verifizieren, indem wir die Bilder mit Google Streetview abgeglichen haben: Die Aufnahmen zeigen einen Teil der „Bierstraße”, keine 450 Meter vom ehemaligen „Ballermann 6” entfernt. Genau genommen: den Straßenabschnitt zwischen dem Restaurant „Deutsches Eck” und dem Lokal „Et Dömsche”, wie dieses Video des WDR zeigt.

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„Bierstraße” bei Google Streetview (fotografiert von der gegenüberliegenden Seite im November 2019): Links das „Las Palmeras“, rechts das „Deutsche Eck“. (Quelle: Google Streetview / Screenshot vom 21. Juli: CORRECTIV))

CORRECTIV hat zudem die Aussagen der Frau in dem Facebook-Beitrag einzeln überprüft.

1. Behauptung: Die Medien zeigen die „Schinkenstraße” voll mit feiernden Leuten, dabei war sie leer

Die Aufnahmen von feiernden Touristen, über die viele Medien berichteten (zum Beispiel hier der WDR), stammen nicht – wie in dem Facebook-Beitrag behauptet – aus der „Schinkenstraße” in Palma, sondern aus der „Bierstraße“. 

Medien wie die Tageszeitung WAZ oder die Mallorca-Zeitung haben geschrieben, dass die Bilder aus der „Bierstraße” stammen. In einem Text vom Merkur ist in einer Zwischenüberschrift allerdings auch von „illegalen Corona-Partys in der ‘Schinkenstraße’” die Rede, näher ausgeführt wird das nicht.

Beide Straßen liegen unweit der Strandpromenade Playa de Palma, sie verlaufen parallel zueinander und dazwischen liegen drei andere Straßen (Übersicht auf Google Maps). In der „Schinkenstraße” liegt der Biergarten mit Freiluft-Diskothek „Bierkönig”, der tatsächlich seit Mitte März geschlossen ist, wie CORRECTIV auf Nachfrage von den Betreibern erfuhr. In dieser Straße soll es sehr ruhig zugegangen sein, beschreibt ein Augenzeuge, mit dem wir uns am 19. Juli per Chat auf Facebook unterhalten konnten.

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„Bierstraße” (Carrer de Miquel Pellisa) und „Schinkenstraße” (Carrer del Pare Bartomeu Salvà) bei Google Maps: Die grünen Pfeile mit den eckigen Kästchen markieren die genannten Bars und Restaurants. (Quelle: Google Maps / Screenshot vom 21. Juli: CORRECTIV)

Augenzeuge beschreibt „Bierstraße” als „nie wirklich mega überfüllt” 

„Durch die Schinkenstraße sind wir 2 mal durchgelaufen in dem Zeitraum 09.07. bis 12.07. Jede dort ansässige Disco hatte geschlossen. Von Partys in der Schinkenstraße haben wir also nichts wahrgenommen”, schreibt Niko Papadopoulos. Er kommt aus Nordrhein-Westfalen und hat die Berichterstattung über das Wochenende des 10. und 11. Juli in Palma ebenfalls auf Facebook in einem Kommentar unter einem Beitrag der Bar „Et Dömsche“ kritisiert. Seine Fotos, die CORRECTIV vorliegen, belegen, dass er vom 9. bis 13. Juli auf Mallorca war und mindestens an drei Abenden auch in der „Bierstraße”. 

Facebook-Kommentar
Kommentar von Niko Papadopoulos auf Facebook: Durch diesen Beitrag ist CORRECTIV auf ihn aufmerksam geworden. (Quelle: Facebook / Screenshot vom 21. Juli: CORRECTIV)

Niko Papadopoulos saß am Abend des 10. Juli laut eigener Aussage in der Bar „Et Dömsche” mit Blick auf das „Las Palmeras” schräg gegenüber. CORRECTIV liegt ein Foto von jenem Abend vor, das bestätigt, dass er um 21:58 Uhr Einblick in die „Bierstraße” am „Deutschen Eck” hatte. 

Foto eines Augenzeugen von Mallorca
Aufnahme vom 10. Juli 2020: Dieses Bild eines Urlaubers zeigt das „Deutsche Eck” an der „Bierstraße”, in der sich die Touristen sammeln. (Foto: Niko Papadopoulos/privat)

Papadopoulos schrieb CORRECTIV auf Facebook, dass er jeden Abend in der Bar „Et Dömsche” gewesen sei. Dort habe zu es keiner Zeit Probleme mit Verstößen gegen die Covid-19-Regelungen gegeben. „Beim Aufstehen vom Tisch trugen die Menschen Masken, genauso wie zum Gang auf die Toilette. Die Bedienungen haben die Leute auch häufig dran erinnert”, schrieb er.

„Las Palmeras“ warb offenbar mit günstigen Bierpreisen um Kundschaft

Anders sei das am 10. Juli abends schräg gegenüber gewesen: „Vom Dömsche aus konnte man gut erkennen, was im Las Palmeras los war. Sie haben mit Dumpingpreisen für Getränke die Massen angelockt. Dementsprechend war dort auch die Stimmung. Grölende Feiernde, wie man es von Mallepartys eben gewohnt ist. Der Straßen-DJ hat seine Musik aufgelegt. Im Las Palmeras waren die Tische zwar mit Abständen aufgestellt worden, jedoch gab es dort richtig Stimmung, bis auf die Straße vor dem Laden.” 

Die „Bierstraße” selbst sei allerdings „nie wirklich mega überfüllt” gewesen. Polizeikontrollen habe er an jenem Abend nicht mitbekommen. Dass die Polizei nicht eingeschritten sei, berichtete auch die Mallorca-Zeitung am 11. Juli.

Foto eines Augenzeugen von Mallorca
Am 12. Juli um 1:08 Uhr: Augenzeuge Niko Papadopoulos schreibt, er habe in Mallorcas „Bierstraße” nur an jenem Abend zwei Polizisten auf der Straße gesehen – in den Nächten davor nicht. (Foto: Niko Papadopoulos/privat)

Wirte werfen Medien Manipulation von Bildern vor

Diese Angaben entsprechen in etwa dem, was einige Wirte von jenem Abend berichten, wie hier im Kölner Express. Auch auf der Facebook-Seite von „Et Dömsche” ist am 15. Juli ein kritischer Kommentar erschienen. Darin hieß es: „In den News sind entweder veraltete, oder Bilder EINES Tages von EINER Lokalität (nicht unserer!!!) zu sehen!” Die Mallorca-Zeitung berichtete am 16. Juli: „Der Ballermann macht die Medien für die Schließung verantwortlich”.

In den Medien berichten unterschiedliche Augenzeugen (hier und hier), dass Journalisten an den Abenden des 10., 11. und 12. Juli Bilder manipuliert haben sollen – entweder durch die Wahl der Kameraeinstellungen oder indem sie Touristen vor der Kamera zum Feiern animiert hätten. 

Niko Papadopoulos bestätigt diese Berichte gegenüber CORRECTIV: In jener Freitagnacht habe er in der „Bierstraße” einen Journalisten mit einem Mikrofon des Senders RTL gesehen. Er unterstellt dem Journalisten, die Lage ausgenutzt zu haben. „Die Bierstraße selber war nie wirklich mega überfüllt, wartende Menschen, die auf einen Tisch gehofft haben vor den Bars, zudem die schwarzen Straßenverkäufer und sogar Kamerateams wie von RTL blockierten, bzw. stellten dann noch die Straße zu. Somit waren kurzzeitige ‘Nadelöhre’ nicht vermeidbar”, schreibt er.

„Ich konnte sehr gut erkennen, wie RTL genau solche kurze Szenen ausgenutzt hat, um zu filmen. Und immer in Richtung Las Palmeras, mit dem richtigen Blickwinkel sah es dann natürlich übertrieben voll aus auf der Straße.”

CORRECTIV kontaktierte RTL für eine Stellungnahme dazu. Sprecherin Heike Speda antwortete in einer E-Mail, dass das „feste Mallorca-Team” des Senders nicht am 10. Juli gedreht habe. „Wir können bestätigen, dass wir am 12. Juli auf der Bierstraße gedreht haben. Am darauffolgenden Tag wurde die Maskenpflicht auf Mallorca umgesetzt. Wir können die Arbeit unserer Kollegen nicht beanstanden, sowohl unser Material – als auch die Aufnahme des Augenzeugen, zeigt deutlich, wie die Situation an diesem Abend vor Ort war. Unsere Kollegen sind zur Einhaltungen aller angeordneten Vorsichtsmaßnahmen angehalten.”

Facebook-Chat
Augenzeuge Niko Papadopoulos beschreibt auf Facebook, wie er die Situation in Mallorca erlebt hat. (Quelle: Facebook / Screenshot vom 21. Juli: CORRECTIV)

Am 16. Juli schrieb Schlagersänger Mickie Krause auf Facebook: „Es ist nicht so, wie es derzeit in den Medien dargestellt wird!” In einem Video aus Mallorca sagte er zu den Ereignissen am Freitag, 10. Juli: „Das war wirklich nur eine Momentaufnahme.” Die Wirte hätten in der „Bierstraße” ihre Hausaufgaben gemacht. 

Urlauberin war zum Zeitpunkt der Partys in der „Bierstraße“ gar nicht mehr auf Mallorca

Fazit: Anders als von der Frau in dem Facebook-Beitrag behauptet, haben keine CORRECTIV bekannten Medien die „Schinkenstraße” voll mit feiernden Leuten abgebildet. Doch in Einzelfällen kam es zu vermeidbaren Fehlern, wie einer irreführenden Zwischenüberschrift im Merkur

Da die Urlauberin offenbar nur bis zum 10. Juli auf Mallorca war, ist ihr Augenzeugenbericht kein Beleg für die Situation, über die die Medien berichteten. Videos und Augenzeugenberichte zeigen, dass es an bestimmten Orten am Wochenende vom 10. bis 12. Juli zu Verstößen kam. 

Die Regierung der Balearischen Inseln registrierte an jenem Wochenende laut eigenen Angaben 51 Interventionen und 24 Sanktionsmaßnahmen wegen Nichteinhaltung der COVID-19-Bestimmungen – auf der gesamten Insel. Die Polizei (Guardia Civil) hat auf Anfragen von CORRECTIV bisher nicht reagiert. 

2. Behauptung: Medien verwendeten alte Bilder

Tatsächlich konnte CORRECTIV Einzelfälle finden, in denen Medien alte Aufnahmen als Symbolbilder verwendet haben, ohne sie zu kennzeichnen. Auf Facebook beschwerten sich Nutzer konkret über Focus-Online und die Welt, die dasselbe Foto eines überfüllten Strandes zeigten.

Focus-Beitrag Mallorca
Nachrichtenseiten verwenden teilweise veraltete Fotos für aktuelle Berichterstattung ohne dies kenntlich zu machen. (Quelle: Focus-Online / Screenshot: CORRECTIV)

Das Foto in dem Focus-Online-Bericht vom 19. Juli ist von der DPA und laut deren Pressefoto-Datenbank aus dem Jahr 2018 (zum Beispiel verwendete es die Deutsche Welle in diesem Bericht und wies darauf hin, dass es von 2018 ist). Focus-Online und die Welt haben es ohne Hinweis auf das Datum der Aufnahme verwendet. 

Bei dem Foto vom überfüllten Strand handelt es sich um ein Symbolbild

Auf dem Bild sind Schirme und Liegen zu sehen, die an der Playa de Mallorca derzeit nicht existieren. Das zeigt eine Strand-Kamera, die den Abschnitt vor dem ehemaligen „Ballermann 6” live ins Netz überträgt.

Live-Cam Mallorca
Screenshot des Live-Videos am 21. Juli 2020: Besucher sonnen sich am Strand Playa de Palma. (Quelle: Livecam El Arenal Playa de Palma / Screenshot vom 21. Juli: CORRECTIV)

Allerdings haben sich einige Journalisten auch kritisch mit diesem Thema auseinandergesetzt. Die Kreiszeitung war selbst nicht vor Ort, doch als lokale Tageszeitung hat sie auf einen Leserbrief reagiert. Sie veröffentlichte einen Bericht darüber, warum Urlauber aus Mallorca die „einseitige“ Berichterstattung in den Medien kritisieren. Auch die Mallorca Zeitung, die über die Partys am Freitag, 10. Juli laut eigener Aussage zuerst berichtet hatte, beschäftigte sich mit der Kritik an den Medien. 

3. Behauptung: Auf Mallorca herrscht Maskenpflicht, weil die Medien lügen

Eine Maskenpflicht gab es auf den Balearen schon vorher. Vor dem 13. Juli waren sie im Freien nur dann nötig, wenn kein Sicherheitsabstand von zwei Metern eingehalten werden konnte. Das hat sich nun geändert – und ab dem 20. Juli kann ein Verstoß mit einem Bußgeld von bis zu 100 Euro geahndet werden. Doch kann man die Medien dafür verantwortlich machen?

Die strengere Maskenpflicht für die Balearen (Mallorca, Menorca, Ibiza und Formentera) trat zwar am Montag, 13. Juli, in Kraft. Diese Änderung war jedoch bereits am 9. Juli angekündigt worden, also vor dem besagten „Party-Wochenende“. 

Am Mittwoch, 15. Juli mussten dann die Bars in der „Bierstraße“ und „Schinkenstraße” sowie jene im britischen Party-Zentrum in Magaluf schließen. Dies entschied die balearische Regionalregierung nach den Ereignissen am Wochenende des 10. bis 12. Juli. 

Regierung der Balearen ist um Einhaltung der Regeln bemüht

Der Pressesprecher des balearischen Tourismusministers Iago Negueruela antwortete auf eine E-Mail-Anfrage von CORRECTIV, dass sich die Menschen auf den Balearen um Einhaltung der Regeln bemühen würden. „Die Bilder der letzten Tage mit Partys und Menschenmengen in bestimmten Gegenden dürfen sich nicht wiederholen, wir werden das nicht tolerieren”, schrieb der Sprecher Hugo Saénz.

„Es handelt sich um eine sehr spezifische Aktion (die Schließung von Nachtclubs in bestimmten Straßen) in sehr begrenzten Gebieten, die nur sehr wenige von ihnen versäumen. Diese wenigen dürfen unser Image nicht beeinträchtigen oder die Gesundheit unserer Einwohner und Arbeitnehmer gefährden.”

Warum Demokratie Faktenchecks braucht

Desinformation im Netz ist ein zentrales Problem des 21. Jahrhunderts. Es hat das Potenzial, Demokratien zu zerreiben. Nie war das deutlicher als in der Corona-Krise. Faktenchecker auf der ganzen Welt haben die Gefahr erkannt – und arbeiten trotz Widerstands und Angriffen täglich dagegen an. Warum unsere Arbeit so wichtig ist.

ZUM ARTIKEL

Auch die Präsidentin der Balearen-Inseln Francina Armengol schrieb am 15. Juli auf Twitter: „Die Gesundheitslage ist derzeit gut und wir werden die Verantwortungslosigkeit einer Minderheit in so einer riskanten Situation nicht tolerieren. Wir setzen uns für die Gesundheit und die Wirtschaft ein. Wir werden schon auf kleine Fehltritte reagieren, und wir werden energisch gegen solche Exzesse vorgehen. Null Toleranz für diejenigen, die unverständig sind und die Sicherheit aller in Gefahr bringen.”

Verschärfte Maskenpflicht ist auf steigende Fallzahlen zurückzuführen 

Fazit: Haben die Medienberichte über das Wochenende 10. bis 12. Juli etwas mit der Verschärfung der Maskenpflicht zu tun? Nein, die Gesundheitsministerin der Balearen hat diese bereits am Donnerstag, 9. Juli, angekündigt. 

Zudem erklärte Gesundheitsministerin Patricia Gómez laut Mallorca-Zeitung in einer Pressekonferenz am 13. Juli, dass es sich bei der verschärften Maskenpflicht nicht um eine Art Überreaktion auf das Verhalten einiger Urlauber an der Playa de Palma handele. Es gehe vielmehr um die nationale und internationale Situation. In Spanien steigen die Infektionszahlen mit dem Coronavirus seit zwei Wochen wieder an, besonders in Katalonien, berichtet die Tagesschau

Gesamtfazit: Medien haben die feiernden Touristen nicht erfunden

Die Behauptungen der mutmaßlichen Mallorca-Urlauberin auf Facebook sind teilweise falsch, weil ihnen der Kontext fehlt. Die Bilder von feiernden Touristen in Palma de Mallorca sind hingegen echt und stammen vor allem von der Nacht vom 10. auf den 11. Juli in der „Bierstraße“. Am Wochenende griffen viele Medien das Thema auf und berichteten darüber. Schuld an der Maskenpflicht sind die Medien nicht. 

Bei der Berichterstattung sind einigen Medien jedoch Fehler unterlaufen. Vereinzelt wurden veraltete Bilder verwendet und teils ein falscher Eindruck vermittelt. Doch andere Medien haben diese Kritik bereits aufgegriffen – und mit Urlaubern gesprochen, die vor Ort waren. Hierbei hervorzuheben ist besonders die Kreiszeitung, die mit einem Bericht auf einen Leserbrief reagiert hat.

Update, 29. Juli 2020: Wir haben eine Stellungnahme von RTL zu dem Fall ergänzt.
Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Es gab Verstöße von Feiernden gegen die Corona-Regeln auf Mallorca. 

Polizei Deutschland
Jedes Jahr werden zwischen 8.000 und 15.500 Kinder in Deutschland bei der Polizei als vermisst gemeldet. (Symbolbild: Unsplash/ Markus Spiske)

von Uschi Jonas

100.000 Kinder würden jedes Jahr spurlos in Deutschland verschwinden, 800.000 in den USA – das suggeriert ein Beitrag auf Facebook und vermutet eine Verschleppung der Kinder in Farmen, in denen Menschenfleisch produziert wird. Die Behauptungen sind falsch.

Ein Facebook-Nutzer behauptet in einem Beitrag, dass jedes Jahr hunderttausende Kinder in Deutschland und den USA spurlos verschwinden würden: Langsam dämmert es dann vielleicht den Menschen wohin 100.000 deutsche Kinder jährlich verschwinden! […] 100.000 Kinder können sich nicht alle im Wald verlaufen haben und dann spurlos verschwunden sein  […] In Amerika sind es jährlich 800.000 Kinder – heißt es in dem Beitrag vom 27. Juni.

Zur Stützung seiner Behauptung veröffentlichte der Nutzer den Screenshot eines englischsprachigen Facebook-Beitrags, in dem von der Produktion von Menschenfleisch die Rede ist. Die Behauptungen sind falsch. 

Es verschwinden nicht hunderttausende Kinder in Deutschland und den USA im Jahr spurlos

Es verschwinden in beiden Ländern deutlich weniger Kinder als im Facebook-Beitrag behauptet und ein Großteil der Fälle wird gelöst. Der Beitrag über die Menschenfleisch-Farm ist frei erfunden.

Der Facebook-Beitrag suggeriert, dass hunderttausende Kinder aus Deutschland und den USA in Menschen-Farmen verschleppt würden. (Screenshot und Schwärzungen: CORRECTIV)
Der Facebook-Beitrag suggeriert, dass hunderttausende Kinder aus Deutschland und den USA in Menschen-Farmen verschleppt würden. (Screenshot und Schwärzungen: CORRECTIV)

Vermisstenfälle werden in Deutschland vom Bundeskriminalamt (BKA) erfasst. Für Minderjährige im Alter von bis zu 18 Jahren gilt im Gegensatz zu Erwachsenen, dass sie ihren Aufenthaltsort nicht selbst bestimmen dürfen: Bei ihnen wird grundsätzlich von einer Gefahr für Leib oder Leben ausgegangen. Sie gelten für die Polizei bereits als vermisst, wenn sie ihren gewohnten Lebenskreis verlassen haben und ihr Aufenthalt nicht bekannt ist.

 

Bei Vermissten unterscheidet das Bundeskriminalamt zwischen Kindern bis einschließlich 13 Jahren und Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren.

Das BKA betont, dass das Thema vermisste Kinder in der deutschen Öffentlichkeit einen hohen Stellenwert besitze. Intensive Medienberichterstattung bei aktuellen Einzelfällen suggeriere insgesamt ein hohes Gefährdungspotenzial für Kinder. 

Die Hälfte der Vermisstenfälle in Deutschland klärt sich laut BKA innerhalb einer Woche

So entsteht mitunter der Eindruck, dass die Anzahl nicht wieder aufgefundener Kinder bzw. nicht aufgeklärter Fälle dramatisch hoch sei, eine maßgebliche Anzahl vermisster und nicht wieder aufgefundener Kinder Opfer sog. Kinderpornografie-Ringe seien und die Polizei nicht genug unternehme, um dem Einhalt zu gebieten. Die in den polizeilichen Datenbanken registrierten Zahlen würden jedoch ein anderes Bild zeigen, betont das BKA.

Zudem erläutert das BKA: „Täglich werden jeweils etwa 200 bis 300 Fahndungen neu erfasst und auch gelöscht.“ Das Bundeskriminalamt erklärt, dass sich etwa 50 Prozent der Vermissten-Fälle innerhalb der ersten Woche erledigen würden, 80 Prozent innerhalb eines Monats. Der Anteil der Personen, die länger als ein Jahr vermisst werden, bewege sich bei etwa 3 Prozent.

So wurden laut der Webseite des BKA im Jahr 

  • 2016: 8.084 Kinder als vermisst gemeldet 7.781 der Fälle aufgeklärt (Aufklärungsquote von 96 Prozent).
  • 2017: 8.259 Kinder als vermisst gemeldet 8.080 davon wieder angetroffen bzw. aufgefunden (Aufklärungsquote von 98 Prozent).
  • 2018: 12.791 Kinder als vermisst registriert 12.604 Fälle aufgeklärt (Aufklärungsquote von 98,5 Prozent).
  • 2019: 15.395 Kinder als vermisst registriert 97,9 Prozent der Fälle aufgeklärt (Aufklärungsquote von 97,9 Prozent).

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei vermissten Jugendlichen (14- bis 17-Jährige):

  • 2016: Vermisst insgesamt 52.702, davon wieder aufgefunden 52.554 (Aufklärungsquote 99,7 Prozent).
  • 2017: Vermisst insgesamt 53.546, davon wieder aufgefunden 53.326 (Aufklärungsquote 99,6 Prozent).
  • 2018: Vermisst insgesamt 76.719, davon wieder aufgefunden 76.322 (Aufklärungsquote 99,5 Prozent).
  • 2019: Vermisst insgesamt 77.499, davon wieder aufgefunden 76.424 (Aufklärungsquote 98,6 Prozent).

Am 5. März 2020 – der letzten Aktualisierung der Zahlen durch das BKA – gab es in Deutschland gerechnet ab dem frühesten registrierten Vermisstendatum 03.03.1951 bis heute insgesamt 1.869 ungeklärte Fälle vermisster Kinder

Die Behauptung, in Deutschland würden jährlich 100.000 Kinder spurlos verschwinden, ist folglich falsch und übertreibt die tatsächliche Lage um ein Vielfaches. 

In den USA werden jährlich mehr als 400.000 Kinder als vermisst gemeldet, aber fast alle Fälle gelöst

In den USA werden im National Crime Information Center, der zentralen Datenbank zur Sammlung von Informationen in Zusammenhang mit der Kriminalitätsbekämpfung, Vermisstenfälle erfasst. Die USA erfassen die Vermisstenfälle von Kindern und Jugendlichen bis zu einem Alter von unter 21 Jahren. 

Demnach sind im Jahr 2019 401.875 Kinder und Jugendliche verschwunden 401.764 Fälle wurden gelöst (Seite 4), im Jahr 2018 waren 405.046 Kinder und Jugendlichen in den USA als vermisst gemeldet worden 407.653 Fälle vermisster Kinder und Jugendlicher wurden im selben Jahr gelöst (Seite 4) und im Jahr 2017 sind 445.345 als vermisst gemeldet worden, 447.023 Fälle wurden gelöst (Seite 4). 

Demnach verschwinden in den USA nicht, wie im Facebook-Beitrag behauptet, jährlich 800.000 Kinder spurlos. In den vergangenen Jahren sind es jährlich zwischen 400.000 und 445.000 Kinder gewesen, die in den USA als vermisst gemeldet wurden aber mindestens genauso viele Fälle wurden im selben Jahr gelöst. 

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Im Facebook-Beitrag wird mit dem Screenshot eines anderen Beitrags zudem suggeriert, so viele Kinder würden verschwinden, weil sie in Farmen verschleppt würden, in denen Menschenfleisch produziert werde. 

Der Beitrag über Menschenfleisch-Farm ist erfunden – hinter dem Foto steckt eine Geflügelfarm

Die Facebook-Seite Human Farming Project, von der der Screenshot zu stammen scheint, ist inzwischen gelöscht. Allerdings existiert eine archivierte Seite, in der “Human Farming Project” über sich schreibt, es handle sich um ein Projekt für nachhaltige Ernährung. Einige Leute behaupten, dies sei Satire.

Eine Google-Suche nach der dort angegebenen Telefonnummer in den USA liefert keine Ergebnisse. Bei einer Google-Suche finden sich zudem Beiträge in Sozialen Netzwerken, die die Seite in die Kategorie Satire oder Schwarzen Humor einsortieren. Seriöse Hinweise über den Ursprung der Seite konnte CORRECTIV nicht finden. 

Hinter der Farm steckt eine Hühnerfarm in den USA

In dem Screenshot des Beitrags von Human Farming Projectwird die Eröffnung einer Farm angekündigt, in der menschliches Fleisch produziert werde. Eine Bilder-Rückwärtssuche des dafür verwendeten Fotos mit Google und Yandex ergibt, dass die gezeigte Farm tatsächlich existiert – allerdings scheint es sich dabei um eine Hühnerfarm der Firma Herbruck’s in Saranac im US-Bundesstaat Michigan zu handeln. 

Herbruck’s ist der nach eigenen Angaben größte Ei-Produzent in Michigan. Seit Dezember 2014 finden sich vor allem in den USA Artikel von Umwelt- und Tierschutzorganisationen sowie Nachrichtenseiten, die über die Farmen von Herbruck’s berichten und dafür das Foto des Facebook-Beitrags verwenden. Seriöse Berichte darüber, dass dort Menschenfleisch produziert werde, konnten wir nicht finden. 

Auf Google Maps finden sich in Saranc mehrere Farmen von Herbruck’s. Fotos von Google Earth Pro zeigen unter der Adresse Green meadow organics division of Herbruck’s poultry Ranch, 3896 Grand River Ave, Saranac, MI 48881, Vereinigte Staaten ein Satellitenfoto einer Herbruck’s Geflügelfarm vom 26. September 2014, das der im Facebook-Beitrag gezeigten Farm stark gleicht. 

Ein Satellitenfoto der Herbruck’s Farm vom September 2014. (Quelle: Google Earth Pro, Screenshot: CORRECTIV)
Ein Satellitenfoto der Herbruck’s Farm vom September 2014. (Quelle: Google Earth Pro, Screenshot: CORRECTIV)

Fazit: Die Behauptungen sind falsch. In Deutschland verschwinden nicht jährlich 100.000 Kinder spurlos. Die Zahl der vermissten Kinder ist deutlich geringer, ein Großteil der Fälle wird aufgeklärt. In den USA ist die Aufklärungsquote ähnlich. Der Beitrag einer vermeintlichen US-Farm in der menschliches Fleisch produziert wird, ist falsch. Bei der gezeigten Farm handelt es sich um eine Geflügelfarm.

Unsere Bewertung:
Falsch. Es werden in Deutschland und den USA weitaus weniger Kinder vermisst, der Großteil der Fälle wird aufgeklärt.

Screenshot Heute Journal
Screenshot aus der betreffenden Sendung „Heute Journal“ vom 8. Juli 2020. (Quelle: ZDFheute Nachrichten/Youtube, Screenshot: CORRECTIV)

von Steffen Kutzner

Auf mehreren Webseiten wird ein Versprecher eines Nachrichtenmoderators als Beleg für mangelnde Qualität deutscher Nachrichtenformate gewertet. Angeblich habe der Moderator seinen Fehler nicht korrigiert. Das stimmt nicht.

„130 Millionen Tote: ZDF rottet zwei Fünftel der USA aus“, titelte die Webseite Science Files am 9. Juli 2020 in einem Beitrag und die Webseite Politikstube schrieb am nächsten Tag: „Fake News vom Feinsten: Laut dem ZDF sind 130 Millionen Amerikaner an Corona verstorben“. Es handelte sich jedoch lediglich um einen Versprecher des Moderators.

Bei Science Files wird eingeräumt, dass es sich bei der Aussage von Heinz Wolf, einem der Moderatoren der ZDF-Nachrichtensendung „Heute Journal“, am 8. Juli 2020 um einen Versprecher gehandelt hatte. Dass er seinen Fehler nicht korrigiert habe, werfe jedoch „ein bezeichnendes Bild auf die Standards des ZDF“. 

Wolf korrigierte seinen Fehler jedoch. 

Er hatte in einem Beitrag zu aktuellen Fallzahlen des Coronavirus in den USA (ab 14:12 im Video) versehentlich von 130 Millionen Menschen gesprochen, die an den Folgen des Coronavirus gestorben seien. Als er seinen Fehler einige Minuten später korrigierte (ab 22:37 im Video), nannte er die richtige Zahl von etwa 130.000 Toten und entschuldigte sich für den Versprecher.

Der Beitrag auf Science Files unterschlägt die Entschuldigung und Richtigstellung: „130 Millionen Tote in den USA müssen ihm offenkundig glaubwürdig vorgekommen sein. […] Er hat sich nicht korrigiert.“ Das Gegenteil ist der Fall.

Unsere Bewertung:
Falsch. Der Nachrichtensprecher hatte sich für seinen Fehler entschuldigt und sich korrigiert.

Bundesverfassungsgericht Udo Pohlmann Pixabay
Der Eingang des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe (Symbolbild. Quelle: Udo Pohlmann/Pixabay)

von Steffen Kutzner

In einem aktuellen Blog-Beitrag wird behauptet, Ferdinand Kirchhof, der frühere Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts, habe Angela Merkel als „Verbrecherin“ bezeichnet. Das ist falsch. Das Interview, aus dem zitiert wird, ist zudem schon drei Jahre alt.

„Kirchhof prangert Merkel als Verbrecherin an!“ ist der Titel eines Beitrags des Blogs Europa statt EU vom 29. Juni 2020, in dem behauptet wird, Ferdinand Kirchhof, ehemaliger Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts, habe „nun Merkels Verbrechen offiziell gemacht“, als er der FAZ ein Interview gab. Der Blog-Beitrag wurde laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 9.600 Mal auf Facebook geteilt. Das Interview, auf das sich diese Behauptung bezieht, stammt jedoch aus dem Jahr 2017. Angela Merkel wird darin nicht erwähnt. 

Das Doppel-Interview mit Ferdinand Kirchhof und Winfried Bausback, dem damaligen Justizminister Bayerns, war am 29. August 2017 in der Print-Ausgabe der FAZ erschienen und ist online verfügbar (bezahlpflichtig). In dem Interview diskutierten Kirchhof und Bausback Aspekte von Religionsfreiheit, Einwanderungs- und Sicherheitspolitik in Deutschland im Licht des Islam.

Kirchhof äußerte sich nicht zu Angela Merkel

Kirchhof äußerte in dem Interview den im Blog-Beitrag zitierten Satz: „Den wenigsten, die zu uns kommen, steht das Grundrecht auf Asyl zu.“ Er ist Teil von Kirchhofs Antwort auf die Frage: „Gibt es ein Spannungsverhältnis zwischen Aufnahmepflicht und dem Bestand des Rechtsstaates?“ 

Auszug aus dem Interview, das Ferdinand Kirchhof, damals noch Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts, im August 2017 gegeben hatte. (Quelle: FAZ, Screenshot: CORRECTIV)

Ein Zusammenhang mit Angela Merkels Asylpolitik kann daraus jedoch nicht abgeleitet werden, denn ihr Name fällt in dem Interview gar nicht und weder sie noch andere Regierungsmitglieder werden „als Verbrecher angeprangert“, wie es im Titel des Blog-Beitrags behauptet wird.

Interview mit Kirchhof ist schon drei Jahre alt

Es ist zutreffend, dass Kirchhof damals „eine neue Gewichtung von Freiheit und Sicherheit wegen der steigenden Bedrohung der Gesellschaft durch einen islamistischen Terrorismus“ als notwendig erachtete. Auch diese Passage wird in dem Blog-Beitrag zitiert. Kirchhof sagte in dem Interview jedoch auch: „Wir sollten den Islam nicht unmittelbar sofort mit Terrorismus verbinden. Er ist in erster Linie eine friedliche Religion.“

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Der Text des Blogs Europa statt EU ist eine Kopie eines Beitrags, der im September 2017 auf der Webseite Krisenfrei erschienen war. Damals war Ferdinand Kirchhof noch im Amt. Seit 2018 ist er jedoch im Ruhestand, weshalb der Absatz „Kirchhofs Aussage hat eine neue Qualität, er ist noch im Dienst, im Gegensatz zu den anderen Systemfeiglingen und Mittätern, die das Recht bis zu ihrer Pensionierung verschlucken“ in der Version des Textes vom 29. Juni 2020 zusätzlich falsch ist. 

Schon bei seiner ersten Veröffentlichung im September 2017 wurde der Text auch auf anderen Blogs und auf Facebook veröffentlicht. Jetzt wurde der Blog-Beitrag jedoch noch einmal ohne Hinweis darauf veröffentlicht, dass der Inhalt veraltet ist.

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Kirchhof hat Angela Merkel nicht „als Verbrecherin angeprangert“.

Screenshot Video 6 mit Lokal
Screenshot aus dem Amateurvideo mit dem Schriftzug des Lokals. (Screenshot: CORRECTIV)

von Steffen Kutzner

Auf Facebook wurde eine Amateuraufnahme eines jungen Mannes, der einen Feuerwerkskörper auf einen schlafenden Obdachlosen wirft, mit der „Black-Lives-Matter“-Bewegung in Zusammenhang gebracht. Einen Beleg oder Hinweise für diese Behauptung gibt es jedoch nicht.

Auf Facebook und auf einem Beitrag der Webseite „1984 Magazin“ wurde ein Video veröffentlicht, auf dem ein junger Mann einen Feuerwerkskörper auf einen auf dem Bürgersteig liegenden Mann wirft. Der Beitrag der Webseite titelt „Obdachlosen angezündet – und noch mehr putzige ‚Black Lives Matter‘-Streiche aus den USA“. Der Facebook-Beitrag wurde gepostet mit dem Text: „Wer Spaß daran hat Obdachlose anzuzünden ist bei den Demokraten am besten aufgehoben. #BlackLivesMatter“. 

In dem Video ist zu sehen, wie ein junger Mann einen Feuerwerkskörper anzündet und auf einen anscheinend schlafenden Mann wirft, der auf dem Gehsteig liegt. Ein weiterer Mann filmt das Geschehen mit seinem Telefon. Die Aufnahme wurde offenbar von einer Frau gemacht, die man lachen hört, bevor der Böller in unmittelbarer Nähe des schlafenden Mannes explodiert.

Es gibt jedoch keine Hinweise darauf, dass eine der Personen auf dem Video zur „Black-Lives-Matter“-Bewegung gehört oder „Demokrat“ ist, wie der Text auf Facebook andeutet. 

Das Video stammt offenbar aus New York. Einem Medienbericht zufolge ist der Mann auf dem Gehweg 66 Jahre alt und wurde mit Verbrennungen am Rücken in ein Krankenhaus eingeliefert. Das Video wurde am 23. Juli auch auf Twitter von Terence Monahan, einem von zwei Polizeichefs in New York, veröffentlicht. Die Situation soll sich demnach im Stadtteil Harlem abgespielt haben.

Wann und wo wurde das Video aufgenommen?

Der genaue Ort der Aufnahme lässt sich mit einer Google-Suche ausfindig machen, weil der Schriftzug des Lokals „67 Deli Corp“ deutlich zu sehen ist. Das Lokal liegt tatsächlich im New Yorker Stadtteil Harlem; die genaue Adresse, 67 Malcolm X Boulevard, Manhattan, lässt sich via Google Street View bestätigen. Das Lokal selbst findet sich dort noch nicht, weil die Aufnahme von Juli 2019 ist, aber die beiden Treppenaufgänge und das helle Rolltor sind in der Amateur-Aufnahme zu sehen.

Screenshot des Ortes in Google Street View. In der Aufnahme aus dem Jahr 2019 ist das Lokal noch nicht vorhanden. (Screenshot: CORRECTIV)

Sucht man bei Google Maps nach der Adresse, „67 Malcolm X Boulevard New York“ findet sich auch eine aktuellere Aufnahme des Lokals, in der ein Teil des Rolltors und des Treppenaufgangs zu sehen sind. Sie decken sich mit der älteren Aufnahme bei Google Street View und dem Amateurvideo.

Aufnahme des Lokals vom Februar 2020. (Quelle: Google / Screenshot: CORRECTIV)
Screenshot aus dem Amateurvideo mit dem Schriftzug des Lokals. (Screenshot: CORRECTIV)

Liest man die Metadaten des Videos mit dem Tool Invid aus, zeigt sich, dass es aktuell ist: Es wurde demnach am 23. Juni 2020 um 3:22 Uhr morgens aufgenommen, was 21:22 Uhr des Vorabends (22. Juni) nach New Yorker Zeit entspricht. 

Screenshot der Metadaten des Videos, ausgelesen mit Invid. (Screenshot: CORRECTIV)

Keine Belege für Zusammenhang mit einer „Black-Lives-Matter“-Demo

Am 22. Juni gab es Medienberichten zufolge zwar mehrere Demonstrationen für die „Black-Lives-Matter“-Bewegung in Manhattan, aber keine davon in der Nähe von Harlem. Es gibt also keinen Hinweis darauf, dass der junge Mann im Video oder seine Begleiter auf einer der Demonstrationen waren oder Teil der „Black-Lives-Matter“-Bewegung sind.

Fazit: Es gibt keine Hinweise darauf, dass eine oder mehrere der Personen in dem Video zur „Black-Lives-Matter“-Bewegung gehören. Aufgenommen wurde das Video am Abend des 22. Juni 2020 im New Yorker Stadtteil Harlem.

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Es gibt keine Hinweise auf einen Zusammenhang mit der „Black-Lives-Matter“-Bewegung.

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Im Netz wird unter anderem mit diesem Bild die falsche Behauptung verbreitet, der Virologe Anthony Fauci sei verheiratet mit der Schwester von Ghislaine Maxwell. Die Frau an seiner Seite ist jedoch nicht Christine Maxwell, sondern Christine Grady. (Screenshot: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

In Sozialen Netzwerken kursiert die Behauptung, der US-amerikanische Virologe Anthony Fauci sei verheiratet mit Christine Maxwell – der Schwester von Ghislaine Maxwell, einer Freundin von Jeffrey Epstein. Die Behauptung stimmt jedoch nicht; die Frau von Fauci heißt Christine Grady. 

Ein Facebook-Beitrag vom 6. Juli zeigt ein Bild des Virologen Anthony Fauci, einer dunkelhaarigen Frau und einen Wikipedia-Eintrag einer Frau namens „Christine Maxwell“. Die Frau an Faucis Seite sieht der Frau auf dem Foto bei Wikipedia ähnlich. „Christine Grady Maxwell, Schwester von Ghislaine Maxwell und Frau von Anthony Fauci“ steht auf dem Bild. 

Die Behauptung, Fauci sei mit Christine Maxwell verheiratet, ist falsch. 

Der Facebook-Beitrag wurde bisher 300 Mal geteilt; weitere identische Beiträge kursieren ebenfalls bei Facebook. Die falsche Behauptung, es handele sich um dieselbe Person, tauchte bereits in den USA auf, auf Twitter und Reddit und einer Seite namens Real Verified News, die sich fälschlich als Faktencheck-Webseite ausgibt. 

Facebook-Beitrag über angebliche Verbindung von Fauci und Christine Maxwell
Der Facebook-Beitrag mit der Behauptung, die Ehefrau des Virologen Anthony Fauci sei Christine Grady Maxwell. (Screenshot: CORRECTIV)

Der Virologe Anthony Fauci wurde während der Corona-Krise auch über die Grenzen der USA hinaus bekannt, weil er sich vielfach öffentlich äußerte und vor der Pandemie warnte. Er ist der Direktor des National Institute of Allergy and Infectious Diseases

Ghislaine Maxwell ist die ehemalige Freundin US-amerikanischen Investmentbankers Jeffrey Epstein, dem laut Medienberichten vorgeworfen wird, jahrelang Sexualstraftaten gegen minderjährige Mädchen verübt zu haben. Epstein wurde 2019 festgenommen und kurz darauf tot in seiner Zelle gefunden. Maxwell wird beschuldigt, ihm bei seinen Taten geholfen zu haben. Auch sie wurde kürzlich festgenommen.

Ghislaine hat eine Schwester namens Christine Maxwell. Laut ihrem Wikipedia-Eintrag, der in dem Facebook-Beitrag auch gezeigt wird, ist diese jedoch verheiratet mit Roger Malina, einem Professor an der Universität Texas in Dallas

Anthony Fauci ist verheiratet mit der Bioethikerin Christine Grady

Anthony Faucis Frau heißt Christine Grady und ist Bioethikerin. Sie wurde im April 2020 zum Beispiel von CNBC interviewt. Sie ist außerdem die Leiterin des Instituts für Bioethik des National Institute of Health. Nach eigenen Angaben wuchs sie in New Jersey auf. 

Christine Grady
Christine Grady, die Frau von Anthony Fauci, ist Leiterin des Instituts für Bioethik des National Institute of Health. (Screenshot: CORRECTIV)

Christine Maxwell ist Internet-Unternehmerin und Autorin

Christine Maxwell wurde laut Wikipedia in Frankreich geboren, eine Primärquelle konnten wir dafür allerdings nicht finden. Sie lebe mit ihrem Mann, Roger Malina, in Dallas, schrieb der Telegraph kürzlich. Sie arbeitet ebenfalls an der University of Texas at Dallas. Ihrem Profil auf der Webseite der Universität zufolge ist ihr Doppelname nicht „Christine Grady Maxwell“, wie in dem Facebook-Beitrag behauptet wird, sondern „Christine Malina-Maxwell“. Sie sei „Internet-Pionierin“ und Autorin. 

Tatsächlich gibt es zum Beispiel einen Bericht in der L.A. Times von 1996 über sie, in dem es heißt, sie habe gemeinsam mit ihrem Ehemann und ihrer Zwillingsschwester Isabel Maxwell 1993 eines der ersten Internetverzeichnisse veröffentlicht. Ihr Internet-Startup wird auch in ihrem offiziellen Lebenslauf erwähnt. Die französische Zeitung Libération veröffentlichte 1995 ein Porträt über sie. 

Christine Maxwell
Christine Maxwell arbeitet an der Universität Texas in Dallas. (Screenshot: CORRECTIV)

Die beiden Personen – Christine Grady und Christine Maxwell – haben also nichts gemeinsam außer dem Vornamen, ähnlichem Alter und Aussehen. Ihre Lebensläufe weisen keine Parallelen auf. So hat Grady ihrem offiziellen Lebenslauf zufolge in den 70er-Jahren an der Georgetown University studiert – zu dieser Zeit lebte Maxwell in England und arbeitete dort als Lehrerin. 

Unsere Bewertung:
Falsch. Anthony Fauci ist nicht mit Christine Maxwell verheiratet. 

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Auch wenn ein Radweg vorhanden ist, müssen Fahrradfahrer diesen nicht immer nutzen. (Symbolbild: Pixabay)

von Kathrin Wesolowski

Auf Facebook wird behauptet, es sei strafbar, wenn Fahrradfahrer auf der Straße fahren und nebeneinander fahren, obwohl ein Radweg vorhanden ist. Die Behauptung ist teilweise falsch. Fahrradfahrer müssen Radwege nur nutzen, wenn es durch Verkehrsschilder angeordnet wird. Ob es diese gibt, ist im Facebook-Beitrag nicht ersichtlich.

Auf Facebook kursiert ein Foto, das zwei Radfahrer zeigt, die nebeneinander auf der Straße fahren. Daneben steht: „Nennt sich Behinderung und ist strafbar“. Ein Pfeil mit dem Wort „Radweg“ zeigt dabei zudem an, dass sich neben der Straße ein Fahrradweg befindet. Der Beitrag suggeriert, es sei strafbar, auf der Straße Fahrrad zu fahren, wenn eigentlich ein Radweg vorhanden ist.

Das Foto wurde am 5. Juli veröffentlicht und bisher mehr als 3.600 Mal geteilt. CORRECTIV hat die Behauptung überprüft. Sie ist so pauschal nicht ganz richtig, denn es hängt von der Verkehrsbeschilderung und der Situation ab, ob die Nutzung von Radwegen gesetzlich verpflichtend ist und Radfahrer nebeneinander fahren dürfen. 

Ob Fahrradfahren auf der Straße erlaubt ist, hängt vom Verkehrsschild ab

Der Facebook-Beitrag suggeriert, dass es strafbar sei, wenn Fahrradfahrer nicht den Radweg nutzen – doch so einfach ist es nicht. (Screenshot und Schwärzungen: Facebook)

Die Straßenverkehrsordnung (§ 2 Absatz 4) besagt: „Eine Pflicht, Radwege in der jeweiligen Fahrtrichtung zu benutzen, besteht nur, wenn dies durch Zeichen 237, 240 oder 241 angeordnet ist.“ Dies sind beispielsweise die blauen Verkehrsschilder mit weißem Fahrradsymbol und die Verkehrsschilder, die ein Fahrradsymbol sowie das Fußgängersymbol aufweisen. 

Wenn ein Radweg mit diesen Schildern gekennzeichnet ist, ist das Benutzen des Weges für Fahrradfahrer Pflicht. (Screenshot: CORRECTIV / Quelle: Deutscher Verkehrssicherheitsrat)

Eine Pflicht, auf Radwegen zu fahren, besteht also nur, wenn sie durch Verkehrszeichen (Zeichen 237, 240 oder 241) angeordnet ist. Ein Verstoß wird mit einem Bußgeld geahndet. Es handelt sich folglich um eine Ordnungswidrigkeit.

Ob solche Schilder an der Straße, die auf Facebook gezeigt wird, vorhanden sind, ist unklar, da im Beitrag kein Ort angegeben wurde. 

Nebeneinanderfahren nicht gestattet, wenn andere Verkehrsteilnehmer behindert werden

Die beiden Radfahrer im Facebook-Beitrag fahren zusätzlich nebeneinander. Bislang hieß es in der Straßenverkehrs: „Mit Fahrrädern muss einzeln hintereinander gefahren werden; nebeneinander darf nur gefahren werden, wenn dadurch der Verkehr nicht behindert wird.“

Doch am 15. Mai verkündete das Bundesverkehrsministerium im Rahmen einer StVO-Novelle, dass das Nebeneinanderfahren ab sofort grundsätzlich gestattet sei. Das Bundesverkehrsministerium schrieb dazu: „Durch eine Neufassung der bestehenden Regelung wird klargestellt, dass das Nebeneinanderfahren von Radfahrenden grundsätzlich gestattet ist. Lediglich wenn andere Verkehrsteilnehmende behindert werden, muss hintereinander gefahren werden.“ Allerdings wurde die Novelle von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer Anfang Juli aufgrund eines Formfehlers für nichtig erklärt.

Die genaue Rechtslage zum Nebeneinanderfahren ist folglich derzeit unklar. Fest steht: Es ist dann nicht erlaubt, wenn damit andere Verkehrsteilnehmer behindert werden.

Update, 13. Juli 2020: Wir haben die Bewertung geändert, weil Fahrradfahrer Radwege nur nutzen müssen, wenn es durch entsprechende Verkehrsschilder angeordnet ist. Im Facebook-Beitrag fehlt Kontext, ob die Beschilderung vorhanden ist oder nicht. Wir haben klargestellt, dass das Nicht-Fahren auf dem Radweg eine Ordnungswidrigkeit ist und dass die Rechtslage zum Nebeneinanderfahren seit 15. Mai 2020 unklarer ist.

Unsere Bewertung:
Unsere Bewertung: Teilweise falsch. Fahrradfahrer müssen Radwege nur nutzen, wenn es durch Verkehrsschilder angeordnet wird.