Header 2
Screenshot aus der betreffenden Sendung „Heute Journal“ vom 8. Juli 2020. (Quelle: ZDFheute Nachrichten/Youtube, Screenshot: CORRECTIV)

von Steffen Kutzner

Auf Facebook wird ein Versprecher eines Nachrichtenmoderators in mehreren Beiträgen erwähnt und als vorsätzliche Lüge dargestellt. Dass sich der Sprecher noch in derselben Sendung korrigiert hat, wird unterschlagen.

In mehreren FacebookBeiträgen wird auf einen Versprecher von „Heute Journal“-Moderator Heinz Wolf hingewiesen. Er hatte in einem ZDF-Beitrag vom 8. Juli 2020 zu aktuellen Fallzahlen des Coronavirus in den USA (ab 14:12 im Video) versehentlich von 130 Millionen Menschen gesprochen, die dort an den Folgen des Coronavirus gestorben seien. 

Einige Facebook-Nutzer sehen dies als Beleg für „Fake News“, also bewusste Falschinformation. Sie zeigen jedoch nur den Videoausschnitt mit dem Versprecher. Dass Heinz Wolf seinen Fehler noch in derselben Sendung korrigierte, wird in den Beiträgen nicht erwähnt.

Als Wolf seinen Fehler einige Minuten nach seinem Versprecher korrigierte (ab 22:37 im Video), nannte er die richtige Zahl von etwa 130.000 Toten (Stand 8. Juli). Der Moderator entschuldigte sich für den Fehler.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Der Nachrichtensprecher machte einen Fehler, korrigierte diesen aber und entschuldigte sich.

volodymyr-hryshchenko-QXzxIOdjuSs-unsplash (1)
Bilder auf Facebook sollen Kannibalismus und Kindesmissbrauch beweisen. (Symbolbild: Unsplash/ Volodymyr Hryschenko)

von Kathrin Wesolowski

In einem Facebook-Video erzählt ein Kind, ein anderes Kind sei gefoltert und gegessen worden. Zudem wurde ein Foto eines Mädchens mit schweren Blutergüssen im Gesicht veröffentlicht. Die Bilder sollen Kannibalismus und Kindesmissbrauch beweisen. Die Behauptungen sind größtenteils falsch.

Ein Kind erzählt weinend und detailliert davon, wie ein anderes Kind grausam getötet und gegessen worden sei. Dieses Video mit ZDF-Logo kursiert auf Facebook. Am 5. Juli wurde es gemeinsam mit einem Foto veröffentlicht, auf dem ein Kind zu sehen ist einmal mit schweren Blutergüssen um die Augen, einmal ohne diese. Auf dem Bild steht: „Diese Augen entstehen bei schwerst gefolterten Kindern“. 

Der Facebook-Beitrag wurde bislang mehr als 1.100 Mal geteilt. Im Text steht unter anderem: „Das kommt jetzt alles an die Öffentlichkeit […] Es geht um weltweiten Menschenhandel, Kindesmissbrauch, satanische Rituale, Kannibalismus!“ Der Beitrag suggeriert also, das Video und das Foto seien Belege, dass es diese Art von Straftaten aktuell in Deutschland gibt. Nach Recherchen von CORRECTIV führt er damit in die Irre.

Das Video und Foto sollen unter anderem Menschenhandel und Kindesmissbrauch beweisen. Diese Behauptung ist größtenteils falsch. (Screenshot: CORRECTIV)

1. Behauptung: Videoausschnitt beweise Menschenhandel, Kindesmissbrauch, satanische Rituale, Kannibalismus

Das Video aus dem Facebook-Beitrag kursiert aktuell auch auf Youtube (zum Beispiel hier, hier und hier). Es zeigt den Ausschnitt mit dem weinenden Kind (ab Minute 4:45). Die Überschrift dazu lautet unter anderem „Satanismus, Kannibalismus & Menschenopfer in Deutschland“. Ebenso wie in dem Facebook-Beitrag von Anfang Juli wird suggeriert, das Video sei aktuell. 

Auf Anfrage von CORRECTIV teilt das ZDF mit, dass der Videoausschnitt aus einem ZDF-Beitrag des Autors Rainer Fromm stammt. Der Beitrag der Sendung „ZDF.reporter“ wurde bereits am 15. Januar 2003 ausgestrahlt und ist folglich 17 Jahre alt.

„Die Reportage hatte den Schwerpunkt ritualisierte Gewalt in Deutschland“, schreibt das ZDF weiter. Ausgangspunkt der Recherche sei ein Bericht der Enquete-Kommission „Sogenannte Sekten und Psychogruppen“ vom 9. Juni 1998 gewesen. Die Kommission setzte sich aus zwölf Mitgliedern des Deutschen Bundestags zusammen. In dem Endbericht waren zahlreiche Schilderungen von Menschen enthalten, die von ritualisierten Gewaltformen berichteten.

In dem ZDF-Beitrag stufte die behandelnde Therapeutin Dagmar Eckers die Aussagen des Mädchens, das von Kannibalismus an Kindern gesprochen hat, als glaubhaft ein. Das bestätigt  auch das ZDF.

Ein Auszug aus der E-Mail des ZDF an CORRECTIV. (Screenshot: CORRECTIV)

ZDF-Beitrag über Kannibalismus ist umstritten

Dennoch war der Fernsehbeitrag umstritten. In dem Beitrag äußerte sich auch an mehreren Stellen (zum Beispiel ab Minute 2) eine damals 34-Jährige zu Kannibalismus, den sie in ihrer Kindheit miterlebt hätte. Die Lokalzeitung Trierischer Volksfreund schrieb im Januar 2004 dazu, die Staatsanwaltschaft habe ein laufendes Verfahren zu dem Fall der Frau eingestellt. Denn an dem Fall sei „überhaupt nichts dran“, zitierte der Volksfreund die Staatsanwaltschaft Trier.

Auf unsere Anfrage schrieb uns die Staatsanwaltschaft Trier, dass dem Verfahren eine Strafanzeige einer Frau zugrunde gelegen habe, „die im Wesentlichen behauptet hatte, jahrelang Opfer von schweren Straftaten im Rahmen satanistischer Handlungen geworden zu sein“. Das Ermittlungsverfahren sei im Dezember 2003 eingestellt worden, da die Vorwürfe nach dem Ergebnis der Ermittlungen haltlos gewesen seien und einer realen Grundlage entbehrt hätten.

Ein Ausschnitt aus der E-Mail der Staatsanwaltschaft Trier. (Screenshot: CORRECTIV)

Fazit: Der Videoausschnitt stammt aus einem ZDF-Beitrag zum Thema ritualisierte Gewalt, dieser ist jedoch von 2003. Er wurde in dem Facebook-Beitrag von Juli 2020 also aus dem Kontext gerissen und ist kein Beleg für aktuellen Kindesmissbrauch in Deutschland. Einen Zusammenhang mit Menschenhandel hat das Video ebenfalls nicht. 

2. Behauptung: Blutergüsse an den Augen des Kindes auf dem Foto seien durch schwerste Folter entstanden

Die zwei Fotos eines Mädchens in dem Facebook-Beitrag führen ebenfalls in die Irre. Sie stammen nicht aus Deutschland und haben auch keinen Bezug zu dem ZDF-Video.

Ein YouTube-Video des britischen Fernsehsenders Channel 4 vom 09. Juli 2015 zeigt den Journalisten Jon Snow, wie er ein Mädchen namens Nema im Gazastreifen besucht. Zu sehen ist das Mädchen zunächst gesund und ohne Blutergüsse. Ein Rückblick zeigt das Mädchen dann ein Jahr zuvor mit den Blutergüssen im Gesicht. Das Titelbild des Videos ist identisch zu dem, das auf Facebook im Zusammenhang mit schwerster Folter geteilt wurde.

Das Titelbild des Videos zeigt das gleiche Foto das auf Facebook geteilt wurde. (Quelle: Youtube, Screenshot: CORRECTIV)

Bereits im Juli 2014 hatte Channel-4-Reporter Jon Snow das Mädchen getroffen. Im Bericht von damals heißt es allerdings nicht, dass das Mädchen gefoltert worden sei. Stattdessen seien die Wunden entstanden, als das Kind in ein Artilleriefeuer geriet. 

Fazit: Das Foto des Mädchens mit den Blutergüssen im Gesicht beweist nicht „schwerste Folter“ und stammt auch nicht aus Deutschland. Das Mädchen hat sich Medienberichten zufolge die Verletzungen durch ein Artilleriefeuer in Gaza zugezogen.

Update, 29. Juli 2020: Wir haben die Bewertung und Teile des Textes sprachlich angepasst, um Missverständnisse zu vermeiden. In der ersten Version dieses Artikels wurde nicht deutlich genug, dass das eingestellte Verfahren der Staatsanwaltschaft sich nicht auf die Aussagen des Kindes in dem ZDF-Video bezog. 

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Video und Foto wurden aus dem Kontext gerissen. Der ZDF-Beitrag ist von 2003, das Bild des Mädchens stammt aus dem Gazastreifen.

Tourismus auf Mallorca
Dieses Foto von 2018 vom Strand El Arenal in Palma verwendeten einige Medien auf irreführende Weise zur Bebilderung aktueller Berichte über Mallorca. (Symbolfoto: picture alliance/Clara Margais/dpa)

von Kathrin Wesolowski

In den Sozialen Netzwerken kursiert ein Foto eines überfüllten Strandes auf Mallorca. Die Behauptung: Es sei von den Nachrichtenseiten Focus-Online und Welt.de für die aktuelle Berichterstattung über Partys ohne Abstand verwendet worden, obwohl es veraltet ist. Das ist richtig – das Archivbild wurde nicht gekennzeichnet.

Hunderte von Menschen an einem Strand, dutzende von Strandliegen und Schirme aneinandergereiht – ein Foto kursiert gemeinsam mit dem Bild eines leeren Strandes in den Sozialen Netzwerken. Beide sollen den Strand El Arenal auf Mallorca zeigen: Das Bild ohne viele Menschen ist laut Bildunterschrift eine aktuelle Aufnahme der „Live Cam Ballermann“ von Wetter.com. Das andere ist offenbar ein Artikelbild der Nachrichtenseite Focus-Online. In der Bildunterschrift auf Facebook steht zusätzlich die Behauptung: „Die Partys am Strand von Mallorca existieren nicht!“

Mit diesen Fotos beschweren sich Nutzer auf Facebook aktuell über die Berichterstattung über Partys auf Mallorca. Sie sollen zeigen, dass Focus-Online ein veraltetes Bild nutzte. Das ist richtig. (Screenshot: CORRECTIV)

Beiträge mit dem gleichen Screenshot des Focus-Online-Artikels (beispielsweise hier und hier) wurden in den vergangenen Tagen auf Facebook tausendfach geteilt.

Das gleiche Strand-Foto wurde laut einem anderen Facebook-Beitrag auch von Welt.de verwendet. Über dem Bild steht „Diese Bilder schockieren die ganze Insel“.  Der Screenshot stammt offenbar aus einem Messenger-Dienst, wurde am 15. Juli auf Facebook geteilt und mittlerweile mehr als 550 Mal geteilt.

Hier wird das Foto eines überfüllten Strandes auf Mallorca geteilt mit dem Titel „Die Bilder schockieren die ganze Insel“. (Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)

Es wird also suggeriert, Focus-Online und Welt.de hätten ein veraltetes Foto verwendet und auf Mallorca habe es keine Partys ohne Abstand am Strand gegeben. CORRECTIV hat diese Behauptung überprüft. Sie ist richtig. Das Foto wurde von Focus-Online und Welt.de in der aktuellen Berichterstattung verwendet, ohne darauf zu verweisen, dass es veraltet ist. 

Foto des überfüllten Mallorca-Strandes entstand wahrscheinlich 2018

Das Foto ist von der DPA und laut der Beschreibung in ihrer Pressefoto-Datenbank aus dem Jahr 2018 . Es wird häufig als Symbolbild für Mallorca-Berichte verwendet. Die Deutsche Welle verwendete es in einem Artikel vom 1. Mai 2020, verwies mit der Bildunterschrift „Von so vollen Stränden wie im Sommer 2018 können die Spanier in diesem Jahr nur träumen“ aber darauf, dass es bereits 2018 entstanden ist. Zudem war es nicht das Titelbild des Artikels.

Warum Demokratie Faktenchecks braucht

Desinformation im Netz ist ein zentrales Problem des 21. Jahrhunderts. Es hat das Potenzial, Demokratien zu zerreiben. Nie war das deutlicher als in der Corona-Krise. Faktenchecker auf der ganzen Welt haben die Gefahr erkannt – und arbeiten trotz Widerstands und Angriffen täglich dagegen an. Warum unsere Arbeit so wichtig ist.

ZUM ARTIKEL

Der Weser-Kurier nutzte das Foto beispielsweise als Titelbild in einem Artikel vom 4. Oktober 2019. Und die Sächsische Zeitung nutzte das Foto bereits in einem Artikel vom 22. September 2019 und schrieb dazu, es sei ein „Symbolbild“. 

Aktuelle Live-Fotos des Strandes El Arenal auf Mallorca zeigen Strände ohne Liegen und Schirme

Wetter.com zeigt mit seiner Live-Webcam aktuelle Bilder des Strandes El Arenal. Auf diesen ist zu sehen, dass es derzeit keine Strandliegen und Schirme dort gibt.

Live-Bilder des Strandes El Arenal auf Mallorca (Stand 22. Juli 2020, 9:18 Uhr). (Quelle: Livecam El Arenal Playa de Palma / Screenshot: CORRECTIV)

Dass an dem Mallorca-Strand illegale Massenpartys stattfanden, wurde weder in dem Artikel von Focus-Online noch in dem Artikel von Welt.de behauptet. Die Verwendung des veralteten Fotos als Titelbild suggeriert das allerdings.

Focus-Online und Welt.de verweisen nicht auf Entstehungsdatum des Mallorca-Fotos

In dem Focus-Online-Artikel vom 19. Juni 2020 mit dem Titel „Für Malle-Urlaub werden Corona-Regeln ignoriert – doch ganze Branche blutet gerade aus“ verwendet die Nachrichtenseite das Foto mit dem überfüllten Strand. Es handelt sich nicht um einen Bericht über Partys auf Mallorca, sondern um einen Meinungsbeitrag des Gastautors Jörg Heynkes, der Event-Unternehmer ist. Er greift allerdings die Verstöße gegen die Corona-Regeln auf. Die Bildunterschrift bei Focus-Online lautet „Strand von El Arenal auf der Balearen-Insel Mallorca“. Dabei wird nicht auf das Entstehungsdatum verwiesen. 

Focus-Online verweist in unter seinem Artikelbild nicht auf das Entstehungsdatum des Fotos. (Screenshot: CORRECTIV)

Welt.de verwendet das Foto des Strandes als Titelbild eines Artikels auf Facebook vom 12. Juli über die Feiern auf Mallorca. Darüber steht tatsächlich „Diese Bilder schockieren die ganze Insel“.

Auch Welt.de nutzt das Archivfoto für die aktuelle Berichterstattung, ohne auf das Entstehungsdatum hinzuweisen. (Quelle. Facebook / Screenshot: CORRECTIV)

In demselben Welt.de-Artikel ist ein Video über die Partys in Mallorca zu sehen mit dem gleichen Foto als Titelbild. Beide Male wird nicht auf das Entstehungsdatum hingewiesen. Im Text zu dem Video steht unter anderem: „Im dichten Gedränge sollen Hunderte Urlauber aus Deutschland am Ballermann gefeiert haben“. Gemeinsam mit dem Foto suggeriert Welt.de, dass die Partys am Strand stattgefunden hätten.

Welt.de nutzt das alte Foto eines überfüllten Strandes auf Mallorca als Titelbild eines Videos über die aktuellen Geschehnisse. (Screenshot: CORRECTIV)

Es gab Verstöße gegen die Corona-Regeln auf Mallorca – die Partys fanden nicht am Strand statt, sondern in der „Bierstraße“

Wie wir in einem anderen Faktencheck überprüften, gab es Partys ohne Abstand auf Mallorca – und zwar von der Nacht des 10. Juli auf den 11. Juli 2020. Diese Feiern fanden aber nicht am Strand, sondern in der sogenannten „Bierstraße“ statt. An diesem Wochenende griffen viele Medien das Thema auf und berichteten darüber. Welt.de griff dafür aber auf das veraltete Foto von 2018 zurück.

Unsere Bewertung:
Richtig. Focus-Online und Welt.de verwendeten ein veraltetes Foto eines überfüllten Strandes auf Mallorca für die aktuelle Berichterstattung, ohne dies kenntlich zu machen.

Party an der
Aufnahme vom 10. Juli 2020: Dieses Pressefoto wurde vor dem Lokal „Las Palmeras” in der „Bierstraße” auf Mallorca gemacht. Einige Medien haben auch das Videomaterial dazu veröffentlicht. (Foto: picture alliance/Michael Wrobel/Birdy Media/dpa)

von Sarah Thust

Wurde in Mallorcas Partymeilen wirklich ohne Einhaltung der Corona-Regeln gefeiert? Einige Leute behaupten auf Facebook, es habe keine Partys in Palma de Mallorca gegeben und die Medien würden lügen. Das ist falsch. Kritik müssen sich einige Medien dennoch gefallen lassen.

Auf Facebook kursiert etwa seit dem 15. Juli ein Text einer Frau, die über ihre Erfahrungen im Urlaub auf Mallorca berichtet. Sie suggeriert, dass die Medien die Berichte über feiernde Touristen nahe des Strandes Playa de Palmas auf Mallorca erfunden hätten. Tatsächlich sei zum Beispiel die „Schinkenstraße” (Carrer del Pare Bartomeu Salvà) in Palma, die als Partymeile für deutsche Urlauber bekannt ist, leer gewesen. Der Text der mutmaßlichen Urlauberin wurde auf Facebook mehrfach kopiert, einer der ersten Beiträge wurde bereits mehr als 11.100 Mal geteilt. 

Der Vorwurf: Inmitten der Corona-Krise würden die Medien die Situation am Ballermann falsch darstellen, alte Bilder aus Mallorca zeigen und seien Schuld an der Maskenpflicht. Das ist falsch.

Tatsächlich berichteten Medien von Partys auf Mallorca: Hunderte Menschen hätten am Freitagabend in einer Straße in Palma gefeiert – trotz der strengen Corona-Regeln. Zuerst hatte darüber die Mallorca-Zeitung berichtet. CORRECTIV hat die Situation auf Mallorca rekonstruiert und dabei auch Fehler in der medialen Berichterstattung entdeckt.

Mallorca: Fotos und Videos zeigen viele Besucher auf der „Bierstraße” – und sie sind echt

In dem Beitrag auf Facebook berichtet eine unbekannte Frau von ihrem Urlaub auf Mallorca. Darin heißt es, sie sei am Freitag (gemeint ist wohl der 10. Juli, da der Beitrag nach unseren Recherchen am 15. Juli aufgetaucht ist) von einem sechstägigen Urlaub zurückgekehrt. Belege für ihre Behauptungen führt sie nicht an. 

Facebook-Post-Keine-Partys-in-Mallorca
Beitrag vom 15. Juli 2020: Eine Facebook-Nutzerin hat diese Nachricht geteilt. Darin heißt es unter anderem, dass in Mallorca Maskenpflicht gelte, weil die Medien lügen würden. (Quelle: Facebook / Screenshot vom 21. Juli: CORRECTIV)

CORRECTIV hat Fotos und Videos gefunden, die belegen, dass in der „Bierstraße“ auf Mallorca in der Nacht vom 10. auf den 11. Juli sehr viele Touristen gefeiert haben, teils auch auf der Straße und ohne Masken. 

Dieses Video der Mallorca-Zeitung in einem Artikel vom 11. Juli und dieses Video vom 10. Juli auf Instagram zeigen die Szenen. Im Fokus liegt dabei auf dem Lokal „Las Palmeras“. CORRECTIV konnte das Instagram-Video verifizieren. Es wurde am Freitag, 10. Juli 2020 um 23:07 Uhr erstellt, wie der Quelltext des Instagram-Beitrags anzeigt. 

Instagram_Streetview_Collage_Bierstraße
Links ein Ausschnitt aus dem Instagram-Video, rechts ein Blick auf Google Streetview in die „Bierstraße”. Das Restaurant „Deutsches Eck” und das Restaurant „Al Faro” sind deutlich zu erkennen. Das „Las Palmeras” befindet sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite des „Deutschen Ecks”. (Quelle: Instagram und Google Streetview / Screenshots und Collage: CORRECTIV)

Ein Foto der DPA vom 10. Juli zeigt die „Bierstraße“ in Palma de Mallorca

Es gibt außerdem ein Pressefoto der Nachrichtenagentur DPA, das denselben Ort zeigt. Laut eines Fotoredakteurs der DPA wurde es am 10. Juli um 23:19 Uhr aufgenommen.

Las Palmeras 10. Juli 2020 Mallorca
Aufnahme vor dem „Las Palmeras“: „Das Foto wurde am 10. Juli 2020 um 23:19 Uhr erstellt, so steht es in den exif-Daten der Kamera“, bestätigte ein Redakteur der Deutschen Presse-Agentur (DPA) auf Nachfrage von CORRECTIV. (Foto: picture alliance/Michael Wrobel/Birdy Media/dpa)

Den Ort der Aufnahmen konnten wir verifizieren, indem wir die Bilder mit Google Streetview abgeglichen haben: Die Aufnahmen zeigen einen Teil der „Bierstraße”, keine 450 Meter vom ehemaligen „Ballermann 6” entfernt. Genau genommen: den Straßenabschnitt zwischen dem Restaurant „Deutsches Eck” und dem Lokal „Et Dömsche”, wie dieses Video des WDR zeigt.

Streetview_Bierstraße_Mallorca
„Bierstraße” bei Google Streetview (fotografiert von der gegenüberliegenden Seite im November 2019): Links das „Las Palmeras“, rechts das „Deutsche Eck“. (Quelle: Google Streetview / Screenshot vom 21. Juli: CORRECTIV))

CORRECTIV hat zudem die Aussagen der Frau in dem Facebook-Beitrag einzeln überprüft.

1. Behauptung: Die Medien zeigen die „Schinkenstraße” voll mit feiernden Leuten, dabei war sie leer

Die Aufnahmen von feiernden Touristen, über die viele Medien berichteten (zum Beispiel hier der WDR), stammen nicht – wie in dem Facebook-Beitrag behauptet – aus der „Schinkenstraße” in Palma, sondern aus der „Bierstraße“. 

Medien wie die Tageszeitung WAZ oder die Mallorca-Zeitung haben geschrieben, dass die Bilder aus der „Bierstraße” stammen. In einem Text vom Merkur ist in einer Zwischenüberschrift allerdings auch von „illegalen Corona-Partys in der ‘Schinkenstraße’” die Rede, näher ausgeführt wird das nicht.

Beide Straßen liegen unweit der Strandpromenade Playa de Palma, sie verlaufen parallel zueinander und dazwischen liegen drei andere Straßen (Übersicht auf Google Maps). In der „Schinkenstraße” liegt der Biergarten mit Freiluft-Diskothek „Bierkönig”, der tatsächlich seit Mitte März geschlossen ist, wie CORRECTIV auf Nachfrage von den Betreibern erfuhr. In dieser Straße soll es sehr ruhig zugegangen sein, beschreibt ein Augenzeuge, mit dem wir uns am 19. Juli per Chat auf Facebook unterhalten konnten.

Maps_Partymeilen-Mallorca
„Bierstraße” (Carrer de Miquel Pellisa) und „Schinkenstraße” (Carrer del Pare Bartomeu Salvà) bei Google Maps: Die grünen Pfeile mit den eckigen Kästchen markieren die genannten Bars und Restaurants. (Quelle: Google Maps / Screenshot vom 21. Juli: CORRECTIV)

Augenzeuge beschreibt „Bierstraße” als „nie wirklich mega überfüllt” 

„Durch die Schinkenstraße sind wir 2 mal durchgelaufen in dem Zeitraum 09.07. bis 12.07. Jede dort ansässige Disco hatte geschlossen. Von Partys in der Schinkenstraße haben wir also nichts wahrgenommen”, schreibt Niko Papadopoulos. Er kommt aus Nordrhein-Westfalen und hat die Berichterstattung über das Wochenende des 10. und 11. Juli in Palma ebenfalls auf Facebook in einem Kommentar unter einem Beitrag der Bar „Et Dömsche“ kritisiert. Seine Fotos, die CORRECTIV vorliegen, belegen, dass er vom 9. bis 13. Juli auf Mallorca war und mindestens an drei Abenden auch in der „Bierstraße”. 

Facebook-Kommentar
Kommentar von Niko Papadopoulos auf Facebook: Durch diesen Beitrag ist CORRECTIV auf ihn aufmerksam geworden. (Quelle: Facebook / Screenshot vom 21. Juli: CORRECTIV)

Niko Papadopoulos saß am Abend des 10. Juli laut eigener Aussage in der Bar „Et Dömsche” mit Blick auf das „Las Palmeras” schräg gegenüber. CORRECTIV liegt ein Foto von jenem Abend vor, das bestätigt, dass er um 21:58 Uhr Einblick in die „Bierstraße” am „Deutschen Eck” hatte. 

Foto eines Augenzeugen von Mallorca
Aufnahme vom 10. Juli 2020: Dieses Bild eines Urlaubers zeigt das „Deutsche Eck” an der „Bierstraße”, in der sich die Touristen sammeln. (Foto: Niko Papadopoulos/privat)

Papadopoulos schrieb CORRECTIV auf Facebook, dass er jeden Abend in der Bar „Et Dömsche” gewesen sei. Dort habe zu es keiner Zeit Probleme mit Verstößen gegen die Covid-19-Regelungen gegeben. „Beim Aufstehen vom Tisch trugen die Menschen Masken, genauso wie zum Gang auf die Toilette. Die Bedienungen haben die Leute auch häufig dran erinnert”, schrieb er.

„Las Palmeras“ warb offenbar mit günstigen Bierpreisen um Kundschaft

Anders sei das am 10. Juli abends schräg gegenüber gewesen: „Vom Dömsche aus konnte man gut erkennen, was im Las Palmeras los war. Sie haben mit Dumpingpreisen für Getränke die Massen angelockt. Dementsprechend war dort auch die Stimmung. Grölende Feiernde, wie man es von Mallepartys eben gewohnt ist. Der Straßen-DJ hat seine Musik aufgelegt. Im Las Palmeras waren die Tische zwar mit Abständen aufgestellt worden, jedoch gab es dort richtig Stimmung, bis auf die Straße vor dem Laden.” 

Die „Bierstraße” selbst sei allerdings „nie wirklich mega überfüllt” gewesen. Polizeikontrollen habe er an jenem Abend nicht mitbekommen. Dass die Polizei nicht eingeschritten sei, berichtete auch die Mallorca-Zeitung am 11. Juli.

Foto eines Augenzeugen von Mallorca
Am 12. Juli um 1:08 Uhr: Augenzeuge Niko Papadopoulos schreibt, er habe in Mallorcas „Bierstraße” nur an jenem Abend zwei Polizisten auf der Straße gesehen – in den Nächten davor nicht. (Foto: Niko Papadopoulos/privat)

Wirte werfen Medien Manipulation von Bildern vor

Diese Angaben entsprechen in etwa dem, was einige Wirte von jenem Abend berichten, wie hier im Kölner Express. Auch auf der Facebook-Seite von „Et Dömsche” ist am 15. Juli ein kritischer Kommentar erschienen. Darin hieß es: „In den News sind entweder veraltete, oder Bilder EINES Tages von EINER Lokalität (nicht unserer!!!) zu sehen!” Die Mallorca-Zeitung berichtete am 16. Juli: „Der Ballermann macht die Medien für die Schließung verantwortlich”.

In den Medien berichten unterschiedliche Augenzeugen (hier und hier), dass Journalisten an den Abenden des 10., 11. und 12. Juli Bilder manipuliert haben sollen – entweder durch die Wahl der Kameraeinstellungen oder indem sie Touristen vor der Kamera zum Feiern animiert hätten. 

Niko Papadopoulos bestätigt diese Berichte gegenüber CORRECTIV: In jener Freitagnacht habe er in der „Bierstraße” einen Journalisten mit einem Mikrofon des Senders RTL gesehen. Er unterstellt dem Journalisten, die Lage ausgenutzt zu haben. „Die Bierstraße selber war nie wirklich mega überfüllt, wartende Menschen, die auf einen Tisch gehofft haben vor den Bars, zudem die schwarzen Straßenverkäufer und sogar Kamerateams wie von RTL blockierten, bzw. stellten dann noch die Straße zu. Somit waren kurzzeitige ‘Nadelöhre’ nicht vermeidbar”, schreibt er.

„Ich konnte sehr gut erkennen, wie RTL genau solche kurze Szenen ausgenutzt hat, um zu filmen. Und immer in Richtung Las Palmeras, mit dem richtigen Blickwinkel sah es dann natürlich übertrieben voll aus auf der Straße.”

CORRECTIV kontaktierte RTL für eine Stellungnahme dazu. Sprecherin Heike Speda antwortete in einer E-Mail, dass das „feste Mallorca-Team” des Senders nicht am 10. Juli gedreht habe. „Wir können bestätigen, dass wir am 12. Juli auf der Bierstraße gedreht haben. Am darauffolgenden Tag wurde die Maskenpflicht auf Mallorca umgesetzt. Wir können die Arbeit unserer Kollegen nicht beanstanden, sowohl unser Material – als auch die Aufnahme des Augenzeugen, zeigt deutlich, wie die Situation an diesem Abend vor Ort war. Unsere Kollegen sind zur Einhaltungen aller angeordneten Vorsichtsmaßnahmen angehalten.”

Facebook-Chat
Augenzeuge Niko Papadopoulos beschreibt auf Facebook, wie er die Situation in Mallorca erlebt hat. (Quelle: Facebook / Screenshot vom 21. Juli: CORRECTIV)

Am 16. Juli schrieb Schlagersänger Mickie Krause auf Facebook: „Es ist nicht so, wie es derzeit in den Medien dargestellt wird!” In einem Video aus Mallorca sagte er zu den Ereignissen am Freitag, 10. Juli: „Das war wirklich nur eine Momentaufnahme.” Die Wirte hätten in der „Bierstraße” ihre Hausaufgaben gemacht. 

Urlauberin war zum Zeitpunkt der Partys in der „Bierstraße“ gar nicht mehr auf Mallorca

Fazit: Anders als von der Frau in dem Facebook-Beitrag behauptet, haben keine CORRECTIV bekannten Medien die „Schinkenstraße” voll mit feiernden Leuten abgebildet. Doch in Einzelfällen kam es zu vermeidbaren Fehlern, wie einer irreführenden Zwischenüberschrift im Merkur

Da die Urlauberin offenbar nur bis zum 10. Juli auf Mallorca war, ist ihr Augenzeugenbericht kein Beleg für die Situation, über die die Medien berichteten. Videos und Augenzeugenberichte zeigen, dass es an bestimmten Orten am Wochenende vom 10. bis 12. Juli zu Verstößen kam. 

Die Regierung der Balearischen Inseln registrierte an jenem Wochenende laut eigenen Angaben 51 Interventionen und 24 Sanktionsmaßnahmen wegen Nichteinhaltung der COVID-19-Bestimmungen – auf der gesamten Insel. Die Polizei (Guardia Civil) hat auf Anfragen von CORRECTIV bisher nicht reagiert. 

2. Behauptung: Medien verwendeten alte Bilder

Tatsächlich konnte CORRECTIV Einzelfälle finden, in denen Medien alte Aufnahmen als Symbolbilder verwendet haben, ohne sie zu kennzeichnen. Auf Facebook beschwerten sich Nutzer konkret über Focus-Online und die Welt, die dasselbe Foto eines überfüllten Strandes zeigten.

Focus-Beitrag Mallorca
Nachrichtenseiten verwenden teilweise veraltete Fotos für aktuelle Berichterstattung ohne dies kenntlich zu machen. (Quelle: Focus-Online / Screenshot: CORRECTIV)

Das Foto in dem Focus-Online-Bericht vom 19. Juli ist von der DPA und laut deren Pressefoto-Datenbank aus dem Jahr 2018 (zum Beispiel verwendete es die Deutsche Welle in diesem Bericht und wies darauf hin, dass es von 2018 ist). Focus-Online und die Welt haben es ohne Hinweis auf das Datum der Aufnahme verwendet. 

Bei dem Foto vom überfüllten Strand handelt es sich um ein Symbolbild

Auf dem Bild sind Schirme und Liegen zu sehen, die an der Playa de Mallorca derzeit nicht existieren. Das zeigt eine Strand-Kamera, die den Abschnitt vor dem ehemaligen „Ballermann 6” live ins Netz überträgt.

Live-Cam Mallorca
Screenshot des Live-Videos am 21. Juli 2020: Besucher sonnen sich am Strand Playa de Palma. (Quelle: Livecam El Arenal Playa de Palma / Screenshot vom 21. Juli: CORRECTIV)

Allerdings haben sich einige Journalisten auch kritisch mit diesem Thema auseinandergesetzt. Die Kreiszeitung war selbst nicht vor Ort, doch als lokale Tageszeitung hat sie auf einen Leserbrief reagiert. Sie veröffentlichte einen Bericht darüber, warum Urlauber aus Mallorca die „einseitige“ Berichterstattung in den Medien kritisieren. Auch die Mallorca Zeitung, die über die Partys am Freitag, 10. Juli laut eigener Aussage zuerst berichtet hatte, beschäftigte sich mit der Kritik an den Medien. 

3. Behauptung: Auf Mallorca herrscht Maskenpflicht, weil die Medien lügen

Eine Maskenpflicht gab es auf den Balearen schon vorher. Vor dem 13. Juli waren sie im Freien nur dann nötig, wenn kein Sicherheitsabstand von zwei Metern eingehalten werden konnte. Das hat sich nun geändert – und ab dem 20. Juli kann ein Verstoß mit einem Bußgeld von bis zu 100 Euro geahndet werden. Doch kann man die Medien dafür verantwortlich machen?

Die strengere Maskenpflicht für die Balearen (Mallorca, Menorca, Ibiza und Formentera) trat zwar am Montag, 13. Juli, in Kraft. Diese Änderung war jedoch bereits am 9. Juli angekündigt worden, also vor dem besagten „Party-Wochenende“. 

Am Mittwoch, 15. Juli mussten dann die Bars in der „Bierstraße“ und „Schinkenstraße” sowie jene im britischen Party-Zentrum in Magaluf schließen. Dies entschied die balearische Regionalregierung nach den Ereignissen am Wochenende des 10. bis 12. Juli. 

Regierung der Balearen ist um Einhaltung der Regeln bemüht

Der Pressesprecher des balearischen Tourismusministers Iago Negueruela antwortete auf eine E-Mail-Anfrage von CORRECTIV, dass sich die Menschen auf den Balearen um Einhaltung der Regeln bemühen würden. „Die Bilder der letzten Tage mit Partys und Menschenmengen in bestimmten Gegenden dürfen sich nicht wiederholen, wir werden das nicht tolerieren”, schrieb der Sprecher Hugo Saénz.

„Es handelt sich um eine sehr spezifische Aktion (die Schließung von Nachtclubs in bestimmten Straßen) in sehr begrenzten Gebieten, die nur sehr wenige von ihnen versäumen. Diese wenigen dürfen unser Image nicht beeinträchtigen oder die Gesundheit unserer Einwohner und Arbeitnehmer gefährden.”

Warum Demokratie Faktenchecks braucht

Desinformation im Netz ist ein zentrales Problem des 21. Jahrhunderts. Es hat das Potenzial, Demokratien zu zerreiben. Nie war das deutlicher als in der Corona-Krise. Faktenchecker auf der ganzen Welt haben die Gefahr erkannt – und arbeiten trotz Widerstands und Angriffen täglich dagegen an. Warum unsere Arbeit so wichtig ist.

ZUM ARTIKEL

Auch die Präsidentin der Balearen-Inseln Francina Armengol schrieb am 15. Juli auf Twitter: „Die Gesundheitslage ist derzeit gut und wir werden die Verantwortungslosigkeit einer Minderheit in so einer riskanten Situation nicht tolerieren. Wir setzen uns für die Gesundheit und die Wirtschaft ein. Wir werden schon auf kleine Fehltritte reagieren, und wir werden energisch gegen solche Exzesse vorgehen. Null Toleranz für diejenigen, die unverständig sind und die Sicherheit aller in Gefahr bringen.”

Verschärfte Maskenpflicht ist auf steigende Fallzahlen zurückzuführen 

Fazit: Haben die Medienberichte über das Wochenende 10. bis 12. Juli etwas mit der Verschärfung der Maskenpflicht zu tun? Nein, die Gesundheitsministerin der Balearen hat diese bereits am Donnerstag, 9. Juli, angekündigt. 

Zudem erklärte Gesundheitsministerin Patricia Gómez laut Mallorca-Zeitung in einer Pressekonferenz am 13. Juli, dass es sich bei der verschärften Maskenpflicht nicht um eine Art Überreaktion auf das Verhalten einiger Urlauber an der Playa de Palma handele. Es gehe vielmehr um die nationale und internationale Situation. In Spanien steigen die Infektionszahlen mit dem Coronavirus seit zwei Wochen wieder an, besonders in Katalonien, berichtet die Tagesschau

Gesamtfazit: Medien haben die feiernden Touristen nicht erfunden

Die Behauptungen der mutmaßlichen Mallorca-Urlauberin auf Facebook sind teilweise falsch, weil ihnen der Kontext fehlt. Die Bilder von feiernden Touristen in Palma de Mallorca sind hingegen echt und stammen vor allem von der Nacht vom 10. auf den 11. Juli in der „Bierstraße“. Am Wochenende griffen viele Medien das Thema auf und berichteten darüber. Schuld an der Maskenpflicht sind die Medien nicht. 

Bei der Berichterstattung sind einigen Medien jedoch Fehler unterlaufen. Vereinzelt wurden veraltete Bilder verwendet und teils ein falscher Eindruck vermittelt. Doch andere Medien haben diese Kritik bereits aufgegriffen – und mit Urlaubern gesprochen, die vor Ort waren. Hierbei hervorzuheben ist besonders die Kreiszeitung, die mit einem Bericht auf einen Leserbrief reagiert hat.

Update, 29. Juli 2020: Wir haben eine Stellungnahme von RTL zu dem Fall ergänzt.
Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Es gab Verstöße von Feiernden gegen die Corona-Regeln auf Mallorca. 

Polizei Deutschland
Jedes Jahr werden zwischen 8.000 und 15.500 Kinder in Deutschland bei der Polizei als vermisst gemeldet. (Symbolbild: Unsplash/ Markus Spiske)

von Uschi Jonas

100.000 Kinder würden jedes Jahr spurlos in Deutschland verschwinden, 800.000 in den USA – das suggeriert ein Beitrag auf Facebook und vermutet eine Verschleppung der Kinder in Farmen, in denen Menschenfleisch produziert wird. Die Behauptungen sind falsch.

Ein Facebook-Nutzer behauptet in einem Beitrag, dass jedes Jahr hunderttausende Kinder in Deutschland und den USA spurlos verschwinden würden: Langsam dämmert es dann vielleicht den Menschen wohin 100.000 deutsche Kinder jährlich verschwinden! […] 100.000 Kinder können sich nicht alle im Wald verlaufen haben und dann spurlos verschwunden sein  […] In Amerika sind es jährlich 800.000 Kinder – heißt es in dem Beitrag vom 27. Juni.

Zur Stützung seiner Behauptung veröffentlichte der Nutzer den Screenshot eines englischsprachigen Facebook-Beitrags, in dem von der Produktion von Menschenfleisch die Rede ist. Die Behauptungen sind falsch. 

Es verschwinden nicht hunderttausende Kinder in Deutschland und den USA im Jahr spurlos

Es verschwinden in beiden Ländern deutlich weniger Kinder als im Facebook-Beitrag behauptet und ein Großteil der Fälle wird gelöst. Der Beitrag über die Menschenfleisch-Farm ist frei erfunden.

Der Facebook-Beitrag suggeriert, dass hunderttausende Kinder aus Deutschland und den USA in Menschen-Farmen verschleppt würden. (Screenshot und Schwärzungen: CORRECTIV)
Der Facebook-Beitrag suggeriert, dass hunderttausende Kinder aus Deutschland und den USA in Menschen-Farmen verschleppt würden. (Screenshot und Schwärzungen: CORRECTIV)

Vermisstenfälle werden in Deutschland vom Bundeskriminalamt (BKA) erfasst. Für Minderjährige im Alter von bis zu 18 Jahren gilt im Gegensatz zu Erwachsenen, dass sie ihren Aufenthaltsort nicht selbst bestimmen dürfen: Bei ihnen wird grundsätzlich von einer Gefahr für Leib oder Leben ausgegangen. Sie gelten für die Polizei bereits als vermisst, wenn sie ihren gewohnten Lebenskreis verlassen haben und ihr Aufenthalt nicht bekannt ist.

 

Bei Vermissten unterscheidet das Bundeskriminalamt zwischen Kindern bis einschließlich 13 Jahren und Jugendlichen im Alter von 14 bis 17 Jahren.

Das BKA betont, dass das Thema vermisste Kinder in der deutschen Öffentlichkeit einen hohen Stellenwert besitze. Intensive Medienberichterstattung bei aktuellen Einzelfällen suggeriere insgesamt ein hohes Gefährdungspotenzial für Kinder. 

Die Hälfte der Vermisstenfälle in Deutschland klärt sich laut BKA innerhalb einer Woche

So entsteht mitunter der Eindruck, dass die Anzahl nicht wieder aufgefundener Kinder bzw. nicht aufgeklärter Fälle dramatisch hoch sei, eine maßgebliche Anzahl vermisster und nicht wieder aufgefundener Kinder Opfer sog. Kinderpornografie-Ringe seien und die Polizei nicht genug unternehme, um dem Einhalt zu gebieten. Die in den polizeilichen Datenbanken registrierten Zahlen würden jedoch ein anderes Bild zeigen, betont das BKA.

Zudem erläutert das BKA: „Täglich werden jeweils etwa 200 bis 300 Fahndungen neu erfasst und auch gelöscht.“ Das Bundeskriminalamt erklärt, dass sich etwa 50 Prozent der Vermissten-Fälle innerhalb der ersten Woche erledigen würden, 80 Prozent innerhalb eines Monats. Der Anteil der Personen, die länger als ein Jahr vermisst werden, bewege sich bei etwa 3 Prozent.

So wurden laut der Webseite des BKA im Jahr 

  • 2016: 8.084 Kinder als vermisst gemeldet 7.781 der Fälle aufgeklärt (Aufklärungsquote von 96 Prozent).
  • 2017: 8.259 Kinder als vermisst gemeldet 8.080 davon wieder angetroffen bzw. aufgefunden (Aufklärungsquote von 98 Prozent).
  • 2018: 12.791 Kinder als vermisst registriert 12.604 Fälle aufgeklärt (Aufklärungsquote von 98,5 Prozent).
  • 2019: 15.395 Kinder als vermisst registriert 97,9 Prozent der Fälle aufgeklärt (Aufklärungsquote von 97,9 Prozent).

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei vermissten Jugendlichen (14- bis 17-Jährige):

  • 2016: Vermisst insgesamt 52.702, davon wieder aufgefunden 52.554 (Aufklärungsquote 99,7 Prozent).
  • 2017: Vermisst insgesamt 53.546, davon wieder aufgefunden 53.326 (Aufklärungsquote 99,6 Prozent).
  • 2018: Vermisst insgesamt 76.719, davon wieder aufgefunden 76.322 (Aufklärungsquote 99,5 Prozent).
  • 2019: Vermisst insgesamt 77.499, davon wieder aufgefunden 76.424 (Aufklärungsquote 98,6 Prozent).

Am 5. März 2020 – der letzten Aktualisierung der Zahlen durch das BKA – gab es in Deutschland gerechnet ab dem frühesten registrierten Vermisstendatum 03.03.1951 bis heute insgesamt 1.869 ungeklärte Fälle vermisster Kinder

Die Behauptung, in Deutschland würden jährlich 100.000 Kinder spurlos verschwinden, ist folglich falsch und übertreibt die tatsächliche Lage um ein Vielfaches. 

In den USA werden jährlich mehr als 400.000 Kinder als vermisst gemeldet, aber fast alle Fälle gelöst

In den USA werden im National Crime Information Center, der zentralen Datenbank zur Sammlung von Informationen in Zusammenhang mit der Kriminalitätsbekämpfung, Vermisstenfälle erfasst. Die USA erfassen die Vermisstenfälle von Kindern und Jugendlichen bis zu einem Alter von unter 21 Jahren. 

Demnach sind im Jahr 2019 401.875 Kinder und Jugendliche verschwunden 401.764 Fälle wurden gelöst (Seite 4), im Jahr 2018 waren 405.046 Kinder und Jugendlichen in den USA als vermisst gemeldet worden 407.653 Fälle vermisster Kinder und Jugendlicher wurden im selben Jahr gelöst (Seite 4) und im Jahr 2017 sind 445.345 als vermisst gemeldet worden, 447.023 Fälle wurden gelöst (Seite 4). 

Demnach verschwinden in den USA nicht, wie im Facebook-Beitrag behauptet, jährlich 800.000 Kinder spurlos. In den vergangenen Jahren sind es jährlich zwischen 400.000 und 445.000 Kinder gewesen, die in den USA als vermisst gemeldet wurden aber mindestens genauso viele Fälle wurden im selben Jahr gelöst. 

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!
Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Jetzt spenden!

Im Facebook-Beitrag wird mit dem Screenshot eines anderen Beitrags zudem suggeriert, so viele Kinder würden verschwinden, weil sie in Farmen verschleppt würden, in denen Menschenfleisch produziert werde. 

Der Beitrag über Menschenfleisch-Farm ist erfunden – hinter dem Foto steckt eine Geflügelfarm

Die Facebook-Seite Human Farming Project, von der der Screenshot zu stammen scheint, ist inzwischen gelöscht. Allerdings existiert eine archivierte Seite, in der “Human Farming Project” über sich schreibt, es handle sich um ein Projekt für nachhaltige Ernährung. Einige Leute behaupten, dies sei Satire.

Eine Google-Suche nach der dort angegebenen Telefonnummer in den USA liefert keine Ergebnisse. Bei einer Google-Suche finden sich zudem Beiträge in Sozialen Netzwerken, die die Seite in die Kategorie Satire oder Schwarzen Humor einsortieren. Seriöse Hinweise über den Ursprung der Seite konnte CORRECTIV nicht finden. 

Hinter der Farm steckt eine Hühnerfarm in den USA

In dem Screenshot des Beitrags von Human Farming Projectwird die Eröffnung einer Farm angekündigt, in der menschliches Fleisch produziert werde. Eine Bilder-Rückwärtssuche des dafür verwendeten Fotos mit Google und Yandex ergibt, dass die gezeigte Farm tatsächlich existiert – allerdings scheint es sich dabei um eine Hühnerfarm der Firma Herbruck’s in Saranac im US-Bundesstaat Michigan zu handeln. 

Herbruck’s ist der nach eigenen Angaben größte Ei-Produzent in Michigan. Seit Dezember 2014 finden sich vor allem in den USA Artikel von Umwelt- und Tierschutzorganisationen sowie Nachrichtenseiten, die über die Farmen von Herbruck’s berichten und dafür das Foto des Facebook-Beitrags verwenden. Seriöse Berichte darüber, dass dort Menschenfleisch produziert werde, konnten wir nicht finden. 

Auf Google Maps finden sich in Saranc mehrere Farmen von Herbruck’s. Fotos von Google Earth Pro zeigen unter der Adresse Green meadow organics division of Herbruck’s poultry Ranch, 3896 Grand River Ave, Saranac, MI 48881, Vereinigte Staaten ein Satellitenfoto einer Herbruck’s Geflügelfarm vom 26. September 2014, das der im Facebook-Beitrag gezeigten Farm stark gleicht. 

Ein Satellitenfoto der Herbruck’s Farm vom September 2014. (Quelle: Google Earth Pro, Screenshot: CORRECTIV)
Ein Satellitenfoto der Herbruck’s Farm vom September 2014. (Quelle: Google Earth Pro, Screenshot: CORRECTIV)

Fazit: Die Behauptungen sind falsch. In Deutschland verschwinden nicht jährlich 100.000 Kinder spurlos. Die Zahl der vermissten Kinder ist deutlich geringer, ein Großteil der Fälle wird aufgeklärt. In den USA ist die Aufklärungsquote ähnlich. Der Beitrag einer vermeintlichen US-Farm in der menschliches Fleisch produziert wird, ist falsch. Bei der gezeigten Farm handelt es sich um eine Geflügelfarm.

Unsere Bewertung:
Falsch. Es werden in Deutschland und den USA weitaus weniger Kinder vermisst, der Großteil der Fälle wird aufgeklärt.

Screenshot Heute Journal
Screenshot aus der betreffenden Sendung „Heute Journal“ vom 8. Juli 2020. (Quelle: ZDFheute Nachrichten/Youtube, Screenshot: CORRECTIV)

von Steffen Kutzner

Auf mehreren Webseiten wird ein Versprecher eines Nachrichtenmoderators als Beleg für mangelnde Qualität deutscher Nachrichtenformate gewertet. Angeblich habe der Moderator seinen Fehler nicht korrigiert. Das stimmt nicht.

„130 Millionen Tote: ZDF rottet zwei Fünftel der USA aus“, titelte die Webseite Science Files am 9. Juli 2020 in einem Beitrag und die Webseite Politikstube schrieb am nächsten Tag: „Fake News vom Feinsten: Laut dem ZDF sind 130 Millionen Amerikaner an Corona verstorben“. Es handelte sich jedoch lediglich um einen Versprecher des Moderators.

Bei Science Files wird eingeräumt, dass es sich bei der Aussage von Heinz Wolf, einem der Moderatoren der ZDF-Nachrichtensendung „Heute Journal“, am 8. Juli 2020 um einen Versprecher gehandelt hatte. Dass er seinen Fehler nicht korrigiert habe, werfe jedoch „ein bezeichnendes Bild auf die Standards des ZDF“. 

Wolf korrigierte seinen Fehler jedoch. 

Er hatte in einem Beitrag zu aktuellen Fallzahlen des Coronavirus in den USA (ab 14:12 im Video) versehentlich von 130 Millionen Menschen gesprochen, die an den Folgen des Coronavirus gestorben seien. Als er seinen Fehler einige Minuten später korrigierte (ab 22:37 im Video), nannte er die richtige Zahl von etwa 130.000 Toten und entschuldigte sich für den Versprecher.

Der Beitrag auf Science Files unterschlägt die Entschuldigung und Richtigstellung: „130 Millionen Tote in den USA müssen ihm offenkundig glaubwürdig vorgekommen sein. […] Er hat sich nicht korrigiert.“ Das Gegenteil ist der Fall.

Unsere Bewertung:
Falsch. Der Nachrichtensprecher hatte sich für seinen Fehler entschuldigt und sich korrigiert.

Bundesverfassungsgericht Udo Pohlmann Pixabay
Der Eingang des Bundesverfassungsgerichts in Karlsruhe (Symbolbild. Quelle: Udo Pohlmann/Pixabay)

von Steffen Kutzner

In einem aktuellen Blog-Beitrag wird behauptet, Ferdinand Kirchhof, der frühere Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts, habe Angela Merkel als „Verbrecherin“ bezeichnet. Das ist falsch. Das Interview, aus dem zitiert wird, ist zudem schon drei Jahre alt.

„Kirchhof prangert Merkel als Verbrecherin an!“ ist der Titel eines Beitrags des Blogs Europa statt EU vom 29. Juni 2020, in dem behauptet wird, Ferdinand Kirchhof, ehemaliger Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts, habe „nun Merkels Verbrechen offiziell gemacht“, als er der FAZ ein Interview gab. Der Blog-Beitrag wurde laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 9.600 Mal auf Facebook geteilt. Das Interview, auf das sich diese Behauptung bezieht, stammt jedoch aus dem Jahr 2017. Angela Merkel wird darin nicht erwähnt. 

Das Doppel-Interview mit Ferdinand Kirchhof und Winfried Bausback, dem damaligen Justizminister Bayerns, war am 29. August 2017 in der Print-Ausgabe der FAZ erschienen und ist online verfügbar (bezahlpflichtig). In dem Interview diskutierten Kirchhof und Bausback Aspekte von Religionsfreiheit, Einwanderungs- und Sicherheitspolitik in Deutschland im Licht des Islam.

Kirchhof äußerte sich nicht zu Angela Merkel

Kirchhof äußerte in dem Interview den im Blog-Beitrag zitierten Satz: „Den wenigsten, die zu uns kommen, steht das Grundrecht auf Asyl zu.“ Er ist Teil von Kirchhofs Antwort auf die Frage: „Gibt es ein Spannungsverhältnis zwischen Aufnahmepflicht und dem Bestand des Rechtsstaates?“ 

Auszug aus dem Interview, das Ferdinand Kirchhof, damals noch Vizepräsident des Bundesverfassungsgerichts, im August 2017 gegeben hatte. (Quelle: FAZ, Screenshot: CORRECTIV)

Ein Zusammenhang mit Angela Merkels Asylpolitik kann daraus jedoch nicht abgeleitet werden, denn ihr Name fällt in dem Interview gar nicht und weder sie noch andere Regierungsmitglieder werden „als Verbrecher angeprangert“, wie es im Titel des Blog-Beitrags behauptet wird.

Interview mit Kirchhof ist schon drei Jahre alt

Es ist zutreffend, dass Kirchhof damals „eine neue Gewichtung von Freiheit und Sicherheit wegen der steigenden Bedrohung der Gesellschaft durch einen islamistischen Terrorismus“ als notwendig erachtete. Auch diese Passage wird in dem Blog-Beitrag zitiert. Kirchhof sagte in dem Interview jedoch auch: „Wir sollten den Islam nicht unmittelbar sofort mit Terrorismus verbinden. Er ist in erster Linie eine friedliche Religion.“

CORRECTIV ist spendenfinanziert
Wir recherchieren zu Missständen in der Gesellschaft, bieten Bildungsprogramme an und setzen uns für Informationsrechte und Pressefreiheit ein.
Unterstützen Sie uns dabei

Der Text des Blogs Europa statt EU ist eine Kopie eines Beitrags, der im September 2017 auf der Webseite Krisenfrei erschienen war. Damals war Ferdinand Kirchhof noch im Amt. Seit 2018 ist er jedoch im Ruhestand, weshalb der Absatz „Kirchhofs Aussage hat eine neue Qualität, er ist noch im Dienst, im Gegensatz zu den anderen Systemfeiglingen und Mittätern, die das Recht bis zu ihrer Pensionierung verschlucken“ in der Version des Textes vom 29. Juni 2020 zusätzlich falsch ist. 

Schon bei seiner ersten Veröffentlichung im September 2017 wurde der Text auch auf anderen Blogs und auf Facebook veröffentlicht. Jetzt wurde der Blog-Beitrag jedoch noch einmal ohne Hinweis darauf veröffentlicht, dass der Inhalt veraltet ist.

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Kirchhof hat Angela Merkel nicht „als Verbrecherin angeprangert“.

Screenshot Video 6 mit Lokal
Screenshot aus dem Amateurvideo mit dem Schriftzug des Lokals. (Screenshot: CORRECTIV)

von Steffen Kutzner

Auf Facebook wurde eine Amateuraufnahme eines jungen Mannes, der einen Feuerwerkskörper auf einen schlafenden Obdachlosen wirft, mit der „Black-Lives-Matter“-Bewegung in Zusammenhang gebracht. Einen Beleg oder Hinweise für diese Behauptung gibt es jedoch nicht.

Auf Facebook und auf einem Beitrag der Webseite „1984 Magazin“ wurde ein Video veröffentlicht, auf dem ein junger Mann einen Feuerwerkskörper auf einen auf dem Bürgersteig liegenden Mann wirft. Der Beitrag der Webseite titelt „Obdachlosen angezündet – und noch mehr putzige ‚Black Lives Matter‘-Streiche aus den USA“. Der Facebook-Beitrag wurde gepostet mit dem Text: „Wer Spaß daran hat Obdachlose anzuzünden ist bei den Demokraten am besten aufgehoben. #BlackLivesMatter“. 

In dem Video ist zu sehen, wie ein junger Mann einen Feuerwerkskörper anzündet und auf einen anscheinend schlafenden Mann wirft, der auf dem Gehsteig liegt. Ein weiterer Mann filmt das Geschehen mit seinem Telefon. Die Aufnahme wurde offenbar von einer Frau gemacht, die man lachen hört, bevor der Böller in unmittelbarer Nähe des schlafenden Mannes explodiert.

Es gibt jedoch keine Hinweise darauf, dass eine der Personen auf dem Video zur „Black-Lives-Matter“-Bewegung gehört oder „Demokrat“ ist, wie der Text auf Facebook andeutet. 

Das Video stammt offenbar aus New York. Einem Medienbericht zufolge ist der Mann auf dem Gehweg 66 Jahre alt und wurde mit Verbrennungen am Rücken in ein Krankenhaus eingeliefert. Das Video wurde am 23. Juli auch auf Twitter von Terence Monahan, einem von zwei Polizeichefs in New York, veröffentlicht. Die Situation soll sich demnach im Stadtteil Harlem abgespielt haben.

Wann und wo wurde das Video aufgenommen?

Der genaue Ort der Aufnahme lässt sich mit einer Google-Suche ausfindig machen, weil der Schriftzug des Lokals „67 Deli Corp“ deutlich zu sehen ist. Das Lokal liegt tatsächlich im New Yorker Stadtteil Harlem; die genaue Adresse, 67 Malcolm X Boulevard, Manhattan, lässt sich via Google Street View bestätigen. Das Lokal selbst findet sich dort noch nicht, weil die Aufnahme von Juli 2019 ist, aber die beiden Treppenaufgänge und das helle Rolltor sind in der Amateur-Aufnahme zu sehen.

Screenshot des Ortes in Google Street View. In der Aufnahme aus dem Jahr 2019 ist das Lokal noch nicht vorhanden. (Screenshot: CORRECTIV)

Sucht man bei Google Maps nach der Adresse, „67 Malcolm X Boulevard New York“ findet sich auch eine aktuellere Aufnahme des Lokals, in der ein Teil des Rolltors und des Treppenaufgangs zu sehen sind. Sie decken sich mit der älteren Aufnahme bei Google Street View und dem Amateurvideo.

Aufnahme des Lokals vom Februar 2020. (Quelle: Google / Screenshot: CORRECTIV)
Screenshot aus dem Amateurvideo mit dem Schriftzug des Lokals. (Screenshot: CORRECTIV)

Liest man die Metadaten des Videos mit dem Tool Invid aus, zeigt sich, dass es aktuell ist: Es wurde demnach am 23. Juni 2020 um 3:22 Uhr morgens aufgenommen, was 21:22 Uhr des Vorabends (22. Juni) nach New Yorker Zeit entspricht. 

Screenshot der Metadaten des Videos, ausgelesen mit Invid. (Screenshot: CORRECTIV)

Keine Belege für Zusammenhang mit einer „Black-Lives-Matter“-Demo

Am 22. Juni gab es Medienberichten zufolge zwar mehrere Demonstrationen für die „Black-Lives-Matter“-Bewegung in Manhattan, aber keine davon in der Nähe von Harlem. Es gibt also keinen Hinweis darauf, dass der junge Mann im Video oder seine Begleiter auf einer der Demonstrationen waren oder Teil der „Black-Lives-Matter“-Bewegung sind.

Fazit: Es gibt keine Hinweise darauf, dass eine oder mehrere der Personen in dem Video zur „Black-Lives-Matter“-Bewegung gehören. Aufgenommen wurde das Video am Abend des 22. Juni 2020 im New Yorker Stadtteil Harlem.

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Es gibt keine Hinweise auf einen Zusammenhang mit der „Black-Lives-Matter“-Bewegung.

fauci-maxwell-titelbild
Im Netz wird unter anderem mit diesem Bild die falsche Behauptung verbreitet, der Virologe Anthony Fauci sei verheiratet mit der Schwester von Ghislaine Maxwell. Die Frau an seiner Seite ist jedoch nicht Christine Maxwell, sondern Christine Grady. (Screenshot: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

In Sozialen Netzwerken kursiert die Behauptung, der US-amerikanische Virologe Anthony Fauci sei verheiratet mit Christine Maxwell – der Schwester von Ghislaine Maxwell, einer Freundin von Jeffrey Epstein. Die Behauptung stimmt jedoch nicht; die Frau von Fauci heißt Christine Grady. 

Ein Facebook-Beitrag vom 6. Juli zeigt ein Bild des Virologen Anthony Fauci, einer dunkelhaarigen Frau und einen Wikipedia-Eintrag einer Frau namens „Christine Maxwell“. Die Frau an Faucis Seite sieht der Frau auf dem Foto bei Wikipedia ähnlich. „Christine Grady Maxwell, Schwester von Ghislaine Maxwell und Frau von Anthony Fauci“ steht auf dem Bild. 

Die Behauptung, Fauci sei mit Christine Maxwell verheiratet, ist falsch. 

Der Facebook-Beitrag wurde bisher 300 Mal geteilt; weitere identische Beiträge kursieren ebenfalls bei Facebook. Die falsche Behauptung, es handele sich um dieselbe Person, tauchte bereits in den USA auf, auf Twitter und Reddit und einer Seite namens Real Verified News, die sich fälschlich als Faktencheck-Webseite ausgibt. 

Facebook-Beitrag über angebliche Verbindung von Fauci und Christine Maxwell
Der Facebook-Beitrag mit der Behauptung, die Ehefrau des Virologen Anthony Fauci sei Christine Grady Maxwell. (Screenshot: CORRECTIV)

Der Virologe Anthony Fauci wurde während der Corona-Krise auch über die Grenzen der USA hinaus bekannt, weil er sich vielfach öffentlich äußerte und vor der Pandemie warnte. Er ist der Direktor des National Institute of Allergy and Infectious Diseases

Ghislaine Maxwell ist die ehemalige Freundin US-amerikanischen Investmentbankers Jeffrey Epstein, dem laut Medienberichten vorgeworfen wird, jahrelang Sexualstraftaten gegen minderjährige Mädchen verübt zu haben. Epstein wurde 2019 festgenommen und kurz darauf tot in seiner Zelle gefunden. Maxwell wird beschuldigt, ihm bei seinen Taten geholfen zu haben. Auch sie wurde kürzlich festgenommen.

Ghislaine hat eine Schwester namens Christine Maxwell. Laut ihrem Wikipedia-Eintrag, der in dem Facebook-Beitrag auch gezeigt wird, ist diese jedoch verheiratet mit Roger Malina, einem Professor an der Universität Texas in Dallas

Anthony Fauci ist verheiratet mit der Bioethikerin Christine Grady

Anthony Faucis Frau heißt Christine Grady und ist Bioethikerin. Sie wurde im April 2020 zum Beispiel von CNBC interviewt. Sie ist außerdem die Leiterin des Instituts für Bioethik des National Institute of Health. Nach eigenen Angaben wuchs sie in New Jersey auf. 

Christine Grady
Christine Grady, die Frau von Anthony Fauci, ist Leiterin des Instituts für Bioethik des National Institute of Health. (Screenshot: CORRECTIV)

Christine Maxwell ist Internet-Unternehmerin und Autorin

Christine Maxwell wurde laut Wikipedia in Frankreich geboren, eine Primärquelle konnten wir dafür allerdings nicht finden. Sie lebe mit ihrem Mann, Roger Malina, in Dallas, schrieb der Telegraph kürzlich. Sie arbeitet ebenfalls an der University of Texas at Dallas. Ihrem Profil auf der Webseite der Universität zufolge ist ihr Doppelname nicht „Christine Grady Maxwell“, wie in dem Facebook-Beitrag behauptet wird, sondern „Christine Malina-Maxwell“. Sie sei „Internet-Pionierin“ und Autorin. 

Tatsächlich gibt es zum Beispiel einen Bericht in der L.A. Times von 1996 über sie, in dem es heißt, sie habe gemeinsam mit ihrem Ehemann und ihrer Zwillingsschwester Isabel Maxwell 1993 eines der ersten Internetverzeichnisse veröffentlicht. Ihr Internet-Startup wird auch in ihrem offiziellen Lebenslauf erwähnt. Die französische Zeitung Libération veröffentlichte 1995 ein Porträt über sie. 

Christine Maxwell
Christine Maxwell arbeitet an der Universität Texas in Dallas. (Screenshot: CORRECTIV)

Die beiden Personen – Christine Grady und Christine Maxwell – haben also nichts gemeinsam außer dem Vornamen, ähnlichem Alter und Aussehen. Ihre Lebensläufe weisen keine Parallelen auf. So hat Grady ihrem offiziellen Lebenslauf zufolge in den 70er-Jahren an der Georgetown University studiert – zu dieser Zeit lebte Maxwell in England und arbeitete dort als Lehrerin. 

Unsere Bewertung:
Falsch. Anthony Fauci ist nicht mit Christine Maxwell verheiratet. 

person-riding-road-bike-on-the-road-38296
Auch wenn ein Radweg vorhanden ist, müssen Fahrradfahrer diesen nicht immer nutzen. (Symbolbild: Pixabay)

von Kathrin Wesolowski

Auf Facebook wird behauptet, es sei strafbar, wenn Fahrradfahrer auf der Straße fahren und nebeneinander fahren, obwohl ein Radweg vorhanden ist. Die Behauptung ist teilweise falsch. Fahrradfahrer müssen Radwege nur nutzen, wenn es durch Verkehrsschilder angeordnet wird. Ob es diese gibt, ist im Facebook-Beitrag nicht ersichtlich.

Auf Facebook kursiert ein Foto, das zwei Radfahrer zeigt, die nebeneinander auf der Straße fahren. Daneben steht: „Nennt sich Behinderung und ist strafbar“. Ein Pfeil mit dem Wort „Radweg“ zeigt dabei zudem an, dass sich neben der Straße ein Fahrradweg befindet. Der Beitrag suggeriert, es sei strafbar, auf der Straße Fahrrad zu fahren, wenn eigentlich ein Radweg vorhanden ist.

Das Foto wurde am 5. Juli veröffentlicht und bisher mehr als 3.600 Mal geteilt. CORRECTIV hat die Behauptung überprüft. Sie ist so pauschal nicht ganz richtig, denn es hängt von der Verkehrsbeschilderung und der Situation ab, ob die Nutzung von Radwegen gesetzlich verpflichtend ist und Radfahrer nebeneinander fahren dürfen. 

Ob Fahrradfahren auf der Straße erlaubt ist, hängt vom Verkehrsschild ab

Der Facebook-Beitrag suggeriert, dass es strafbar sei, wenn Fahrradfahrer nicht den Radweg nutzen – doch so einfach ist es nicht. (Screenshot und Schwärzungen: Facebook)

Die Straßenverkehrsordnung (§ 2 Absatz 4) besagt: „Eine Pflicht, Radwege in der jeweiligen Fahrtrichtung zu benutzen, besteht nur, wenn dies durch Zeichen 237, 240 oder 241 angeordnet ist.“ Dies sind beispielsweise die blauen Verkehrsschilder mit weißem Fahrradsymbol und die Verkehrsschilder, die ein Fahrradsymbol sowie das Fußgängersymbol aufweisen. 

Wenn ein Radweg mit diesen Schildern gekennzeichnet ist, ist das Benutzen des Weges für Fahrradfahrer Pflicht. (Screenshot: CORRECTIV / Quelle: Deutscher Verkehrssicherheitsrat)

Eine Pflicht, auf Radwegen zu fahren, besteht also nur, wenn sie durch Verkehrszeichen (Zeichen 237, 240 oder 241) angeordnet ist. Ein Verstoß wird mit einem Bußgeld geahndet. Es handelt sich folglich um eine Ordnungswidrigkeit.

Ob solche Schilder an der Straße, die auf Facebook gezeigt wird, vorhanden sind, ist unklar, da im Beitrag kein Ort angegeben wurde. 

Nebeneinanderfahren nicht gestattet, wenn andere Verkehrsteilnehmer behindert werden

Die beiden Radfahrer im Facebook-Beitrag fahren zusätzlich nebeneinander. Bislang hieß es in der Straßenverkehrs: „Mit Fahrrädern muss einzeln hintereinander gefahren werden; nebeneinander darf nur gefahren werden, wenn dadurch der Verkehr nicht behindert wird.“

Doch am 15. Mai verkündete das Bundesverkehrsministerium im Rahmen einer StVO-Novelle, dass das Nebeneinanderfahren ab sofort grundsätzlich gestattet sei. Das Bundesverkehrsministerium schrieb dazu: „Durch eine Neufassung der bestehenden Regelung wird klargestellt, dass das Nebeneinanderfahren von Radfahrenden grundsätzlich gestattet ist. Lediglich wenn andere Verkehrsteilnehmende behindert werden, muss hintereinander gefahren werden.“ Allerdings wurde die Novelle von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer Anfang Juli aufgrund eines Formfehlers für nichtig erklärt.

Die genaue Rechtslage zum Nebeneinanderfahren ist folglich derzeit unklar. Fest steht: Es ist dann nicht erlaubt, wenn damit andere Verkehrsteilnehmer behindert werden.

Update, 13. Juli 2020: Wir haben die Bewertung geändert, weil Fahrradfahrer Radwege nur nutzen müssen, wenn es durch entsprechende Verkehrsschilder angeordnet ist. Im Facebook-Beitrag fehlt Kontext, ob die Beschilderung vorhanden ist oder nicht. Wir haben klargestellt, dass das Nicht-Fahren auf dem Radweg eine Ordnungswidrigkeit ist und dass die Rechtslage zum Nebeneinanderfahren seit 15. Mai 2020 unklarer ist.

Unsere Bewertung:
Unsere Bewertung: Teilweise falsch. Fahrradfahrer müssen Radwege nur nutzen, wenn es durch Verkehrsschilder angeordnet wird.

Schausteller demonstrieren
02.07.2020, Berlin: Teilnehmer an der Kundgebung des deutschen Schaustellerbundes stehen mit Plakaten am Brandenburger Tor. Auf Plakaten, Transparenten und mit Redebeiträgen protestierten sie gegen das Verbot der Großveranstaltungen bis mindestens Ende Oktober. Foto: Paul Zinken/picture alliance/dpa

von Steffen Kutzner

In einem Facebook-Beitrag wird behauptet, eine Demonstration von Schaustellern in Berlin wäre in der medialen Berichterstattung nicht berücksichtigt worden. Das ist falsch.

In einem Facebook-Beitrag wird die Behauptung aufgestellt, eine Schausteller-Demonstration in Berlin sei „von den Medien in der Berichterstattung unterschlagen“ worden. „Auch die TV-Nachrichten von ARD und ZDF zur abendlichen Hauptzeit, so wie auch viele andere Leitmedien unterschlagen die Berichterstattung.“ Der Beitrag vom 3. Juli wurde mehr als 7.500 Mal geteilt. 

Der Vorwurf, die Medien hätten nicht über die Demonstration berichtet, ist falsch. 

Screenshot des Facebook-Beitrags vom 3. Juli 2020 über die Schausteller-Demo in Berlin. (Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)

Die Demonstration der Schausteller fand am 2. Juli statt. Die Tagesschau hat noch am selben Tag in der 20-Uhr-Sendung darüber berichtet – gleich im ersten Beitrag.

Screenshot aus dem Bericht der Tagesschau vom 2. Juli 2020 über die Schausteller-Demo in Berlin. (Quelle: ARD Mediathek, Screenshot: CORRECTIV)

Abgesehen von der Tagesschau berichteten unter anderem der Tagesspiegel, RBB24, Bild und der Bayerische Rundfunk über die Demonstration. Etwa 1.600 Schausteller waren den Berichten zufolge am 2. Juli mit 1.000 Lkw nach Berlin gekommen, um auf ihre Situation während der Corona-Krise aufmerksam zu machen.

Das im Facebook-Beitrag verwendete Bild zeigt laut einer Bilderrückwärtssuche auf Google tatsächlich die Demonstration am 2. Juli. Es wurde in unterschiedlichen Ausschnitten in verschiedenen Medienberichten über die Demonstration verwendet, etwa hier, hier und hier.

Unsere Bewertung:
Falsch. Die Tagesschau und andere Medien haben noch am selben Tag über die Schausteller-Demonstration berichtet.

radio-tower-2495325_1920
Es gibt keine Belege dafür, dass deutschlandweit heimlich 5G-Stationen errichtet wurden. (Symbolbild: Pixabay / schwarzweisz).

von Kathrin Wesolowski

In einem Artikel wird behauptet, die Regierung lasse heimlich 5G-Stationen ausbauen. Dies sei beispielsweise in der Gemeinde Dießen am Ammersee bereits geschehen. Für die Behauptungen gibt es keine Belege.

In einem Artikel von Watergate.tv mit dem Titel „So lässt die Merkel-Regierung das gefährliche 5G heimlich ausbauen“ wird behauptet, die Bundesregierung installiere „offenbar heimlich“ 5G-Antennen, also Antennen zum neuen Mobilfunkstandard. Diese würden als solche nicht erkannt werden. In der Gemeinde Dießen seien beispielsweise bereits heimlich 5G-Stationen errichtet worden. 

Der Artikel wurde am 16. Juni 2020 veröffentlicht und bisher laut dem Analysetool Crowdtangle über 1.300 Mal auf Facebook geteilt. CORRECTIV hat die Behauptung überprüft. Die Pläne der Bundesregierung sind öffentlich einsehbar. Weder in noch um Dießen wurden bislang nach Behördenangaben 5G-Stationen errichtet. Es gibt also keine Belege für einen heimlichen Ausbau der 5G-Standorte. 

5G-Sendeanlagen sind unter anderem an Straßenlaternen und Ampeln möglich

„Die Mitnutzung vorhandener Infrastruktur wie zum Beispiel Ampeln, Straßenlaternen oder Gebäude ist für einen schnellen 5G-Ausbau unerlässlich“, wird Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer in dem Artikel von Watergate.tv zitiert. Dieses Zitat ist auch in Medienberichten zu finden sowie auf der Webseite des Bundesverkehrsministeriums (BMVI). 

In dem Artikel wird zudem auf ein Papier des Bundesverkehrsministeriums über mögliche Standorte der 5G-Stationen verwiesen. Auf unsere Anfrage verwies das Bundesverkehrsministerium auf eine Broschüre mit dem Titel „Mitnutzungspotentiale kommunaler Trägerinfrastrukturen für den Ausbau der nächsten Mobilfunkgeneration 5G“. Diese ist laut BMVI erstmals bereits im Juni 2019 veröffentlicht worden und werde seitdem fortlaufend aktualisiert. Erstellt wurde sie von der AG Digitale Netze, zu der unter anderen das Bundesverkehrsministerium, die Deutsche Telekom und der Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien gehören.

In der Broschüre werden mögliche Standorte der 5G-Stationen diskutiert und bewertet. Das BMVI schrieb uns per E-Mail, dass konkrete Standorte von den Mobilfunkanbietern gefunden und erschlossen würden.

Ausschnitt aus der E-Mail des Bundesverkehrsministeriums. (Screenshot: CORRECTIV)

Laut der Broschüre sollen zudem bereits vorhandene Mobilfunkstandorte ausgebaut, neue gefunden und auch sogenannte Kleinzellen, auch Small Cells genannt, angebracht werden.  Als besonders geeignet für die Standorte werden unter anderen Straßenlaternen, Ampelanlagen, Fahrgastinformationstafeln und Gebäudefassaden genannt. Baurechtliche Maßnahmen würden einen weiten Ausbau der Standorte bisher allerdings einschränken. Deshalb müsse ein rechtlicher Rahmen dafür noch geschaffen werden.

Gemeinde Dießen: Die Gemeinde ließ keine 5G-Stationen aufbauen

In dem Artikel von Watergate.tv heißt es zudem: „In der Gemeinde Dießen beispielsweise sind heimlich neue 5G-Stationen errichtet worden.“ Dabei wird angeblich ein Gemeindemitglied zitiert. Dem Gemeinderat soll gesagt worden sein, dass „eine neue Technik zur Messung der Luftverschmutzung und zur Verkehrsdichte nachgerüstet wird“. Zudem soll laut Artikel der Bau- und Umweltausschuss beschlossen haben, dass „Straßenlampen auf LED umgerüstet werden“. Dabei geht es dem Artikel zufolge um eine „heimliche Umrüstung auf 5G“.  Das ist unseren Recherchen nach komplett erfunden. 

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!
Unser Ziel ist eine aufgeklärte Gesellschaft. Denn nur gut informierte Bürgerinnen und Bürger können auf demokratischem Weg Probleme lösen und Verbesserungen herbeiführen. Jetzt spenden!

Auf unsere Anfrage schrieb uns die Bürgermeisterin der Gemeinde Dießen am Ammersee Sandra Perzul: „Grundsätzlich kann ich Ihnen mitteilen, dass die Gemeinde Dießen seit meinem Amtsantritt am 01.05.2020 keine 5G-Stationen aufstellen ließ und auch mein Vorgänger hat dies ebenfalls nicht.“

Laut der Mail der Bürgermeisterin von Dießen, Sandra Perzul, wurden dort keine 5G-Stationen errichtet. (Screenshot: CORRECTIV)

Sandra Perzul bestätigt, dass der Bau- und Umweltausschuss der Gemeinde in seiner Sitzung am 25. Mai zugestimmt habe, die Straßenbeleuchtung in einigen Gemeindestraßen auf LED umzurüsten – „aber nicht zur Umrüstung auf 5G“.

„Bei der Umrüstung auf LED-Lampen geht es der Gemeinde um umweltschutz- und artenschutzrelevante Problematiken: Niedrigerer Energieverbrauch, Stromersparnis, eine längere Lebensdauer und eine geringere Wärmeentwicklung. Letztere wiederum sind besonders auch für die Insekten und die Tiere in der Nacht von besonderer Bedeutung, die geschützt werden sollen“, teilte uns die Bürgermeisterin der Gemeinde weiter mit.

Eine Netzwerkabdeckungskarte der Webseite „nperf“ zeigt, wo es in Deutschland bisher 5G-Stationen gibt. Laut der Karte, die durch Feldtests Daten sammelt, gibt es in Dießen am Ammersee keine 5G-Stationen. Die am nächsten gelegenen Stationen gibt es der Karte zufolge in München. 

Die Karte von „nperf“ zeigt mit lila Punkten, wo es bisher 5G-Standorte gibt. In Dießen am Ammersee laut „nperf“ bisher nicht. (Screenshot: CORRECTIV)

Keine Belege dafür, dass 5G gesundheitsgefährdend ist

5G steht für die fünfte Mobilfunkgeneration. Damit sollen Daten schneller übertragen und weniger Strom verbraucht werden. In Deutschland sind 5G-Stationen bisher nur vereinzelt installiert worden. Die Sendeanlagen sollen aber laut Bundesamt für Strahlenschutz deutlich ausgebaut werden. Einige Menschen gehen davon aus, dass dadurch die Strahlenbelastung steigen und gefährlich für den Menschen werden könnte. Auch in dem Artikel von Watergate.tv wird behauptet, die 5G-Antennen seien „hochgefährlich“. Dafür gibt es aktuell jedoch keine Belege, wie wir in einem Faktencheck bereits überprüften.

Karte von „nperf“, die anzeigt, wo es bisher 5G-Stationen in Deutschland gibt. (Screenshot: CORRECTIV)

Das Bundesumweltministerium schreibt dazu: „Die vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnisse zu den Wirkungen elektromagnetischer Felder auf den Menschen sind auch für die derzeit für 5G zur Verfügung stehenden Frequenzen weitestgehend aussagekräftig: Innerhalb der gültigen Grenzwerte und bei Einhaltung der an Mobiltelefone gestellten Anforderungen gibt es demnach keine bestätigten Belege für eine gesundheitliche Wirkung des Mobilfunks.“

Zum jetzigen Zeitpunkt ist es also weder abschätz- noch belegbar, welche Strahlenbelastung durch die neue Mobilfunktechnologie auf uns wirken könnte. Um sichere Aussagen dazu treffen zu können, müsste die Strahlenbelastung nach dem Ausbau gemessen werden und mehr Forschung zu ihrer Schädlichkeit stattfinden.

Einigkeit besteht darin, gewisse Vorsicht bei der Nutzung von Mobiltelefonen walten zu lassen. Das Bundesamt für Strahlenschutz gibt folgende Hinweise, die allerdings nur wenige Menschen berücksichtigen dürften: „Auf ausreichenden Abstand des Smartphones zum Körper achten und beim Telefonieren Freisprecheinrichtungen und Headsets nutzen.“

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Es gibt keine Belege dafür, dass in Deutschland heimlich 5G-Stationen errichtet wurden.

titelbild_wetterkarte
Dieses Bild wird aktuell auf Facebook vielfach geteilt. Es unterstellt den Medien, die Menschen anhand der Farbgestaltung von Wetterkarten zu manipulieren. (Collage: CORRECTIV, Quelle: Facebook)

von Bianca Hoffmann

„Normale Sommertemperaturen“ würden auf Wetterkarten inzwischen blutrot bis schwarz angezeigt, um die Zuschauer zu „manipulieren“. Das suggeriert ein aktueller Beitrag der Facebook-Seite „Frieden rockt“. Das Problem ist: Die gezeigten Karten zeigen unterschiedliche Darstellungen des Wetters. Sie lassen sich nicht miteinander vergleichen.

„Fühlst du dich manipuliert?“ – diese Frage wird in einem Facebook-Bild gestellt, auf dem drei Wetterkarten übereinander dargestellt sind. Eine stammt dabei angeblich von 2009, eine von 2019 und eine von 2020. Die angebliche Manipulation liegt in der verwendeten Farbgebung in Kombination mit den Temperaturen: Während auf der Karte von 2009 die Farbtöne Grün und Gelb bei 36 Grad Celsius vorherrschen, wird – so scheint es jedenfalls – bei der gleichen Temperatur im Jahr 2019 die Farbe Rot verwendet. Und auf dem unteren Bild sogar die Farbe Schwarz. 

Dabei seien die Temperaturen im Sommer seit Jahrzehnten die gleichen, heißt es in dem Text der Facebook-Seite „Frieden rockt“, der zu der Collage geteilt wird. Die Farben in den Bildern würden der Manipulation und Panikmache dienen, um die Diskussion um den Klimawandel anzuheizen. Für diesen Vorwurf gibt es nach unseren Recherchen keine Grundlage.

Diese Collage wird aktuell bei Facebook geteilt. (Screenshot: CORRECTIV)

Bei der Facebook-Collage gibt es gleich mehrere Ungereimtheiten. Während die oberen beiden Wetterkarten augenscheinlich von der ARD stammen, handelt es sich bei der unteren Wetterkarte um einen Videoausschnitt des Weather Channel. Und auch die Karten der ARD zeigen unterschiedliche Ansichten einer Wettervorschau. 

Die Wetterkarten der ARD kursieren schon länger im Netz

Die beiden Wetterkarten der ARD wurden bereits im vergangenen Jahr im Sommer verbreitet. Unser Faktencheck kam damals zu dem Urteil, dass die Bilder nicht miteinander vergleichbar sind, weil die eine Karte einen Tag zeigt, und die andere eine Drei-Tage-Vorschau. Für diese wird offenbar von der ARD stets ein anderer Stil verwendet.

Uwe Kirsch vom Deutschen Wetterdienst schreibt uns per E-Mail ebenfalls, dass der irreführende Vergleich schon länger im Netz kursiere. „Das Problem […] ist, dass die Grafik von 2009 eine allgemeine Wettervorhersage darstellt mit gezielten Hinweisen auf Temperatur (Zahlen), grafischen Elementen wie Bewölkung, Blitze, Sonnenschein sowie dem Wetter der Folgetage.“ Die Grafik von 2019 beschäftige sich hingegen ausschließlich mit den Temperaturen des Tages, „und das wird, um ein Zahlenmeer auf einer Karte zu vermeiden, üblicherweise durch Farbverläufe als Untergrund dargestellt, manchmal mit Legende oder hier ergänzt durch ein paar Temperaturangaben für Regionen zur schnellen Orientierung.“

Vergleichskarten der ARD zeigen: Es gibt keine Manipulation

Für die Leiterin der ARD-Wetterredaktion, Silke Hansen, sind die Wetterkarten ebenfalls nichts Neues. Sie schreibt uns per E-Mail: „Das Wetter von 2009 sind die Aussichten (da gibt es keine Temperaturfarben).“ Die ARD sei ebenfalls nicht zum ersten Mal mit den beiden Wetterkarten konfrontiert worden. 

Hansen schickt uns zum Vergleich die gegengleichen Grafiken aus den Jahren 2009 (Tagesansicht) und 2019 (Drei-Tage-Vorschau). Die Tagesgrafik von 2009 zeigt die Temperaturen des 18. August 2009, und auch hier sind die Temperaturen um die 30 Grad in Rot dargestellt. Es gibt also keinen Unterschied zur Farbgebung im Jahr 2019. Und die Drei-Tage-Ansicht vom 3. Juni 2019 kam genau wie die 2009 ohne rote Farben aus.

Zum Vergleich hat uns die Leiterin der ARD-Wetterredaktion die gegengleichen Karten von 2009 und 2019 zur Verfügung gestellt (rechts). Wir haben diese den Karten aus dem Facebook-Post (links) gegenübergestellt. (Collage: CORRECTIV, Quelle: ARD-Wetterredaktion, Facebook)

Moderator des Weather Channel: Farben sollen Gefahr für die Menschen signalisieren

Die dritte Wetterkarte von 2020 stammt allerdings nicht von der ARD, sondern vom Weather Channel. Das Video, aus dem der Ausschnitt stammt, wurde am 17. Juni 2020 auf der Webseite online gestellt. Die Wetterkarten lassen sich also nicht miteinander vergleichen.

Screenshot aus dem Video des Weather Channel vom 17. Juni 2020. (Screenshot: CORRECTIV)

In der vergangenen Woche hat der Wetterexperte des Weather Channel, Jan Schenk, bei Facebook in einem Live-Video (ab Minute 36:00) erklärt, was es mit den dunkelroten Temperaturzahlen auf sich hat. „Die Sache ist doch die: Ist es nicht egal, welche Farbe es ist? Es kommt doch darauf an, gibt es Gefahren für die Menschen, ja oder nein. Und wenn ich sage, ab 30 Grad mit ‘ner gewissen Feuchtigkeit habe ich mäßige bis starke Schwüle, also eine starke Hitzebelastung.“ Diese Hitze sei vor allem für Menschen mit Kreislaufbeschwerden gefährlich. 

Im weiteren Verlauf des Videos erklärt er, dass die Farben als Warnung verstanden werden sollten, so wie auch vor Sturm oder Gewitter gewarnt werde. Im vergangenen Jahr musste die Farbskala tatsächlich erweitert werden, so Schenk. Denn Temperaturen um 42 Grad, wie sie im vergangenen Sommer im Emsland erreicht wurden, waren darin nicht vorgesehen. 

Im Jahr 2019 wurden Temperaturen um 40 Grad beim Weather Channel mit der Farbe Lila dargestellt. „Aber wie oft gibt es 30 Grad? Das ist jetzt auch nicht so oft, und da müssen wir sagen: Das ist jetzt eine Ausnahmesituation, und darauf hinzuweisen ist kein Fehler, das ist sogar unser Job“, sagt Schenk vom Weather Channel (im Facebook-Live-Video ab Minute 37:30). Auf eine Presseanfrage von CORRECTIV hat der Burda-Verlag, zu dem der Weather Channel gehört, bis Veröffentlichung dieses Artikels nicht geantwortet.

Durchschnittliche Temperatur im Sommer ist seit 1881 um 1,5 Grad angestiegen

Die Behauptung aus dem Text der Facebook-Seite „Frieden rockt“, die Temperaturen im Sommer hätten sich seit Jahrzehnten nicht geändert, ist ebenfalls nicht richtig. Uwe Kirsche vom Deutschen Wetterdienst schreibt uns dazu: „Mit Blick auf die in Deutschland seit 1881 flächendeckend vorliegenden Temperaturmessungen läßt sich ausrechnen, dass die Mitteltemperatur der meteorologischen Sommer (Juni, Juli, August) hierzuland von 1881 bis 2019 um 1,5 Grad gestiegen ist.“ 

Welche Farben von welchen Redaktionen oder Wetterdiensten gewählt werden, sei international nicht festgelegt, schreibt uns Kirsche. „Es ist aber offensichtlich, dass sowohl Medien als auch der DWD Wärme rot darstellen und diese Farbe um so „dunkler“ wird, je ‘heißer’ das dargestellte Wetter sein soll. Wo die jeweilige Grafik-Abteilung da welchen Farbton wählt, differiert.“ 

Fazit: Die drei verwendeten Karten lassen sich nicht miteinander vergleichen, weil sie unterschiedliche Ansichten zeigen und zudem aus unterschiedlichen Medien stammen. In den vergangenen 138 Jahren sind die Mitteltemperaturen im Sommer zudem um 1,5 Grad gestiegen und es kam zu Hitzerekorden wie im Sommer 2019. Der Weather Channel musste seine Farbskala deswegen im vergangenen Jahr für die höheren Temperaturen erweitern.

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Es gibt keine Manipulation. Die Wetterkarten zeigen unterschiedliche Dinge und lassen sich nicht miteinander vergleichen.