Faktencheck

Irreführende Behauptungen zu vermissten Kindern und Verstorbenen seit Beginn der Corona-Krise im Umlauf

Auf Facebook verbreitet sich ein Beitrag, in dem behauptet wird, seit Beginn der Corona-Pandemie seien 3.354 Menschen gestorben. Im selben Zeitraum seien zudem 924.000 Kinder verschwunden. Die Behauptungen sind falsch oder unbelegt.

von Uschi Jonas

Kinder spielen im Kindergarten
Wie viele Kinder weltweit seit der Corona-Pandemie als vermisst gemeldet wurden, ist nicht belegbar. (Symbolbild: Unsplash/ BBC Creative)
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Größtenteils falsch. Die Covid-19-Todeszahlen sind falsch, ebenso wie die Zahl vermisster Kinder in Bezug auf Deutschland. Unbelegt ist, wie viele Kinder weltweit seit Beginn der Pandemie als vermisst gemeldet wurden.

3.354 Covid-19-Tote und 924.000 verschwundene Kinder im selben Zeitraum ­ auf einem Foto-Beitrag auf Facebook (zum Beispiel hier oder hier) wird diese Behauptung seit Anfang Juli verbreitet. Insgesamt wurde das Foto fast 1.400 Mal auf Facebook geteilt. 

CORRECTIV hat die beiden Behauptungen überprüft. Sie sind größtenteils falsch. Es sind bislang deutlich mehr Menschen an Covid-19 verstorben. Wie viele Kinder seit Beginn der Pandemie weltweit verschwunden sind, ist nicht belegbar – aber für Deutschland ist die Zahl von mehr als 900.000 als vermisst gemeldeten Kindern laut Bundeskriminalamt falsch.

Der Facebook-Beitrag mit dem eine falsche Behauptung über Covid-19-Todesfälle verbreitet wird. (Screenshot und Schwärzungen: CORRECTIV)
Der Facebook-Beitrag mit dem eine falsche Behauptung über Covid-19-Todesfälle verbreitet wird. (Screenshot und Schwärzungen: CORRECTIV)

Seit Beginn der Corona-Pandemie sind weltweit 532.340 Menschen im Zusammenhang mit Covid-19 gestorben

Seit Beginn des Coronavirus sind etwa 3.354 Menschen gestorben, heißt es in den Facebook-Beiträgen. Die Zahl soll sich offenbar auf die Menschen beziehen, die nach einer Infektion mit  Covid-19 verstorben sind. Ob die Zahlen für Deutschland oder die ganze Welt gelten sollen, ist unklar. Aber in beiden Fällen liegt die Anzahl deutlich höher. 


 

Bis einschließlich zum 6. Juli dem Tag, an dem der Beitrag auf Facebook geteilt wurde sind laut Robert-Koch-Institut (RKI) in Deutschland 9.016 Menschen im Zusammenhang mit einer Covid-19-Infektion gestorben. Weltweit waren es laut den Daten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bis zum 6. Juli 532.340 Menschen.

Egal, ob man die Zahlen für Deutschland oder weltweit betrachtet insgesamt sind viel mehr Menschen seit Ausbruch des Coronavirus verstorben, als in dem Facebook-Beitrag behauptet wird.

Zahl vermisster Kinder wird in Deutschland vom Bundeskriminalamt erfasst

Doch was ist mit verschwundenen Kindern? Konkret wird in dem Facebook-Beitrag die Behauptung aufgestellt: In dieser Zeit sind auch etwa 924.000 Kinder verschwunden. Auch hier gibt es keine Angaben dazu, ob sich die Behauptung auf Deutschland, auf die Welt oder auf einen anderen regional eingrenzbaren Raum bezieht. 

Mit in dieser Zeit ist vermutlich der Zeitraum seit Beginn der Corona-Krise bis zum 6. Juli gemeint. Den ersten bestätigten Fall einer Infizierung mit Covid-19 gab es laut der WHO am 31. Dezember 2019. Den ersten laborbestätigen Covid-19-Fall in Deutschland gab es laut RKI am 28. Januar 2020. 

Den ersten bestätigen Covid-19-Fall in Deutschland gab es laut RKI am 28. Januar 2020. (Quelle: RKI, Screenshot und Markierung: CORRECTIV)
Den ersten bestätigen Covid-19-Fall in Deutschland gab es laut RKI am 28. Januar 2020. (Quelle: RKI, Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

Vermisstenfälle werden in Deutschland vom Bundeskriminalamt (BKA) erfasst und regelmäßig veröffentlicht. Auf Nachfrage von CORRECTIV betonte das BKA, dass die statistischen Angaben zahlenmäßig schwanken können, denn: Sie können täglich variieren, da sich Fahndungen in der Zwischenzeit wieder erledigen bzw. Fahndungsinhalte aktualisiert werden. Bei den aktuell mitgeteilten Zahlenwerten handelt es sich daher um eine Momentaufnahme. Sie können sich in Abhängigkeit zum Abfragetag ändern. 

Viele Vermisstenfälle in Deutschland klären sich sehr schnell auf

Die aktuellen Vermisstenzahlen beinhalten demnach sowohl Vermisstenfälle, die innerhalb von einigen Tagen geklärt werden laut BKA gibt es täglich zwischen 200 und 300 neue Fälle, in etwa die gleiche Anzahl werden pro Tag gelöscht als auch die ungeklärten Fälle, die bis zu 30 Jahre zurückliegen.

Exakte Angaben zur Zahl vermisster Kinder zwischen Januar und Juli 2020 sind nicht möglich, aber das BKA schreibt:

  • Am 1. Januar 2020 waren in Deutschland 2.000 Kinder (bis 13 Jahre) und 3.500 Jugendliche (von 14 bis 17 Jahren) als vermisst gemeldet. 
  • Am 1. Juli 2020 waren in Deutschland 1.800 Kinder (bis 13 Jahre) und 2.800 Jugendliche (von 14 bis 17 Jahren) als vermisst gemeldet. 
Ein Ausschnitt der E-Mail des BKAs an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)
Ein Ausschnitt der E-Mail des BKAs an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)

Es wurden in der Gesamtzahl folglich im Juli weniger Kinder und Jugendliche vermisst als noch im Januar. Zu keinem Zeitpunkt wurden in diesem Jahr 924.000 Kinder in Deutschland vermisst. 

Weltweit werden jedes Jahr geschätzt mehr als eine Million Kinder als vermisst gemeldet – exakte Daten gibt es jedoch nicht

Konkrete Angaben für die Zahl der weltweit vermisst gemeldeten Kinder zwischen dem 31. Dezember 2019 und dem 6. Juli zu finden, ist nicht möglich. Laut dem International Centre for Missing and Exploited Children (ICMEC) werden jedes Jahr weltweit mehr als eine Million Kinder als vermisst gemeldet. ICMEC ist eine Nichtregierungsorganisation, die gegen sexuellen Missbrauch an Kindern, Kinderpornografie und Kindesentführung vorgeht. 

Warum Demokratie Faktenchecks braucht

Desinformation im Netz ist ein zentrales Problem des 21. Jahrhunderts. Es hat das Potenzial, Demokratien zu zerreiben. Nie war das deutlicher als in der Corona-Krise. Faktenchecker auf der ganzen Welt haben die Gefahr erkannt – und arbeiten trotz Widerstands und Angriffen täglich dagegen an. Warum unsere Arbeit so wichtig ist.

ZUM ARTIKEL

Ihren Angaben zufolge ist es unmöglich, genau zu erfassen, wie viele Kinder weltweit vermisst werden. Denn: In vielen Ländern sind nicht einmal Statistiken über vermisste Kinder verfügbar, und leider können selbst die verfügbaren Statistiken ungenau sein, und zwar aus folgenden Gründen: fehlende Berichterstattung, Inflation, falsche Eingabe von Fallinformationen in die Datenbank und Löschung von Angaben nach dem Abschluss eines Falles.

Es ist also falsch, dass in Deutschland seit der Corona-Pandemie 924.000 Kinder als vermisst gemeldet wurden. Wie viele Kinder seit der Corona-Pandemie global als vermisst gemeldet wurden, ist nicht belegbar. 





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