Impfungen Symbolbild
Aktuell wird gegen Impfungen in Sozialen Netzwerken Stimmung gemacht. Dafür werden Beispiele wie die Schweinegrippe herangezogen. (Symbolbild: picture alliance/imageBROKER)

von Alice Echtermann

Ein Facebook-Nutzer vergleicht Impfungen mit einem „Genozid“ und zieht verschiedene Beispiele heran. Es geht um die Schweinegrippe-Impfung, Impfungen in Indien, die angeblich tausenden Menschen geschadet hätten oder Bill Gates. Die Behauptungen sind größtenteils falsch.

In einem Facebook-Beitrag vom 2. Juli, der mehr als 1.100 Mal geteilt wurde, wird unter der Überschrift „Genozid am deutschen Volk?“ Stimmung gegen Impfungen gemacht. Er enthält zahlreiche Spekulationen in Bezug auf einen zukünftigen Corona-Impfstoff. Es werden aber auch mehrere konkrete Behauptungen über Impfungen gegen die Schweinegrippe oder Fälle in Indien oder Afrika aufgestellt, die sich überprüfen lassen. 

CORRECTIV hat recherchiert: Die überprüfbaren Behauptungen sind alle falsch, irreführend oder unbelegt. 

1. Behauptung: Bei der Schweinegrippe habe es einen Impfstoff für die Bevölkerung und einen für die Regierung gegeben. Ersterer habe Giftstoffe enthalten und für schwere Impfschäden gesorgt.

Die Behauptungen sind teilweise falsch. Richtig ist, dass es zwei verschiedene Impfstoffe gab – irreführend ist jedoch, dass suggeriert wird, der für die Bevölkerung habe gefährliche Giftstoffe enthalten.

Das Influenza-Virus H1N1, auch als Schweinegrippe bezeichnet, löste 2009/2010 eine Pandemie aus. Rückblickend schätzt das Robert-Koch-Institut, dass es in Deutschland etwa 350 Todesfälle gab. 

2009 gab es Medienberichte über die Bestellung eines anderen Impfstoffes für die Bundesregierung, Bundesbeamte und Soldaten der Bundeswehr als für den Rest der Bevölkerung. Es war die Rede von einer angeblichen „Zwei-Klassen-Impfung“. Für die Bevölkerung seien 50 Millionen Dosen des Impfstoffes Pandemrix des Herstellers Glaxo-Smith-Kline bestellt worden. Das Innenministerium habe dagegen 200.000 Dosen eines anderen Impfstoffes namens Celvapan von der Firma Baxter bestellt. 

Ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums, Sebastian Gülde, bestätigte auf Anfrage von CORRECTIV per E-Mail, dass der Bund sich über das Bundesinnenministerium einer Bestellung der Bundeswehr bei der Firma Baxter angeschlossen habe. Für Bundesbeamte wurde demnach Celvapan bestellt.

E-Mail des Sprechers des Bundesgesundheitsministeriums über die Schweinegrippe-Impfung (Screenshot: CORRECTIV)

Das Bundesinnenministerium hat nicht auf eine Presseanfrage von CORRECTIV nach den Gründen für die Bestellung von Celvapan geantwortet. Laut einem Bericht der Welt im Oktober 2009 steckte dahinter aber ein älterer Liefervertrag der Bundeswehr mit Baxter. Dasselbe berichtete die FAZ: Die Bundesregierung habe den Vorwurf eines „Regierungsimpfstoffes“ zurückgewiesen. Die Bundeswehr und Bundespolizisten würden Celvapan wegen des Vertrags mit Baxter bekommen, der noch aus Zeiten der Vogelgrippe stamme. Der Grund sei nicht, dass Celvapan unbedenklicher sei oder weniger Nebenwirkungen hervorrufe. Mitglieder der Bundesregierung würden im Falle einer Impfung Pandemrix erhalten. 

Unterschied der Schweinegrippe-Impfstoffe: Pandemrix enthielt Wirkverstärker

Der Unterschied der Impfstoffe bestand den Medienberichten zufolge darin, dass Pandemrix Wirkverstärker enthalte, mit denen typische Impf-Nebenwirkungen häufiger auftreten könnten. Wirkverstärker sorgen dafür, dass auch geringere Dosen eines Impfstoffes eine starke Immunreaktion des Körpers auslösen. Diese Wirkverstärker sind offenbar mit den angeblichen „Giftstoffen“ in dem Facebook-Beitrag gemeint.

Die Sprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts (PEI), Susanne Stöcker, schrieb auf Nachfrage von CORRECTIV: „Bei Pandemrix gab es tatsächlich deutlich mehr Lokalreaktionen (Schmerzen an der Einstichstelle, Hautrötungen), aber auch mehr und stärkere systemische Reaktionen wie Kopfweh, leichtes Fieber, starke Abgeschlagenheit. Das ist aber eine normale und letztlich auch zu erwartende Reaktion, denn der Wirkverstärker soll ja die Reaktion des Immunsystems verstärken.“

Die Bezeichnung dieser Wirkverstärker (Adjuvanzien) als „Giftstoffe“, die „schwere Impfschäden“ verursachten, ist demnach irreführend. Der Wirkverstärker in Pandemrix habe Squalen, Polysorbat 80 und Vitamin E enthalten, so Stöcker. Bereits 2009 gab es Bedenken gegen Squalen, deshalb hat das PEI zu diesem Thema einen Artikel veröffentlicht. 

Demnach handelt es sich bei Squalen um einen natürlichen Bestandteil von Körperzellen, ein Zwischenprodukt des menschlichen Cholesterin-Stoffwechsels. Es sei in vielen Lebensmitteln wie Fisch oder Olivenöl enthalten. „Die Menge an Squalen, die in einer Dosis Impfstoff enthalten ist, liegt nicht höher als die durchschnittliche Menge, die täglich mit der Nahrung aufgenommen wird“, schrieb das PEI. 

Pandemrix erhöhte laut Studien das Risiko für Narkolepsie

Auf einem anderen Blatt steht, dass Pandemrix später in die Kritik geriet, weil die Impfung offenbar das Risiko für Narkolepsie bei jungen Menschen erhöhte. 2011 machte Schwedens Gesundheitsbehörde laut PEI darauf aufmerksam. Narkolepsie ist eine seltene Schlaf-Wach-Störung. 

Das PEI hat nach eigenen Angaben auch in Deutschland Untersuchungen durchgeführt. Bis Ende Oktober 2016 seien 86 Meldungen von Narkolepsie-Verdachtsfällen nach einer Pandemrix-Impfung eingegangen. Eine bundesweite Studie des PEI zu dem Thema bestätigte die erhöhten Narkolepsie-Zahlen bei den geimpften Kindern und Jugendlichen.

Ein Zusammenhang mit dem Wirkverstärker sei jedoch nicht nachgewiesen, erklärt PEI-Sprecherin Susanne Stöcker per E-Mail: „Die Vermutung, dass der Wirkverstärker in Pandemrix die Ursache für die sehr seltene Nebenwirkung Narkolepsie war, hat sich bis heute nicht bestätigt. Zudem war der Grippeimpfstoff Fluad (für Menschen über 65) mit dem ebenfalls squalenhaltigen Wirkverstärker MF59 schon seit 1997 millionenfach im Einsatz gewesen, ohne dass Narkolepsiefälle gemeldet worden wären.“

Pandemrix war ein Impfstoff speziell gegen die sogenannte Schweinegrippe und ist aktuell nicht mehr in der EU zugelassen.

2. Behauptung: In Afrika seien Impfungen Stoffe hinzugefügt worden, die mehr als eine Million Frauen bis zu zehn Jahre unfruchtbar machten.

Die Behauptung, in Afrika seien Frauen durch Impfungen unfruchtbar gemacht worden, kursiert schon seit vielen Jahren und ist falsch. Die Aussage in dem Facebook-Beitrag ist sehr allgemein gehalten, bezieht sich aber mutmaßlich auf Tetanus-Impfungen in Kenia. 

Die katholische Kirche dort hatte behauptet, in Tetanus-Impfstoffen 2014 das Hormon HCG nachgewiesen zu haben. Die Kombination mache Frauen angeblich unfruchtbar. Die Kirche hatte sechs Ampullen in Laboren untersuchen lassen. In dreien sei angeblich das Hormon gefunden worden. 

An den Vorwürfen war jedoch nichts dran. Wie die Faktenchecker von Africa-Check 2017 berichteten, bezeichneten Labore, die mit der Untersuchung der ersten Proben beauftragt worden waren, ihre eigenen Analysen als fehlerhaft. 

Die Kirche habe die Ergebnisse falsch interpretiert, sagte der Leiter eines der Labore, Ahmed Kalebi, laut einem Medienbericht. Die Proben seien seinem Labor als menschliches Gewebe präsentiert worden, nicht als Impfstoff – daher seien unpassende Testmethoden angewendet worden. Ähnlich äußerte sich ein weiterer Laborleiter, Andrew Gachii, laut einem Bericht von Business Daily

WHO und Kenias Gesundheitsministerium widersprachen dem Vorwurf

In einer Pressemitteilung schrieb die WHO 2014, man sei besorgt über Misinformation über die Tetanus-Impfungen. Der Impfstoff sei sicher. „Es ist kein HCG-Hormon in Tetanus-Impfstoffen.“ Der Impfstoff sei seit 40 Jahren im Einsatz, habe zu einer Verbesserung der Überlebensrate von Neugeborenen geführt, und es gebe keine Anzeichen, dass die Impfung Frauen oder Föten schade.

Das kenianische Gesundheitsministerium schrieb in einer Pressemitteilung 2017, man habe nach den Vorwürfen ein Expertenkomitee eingerichtet, um die Tetanus-Impfstoffe zu testen. Es seien Impfstoff-Proben gesammelt worden, um, sie untersuchen zu lassen. Dabei sei festgestellt worden, dass sie sicher und frei von Verunreinigungen seien. 

Und auch Matercare International (ein Verband katholischer Gynäkologen und Geburtshelfer) erklärte 2015 in einer Pressemitteilung, die erste Untersuchung der Impfstoff-Proben in Kenia sei fragwürdig gewesen, da ungeeignete Testmethoden verwendet worden seien. Selbst wenn HCG vorhanden gewesen wäre, hätte die Dosierung nicht ausgereicht, um einen Verhütungseffekt zu haben. 

Und: „Wenn Tetanus-Impfungen, die an Millionen Frauen in vielen Ländern vergeben wurden, in der Lage wären, Unfruchtbarkeit hervorzurufen, gäbe es inzwischen reichlich demografische Daten, die das bestätigen. Wir wissen von keinen Daten dieser Art.“ (Der Link zur Pressemitteilung, der von Africa Check genutzt wurde, funktioniert nicht mehr, ist aber archiviert verfügbar.)

3. Behauptung: Nach einer Impfkampagne von Bill Gates sei es in Indien bei mehr als 450.000 Kindern zu Impfschäden gekommen.

Für die Behauptung, nach einer Impfkampagne von Bill Gates hätten mehr als 450.000 Kinder Schäden erlitten, gibt es keine Belege. Es werden erneut keine konkrete Angaben gemacht, sie bezieht sich aber mutmaßlich auf irreführende Informationen über Polio-Impfungen in Indien, die seit Jahren im Netz kursieren. Angeblich sollen die Impfungen Lähmungen bei tausenden Kindern verursacht haben. 

Poliomyelitis (kurz: Polio) ist eine Viruskrankheit, die vor allem Kinder unter fünf Jahren betrifft. Zur Ausrottung von Polio wurde unter anderem von der WHO und Unicef 1988 die Global Polio Eradication Initiative gegründet, der sich später auch die Bill & Melinda Gates Stiftung angeschlossen hat. Ein wichtiger Baustein ihrer Strategie war die Immunisierung der Bevölkerung durch Impfungen. Genutzt wurde dafür vor allem ein oraler Impfstoff (Schluckimpfung).

Die Polio-Fallzahlen weltweit sind in der Folge dieser Bemühungen laut WHO um über 99 Prozent gesunken, von schätzungsweise 350.000 Fällen im Jahr 1988 auf 175 gemeldete Fälle im Jahr 2019. 

Viren aus Polio-Impfstoffen können mutieren

In seltenen Fällen könne es dazu kommen, dass das Impfstoff-Virus, das in abgeschwächter Form in oralen Impfstoffen vorhanden ist, selbst Lähmungen auslöst, erklärt die WHO. Die Viren würden von den geimpften Menschen ausgeschieden – und wenn sie in Gemeinschaften ohne Immunität zirkulieren, können sie mutieren und zur Gefahr werden. Man spricht dann von „circulating vaccine-derived poliovirus“ (cVDPV).

Die Fallzahlen sind jedoch gering. Laut den Daten der Polio Eradication Initiative gab es 2020 weltweit bisher 81 Fälle „wilder Polio“ und 194 Fälle von „Impfstoff-Polio“ (Stand: 9. Juli 2020). Als „wilde Polioviren“ werden normale Polioviren bezeichnet, die nicht aus Impfstoffen stammen.

Insgesamt 17 Fälle von „Impfstoff-Polio“ in Indien seit 2009 

Indien führte ab 1995 Impfungen im Rahmes des „Pulse Polio“-Programms durch und wurde 2014 von der WHO für „poliofrei“ erklärt. Laut Datenportal der WHO trat der letzte Fall wilder Polio in Indien 2011 auf. Die Daten zeigen, dass in Indien bisher insgesamt nur 17 Fälle von cVDPV dokumentiert wurden (alle 2009 und 2010). 

Daten der WHO für Indien zeigen die Fälle von „wilder Polio“ und cVDPV von 2000 bis 2020. (Quelle: WHO, Screenshot: CORRECTIV)

Woher kommt also die angebliche Zahl von „über 450.000 Kindern mit Impfschäden“? Sie beruht mutmaßlich auf einer irreführenden Interpretation einer Studie von August 2018. Darin geht es um Fälle von Lähmungen ohne Nachweis von Polio zwischen 2000 und 2017 in Indien (Nonpolio Acute Flaccid Paralysis, NPAFP). 

Die Wissenschaftler merkten an, diese Zahl liege 491.000 Fälle höher als normalerweise zu erwarten wäre und spekulieren, ob es einen Zusammenhang mit den oralen Polio-Impfstoffen geben könnte. Für einen Nachweis sei aber mehr Forschung nötig. 

Keine Belege für Zusammenhang von AFP-Fällen mit Polio-Impfung

Ein Zusammenhang könnte allenfalls indirekt sein, denn in diesen 491.000 Fällen wurden explizit keine Polioviren nachgewiesen – das sagt bereits der Begriff „Nonpolio Acute Flaccid Paralysis“. Es waren also weder wilde Polioviren noch Impfstoff-Viren vorhanden. 

Acute Flaccid Paralysis (AFP) ist definiert als eine Lähmung mit unbekannter Ursache, bei der Polio-Verdacht besteht (PDF, Seite 12). Wird ein AFP-Fall in Indien registriert, werden Stuhlproben im Labor auf Polioviren hin analysiert. Dabei wird auch untersucht, ob Impfstoff-Polio nachweisbar ist (PDF, Seiten 29 und 31). So steht es auch auf der Webseite der Polio Eradication Initiative

Für die Behauptung, es habe „450.000 Impfschäden“ durch Impfungen in Indien gegeben, gibt es demnach keine Belege. Die WHO hat auch eine andere Erklärung für den Anstieg der registrierten AFP-Fälle: Als Indien sich dem Status „poliofrei“ näherte, sei die Definition von AFP breiter gefasst worden, um sicherzugehen, dass keine Polioviren mehr zirkulierten, schreibt uns die WHO-Pressestelle per E-Mail. „Als Resultat wurden viel mehr AFP-Fälle klassifiziert.“ 

4. Behauptung: Bill Gates wolle durch Impfungen eine Reduktion der Weltbevölkerung um 15 Prozent erreichen.

Die Behauptung, Bill Gates wolle die Weltbevölkerung durch Impfungen um 15 Prozent reduzieren, ist, wie die anderen, mehrere Jahre alt und wird oft wiederholt. Sie ist jedoch falsch. Wie wir bereits 2017 in einem Faktencheck recherchiert haben, beruht sie auf einer verzerrten Interpretation eines Zitat von Bill Gates. Bei einem Vortrag von 2010 sagte Gates (etwa ab Minute 4:20):

„Zuerst haben wir die Bevölkerung. Heute leben 6,8 Milliarden Menschen auf der Welt. Es geht auf etwa 9 Milliarden zu. Wenn wir sehr erfolgreich mit neuen Impfstoffen, der Gesundheitsversorgung und Reproduktionsmedizin sind, könnten wir das wohl um 10 Prozent bis 15 Prozent senken, aber zur Zeit sehen wir eine Steigung um 1,3.“

Gates sprach also von einer Reduktion des Bevölkerungswachstums – nicht davon, die aktuelle Bevölkerung zu dezimieren. Auf der Webseite der Bill & Melinda Gates Foundation heißt es explizit, die Stiftung wolle mit Impfungen und anderen Gesundheitsprogrammen in Entwicklungsländern Leben retten. 

Auszug aus der Webseite der Bill & Melinda Gates Foundation. (Screenshot: CORRECTIV)

Wie das nach Ansicht von Gates mit einem langsameren Bevölkerungswachstum zusammenhängt, erklärt ein Schreiben der Stiftung von 2009. Darin steht: „Eine überraschende Erkenntnis war für uns, dass die Verringerung der Zahl der Todesfälle das Bevölkerungswachstum tatsächlich reduziert. […] Im Gegensatz zur malthusianischen Sichtweise, dass die Bevölkerung wächst, solange Kinder ernährt werden können, bekommen Eltern tatsächlich so viele Kinder, dass die Chancen hoch genug sind, dass einige von ihnen überleben, um sie im Alter zu unterstützen. Wächst die Zahl der Kinder, die das Erwachsenenalter erreichen, können Eltern dieses Ziel erreichen, ohne so viele Kinder zu bekommen.“

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Zwei der vier Behauptungen sind falsch, eine ist teilweise falsch und eine unbelegt. 

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Ein Corona-Test am 15. Juli in Sacramento in den USA. (Symbolbild: picture alliance/ZUMA Press)

von Cristina Helberg

In einem Artikel wird spekuliert, die Aufregung um das Coronavirus sei „ein riesiger Fake“. Denn in den USA könnten zehntausende Menschen fälschlich als Covid-19-Todesfälle deklariert worden sein. Damit solle die Sterberate angeblich „künstlich nach oben getrieben werden“. Für diese Schlussfolgerung gibt es keine Belege.

Die Webseite Schweizer Morgenpost behauptet in einem Artikel, dass in den USA zehntausende Menschen als „falsche Coronatote“ gezählt worden sein könnten. „In amerikanischen Städten und Bundesstaaten wird offenbar die Sterblichkeit unter den am Coronavirus erkrankten Menschen künstlich nach oben getrieben“, heißt es weiter. Zudem wird behauptet, es sei eine „bekannte Tatsache“, dass positiv auf das Coronavirus getestete Menschen auch dann als Coronatote zählen, wenn sie bei einem Unfall oder durch andere Erkrankungen sterben würden. 

Der Artikel vom 21. Juli wurde laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 2.600 Mal geteilt. Die Webseite Schweizer Morgenpost hat in der Vergangenheit wiederholt Falschmeldungen verbreitet, die wir geprüft haben. (Zum Beispiel hier, hier und hier)

Wir haben die Behauptungen zur Zählweise der Covid-19-Todesfälle in den USA geprüft. Es gibt keine Belege, dass die Zahlen viel zu hoch sind.

Anweisung des CDC widerspricht der Behauptung

Auf seiner Webseite schreibt das US-amerikanische Zentrum für Krankheitsbekämpfung und Prävention (CDC) deutlich: „Wenn COVID-19 als Todesursache auf dem Totenschein angegeben wird, wird die Angabe codiert und als Tod aufgrund von COVID-19 gezählt. COVID-19 sollte nicht auf dem Totenschein angegeben werden, wenn es den Tod nicht verursacht oder dazu beigetragen hat.“ Der Hinweis ist dort mindestens seit dem 28. Mai zu lesen, wie eine archivierte Version der Webseite zeigt. 

Schon am 3. April 2020 veröffentlichte das CDC außerdem eine detaillierte Anleitung, wie Totenscheine im Zusammenhang mit dem Coronavirus ausgefüllt werden sollen. Dort steht: „Zweck dieses Berichts ist es, Sterbebeglaubigern eine Anleitung für die ordnungsgemäße Bescheinigung der Todesursache in Fällen zu geben, in denen bestätigte oder vermutete Covid-19-Infektionen zum Tod geführt haben.“ Weiter wird in dem Dokument deutlich gemacht, dass im oberen, ersten Teil des Totenscheins die „unmittelbare Ursache für den Tod“ anzugeben sei. Bei einem tödlichen Unfall, wäre das demnach die tödliche Unfallverletzung und nicht eine eventuell vorliegende Coronavirus-Infektion. 

CDC weist auf mögliche spätere Änderungen hin 

Das CDC weist auf seiner Webseite außerdem daraufhin, dass es zwei Zählweisen der Covid-19-Todesfälle gibt, die voneinander zu unterscheiden sind. Zunächst laufen vorläufige Zählungen der Todesfälle bei der Behörde ein und werden veröffentlicht. Diese provisorischen Zählungen werden laufend überprüft und aktualisiert und können sich deshalb erhöhen oder verringern, wenn neue Daten zu Sterbeurkunden übermittelt wurden. Mit Stand 29. Juli 2020 zählte das CDC 148.866 Covid-19-Todesfälle in den USA.

Bundesstaat Washington änderte Zählweise im Juni 

Soweit die Anweisungen der Bundesbehörde. Allerdings wurden in einigen US-amerikanischen Bundesstaaten offenbar trotzdem eine Zeitlang alle positiv getesteten Personen automatisch zu den Covid-19-Todesfällen gezählt. Die Gesundheitsbehörde des US-Bundesstaat Washington veröffentlichte am 20. Juni eine Ankündigung, die Zählweise zu ändern. „Bisher haben wir alle Menschen, die starben und zuvor positiv auf Covid-19 getestet wurden, gezählt. Diese Methode identifiziert Personen, die das Virus hatten, sagt uns aber nicht, ob Covid-19 ihren Tod verursacht hat“, heißt es darin. 

Warum Demokratie Faktenchecks braucht

Desinformation im Netz ist ein zentrales Problem des 21. Jahrhunderts. Es hat das Potenzial, Demokratien zu zerreiben. Nie war das deutlicher als in der Corona-Krise. Faktenchecker auf der ganzen Welt haben die Gefahr erkannt – und arbeiten trotz Widerstands und Angriffen täglich dagegen an. Warum unsere Arbeit so wichtig ist.

ZUM ARTIKEL

Als Grund für diese Vorgehensweise gibt die Behörde an, sie habe versucht, von Beginn des Ausbruchs an, Daten möglichst in Echtzeit zu veröffentlichen, um dem Gesundheitssystem und der Politik Zugang zu den aktuellsten Informationen zu ermöglichen. Der reguläre Prozess für die Erhebung der Daten dauere bis zu 18 Monate. 

Im Zuge der Umstellung der Zählweise Mitte Juni löschte die Behörde im Staat Washington am 17. Juni sieben Todesfälle aus der Corona-Statistik: zwei Suizide, drei Tötungsdelikte und zwei Todesfälle durch Überdosis. Außerdem wurden in der Statistik neue Kategorien eingeführt: „bestätigter Covid-19-Tod“, „große Wahrscheinlichkeit auf Covid-19-Tod“, „Verdacht auf Covid-19-Tod“ und „kein Corona-Tod“ (Beispiele dafür sind Mord, Überdosis, Selbstmord, Autounfall oder Krankheit mit klarem Ausschluss einer Covid-19-Erkrankung). 

Opfer eines Motorradunfalls in Florida als Covid-19-Todesfall gezählt?

Die Schweizer Morgenpost nennt in ihrem Artikel nur zwei Einzelfälle als angebliche Belege für „zehntausende“ falsch zugeordnete Todesfälle. Zum Beispiel den Fall eines Motorradunfalls in Florida: Ein dabei getöteter Mann sei wegen eines vorherigen positiven Corona-Tests als Coronatoter gezählt worden. Als Quelle bezieht sich die Seite auf die Berichterstattung des Fernsehsenders FOX35. Erst nach deren Berichterstattung sei der Mann von der Liste der Coronatoten genommen worden. 

Die US-Faktenchecker von Lead-Stories haben in einem Faktencheck analysiert, dass der Sender FOX35 den Fall aufgebauscht hatte. Die Faktenchecker schreiben: „Ein Beamter des öffentlichen Gesundheitswesens, den FOX35 mit den Worten aufzeichnete, er wisse nicht, ob der Tod des Motorradfahrers in die Covid-19-Zählung aufgenommen wurde oder nicht, ist nicht die Person, die die Todesursache bestimmt. Staats- und Bundesbeamte sagen, dass der Tod nicht zur Gesamtzahl der Todesfälle des Staates addiert wurde.“ 

Familie in Oklahoma streitet um Todesursache 

Außerdem verweist die Schweizer Morgenpost auf einen Bericht der Webseite The Oklahoman über einen Mann, der an Alzheimer erkrankt war und positiv auf das Coronavirus getestet wurde. Die Familie glaubt laut dem Bericht, er sei an Alzheimer gestorben, weil seine Coronavirus-Symptome schon abgeklungen waren. Auf seinem Totenschein gab ein Arzt jedoch das Coronavirus als Todesursache an. 

Aus diesen beiden Einzelfällen zieht die Schweizer Morgenpost den Schluss: „Mittlerweile befürchten viele Amerikaner, dass Zehntausende auf den Todeslisten stehen könnten, die zwar am Coronavirus erkrankt waren, aber nicht daran gestorben sind. Das könnte auch in Europa der Fall sein und das Chaos um das Virus als einen riesigen Fake entlarven.“ 

Sterbefallzahlen werden offenbar eher unterschätzt 

Auch wenn in Einzelfällen die Frage, ob Personen an oder mit dem Coronavirus gestorben sind, streitig sein kann, gibt es keinerlei Belege, dass „zehntausende Menschen“ in den USA falsch als Corona-Tote deklariert worden sein könnten und die Corona-Sterberate damit „künstlich“ nach oben getrieben werden soll. Stattdessen sind die US-Behörden offensichtlich darum bemüht, möglichst genaue Daten zu dokumentieren und arbeiten deshalb mit einem zweistufigen Verfahren. 

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In Deutschland werden vom Robert-Koch-Institut (RKI) auch Todesfälle in die Statistik aufgenommen, die nicht an, aber mit dem Virus gestorben sind. Wir haben einen ausführlichen Faktencheck dazu veröffentlicht. Eine Sprecherin des RKI teilte uns mit, Fälle, in denen ein Infizierter zum Beispiel durch einen Unfall sterbe, seien sehr selten, so dass die Statistik nicht verzerrt werde. Obduktionen von verstorbenen Covid-19-Patienten in Hamburg zeigen außerdem, dass die überwiegende Mehrheit tatsächlich an Covid-19 starb.

Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Todesfälle im Zusammenhang mit Corona eher unterschätzt werden. Das sagte zum Beispiel der RKI-Chef Lothar Wieler am 3. April, als er auf die Kritik an der Zählweise in einer Pressekonferenz angesprochen wurde.Für Italien bestätigen diese Vermutung auch erste wissenschaftliche Untersuchungen, die kürzlich veröffentlicht wurden. 

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Es gibt keine Belege, dass Corona-Todeszahlen in den USA „künstlich“ in die Höhe getrieben werden.

Weltweit werden PCR-Tests zum Nachweis des Coronavirus durchgeführt – Verletzungen am Schädel oder im Gehirn können dabei nicht entstehen
Weltweit werden PCR-Tests zum Nachweis des Coronavirus durchgeführt – Verletzungen am Schädel oder im Gehirn können dabei nicht entstehen (Symbolbild: Picture Alliance/ Robin Utrecht)

von Uschi Jonas

In mehreren Facebook-Beiträgen wird behauptet, der Corona-Test schädige die Blut-Hirn-Schranke und könne zu Infektionen im Gehirn führen. Das ist falsch. Ein Neurologe erklärt, warum.

Wer engen Kontakt zu einer mit Covid-19 infizierten Person hatte, Symptome zeigt oder in einer Risikoregion war, sollte sich auf das Coronavirus testen lassen. So sieht es die Nationale Teststrategie des Robert-Koch-Instituts (RKI) vor. 

Doch auf Facebook kursieren mehrere Beiträge (zum Beispiel hier, hier und hier), in denen behauptet wird, die Einführung des Stäbchens für den Test in die Nase würde eine hämato-enzephalitische Barriereschädigung der Schädeltiefe verursachen. Weiter wird behauptet, die Schädigung sei auch der Grund, weswegen das Einführen des Stäbchens schmerzen würde. Zudem diene der Test lediglich dazu, einen „direkten Eingang zum Gehirn für jede Infektion zu schaffen

Insgesamt wurden die Beiträge bislang mehr als 8.800 Mal auf Facebook geteilt. Recherchen von CORRECTIV zeigen: Die Behauptungen sind falsch. Durch den Abstrich für den sogenannten PCR-Test kann es zu keinen Verletzungen kommen. Dass das Einführen des Stäbchens schmerzhaft sein kann, liegt an der Empfindlichkeit der Nasenschleimhaut.

Es stimmt nicht, wie hier in einem Facebook-Beitrag behauptet, dass durch den Corona-Test Verletzungen an der Schädeldecke oder dem Gehirn verursacht werden können. (Quelle: Facebook, Screenshot und Schwärzungen: CORRECTIV)
Es stimmt nicht, wie hier in einem Facebook-Beitrag behauptet, dass durch den Corona-Test Verletzungen an der Schädeldecke oder dem Gehirn verursacht werden können. (Quelle: Facebook, Screenshot und Schwärzungen: CORRECTIV)

Für einen adäquaten Corona-Test empfiehlt das RKI Proben aus den oberen und tiefen Atemwegen

Um auf das Coronavirus zu testen, empfiehlt das Robert-Koch-Institut, dass möglichst Proben parallel aus den oberen und den tiefen Atemwegen entnommen werden. Diese dienen der PCR-Diagnostik zum direkten Erregernachweis. PCR steht für Polymerase-Ketten-Reaktion und ist eine Methode, die zur Diagnostik von Infektionskrankheiten eingesetzt wird.

Für die Entnahme der Proben schlägt das RKI jeweils verschiedene Möglichkeiten vor. Für die oberen Atemwege solle entweder ein Rachenabstrich (Oropharynx) oder ein Nasenrachenabstrich (Nasopharynx) oder eine Nasenrachenspülung erfolgen. Das Deutsche Ärzteblatt schreibt, dass die aktuelle wissenschaftliche Literatur zeige, dass ein Nasenrachenabstrich einem Rachenabstrich vorzuziehen sei, denn „die Erregerkonzentration im Abstrich des Nasenrachens (Nasopharynx) [ist] im Vergleich 10 bis 100-fach höher“.

Nasenrachenabstriche wurden auch 2018 bei der Diagnostik des Coronavirus MERS-CoV durchgeführt und sind auch bei Influenza üblich. Dafür müssen Tupfer entlang der Nasenscheidewand tief in die Nase bis zur Rachenwand eingeführt werden, dann dort wenige Sekunden belassen und in rotierender Bewegung herausgezogen werden, wie das RKI schreibt. 

Neurologe: Corona-Test birgt kein Verletzungsrisiko für Schädeldecke oder Gehirn

Wider den Behauptungen in den Facebook-Beiträgen sei daran nichts gefährlich, schreibt Peter Berlit, Neurologe und Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, CORRECTIV in einer E-Mail. Schmerzhaft könne das Einführen des Stäbchens für den Nasopharynx-Abstrich zwar sein: Die Nasenschleimhaut ist empfindlich, vor allem bei Entzündungen. Aber der Test könne keinerlei Schaden verursachen, erklärt Berlit.

Die E-Mail von Neurologe Peter Berlit an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)
Die E-Mail von Neurologe Peter Berlit an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)

Eine wie in den Facebook-Beiträgen beschriebene „hämato-enzephalische Barriere“ gebe es nicht, so Berlit. „Es gibt eine Blut-Hirn-Schranke, die dafür sorgt, dass Blutbestandteile nicht in den Nervenwasser-Raum gelangen können.“ Diese befinde sich aber nicht in der Nase, erklärt der Neurologe. 

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Auch könne der Corona-Test keine Schädigung der Schädeldecke verursachen: Zwischen Gehirn und Nase sind unter anderem Knochen und Hirnhaut eine Schädigung durch Abstrichröhrchen ist unmöglich. 

Lediglich bei einer Verletzung der Schädelbasis, zum Beispiel durch einen Verkehrsunfall, könne es zu einer Verbindung zwischen Nasen- und Nervenwasserraum kommen. Dies birgt das Risiko von Hirnhautentzündungen. Eine solche Beschädigung könne nur dann dazu führen, dass Bakterien ins Gehirn gelangen, wenn der Knochen kaputt sei und ein Leck entstehe nicht durch den Abstrich mit einem Stäbchen für den Corona-Test, sagt der Neurologe.

Unsere Bewertung:
Falsch. Der Corona-Test kann keine Verletzung der Schädelbasis verursachen. Auch kann der Test nicht dazu führen, dass Bakterien direkt ins Hirn gelangen.

Bierstraße Mallorca
Aufnahme vom Sonntag, 12. Juli 2020: Dieses Pressefoto wurde vor dem Lokal „Las Palmeras“ in der „Bierstraße“ auf Mallorca gemacht. Die Absperrungen zur Straße waren an den Tagen zuvor dort noch nicht aufgestellt worden. (Foto: picture alliance/dpa/Clara Margais)

von Sarah Thust

Sind Medienberichte über Partys ohne Einhaltung der Corona-Regeln auf Mallorca gelogen? Unter anderem die Seite „Journalistenwatch“ behauptet, es habe gar keine Partys gegeben, die Darstellungen feiernder Touristen seien frei erfunden. Das stimmt nicht. 

Die Seite Journalistenwatch behauptet, Medien hätten die Berichte über feiernde Touristen auf Mallorca erfunden. Und in einem Video des Deutschland-Kurier suggeriert Youtuber Oliver Flesch ähnliches („Alles Quatsch!“ / „erstunken und erlogen“). Es wurde am 16. Juli auf Facebook hochgeladen und mehr als 4.600 Mal geteilt. Der Text von Journalistenwatch wurde laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 800 Mal auf Facebook geteilt. 

Der Vorwurf, die Medien hätten die Partys erfunden, ist falsch. Hauptsächlich geht es um die Nacht vom 10. auf den 11. Juli. In dieser Freitagnacht sind Videos und Fotos entstanden, die feiernde Touristen in der „Bierstraße“ auf Mallorca zeigen sollen. CORRECTIV konnte für einen anderen Faktencheck bereits mehrere dieser Aufnahmen verifizieren, darunter ein Foto der DPA und ein Instagram-Video

Wir haben die vier zentralen Behauptungen von Deutschland-Kurier und Journalistenwatch einzeln überprüft. Sie sind größtenteils irreführend.

1. Behauptung: Die Darstellungen „zügellos feiernder Corona-Ignoranten“ sind frei erfunden

Journalistenwatch berichtete am 16. Juli, dass „die Darstellungen zügellos feiernder Corona-Ignoranten offenbar nicht nur überzogen, sondern frei erfunden“ seien. Belegt werden soll dieser Vorwurf mit einem Videokommentar von Schlagersänger Mickie Krause und veralteten Bildern, die in einigen Medien verwendet wurden (CORRECTIV hat darüber berichtet). 

Tatsächlich hat Schlagersänger Mickie Krause am 16. Juli ein Video auf Facebook gepostet und dazu geschrieben: „Es ist nicht so, wie es derzeit in den Medien dargestellt wird!“ In dem Video spricht er vor allem über die Ereignisse am Freitag, 10. Juli in Playa de Palma. Mickie Krause bestätigt in seinem Kommentar jedoch, dass einige Touristen auf Mallorca gefeiert haben und dies in einem Video zu sehen ist.

Mickie Krause Mallorca
Schlagersänger Mickie Krause kritisiert in einem Video die Berichterstattung einiger deutscher Medien über Mallorca. (Quelle: Facebook / Screenshot am 22. Juli: CORRECTIV)

Journalistenwatch stellt die Zitate des Schlagersängers so dar, als hätte dieser die Medienberichte als „erfunden“ bezeichnet. Tatsächlich sagt Mickie Krause in seinem Video: „Ja, am Freitag wurde in der Bierstraße gefeiert und es gibt ja dieses berühmt-berüchtigte Video. Aber ich kann nur sagen: Das ist eine Momentaufnahme, sicherlich haben dort die Leute Sicherheitsabstände nicht eingehalten, aber machen wir uns nichts vor, das war wirklich nur eine Momentaufnahme.“

Oliver Flesch war zum Zeitpunkt der Partys nicht in der „Bierstraße“ 

Für den Deutschland-Kurier hat Oliver Flesch ein Video aus Mallorca produziert. Es trägt den Titel: „Ausschweifende Partys auf Mallorca? Alles Quatsch!“ Darin suggeriert er, dass die Medien die Situation auf Mallorca falsch dargestellt hätten. Allerdings sagt er selbst: „Ich lebe ja in Cala Rajada, Cala Rajada ist siebzig Kilometer vom Ballermann entfernt, ich krieg davon also genauso viel oder genauso wenig mit wie ihr in Deutschland.“

Deutschlandkurier Mallorca
Deutschland-Kurier auf Facebook: Oliver Flesch sagt im Video, dass er im mehr als 70 Kilometer entfernten Ort Cala Rajada lebe. (Quelle: Facebook / Screenshot: CORRECTIV)

Fotos und Videos einer Nacht zeigen viele Besucher auf der „Bierstraße” – und sie sind echt

In den Medienberichten ging es um das Wochenende vom 10. bis 12. Juli: Hunderte Menschen hatten demnach am Freitagabend in einer Straße an der Playa de Palma gefeiert und die Corona-Regeln ignoriert. Darüber hatte zuerst die Mallorca-Zeitung berichtet. 

CORRECTIV hat Fotos und Videos gefunden, die belegen, dass in der „Bierstraße“ auf Mallorca in der Nacht vom 10. auf den 11. Juli viele Touristen gefeiert haben, teils auch auf der Straße und ohne Masken. Es gibt ein Pressefoto der Deutschen Presse-Agentur (DPA), das am 10. Juli um 23:19 Uhr aufgenommen wurde. „So steht es in den exif-Daten der Kamera“, bestätigte ein Redakteur der DPA auf Nachfrage von CORRECTIV.

Bierstraße Mallorca
Ein Foto der DPA zeigt die Bierstraße vor dem „Las Palmeras“ am Freitag, 10. Juli. (Foto: picture alliance/Michael Wrobel/Birdy Media/dpa)

Den Ort der Aufnahmen konnten wir verifizieren, indem wir die Bilder mit Google Streetview abgeglichen haben: Die Aufnahmen zeigen einen Teil der „Bierstraße“ zwischen dem Restaurant „Deutsches Eck“ und dem Lokal „Et Dömsche“.

Bierstraße Mallorca Streetview
„Bierstraße“ bei Google Streetview (fotografiert von der gegenüberliegenden Seite im November 2019): Links das „Las Palmeras“, rechts das „Deutsche Eck“. (Quelle: Google Streetview / Screenshot vom 21. Juli: CORRECTIV)

Instagram-Video zeigt Szenen des Abends 

Ein Video der Mallorca-Zeitung in einem Artikel vom 11. Juli und ein Instagram-Video vom 10. Juli zeigen ebenfalls Szenen auf der „Bierstraße“. 

CORRECTIV konnte das Instagram-Video in einem Faktencheck verifizieren. Es wurde laut Quelltext am Freitag, 10. Juli 2020 um 23:07 Uhr veröffentlicht. Der Sprecher im Video sagt, dass es sich um ein Live-Video handele und es kurz vor der „Sierra Madre“ sei. Die „Sierra Madre“ ist eine tägliches Ritual um 23 Uhr auf der „Bierstraße“, bei dem die Menschen Wunderkerzen anzünden und gemeinsam das gleichnamige Lied singen. Das ist auch am Ende des Videos zu sehen. Ebenfalls mehrfach im Bild: das Lokal „Las Palmeras“.

Links ein Ausschnitt aus dem Instagram-Video, rechts ein Blick auf Google Streetview in die „Bierstraße“. Das Restaurant „Deutsches Eck“ und das Restaurant „Al Faro“ sind deutlich zu erkennen. Das „Las Palmeras“ befindet sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite des „Deutschen Ecks“. (Quelle: Instagram und Google Streetview / Screenshots und Collage: CORRECTIV)

Ein Abgleich des Instagram-Videos mit dem Bild der DPA vom 10. Juli bestätigt, dass es sich um Aufnahmen desselben Abends handelt. Mehrfach sind dieselben Personen mit derselben Kleidung zu sehen. Besonders auffällig: eine Frau mit einem roten Top und ein Mann in einem bunt-gemusterten Oberteil. 

Collage Instagram-Video und DPA-Foto
Links oben das Foto der DPA, daneben und darunter sind Screenshots aus dem Instagram-Video zu sehen. (Quelle: DPA und Instagram / Screenshots und Collage: CORRECTIV)

Die Aufnahmen von feiernden Touristen, über die viele Medien berichteten, sind also nicht – wie behauptet – frei erfunden, sondern stammen aus der „Bierstraße“ (Carrer de Miquel Pellisa). Medien wie die Tageszeitung WAZ oder die Mallorca-Zeitung haben geschrieben, dass die Bilder dort aufgenommen wurden. Ein Augenzeuge hat CORRECTIV ebenfalls bestätigt, dass es in der Bar „Las Palmeras“ am 10. Juli voll wurde, aber auch kritisiert, einzelne Medien hätten die Situation „ausgenutzt“ und kurzzeitige Nadelöhre auf der Straße gefilmt. 

Wie viele Verstöße gegen die Corona-Regeln es am Abend des 10. Juli wirklich gab, kann abschließend nicht geklärt werden. Die Mallorca-Zeitung berichtet, dass die Polizei an diesem Abend nicht eingegriffen habe. CORRECTIV hat bei der Polizei Guardia Civil nachgefragt, hat jedoch bisher keine Antwort erhalten. Laut einer Pressemitteilung der Regierung der Balearischen Inseln wurden an jenem Wochenende Inspektionen an zehn Örtlichkeiten in Playa de Palma durchgeführt. Daraus ergaben sich fünf Sanktionsmaßnahmen im Bereich Playa de Palma wegen Nichteinhaltung der COVID-19-Bestimmungen. 

Fazit: Die Behauptung, dass die Darstellungen von feiernden Touristen auf Mallorca frei erfunden seien, ist falsch. 

2. Behauptung: Die Medien erzählen eine „Mär“ vom „Corona-Hotspot“ Mallorca

Journalistenwatch unterstellt den Medien eine „konzertierte Kampagne“, in der eine „Mär vom Mallorca-Corona-Hotspot“ erzählt werde. Doch diese „Mär“ gibt es nicht.

Das Gegenteil ist der Fall: In zahlreichen Medienberichten, unter anderem bei T-Online und im Merkur, war zu lesen, dass Mallorca bisher kein „Corona-Hotspot“ sei. „Im Vergleich zum spanischen Festland stehen die Balearen weiterhin gut da“, berichtete auch die Mallorca-Zeitung am 24. Juli 2020.

Gesundheitsexperten forderten Quarantäne und Pflichttests für Mallorca-Urlauber

 Die Berichte von Deutschland-Kurier und Journalistenwatch sind erschienen, nachdem Gesundheitsexperten angesichts der Bilder von feiernden Mallorca-Urlaubern Quarantäne und Pflichttests für deutsche Mallorca-Rückkehrer gefordert haben. Dies schlug unter anderem der Vorstandsvorsitzende des Weltärztebunds, Frank Ulrich Montgomery, vor. „Ein verrückter Urlauber am Ballermann kann doch nicht hinterher seine ganze Community gefährden“, sagte er dem Deutschlandfunk (Audio). Darüber haben auch Medien wie der Spiegel berichtet. Es ging darum, die Gefahr einer zweiten Infektionswelle in Deutschland zu reduzieren. Doch davon, dass Mallorca ein „Corona-Hotspot“ sei, war in den Medienberichten nicht die Rede.

Aktuelle Daten der balearischen Gesundheitsbehörde IB-Salut zeigen am 24. Juli insgesamt 2.333 Infektionsfälle auf den Balearen, davon 122 aktive Fälle, die mit PCR-Tests bestätigt worden sind. Regionale Corona-Schwerpunkte in Spanien liegen derzeit auf dem Festland, in Katalonien und Aragón, wie das Auswärtige Amt schreibt. Bisher verläuft die Corona-Pandemie für die Balearischen Inseln eher mild – und so wird es auch in den CORRECTIV bekannten Medienberichten dargestellt.

Fazit: Die „Mär vom Mallorca-Corona-Hotspot“ gibt es nicht. CORRECTIV ist kein Medienbericht bekannt, in dem Mallorca als „Corona-Hotspot“ bezeichnet wurde.

3. Behauptung: Medien verwendeten alte Bilder

Deutschland-Kurier-Reporter Oliver Flesch kritisierte die Medien im Text unter seinem Video: Diese hätten berichtet, „auf den Stränden hätten sie dicht an dicht wie Sardinen in der Sonne gebrutzelt“. Bei Journalistenwatch heißt es, dass teilweise Fotos von 2018 verwendet worden seien.  

In Einzelfällen kam es tatsächlich zu Fehlern in der Berichterstattung. CORRECTIV fiel zum Beispiel eine irreführende Zwischenüberschrift im Merkur auf, in der es hieß „Illegale Corona-Partys in der ‘Schinkenstraße’“, obwohl die feiernden Touristen in der „Bierstraße“ gefilmt wurden. Unter anderem von Focus-Online wurde ein Archivbild von einem überfüllten Strand verwendet, das nicht als Archivbild gekennzeichnet wurde. Wir haben bereits einen detaillierten Faktencheck dazu veröffentlicht. 

4. Behauptung: In den Aufnahmen sind keine Verstöße gegen die Maskenpflicht zu sehen

Im Video-Bericht für den Deutschland-Kurier sagt Oliver Flesch, dass auf in den Medien veröffentlichten Bildern keine Verstöße gegen die Maskenpflicht zu sehen seien: „Da war genügend Abstand.“ Er selbst spricht übrigens auch fälschlich von der „Schinkenstraße“ statt von der „Bierstraße“, wo die Bilder tatsächlich herkommen. 

Zum Hintergrund: Eine Maskenpflicht gab es auf den Balearen bereits am Abend des 10. Juli. Sie galt nur dort, wo kein Sicherheitsabstand von zwei Metern eingehalten werden konnte. 

Das bereits erwähnte Instagram-Video vom 10. Juli zeigt jedoch deutlich, dass Mindestabstände auf der „Bierstraße“ teilweise aus Platzgründen nicht eingehalten werden konnten. Gelegentlich standen wartende Gruppen mitten auf der Straße, oder Straßenverkäufer sprachen Touristen an. Dadurch wurde es eng, und einige Gruppen schoben sich teils nah aneinander vorbei. Masken trugen nur wenige Menschen. Hinter dem „Las Palmeras“, dem „Deutschen Eck“ und dem „Et Dömsche“ war die Straße dann wieder leer.  

Menschen auf der Bierstraße Mallorca
Screenshots des Instagram-Videos am 21. Juli 2020: Sie zeigen, dass teilweise die Mindestabstände nicht eingehalten werden. (Quelle: Instagram / Screenshot vom 21. Juli: CORRECTIV)

In seinem Video spricht Oliver Flesch außerdem von einer „erneuten Maskenpflicht“ auf Mallorca und suggeriert, diese sei auf die Partys zurückzuführen. Das ist ebenfalls nicht richtig. Es gab zwar ab dem 13. Juli eine Verschärfung der Maskenpflicht für die Balearen (Mallorca, Menorca, Ibiza und Formentera). Diese Änderung war jedoch bereits am 9. Juli angekündigt worden, also vor dem besagten „Party-Wochenende“.

Fazit: Die Menschen laufen in dem Video teilweise sehr nah aneinander vorbei. Wo im Freien zwei Meter Mindestabstand nicht eingehalten werden konnte, bestand auch am 10. Juli schon Maskenpflicht auf Mallorca.

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Gesamtfazit: Medien haben die feiernden Touristen nicht erfunden

Die Vorwürfe von Journalistenwatch und dem Deutschland-Kurier sind größtenteils falsch; die Bilder von feiernden Touristen sind echt. Sie stammen vor allem von der Nacht vom 10. auf den 11. Juli in der „Bierstraße“. Am Wochenende griffen viele Medien das Thema auf und berichteten darüber. 

Bei dieser Berichterstattung sind einigen Medien jedoch Fehler unterlaufen. Vereinzelt wurden veraltete Bilder verwendet und teils ein falscher Eindruck vermittelt. 

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Die Medien haben die feiernden Touristen auf Mallorca nicht erfunden und auch nicht von einem „Corona-Hotspot“ berichtet.

Header (1)
Das Foto aus dem Facebook-Beitrag zeigt ein spitzes Objekt, das zwischen die Sitzpolster geklemmt wurde. (Quelle: Facebook, Screenshot und Collage: CORRECTIV)

von Steffen Kutzner

Spritzen würden so in die Sitze von Bussen und Bahnen geklemmt, dass sie Menschen verletzen, womöglich vergiften oder mit Krankheiten infizieren könnten, behauptet ein Nutzer auf Facebook. In Deutschland sind solche Fälle jedoch nicht bekannt.

Seit zwei Monaten geht ein Warnhinweis auf Facebook viral: In einem Beitrag vom 18. Mai 2020 wurde behauptet, in die Sitze von Bussen und Bahnen würden absichtlich Spritzen gesteckt, die „vergiftet oder auch mit anderen Mitteln injektiert“ seien. Der Beitrag wurde bisher mehr als 29.000 Mal geteilt. 

CORRECTIV-Recherchen zeigen: Die Warnung führt in die Irre, weil sie eine aktuelle Gefahr suggeriert. Im Jahr 2016 gab es in Wien tatsächlich zwei Vorfälle dieser Art. Von einem stammt auch das im Beitrag verwendete Foto.

Dass das im Facebook-Beitrag von Mai 2020 verwendete Bild nicht aktuell ist, zeigt eine Bilder-Rückwärtssuche bei Google. Das Foto tauchte beispielsweise im Januar 2018 in einem Blogbeitrag auf. Damals ging es um Spritzen, die angeblich in den Sitzen von Bussen in Nairobi versteckt würden. 

Zwei Vorfälle in Wien im Jahr 2016

Gibt man bei Google den Text des Facebook-Beitrags ein, findet sich ein Beitrag, der noch älter ist und der Ursprung zu sein scheint: Am 6. Mai 2016 veröffentlichte ein Facebook-Nutzer das Bild mit dem Kommentar, dass die Aufnahme in einer Straßenbahn in Wien entstanden sei. In einem weiteren Bild ist zu sehen, dass es sich um mindestens zwei Spritzen handelte. 

Der Bahnbetreiber, die Wiener Badner-Bahn, bestätigte CORRECTIV, dass der Vorfall tatsächlich stattgefunden habe. Wie Pressesprecherin Kirstin Pimpel per E-Mail schrieb, handelte es sich um einen einmaligen Vorfall, bei dem niemand verletzt wurde.

Screenshot der E-Mail einer Pressesprecherin der Wiener Badner-Bahn. (Screenshot: CORRECTIV)

Ebenfalls im Mai 2016 verletzte sich laut Polizei in einer Wiener S-Bahn eine junge Frau an gebrauchten Einwegspritzen, die in den Sitz geklemmt waren. 

In Deutschland ist kein Fall von Spritzen in Bussitzen bekannt

Der Facebook-Beitrag von Mai 2020 führt also in die Irre, weil die Warnung als scheinbar aktuell präsentiert wird, sich aber auf einen Vorfall 2016 bezieht. 

In Deutschland ist der Polizei zudem kein Fall bekannt, bei dem sich jemand in öffentlichen Verkehrsmitteln an in die Polster geklemmten Spritzen verletzt hätte. CORRECTIV fragte für alle 16 Bundesländern in den jeweiligen Landespolizeidirektionen, Landeskriminalämtern oder Innenministerien nach: Keine Behörde konnte einen solchen Fall bestätigen. Einzig in einer Antwort aus dem nordrhein-westfälischen Innenministerium heißt es, es sei „nicht auszuschließen, dass es Einzelfälle gegeben hat.“

Ähnlich irreführende Meldungen über präparierte Spritzen, die zum Beispiel in Kinosessel gesteckt würden, um Menschen mit HIV zu infizieren, kursieren seit spätestens 2000 im Internet.

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Momentan sind keine Fälle von Spritzen in Sitzen von Bussen oder Bahnen bekannt. Das Foto stammt von einem Fall in Wien aus dem Jahr 2016.

Facebook-Video von Adriana Borgo aus dem Krankenhaus in Brasilien
Das Video wurde am 4. Juni 2020 von der brasilianischen Politikerin Adriana Borgo gedreht. Anfang Juli kursiert es dann mit deutschen Untertiteln auf Instagram. (Quelle: Adriana Borgo/Facebook / Screenshot: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

Auf Instagram wird ein Video aus Brasilien verbreitet, das ein angeblich völlig leeres Not-Krankenhaus für Covid-19-Patienten zeigt. Doch die Politikerin, die es aufgenommen hat, führte ihre Zuschauer in die Irre: Das Krankenhaus in São Paulo war zum Zeitpunkt der Aufnahme nicht leer – und ist es auch aktuell nicht.  

Am 8. Juli teilte das Profil „Die Corona Lüge“ auf Instagram ein Video einer Frau mit Mund-Nasen-Bedeckung, die durch ein provisorisches Krankenhaus läuft. Auf Portugiesisch ruft sie verärgert aus, es sei völlig leer. Das Video mit deutschen Untertiteln wurde bereits mehr als 11.800 Mal angesehen. Es führt jedoch in die Irre. In dem Krankenhaus in São Paulo im Anhembi Parque waren zum Zeitpunkt der Aufnahme zahlreiche Covid-19-Patienten.

CORRECTIV konnte mit Hilfe der brasilianischen Faktenchecker von Agência Lupa den Ursprung des Videos finden: Es ist ein Ausschnitt eines längeren Facebook-Live-Videos von der brasilianischen Politikerin Adriana Borgo am 4. Juni. Das Video war also zum Zeitpunkt der Veröffentlichung auf Instagram bereits einen Monat alt. 

Video aus dem Krankenhaus in Brasilien auf Instagram
Ausschnitt aus dem Video mit deutschen Untertiteln auf Instagram. (Screenshot: CORRECTIV)

Politiker drangen Anfang Juni in das Not-Krankenhaus in Brasilien ein

Adriana Borgo ist Mitglied des Parlaments des Bundesstaates São Paulo. In dem Video ruft sie sarkastisch, die Zuschauer sollten sich mal diese Massen an Erkrankten ansehen. Sie sagt außerdem, dass sie das provisorische Krankenhaus für Geldverschwendung halte, weil es dort ja gar keine Patienten gebe. 

Der Journalist Maurício Moraes von Agência Lupa hat bereits am 5. Juni einen Faktencheck zu diesem Thema veröffentlicht. Demnach seien einige Politikerinnen und Politiker am 4. Juni in ein großes Not-Krankenhaus eingedrungen, das im Parque Anhembi (einem Kongresszentrum) in São Paulo für Covid-19-Patienten eingerichtet wurde. Sie filmten unfertige, leere Teile des Gebäudes und behaupteten, es gebe keine Patienten. Eine Lokalzeitung aus São Paulo berichtete ebenfalls am 4. Juni darüber, dass die Abgeordneten in das Krankenhaus eingedrungen seien. Sie hätten behauptet, eine „Inspektion“ durchzuführen, und dass die Regierung von São Paulo über die Zahl der Fälle und Todesfälle lüge.   

Am 4. Juni lagen in dem Krankenhaus mehr als 400 Covid-19-Patienten

Die Darstellung im Video von Adriana Borgo ist irreführend. Sie filmte in einem Teil des Gebäudes, in dem keine Menschen waren. Am 4. Juni gab es jedoch mehrere hundert Patienten in dem Not-Krankenhaus. Der Faktencheck von Agência Lupa weist darauf hin, dass laut dem offiziellen Corona-Lagebericht für São Paulo vom 4. Juni an jedem Tag in diesem Krankenhaus (Anhembi) 407 Covid-19-Patienten lagen (PDF, Seite 2). Das städtische Gesundheitssekretariat von São Paulo veröffentlicht täglich Corona-Lageberichte

Ein anderes Facebook-Video von Adriana Borgo vom selben Tag zeigt sogar einige dieser Patienten – die Politikerinnen und Politiker haben also selbst gesehen, dass das Krankenhaus nicht komplett leer war. 

Facebook-Video Adriana Borgo Brasilien
Ihre „Inspektion“ führte die Politikerinnen und Politiker am 4. Juni auch in den Bereich des Krankenhauses, in dem Patienten lagen. (Screenshot: CORRECTIV)

Das provisorische Krankenhaus im Anhembi Parque ist laut brasilianischen Medienberichten für 1.800 Patienten ausgelegt worden. So viele Betten wurden tatsächlich nicht gebraucht, deshalb werde die Anzahl verkleinert, schrieb die Seite Globo kürzlich (16. Juli). 

Aktuell 207 Patienten im Not-Krankenhaus

Die Patientenzahl in dem Krankenhaus schwankte im Juni und Juli. CORRECTIV überprüfte die Lageberichte für São Paulo stichprobenartig. Am 15. Juni lagen dort 272 Patienten. Am 1. Juli waren es 197. Aktuell liegen in dem Krankenhaus laut dem Lagebericht vom 21. Juli insgesamt 207 Patienten. 

Dem WHO-Lagebericht vom 21. Juli zufolge gibt es in Brasilien aktuell rund 2,1 Millionen bestätigte Corona-Infizierte und rund 79.500 Todesfälle. 

Warum Demokratie Faktenchecks braucht

Desinformation im Netz ist ein zentrales Problem des 21. Jahrhunderts. Es hat das Potenzial, Demokratien zu zerreiben. Nie war das deutlicher als in der Corona-Krise. Faktenchecker auf der ganzen Welt haben die Gefahr erkannt – und arbeiten trotz Widerstands und Angriffen täglich dagegen an. Warum unsere Arbeit so wichtig ist.

ZUM ARTIKEL

Das Video von Adriana Borgo wurde auch in Italien als angeblicher Beleg verbreitet, dass eine „zweite Welle“ in Brasilien nicht existiere. Die Faktenchecker von Facta stuften es in einem Bericht Ende Juni ebenfalls als Falschinformation ein. 

Unsere Bewertung:
Falsch. Das Not-Krankenhaus in Brasilien war nicht leer. Zudem wird auf Instagram verschwiegen, dass das Video bei Veröffentlichung schon einen Monat alt war.

Party an der
Aufnahme vom 10. Juli 2020: Dieses Pressefoto wurde vor dem Lokal „Las Palmeras” in der „Bierstraße” auf Mallorca gemacht. Einige Medien haben auch das Videomaterial dazu veröffentlicht. (Foto: picture alliance/Michael Wrobel/Birdy Media/dpa)

von Sarah Thust

Wurde in Mallorcas Partymeilen wirklich ohne Einhaltung der Corona-Regeln gefeiert? Einige Leute behaupten auf Facebook, es habe keine Partys in Palma de Mallorca gegeben und die Medien würden lügen. Das ist falsch. Kritik müssen sich einige Medien dennoch gefallen lassen.

Auf Facebook kursiert etwa seit dem 15. Juli ein Text einer Frau, die über ihre Erfahrungen im Urlaub auf Mallorca berichtet. Sie suggeriert, dass die Medien die Berichte über feiernde Touristen nahe des Strandes Playa de Palmas auf Mallorca erfunden hätten. Tatsächlich sei zum Beispiel die „Schinkenstraße” (Carrer del Pare Bartomeu Salvà) in Palma, die als Partymeile für deutsche Urlauber bekannt ist, leer gewesen. Der Text der mutmaßlichen Urlauberin wurde auf Facebook mehrfach kopiert, einer der ersten Beiträge wurde bereits mehr als 11.100 Mal geteilt. 

Der Vorwurf: Inmitten der Corona-Krise würden die Medien die Situation am Ballermann falsch darstellen, alte Bilder aus Mallorca zeigen und seien Schuld an der Maskenpflicht. Das ist falsch.

Tatsächlich berichteten Medien von Partys auf Mallorca: Hunderte Menschen hätten am Freitagabend in einer Straße in Palma gefeiert – trotz der strengen Corona-Regeln. Zuerst hatte darüber die Mallorca-Zeitung berichtet. CORRECTIV hat die Situation auf Mallorca rekonstruiert und dabei auch Fehler in der medialen Berichterstattung entdeckt.

Mallorca: Fotos und Videos zeigen viele Besucher auf der „Bierstraße” – und sie sind echt

In dem Beitrag auf Facebook berichtet eine unbekannte Frau von ihrem Urlaub auf Mallorca. Darin heißt es, sie sei am Freitag (gemeint ist wohl der 10. Juli, da der Beitrag nach unseren Recherchen am 15. Juli aufgetaucht ist) von einem sechstägigen Urlaub zurückgekehrt. Belege für ihre Behauptungen führt sie nicht an. 

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Beitrag vom 15. Juli 2020: Eine Facebook-Nutzerin hat diese Nachricht geteilt. Darin heißt es unter anderem, dass in Mallorca Maskenpflicht gelte, weil die Medien lügen würden. (Quelle: Facebook / Screenshot vom 21. Juli: CORRECTIV)

CORRECTIV hat Fotos und Videos gefunden, die belegen, dass in der „Bierstraße“ auf Mallorca in der Nacht vom 10. auf den 11. Juli sehr viele Touristen gefeiert haben, teils auch auf der Straße und ohne Masken. 

Dieses Video der Mallorca-Zeitung in einem Artikel vom 11. Juli und dieses Video vom 10. Juli auf Instagram zeigen die Szenen. Im Fokus liegt dabei auf dem Lokal „Las Palmeras“. CORRECTIV konnte das Instagram-Video verifizieren. Es wurde am Freitag, 10. Juli 2020 um 23:07 Uhr erstellt, wie der Quelltext des Instagram-Beitrags anzeigt. 

Instagram_Streetview_Collage_Bierstraße
Links ein Ausschnitt aus dem Instagram-Video, rechts ein Blick auf Google Streetview in die „Bierstraße”. Das Restaurant „Deutsches Eck” und das Restaurant „Al Faro” sind deutlich zu erkennen. Das „Las Palmeras” befindet sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite des „Deutschen Ecks”. (Quelle: Instagram und Google Streetview / Screenshots und Collage: CORRECTIV)

Ein Foto der DPA vom 10. Juli zeigt die „Bierstraße“ in Palma de Mallorca

Es gibt außerdem ein Pressefoto der Nachrichtenagentur DPA, das denselben Ort zeigt. Laut eines Fotoredakteurs der DPA wurde es am 10. Juli um 23:19 Uhr aufgenommen.

Las Palmeras 10. Juli 2020 Mallorca
Aufnahme vor dem „Las Palmeras“: „Das Foto wurde am 10. Juli 2020 um 23:19 Uhr erstellt, so steht es in den exif-Daten der Kamera“, bestätigte ein Redakteur der Deutschen Presse-Agentur (DPA) auf Nachfrage von CORRECTIV. (Foto: picture alliance/Michael Wrobel/Birdy Media/dpa)

Den Ort der Aufnahmen konnten wir verifizieren, indem wir die Bilder mit Google Streetview abgeglichen haben: Die Aufnahmen zeigen einen Teil der „Bierstraße”, keine 450 Meter vom ehemaligen „Ballermann 6” entfernt. Genau genommen: den Straßenabschnitt zwischen dem Restaurant „Deutsches Eck” und dem Lokal „Et Dömsche”, wie dieses Video des WDR zeigt.

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„Bierstraße” bei Google Streetview (fotografiert von der gegenüberliegenden Seite im November 2019): Links das „Las Palmeras“, rechts das „Deutsche Eck“. (Quelle: Google Streetview / Screenshot vom 21. Juli: CORRECTIV))

CORRECTIV hat zudem die Aussagen der Frau in dem Facebook-Beitrag einzeln überprüft.

1. Behauptung: Die Medien zeigen die „Schinkenstraße” voll mit feiernden Leuten, dabei war sie leer

Die Aufnahmen von feiernden Touristen, über die viele Medien berichteten (zum Beispiel hier der WDR), stammen nicht – wie in dem Facebook-Beitrag behauptet – aus der „Schinkenstraße” in Palma, sondern aus der „Bierstraße“. 

Medien wie die Tageszeitung WAZ oder die Mallorca-Zeitung haben geschrieben, dass die Bilder aus der „Bierstraße” stammen. In einem Text vom Merkur ist in einer Zwischenüberschrift allerdings auch von „illegalen Corona-Partys in der ‘Schinkenstraße’” die Rede, näher ausgeführt wird das nicht.

Beide Straßen liegen unweit der Strandpromenade Playa de Palma, sie verlaufen parallel zueinander und dazwischen liegen drei andere Straßen (Übersicht auf Google Maps). In der „Schinkenstraße” liegt der Biergarten mit Freiluft-Diskothek „Bierkönig”, der tatsächlich seit Mitte März geschlossen ist, wie CORRECTIV auf Nachfrage von den Betreibern erfuhr. In dieser Straße soll es sehr ruhig zugegangen sein, beschreibt ein Augenzeuge, mit dem wir uns am 19. Juli per Chat auf Facebook unterhalten konnten.

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„Bierstraße” (Carrer de Miquel Pellisa) und „Schinkenstraße” (Carrer del Pare Bartomeu Salvà) bei Google Maps: Die grünen Pfeile mit den eckigen Kästchen markieren die genannten Bars und Restaurants. (Quelle: Google Maps / Screenshot vom 21. Juli: CORRECTIV)

Augenzeuge beschreibt „Bierstraße” als „nie wirklich mega überfüllt” 

„Durch die Schinkenstraße sind wir 2 mal durchgelaufen in dem Zeitraum 09.07. bis 12.07. Jede dort ansässige Disco hatte geschlossen. Von Partys in der Schinkenstraße haben wir also nichts wahrgenommen”, schreibt Niko Papadopoulos. Er kommt aus Nordrhein-Westfalen und hat die Berichterstattung über das Wochenende des 10. und 11. Juli in Palma ebenfalls auf Facebook in einem Kommentar unter einem Beitrag der Bar „Et Dömsche“ kritisiert. Seine Fotos, die CORRECTIV vorliegen, belegen, dass er vom 9. bis 13. Juli auf Mallorca war und mindestens an drei Abenden auch in der „Bierstraße”. 

Facebook-Kommentar
Kommentar von Niko Papadopoulos auf Facebook: Durch diesen Beitrag ist CORRECTIV auf ihn aufmerksam geworden. (Quelle: Facebook / Screenshot vom 21. Juli: CORRECTIV)

Niko Papadopoulos saß am Abend des 10. Juli laut eigener Aussage in der Bar „Et Dömsche” mit Blick auf das „Las Palmeras” schräg gegenüber. CORRECTIV liegt ein Foto von jenem Abend vor, das bestätigt, dass er um 21:58 Uhr Einblick in die „Bierstraße” am „Deutschen Eck” hatte. 

Foto eines Augenzeugen von Mallorca
Aufnahme vom 10. Juli 2020: Dieses Bild eines Urlaubers zeigt das „Deutsche Eck” an der „Bierstraße”, in der sich die Touristen sammeln. (Foto: Niko Papadopoulos/privat)

Papadopoulos schrieb CORRECTIV auf Facebook, dass er jeden Abend in der Bar „Et Dömsche” gewesen sei. Dort habe zu es keiner Zeit Probleme mit Verstößen gegen die Covid-19-Regelungen gegeben. „Beim Aufstehen vom Tisch trugen die Menschen Masken, genauso wie zum Gang auf die Toilette. Die Bedienungen haben die Leute auch häufig dran erinnert”, schrieb er.

„Las Palmeras“ warb offenbar mit günstigen Bierpreisen um Kundschaft

Anders sei das am 10. Juli abends schräg gegenüber gewesen: „Vom Dömsche aus konnte man gut erkennen, was im Las Palmeras los war. Sie haben mit Dumpingpreisen für Getränke die Massen angelockt. Dementsprechend war dort auch die Stimmung. Grölende Feiernde, wie man es von Mallepartys eben gewohnt ist. Der Straßen-DJ hat seine Musik aufgelegt. Im Las Palmeras waren die Tische zwar mit Abständen aufgestellt worden, jedoch gab es dort richtig Stimmung, bis auf die Straße vor dem Laden.” 

Die „Bierstraße” selbst sei allerdings „nie wirklich mega überfüllt” gewesen. Polizeikontrollen habe er an jenem Abend nicht mitbekommen. Dass die Polizei nicht eingeschritten sei, berichtete auch die Mallorca-Zeitung am 11. Juli.

Foto eines Augenzeugen von Mallorca
Am 12. Juli um 1:08 Uhr: Augenzeuge Niko Papadopoulos schreibt, er habe in Mallorcas „Bierstraße” nur an jenem Abend zwei Polizisten auf der Straße gesehen – in den Nächten davor nicht. (Foto: Niko Papadopoulos/privat)

Wirte werfen Medien Manipulation von Bildern vor

Diese Angaben entsprechen in etwa dem, was einige Wirte von jenem Abend berichten, wie hier im Kölner Express. Auch auf der Facebook-Seite von „Et Dömsche” ist am 15. Juli ein kritischer Kommentar erschienen. Darin hieß es: „In den News sind entweder veraltete, oder Bilder EINES Tages von EINER Lokalität (nicht unserer!!!) zu sehen!” Die Mallorca-Zeitung berichtete am 16. Juli: „Der Ballermann macht die Medien für die Schließung verantwortlich”.

In den Medien berichten unterschiedliche Augenzeugen (hier und hier), dass Journalisten an den Abenden des 10., 11. und 12. Juli Bilder manipuliert haben sollen – entweder durch die Wahl der Kameraeinstellungen oder indem sie Touristen vor der Kamera zum Feiern animiert hätten. 

Niko Papadopoulos bestätigt diese Berichte gegenüber CORRECTIV: In jener Freitagnacht habe er in der „Bierstraße” einen Journalisten mit einem Mikrofon des Senders RTL gesehen. Er unterstellt dem Journalisten, die Lage ausgenutzt zu haben. „Die Bierstraße selber war nie wirklich mega überfüllt, wartende Menschen, die auf einen Tisch gehofft haben vor den Bars, zudem die schwarzen Straßenverkäufer und sogar Kamerateams wie von RTL blockierten, bzw. stellten dann noch die Straße zu. Somit waren kurzzeitige ‘Nadelöhre’ nicht vermeidbar”, schreibt er.

„Ich konnte sehr gut erkennen, wie RTL genau solche kurze Szenen ausgenutzt hat, um zu filmen. Und immer in Richtung Las Palmeras, mit dem richtigen Blickwinkel sah es dann natürlich übertrieben voll aus auf der Straße.”

CORRECTIV kontaktierte RTL für eine Stellungnahme dazu. Sprecherin Heike Speda antwortete in einer E-Mail, dass das „feste Mallorca-Team” des Senders nicht am 10. Juli gedreht habe. „Wir können bestätigen, dass wir am 12. Juli auf der Bierstraße gedreht haben. Am darauffolgenden Tag wurde die Maskenpflicht auf Mallorca umgesetzt. Wir können die Arbeit unserer Kollegen nicht beanstanden, sowohl unser Material – als auch die Aufnahme des Augenzeugen, zeigt deutlich, wie die Situation an diesem Abend vor Ort war. Unsere Kollegen sind zur Einhaltungen aller angeordneten Vorsichtsmaßnahmen angehalten.”

Facebook-Chat
Augenzeuge Niko Papadopoulos beschreibt auf Facebook, wie er die Situation in Mallorca erlebt hat. (Quelle: Facebook / Screenshot vom 21. Juli: CORRECTIV)

Am 16. Juli schrieb Schlagersänger Mickie Krause auf Facebook: „Es ist nicht so, wie es derzeit in den Medien dargestellt wird!” In einem Video aus Mallorca sagte er zu den Ereignissen am Freitag, 10. Juli: „Das war wirklich nur eine Momentaufnahme.” Die Wirte hätten in der „Bierstraße” ihre Hausaufgaben gemacht. 

Urlauberin war zum Zeitpunkt der Partys in der „Bierstraße“ gar nicht mehr auf Mallorca

Fazit: Anders als von der Frau in dem Facebook-Beitrag behauptet, haben keine CORRECTIV bekannten Medien die „Schinkenstraße” voll mit feiernden Leuten abgebildet. Doch in Einzelfällen kam es zu vermeidbaren Fehlern, wie einer irreführenden Zwischenüberschrift im Merkur

Da die Urlauberin offenbar nur bis zum 10. Juli auf Mallorca war, ist ihr Augenzeugenbericht kein Beleg für die Situation, über die die Medien berichteten. Videos und Augenzeugenberichte zeigen, dass es an bestimmten Orten am Wochenende vom 10. bis 12. Juli zu Verstößen kam. 

Die Regierung der Balearischen Inseln registrierte an jenem Wochenende laut eigenen Angaben 51 Interventionen und 24 Sanktionsmaßnahmen wegen Nichteinhaltung der COVID-19-Bestimmungen – auf der gesamten Insel. Die Polizei (Guardia Civil) hat auf Anfragen von CORRECTIV bisher nicht reagiert. 

2. Behauptung: Medien verwendeten alte Bilder

Tatsächlich konnte CORRECTIV Einzelfälle finden, in denen Medien alte Aufnahmen als Symbolbilder verwendet haben, ohne sie zu kennzeichnen. Auf Facebook beschwerten sich Nutzer konkret über Focus-Online und die Welt, die dasselbe Foto eines überfüllten Strandes zeigten.

Focus-Beitrag Mallorca
Nachrichtenseiten verwenden teilweise veraltete Fotos für aktuelle Berichterstattung ohne dies kenntlich zu machen. (Quelle: Focus-Online / Screenshot: CORRECTIV)

Das Foto in dem Focus-Online-Bericht vom 19. Juli ist von der DPA und laut deren Pressefoto-Datenbank aus dem Jahr 2018 (zum Beispiel verwendete es die Deutsche Welle in diesem Bericht und wies darauf hin, dass es von 2018 ist). Focus-Online und die Welt haben es ohne Hinweis auf das Datum der Aufnahme verwendet. 

Bei dem Foto vom überfüllten Strand handelt es sich um ein Symbolbild

Auf dem Bild sind Schirme und Liegen zu sehen, die an der Playa de Mallorca derzeit nicht existieren. Das zeigt eine Strand-Kamera, die den Abschnitt vor dem ehemaligen „Ballermann 6” live ins Netz überträgt.

Live-Cam Mallorca
Screenshot des Live-Videos am 21. Juli 2020: Besucher sonnen sich am Strand Playa de Palma. (Quelle: Livecam El Arenal Playa de Palma / Screenshot vom 21. Juli: CORRECTIV)

Allerdings haben sich einige Journalisten auch kritisch mit diesem Thema auseinandergesetzt. Die Kreiszeitung war selbst nicht vor Ort, doch als lokale Tageszeitung hat sie auf einen Leserbrief reagiert. Sie veröffentlichte einen Bericht darüber, warum Urlauber aus Mallorca die „einseitige“ Berichterstattung in den Medien kritisieren. Auch die Mallorca Zeitung, die über die Partys am Freitag, 10. Juli laut eigener Aussage zuerst berichtet hatte, beschäftigte sich mit der Kritik an den Medien. 

3. Behauptung: Auf Mallorca herrscht Maskenpflicht, weil die Medien lügen

Eine Maskenpflicht gab es auf den Balearen schon vorher. Vor dem 13. Juli waren sie im Freien nur dann nötig, wenn kein Sicherheitsabstand von zwei Metern eingehalten werden konnte. Das hat sich nun geändert – und ab dem 20. Juli kann ein Verstoß mit einem Bußgeld von bis zu 100 Euro geahndet werden. Doch kann man die Medien dafür verantwortlich machen?

Die strengere Maskenpflicht für die Balearen (Mallorca, Menorca, Ibiza und Formentera) trat zwar am Montag, 13. Juli, in Kraft. Diese Änderung war jedoch bereits am 9. Juli angekündigt worden, also vor dem besagten „Party-Wochenende“. 

Am Mittwoch, 15. Juli mussten dann die Bars in der „Bierstraße“ und „Schinkenstraße” sowie jene im britischen Party-Zentrum in Magaluf schließen. Dies entschied die balearische Regionalregierung nach den Ereignissen am Wochenende des 10. bis 12. Juli. 

Regierung der Balearen ist um Einhaltung der Regeln bemüht

Der Pressesprecher des balearischen Tourismusministers Iago Negueruela antwortete auf eine E-Mail-Anfrage von CORRECTIV, dass sich die Menschen auf den Balearen um Einhaltung der Regeln bemühen würden. „Die Bilder der letzten Tage mit Partys und Menschenmengen in bestimmten Gegenden dürfen sich nicht wiederholen, wir werden das nicht tolerieren”, schrieb der Sprecher Hugo Saénz.

„Es handelt sich um eine sehr spezifische Aktion (die Schließung von Nachtclubs in bestimmten Straßen) in sehr begrenzten Gebieten, die nur sehr wenige von ihnen versäumen. Diese wenigen dürfen unser Image nicht beeinträchtigen oder die Gesundheit unserer Einwohner und Arbeitnehmer gefährden.”

Warum Demokratie Faktenchecks braucht

Desinformation im Netz ist ein zentrales Problem des 21. Jahrhunderts. Es hat das Potenzial, Demokratien zu zerreiben. Nie war das deutlicher als in der Corona-Krise. Faktenchecker auf der ganzen Welt haben die Gefahr erkannt – und arbeiten trotz Widerstands und Angriffen täglich dagegen an. Warum unsere Arbeit so wichtig ist.

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Auch die Präsidentin der Balearen-Inseln Francina Armengol schrieb am 15. Juli auf Twitter: „Die Gesundheitslage ist derzeit gut und wir werden die Verantwortungslosigkeit einer Minderheit in so einer riskanten Situation nicht tolerieren. Wir setzen uns für die Gesundheit und die Wirtschaft ein. Wir werden schon auf kleine Fehltritte reagieren, und wir werden energisch gegen solche Exzesse vorgehen. Null Toleranz für diejenigen, die unverständig sind und die Sicherheit aller in Gefahr bringen.”

Verschärfte Maskenpflicht ist auf steigende Fallzahlen zurückzuführen 

Fazit: Haben die Medienberichte über das Wochenende 10. bis 12. Juli etwas mit der Verschärfung der Maskenpflicht zu tun? Nein, die Gesundheitsministerin der Balearen hat diese bereits am Donnerstag, 9. Juli, angekündigt. 

Zudem erklärte Gesundheitsministerin Patricia Gómez laut Mallorca-Zeitung in einer Pressekonferenz am 13. Juli, dass es sich bei der verschärften Maskenpflicht nicht um eine Art Überreaktion auf das Verhalten einiger Urlauber an der Playa de Palma handele. Es gehe vielmehr um die nationale und internationale Situation. In Spanien steigen die Infektionszahlen mit dem Coronavirus seit zwei Wochen wieder an, besonders in Katalonien, berichtet die Tagesschau

Gesamtfazit: Medien haben die feiernden Touristen nicht erfunden

Die Behauptungen der mutmaßlichen Mallorca-Urlauberin auf Facebook sind teilweise falsch, weil ihnen der Kontext fehlt. Die Bilder von feiernden Touristen in Palma de Mallorca sind hingegen echt und stammen vor allem von der Nacht vom 10. auf den 11. Juli in der „Bierstraße“. Am Wochenende griffen viele Medien das Thema auf und berichteten darüber. Schuld an der Maskenpflicht sind die Medien nicht. 

Bei der Berichterstattung sind einigen Medien jedoch Fehler unterlaufen. Vereinzelt wurden veraltete Bilder verwendet und teils ein falscher Eindruck vermittelt. Doch andere Medien haben diese Kritik bereits aufgegriffen – und mit Urlaubern gesprochen, die vor Ort waren. Hierbei hervorzuheben ist besonders die Kreiszeitung, die mit einem Bericht auf einen Leserbrief reagiert hat.

Update, 29. Juli 2020: Wir haben eine Stellungnahme von RTL zu dem Fall ergänzt.
Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Es gab Verstöße von Feiernden gegen die Corona-Regeln auf Mallorca. 

Ex-US-Präsident Barack Obama
Es kursiert die Behauptung, dass die US-Regierung unter Obama das Institut für Virologie in Wuhan mit 3,7 Millionen US-Dollar unterstützt habe. Das ist falsch. (Symbolbild: Pixabay / janeb13)

von Uschi Jonas

In einem Artikel wird behauptet, ein Labor in Wuhan sei von der US-Regierung unter Barack Obama 2015 mit 3,7 Millionen US-Dollar finanziell unterstützt worden. Das ist falsch. An das Institut sind rund 600.000 US-Dollar geflossen – über mehrere Jahre, ein Teil davon während der Amtszeit von Donald Trump.

In einem Artikel auf der Seite Viral Virus wird behauptet, dass Ex-US-Präsident Barack Obama ein Labor in Wuhan im Jahr 2015 mit 3,7 Millionen US-Dollar unterstützt habe. Der Artikel wurde laut dem Analysetool Crowdtangle am 21. April zum ersten Mal auf Facebook gepostet und bisher mehr als 12.500 Mal auf Facebook geteilt (Stand 20. Juli).

Die konkrete Behauptung im Artikel bezieht sich auf die Berichterstattung der britischen Boulevardzeitung Daily Mail, die belegen soll, „ […] dass Wissenschaftler im Rahmen eines vom US-amerikanischen National Institute of Health (NIH) [eine Behörde des US-Gesundheitsministeriums, Anm. d. Redaktion] finanzierten Projekts Experimente an Fledermäusen durchgeführt haben sollen. Dem Labor in Wuhan wurde dafür von der Obama-Administration ein Fonds von 3,7 Millionen Dollar gewährt. Selbst Donald Trump bestätigte dies in einer kürzlich ausgestrahlten Pressekonferenz.

Um das Institut für Virologie in Wuhan ranken sich seit Monaten Gerüchte

Diese Behauptung ist größtenteils falsch. Das NIH bestätigte gegenüber CORRECTIV, dass nur ein Teil des Geldes an das Institut in Wuhan geflossen ist. Beendet wurden die Zahlungen erst im Jahr 2020 während der Amtszeit von Donald Trump. 

Zahlreiche ähnliche Behauptungen kursieren auf Facebook und Instagram seit einigen Wochen auch in den USA. Mehrere US-Faktencheck-Redaktionen, zum Beispiel von Politifact oder USA Today, haben die Behauptungen geprüft und kommen zu dem Schluss, dass die Behauptungen falsch sind. 

Bei dem mutmaßlich von der US-Regierung unterstützten Labor handelt es sich um das Institut für Virologie in Wuhan.  Um das Labor ranken sich in der Corona-Krise seit Monaten Gerüchte. Der genaue Ursprung des neuartigen Coronavirus ist bislang unklar. Immer wieder wird vor diesem Hintergrund die Behauptung verbreitet, das Virus sei versehentlich im Institut für Virologie in Wuhan freigesetzt – oder dort sogar künstlich hergestellt worden. Doch es gibt keine Belege für diese Thesen, wie CORRECTIV im April und Mai für Faktenchecks recherchiert hat. Bereits im Februar haben Wissenschaftler erklärt, dass alles auf einen natürlichen Ursprung von SARS-CoV-2 hindeutet.

Behauptung 1: Das Labor sei von der US-Regierung unter Obama mit 3,7 Millionen US-Dollar unterstützt worden

Im Artikel von Viral Virus wird behauptet, das Labor in Wuhan sei von der Obama-Administration mit 3,7 Millionen US-Dollar unterstützt worden. Das ist falsch. 

Auf Nachfrage von CORRECTIV bestätigte das National Institute of Health (NIH), die zuständige Behörde des Gesundheitsministeriums für biomedizinische Forschung, am 18. Juni 2020, dass die US-Regierung und das US-Forschungszentrum National Institute of Allergy and Infectious Diseases von 2014 bis 2019 ein Projekt namens „Understanding the Risk of Bat Coronavirus Emergence“ („Verstehen des Risikos, dass ein Fledermaus-Coronavirus entsteht“) der Nichtregierungsorganisation EcoHealth Alliance finanziell unterstützt haben. Insgesamt seien dabei in einem Zeitraum von sechs Jahren 3,4 Millionen US-Dollar (umgerechnet rund drei Millionen Euro) geflossen. 

Die im Artikel genannte Summe von 3,7 Millionen US-Dollar stimmt also nicht, und das Geld ging nicht direkt an das Institut in Wuhan. Auch auf der Webseite des NIH ist ersichtlich, dass die Gelder an EcoHealth Alliance geflossen sind.

Ein Ausschnitt der E-Mail des US-Gesundheitsministeriums an CORRECTIV
Ein Ausschnitt der E-Mail des NIH vom 18. Juni 2020 an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)

EcoHealth Alliance ist eine globale Nichtregierungsorganisation mit Hauptsitz in New York. Die Organisation ist auf wissenschaftliche Forschung zur Vorhersage und Verhinderung von Pandemien spezialisiert und führt nach eigenen Angaben Projekte in mehr als 30 Ländern durch. 

Die 3,4 Millionen US-Dollar flossen nicht nur nach Wuhan

Doch was genau hat die EcoHealth Alliance mit den 3,4 Millionen US-Dollar der US-Regierung gemacht? Dazu schreibt das NIH an CORRECTIV:  „EcoHealth Alliance ist die Stipendiatenorganisation, die Förderungen an das Wuhan Institute of Virology (Wuhan), die East China Normal University (Shanghai), das Institute of Pathogen Biology (Peking) und die Duke-NUS Medical School (Singapur) vergeben hat.

Nur ein Teil der 3,4 Millionen US-Dollar sind demnach an das Institut in Wuhan geflossen. CORRECTIV hat bei der EcoHealth Alliance nachgefragt, wie hoch der konkrete Betrag war, der an das Labor in Wuhan ging, jedoch keine Antwort erhalten. Politifact und USA Today schrieben jedoch, ein Sprecher von EcoHealth Alliance habe mitgeteilt, dass knapp 600.000 US-Dollar an das Labor in Wuhan geflossen seien, 265.000 US-Dollar davon während der Amtszeit Donald Trumps. 

Von wann bis wann wurden die Gelder gezahlt?

Auf der Webseite des NIH war Ende Juni ersichtlich, dass die Zahlungen an die EcoHealth Alliance am 24. April 2020 endeten. Die Förderung des Projektes begann folglich unter Obama, lief jedoch unter Trump weiter. Eine genaue Auflistung der Zahlungen für das Projekt von 2014 bis 2019 findet sich hier.

Informationen über das Projekt von EcoHealth Alliance und die Dauer der finanziellen Unterstützung auf der Webseite des US-Gesundheitsministeriums (Quelle: US-Gesundheitsministerium, Screenshot 29. Juni: CORRECTIV)
Informationen über das Projekt von EcoHealth Alliance und die Dauer der finanziellen Unterstützung auf der Webseite des NIH (Quelle: NIH, Screenshot und Markierung 29. Juni: CORRECTIV)

Ende Juni oder Anfang Juli wurden die Projekt-Angaben auf der Webseite des NIH allerdings geändert. Nun ist dort zu lesen, dass das Projekt-Enddatum auf den 30. Juni 2025 verlängert wurde, das Ende der Budget-Zahlungen wurde auf den 30. Juni 2021 datiert.

Informationen über das Projekt von EcoHealth Alliance und die Dauer der finanziellen Unterstützung auf der Webseite des US-Gesundheitsministeriums (Quelle: US-Gesundheitsministerium, Screenshot 20. Juli: CORRECTIV)
Informationen über das Projekt von EcoHealth Alliance und die Dauer der finanziellen Unterstützung auf der Webseite des NIH (Quelle: NIH, Screenshot und Markierung 20. Juli: CORRECTIV)

Behauptung 2: Trump habe in einer Pressekonferenz bestätigt, dass 3,7 Millionen an das Labor in Wuhan flossen

Donald Trump habe in einer Pressekonferenz die Zahlungen der US-Administration an das Institut im Wert von 3,7 Millionen US-Dollar bestätigt, so die Behauptung im Artikel. Das ist nur teilweise richtig. 

Ursprünglich endete die Unterstützung für das Projekt von EcoHealth Alliance im Jahr 2019, wie das NIH CORRECTIV per E-Mail mitteilte. Sie sei jedoch um weitere fünf Jahre verlängert, berichtete Politifact Ende April. Auf der Webseite des NIH ist zu sehen, dass es tatsächlich ein weiteres Budget für das Projekt gab, dessen Zahlungen am 24. Juli 2019 begannen.

Auf der Webseite des US-Gesundheitsministeriums ist zu sehen, dass die finanzielle Unterstützung ab Juli 2019 verlängert wurde (Quelle: US-Gesundheitsministerium, Screenshot 29. Juni: CORRECTIV)
Auf der Webseite des NIH ist zu sehen, dass die finanzielle Unterstützung ab Juli 2019 verlängert wurde (Quelle: NIH, Screenshot und Markierung 29. Juni: CORRECTIV)

Doch US-Präsident Trump sagte in einer Pressekonferenz am 17. April 2020, er wolle die Zahlungen beenden. Ein Reporter fragte Trump im Weißen Haus nach den Fördergeldern und wiederholte die falsche Behauptung, 3,7 Millionen Dollar seien 2015 nach China geflossen. 

Trump sagte daraufhin, dass er von den Zahlungen beziehungsweise deren Bewilligung gehört habe und dass er diese schnell beenden werde. Er bestätigte jedoch nicht, ob die Aussage des Journalisten korrekt ist. Das US-Gesundheitsministerium beendete die finanzielle Unterstützung an die EcoHealth Alliance wenige Tage später, am 24. April 2020.

Der Gesprächsverlauf zwischen Trump und dem Reporter über die angeblichen Zahlungen nach Wuhan. (Quelle: White House, Screenshot: CORRECTIV)
Der Gesprächsverlauf zwischen Trump und dem Reporter über die angeblichen Zahlungen nach Wuhan. (Quelle: White House, Screenshot: CORRECTIV)

Auf Nachfrage von CORRECTIV äußerte sich das NIH am 18. Juni nicht dazu, warum die Zahlungen abrupt beendet wurden.

Medienberichte von Ende Juni zeigen, dass auch Anthony Fauci, US-amerikanischer Immunologe und Direktor des National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID), einer Einrichtung des NIH, die genauen Gründe für den Zahlungsstopp nicht zu kennen schien. Demnach sagte er: „Es wurde gestoppt, weil dem NHI gesagt wurde, es zu stoppen. Das Weiße Haus habe das kurzfristig angeordnet. 

Weshalb die Zahlungen für das Projekt also erst gestoppt und dann offenbar erneut verlängert wurden, ist unklar. CORRECTIV hat am 20. Juli sowohl beim US-Gesundheitsministerium als auch beim zuständigen NIH per E-Mail nach den Gründen für die kürzlichen Veränderungen auf der Webseite des NIH gefragt. Doch bislang haben wir keine Antworten erhalten.

Behauptung 3: Das Labor in Wuhan habe Versuche an Fledermäusen durchgeführt

Ob in dem Labor in Wuhan Versuche direkt an Fledermäusen durchgeführt wurden, ist unklar. Das US-Gesundheitsministerium bewilligte die finanzielle Unterstützung an die EcoHealth Alliance 2014 für die Erforschung von Coronaviren in Fledermäusen und des Risikos einer möglichen Übertragung auf den Menschen, wie das Ministerium CORRECTIV in einer E-Mail bestätigte.

Das Projekt der EcoHealth Alliance forschte an Fledermäusen, wie auf der Webseite des NIH ersichtlich ist. (Quelle: NIH, Screenshot: CORRECTIV)
Das Projekt der EcoHealth Alliance forschte an Fledermäusen, wie auf der Webseite des NIH ersichtlich ist. (Quelle: NIH, Screenshot und Markierungen: CORRECTIV)

2018 berichteten Forscher der EcoHealth Alliance, dass sie in Zusammenarbeit unter anderem mit dem Wuhan Institute of Virology bei Fledermäusen ein Virus gefunden hätten, das SARS ähnelte und sich offenbar auf Menschen übertragen könne. 

Peter Daszak, Präsident der EcoHealth Alliance, betonte damals, dass das nicht zwingend einen Ausbruch bedeuten müsse. „Aber es zeigt doch recht deutlich, wie wertvoll es ist, Hotspot-Regionen zu überwachen. Wenn wir wissen, welche Viren es in der freien Natur gibt und welche Menschen infizieren, dann haben wir eine Chance, Pandemien im Keim zu ersticken, sagte Daszak. 

Politifact berichtete, dass daraufhin die Wissenschaftler das Labor für Virologie in Wuhan beauftragten, genetische Analysen der gefundenen Viren durchzuführen. Das Institut sei auf Genehmigung des US-Außenministeriums und des US-Gesundheitsministeriums ausgewählt worden. 

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Ein Sprecher von EcoHealth Alliance sagte USA Today, dass es sich bei der Finanzierung für das Labor um eine Unterstützung für das Sammeln und Analysieren von Virusproben handelte. Von konkreten Versuchen an Fledermäusen im Labor ist nicht die Rede. Ob dort Versuche stattgefunden haben, ist also unbelegt. CORRECTIV fragte nochmal direkt bei EcoHealth Alliance nach, doch bekam keine Rückmeldung auf diese Fragen.

Fazit: 

Die US-Regierung unter Barack Obama hat das Labor in Wuhan nicht mit 3,7 Millionen US-Dollar unterstützt. Fördergelder von 3,4 Millionen US-Dollar wurden von 2014 bis 2019 an eine Nichtregierungsorganisation gezahlt, die sie an fünf verschiedene Institutionen verteilte. Laut Medienberichten sind davon rund 600.000 US-Dollar an das Institut in Wuhan geflossen – ein Teil davon noch während der Amtszeit von Donald Trump (seit 2017). Es gibt Hinweise darauf, dass das Projekt im April 2020 aus unbekannten Gründen erst gestoppt und dann doch wieder bis 2025 verlängert wurde. Ob das Labor in Wuhan Versuche an Fledermäusen durchgeführt hat, ist unbelegt.

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Obama hat das Labor in Wuhan nicht mit 3,7 Millionen US-Dollar unterstützt.

Kinder spielen im Kindergarten
Wie viele Kinder weltweit seit der Corona-Pandemie als vermisst gemeldet wurden, ist nicht belegbar. (Symbolbild: Unsplash/ BBC Creative)

von Uschi Jonas

Auf Facebook verbreitet sich ein Beitrag, in dem behauptet wird, seit Beginn der Corona-Pandemie seien 3.354 Menschen gestorben. Im selben Zeitraum seien zudem 924.000 Kinder verschwunden. Die Behauptungen sind falsch oder unbelegt.

3.354 Covid-19-Tote und 924.000 verschwundene Kinder im selben Zeitraum ­ auf einem Foto-Beitrag auf Facebook (zum Beispiel hier oder hier) wird diese Behauptung seit Anfang Juli verbreitet. Insgesamt wurde das Foto fast 1.400 Mal auf Facebook geteilt. 

CORRECTIV hat die beiden Behauptungen überprüft. Sie sind größtenteils falsch. Es sind bislang deutlich mehr Menschen an Covid-19 verstorben. Wie viele Kinder seit Beginn der Pandemie weltweit verschwunden sind, ist nicht belegbar – aber für Deutschland ist die Zahl von mehr als 900.000 als vermisst gemeldeten Kindern laut Bundeskriminalamt falsch.

Der Facebook-Beitrag mit dem eine falsche Behauptung über Covid-19-Todesfälle verbreitet wird. (Screenshot und Schwärzungen: CORRECTIV)
Der Facebook-Beitrag mit dem eine falsche Behauptung über Covid-19-Todesfälle verbreitet wird. (Screenshot und Schwärzungen: CORRECTIV)

Seit Beginn der Corona-Pandemie sind weltweit 532.340 Menschen im Zusammenhang mit Covid-19 gestorben

Seit Beginn des Coronavirus sind etwa 3.354 Menschen gestorben, heißt es in den Facebook-Beiträgen. Die Zahl soll sich offenbar auf die Menschen beziehen, die nach einer Infektion mit  Covid-19 verstorben sind. Ob die Zahlen für Deutschland oder die ganze Welt gelten sollen, ist unklar. Aber in beiden Fällen liegt die Anzahl deutlich höher. 

 

Bis einschließlich zum 6. Juli dem Tag, an dem der Beitrag auf Facebook geteilt wurde sind laut Robert-Koch-Institut (RKI) in Deutschland 9.016 Menschen im Zusammenhang mit einer Covid-19-Infektion gestorben. Weltweit waren es laut den Daten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bis zum 6. Juli 532.340 Menschen.

Egal, ob man die Zahlen für Deutschland oder weltweit betrachtet insgesamt sind viel mehr Menschen seit Ausbruch des Coronavirus verstorben, als in dem Facebook-Beitrag behauptet wird.

Zahl vermisster Kinder wird in Deutschland vom Bundeskriminalamt erfasst

Doch was ist mit verschwundenen Kindern? Konkret wird in dem Facebook-Beitrag die Behauptung aufgestellt: In dieser Zeit sind auch etwa 924.000 Kinder verschwunden. Auch hier gibt es keine Angaben dazu, ob sich die Behauptung auf Deutschland, auf die Welt oder auf einen anderen regional eingrenzbaren Raum bezieht. 

Mit in dieser Zeit ist vermutlich der Zeitraum seit Beginn der Corona-Krise bis zum 6. Juli gemeint. Den ersten bestätigten Fall einer Infizierung mit Covid-19 gab es laut der WHO am 31. Dezember 2019. Den ersten laborbestätigen Covid-19-Fall in Deutschland gab es laut RKI am 28. Januar 2020. 

Den ersten bestätigen Covid-19-Fall in Deutschland gab es laut RKI am 28. Januar 2020. (Quelle: RKI, Screenshot und Markierung: CORRECTIV)
Den ersten bestätigen Covid-19-Fall in Deutschland gab es laut RKI am 28. Januar 2020. (Quelle: RKI, Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

Vermisstenfälle werden in Deutschland vom Bundeskriminalamt (BKA) erfasst und regelmäßig veröffentlicht. Auf Nachfrage von CORRECTIV betonte das BKA, dass die statistischen Angaben zahlenmäßig schwanken können, denn: Sie können täglich variieren, da sich Fahndungen in der Zwischenzeit wieder erledigen bzw. Fahndungsinhalte aktualisiert werden. Bei den aktuell mitgeteilten Zahlenwerten handelt es sich daher um eine Momentaufnahme. Sie können sich in Abhängigkeit zum Abfragetag ändern. 

Viele Vermisstenfälle in Deutschland klären sich sehr schnell auf

Die aktuellen Vermisstenzahlen beinhalten demnach sowohl Vermisstenfälle, die innerhalb von einigen Tagen geklärt werden laut BKA gibt es täglich zwischen 200 und 300 neue Fälle, in etwa die gleiche Anzahl werden pro Tag gelöscht als auch die ungeklärten Fälle, die bis zu 30 Jahre zurückliegen.

Exakte Angaben zur Zahl vermisster Kinder zwischen Januar und Juli 2020 sind nicht möglich, aber das BKA schreibt:

  • Am 1. Januar 2020 waren in Deutschland 2.000 Kinder (bis 13 Jahre) und 3.500 Jugendliche (von 14 bis 17 Jahren) als vermisst gemeldet. 
  • Am 1. Juli 2020 waren in Deutschland 1.800 Kinder (bis 13 Jahre) und 2.800 Jugendliche (von 14 bis 17 Jahren) als vermisst gemeldet. 
Ein Ausschnitt der E-Mail des BKAs an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)
Ein Ausschnitt der E-Mail des BKAs an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)

Es wurden in der Gesamtzahl folglich im Juli weniger Kinder und Jugendliche vermisst als noch im Januar. Zu keinem Zeitpunkt wurden in diesem Jahr 924.000 Kinder in Deutschland vermisst. 

Weltweit werden jedes Jahr geschätzt mehr als eine Million Kinder als vermisst gemeldet – exakte Daten gibt es jedoch nicht

Konkrete Angaben für die Zahl der weltweit vermisst gemeldeten Kinder zwischen dem 31. Dezember 2019 und dem 6. Juli zu finden, ist nicht möglich. Laut dem International Centre for Missing and Exploited Children (ICMEC) werden jedes Jahr weltweit mehr als eine Million Kinder als vermisst gemeldet. ICMEC ist eine Nichtregierungsorganisation, die gegen sexuellen Missbrauch an Kindern, Kinderpornografie und Kindesentführung vorgeht. 

Warum Demokratie Faktenchecks braucht

Desinformation im Netz ist ein zentrales Problem des 21. Jahrhunderts. Es hat das Potenzial, Demokratien zu zerreiben. Nie war das deutlicher als in der Corona-Krise. Faktenchecker auf der ganzen Welt haben die Gefahr erkannt – und arbeiten trotz Widerstands und Angriffen täglich dagegen an. Warum unsere Arbeit so wichtig ist.

ZUM ARTIKEL

Ihren Angaben zufolge ist es unmöglich, genau zu erfassen, wie viele Kinder weltweit vermisst werden. Denn: In vielen Ländern sind nicht einmal Statistiken über vermisste Kinder verfügbar, und leider können selbst die verfügbaren Statistiken ungenau sein, und zwar aus folgenden Gründen: fehlende Berichterstattung, Inflation, falsche Eingabe von Fallinformationen in die Datenbank und Löschung von Angaben nach dem Abschluss eines Falles.

Es ist also falsch, dass in Deutschland seit der Corona-Pandemie 924.000 Kinder als vermisst gemeldet wurden. Wie viele Kinder seit der Corona-Pandemie global als vermisst gemeldet wurden, ist nicht belegbar. 

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Die Covid-19-Todeszahlen sind falsch, ebenso wie die Zahl vermisster Kinder in Bezug auf Deutschland. Unbelegt ist, wie viele Kinder weltweit seit Beginn der Pandemie als vermisst gemeldet wurden.

WHO-Kerkhove
Maria Van Kerkhove, technische Leiterin für Covid-19 bei der WHO, hat am 8. Juni in einer Pressekonferenz mitgeteilt, dass Covid-19-Infizierte ohne Symptome das Virus „sehr selten“ an andere übertragen würden – am Tag darauf relativierte sie diese Aussage. (Foto vom 4. März, Quelle: Picture Alliance / Xinhua News Agency/ Chen Junxia)

von Uschi Jonas

In Sozialen Netzwerken kursieren Beiträge, in denen behauptet wird, die WHO habe verkündet, Covid-19-Infizierte ohne Symptome könnten das Virus nicht auf andere übertragen. Das ist falsch. Eine Aussage einer WHO-Epidemiologin sorgte für ein Missverständnis.

Mehrere Beiträge auf Facebook (zum Beispiel hier oder hier) suggerieren Anfang Juli, die Corona-Maßnahmen seien unnötig gewesen. Denn die WHO habe angeblich bekannt gegeben, dass Covid-19-Infizierte ohne Symptome das Virus nicht übertragen würden. In einem der Facebook-Beiträge heißt es zudem, die WHO habe aufgrund dieser Erkenntnis auch das Abstandhalten und das Tragen einer Maske als unsinnig bezeichnet. Auch in den USA kursieren zahlreiche solcher Beiträge, zum Beispiel hier auf Twitter. 

Auch in der medialen Berichterstattung wurde die Behauptung, asymptomatische Personen seien nicht infektiös, teilweise verbreitet, beispielsweise von dem US-amerikanischen Nachrichten- und Meinungssender Newsmax.

Diese Behauptung ist jedoch falsch. Die WHO hat zwar am 8. Juni verkündet, dass Covid-19-Infizierte ohne Symptome das Virus laut einer Auswahl von Studien und Daten sehr selten an andere übertragen würden. Allerdings nicht, dass es ausgeschlossen sei. Zudem ist hier die Unterscheidung zwischen Personen, die nie Symptome entwickeln und solchen, die noch keine Symptome zeigen, wichtig.

Behauptung 1: WHO verkündete, Covid-19-Infizierte ohne Symptome könnten das Virus nicht an andere übertragen

Maria Van Kerkhove, Epidemiologin und technische Leiterin für Covid-19 bei der WHO, sagte am 8. Juni in einer Pressekonferenz: 

Uns liegt eine Reihe an Berichten aus Ländern vor, die sehr detailliert Kontaktpersonen ermitteln. Sie verfolgen asymptomatische Fälle, sie verfolgen Kontakte, und sie finden keine Weiterübertragung. Es ist sehr selten, und vieles davon wird in der Literatur nicht veröffentlicht.

Später betonte sie nochmals, …nach den uns vorliegenden Daten scheint es noch immer selten zu sein, dass sich (das Virus) von einer asymptomatischen Person auf ein anderes Individuum überträgt. 

Übertragung von SARS-CoV-2 ist möglich, unabhängig davon, ob Infizierte Symptome zeigen oder nicht

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie SARS-CoV-2 von einer Person auf eine andere übertragen werden kann. Laut Robert-Koch-Institut (RKI) ist der Hauptübertragungsweg die respiratorische Aufnahme virushaltiger Flüssigkeitspartikel, die beim Atmen, Husten, Sprechen und Niesen entstehen“.

Zudem wird danach unterschieden, ob eine ansteckende Person zum Zeitpunkt der Übertragung auf eine andere Person 

  1. bereits symptomatisch war, 
  2. ob sie noch keine Symptome entwickelt hatte, oder ob sie 
  3. auch später nie symptomatisch wurde („asymptomatische Infektion“).

Laut RKI ist vor allem die Übertragung von infektiösen Personen, die bereits Krankheitssymptome entwickelt haben, bedeutsam. Weiter betont das RKI, dass sich vermutlich auch ein beträchtlicher Anteil an infektiösen Personen anstecke, die erst ein bis zwei Tage nach der Übertragung erste Symptome zeigen. 

Nicht ausgeschlossen sei zudem die dritte Variante: Schließlich gibt es vermutlich auch Ansteckungen von Personen, die zwar infiziert und infektiös waren, aber gar nicht erkrankten (asymptomatische Übertragung). Diese Ansteckungen spielen vermutlich jedoch eine untergeordnete Rolle.

Auf diese Form der asymptomatischen Übertragung bezieht sich die Aussage Van Kerkhove, die für zahlreiche Diskussionen in Sozialen Netzwerken sorgte. Auch Wissenschaftler äußerten, dass sie die Aussage der Epidemiologin problematisch fänden, wie beispielsweise Ashish Jha, Mediziner und Dekan der Brown University School of Public Health, auf Twitter. Er schrieb, er vermute, die WHO unterscheide zwischen „asymptomatischen“ und „prä-symptomatischen“ Infizierten. 

WHO-Expertin Kerkhove erklärt ihre Aussagen zur Coronavirus-Übertragung einen Tag später genauer

Maria Van Kerkhove sagte am 9. Juni in einer öffentlichen Fragerunde der WHO, sie wolle mögliche Missverständnisse aufgrund ihrer Aussagen vom Vortrag ausräumen. Es sei sicher, dass asymptomatische Personen die Krankheit übertragen können. Die Wahrscheinlichkeit einer solchen Übertragung jedoch eine große Unbekannte sei (ab Minute 2:40 im Video). 

Sie erläuterte außerdem, dass sie sich lediglich auf einige wenige, teilweise noch nicht veröffentlichte Studien und Daten bezogen hatte, die die WHO von Mitgliedstaaten erhalten habe und die versuchen würden, asymptomatische Fälle zu verfolgen. In diesem Kontext habe sie den Begriff „sehr selten“ verwendet. Es sei missverständlich, zu sagen, dass asymptomatische Übertragungen weltweit „sehr selten“ seien.

Wir wissen, dass einige Menschen, die asymptomatisch sind, oder einige Menschen, die keine Symptome haben, das Virus weitergeben können“, sagte die Epidemiologin. Deshalb sei es wichtig, besser zu verstehen, wie viele infizierte Menschen in der Bevölkerung nie Symptome zeigen und wie viele dieser Personen das Virus tatsächlich an andere übertragen. 

Es gebe bisher nur Schätzungen und eine große Spannbreite zwischen den einzelnen Modellierungen, aber laut einiger Schätzungen könnten es 40 Prozent der Übertragungen sein, die auf asymptomatische Fälle zurückzuführen sind“ (ab Minute 4:25 im Video).

Wissenschaftlicher Kurzbericht der WHO betont, dass Übertragung durch asymptomatisch Infizierte selten, aber möglich ist

Am 9. Juli veröffentlichte die WHO zudem einen wissenschaftlichen Kurzbericht, in dem der aktuelle Forschungsstand zur Übertragbarkeit von SARS-CoV-2 zusammengefasst wird. Darin betont die WHO, dass es schwierig sei, die Weiterübertragung des Virus durch Infizierte ohne Symptome zu untersuchen. 

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Es sei jedoch möglich, Erkenntnisse zu gewinnen, indem Kontakte nachverfolgt und Fälle und Kontakte epidemiologisch untersucht werden. Weiter schreibt die WHO: 

Informationen aus den Ermittlungen der Kontaktverfolgung, die der WHO von Mitgliedstaaten gemeldet wurden, verfügbare Übertragungsstudien und eine aktuelle Vorstudie legen nahe, dass Personen ohne Symptome das Virus mit geringerer Wahrscheinlichkeit übertragen als diejenigen, die Symptome entwickeln. Vier Studien aus Brunei, Guangzhou in China, Taiwan und Südkorea ergaben, dass zwischen null und 2,2 Prozent derjenigen mit einer asymptomatischen Infektion andere infiziert haben, verglichen mit 0,8 bis 15,4 Prozent der Personen mit Symptomen.“

Es stimmt folglich nicht, dass die WHO mitgeteilt hat, dass ein Covid-19-Infizierter ohne Symptome das Virus nicht auf andere übertragen könne und das Tragen einer Maske oder das Abstandhalten deshalb sinnlos sei. Die Beiträge in Sozialen Netzwerken führen in die Irre. Infizierte Personen sind bereits ansteckend, bevor sie Symptome zeigen. 

Die WHO erläuterte lediglich, dass die Übertragung durch Personen, die nie Symptome entwickeln, bislang recht selten nachgewiesen wurde. Um die Verbreitung des Coronavirus einzudämmen, empfiehlt die WHO weiterhin unter anderem, Abstand zu halten und eine Maske zu tragen.

Behauptung 2: Merkel umarmte einen Politiker während der Corona-Pandemie ohne Abstand

Der Facebook-Beitrag zeigt einen Screenshot von Angela Merkel und António Costa – die Aufnahme entstand im Dezember 2019 in Brüssel vor der Corona-Pandemie. (Screenshot und Schwärzungen: CORRECTIV)
Der Facebook-Beitrag zeigt einen Screenshot von Angela Merkel und António Costa – die Aufnahme entstand im Dezember 2019 in Brüssel vor der Corona-Pandemie. (Screenshot und Schwärzungen: CORRECTIV)

In einem der Beiträge auf Facebook vom 3. Juli über die WHO-Aussagen, der bisher mehr als 3.300 Mal geteilt wurde, wird zudem behauptet: „Die Regierung wusste das…deshalb halten sie selbst keinen Abstand ein, geschweige denn, dass sie Masken tragen, es sei denn, die Kameras laufen.“ Die Facebook-Nutzerin veröffentlicht zur Stützung ihrer These einen Screenshot von Angela Merkel, auf dem zu sehen ist, wie sie einen Mann umarmt. Das Bild sei „von heute“, schreibt die Nutzerin. 

Recherchen von CORRECTIV zeigen: Das Foto entstand vor der Corona-Pandemie. Der Mann, den die deutsche Bundeskanzlerin umarmt, ist der portugiesische Premierminister António Costa. Die Aufnahme zeigt Merkel und Costa am 12. Dezember 2019 bei einem EU-Gipfel in Brüssel. 

Bundeskanzlerin Merkel und der portugiesische Premier Costa umarmten sich im Dezember 2019

Die auf den Fotos der DPA von diesem Tag erkennbaren Kleidungsstücke Merkel trägt einen roten Blazer mit Kragen, darunter ein schwarzes Oberteil, Costa trägt einen dunkelgrauen Anzug, dazu ein weißes Hemd passen zu dem Screenshot im Facebook-Beitrag.

Portugals Premierminister Costa (links) und Bundeskanzlerin Merkel am 12. Dezember 2019 bei einem EU-Gipfel in Brüssel. (Quelle: Yves Herman/ Picture Alliance/ Reuters)
Portugals Premierminister Costa (links) und Bundeskanzlerin Merkel am 12. Dezember 2019 bei einem EU-Gipfel in Brüssel. (Quelle: Yves Herman/ Picture Alliance/ Reuters)

Durch eine Bilderrückwärtssuche ist CORRECTIV auf die Behauptung einer Nutzerin auf Twitter gestoßen, die Bilder seien vor Kurzem bei RTL ausgestrahlt worden.

Andreas Greuel, ein Pressesprecher von RTL, bestätigte das auf Nachfrage per E-Mail: Es lief am 1. Juli bei RTL Aktuell und der Inhalt des Beitrags ist die Thematisierung der Ratsherrschaft Deutschlands der EU unter Einbezug auf diverse Archivbilder mit Blick in die vergangenen Jahre und Kanzlerin Merkel. Alles retrospektiv also. So wird es auch in der MAZ getextet. 

Das Material stamme von der Agentur EbS von der Europäischen Kommission und sei vom 12. Dezember 2019, so der RTL-Pressesprecher.

Ein Ausschnitt einer E-Mail von RTL an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)
Ein Ausschnitt einer E-Mail von RTL an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)
Ein weiterer Ausschnitt einer E-Mail von RTL an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)
Ein weiterer Ausschnitt einer E-Mail von RTL an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)

Bundeskanzlerin Merkel und der portugiesische Premier Costa umarmten sich folglich vor dem Beginn der Corona-Pandemie. 

Immer wieder kursieren in Sozialen Netzwerken Behauptungen, Politikerinnen und Politiker, allen voran Angela Merkel, hätten trotz der Corona-Pandemie nicht ausreichend Abstand zu anderen gehalten einige unserer Faktenchecks zeigten, dass als angebliche Belege immer wieder Archivbilder verwendet werden, zum Beispiel hier, hier und hier.

Unsere Bewertung:
Falsch. Die WHO verkündete nicht, dass Covid-19-Infizierte ohne Symptome keine Virus-Überträger sein können.

robin_24 flickr
Angeblich sollen in Österreich Kinder mit einem gefährlichen Nasenspray gegen Influenza geimpft werden. (Symbolbild: robin_24/Flickr, CC 2.0)

von Steffen Kutzner

In Sozialen Netzwerken kursiert die Behauptung, in Österreich sollten alle Kinder mit einem Nasenspray gegen Influenza geimpft werden. Es wird suggeriert, der Impfstoff sei gefährlich, weil darin „genetisch veränderte Organismen“ und Zellen von Affen und Hunden enthalten seien. Das stimmt nicht.

Auf dem Messengerdienst Telegram und auf Facebook wird eine Nachricht verbreitet, in der behauptet wird, in Österreich solle jedes Kind mit Fluenz Tetra Nasenspray gegen Influenza geimpft werden. Das Spray enthalte „gentechnisch veränderte Bestandteile“ und Zellen von Affen und Hunden (Cockerspanieln).

Recherchen von CORRECTIV zeigen: Es gibt zwar ein kostenloses Impfprogramm für Kinder in Österreich, das ist jedoch freiwillig. Und das Nasenspray gegen Influenza enthält keine Zellen von Affen oder Hunden. 

Die Nachricht auf Telegram im Channel des rechtspopulistischen Journalisten Oliver Janich wurde mehr als 112.000 Mal gesehen und der Facebook-Beitrag mehr als 1.300 Mal geteilt.

Influenza-Impfung ab Saison 2020/21 Teil des Impf-Programms

Ab der kommenden Saison 2020/21 werde es in Österreich eine kostenlose Influenza-Impfung für Kinder geben, teilte Nina Bauregger, eine Pressesprecherin des Gesundheitsministeriums, CORRECTIV mit.

Der Beitrag auf Facebook erweckt den Eindruck, dass alle Kinder mit diesem Impfstoff geimpft werden müssen, und dass es etwas Neues sei, dass dies „gratis“ geschieht. In Österreich sind jedoch alle Impfungen freiwillig, auch wenn eine Impfpflicht von der Österreichischen Ärztekammer gefordert wird. 

Es gibt seit fast 20 Jahren ein unter anderem vom Gesundheitsministerium finanziertes Impfprogramm, in Zuge dessen viele wichtige Impfungen für Kinder bis zum 15. Lebensjahr kostenlos sind. In dieses Programm wird nun die Influenza-Impfung neu aufgenommen, allerdings laut Bauregger „in einer begrenzten Menge“. 

Auszug aus einer E-Mail des österreichischen Gesundheitsministeriums. (Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

Nasenspray enthält weder pflanzliche noch tierische Zellen

Sowohl im Facebook-Beitrag als auch in der Nachricht, die auf Telegram kursiert, ist ein Link zur Gebrauchsinformation, also dem Beipackzettel, angegeben. Darin steht nichts von Zellen von Affen oder Hunden, nur ein Hinweis auf „genetisch veränderte Organismen“. Die Influenzaviren würden in Hühnereiern vermehrt und die Virenstämme in Verozellen produziert. 

Die Behauptung, dass Zellen von Affen in Impfstoffen enthalten seien, wird im Netz häufiger verbreitet und bezieht sich meist auf diese Verozellen. CORRECTIV hat dazu bereits einen Faktencheck veröffentlicht und Informationen des Paul-Ehrlich-Instituts erhalten: Verozellen sind demnach Nierenzellen von grünen Meerkatzen, die für die Vermehrung mancher Impfstoff-Viren verwendet werden. Für den Impfstoff werden die Viren jedoch laut Paul-Ehrlich-Institut gereinigt und Reste der Zellkultur entfernt. Affenzellen sind also keine Bestandteile von Impfstoffen.

In dem Beipackzettel des Fluenz Tetra Nasensprays findet sich auch die Information, dass das Medikament in Europa von der Firma Astra-Zeneca vertrieben wird. Sabine Reinstädler, eine Pressesprecherin von Astra-Zeneca in Deutschland, erklärte CORRECTIV, dass das Medikament keine Zellen enthalte – „keine pflanzlichen und keine tierischen – weder von Affen noch Hunden, oder sonstigen Organismen.“

Auszug aus der E-Mail von Sabine Reinstädler. (Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

Das Nasenspray enthält laut Reinstädler jedoch tatsächlich „genetisch veränderte Organismen“, nämlich die Influenzaviren. „Sie sind also dahingehend genetisch modifiziert, dass sie keine influenza-typischen Krankheitssymptome auslösen und sich kaum bei Körpertemperatur vermehren können. Dennoch können diese veränderten Viren zu einer Immunität führen.“ 

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Das Spray enthalte zudem „keine Bestandteile, die in der verwendeten Dosierung toxisch sind.“ Anderenfalls hätte das Medikament in Europa keine Zulassung erhalten. Im Facebook-Beitrag und auf Telegram war behauptet worden, das Spray sei mit „mehreren toxischen Stoffen“ versetzt.

Fazit: Das Nasenspray enthält keine Zellen von Affen oder Hunden. Die Impfung gegen Influenza ist, wie alle anderen Impfungen auch, in Österreich freiwillig.

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Das Nasenspray enthält zwar genetisch abgeschwächte Viren, jedoch keine tierischen Zellen. Die Impfung ist freiwillig.

Verbreitung Coronavirus weltweit
Die Sterblichkeit im Zusammenhang mit Covid-19 kann aus dem prozentualen Anteil Verstorbener an den insgesamt Infizierten berechnet werden. (Symbolbild: Unsplash/ KOBU Agency)

von Uschi Jonas

In einem Facebook-Beitrag wird suggeriert, die Zahlen der an Covid-19 Verstorbenen würden weniger dramatisch wirken, wenn prozentuale Anteile anstatt der absoluten Zahlen betrachtet werden. Die angebliche Berechnung der Sterblichkeitsrate in dem Beitrag führt jedoch in die Irre.

Der Schmäh mit den Zahlen ohne Prozentsätze funktioniert jetzt viele Monate. Sind wir wirklich so leicht zu verarschen?, schreibt ein Facebook-Nutzer am 7. Juli. Der Beitrag wurde bisher 2.800 Mal geteilt. Er suggeriert, dass die absoluten Covid-19-Zahlen die Krankheit angeblich gefährlicher erscheinen lassen, als sie ist und berechnet deshalb angebliche Todesraten in Prozent. Damit führt er allerdings in die Irre.

Sterblichkeitsrate berechnet sich nicht aus Gesamtbevölkerung, sondern aus dem Anteil Verstorbener an Covid-19-Infizierten

Zu seinem Beitrag veröffentlicht der Facebook-Nutzer ein Diagramm der Coronavirus-Todeszahlen verschiedener Länder und setzt die Zahlen ins Verhältnis zu der Einwohnerzahl des jeweiligen Landes. Auf dieser Basis berechnet er eine vermeintliche Covid-19-Sterblichkeitsrate. Es wird beispielsweise suggeriert, die USA hätten eine Sterblichkeitsrate von 0,03 Prozent. Der Beitrag bezieht sich auf Daten vom 29. Juni 2020. 

In einem Facebook-Beitrag vom 7. Juli wird aus der Einwohnerzahl und der Anzahl der Todesfälle eine irreführende Covid-19-Sterblichkeitsrate berechnet
In einem Facebook-Beitrag vom 7. Juli wird aus der Einwohnerzahl und der Anzahl der Todesfälle eine irreführende Covid-19-Sterblichkeitsrate berechnet. (Screenshot und Schwärzungen: CORRECTIV)

Die Berechnung ist jedoch irreführend. Die Covid-19-Sterblichkeitsrate ergibt sich nicht aus dem Anteil Verstorbener an der Gesamtbevölkerung. Es gibt zwei verschiedene Arten, sie zu berechnen. Die erste ist der Anteil der Verstorbenen an den tatsächlich an Covid-19 Erkrankten („Letalität“). Hierzu liegen laut Robert-Koch-Institut (RKI) noch nicht genügend Daten vor; es sei nicht bekannt, wie viel Menschen tatsächlich erkrankt sind. 

Die zweite Möglichkeit ist der Fall-Verstorbenen-Anteil: Er wird danach berechnet, wie viel Prozent derjenigen, die sich mit Covid-19 laborbestätigt infiziert haben, im Zusammenhang mit dieser Infektion  versterben. Am 29. Juni lag dieser Anteil in Deutschland beispielsweise bei 4,6 Prozent, wie das RKI in seinem täglichen Lagebericht mitteilte.

 

Der Fall-Verstorbenen-Anteil lag in den USA am 29. Juni bei 5,01 Prozent

Am 29. Juni gab es in den USA laut WHO 2.496.628 bestätigte Corona-Fälle und 125.318 Tote an diesem Tag lag der Fall-Verstorbenen-Anteil in den USA folglich bei 5,01 Prozent, nicht wie im Facebook-Beitrag behauptet bei 0,03 Prozent. 

Auch bei anderen Ländern führen die Zahlen in dem Beitrag in die Irre, wie unsere Überprüfung anhand der WHO-Daten stichprobenartig zeigt:

  • In Brasilien gab es am 29. Juni bei 1.313.667 bestätigte Fälle und 57.070 Tote. Das ergibt einen Verstorbenen-Anteil von rund 4,34 Prozent.
  • In Großbritannien lag die Zahl bestätigter Infiziertenfälle am 29. Juni bei 311.155 und die Zahl der Verstorbenen bei 43.550. Der Anteil der Todesfälle lag demnach bei rund 14 Prozent.

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Die Berechnungen in dem Facebook-Beitrag geben also nicht die Covid-19-Sterblichkeitsrate der jeweiligen Länder an. 

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Die Covid-19-Sterblichkeitsrate wird nicht aus dem Anteil Corona-Verstorbener an der Gesamtbevölkerung berechnet.

Piqsels - lizenzfrei
Symbolbild: Nur bestimmte Arbeitnehmer müssen bis 31. Juli 2021 Impfungen nachweisen. (Quelle: Piqsels, gemeinfrei: CC0 1.0)

von Steffen Kutzner

Auf Facebook wird behauptet, bis 31. Juli 2021 müssten alle Arbeitgeber nachweisen, dass ihre Angestellten geimpft sind. Dazu wurde ein angeblicher Patientenbrief eines Arztes aus Parsberg geteilt, in dem behauptet wird, eine künftige SARS-CoV-2-Impfung würde in das menschliche Erbgut eingreifen. Der Brief jedoch ist gefälscht und es müssen auch nicht alle Arbeitgeber bis Juli 2021 den Impfschutz ihrer Mitarbeiter nachweisen.

Am 7. Juli 2020 veröffentlichte ein Facebook-Nutzer einen Beitrag, in dem behauptet wird: „Bis 31 Juli 2021 in Deutschland müssen alle Arbeitgeber den Impfschutz der Mitarbeiter nachweisen können“. Quelle dafür sei das Ärzteblatt. Dazu wurde ein vermeintlicher Patientenbrief eines Arztes geteilt. Der Beitrag wurde bisher mehr als 900 Mal geteilt. Doch weder ist der Patientenbrief echt, noch die Behauptung zutreffend.

Im Zuge des am 1. März 2020 in Kraft getretenen Masern-Impfschutzgesetzes hatte das Ärzteblatt mehrfach berichtet, dass einige Arbeitgeber den Impfschutz der Mitarbeiter bis 31. Juli 2021 nachweisen müssen. Das gilt jedoch nur für einige definierte Personengruppen – und bezieht sich lediglich auf eine Masern-Impfung.

Auf der Seite des Bundesgesundheitsministeriums heißt es: „Gleiches gilt für Personen, die in Gemeinschaftseinrichtungen oder medizinischen Einrichtungen tätig sind wie Erzieher, Lehrer, Tagespflegepersonen und medizinisches Personal (soweit diese Personen nach 1970 geboren sind).“ Dass sich die Nachweispflicht nicht auf alle Arbeitgeber erstreckt, wird auch in den Beiträgen des Ärzteblattes erwähnt, etwa in diesen Beiträgen vom Februar und Juni 2020. 

Dass bis zum 31. Juli 2021 „alle Arbeitgeber den Impfschutz der Mitarbeiter nachweisen können“ müssen, wie es in dem auf Facebook veröffentlichten Beitrag heißt, ist also falsch.

Patientenbrief aus Parsberg ist eine Fälschung

Eine Fälschung ist auch der Patientenbrief, der in dem Facebook-Beitrag wiedergegeben wird. Dort heißt es: „Aufgrund der neuartigen Wirkweise des zukünftigen Coronavirus-Impfstoffes sind [homöopathische] Heilerfolge zukünftig nicht mehr möglich. Denn die sog. mRNA-Impfstoffe der neuesten Generation greifen zum ersten Mal in der Geschichte des Impfens direkt in die Erbsubstanz, in das genetische Erbmaterial des Menschen/Patienten ein und verändern damit das individuelle Erbgut im Sinne einer bislang verbotenen, ja kriminellen Genmanipulation.“

Einen Impfstoff gibt es laut Robert-Koch-Institut bisher nicht, daher ist die Behauptung, der Impfstoff verändere das Erbgut, Spekulation. Der angebliche Patientenbrief ist unterschrieben mit „Dr. Kaiser (Hausarzt aus Parsberg)“. 

In Parsberg, einem Ort in der Nähe von Regensburg, gibt es tatsächlich einen Arzt namens Kaiser, Allgemeinmediziner Matthias Kaiser. Einem Medienbericht zufolge hat er wegen des Patientenbriefes Anzeige gegen Unbekannt erstattet. Der falsche Brief habe sich auch auf Whatsapp verbreitet, heißt es in dem Artikel. 

Auf eine E-Mail-Anfrage erhielt CORRECTIV eine automatisierte Antwort, in der der Arzt betont, dass er nicht der Urheber des kursierenden Patientenbriefes sei.

Screenshot der E-Mail von Dr. Kaiser aus Parsberg. (Screenshot und Markierung: CORRECTIV)
Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Der auf Facebook veröffentlichte Patientenbrief ist eine Fälschung und die Regelung, dass Arbeitgeber Impfungen ihrer Mitarbeiter nachweisen müssen, bezieht sich nur auf spezifische Berufsgruppen und auf Masern.