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In diesem Video sind mehrere Panzer und andere Militärfahrzeuge zu sehen. In dem Facebook-Beitrag wird behauptet, sie würden nach Berlin geschickt. (Quelle: Facebook, Screenshot und Collage: CORRECTIV)

von Steffen Kutzner

In einem Video, das auf Facebook verbreitet wird, ist angeblich zu sehen, dass die Bundeswehr Panzer und andere Militärfahrzeuge nach Berlin entsendet. Es handelte sich jedoch um eine reguläre Truppenbewegung in Thüringen.

Ein Video, das mehrere Panzer und andere Militärfahrzeuge mit Polizei-Eskorte auf einer öffentlichen Straße zeigt, wurde am 28. August auf Facebook (zum Beispiel hier oder hier) verbreitet. Es wird behauptet, die Bundeswehr sei auf dem Weg nach Berlin. Angeblich bestünde ein Zusammenhang mit den Corona-Demonstrationen am 29. August 2020. 

Wir haben die Behauptung überprüft: Die Bundeswehr hat keine Fahrzeuge nach Berlin entsendet. 

Die Aufnahmen in dem Video entstanden im Gewerbegebiet eines Dorfes in Thüringen und zeigen Truppen und Fahrzeuge, die Ende August für eine Übung von einem Truppenübungsplatz zu einem anderen verlegt wurden.

Das Video zeigt eine reguläre Truppenverlegung innerhalb Thüringens

Dass die Aufnahme in Thüringen entstand, lässt sich aus dem Logo einer Bäckerei und aus dem Kennzeichen eines im Video zu sehenden Polizeiwagens ableiten. Bäckerei Triebel hat laut einer Suche bei Google Maps fast ausschließlich in Thüringen Filialen und das Kennzeichen des Polizeiwagens beginnt mit „EF“ – also Erfurt, Thüringens Hauptstadt. 

Screenshots des Bäckerei-Logos und des Polizeikennzeichens. (Quelle: Facebook, Screenshots: CORRECTIV)

Wir haben beim Landeskommando Thüringen der Bundeswehr nachgefragt, welche Truppenverlegungen es in den letzten Wochen gegeben hat. Der Pressesprecher des Landeskommandos, Michael Weckbach, erklärte per E-Mail, dass Ende August ein Panzerbataillon zu Übungszwecken aus einer Kaserne in Bad Frankenhausen auf einen Truppenübungsplatz ins 100 Kilometer entfernte Ohrdruf verlegt worden war. 

Ein Teil des Panzerbataillons 393 sei am 24. und 25. August verlegt worden und der zweite Teil am 28. und 29. August, jeweils mit einem nächtlichen Zwischenstopp in Erfurt. 

Bildausschnitt aus dem Video, das auf Facebook verbreitet wird. (Quelle: Facebook, Screenshot: CORRECTIV)

Im Video sind auf den Fahrzeugen Kreidemarkierungen zu erkennen. Die erste Zahl dieser sogenannten Marschkreditnummern gibt laut Weckbach den Tag der Abreise an – im Falle des Videos also den 28. August. 

Die Verlegung hatte laut Weckbach nichts mit den Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen in Berlin zu tun, sondern mit dem Erwerb eines Ausbildungszertifikats.

Auszug aus der E-Mail des Pressesprechers. (Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

Weckbach stellte zudem klar, dass das Video „höchstwahrscheinlich Szenen des technischen Haltes in Kölleda“ zeige. Kölleda ist ein Dorf, das etwa auf halbem Weg zwischen der Ausgangskaserne in Bad Frankenhausen und dem Zwischenstopp Erfurt liegt. Die Bäckerei, deren Logo im Video zu sehen ist, hat ihren Sitz laut eines Branchenbucheintrags in der Werner-von-Siemens-Straße 1 in Kölleda, einem Gewerbegebiet außerhalb des Dorfes. 

Vergleicht man die Abfolge der Gebäude im Hintergrund des Videos mit der Karte des Gewerbegebiets auf Google Maps, ist zu erkennen, dass die Aufnahmen tatsächlich dort entstanden sind. Auch ein Sprecher der Bäckerei Triebel bestätigt, dass es sich bei dem Gebäude, das zu Beginn des Videos zu sehen ist, um die Produktionsstätte der Bäckereikette in Kölleda handele.

Der Stern auf dem folgenden Bild von Google Earth Pro markiert die Stelle, an der die Aufnahme startete, und die Pfeile die Fahrtrichtung des Autos. Eine im Video zu sehende Baumgruppe zwischen dem Gebäude der Bäckerei Triebel (rote Markierung) und dem der WKS Winfried Heine (gelbe Markierung) ist auf den Satellitenaufnahmen noch nicht zu sehen und auch die grüne Halle hinter der Kreuzung ist hier erst im Bau. Die Bilder entstanden laut Aufnahmedatum am 10. April 2018. 

Ausschnitt der Karte mit der Fahrstrecke des Autos in Kölleda. (Quelle: Google Earth Pro, Markierungen: CORRECTIV)

Im Video klar zu sehen ist jedoch das Gebäude der Bäckerei Triebel (Minute 00:03), der graue Flachbau der WKS Winfried Heine mit blauer Dachkante (Minute 00:23), die Kreuzung (Minute 00:38) und die Position der Zufahrt zur grünen Halle (Minute 00:44). Auch das Feld auf der rechten Straßenseite (Minute 00:48) ist auf der Karte zu sehen. Das Video endet etwa an der Stelle, die im Bild mit einem X markiert ist.

Screenshot des Google-Maps-Eintrags der WKS Winfried Heine, der den Flachbau mit blauer Dachkante zeigt. (Quelle: Google Maps, Screenshot: CORRECTIV)

Über die Verlegung einiger Truppen innerhalb Thüringens ab dem 24. August 2020 hatten auch lokale Medien berichtet. Der MDR hat dazu eine Fotostrecke veröffentlicht, die ähnliche Fahrzeuge zeigt wie im Video. Zu erkennen sind etwa die blauen Beflaggungen und die Marschkreditnummern auf den Fahrzeugseiten. Diese beginnen in der Fotostrecke mit 24, gehören also nicht zu den Fahrzeugen im Video, sondern zu der ersten der beiden verlegten Kompanien.

Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums bestätigte uns zudem via E-Mail, dass die Bundeswehr im Vorfeld der Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen keine Fahrzeuge nach Berlin geschickt hatte. Weder die Fahrzeuge aus dem Video noch sonstige Gefechtsfahrzeuge seien in der vergangenen Woche nach Berlin transportiert worden.

Fazit: Die Bundeswehr hat im Vorfeld der Corona-Demonstrationen keine Fahrzeuge nach Berlin geschickt. Das Video zeigt eine Kompanie, die am 28. und 29. August innerhalb Thüringens verlegt wurde.

Unsere Bewertung:
Falsch. Das Video zeigt eine Truppenverlegung in Thüringen und steht nicht mit den Demonstrationen in Berlin in Zusammenhang.

Bremerhaven-Panzer
Diese Bilder sollen angeblich Bremerhaven im März 2020 zeigen. Tatsächlich stammen sie aus dem Jahr 2018. (Screenshot: CORRECTIV)

von Steffen Kutzner

Auf Whatsapp werden derzeit angebliche aktuelle Bilder verschickt, die Panzer am Hafen von Bremerhaven zeigen sollen. Sie sind jedoch schon vor Jahren entstanden.

Auf Whatsapp kursieren derzeit Fotos, die angeblich den Hafen von Bremerhaven zeigen. Darauf sind viele Panzer und andere militärische Fahrzeuge zu sehen. Die Überschrift lautet „Aktuelle Bilder vom Bremerhaven“. Aktuell sind die Bilder jedoch nicht, auch wenn sich kürzlich amerikanische Panzer am Hafen von Bremerhaven befunden haben: Ende Februar hatte das erste Schiff mit US-Truppen und Panzern den Bremerhavener Kaiserhafen für das Nato-Manöver Defender-Europe 20 erreicht. Die kursierenden Bilder entstanden jedoch nicht im Kontext des Manövers, sondern schon Jahre vorher.

Dieses Bild soll angeblich aktuelle Fotos aus Bremerhaven zeigen. (Screenshot: CORRECTIV)
Dieses Bild soll angeblich aktuelle Fotos aus Bremerhaven zeigen. (Screenshot: CORRECTIV)

Das obere der beiden Bilder wurde im September 2014 im Bremerhavener Kaiserhafen aufgenommen und im Oktober 2014 auch auf der Facebook-Seite der 598. Transportation Brigade, einem logistischen Unterstützungskommando der US Army, veröffentlicht. Es zeigt laut Bildunterschrift eine Einheit, die im Rahmen der Nato-Operationen Atlantic Resolve und Combined Resolve III nach Deutschland gebracht worden war.

Das zweite Bild ist ebenfalls nicht aktuell. Die Nachrichtenwebseite Norderlesen verwendete das Foto zwar in einem aktuellen Artikel, vermerkt jedoch in der Bildunterschrift, dass es den Bremerhavener Kaiserhafen 2018 zeige. Der Fotograf Wolfhard Scheer bestätigte uns per E-Mail, dass die Angaben korrekt seien.

Die E-Mail von Fotograf Wolfhard Scheer, der das untere Bild 2018 aufgenommen hatte. (Screenshot: CORRECTIV)

Einreichungen von Nutzern unseres CrowdNewsroom zeigen, dass teilweise auch ein drittes Foto mit einem RT-Deutsch-Logo und drei Sprachnachrichten verschickt wird. Die Sprachnachrichten haben wir bereits an dieser Stelle in Verbindung mit drei Videos geprüft. 

Screenshot der Whatsapp-Bilder und Sprachnachrichten. (CrowdNewsroom/CORRECTIV)

Das dritte Bild zeigt einen Parkplatz mit vielen Panzern, wurde jedoch laut der Logistikabteilung der US Army nicht in Bremerhaven aufgenommen, sondern im Februar in Beaumont, Texas.

Das Bild wurde auf dem Twitter-Account der Logistikabteilung der US-Army geteilt. (Screenshot: CORRECTIV)

Fazit: Keines der Bilder wurde kürzlich aufgenommen. Zwei der Fotos entstanden zwar in Bremerhaven, sind jedoch schon älter.

Unsere Bewertung:
Falsch. Die Fotos sind nicht aktuell oder wurden an einem anderen Ort aufgenommen.

Defender Europe 2020 Nato-Manöver
Ein US-Militärkonvoi auf dem Weg zur Nato-Großübung Defender Europe 2020 am 27. Februar in Hagenow in Mecklenburg-Vorpommern. (Foto: Jens Büttner/dpa-Zentralbild/ZB)

von Steffen Kutzner

Ein Facebook-Post erweckt den Anschein, als würden momentan sehr viele Panzer und Soldaten in Deutschland verlegt, ohne dass jemand wüsste, was der Hintergrund wäre. Das stimmt nicht. Die Truppenbewegungen stehen in Zusammenhang mit dem unterbrochenen Nato-Manöver Defender-Europe 20.

Auf Facebook wurde am 23. März ein Beitrag veröffentlicht, der drei Videos und drei Whatsapp-Sprachnachrichten nebeneinander stellt. Darauf sind unter anderem US-amerikanische Soldaten und Panzer an Bahnhöfen und an einem Flughafen zu sehen. Dazu schrieb die Facebook-Nutzerin: „Was passiert in Deutschland? Wieso berichten die Medien sowas nicht??“. Es wird der Eindruck erweckt, in Deutschland gebe es momentan große militärische Truppen- und Materialbewegungen. 

Wir haben die in den Nachrichten und Videos enthaltenen Behauptungen geprüft.

1. Behauptung: Viele Panzer und Soldaten würden verlegt und die Öffentlichkeit wisse davon nichts

Richtig ist, dass momentan in Deutschland viele Panzer und andere Militärfahrzeuge der USA verschoben werden. Diese Transporte stehen in Zusammenhang mit dem Nato-Manöver Defender-Europe 20, das von Januar bis Mai laufen sollte, jedoch am 13. März wegen des Coronavirus unterbrochen worden war. Deutschland hat seine Übungsanteile am 16. März abgesagt.

Die Bundeswehr schrieb in einer Pressemitteilung vom 30. März: „Die US-Streitkräfte haben zwischenzeitlich mit der Rückverlegung von Personal und Material aus Europa begonnen. Im Schwerpunkt handelt es sich dabei um Militärtransporte auf der Schiene, mit denen US-Transport- und Gefechtsfahrzeuge sowie Gerät in die US-Depots in Deutschland zurückgeführt werden. Diese Transporte werden voraussichtlich bis Mitte Mai andauern.“

Dass über die Übung nicht berichtet worden sei, ist falsch. Es gab in Deutschland zahlreiche Medienberichte über das Manöver, etwa am 12. Februar beim ZDF oder am 25. Februar in der Süddeutschen Zeitung. Das Manöver fand also keineswegs heimlich statt, wie es in dem Facebook-Beitrag angedeutet wird. Auch schon vor Beginn von Defender-Europe 20 wurde von deutschen Medien berichtet, etwa im Oktober 2019 bei der Welt. Auch wir haben über das unterbrochene Manöver schon einen Faktencheck veröffentlicht. 

Auf Facebook kursiert eine Zusammenstellung von Sprachnachrichten und Handyvideos, die einen Militäreinsatz nahe legen. (Screenshot: CORRECTIV)

2. Behauptung: Die Truppen würden an die Grenzen Osteuropas verlegt

In der ersten der drei Sprachnachrichten berichtet eine Frau davon, dass die Truppen „laut den Amerikanern an die Grenzen Osteuropas geschickt“ würden. Genau das war der Zweck von Defender-Europe 20: Es sollte geübt werden, eine Division von den USA aus möglichst schnell nach Osteuropa zu verlegen. Dafür sollten circa 37.000 Soldaten und etwa 20.000 Stück Frachtgut durch insgesamt zehn Länder bewegt werden. 

Die Bundeswehr kündigte deshalb im Vorfeld an: „Transportkolonnen in der Nacht auf deutschen Autobahnen, lange Güterzüge, die durch deutsche Bahnhöfe gen Osten rollen, Panzer auf Binnenschiffen im Ruhrgebiet: Wenn die Amerikaner im kommenden Jahr mit Defender-Europe 20 die Verfahren zur Verlegung von umfangreichen Kräften aus den USA nach Osteuropa üben, wird Deutschland aufgrund seiner geo-strategischen Lage im Herzen Europas zur logistischen Drehscheibe“.

3. Behauptung: Viele amerikanische Soldaten seien in Grafenwöhr und Erding

In der zweiten Sprachnachricht behauptet ein Mann, der Militärflughafen im bayerischen  Erding sei „komplett voll mit Amis“. Dasselbe gelte auch für Grafenwöhr in Bayern. Dort seien Zelte für Soldaten aufgebaut worden. 

Dass in Grafenwöhr Truppenbewegungen stattfinden, ist richtig. Am dortigen Stützpunkt und am Stützpunkt Bergen in Niedersachsen sollten die abgesagten Übungsanteile der Bundeswehr stattfinden. 

Laut einer E-Mail der US-Army auf eine CORRECTIV-Anfrage wurden in Grafenwöhr tatsächlich Zelte errichtet. Darin sollten die teilnehmenden US-Soldaten untergebracht werden. Außerdem sollte ein digitaler Kommandoposten für eine andere Übung eingerichtet werden. Aktuell seien in Grafenwöhr circa 800 US-Soldaten, der größte Teil sei am 5. März auf dem Flughafen Nürnberg angekommen.

Ausschnitt der E-Mail der US-Army. (Screenshot: CORRECTIV)

Aber in Grafenwöhr seien – auch unabhängig von Defender-Europe 20 – neben Truppen der Bundeswehr auch US-amerikanische und andere Nato-Truppen stationiert, wie ein Sprecher der US-Army mitteilte. „Bei den derzeitigen Konvois der US-Army auf den deutsch/bayerischen Straßen handelt es sich um reguläre Truppen-, Ausrüstungs- oder Missionsbewegungen, die nicht mit Defender Europe 20 in Verbindung stehen, wie unsere Standard-Militärfahrzeug-Konvois zwischen Truppenübungsplätzen entlang genehmigter Routen wie denen zwischen den Gemeinden Grafenwöhr und Hohenfels […]“.

Ausschnitt der E-Mail der US-Army. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Frage, ob auch Truppen am Flugplatz Erding bei München angekommen sind, blieb unbeantwortet. Wir konnten bei unseren Recherchen keine Hinweise darauf finden.

4. Behauptung: 70.000 US-Soldaten seien in Ramstein eingetroffen

In der dritten Sprachnachricht behauptet ein Mann, am US-Luftwaffenstützpunkt Ramstein in Rheinland-Pfalz seien an einem Tag 70.000 „Armeeler“ angekommen. Belege oder Quellen für diese Behauptung nennt er nicht. 

Das Büro für Öffentlichkeitsarbeit am Stützpunkt Ramstein schrieb in einer E-Mail an CORRECTIV: „Ramstein hat keinen Zustrom von Personal erhalten, und im Durchschnitt operiert Ramstein mit etwa 9.000 Militärangehörigen.“ 

Ausschnitt aus der E-Mail des Büro für Öffentlichkeitsarbeit am Stützpunkt Ramstein (Screenshot: CORRECTIV)

Eine Sprecherin der US-Army teilte uns außerdem mit, dass in Ramstein noch nie 70.000 Soldaten gleichzeitig angekommen seien.

Auszug aus der E-Mail der US-Army (Screenshot: CORRECTIV)

Bis zur Unterbrechung von Defender-Europe 20 am 16. März wurden nach US-Angaben circa 6.000 US-Soldaten und 3.000 Fahrzeuge aus den USA nach Europa gebracht. Die Frage, wie viele der bereits angekommenen US-Kräfte seit dem Abbruch des Manövers vor zwei Wochen schon wieder auf dem Rückweg sind, blieb unbeantwortet. Stattdessen erklärte ein Sprecher, „viele“ der Truppen seien schon wieder auf dem Rückweg oder würden sich auf die Heimreise vorbereiten:

Auszug aus der E-Mail der US-Army zur Frage, wie viele US-Truppen bereits wieder auf dem Rückweg sind. (Screenshot: CORRECTIV)

5. Behauptung: Videos von Panzern würden geheime Militäraktion zeigen

Der Post der Facebook-Nutzerin und die Sprachnachrichten werden scheinbar belegt durch drei Videos, die die Verlegung von Truppen und Panzern zeigen. Es möglich, dass die Aufnahmen auch schon vor der Unterbrechung von Defender-Europe 20 entstanden sind, also die Ankunft der Truppen und Fahrzeuge in Europa zeigen oder womöglich noch früher entstanden sind. 

Das erste der drei Videos zeigt einen Güterzug, der mit Militärfahrzeugen beladen durch einen Bahnhof fährt. Aus den Zuginformationen auf der Anzeigetafel lässt sich der Rückschluss ziehen, dass es sich um den Bahnhof Lüneburg handelt. Die Bundeswehr bestätigte gegenüber CORRECTIV, dass es sich dabei dem Augenschein nach um amerikanische Fahrzeuge handele. Die US-Army ließ unsere Frage unbeantwortet, ob die Verlegung im Rahmen von Defender-Europe 20 stattfand.

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Das zweite Video zeigt zunächst die Ankunft von Soldaten an einem Flughafen. Wo oder wann die Aufnahme erstellt wurde, lässt sich nicht mit Sicherheit nachvollziehen. Die Beschriftung eines Busses lässt jedoch den Flughafen Hamburg vermuten. 

Teilschriftzug auf einem Bus, der durch Farbe und Schriftart auf den Hamburger Flughafen hinweist. (Screenshot: CORRECTIV)

Im zweiten Teil des Videos sind vermutlich amerikanische Panzer auf einem Güterzug zu sehen. Ein Mann kommentiert, dass er in Hamburg-Harburg wohne und nennt verschiedene Panzermodelle. Wie schon im ersten Video handelt es sich nach Angaben der Bundeswehr dabei augenscheinlich um amerikanische Fahrzeuge.

Auszug aus der E-Mail der Bundeswehr zur Zugehörigkeit der Panzer in den ersten beiden Videos. (Screenshot: CORRECTIV)

Im dritten Video ist ein Güterzug an einem Bahnhof zu sehen, der mit Panzern der Bundeswehr beladen ist. Eine Anzeigentafel des Bahnhofs weist darauf hin, dass es an einem Bahnhof entlang der S-Bahn-Strecke der S5 im Raum Stuttgart aufgenommen wurde. Laut dem Bundeswehr Landeskommando Baden-Württemberg handelte es sich dabei „um eine reguläre Rückverlegung des Artillerielehrbataillon 345 von einem Truppenübungsplatzaufenthalt in den Heimatstandort“.

Auszug aus der E-Mail des Dezernats Informationsarbeit des Landes des Landeskommandos Baden-Württemberg. (Screenshot: CORRECTIV)

Diese Verlegung stehe nicht in Zusammenhang mit Defender-Europe 20. Die deutschen Anteile von Defender-Europe 20 seien laut Bundeswehr-Information zu einem frühen Zeitpunkt abgebrochen worden, als sich die logistischen Aktivitäten auf die Verlegung von Lkw, Kränen und ähnlichen Hilfsfahrzeugen beschränkten. „Nach hiesiger Kenntnis“ seien noch keine Panzer involviert gewesen. Dass zwischen einigen Liegenschaften bereits einzelne Panzer verschoben worden waren, kann jedoch auch das Pressezentrum der Streitkräftebasis nicht ganz ausschließen.

Auszug aus einer E-Mail vom Presse- und Informationszentrum der Streitkräftebasis. (Screenshot: CORRECTIV)

Wie uns ein weiterer Pressesprecher der Bundeswehr mitteilte, hatte das Bataillon 345 in den ersten beiden Märzwochen in Grafenwöhr geübt und sei anschließend vom 12. bis 16. März mit dem Zug zurück zum Heimatstandort transportiert worden. Der Pressesprecher konnte jedoch nicht bestätigen, dass es sich bei den Panzern auf dem Video zweifelsfrei um das Bataillon 345 handelt.

Fazit: Zwei der Videos zeigen nach Angaben der Bundeswehr amerikanische Fahrzeuge, die auf Güterzügen verlegt werden. Der Zeitpunkt ist unklar. Das dritte Video zeigt vermutlich die reguläre Verlegung eines Lehrbataillons der Bundeswehr. Wann die drei Sprachnachrichten entstanden sind, ist unklar. Einige der Behauptungen daraus, etwa die Errichtung von Zelten am Stützpunkt Grafenwöhr, passen zu den militärischen Aktivitäten im Rahmen der Defender-Übung. 

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Die Videos und Sprachnachrichten beziehen sich auf ein abgebrochenes Nato-Manöver und eine reguläre Truppenverlegung.

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Diese Aufnahmen zeigen nicht den Vorfall am 8. August 2019 bei Njonoksa, sondern stammen mindestens aus dem Jahr 2015. (Screenshot: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

Im Netz kursiert ein Youtube-Video, das angeblich eine Explosion auf einem militärischen Testgelände in der Nähe von Njonoksa Anfang August 2019 zeigen soll. Das Video stammt tatsächlich aus Russland, ist aber von 2015. 

Update (20. August 2019): Nach der Veröffentlichung dieses Faktenchecks wurde das Video von „Clixoom Science & Fiction“ auf Youtube auf „privat“ gestellt; es ist also nicht mehr öffentlich verfügbar. Focus Online veröffentlichte eine Korrektur in dem Artikel, in dem das Video zu sehen ist. Im Text haben wir außerdem einen Fehler korrigiert – die Region Rostow liegt nicht bei Moskau sondern im Süden Russlands.

Das Video auf Youtube trägt den Titel „Aktueller Atomunfall in Russland schlimmer als gedacht – Sind wir bedroht?“. Es hat bisher mehr als 272.500 Aufrufe und zeigt unter anderem mehrere kurze Aufnahmen einer großen Explosion auf einem Gelände mit mehreren militärischen Fahrzeugen. Es wurde vom Youtube-Kanal „Clixoom Science & Fiction“ am 14. August 2019 veröffentlicht. Der Kanal veröffentlicht nach eigenen Angaben Videos über „spannende Fakten, revolutionäre Forschungsergebnisse, Wissenschaftsnews und verblüffende Innovationen“. In der Beschreibung steht: „Wir machen hier Clickbait-Titel, damit sich auch seriöse wissenschaftliche Inhalte gegen Verschwörungstheorien durchsetzen können und auf hohe Klickzahlen kommen!“ 

Im Beschreibungstext zu dem Video heißt es: „Der Atomunfall in Njonoska (sic) am Weißen Meer in Russland scheint schlimmer als gedacht. Bilder des Unfalls zeigen eine heftige Explosion. Wie schon beim Supergau in Tschernobyl passieren seltsame Ding (sic) und die offiziellen Stellen versuchen Informationen zu vertuschen. Explodiert ist wohl der Flüssigtreibstoff des neuen Marschflugkörpers SSC-X-9 Skyfall.“ Kommentiert werden die Aufnahmen von einem Sprecher mit rotem Oberteil und Brille namens Christoph Krachten. Er berichtet ebenfalls: „Der Atomunfall in Njonoska (sic) am Weißen Meer in Russland letzte Woche scheint schlimmer als gedacht. Bilder zeigen jetzt eine heftige Explosion [..].“

Das Video von „Clixoom Science & Fiction“ wurde am 14. August 2019 auf Youtube veröffentlicht. (Screenshot am 19. August: CORRECTIV)

Es wird also behauptet, das Video zeige einen Unfall beim Test eines Raketensystems, der sich „letzte Woche“ in der Nähe des Dorfes Njonoksa (Region Archangelsk am Weißen Meer in Russland) ereignet habe.

Über diesen Vorfall berichteten bereits zahlreiche Medien in Deutschland, darunter die Tagesschau, das ZDF und Spiegel Online – allerdings hat keines bisher ein Video davon veröffentlicht. Die Explosion hat sich laut den übereinstimmenden Medienberichten am 8. August ereignet. Sie soll mit dem russischen Raketensystem „Skyfall“ zu tun haben und Radioaktivität freigesetzt haben. Das genaue Ausmaß sei unklar. Sieben Menschen seien durch den Vorfall gestorben. 

Focus Online zeigt das Video von „Clixoom Science & Fiction“ in einem am 16. August veröffentlichten Artikel. In der Überschrift heißt es: „Aufnahmen zeigen Explosion: Atomunfall in Russland schlimmer als gedacht“. So wird auch hier suggeriert, das Video sei aktuell und zeige den Unfall von Njonoksa. Über dem Text befindet sich der Hinweis: „Dieser Inhalt wird bereitgestellt von Clixoom.de. Er wird von der FOCUS-Online-Redaktion nicht geprüft oder bearbeitet.“ Nutzer können diesen Hinweis leicht übersehen. Der Link des Artikels beginnt mit „focus.de“ und gibt keine Hinweise auf nicht geprüfte, externe Inhalte. Unter dem Artikel wird auf das Impressum von Christoph Krachtens Agentur United Creators verlinkt, die hinter „Clixoom“ steht. 

Nach Recherchen von CORRECTIV zeigen die Aufnahmen jedoch nicht den verunglückten Raketentest. Das Video stammt demnach zwar aus Russland, ist aber mindestens von 2015. 

Auch russisches Medium behauptet, das Video zeige Njonoksa

Unsere Recherche zeigt, dass neben „Clixoom“ auch eine russische Nachrichtenagentur namens Analytical Network News Agency das Video vor kurzem veröffentlicht hat. Es wurde am 8. August auf ihrem Youtube-Kanal hochgeladen und ist etwa eine Minute lang. Im Text heißt es, es zeige die Explosion bei Njonoksa (mit Google Translate übersetzt): „Zwei Menschen kamen ums Leben, vier weitere wurden infolge der Explosion eines Raketentriebwerks mit flüssigem Treibstoff bei Tests auf einem militärischen Testgelände im Gebiet von Nenoks, Region Archangelsk, unterschiedlich schwer verletzt.“ 

Der Name des Ortes lautet auf Russisch „Ненокса“ – er wird vor allem in englischsprachigen Medien wie der New York Times auch mit „Nenoksa“ übersetzt. 

Das Video der „Analytical Network News Agency“ vom 8. August 2019. (Screenshot am 19. August: CORRECTIV)

Die Aufnahmen sind von 2015, sie zeigen das Militärgelände „Kuzminsky“

Das Video zeigt jedoch nicht den aktuellen Vorfall in Njonoksa. Auf Twitter wurden teilweise Standbilder des Videos verbreitet; unter einem Tweet weisen Nutzer darauf hin, dass das Video von 2015 stamme. 

Tweet-Verlauf zu dem Video. (Screenshot am 19. August: CORRECTIV)

Tatsächlich findet sich ein Youtube-Video vom 16. August 2015, das identische Aufnahmen wie „Clixoom Science & Fiction“ zeigt, mit dem Titel: „Explosionen auf dem Kuzminsky-Übungsplatz am 18. April“. 

Es ist wesentlich länger als das Video von Analytical Network News Agency – fast 20 Minuten. Blickwinkel und die Landschaftsmerkmale stimmen überein, von einem braunen Sandhaufen und Aufstellern im Vordergrund bis hin zu zwei wehenden Flaggen weiter hinten. Etwa ab Minute 3:45 ist zum Beispiel die Szene zu sehen, mit der das Youtube-Video von „Clixoom Science & Fiction“ beginnt. 

Die Szene bei „Clixoom Science & Fiction“ – hölzerne Aufsteller im Vordergrund, ein Sandhaufen links. (Screenshot am 19. August: CORRECTIV)
Die Szene aus dem Video von 2015 – mit Sandhaufen und Aufstellern und den zwei Fahnenmasten mittig vor der Rauchsäule im Hintergrund. (Screenshot am 19. August: CORRECTIV)

Auch von einem weiter entfernten Blick stimmen die Videos der Rauchsäule überein. 

Eine weitere Szene aus dem Video von „Clixoom Science & Fiction“. (Screenshot am 19. August: CORRECTIV)
Das Video von 2015. (Screenshot: CORRECTIV)

Mehrere russische Medien berichteten zudem, dass es im April 2015 Explosionen auf dem Übungsgelände Kuzminsky gegeben habe. Ob diese am 18. April 2015 stattfanden, wie die Überschrift des Videos auf Youtube behauptet, ist unklar. In den Medienberichten ist vom 28. April die Rede.

Die Nachrichtenagentur Ria Novosti schrieb beispielsweise am 28. April 2015 (mit Google Translate übersetzt): „Feuer auf dem Truppenübungsplatz in Kusminsk gelöscht – Während der Übungen auf dem Kuzminsky-Übungsplatz wurde die Munition einer selbstfahrenden Artillerie-Installation gesprengt, woraufhin ein Feuer ausbrach, das Dutzende von Fahrzeugen überrollte.“

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Eine Nachrichtenseite namens Gazeta veröffentlichte am 28. April 2015 ebenfalls einen Bericht, in dem es heißt: „In der Region Rostow ereignete sich gegen acht Uhr morgens auf dem Kuzminsky-Übungsplatz eine Munitionsexplosion und ein Feuer. Nach Angaben des Militärs explodierte eine selbstfahrende Artillerie-Bombe, dann breitete sich das Feuer auf die Autos aus.“ Die Region Rostow liegt im Süden Russlands und somit nicht in der Nähe von Njonoksa. 

Die Meldung auf der Webseite der Nachrichtenagentur Ria Novosti vom 28. April 2015 – automatisch übersetzt mit Google Translate. (Screenshot: CORRECTIV)

Ob das Youtube-Video von 2015 wirklich einen Vorfall auf dem Übungsplatz Kuzminsky zeigt, konnten wir nicht belegen. Fest steht jedoch, dass die Aufnahmen nicht von 2019 stammen.

Unsere Bewertung:
Falsch. Das Video zeigt keinen „aktuellen Atomunfall“ in Russland, sondern stammt mindestens von 2015.

Bundeswehrsoldaten täuschten Übergriff vor (Symbolbild)© pxhere.com

von Kjell Knudsen

Zwei Bundeswehrsoldaten seien am 25. Juli in Bad Hersfeld von drei Männern beleidigt und angegriffen worden. So heißt es in einer Polizeimeldung. Zahlreiche Medien berichteten anschließend von dem Vorfall und auch prominente Politiker meldeten sich auf Twitter zu Wort. Ein paar Tage später stellt sich heraus: Der Angriff hat nie stattgefunden.

Angeblich hätten drei Täter einen der Soldaten beleidigt, ihn „Nazi“, „Hurensohn“ und „Kindermörder“ genannt. Danach bespuckten die Angreifer den 19-Jährigen, schlugen und traten ihn, meldet die Polizei am 26. Juli. Als der zweite Soldat zu Hilfe eilte, hätten die Unbekannten auch ihn angegriffen. Die Täter seien kurz darauf geflüchtet.

Leicht verletzt zeigten die beiden Soldaten diese Geschichte an und konnten die angeblichen Täter erstaunlich präzise beschreiben. Eine blaue H&M Jogginghose hätten sie erkannt und einen schwarzen Pullover mit Adidas Logo. Außerdem eine Goldkette mit auffällig großen Gliedern. Beide erinnerten sich laut Polizei auch an weitere Äußerlichkeiten, die alle Angreifer gemeinsam hatten: Braune Haut, schwarze Haare und Bärte.

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Screenshot der Polizeimeldung vom 26. Juli 2018

Viele Medien berichteten nach Veröffentlichung der Polizeimeldung von dem Fall. Artikel erschienen etwa bei der „Hessenschau“, „FAZ“ und „Focus“. Auch regionale Medien aus Bad Hersfeld und Umgebung griffen die Geschichte auf. Die Nachricht verbreitete sich in den sozialen Medien, der ehemalige CDU Generalsekretär Peter Tauber twitterte etwa: „Was für feige Angreifer! Unsere Soldaten haben jede Solidarität verdient. Wer sie angreift, greift uns alle an.“

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Der Tweet des ehemaligen CDU-Generalsekretärs Tauber

Vier Tage später kommt dann die überraschende Wende und die Polizei vermeldet: „Übergriff auf zwei Soldaten war vermutlich vorgetäuscht“. Was ist genau passiert? CORRECTIV hat mit Christian Stahl, dem Pressesprecher der Polizei in Hessen gesprochen.

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Screenshot der Polizeimeldung vom 30. Juli 2018

Er erklärte, eines der angeblichen Opfer sei bereits vernommen worden. Während der Vernehmung „verstrickte sich der Soldat in Widersprüchen und musste dann zugeben, dass alles frei erfunden war.“ Sowohl die Beschreibung der Täter als auch der zeitliche Ablauf hätten nicht zueinander gepasst. Um die angeblichen Angreifer überhaupt derart ausführlich zu beschreiben, habe sich der Soldat wohl an Merkmalen von Personen orientiert, die er kennt. Die Schürfwunden an den Händen sowie Prellungen an Rücken und Bauch haben sich die Soldaten „selbst zugefügt, indem sie gegen Bäume und sich gegenseitig geschlagen haben“, sagte Polizeisprecher Stahl. Als Grund für die Tat hätte der befragte Soldat angegeben, dass beide sonst zu spät zum Dienst erschienen wären. Jetzt ermittle die Polizei wegen der Vortäuschung einer Straftat.

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Entlassung der Soldaten möglich

Die beschuldigten Soldaten waren für das Jägerbataillon 1 in Schwarzenborn, nahe Bad Hersfeld stationiert. Der zuständige Pressesprecher Ingo Prieß erklärte gegenüber EchtJetzt, „ein bundeswehrinternes Disziplinarverfahren läuft derzeit.“ Zu konkreten Konsequenzen konnte Prieß keine Angaben machen.

In der Wehrdisziplinarordnung sind verschiedene Disziplinarmaßnahmen vorgesehen. Diese reichen von Kürzungen des Soldes bis zur Entlassung aus dem Dienst. Zu einem späteren Zeitpunkt kann der Fall laut Ingo Prieß auch für zivilrechtliche Ermittlungen an die Staatsanwaltschaft übergeben werden. Mehrere Medien, wie etwa die „Welt“ und „Spiegel Online“ erwähnten außerdem einen möglichen fremdenfeindlichen Hintergrund. Diese Vermutungen wollte Prieß nicht kommentieren.

Die meisten Medien berichteten ausführlich über den vorgetäuschten Angriff. In vielen der ursprünglichen Online-Artikel zu dem Vorfall haben die Redaktionen auch einen Hinweis auf die vorgetäuschte Tat eingebaut. Allerdings ist das nicht überall der Fall. CORRECTIV hat die „Hessenschau“, „Focus“ und die „Osthessen News“ kontaktiert, weil Leser dort in den Ursprungsartikeln nicht über die Wende in dem Fall informiert wurden. Auf Facebook könnten diese Artikel also weiter geteilt werden. Während die „Hessenschau“ reagierte und den Text aktualisierte, blieben die Artikel von „Focus“ und „Osthessen News“ unverändert.

Unsere Bewertung:
Im Nachhinen stellte sich heraus, dass der Angriff vorgetäuscht war. Redaktionen sollten diesen Hinweis in ihre ursprünglichen Artikel einbauen, um Missbrauch in sozialen Medien zu verhindern.

Am 16. März 2018 nehmen zwei Menschen Proben im britischen Salisbury.© Ben Stansall / AFP

von Tania Röttger

Eine Webseite behauptet, ein Schweizer Labor habe festgestellt, dass die Skripals mit einem anderen Gift als Nowitschok vergiftet wurden. Das ist eine Falschmeldung.

Über die Vergiftung des ehemaligen Geheimdienstmitarbeiters Sergei Skripal kursierten bereits viele verschiedene Theorien, oft ohne Beweise.

Ein Artikel auf der Webseite „Cashkurs.com“ fragte am 16. April: „Ist Skripal-Gift amerikanisch-britischer Herkunft?“ Die Antwort, schreibt der Autor, finde sich in einer Bekanntmachung des Schweizerischen Labors für ABC-Schutz – das ist das Labor Spiez, Teil des schweizerischen Bundesamts für Bevölkerungsschutz.

Sergei Lawrow’s Behauptung

Laut „Cashkurs“ soll „die Substanz, die beim Anschlag auf die Skripals verwendet“ wurde, ein „Nervengift namens BZ“ gewesen sein, das „in der Vergangenheit niemals in Russland hergestellt wurde.“ Das hat der russische Außenminister Sergei Lawrow laut „Sputnik“ gesagt.

Diese Information findet sich sogar auf der englischen Wikipedia-Seite des Labors. Sie wurde am 15. April eingefügt, von einer IP-Adresse, die laut „GeoIPlookup“ im mittelenglischen Beaconsfield liegt.

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Screenshot von der englischen Wikipedia-Seite über das Labor Spiez.

Email vom Labor

Wir haben beim schweizerischen Labor Spiez nachgefragt. Die Antwort kam prompt. Bei dem Artikel von „Cashkurs.com“ handele es sich um eine Falschmeldung, schreibt Andreas Bucher, Sprecher des Labors.

„Der Inhalt entspricht in keiner Weise den Fakten, sondern ist die Wiedergabe einer Behauptung des russischen Aussenministerium, die gestern durch die Organisation für das Verbot von Chemischen Waffen (OPCW) unmissverständlich widerlegt wurde.“

Was hat es mit dem BZ auf sich?

In dem Statement vom 18. April schrieb die OPCW, dass ein Vorläufer von BZ in der Kontrollprobe enthalten war, die im Rahmen der Qualitätskontrolle an zwei der Labore geschickt wurde. Dies war aber nicht die Chemikalie, die Ermittler in Salisbury fanden.

Unsere Bewertung:
Das Schweizer Labor Spiez weist die Behauptung von Außeminister Segei Lawrow zurück – es hat nicht festgestellt, dass die Skripals mit dem Gift BZ vergiftet wurden.

Die Fregatte „Hessen“. Sie ist nicht auf dem Weg nach Syrien.© Presse-und Informationszentrum Marine / Presseportal.de

von Tania Röttger

Nach Berichten über einen Chemiewaffen-Angriff auf die syrische Stadt Duma am Samstag ist der Konflikt zwischen den USA und Russland eskaliert. US-Präsident Donald Trump kündigte mögliche Vergeltungsschläge an. Eine Falschmeldung behauptet, ein Schiff der deutschen Marine könnte an einem Angriff beteiligt sein.

Das „Compact-Magazin“ behauptet, die USA würden Schiffe nach Syrien schicken, um einen Militärschlag zu verüben. An dem Einsatz soll laut „Compact-Magazin“ auch das deutsche Kriegsschiff „Hessen“ beteiligt sein. „Pentagon will deutsches Kriegsschiff vor der syrischen Küste mit dabei haben“, heißt es in dem Artikel.

Als Quelle nennt „Compact-Magazin“ das Portal des US-Militärs „Stars & Stripes“. Dort wurde bereits Ende Januar über gemeinsames Training der Fregatte Hessen und der „USS Harry S. Truman“ berichtet. Im Moment befinden sich die Schiffe im US-Atlantikhafen Norfolk. Sie sollen im Laufe diesen Mittwochs in See stechen. Die gemeinsame Fahrt ins Mittelmeer war also schon seit Monaten geplant. Das bestätigt auch die Marine.

„Das Training der Fregatte ‚Hessen‘ mit einem amerikanischen Flugzeugträgerverband ist schon seit langem geplant. Auch die Verlegung in das Mittelmeer hat demnach ihre Ursache nicht in der aktuellen politischen Entwicklung“, schreibt Gunnar Wolff, Sprecher der deutschen Marine.

Und zu der Behauptung, ein deutsches Marineschiff könnte bei einem US-Angriff auf Syrien mitmachen: „Die Beteiligung von deutschen Soldaten an Einsätzen muss durch den Bundestag beschlossen werden. Sie können davon ausgehen, dass die ‚Hessen‘ vor einem nicht (vom Bundestag) mandatierten Einsatz aus dem Unterstellungsverhältnis eines Verbandes herausgelöst wird.“

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Also: sollte der Flugzeugträger „Truman“ an möglichen Angriffen auf Syrien teilnehmen, würde die „Hessen“ vorher den Flugzeugträgerverband verlassen.

Trump droht auf Twitter

Am Mittwoch sprach US-Präsident Trump erneut von möglichen Vergeltungsschlägen.

„Russland schwört, dass es alle Raketen abschießen wird, die auf Syrien gefeuert werden. Mach dich bereit, Russland, denn sie werden kommen, nett und neu und ‚schlau!‘“, schrieb er auf Twitter.

Daraufhin sagte das Pentagon laut Reuters in einem Statement, man kommentiere potentielle zukünftige militärische Aktionen nicht. Für eine „Charakterisierung“ des Präsidenten-Tweets, müsse das Weiße Haus befragt werden.

Unsere Bewertung:
Die Fregatte „Hessen“ wird nicht an einem etwaigen Raketenangriff der USA auf Syrien beteiligt sein.

Die britische Premierministerin lebt und arbeitet in der Downing Street, Hausnummer 10.© PublicDomainPictures/Pixabay

von Tania Röttger

Mehrere Medien behaupten, die britische Premierministerin Theresa May drohe Russland mit Atom-Krieg, als Reaktion auf die Vergiftung von Sergei Skripal und dessen Tochter. Das stimmt allerdings nicht.

Seit der Geheimdienstmitarbeiter Sergei Skripal in der südenglischen Stadt Salisbury vergiftet wurde, liegen er und seine Tochter im Krankenhaus. Bisher wird spekuliert, dass die russische Regierung dahinter steckt. Mehr als 20 Länder, darunter Deutschland, haben russische Diplomaten ausgewiesen, die sie als Geheimdienstmitarbeiter ansehen.

Das „Contra-Magazin“ schreibt in einem Artikel vom 28. März 2018: „Wie die britische Zeitung ‚Daily Star‘ berichtet, drohte Premierministerin May im Zuge der Skripal-Affäre damit, dass sie nicht zögern werde Atomwaffen einzusetzen, sollte Großbritannien Russland den Krieg erklären.“ Auch die Webseite „News for Friends“ behauptet dies mit Verweis auf den „Daily Star“.

Dort ist die einzige Quelle eine Aussage von Teresa May, die sie im Juli 2016 im britischen Parlament gemacht hat.

Fragestunde im Parlament

Es ging um den Wert der nuklearen Abschreckung. May sagte, sie sei „wichtiger Bestandteil“ der nationalen Sicherheit.

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George Kerevan von der linken Scottish National Party (SNP) fragte May, ob sie persönlich bereit wäre, einen Atomschlag zu autorisieren, der „100.000 unschuldige Männer, Frauen und Kinder töten könnte“.

May antwortete: „Ja.“ Der Zweck der Abschreckung sei ja gerade, dass „unsere Feinde wissen müssen, dass wir bereit wären, sie zu benutzen“.

Kein Bezug zu Skripal

Hierauf beziehen sich die Artikel, die Aussage ist allerdings mehr als ein Jahr alt und stand zwar im Zusammenhang mit Russland – und der Krim-Annexion –, hatte aber nichts mit Skripal zu tun.

Ein Sprecher von Mays Büro in Number 10 Downing Street schreibt dementsprechend per Email: „Offensichtlich fand die Debatte vor mehr als einem Jahr statt, und daher sind ihre Zitate weder in Bezug noch eine Antwort auf den Vorfall in Salisbury“.

Die Artikel erwähnen auch noch „Military Chiefs“, die vor dem „realen Risiko“ eines Krieges mit Russland warnen. Die Quellen werden nicht näher beschrieben. Und selbst wenn es die Warnungen gab, ist ihr Zusammenhang mit Theresa Mays Aussagen über die Atomwaffen von 2016 weit hergeholt.

Unsere Bewertung:
Die Behauptung im Titel des Artikels stimmt nicht.