Faktencheck

Nein, die USA haben ihre Corona-Todeszahlen nicht um 94 Prozent nach unten korrigiert

In mehreren Artikeln wird behauptet, die USA hätten ihre Corona-Todesfallzahlen um 94 Prozent nach unten korrigiert. Das ist falsch. Die US-Gesundheitsbehörde hat keine Todesfallzahlen korrigiert. 94 Prozent der Corona-Toten hatten mindestens eine weitere Vorerkrankung, das schließt Covid-19 aber nicht als Todesursache aus.

von Uschi Jonas

94 Prozent der Corona-Toten in den USA hatten mindestens eine Vorerkrankung – diese Aussage des CDC bedeutet nicht, dass die Todesfallzahlen nach unten korrigiert wurden.
94 Prozent der Corona-Toten in den USA hatten mindestens eine Vorerkrankung – diese Aussage des CDC bedeutet nicht, dass die Todesfallzahlen nach unten korrigiert wurden. (Symbolbild:Unsplash/ Engin Akyurt)
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Größtenteils falsch. Die USA haben ihre Corona-Todeszahlen nicht um 94 Prozent nach unten korrigiert. Die Angaben zu Vorerkrankungen werden falsch interpretiert.

„CDC (USA) muss Corona-Todesrate um 94% nach unten korrigieren!“ – mit dieser Zeile ist ein Blog-Artikel vom 4. September auf der Webseite Schild-Verlag überschrieben. In einem Artikel vom 3. September auf der Webseite Deutsche Wirtschaftsnachrichten heißt es: „USA korrigieren Corona-Todeszahlen drastisch nach unten – Die US-Seuchenschutzbehörde CDC hat mitgeteilt, dass in dem Land nicht wie bisher angegeben rund 165.000 Personen an Covid-19 gestorben sind, sondern weniger als 10.000.“ Laut dem Analysetool Crowdtangle wurden die Artikel bisher insgesamt mehr als 5.000 Mal auf Facebook geteilt.

Recherchen von CORRECTIV zeigen: Die Überschriften der Artikel sind faktisch falsch und die Schlussfolgerungen darin irreführend. Anders als bei den Deutschen Wirtschaftsnachrichten behauptet wird, hat das CDC seine Zählweise nicht „modifiziert“ und die Todeszahlen nicht nach unten korrigiert. Der Bericht der US-Gesundheitsbehörde zeigt lediglich, dass 94 Prozent der im Zusammenhang mit Covid-19 Verstorbenen in den USA auch mindestens eine Vorerkrankung hatten. Das schließt Covid-19 als Todesursache nicht aus. Für die Behauptung in dem Artikel des Schild-Verlags, dass diese Menschen „in der nächsten Zeit sehr wahrscheinlich sowieso verschieden“ wären, gibt es keine Belege. 

Bei sechs Prozent der Todesfälle in den USA wurde Covid-19 als einzige Erkrankung auf dem Totenschein angeführt

Im Lagebericht des CDC zu den „Vorläufige[n] Sterbefällen für die Coronavirus-Krankheit 2019 (Covid-19)“ vom 2. September ist unter dem Punkt „Komorbiditäten“ (Anm. d.Red. Erkrankungen, die bei Patienten zusätzlich zu einer Grunderkrankung auftreten) zu lesen: 

„Bei sechs Prozent der Todesfälle war Covid-19 die einzige erwähnte Ursache. Bei Todesfällen, bei denen zusätzlich zu Covid-19 noch weitere Erkrankungen oder Ursachen genannt wurden, gab es im Durchschnitt 2,6 zusätzliche Erkrankungen oder Ursachen pro Todesfall“. 

 

Diese Tatsache wird auch in den Artikeln von Deutsche Wirtschaftsnachrichten und Schild-Verlag aufgeführt, allerdings ziehen die Verfasser daraus falsche Schlüsse. Denn das bedeutet nicht, dass nur sechs Prozent der Patienten an Covid-19 gestorben sind oder die USA ihre Todeszahlen nach unten korrigiert hätten. 

Vorerkrankungen erhöhen das Risiko für einen schweren Verlauf einer Covid-19-Erkrankung

Laut CDC sind Menschen mit Vorerkrankungen wie beispielsweise Krebs und Typ-2-Diabetes einem höheren Sterberisiko ausgesetzt als andere, wenn sie sich mit dem Coronavirus infizieren. 

Das Robert-Koch-Institut (RKI) schreibt auf seiner Webseite (Punkt 15), dass schwere Verläufe auch bei Personen ohne bekannte Vorerkrankung auftreten können und auch bei jüngeren Patienten beobachtet würden. Aber einige Vorerkrankungen erhöhen laut RKI das Risiko für einen schweren Verlauf einer Covid-19-Erkrankung. Darunter fallen beispielsweise Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, chronische Lungenerkrankungen, chronische Nieren- und Lebererkrankungen, Diabetes, Krebserkrankungen und Patienten mit geschwächtem Immunsystem.

Immer wieder kursieren seit Beginn der Corona-Pandemie Behauptungen, dass nur ein geringer Teil der Corona-Toten tatsächlich an Covid-19 gestorben sei. Dass diese Behauptungen unbelegt sind, recherchierten wir beispielsweise in einem Faktencheck im Mai über Todesfälle in Italien.

Der Bundesverband Deutscher Pathologen, die Deutsche Gesellschaft für Pathologie und die Deutsche Gesellschaft für Neuropathologie und Neuroanatomie haben Ende August eine Auswertung von 154 klinischen Obduktionen an 68 pathologischen Instituten veröffentlicht. Demnach war bei 86 Prozent der untersuchten Patienten in Deutschland Covid-19 die wesentliche oder alleinige Todesursache. 

In 92 Prozent der Fälle ist Covid-19 als Ursache auf dem Totenschein gelistet

Und wie ist die Situation in den den USA? Den aktuellen Angaben des CDC ist zu entnehmen, dass die Corona-Todesfälle anhand von Angaben auf Totenscheinen registriert werden. In 92 Prozent der Fälle ist Covid-19 als Todesursache oder wahrscheinliche Todesursache auf dem Totenschein eingetragen worden. 

Das CDC erläutert auf seiner Webseite, dass die Sterblichkeitsstatistik in Anlehnung an die Vorschriften der Weltgesundheitsorganisation (WHO) erstellt werde. Todesfälle durch Coronavirus-Krankheit würden anhand des ICD-10-Codes U07.1 identifiziert. ICD-10 ist die internationale statistische Klassifikation von Krankheiten und damit zusammenhängenden Gesundheitsproblemen (International Statistical Classification of Diseases and Related Health Problems). Im Februar legte die WHO den Code U07.1 explizit für Covid-19 fest. 

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Die Todesfälle würden mit diesem Code versehen, wenn Covid-19 als Ursache, die zum Tod beigetragen habe, auf dem Totenschein angegeben werde, schreibt das CDC. Die Todesfälle können sowohl Fälle mit laborbestätigter Infektion als auch Fälle ohne Laborbestätigung umfassen. Wenn der zertifizierende Arzt Covid-19 vermutet oder für wahrscheinlich hält (zum Beispiel wenn die Umstände mit hinreichender Sicherheit zwingend waren), kann er Covid-19 als „wahrscheinliche“ oder „vermutete“ Todesursache auf der Sterbeurkunde angeben.

Ein Pressesprecher des National Center for Health Statistics (NCHS), das Teil des CDC ist, schrieb CORRECTIV per E-Mail: „Auf Sterbeurkunden können eine oder mehrere Ursachen oder Bedingungen aufgeführt sein, die auf der Grundlage des medizinischen Fachwissens des betreffenden Fachmanns bestimmt werden. Die zugrunde liegende Todesursache ist der Zustand, mit dem die Kette von Ereignissen begann, die schließlich zum Tod der Person führte.“

Ein Ausschnitt der E-Mail des NCHS an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)
Ein Ausschnitt der E-Mail des NCHS an CORRECTIV (Screenshot: CORRECTIV)

In durchschnittlich 92 Prozent der Fälle sei Covid-19 als zugrunde liegende Ursache auf dem Totenschein aufgeführt, schreibt der Sprecher des NCHS. Auch in einer tabellarischen Übersicht auf der Webseite des CDC ist diese Angabe zu finden. Im dortigen Text ist die Rede von 94 Prozent, der NCHS-Sprecher erklärte jedoch, dass 92 Prozent der richtige Wert sei.  

Die Tabelle des CDC zeigt den Anteil der Todesfälle, bei denen Covid-19 als Todesursache aufgeführt wird. (Quelle: CDC, Screenshot und Markierung: CORRECTIV)
Die Tabelle des CDC zeigt den Anteil der Todesfälle, bei denen Covid-19 als Todesursache aufgeführt wird. (Quelle: CDC, Screenshot und Markierung: CORRECTIV)

Fazit: Laut den Statistiken des CDC hatten 94 Prozent der Corona-Toten mindestens eine weitere Vorerkrankung. Das lässt jedoch keine Rückschlüsse darauf zu, wie viele Patienten an und nicht nur mit Covid-19 verstorben sind. Es bedeutet nicht, dass die US-Gesundheitsbehörde die Todeszahlen nach unten korrigiert hätte.

Update 15. September 2020: Die Deutschen Wirtschaftsnachrichten haben ihren Artikel nach Veröffentlichung unseres Faktenchecks korrigiert.