Faktencheck

Wien: Keine Belege, dass Kinder mit Lungenpilzinfektion im Krankenhaus liegen, weil sie eine Maske trugen

In Sozialen Netzwerken wird zehntausendfach die Behauptung verbreitet, in Wien lägen Kinder im Krankenhaus, weil sie durch das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes (MNS) eine Lungenpilzinfektion erlitten hätten. Wiener Krankenhäuser dementieren das. Laut Experten ist eine solche Infektion durch das Tragen eines MNS zudem nicht möglich.

von Uschi Jonas

Auf Facebook kursiert die Falschbehauptung, zehn Kindern seien aufgrund von Lungenpilzinfektionen im Zusammenhang mit dem Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes in Wiener Krankenhäuser eingeliefert worden
Auf Facebook kursiert die Falschbehauptung, zehn Kindern seien aufgrund von Lungenpilzinfektionen im Zusammenhang mit dem Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes in Wiener Krankenhäuser eingeliefert worden (Symbolbild: Picture Alliance/ dpa-tmn)
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Unbelegt. Es gibt keine Belege dafür, dass in Wien Kinder mit einer Lungenpilzinfektion wegen des Tragens einer Maske im Krankenhaus liegen.

Eine Ärztin habe bestätigt, dass in Wien zehn Kinder in Krankenhäusern liegen würden, weil sie durch das Tragen einer Maske eine Lungenpilzinfektion erlitten hätten: Diese Behauptung wurde mehr als Zehntausend Mal in zahlreichen FacebookBeiträgen verbreitet

Unsere Recherchen zeigen, dass es für diese Behauptung kein Belege gibt. Zahlreiche Krankenhäuser widersprechen, zudem gibt es aus medizinischer Sicht keinen Grund zur Annahme, dass eine solche Infektion durch das Tragen einer Maske möglich wäre.

Die Behauptung, eine Ärztin habe bestätigt, dass zehn Kinder mit Lungenpilzinfektionen in Wiener Krankenhäusern lägen, wird aktuell auf Facebook verbreitet. (Quelle: Facebook, Screenshot und Schwärzungen: CORRECTIV)
Die Behauptung, eine Ärztin habe bestätigt, dass zehn Kinder mit Lungenpilzinfektionen in Wiener Krankenhäusern lägen, wird aktuell auf Facebook verbreitet. (Quelle: Facebook, Screenshot und Schwärzungen: CORRECTIV)

In Wien gibt es 36 Krankenhäuser und Kliniken. CORRECTIV hat alle, in denen potenziell Kinder eingeliefert werden können, per E-Mail angefragt, ob dort ein Minderjähriger – oder mehrere – mit einer Lungenpilzinfektion stationiert ist oder war. 


Dem Wiener Gesundheitsverbund sind keine Fälle von Lungenpilzinfektionen durch das Tragen einer Maske bekannt

„Wir haben kein Kind behandelt, das aufgrund des Tragens eines Mund-Nasen-Schutzes eine Lungenpilzinfektion gehabt hätte“, sagte eine Sprecherin des Wiener Gesundheitsverbunds, der für alle städtischen Kliniken sowie das Universitätsklinikum AKH Wien zuständig ist, CORRECTIV am 6. Oktober am Telefon. 

Zudem antworteten uns mehrere Krankenhäuser auf unsere Anfrage. Einige Krankenhäuser und Kliniken erklärten, dass sie generell keine Kinder und Jugendlichen behandeln. 

 

Eine Sprecherin des St. Josef Krankenhauses schrieb: „Wir behandeln in unserer Kinderabteilung zwar überwiegend Babys und Kleinkinder, die von Natur aus keine Maske tragen. Nach interner Rücksprache können wir Ihnen jedoch beide Fragen definitiv mit einem ‘Nein“ beantworten, unserem Fachpersonal ist kein derartiger Fall bekannt.“ 

Eine Sprecherin des St. Anna Kinderhospitals schrieb: „Nach Rücksprache mit dem ärztlichen Leiter Prof. Dr. Wolfgang Holter kann ich Ihnen mitteilen, dass uns im St. Anna Kinderspital kein derartiger Fall bekannt ist.“

Wir konnten bei unserer Recherche keine Belege dafür finden, dass auch nur ein Kind durch das Tragen einer Maske mit einer Pilzinfektion in der Lunge in eine Wiener Klinik eingeliefert worden wäre. 

Pneumologe: Es gibt nach aktueller Kenntnis keiner Erkankungen oder Infektionen der Atemwege, die Kinder durch das Tragen einer Stoffmaske erleiden können

Wäre eine Lungenpilzinfektion durch Masketragen medizinisch gesehen überhaupt möglich? Wir haben bei Lungenfachärzten nachgefragt.

Dominic Dellweg, Chefarzt der Pneumologie im Fachkrankenhaus Kloster Grafschaft, schrieb per E-Mail: „Isolierte Pilzinfektionen der Lunge bei Erwachsenen sind sehr selten, es sei denn der Patient ist immun-inkompetent oder hat eine strukturelle Lungenerkrankung. Pilze können sich natürlich auf feuchten Oberflächen vermehren, so auch auf einer feuchten Maske. Wenn man die Maske aber wie empfohlen täglich desinfizierend wäscht (Kochwäsche) halte ich die auf Facebook getätigte Aussage für extrem unwahrscheinlich.“

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Philippe Stock, stellvertretender Präsident der Gesellschaft für pädiatrische Pneumologie (GPP) und Leiter der Pädiatrie des Altonaer Kinderkrankenhauses in Hamburg, erläuterte uns explizit auf Kinder bezogen zudem Folgendes: „Es gibt nach aktueller Kenntnis keine Erkrankungen oder spezifischen Infektionen der oberen oder unteren Atemwege, die Kinder durch das Tragen eines MNS erleiden können. Die Masken sind, auch wenn sie korrekt getragen werden, ausreichend durchlässig, dass keine ‘feuchte Kammer’ entsteht die Infektionen begünstigen könnte.“

Zu angeblichen Infektionen, Krankheiten oder Ausschlägen, die durch das Tragen einer Stoffmaske entstehen können kursieren seit Wochen Behauptungen, die wir alle als unbelegt oder falsch eingestuft haben. Wir haben dazu bereits mehrere Faktenchecks veröffentlicht, zum Beispiel zur CO2-Konzentration unter einer Maske, zu allgemeinen Gesundheitsgefahren durch das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes, zu vermeintlichen Ausschlägen, die dadurch auftreten würden oder zu einer angeblichen Schwächung des Immunsystems durch das Masketragen. Zudem haben wir einen Faktencheck veröffentlicht, dass das Tragen eines MNS für Kinder nicht gefährlich ist.

Redigatur: Till Eckert, Bianca Hoffmann

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