Faktencheck

Nein, eine hohe Sterblichkeitsrate war bei der WHO nie Voraussetzung für „Pandemie“-Definition

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat im März den Ausbruch von Covid-19 zur Pandemie erklärt. Früher sei für das Ausrufen einer Pandemie eine hohe Sterblichkeitsrate Voraussetzung gewesen. Das wird in einem Facebook-Beitrag behauptet. Doch das stimmt nicht: Die Rate hat auch in der älteren Definition keine Rolle gespielt.

von Sarah Thust

Mann mit Mund Nasen Bedeckung
Im März hat die Weltgesundheitsorganisation den Ausbruch der Covid-19-Pandemie erklärt, nachdem sich das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 in mehreren Ländern stark ausgebreitet hatte. (Symbolbild: Unsplash/ Free To Use Sounds)
Behauptung
Die Corona-Pandemie sei inzwischen „beendet“, wenn die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ihre „Richtlinien“ nicht geändert hätte; früher sei eine hohe Sterblichkeit Voraussetzung für „Pandemie“-Definition gewesen.
Bewertung
Größtenteils falsch
Über diese Bewertung
Größtenteils falsch. Eine hohe Sterblichkeitsrate war bei der WHO nie Voraussetzung für eine „Pandemie“.

In einem Facebook-Beitrag im August wurde behauptet, die Pandemie sei inzwischen „beendet“, wenn die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ihre „Richtlinien“ nicht geändert hätte. Diese Definition der Pandemiephasen der WHO wurde zuletzt während der Schweinegrippe-Pandemie im Jahr 2009 angepasst.

Ähnliche Behauptungen wurden bis Ende September noch in weiteren Beiträgen in Sozialen Netzwerken verbreitet (zum Beispiel hier, hier oder hier). 

In einem Facebook-Beitrag wird behauptet, dass die Pandemie beendet wäre, wenn die WHO ihre Richtlinien nicht geändert hätte.
In einem Facebook-Beitrag wird behauptet, dass die Pandemie beendet wäre, wenn die WHO ihre Richtlinien nicht geändert hätte. (Quelle: Facebook / Screenshot: CORRECTIV)

Unsere Recherchen ergaben: Die WHO widerspricht den Behauptungen in den Sozialen Netzwerken, sie führen in die Irre. Die Sterblichkeit war nie ein Kriterium für eine Pandemie, heißt es bei der Weltgesundheitsorganisation und beim Robert-Koch-Institut (RKI) in Deutschland. Außerdem erklärte uns ein Sprecher der WHO, dass Covid-19 auch mit der Pandemie-Definition von 2005 als solche deklariert worden wäre.


Erste Behauptung: Die WHO habe die Sterblichkeit aus der Definition einer Pandemie gestrichen

In dem Facebook-Beitrag wird behauptet, in den früheren Richtlinien sei eine hohe Sterblichkeitsrate Voraussetzung für eine Pandemie gewesen. „Die WHO strich den Passus ‘eine sehr grosse Zahl von Toten und Kranken’ aus dem Kriterienkatalog.“

Dieselbe Behauptung wird auch in einer Dokumentation von Arte aus dem Jahr 2009 aufgestellt. In dem Film hieß es konkret: „Im Mai 2009 streicht die WHO zwei wesentliche Punkte der Pandemie-Definition. Früher waren eine enorme Anzahl von Todesfällen und Erkrankungen in mehreren Staaten Bedingung. Das ist heute nicht mehr so.“ 

Doch das stimmt nicht. Die WHO hat sich mehrfach dazu geäußert, dass diese Sätze zwar auf einer Seite der WHO (nur noch archiviert verfügbar) standen, es sich dabei aber um keine Definition handelte. Es handelte sich um Fragen und Antworten zur Influenza-Pandemievorsorge. 

Die Arte-Dokumentation wird jedoch aktuell wieder in Sozialen Netzwerken, häufig im Zusammenhang mit Impfkritik, verbreitet. Sie taucht immer wieder auf Youtube auf, wird dann aber offenbar stets von der Plattform gesperrt. Dort heißt es dann: „Dieses Video ist aufgrund einer Beschwerde wegen Urheberrechtsverletzung durch Arte nicht mehr verfügbar.“ Auch Christian Drosten hat sich in einem NDR-Podcast im Mai 2020 kritisch zur Dokumentation geäußert.

2010 hat die WHO eine Stellungnahme veröffentlicht, um klarzustellen, dass die Pandemie-Definition nicht geändert wurde: „Die WHO hat im Verlauf dieses Ausbruchs [Anm. d. Red.: H1N1-Pandemie 2009/2010] die Definition von Pandemie nicht geändert. […] Ein Teil der Verwirrung mag darauf zurückzuführen sein, dass auf der Webseite der WHO einige Monate lang ein Dokument zu finden war, in dem es hieß, eine Pandemie würde ‘enorme Mengen von Fällen und Todesfällen’ umfassen. Dies wurde entfernt, als wir darauf hingewiesen wurden. Diese Information war nie Teil der formalen Definition einer Pandemie und auch nie Teil von Dokumenten, die den Mitgliedstaaten für ihre Bereitschaftsarbeit zugesandt wurden. Wir bedauern die Verwirrung, die dadurch entstanden ist.“ 

2011 erschien im Bulletin der WHO ein wissenschaftlicher Artikel, der ebenfalls über das Missverständnis aufklärt.

Statement der WHO zur Definition einer Pandemie vom 11. Januar 2010.
Statement der WHO zur Definition einer Pandemie vom 11. Januar 2010. (Quelle: WHO Representative Office Vietnam / Screenshot: CORRECTIV)

Wir haben uns außerdem die unterschiedlichen Definitionen der Pandemie-Phasen angesehen. Die Sterblichkeitsrate spielte auch darin keine Rolle – weder 2005 noch 2009.

Die Weltgesundheitsorganisation folgt bei der Feststellung einer Pandemie einem Sechs-Phasen-Plan. Die Leitfäden für die Pandemiephasen der WHO wurden 1999 entwickelt und 2005 sowie 2009 überarbeitet. Im Jahr 2013 wurden die Definitionen nochmals angepasst. Die Phasen sollen einen globalen Rahmen bieten, um Ländern bei der Vorbereitung auf Pandemien und der Planung von Maßnahmen zu helfen.

Definitionen der Pandemie-Phasen der WHO

Der Vergleich der unterschiedlichen Phasendefinitionen von 2005 und 2009 zeigt, dass die Sterblichkeit durch eine Viruserkrankung darin keine Rolle spielte. Wir haben den jeweiligen Stand der Definition im Internet-Archiv nachvollziehen können. 

  • Definition von 2005 der höchsten Pandemiephase 6: erhöhte und anhaltende Übertragung in der Allgemeinbevölkerung
  • Definition von 2009 der höchsten Pandemiephase 6: Dasselbe identifizierte Virus hat in drei oder mehr Ländern einer WHO-Region „zu anhaltenden Ausbrüchen auf Gemeindeebene geführt“.

Zwischenfazit: Die WHO hat die Formulierung „eine sehr große Zahl von Toten und Kranken“ nicht aus der Phasendefinition „gestrichen“, wie auf Facebook behauptet wird. Sie war darin nie enthalten. Außerdem hat die WHO die Pandemie-Phasen weder 2009 noch zu einem anderen Zeitpunkt geändert, um eine Pandemie ausrufen zu können.

Zweite Behauptung: Die WHO hätte Covid-19 nach den alten Richtlinien nicht zur Pandemie erklärt

In dem Beitrag auf Facebook wurde behauptet, dass die Pandemie beendet sei, wenn die alten Richtlinien noch in Kraft wären. Wir haben bei der WHO nachgefragt, ob Covid-19 nach der alten Phasendefinition von 2005 als Pandemie definiert worden wäre. Ein Sprecher antwortete uns: „Ja, Covid-19 würde unabhängig vom Jahr als Pandemie charakterisiert werden, da es die weltweite Ausbreitung einer Krankheit voraussetzt.“

Der Sprecher verwies auf den gesundheitspolitischen Notstand von internationaler Tragweite, den die WHO am 30. Januar 2020 ausgerufen hatte.

E-Mail eines Sprechers der WHO an CORRECTIV.
E-Mail eines Sprechers der WHO an CORRECTIV. (Screenshot: CORRECTIV)

Dieser Notstands-Begriff wird in den internationalen Gesundheitsvorschriften der WHO von 2005 definiert als „ein außergewöhnliches Ereignis, das (…) dazu bestimmt ist, durch die internationale Ausbreitung von Krankheiten ein Risiko für die öffentliche Gesundheit anderer Staaten darzustellen und möglicherweise eine koordinierte internationale Reaktion erfordert“.

„Dies als Pandemie zu bezeichnen, ändert nichts an den Ratschlägen der WHO oder daran, was Länder und Einzelpersonen tun sollten“, schrieb der Sprecher. 

Robert-Koch-Institut: „Die WHO hat die Pandemie-Phasen nicht geändert, damit sie die Pandemie ausrufen konnte“

In Deutschland hat das Robert-Koch-Institut (RKI) die Vorwürfe gegen die WHO wie folgt eingeordnet: „Der Vorwurf, die Weltgesundheitsorganisation habe die Pandemiephasen geändert, damit sie die (H1N1-)Pandemie ausrufen konnte, trifft nicht zu. Auch nach den infektionsepidemiologischen Kriterien früherer Pandemien handelt es sich um eine Pandemie. Gegen einen solchen Erreger müssen Maßnahmen ergriffen und insbesondere der Bevölkerung rasch ein Impfstoff angeboten werden, unabhängig von Phasendefinitionen.“

Mit dieser Mitteilung reagierte das RKI 2010 auf die Vorwürfe gegen die WHO.
Mit dieser Mitteilung reagierte das RKI 2010 auf die Vorwürfe gegen die WHO. (Quelle: RKI / Screenshot: CORRECTIV)

Außerdem hieß es: „Die Schwere war nie ein Kriterium für die Definition des Pandemiebeginns (Ausrufung der Phase 6). Das wäre auch problematisch.“ Der Grund: Über die Schwere der Erkrankung in der Bevölkerung gebe es zu Beginn einer Pandemie keine ausreichenden und aussagekräftigen Daten. Zudem könne die Schwere zwischen einzelnen Regionen oder Staaten unterschiedlich sein und sich im Laufe der Zeit ändern.

Zwischenfazit: WHO und das RKI widersprechen der Behauptung, nach den alten Richtlinien von vor 2009 sei die Pandemie inzwischen beendet. An den Kriterien für eine Pandemie habe sich nichts geändert, nur die Beschreibungen der Pandemiephasen wurden angepasst. 

Die Covid-19-Pandemie wäre auch nach der Phasendefinition der WHO von 2005 eine Pandemie gewesen. In der Definition der höchsten Pandemiephase hieß es damals: „erhöhte und anhaltende Übertragung in der Allgemeinbevölkerung“. Von einer hohen Sterblichkeitsrate war auch in den grundlegenden Regelungen nicht die Rede. 

Update, 18. November 2020: Wir haben den Text noch um Ausführungen zur Arte-Dokumentation „Profiteure der Angst“ und Klarstellungen der WHO zum Ursprung des Missverständnisses über die Pandemie-Definition erweitert. 

Redigatur: Uschi Jonas, Bianca Hoffmann

Fakten für die Demokratie.

Fakten sind die Grundlage informierter Entscheidungen in unserer Demokratie. Gezielte Desinformation wird genutzt, um unsere Gesellschaft zu spalten, Hass zu verbreiten und damit womöglich Geschäfte zu machen. Einseitige oder falsche Informationen kreieren verzerrte Weltbilder. Als Teil eines internationalen Netzwerks von Faktenprüfern wirkt CORRECTIV.Faktencheck dem entgegen und deckt Falschinformationen und Halbwahrheiten auf.

Unser Ziel ist aufzuklären, wie gezielte Falschmeldungen erkannt und eingedämmt werden. Wir stellen uns mit Fakten gegen Spaltung und wollen mit unserer Arbeit den Dialog ermöglichen. Das ist nicht immer leicht –
Hassnachrichten, Beleidigungen und Drohungen gehören zum Alltag unseres Faktencheck-Teams. Aber die Arbeit wirkt: Falschmeldungen werden deutlich weniger geteilt.

CORRECTIV.Faktencheck ist eine eigenständige Redaktion innerhalb des gemeinnützigen Recherchezentrums. CORRECTIV steht für investigativen Journalismus. Wir bringen systematische Missstände ans Licht und stärken eine demokratische und offene Zivilgesellschaft. Leisten Sie einen Beitrag und unterstützen Sie uns mit einer Spende!


Was ist Fake? Was ist Fakt?
Es wird immer wichtiger, zuverlässige Quellen erkennen zu können und seriöse Informationen einzuordnen. Das Programm unserer Online-Akademie richtet sich an Schülerinnen und Schüler, sowie deren Lehrer. Deutschlandweit werden Journalisten an Schulen vermittelt, um im Unterricht die Medienkompetenz zu stärken. Mit Online-Workshops und zugehörigem Unterrichtsmaterial können die Themen auch selbstständig erarbeitet werden.