Faktencheck

Diese Grafik zu Influenza- und Coronavirus-Sterbefällen stellt die Daten selektiv und irreführend dar

„Wo ist diese Pandemie?“, fragt ein Nutzer auf Facebook. Dazu veröffentlicht er eine Grafik, die Influenza- und Coronavirus-Sterbefälle im Verhältnis zeigen soll. Doch die Grafik ist irreführend, die Zahlen lassen sich nicht direkt vergleichen.

von Sarah Thust

Irreführender Vergleich von Grippewellen und Corona-Todesfällen
Eine Grafik setzt Sterbefälle durch Influenza (Grippe) und durch Covid-19 ins Verhältnis. Doch ein Teil der Daten basiert auf Schätzungen, ein anderer auf den gemeldeten Fällen. Es entsteht ein falscher Eindruck. (Quelle: Facebook / Screenshot: CORRECTIV)
Behauptung
Ein Diagramm vergleicht „Grippetote“ der vergangenen Jahre mit „Coronatoten“ von 2020.
Bewertung
Größtenteils falsch
Über diese Bewertung
Größtenteils falsch. Die Todeszahlen von Influenza und Covid-19 können nicht sinnvoll verglichen werden und die Grafik lässt Daten aus.

Ein Diagramm auf Facebook stellt Todesfälle der „Grippewellen“ der vergangenen Jahre mit aktuellen Todeszahlen von Covid-19 im Jahr 2020 gegenüber. Ein Nutzer fragt: „Merkt hier eigentlich noch irgendwer irgendwas???“ Der Beitrag wurde am 26. November veröffentlicht und 2.135 Mal auf Facebook geteilt (Stand: 3. Dezember 2020). 

Wir haben das Diagramm überprüft, in dem es scheint, als sei die Zahl der Todesfälle im Zusammenhang mit dem Coronavirus geringer als die Zahl der Todesfälle durch Influenza während der Grippewellen der letzten Jahre. Unser Ergebnis: Die Grafik ist irreführend. Sie lässt wesentliche Daten aus und vergleicht Zahlen, die unterschiedlich erhoben wurden und sich daher nicht sinnvoll vergleichen lassen. 

Die Grafik über Grippe- und Corona-Tote ist unvollständig

Das Diagramm zeigt acht Zeiträume: 2002/03, 2004/05, 2008/09, 2012/13, 2014/15, 2016/17, 2017/18, 2019/20. Es fehlen allerdings zahlreiche Saisons: 2005/06, 2006/07 und 2007/08 sowie 2009/10, 2010/11, 2011/12 und 2015/16 wurden weggelassen. 


Für jeden Zeitraum sind je zwei Balken dargestellt: Einer zeigt jeweils Influenza-Todesfälle („Grippetote“) und einer zeigt Covid-19-Todesfälle („Coronatote“). In einer Fußnote wird darauf hingewiesen, den Daten für Influenza liege eine „Exzess-Schätzung“ des Robert-Koch-Institutes (RKI) zugrunde. Für die Corona-Fälle wird überall eine Null angegeben – außer für die Saison 2019/20. 

Diese irreführende Grafik kursiert auf Facebook. Sie setzt Zahlen zueinander ins Verhältnis, die nicht vergleichbar sind.
Diese irreführende Grafik kursiert auf Facebook. Sie setzt Zahlen zueinander ins Verhältnis, die nicht vergleichbar sind. (Quelle: Facebook / Screenshot und Unkenntlichmachung vom 3. Dezember: CORRECTIV)

Für jede Saison – bis auf 2002/03 – weist die Grafik „Tote“ im fünfstelligen Bereich für die Grippe aus. In der Saison 2019/20 zeigt das Diagramm nur 411 Influenza-Todesfälle und 9.000 Todesfälle durch Covid-19.

Todesfälle durch Influenza werden statistisch geschätzt

Wir haben uns die Daten der vergangenen Grippewellen im Saisonbericht des RKI angesehen, der zuletzt für die Saison 2018/19 erschienen ist (Seite 48). Das RKI veröffentlicht für jede Saison eine Schätzung der sogenannten „Exzess-Mortalität“. Das heißt: Todesfälle durch Influenza werden anhand statistischer Modelle geschätzt.

Das RKI schreibt auf seiner Webseite, dass „bei weitem nicht alle mit Influenza in Zusammenhang stehenden Todesfälle als solche erkannt oder gar labordiagnostisch bestätigt werden“. Deswegen werde die Sterblichkeit auf folgende Weise geschätzt: „Die Zahl der mit Influenza in Zusammenhang stehenden Todesfälle wird – vereinfacht dargestellt – als die Differenz berechnet, die sich ergibt, wenn von der Zahl aller Todesfälle, die während der Influenzawelle auftreten, die Todesfallzahl abgezogen wird, die (aus historischen Daten berechnet) aufgetreten wäre, wenn es in dieser Zeit keine Influenzawelle gegeben hätte. Das Schätz-Ergebnis wird als sogenannte Übersterblichkeit (Exzess-Mortalität) bezeichnet.“

Grafik lässt gezielt die vergangenen Grippesaisons weg, in denen es laut Schätzung so gut wie keine Todesfälle gab

Die Zahlen des RKI für die Saison 2002/03, 2004/05, 2008/09, 2012/13, 2014/15, 2016/17 und 2017/18 stimmen mit den Zahlen im Diagramm auf Facebook überein. Es zeigt sich allerdings, dass in der Facebook-Grafik alle Grippesaisons ausgelassen wurden, in denen es sehr wenige Todesfälle durch Influenza gab. 

Ein Auszug einer Tabelle des RKI zeigt die laborbestätigten Todesfälle und die sogenannte Exzess-Schätzung.
Ein Auszug einer Tabelle des RKI zeigt die laborbestätigten Todesfälle und die sogenannte Exzess-Schätzung. (Quelle: RKI / Bericht zur Epidemiologie der Influenza in Deutschland Saison 2018/19 / Seite 47)

Auch die Saison 2018/19 fehlt in der Grafik auf Facebook, der Grund ist allerdings hier mutmaßlich, dass das RKI dazu bisher zwar einen Saisonbericht, aber noch keine Exzess-Schätzung veröffentlicht hat. 

Bei der Angabe in der Grafik für die Grippesaison 2019/20 handelt es sich um laborbestätigte Fälle 

Für die Saison 2019/20 werden im Diagramm auf Facebook nur 411 Sterbefälle aufgeführt. Da für 2019/20 ebenfalls noch keine Exzess-Schätzung vorliegt, stammt diese Zahl aus einer anderen Statistik: Es sind die „mit laborbestätigter Influenza-Infektion“ an das RKI gemeldeten Fälle zwischen Oktober 2019 und Anfang April 2020 (Seite 1). Die Grafik macht dies nicht kenntlich.

Die Zahl der Labornachweise liegt meist wesentlich niedriger als die Exzess-Schätzung, wie auch beim Blick auf die laborbestätigten Fälle der vergangenen Jahre zu sehen ist. Beispielsweise für die Saison 2017/18, für die die Exzess-Schätzung bei 25.100 liegt, gab es 1.674 laborbestätigte Fälle. Für die Saison 2016/17 sind es der Exzess-Schätzung zufolge 22.900 Todesfälle, laborbestätigt aber nur 722.

Covid-19-Todesfälle zeigen den Stand der laborbestätigten Fälle von Anfang Juli

Bei den im Diagramm auf Facebook genannten 9.000 „Coronatoten“ kann es sich ebenfalls nicht um eine „Exzess-Schätzung“ handeln, da das RKI bisher für Covid-19 keine solche Schätzung veröffentlicht hat (Stand: 3. Dezember 2020). Die genannte Zahl stammt offenbar vom 9. Juli 2020, obwohl die Grafik auf Facebook im November veröffentlicht wurde. Die Zahl ist also veraltet. 

Am 9. Juli schrieb das RKI im „Täglichen Lagebericht“ zum Coronavirus: „Insgesamt wurden in Deutschland 197.783 laborbestätigte Covid-19-Fälle an das RKI übermittelt, darunter 9.048 Todesfälle in Zusammenhang mit Covid-19-Erkrankungen.“ 

Zu diesem Zeitpunkt war die Grippesaison 2019/20 bereits beendet – sie ging laut RKI nur von der 2. bis 12. Kalenderwoche 2020, also etwa bis Mitte März (Seite 3). Über die möglichen Gründe für die kürzere Grippewelle in diesem Jahr haben wir hier einen Faktencheck veröffentlicht.  

Die kumulative Zahl der Todesfälle in Zusammenhang mit dem neuartigen Coronavirus ist seit Juli weiter gestiegen: Am 2. Dezember lag sie bei 17.602 seit Beginn der Pandemie. Den ersten Lagebericht zu Covid-19 veröffentlichte das RKI am 4. März 2020, am 11. März erklärte die WHO die weltweite Ausbreitung von Covid-19 zu einer Pandemie.

Fazit

Die Grafik in dem Facebook-Beitrag stellt die Daten selektiv und irreführend dar. Die Todesfälle der vergangenen Grippesaisons lassen sich nicht sinnvoll mit den Todesfällen durch Covid-19 vergleichen. Denn die einen basieren auf Schätzungen, die anderen auf laborbestätigten Fällen. 

Für die Grafik wurden zudem nur die Daten ausgewählt, die „ins Bild passen“ und die Botschaft stützen, dass durch Influenza angeblich mehr Menschen sterben als durch Covid-19. Die zahlreichen vergangenen Grippesaisons, in denen (laut Schätzungen) fast niemand in Deutschland an Influenza starb, wurden nicht erwähnt. 

Redigatur: Alice Echtermann, Uschi Jonas

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck: 

  • Fragen und Antworten zur Grippe des RKI: Link
  • Saisonbericht des RKI zur Influenza-Saison 2018/19: Link 
  • Täglicher Lagebericht des RKI zur Coronavirus-Krankheit (9. Juli 2020): Link
  • Täglicher Lagebericht des RKI zur Coronavirus-Krankheit (2. Dezember 2020): Link




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