Faktencheck

CO2-Wert unter Masken: Nein, eine angebliche Studie aus Italien ist kein Beleg für Gesundheitsgefahr

Eine angebliche Studie aus Italien soll der Beleg sein, dass der CO2-Wert unter einem Mund-Nasenschutz stark erhöht sei. Es handelt sich dabei jedoch um keine seriöse Studie. Experten widersprechen der Behauptung – es bestehe keine Gesundheitsgefahr durch Masken.

von Uschi Jonas

Es gibt keine Belege dafür, dass der CO2-Wert unter einer Maske auf einen gesundheitsgefährdenden Wert ansteigt.
Es gibt keine Belege dafür, dass der CO2-Wert unter einer Maske auf einen gesundheitsgefährdenden Wert ansteigt. (Symbolbild: Picture Alliance / Rupert Oberhäuser)
Behauptung
Eine Studie aus Italien belege einen stark erhöhten CO2-Wert unter der Maske, der schädlich für die Gesundheit sei.
Bewertung
Unbelegt. Es handelt sich um keine seriöse Studie. Messungen des CO2-Werts direkt unter einem Mund-Nasen-Schutz sind nicht aussagekräftig. Durch das Masketragen entsteht laut Experten kein Sauerstoffmangel.

Eine unabhängige Studie in Italien“ komme zu dem Ergebnis, dass die unter Masken gemessenen CO2-Werte die Normwerte für Raumluftqualität überschreiten würden. Das wird in einem Artikel vom 6. Dezember auf der Webseite 2020 News behauptet. Laut dem Analysetool Crowdtangle wurde der Text mehr als 1.180 Mal auf Facebook geteilt. Es handelt sich bei dem Dokument, auf das er sich bezieht, jedoch um keine seriöse Studie. Experten betonen, dass Träger eines Mund-Nasen-Schutzes (MNS) nicht zu viel CO2 einatmen und es zu keinem Sauerstoffmangel kommt.

Im Artikel wird auf ein deutschsprachiges Dokument mit dem Titel Ist der Gebrauch von Mund-Nasen-Bedeckungen in der Gesamtbevölkerung eher schädlich als nützlich unter Berücksichtigung der CO2 Konzentration? Luftqualität während des Tragens von Mund-Nasen-Bedeckungen mit Mini-Review“ verwiesen. Es ist datiert auf den 30. November 2020. In dem Dokument wird unter anderem die Schlussfolgerung gezogen: Bei Personen, die eine Maske tragen, liegt jeder gemessene CO2 -Wert […] außerhalb der akzeptablen Werte für die Raumluftqualität in Schulgebäuden […] und überschreitet sogar die zugelassenen Werte am Arbeitsplatz […].“ Die Autoren haben nach eigenen Angaben den CO2-Gehalt unter verschiedenen Masken mit einem CO2-Messgerät gemessen.

Die angebliche Studie wurde in keinem Fachmagazin veröffentlicht und ist auch über die Datenbank Genios nicht auffindbar. 


Autoren des Dokuments sind ein Architekt, ein Psychologe und mehrere Homöopathen

Als Autoren werden in dem Dokument einige Namen genannt, nach denen wir gesucht haben. Bernhard Oberrauch ist laut einer Google-Suche Architekt im italienischen Bozen. Marco Adami soll dem Dokument zufolge Physiker sein, im Netz sind dazu keine eindeutigen Hinweise zu finden. Bei einer Suche nach Ulrich Gutweniger findet sich ein in Italien ansässiger Psychologe. Elisabetta Galli ist laut ihrer Webseite eine italienische Chirurgin. Veronika Dellasega den Angaben auf ihre Webseite nach Homöopathin in Brixen in Südtirol. Zu Heike Müller gibt es im Netz zu viele Treffer für unterschiedliche Personen, um festzustellen zu können, um welche es sich bei der Autorin handelt. Bernhard Thomaser ist ebenfalls ein Homöopath in Brixen. Maria Paregger ist laut ihrer Webseite Medizinische Expertin für anthroposophische Medizin“ in Bozen, und um wen es sich bei Roberto Cappelletti handelt, lässt sich über eine Google-Suche nicht eindeutig zuordnen.

Wir haben mit Pneumologen, Kinderärzten und einem Umweltmediziner über den Zusammenhang zwischen dem Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes, die Luftzufuhr und die CO2-Konzentration gesprochen. 

Experten: Das Tragen eines MNS führt nicht zu einem erhöhten CO2-Gehalt 

Die Wissenschaftler erklären, wie wir in mehreren Faktenchecks beschrieben haben, dass die CO2-Konzentration unter einem MNS nicht auf einen gesundheitsgefährdenden Wert steigt. Das CO2 entweicht durch den luftdurchlässigen Stoff, aber auch durch die Ränder der Maske. Auch ein mit erhöhter CO2-Konzentration angeblich verbundener Sauerstoffmangel trete nicht auf. Die Reduktion der Sauerstoffzufuhr (vor allem durch den Atemwegswiderstand) sei gering und wird gegebenenfalls durch stärkere Atmung ausgeglichen.

Auch das Umweltbundesamt hat Ende September eine Mitteilung herausgegeben, in der es klargestellt hat: „Mund-Nasen-Schutz führt nicht zum erhöhten Einatmen von CO2“. 

CO2-Messgeräte sind nicht zur Messung unter einem MNS gedacht

In der angeblichen Studie aus Italien schreiben die Autoren: Als Messinstrument wurde der tragbare Kohlendioxidanalysator G100 von Geotech verwendet.“ Bei diesem Gerät handelt es sich laut Angaben des Herstellers um einen tragbaren CO2-Analysator“, der von Embryologen, Stammzellenforschern und Labortechnikern eingesetzt wird, um die Luftqualität in Brutschränken zu messen. Dieses Gerät ist folglich nicht dafür gemacht, CO2-Werte unter einem MNS zu messen, wo es direkt angeatmet wird.

In Sozialen Netzwerken verbreiteten sich in den vergangenen Monaten Videos, in denen ähnliche Versuche mit Masken und CO2-Messgeräten durchgeführt wurden. Auch die dort verwendeten Geräte sind nicht dafür ausgelegt, den CO2-Gehalt unter einer Maske zu messen. Sie sind dafür gedacht, die CO2-Konzentration in der Luft in Innenräumen zu messen und sollen anzeigen, wenn es „stickig“ wird und an der Zeit wäre, zu lüften. 

Mehrere Experten bestätigen CORRECTIV, dass Versuche mit solchen Geräten im Zusammenhang mit Masken aus wissenschaftlicher Sicht keinen Sinn ergeben. Das haben wir auch in einem Experiment gemeinsam mit dem Umweltbundesamt gezeigt. Dabei wurde klar: Die Sensoren der CO2-Messgeräte übersättigen schnell, wenn sie direkt angeatmet werden, und sind zudem träge, sodass sie gar nicht in Echtzeit auf die Atemfrequenz eines Menschen reagieren können. Die Übersättigung geschah in unserem Experiment unabhängig davon, ob man das Gerät unter einem MNS anatmete oder direkt am Sensor ohne Maske. 

Totraum unter Maske nicht wesentlich erhöht

Die angeblichen Studie wiederholt zudem weitere Behauptungen, die von Experten als falsch eingestuft werden. So heißt es darin, die Maske vergrößere „den Totraum des Atemzugvolumens umgekehrt proportional zum Alter“ – bei Erwachsenen um 53 Prozent, bei einem Achtjährigen um 78 Prozent und bei einem Einjährigen um 122 Prozent. 

Auch zu diesen Zahlen haben wir bereits einen Faktencheck durchgeführt und Experten befragt. Sie bestätigten: MNS sind luftdurchlässig, weshalb eine echte Totraumvergrößerung nicht geschieht. Die geringen Auswirkungen, die das Tragen eines MNS durch den Atemwiderstand hat, kann der menschliche Körper sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen laut Experten problemlos kompensieren. 

Fazit

Die „unabhängige Studie“ entspricht nicht wissenschaftlichen Standards und ist kein Beleg dafür, dass der CO2-Wert unter einem MNS stark erhöht ist. CO2-Geräte, die für das Messen in Räumen oder Brutschränken angewendet werden, sind nicht dafür gedacht, das zu überprüfen. Beim Tragen eines MNS entweicht das Kohlenstoffdioxid durch den luftdurchlässigen Stoff, aber auch durch die Ränder der Maske. 

Redigatur: Steffen Kutzner, Alice Echtermann

Die wichtigsten öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Angaben des Herstellers Geotech über den CO2-Analysator G100: Link
  • Artikel vom Umweltbundesamt: “Mund-Nasen-Schutz führt nicht zu erhöhtem Einatmen von CO2”: Link

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