Faktencheck

Nein, Norwegen hat den Impfstoff von Pfizer und Biontech nicht wegen Todesfällen verboten

Norwegen untersucht mehrere Todesfälle von Bewohnern von Pflegeheimen, die nach einer Covid-19-Impfung gestorben sind. Anders als behauptet, steht jedoch nicht eindeutig fest, ob die Impfung die Todesursache war. Und Norwegen hat den Impfstoff von Pfizer und Biontech auch nicht verboten. 

von Alice Echtermann

Symbolbild Impfung älterer Menschen
In Norwegen werden zuerst Menschen in Pflegeeinrichtungen geimpft. Viele von ihnen seien bereits sterbenskrank, teilten die Behörden mit. (Symbolbild: Picture Alliance / Flashpic / Jens Krick)
Behauptung
Norwegen verhänge ein Impfverbot für Impfstoffe von Pfizer und Biontech, nachdem sie 23 Menschen das Leben kosteten. 
Bewertung
Falsch. Norwegen hat den Impfstoff nicht verboten, und ein kausaler Zusammenhang zwischen den Todesfällen und der Impfung ist nicht bestätigt. 

Auf Facebook verbreitet sich die Behauptung, Norwegen habe ein „Impfverbot“ für den Impfstoff von Pfizer und Biontech verhängt, weil er 23 Menschen das Leben gekostet habe. 

Die Webseite Unzensuriert schrieb zudem am 15. Januar, 13 von 23 Toten seien „wegen Nebenwirkungen“ gestorben, die als Todesursachen festgestellt worden seien. 

Das ist falsch, ebenso wie die Behauptung, der Impfstoff sei verboten worden.


Ein Facebook-Beitrag mit der falschen Behauptung (Screenshot vom 18. Januar: CORRECTIV.Faktencheck)

Was stimmt: Norwegen untersucht Todesfälle nach Impfungen bei alten Menschen in Pflegeheimen

Am 15. Januar hatte die Norwegische Arzneimittelbehörde (Legemiddelverket) eine Pressemitteilung herausgegeben. Darin heißt es, es seien bisher 23 Menschen in Norwegen zeitlich nach der Impfung verstorben. 13 Fälle seien untersucht. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass die „üblichen“ Nebenwirkungen der Impfung bei älteren Menschen mit schweren Vorerkrankungen zum Tod beigetragen hätten. 

Generell seien Todesfälle im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung aber zu erwarten, weil vor allem alte Menschen mit schweren Vorerkrankungen geimpft worden seien. Durchschnittlich würden pro Woche etwa 400 Menschen in Pflegeeinrichtungen in Norwegen sterben.

Pressemitteilung der Arzneimittelagentur in Norwegen
Auszug aus der Pressemitteilung der norwegischen Arzneimittelbehörde (Screenshot am 18. Januar 2021: CORRECTIV.Faktencheck)

Kausaler Zusammenhang zur Impfung nicht nachgewiesen

Die Behörde kommuniziert die Verdachtsfälle bezüglich Nebenwirkungen der Impfung regelmäßig. Der Bericht enthält zudem die Todesfälle, die bereits von der Behörde bewertet wurden. Das bedeutet jedoch nicht, dass die Impfung als Todesursache feststeht, wie uns die norwegische Arzneimittelbehörde per E-Mail bestätigte. 

Zum Stand 14. Januar ist in dem Bericht zu lesen, dass in Norwegen die Gruppe der älteren Menschen in Pflegeeinrichtungen zuerst mit dem Impfstoff von Pfizer und Biontech geimpft wurde. 

Bei insgesamt 29 Personen bestehe der Verdacht auf Nebenwirkungen (zum Beispiel Schmerzen an der Stichstelle, Müdigkeit, Fieber oder Übelkeit). 13 dieser Menschen seien gestorben. In dem Bericht wird betont, dass es sich bei den berichteten Fällen stets um Verdachtsfälle handele, bei denen ein kausaler Zusammenhang zur Impfung nicht nachgewiesen sei. 

Der Grund, weshalb im Bericht nur 13 statt 23 Todesfälle auftauchen, sei, dass bisher nicht alle Meldungen untersucht worden seien, teilte uns die Arzneimittelbehörde auf Nachfrage per E-Mail mit. Täglich würden mehrere Berichte über vermutete Nebenwirkungen eingereicht, diese würden kontinuierlich überprüft.  

Auszug aus der E-Mail der Norwegischen Arzneimittelbehörde (Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Der Impfstoff von Pfizer und Biontech wurde in Norwegen nicht verboten

Die Arzneimittelbehörde und auch die Gesundheitsbehörde Norwegian Institute of Public Health (NIPH, im Norwegischen Folkehelseinstituttet genannt) schrieben uns übereinstimmend, der Impfstoff sei nicht verboten worden. Er werde weiterhin eingesetzt, die Verdachtsfälle auf Nebenwirkungen hätten keine Auswirkungen auf die norwegische Impfstrategie. 

Wie uns das NIPH außerdem schrieb, wurden bisher 48.000 Menschen in Norwegen geimpft (Stand 19. Januar 2021). „Manche sind Mitarbeiter im Gesundheitssystem, aber die meisten sind Menschen, die in Pflegeeinrichtungen leben. Die meisten der Geimpften haben die Impfung gut vertragen.“ Ein großer Teil dieser Menschen sei sterbenskrank oder habe schwere Vorerkrankungen, mit einer kurzen Lebenserwartung.

Auszug aus der E-Mail des Norwegian Institute of Public Health (Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Bei „sehr gebrechlichen“ Menschen soll abgewogen werden, Norwegen empfiehlt die Impfung aber weiterhin

In manchen deutschen Medienberichten, zum Beispiel bei der Taz, heißt es, Norwegen habe aufgrund der Todesfälle seine Impfempfehlungen „geändert“. 

Auf Nachfrage schrieben uns die beiden Gesundheitsbehörden, das NIPH habe seine Empfehlungen für gebrechliche oder sterbenskranke Menschen noch einmal „betont“. 

Weiterer Auszug aus der E-Mail der Norwegischen Arzneimittelbehörde (Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

In seinen Ratschlägen für Impfungen schreibt das NIPH aktuell, bei „sehr gebrechlichen“ Patienten sei der individuelle Nutzen der Impfung gegen Nachteile der Impfung abzuwägen. „Für die überwiegende Mehrheit der älteren Menschen, die mit Gebrechlichkeit leben, werden alle Nebenwirkungen des Impfstoffs durch ein geringeres Risiko einer schweren Erkrankung an Covid-19 mehr als ausgeglichen. Für diejenigen mit den schwersten Schwächen können jedoch selbst relativ milde Nebenwirkungen des Impfstoffs schwerwiegende Folgen haben.“ (Stand 19. Januar 2021)

In einer im „Internet Archive“ gespeicherten älteren Version des Dokuments vom 4. Januar war dieser Absatz noch nicht zu finden. In einer Version vom 15. Januar ist er bereits enthalten. Die Hinweise auf der Webseite wurden also tatsächlich vom NIPH verändert. 

Per E-Mail an CORRECTIV.Faktencheck schrieb die Behörde, die Liste der priorisierten Gruppen für die Impfung sei allerdings nicht verändert worden. Dort stehen an erster Stelle weiterhin Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeheimen und ausgewählte Gruppen von medizinischem Personal. 

Fazit

Es gibt keine Belege, dass 23 Menschen in Norwegen aufgrund der Impfung gestorben sind. Auch bei den 13 Todesfällen, die untersucht wurden, steht ein kausaler Zusammenhang laut den Gesundheitsbehörden nicht fest. Der Impfstoff von Pfizer und Biontech wurde in Norwegen nicht verboten – er wird weiterhin verabreicht, auch älteren Menschen. 

Redigatur: Sarah Thust, Uschi Jonas

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Pressemitteilung der Arzneimittelbehörde Legemiddelverket (15. Januar 2021): Link (Englisch)
  • Bericht über Nebenwirkungen und Verdachtsfälle (wöchentlich aktualisiert): Link (Englisch)
  • Norwegische Impfstrategie: Link (Englisch)
  • Empfehlungen vom Norwegian Institute of Public Health (Impf-Leitfaden für medizinisches Personal): Link (Norwegisch) 

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