Faktencheck

Es gibt keine Hinweise, dass mRNA-Impfstoffe gegen Covid-19 die menschliche DNA verändern

Schon länger kursiert das Gerücht, mRNA-Impfstoffe gegen Covid-19 würden die menschliche DNA dauerhaft verändern. Doch Experten widersprechen.

von Uschi Jonas

Es gibt keine Belege dafür, dass mRNA- oder andere Covid-19-Impfstoffe in das menschliche Erbgut eingreifen.
Es gibt keine Belege dafür, dass mRNA- oder andere Covid-19-Impfstoffe in das menschliche Erbgut eingreifen. (Symbolbild: Unsplash/ National Cancer Institute)
Behauptung
Covid-19-Impfstoffe würden in die menschliche DNA eingreifen und es gebe eine „gentechnologische Veränderung“.
Bewertung
Unbelegt. Es gibt keine Belege, dass mRNA-Impfstoffe das menschliche Erbgut verändern.

Auf Facebook verbreitet sich ein Video von Kla.tv, in dem davor gewarnt wird, dass Covid-19-Impfstoffe angeblich die menschliche DNA verändern würden. „Dringender Weckruf: Corona-Impfung greift in DNA ein“, heißt es ganz zu Beginn. Das Video wurde bereits mehr als 3.200 Mal auf Facebook geteilt. Doch es gibt Experten zufolge keine Belege dafür, dass es möglich wäre, das menschliche Erbgut durch einen Impfstoff zu verändern.

Kla.tv – vollständig Klagemauer.tv – verbreitet laut Medienberichten (hier und hier) seit Jahren irreführende Informationen, aktuell auch zum Coronavirus. So suggerierte der Kanal im Februar 2020, das Coronavirus sei eine Biowaffe und im Labor entwickelt worden. 

Behauptung über Genmanipulation kursiert seit Monaten

Die Behauptung, das Erbgut werde mRNA-Impfstoffe verändert, wird seit Monaten verbreitet – der Arzt Michael Spitzbart verbreitete sie bereits im Mai 2020 auf Facebook und Wolfgang Wodarg schrieb auf seiner Webseite im Juni 2020, mit dem Impfstoff werde der Mensch „genetisch modifiziert“. 


Kla.tv greift für die Behauptung, dass die Impfstoffe in die DNA des Menschen eingreifen würden, auf Statements von Stefan Hockertz und Wolfgang Wodarg zurück. Sowohl der Immunologe Hockertz als auch Mediziner Wodarg verbreiteten seit Beginn der Pandemie Irreführendes und teilweise Falsches über das Coronavirus. Wir haben zu ihren Thesen bereits mehrere Faktenchecks veröffentlicht.

Im Video von Kla.tv ist Wolfgang Wodarg ab Minute 2:29 zu hören: „Diese Impfung verändert den Menschen, der geimpft wird, genetisch.“ Auf welchen Impfstoff er sich damit konkret bezieht, wird nicht klar. Ab Minute 3:20 sagt dann Hockertz: „Geplant […] ist, dass freie mRNA, also freies genetisches Material, in unsere Zellen direkt hineingebracht werden und dann von unseren Zellen abgelesen werden. Dies bedeutet ganz klar eine gentechnologische Veränderung des Menschen.“

Was ist RNA oder mRNA?

Im NDR-Podcast Coronavirus-Update vom 12. Januar 2021 erklärte Sandra Ciesek, Virologin am Universitätsklinikum Frankfurt: „Die Erbinformation von Menschen besteht aus DNA und die Erbinformation des Virus und auch der Impfstoff ist eine RNA. Deshalb ist das nicht kompatibel, sage ich jetzt mal so laienhaft, und extremst unwahrscheinlich und passiert einfach nicht. Das wäre sicherlich aufgefallen, wenn das der Fall wäre. Aber es macht biologisch einfach keinen Sinn.“ 

Um das zu verstehen, muss man wissen, was RNA ist. 

RNA beziehungsweise Ribonukleinsäure ist laut Definition eine Nukleinsäure. Sie hat verschiedene Funktionen im menschlichen Körper. Zum einen kann RNA genetische Information übertragen. Eine weitere wesentliche Funktion ist die Umsetzung von genetischer Information in Proteine. 

DNA beziehungsweise Desoxyribonukleinsäure ist ebenfalls eine Nukleinsäure, allerdings chemisch etwas anders aufgebaut. Die DNA enthält die Erbinformationen von Lebewesen. Anders als RNA, die als Einzelstrang vorkommt, hat sie die Form eines Doppelstranges. Vereinfacht ausgedrückt: Die DNA ist beim Menschen das permanente Speichermedium für die genetische Information, die RNA dient als Zwischenspeicher und Überträger von Informationen. mRNA steht für „messenger RNA“ – also „Boten-RNA“.

Es gibt auch RNA-Viren. Diese nutzen RNA anstelle der DNA als permanentes Speichermedium ihrer Erbinformation. Zu diesen Viren zählen zum Beispiel Masern- oder Ebola-Viren und eben auch Coronaviren.

Wie funktioniert ein mRNA-Impfstoff?

Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) ist das deutsche Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel. Pressesprecherin Susanne Stöcker erklärte CORRECTIV.Faktencheck bereits im August, wie ein mRNA-Impfstoff funktioniert: „[mRNA-Impfstoffe] werden synthetisch hergestellt und enthalten Teile der Erbinformation des Virus in Form von RNA, die den Bauplan für ein oder mehrere Virusproteine bereitstellen. Die Körperzellen nutzen die RNA als Vorlage, um das oder die Virusproteine selbst zu produzieren.“ Dabei werde aber nur ein Bestandteil des Virus gebildet, vermehrungsfähige Viren könnten nicht entstehen.

„Während bei vielen herkömmlichen Impfstoffen das Antigen selbst injiziert wird, wird also beim mRNA-Impfstoff die genetische Information gespritzt, sodass der Körper das Antigen selbst bildet“, schreibt das PEI auf seiner Webseite.

mRNA-Impfstoffe regen den Körper an, ein Protein zu produzieren – das Immunsystem bildet dann Antikörper dagegen

Das Virus SARS-CoV-2 nutzt das sogenannte Spike-Protein, um an Zellen anzudocken und die Aufnahme des Virus in die Zelle zu vermitteln und sie somit zu befallen. Dieser Prozess wird beim Impfen genutzt: Die mRNA-Impfstoffe regen die menschlichen Zellen an, dieses Spike-Protein herzustellen. 

„In den Zellen wird die Erbinformation, die auf der mRNA kodiert ist, ausgelesen und in Protein übersetzt (translatiert)“, erläutert eine Sprecherin des Robert-Koch-Instituts (RKI) per E-Mail. Dieses ausgehend von der mRNA nach dem Impfen in Körperzellen gebildete Spike-Protein rege als Antigen das Immunsystem des Körpers dazu an, Antikörper gegen SARS-CoV-2 zu produzieren. 

Ausschnitt aus der E-Mail des RKI an CORRECTIV.Faktencheck (Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)
Ausschnitt aus der E-Mail des RKI an CORRECTIV.Faktencheck (Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Auf diese Weise funktionieren zum Beispiel der bereits in der EU zugelassene Impfstoff von Biontech und Pfizer und der Impfstoff der Tübinger Firma CureVac, der sich seit Dezember in einer Phase-III-Studie befindet.

Till Koch, Facharzt für Innere Medizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) ergänzt im Gespräch mit CORRECTIV.Faktencheck: „Auch die vektorbasierten Impfstoffe, zum Beispiel von AstraZeneca oder Johnson & Johnson funktionieren im Prinzip so, dass sie genetisches Material in die Zellen einschleusen, um daraufhin das Spike-Protein zu produzieren. Sie benutzen jedoch eine andere Methode dafür, da sie die Bauanleitung für das Spike-Protein nicht direkt als RNA einbringen, sondern über ein Trägervirus.“

Paul-Ehrlich-Institut: „Eine Integration von RNA in DNA ist unter anderem aufgrund der unterschiedlichen chemischen Struktur nicht möglich“

Für die Aussagen, dass diese Erbinformationen des Virus die menschlichen Erbanlagen, also die menschliche DNA, dauerhaft verändern könnten, gibt es keine Belege. 

Susanne Stöcker vom PEI erklärte dazu: „Selbst wenn die Impfstoff-RNA in das Genom integriert würde, dann wäre das Ergebnis, dass das Spike-Protein von der Zelle hergestellt und vom Immunsystem erkannt würde und dann die betroffene Zelle abgetötet würde.“ 

Auf der Webseite des PEI steht in einer Erklärung von Ende Juli, es bestehe keine Gefahr einer Integration von mRNA in das menschliche Genom, sprich die Erbinformationen. „Beim Menschen befindet sich das Genom in Form von DNA im Zellkern. Eine Integration von RNA in DNA ist unter anderem aufgrund der unterschiedlichen chemischen Struktur nicht möglich. Es gibt auch keinen Hinweis darauf, dass die von den Körperzellen nach der Impfung aufgenommen mRNA in DNA umgeschrieben wird.“

Experte: „Eigentlich ist es nicht möglich, dass RNA in DNA umgeschrieben wird“

Auch Till Koch vom UKE erklärt uns gegenüber: „Eigentlich ist es nicht möglich, dass RNA in DNA umgeschrieben wird, weil man dazu ein spezielles Enzym braucht, die Reverse Transkriptase, die man zum Beispiel im HI-Virus findet.“ Es gebe im Körper immer bestimmte Viren, die diese Reverse Transkriptase besitzen. „Aber trotzdem ist es extrem unwahrscheinlich, dass RNA in DNA umgeschrieben wird. Unter anderem, weil nicht jede RNA gleich ist. Die mRNA ist speziell so präpariert, dass sie ihre Information nur in die eine Richtung, sprich Richtung Protein weitergeben kann.“ 

Weiter erklärt Koch: „Und man muss bedenken: Bei jeder Virusinfektion mit einem RNA-Virus auch bei SARS-CoV-2-Infektionen machen die Viren genau das. Sie bringen fremde RNA in die menschlichen Zellen ein. Nur eben viel stärker, als durch einen mRNA-Impfstoff. Denn sie vervielfältigen in der Zelle solange RNA und bauen damit neue Viruspartikel, bis die Zelle kaputt geht. Wohingegen bei Zellen, die den Impfstoff aufnehmen, ist irgendwann Schluss, die RNA wird dann abgebaut und ist nicht mehr da.“

Das bestätigt uns auch die Pressesprecherin des RKI: „Die mRNA der RNA-Impfstoffe wird nach kurzer Zeit von den Zellen abgebaut. Sie wird nicht in DNA umgebaut und hat keinen Einfluss auf die menschliche DNA, weder in Körperzellen noch in Keimbahnzellen. Nach dem Abbau der mRNA findet keine weitere Produktion des Antigens statt.“

Redigatur: Sarah Thust, Alice Echtermann

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Pressemitteilung des Paul-Ehrlich-Instituts vom April 2020 zur Impfstoffentwicklung: Link
  • Erläuterungen des Paul-Ehrlich-Instituts zu mRNA und dem menschlichen Erbgut: Link
  • NDR Info-Podcast Coronavirus-Update vom 12. Januar 2021: Link

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