Faktencheck

Nein, die Wissenschaftlerin Marylyn Addo hat keine schweren Nebenwirkungen des Biontech-Impfstoffs enthüllt 

Im Netz wird behauptet:  Marylyn Addo, Leiterin der Infektiologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) habe gesagt, dass der Impfstoff von Biontech und Pfizer nach der zweiten Impfdosis bei 60 Prozent der Studienteilnehmer Schüttelfrost verursacht habe. Doch hier fehlt sämtlicher Kontext – denn der Vortrag war im November und es ging gar nicht um diesen Impfstoff.

von Matthias Bau

Marylyn Addo
Marylyn Addo bei einer Pressekonferenz am UKE. (Symbolbild: Picture Alliance / DPA / Christian Charisius)
Behauptung
Marylyn Addo habe bei einem Vortrag gesagt, dass nach der ersten Dosis des Impfstoffes der Firmen Biontech und Pfizer 20 Prozent der Studienteilnehmer Fieber bekamen. Nach der zweiten Dosis hätten 60 Prozent an Schüttelfrost gelitten.
Bewertung
Größtenteils falsch
Über diese Bewertung
Größtenteils falsch. Marylyn Addo bezog sich laut der Pressesprecherin des UKE nicht auf den Impfstoff der Firmen Biontech und Pfizer, sondern auf die erste klinische Studie (Phase I) des Impfstoffs von Moderna. Die Daten sind teilweise falsch und nicht aktuell. 

Auf Facebook kursiert ein Bild mit Text, das irreführende Behauptungen über Aussagen der  Infektiologin Marylyn Addo verbreitet. Der Beitrag suggeriert, dass Addo in Vorträgen bisher unveröffentlichte Studienergebnisse präsentiert habe. Diese zeigten angeblich, dass 60 Prozent der Probanden einer Studie an Schüttelfrost litten, nachdem sie die zweite Dosis des Impfstoffes von Biontech und Pfizer erhalten hatten. Nach der ersten Dosis hätten 20 Prozent Fieber gehabt. Als Quelle wird ein Bericht der Seite 2020News angegeben.

Doch der Facebook-Beitrag und der Bericht von 2020News führen in die Irre. Nach Aussage des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) bezog sich die Forscherin mit ihren Aussagen nicht auf den Impfstoff von Pfizer und Biontech, sondern auf Daten über den Impfstoff von Moderna aus einer älteren Phase-I-Studie. 

Der Impfstoff von Pfizer und Biontech war der erste, der in der EU zugelassen wurde, er wird seit Dezember in Deutschland eingesetzt. Eine EU-Zulassung für den Impfstoff von Moderna erfolgte am 6. Januar 2021, ein paar Tage später trafen die ersten Lieferungen in Deutschland ein.  

Eine Sprecherin des UKE teilte auf Anfrage von CORRECTIV.Faktencheck mit, dass das UKE „an keiner Studie mit dem mRNA-1273 Impfstoff (Moderna) beteiligt sei. Marylyn Addo ist Leiterin der Infektiologie am UKE, sie sei die verantwortliche Prüfärztin der Phase-III-Impfstoffstudie von BioNTech/Pfizer für Hamburg“.

Facebook-Beitrag mit Behauptung über Addo
Dieser Facebook-Beitrag führt mit Behauptungen zu Aussagen der Infektiologin Marylyn Addo in die Irre. (Quelle: Facebook / Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Marylyn Addo sprach laut UKE im November über Nebenwirkungen des Impfstoffs von Moderna

Eine Sprecherin des UKE teilte auf Anfrage von CORRECTIV.Faktencheck per E-Mail mit, dass es um die Aussagen der Forscherin in einem Vortrag vom 27. November 2020 im Rahmen des 28. Symposiums des Bundesverbandes Medizinischer Auftragsinstitute gehe. Sie bezogen sich jedoch auf eine Publikation zu den Daten der Phase-I-Studie zum Impfstoff mRNA-1273 von Moderna – nicht auf den Impfstoff von Biontech und Pfizer. 

Auszug aus einer E-Mail des UKE (Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Marylyn Addo hat bei der Veranstaltung einen Vortrag mit dem Titel Impfstoffe in der klinischen Forschung in schnellen Schritten zur Zulassung“ gehalten. Über eine Internetrecherche fanden wir eine öffentlich zugängliche Zusammenfassung aller Vorträge (PDF). Daraus geht hervor, dass sich die Infektiologin sowohl zum Imfpstoff von Biontech und Pfizer als auch zum Impfstoff von Moderna geäußert hat (ab Seite 10)

Inwiefern Addo sich konkret zu den Nebenwirkungen Schüttelfrost und Fieber geäußert hat, geht aus der Zusammenfassung nicht hervor. Eine vollständige Aufzeichnung der Vorträge ist nicht öffentlich verfügbar. Es gibt also keine Belege, ob Addo in dem Vortrag das gesagt hat, was behauptet wird. 

Unabhängig davon stimmen die im Facebook-Beitrag genannten Daten jedoch auch nicht alle für den Moderna-Impfstoff. 

Die Studie, auf die sich die Sprecherin des UKE in ihrer E-Mail bezieht, erschien unter dem Namen An mRNA Vaccine against SARS-CoV-2 — Preliminary Report am 12. November im New England Journal of Medicine. Bei der Studie handelt es sich um eine sogenannte Phase-I-Studie, in der zum ersten Mal an einer Gruppe von 45 erwachsenen Probanden der Wirkstoff mRNA-1273 der Firma Moderna erprobt wurde. 

Es gibt bei der Erprobung von Impfstoffen drei Studienphasen. Die Daten aus den Phase-III-Studien zu Moderna wurden laut Medienberichten Anfang Januar veröffentlicht.

Fieber trat in Phase-I-Studie nur nach der zweiten Impfdosis auf

In dem Facebook-Beitrag heißt es, dass 20 Prozent der Probanden nach der ersten Impfdosis Fieber bekommen hätten, 60 Prozent der Probanden hätten nach der zweiten Impfdosis unter teils heftigem Schüttelfrost gelitten. Diese Zahlen finden sich in der genannten Phase-I-Studie nur teilweise. 

Die Probanden der Studie erhielten den Impfstoff in verschiedenen Dosierungen: 25, 100 oder 250μg (µg = Mikrogramm). In jeder Versuchsgruppe waren 15 Probanden. Es wurde dokumentiert, welche Nebenwirkungen bei wie vielen Personen nach der ersten oder zweiten Gabe auftraten und wie stark die Symptome waren („mild“, „moderat“ oder „schwer“).  

Studie Phase I Moderna-Impfstoff
Nebenwirkungen des Wirkstoffs mRNA-1273 der Firma Moderna nach Dosierung und Zeitpunkt der Gabe in der Phase-I-Studie. Die Prozentangabe beziehen sich auf den Anteil der betroffenen Personen in der jeweiligen Versuchsgruppe, die aus bis zu 15 Personen bestand. (Quelle: The New England Journal of Medicine/ Screenshot und Markierung: CORRECTIV.Faktencheck)

Nach der ersten Gabe des Impfstoffe litt keiner der Probanden unter Fieber (Fever), egal wie hoch die Dosierung ausfiel. Die genauen Werte finden sich hier im ergänzenden Anhang der Studie. 

Nach der zweiten Impfdosis trat Fieber bei 6 von 15 Personen auf, die die mittlere Dosierung (100 Mikrogramm) erhalten hatten (40 Prozent). In der Gruppe mit der höchsten Dosierung (250 Mikrogramm) waren es 8 von 14 Personen (57 Prozent). Die Prozentangaben beziehen sich nur auf die jeweilige Versuchsgruppe. Insgesamt bekamen 14 von 42 Personen nach der zweiten Impfdosis Fieber (rund 33 Prozent). 

An Schüttelfrost („Chills“) litten nach der zweiten Impfung bei der niedrigsten Dosierung 7,7 Prozent (1 von 13 Personen). Bei der mittleren Dosierung waren es 80 Prozent – 12 von 15 Personen. 53,3 Prozent beschrieben die Symptome hierbei als mild, 26,7 Prozent als moderat. Bei der höchsten Dosierung litten 85,7 Prozent der Probanden nach der zweiten Impfdosis unter Schüttelfrost (12 von 14 Personen). Von den Betroffenen zeigten 28,6 Prozent milde, 35,7 Prozent moderate und 21,4 Prozent schwere Symptome. 

Insgesamt bekamen 25 von 42 Probanden nach der zweiten Impfdosis Schüttelfrost, also rund 60 Prozent. Nur diese Angabe in dem Facebook-Beitrag ist also korrekt. Die Zahlen lassen jedoch keine Schlüsse über die Sicherheit des Impfstoffes nach heutigem Stand zu. 

Dosierung des inzwischen zugelassenen Moderna-Impfstoffes liegt bei 100 Mikrogramm

Mittlerweile liegen weitere Studien zu dem Impfstoff von Moderna vor. An der Phase-III Studie nahmen 30.000 Probanden teil. Der Impfstoff wurde, genau wie derjenige von Biontech und Pfizer (PDF ab Seite 8), an zehntausenden Probanden getestet. Die Ständige Impfkommission der Bundesrepublik Deutschland beurteilt beide Impfstoffe als gleich sicher und wirksam und empfiehlt sie zur Anwendung. 

Am 6. Januar teilte die Europäische Kommission mit, dass dem Impfstoff von Moderna eine bedingte Zulassung durch die Europäische Arzneimittel-Agentur erteilt wurde. Die erlaubte Dosierung liegt bei 100 Mikrogramm. Diese Dosierung sei damit weitaus niedriger als die, bei der in der Phase-I-Studie die Nebenwirkungen Fieber und Schüttelfrost auftraten, schrieb uns die Sprecherin des UKE. 

Addo: Nebenwirkungen, die auch bei anderen Impfungen vorkommen können

In einem Interview mit dem Deutschlandfunk Anfang Dezember 2020 sagte Infektiologin Addo: Es sind Prozesse beschleunigt worden in dieser Pandemie, wo es möglich war, aber in keinen sicherheitsrelevanten Fragen ist da ein Kompromiss eingegangen worden.“ 

Zu den Nebenwirkungen der Impfstoffe von Biontech und Pfizer sowie Moderna sagte sie: „Die Entwickler haben ja schon aus diesem Entwicklungsprogramm Daten publiziert. Da kann man das genau nachlesen, was in diesen frühen Studien an Nebenwirkungsprofilen gesehen wurde. Das sind Nebenwirkungen wie Kopfschmerzen, Abgeschlagenheit, Müdigkeit, Fieber, Schüttelfrost. Das sind aber vom Spektrum her Nebenwirkungen, die auch bei anderen Impfungen wie zum Beispiel der Gelbfieberimpfung oder auch der Grippeimpfung durchaus vorkommen können.

Redigatur: Uschi Jonas, Alice Echtermann

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck: 

  • Phase-I-Studie des Moderna-Impfstoffs: „An mRNA Vaccine against SARS-CoV-2 — Preliminary Report“ im New England Journal of Medicine: Link (Englisch)
  • Phase-III-Studie des Moderna-Impfstoffs: „Efficacy and Safety of the mRNA-1273 SARS-CoV-2 Vaccine“ im New England Journal of Medicine: Link (Englisch)
  • Pressemitteilung „Europäische Kommission erteilt zweite Zulassung für sicheren und wirksamen Impfstoff gegen COVID-19“: Link
  • Pressemitteilung „COVID-19: EU-Kommission erteilt BionTech/Pfizer-Impfstoff erste EU-weite Zulassung“: Link
  • Epidemiologisches Bulletin 2/2021 des Robert Koch-Instituts: Link
  • Zusammenfassung der Vorträge des „28. Symposiums des Bundesverbandes der Medizinischen Auftragsinstitute“: Link