Faktencheck

Abbau von Krankenhäusern: Grafik stellt offizielle Zahlen irreführend dar

In einem Telegram-Beitrag ist die Rede von einem „massiven Abbau“ von Krankenhäusern „zu Lasten des Gesundheitssystems“. Als Beleg dient eine Grafik. Die Grundaussage, dass die Zahl der Krankenhäuser in Deutschland seit dem Jahr 2000 zurückgegangen ist, ist zwar richtig – doch die Grafik stellt die Daten manipulativ dar. So wirkt es, als sei die Zahl viel stärker gesunken als es tatsächlich der Fall ist.

von Sarah Thust

Verzerrte Grafik
Diese Grafik kursiert auf Telegram und stellt die Entwicklung von Krankenhäusern verzerrt dar. (Quelle: Telegram / Screenshot und Collage: CORRECTIV.Faktencheck)
Behauptung
Eine Grafik stellt Daten zur Zahl der Krankenhäuser in Deutschland von 2000 bis 2020 dar und erweckt den Eindruck eines massiven Rückgangs.
Bewertung
Manipuliert. Die Zahlen für 2019 und 2020 in der Grafik basieren auf eigenen Berechnung und sind falsch beziehungsweise unbelegt. Insgesamt sind die Daten verzerrt dargestellt: Die Anzahl der Krankenhäuser ist gesunken, aber nicht so stark wie es optisch scheint.

Seit 2000 sinke die Zahl der Krankenhäuser in Deutschland, heißt es in einem Beitrag auf Telegram vom 3. Dezember. Die Rede ist von einem „massiven Abbau zu Lasten des Gesundheitssystems“. Belegt wird dies mit einer Grafik, die auch Ende Januar noch an verschiedenen Stellen im Internet kursierte (hier oder hier).

Die Grundaussage stimmt: Die Zahl der Krankenhäuser in Deutschland ist seit 2000 gesunken. Doch die Daten, die für die Grafik verwendet wurden, sind teilweise falsch beziehungsweise unbelegt. Die Zahlen werden zudem verzerrt dargestellt. So wirkt der Rückgang dramatischer als er tatsächlich ist. 

Der Effekt wird dadurch erzeugt, dass die linke, vertikale Achse für die Zahl der Krankenhäuser nicht bei null beginnt, sondern bei 1.700. Dadurch wirken die Balken am rechten Ende der Skala sehr kurz. Es wird optisch ein Rückgang um mehr als die Hälfte suggeriert, obwohl tatsächlich eine Verringerung von 2.242 auf 1.890 (rund 15,7 Prozent) dargestellt wird.  


Diese Grafik täuscht: Die Zahl der Krankenhäuser ist nicht so stark gesunken, wie es hier scheint.
Diese Grafik täuscht: Die Zahl der Krankenhäuser ist nicht so stark gesunken, wie es hier scheint. (Quelle: Telegram / Screenshot vom 1. Februar 2021: CORRECTIV.Faktencheck)

Die Zahl der Krankenhäuser in Deutschland sinkt seit dem Jahr 2000

In dem Telegram-Beitrag vom 3. Dezember heißt es: „Diese Grafik zeigt die Anzahl der Krankenhäuser von 2000 bis 2020. Dabei gibt es valide Daten bis 2018. Der Trend, der sich daraus errechnen lässt, besagt, dass pro Jahr im Schnitt 17,62 Krankenhäuser geschlossen werden. Demnach ergeben sich die in ROT dargestellten Werte für 2019 und 2020.“ 

Die blauen Balken in der Grafik stehen für die Anzahl der Krankenhäuser von 2000 bis 2018. Eine Auswertung von Statista wird als Quelle genannt – diese bezieht ihre Daten wiederum vom Statistischen Bundesamt. 

Wir haben dem Statistischen Bundesamt für einen anderen Faktencheck eine ähnliche Grafik zur Überprüfung vorgelegt. Die blauen Balken für die Anzahl der Krankenhäuser von 2000 bis 2018 basieren demnach auf den Erhebungen des Statistischen Bundesamt für die „Grunddaten der Krankenhäuser“ und sind weitestgehend richtig. Die Zahl für 2015 weicht leicht ab: dargestellt sind 1.961 Krankenhäuser, es waren aber 1.956.

Keine Belege für Zahlen der Krankenhäuser 2019 und 2020

Die Zahlen des Bundesamtes liegen allerdings nur bis zum Jahr 2018 vor. Darum wurden die Werte für 2019 und 2020, die mit roten Balken dargestellt sind, in der Telegram-Grafik nach eigenen Angaben „statistisch ermittelt“. 

Eine gelbe Kurve hinter den blauen und roten Balken soll offenbar zeigen, wie der Abbau der Krankenhäuser berechnet wurde. Die statistisch ermittelten Zahlen sind versehen mit dem Hinweis „unseriös, s. correctiv.org“. 

Dies bezieht sich vermutlich auf einen Faktencheck, den wir am 1. Dezember 2020 veröffentlicht haben. In Bezug auf eine andere Grafik berichteten wir über eine unseriöse Darstellung der Intensivbetten-Auslastung, weil mehrere Werte auf Eigenberechnungen des Autors beruhten, aber nicht als solche gekennzeichnet waren. In der aktuellen Grafik wird darauf nun explizit hingewiesen. 

Die Anzahl der Krankenhäuser in Deutschland von 2000 bis 2018 wird irreführend dargestellt.
Die Anzahl der Krankenhäuser in Deutschland von 2000 bis 2018 wird irreführend dargestellt. (Quelle: Telegram / Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Doch auch hier gilt: Aus einem Durchschnitt der Vorjahre lässt sich nicht zuverlässig ableiten, wie viele Kliniken pro Jahr geschlossen werden.

Laut einer Mitteilung des Statistischen Bundesamtes gab es im Jahr 2019 in Deutschland 1.914 Krankenhäuser, nicht 1.907. „Dabei sind die Angaben für Niedersachsen vorläufige Ergebnisse und die Angaben für Mecklenburg-Vorpommern entsprechen den Ergebnissen des Berichtsjahres 2018. Endgültige Ergebnisse liegen voraussichtlich im Laufe des Monats Februar 2021 vor“, schrieb uns eine Sprecherin des Bundesamtes per E-Mail. Daten für 2020 gebe es noch nicht.

Die Zahl der Krankenhäuser sagt nichts über die Qualität der Gesundheitsversorgung in Deutschland aus

Statistisch gesehen kann ein Krankenhaus mehrere Fachabteilungen oder Fachkliniken umfassen. Allein die Anzahl der Krankenhäuser sagt also nichts über die Qualität der Gesundheitsversorgung in Deutschland aus. Eine Sprecherin des Statistischen Bundesamtes schrieb uns dazu: „Die Anzahl der in der amtlichen Krankenhausstatistik nachgewiesenen Krankenhäuser nimmt infolge von Schließungen, aber auch durch die Fusion mehrerer ehemals eigenständiger Einrichtungen zu einem Krankenhaus ab.“ 

Auszug aus der E-Mail einer Sprecherin des Statistischen Bundesamtes
Auszug aus der E-Mail einer Sprecherin des Statistischen Bundesamtes (Screenshot und Markierung: CORRECTIV.Faktencheck)

Darauf wies uns auch Katharina Schüller, Geschäftsführerin und Gründerin von Stat-Up, einem Spezialanbieter für Statistische Beratung und Data Science, hin. Schüller ist Diplom-Statistikerin und Mitglied des „Unstatistik-Teams“ vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) in Essen, das regelmäßig eine „Unstatistik“ veröffentlicht. „Die Aktion will so dazu beitragen, mit Daten und Fakten vernünftig umzugehen, in Zahlen gefasste Abbilder der Wirklichkeit korrekt zu interpretieren und eine immer komplexere Welt und Umwelt sinnvoller zu beschreiben“, heißt es auf der Website des RWI.

Statistikerin rät: Eine Grafik prüft man, indem man sich die Zahlen wegdenkt

Eine manipulative Grafik liegt laut Schüller vor, wenn die Aussage, die sich herauslesen lässt, nicht mit derjenigen übereinstimmt, die sich aus den Zahlen errechnet. „Ob eine Grafik allein durch die Darstellung manipulativ ist, prüft man sehr leicht, indem man sich die Zahlen wegdenkt“, schrieb sie uns.

Ein konkreter Hinweis ist laut Schüller in diesem Fall die Y-Achse für die Krankenhäuser, die erst bei 1.700 beginnt. Für die Jahre 2019 und 2020 wurde zudem unterstellt, dass sich die Zahl der Krankenhäuser jedes Jahr um einen gewissen Prozentsatz verringere. „Dafür gibt es aber kein vernünftiges Argument: Die Korrelation zwischen Zeit und Anzahl der Krankenhäuser ist eben keine Kausalität und erlaubt keine sachlogische Prognose.“

Schüller schrieb uns weiter: Je nachdem, ob man Krankenhäuser, Betten, Intensivbetten oder Ärzte in einer Grafik abbilde, komme man zu sehr unterschiedlichen Ansichten (eine grafische Darstellung verschiedener Beispiele sehen Sie hier). Daraus lassen sich unterschiedliche Schlüsse über den Zustand des Gesundheitssystems ziehen. Die durch die Facebook-Grafik suggerierte dramatische Unterversorgung der Bevölkerung lasse sich mit den vorliegenden Daten aber in keinem Fall begründen, so Schüller.

Redigatur: Alice Echtermann, Steffen Kutzner

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Grunddaten der Krankenhäuser 2018 vom Statistischen Bundesamt: Link
  • Krankenhäuser 2019 nach Trägern und Bundesländern vom Statistischen Bundesamt: Link
  • Genesis-Datenbank des Statistischen Bundesamtes: Link




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