Faktencheck

Irreführender Vergleich der Daten zur Auslastung von Intensivbetten 2018 und 2020

In den Sozialen Netzwerken verbreitet sich ein Diagramm, das einen Vergleich der Auslastung von Intensivbetten in den Jahren 2018 und 2020 zeigt. Doch das Diagramm ist irreführend, die Daten lassen sich nicht vergleichen.

von Sarah Thust

Diagramm stellt angeblichen Intensivbetten-Vergleich auf
Diese Grafik zur Auslastung der Intensivbetten ist irreführend; sie vergleicht einen Jahresdurchschnitt für ganz 2018 mit täglich gemeldeten Kapazitäten von Kliniken seit März 2020. (Quelle: Telegram / Screenshot: CORRECTV)
Behauptung
Die Daten zur Auslastung von Intensivbetten in den Jahren 2018 und 2020 würden zeigen, dass „kein großer Unterschied“ bestehe.
Bewertung
Falscher Kontext
Über diese Bewertung
Falscher Kontext. Die Grafik ist irreführend; sie vergleicht einen Jahresdurchschnitt für ganz 2018 mit täglich gemeldeten Kapazitäten von Kliniken seit März 2020. Die Daten sind nicht vergleichbar.

In den Sozialen Netzwerken wird ein Diagramm geteilt, das die durchschnittliche Auslastung von Intensivbetten in Deutschland 2018 mit der monatlichen Auslastung von 2020 vergleicht. Dazu wird behauptet, dass Covid-19-Patienten „quasi“ nichts zur Belegung beitragen. 

Verbreitet wurde das Diagramm auf dem Telegram-Kanal von Bodo Schiffmann am 3. November, der Beitrag wurde laut Telegram mehr als 85.600 Mal gesehen. Auch auf Facebook wurde das Diagramm geteilt, zum Beispiel hier und hier

Der Telegram-Beitrag von Bodo Schiffmann.
Der Telegram-Beitrag von Bodo Schiffmann. (Quelle: Telegram / Screenshot vom 30. November: CORRECTIV)

Doch der aufgestellte Vergleich führt in die Irre. Die Methodik, mit der die Daten von 2018 und 2020 erhoben wurden, ist unterschiedlich. Zudem wurde das Diagramm so erstellt, dass es wirkt, als wären weniger Betten belegt, als es tatsächlich der Fall ist.


Daten für 2018 sind ein Jahresdurchschnitt

Das Diagramm zeigt 28 Balken mit farbigen Kategorien, die folgendermaßen beschriftet sind: 

  • Für 2018: „Durchschnittliche ICU-Belegung“ (gelb), „ICU-Bettenkapazität“ (rosa Linie)
  • Für 2020: „Gemeldete Intensivbettenkapazität“ je Kalenderwoche (grün), „Gesamtbelegung Intensivbetten“ (rot), „Belegung mit positivem PCR-Test“ (blau).

Es fällt auf, dass der gelbe Balken für die „durchschnittliche Bettenbelegung“ 2018 für jede Woche gleich hoch ist. Das liegt daran, dass es sich nicht um Wochendaten, sondern um einen Jahresdurchschnitt handelt. 

Unter dem Diagramm wird nur eine Quelle für die Daten von 2018 angegeben: die „Grunddaten der Krankenhäuser“ vom Statistischen Bundesamt. Die „ICU-Bettenkapazität“ für 2018 entspricht den Angaben für „Intensivbetten“ in Allgemeinen Krankenhäusern aus diesen „Grunddaten der Krankenhäuser“ (Seite 19). In der Statistik werden „aufgestellte Betten“ erfasst, also alle betriebsbereit aufgestellten Betten des Krankenhauses zur vollstationären Behandlung. Die Zahl der aufgestellten Betten wird als Jahresdurchschnittswert der an den Monatsenden vorhandenen Betten ermittelt. 

Daten für 2020 sind täglich gemeldete, reale Intensiv-Kapazitäten von Krankenhäusern

Woher die Daten von 2020 in der Statistik (grün, blau und rot dargestellt) stammen, ist unklar. Vermutlich stammen sie aber aus dem DIVI-Intensivregister, das die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) erst seit März 2020 erstellt. Die Statistik zu Intensivbetten in Deutschland wird täglich im DIVI-Intensivregister veröffentlicht. Sie enthält die Daten, die Krankenhäuser selbst melden – und am 30. März beteiligten sich daran noch deutlich weniger Kliniken (729) als am 30. November (1.287). 

In der Grafik auf Telegram werden Werte pro Kalenderwoche angegeben (KW 17 bis KW 44). Ein Beispiel: Für die Kalenderwoche 44 (26. Oktober bis 1. November) sind 29.231 „gemeldete Intensivbettenkapazitäten“ (grüne Balken) verzeichnet. Werte für ganze Kalenderwochen sind auf der Internetseite der DIVI jedoch nicht zu finden. 

Wir haben den Durchschnitt der „ITS-Betten Gesamt“ in den DIVI-Berichten aus derselben Woche errechnet (Tag 1, Tag 2, Tag 3, Tag 4, Tag 5, Tag 6, Tag 7). Dabei kamen wir auf die in der Grafik genannte Zahl. Das ist ein Indiz dafür, dass die Daten auf dem DIVI-Register basieren, aber selbst berechnet wurden.

Das Gleiche gilt für die „Belegung mit positivem PCR-Test“ (blaue Balken). Errechnet man den Durchschnitt aus den Covid-19-Patienten „in intensivmedizinischer Behandlung“ aus den DIVI-Tagesberichten, kommt man ebenfalls auf die in der Grafik genannte Zahl (zum Beispiel für KW 44: Tag 1, Tag 2, Tag 3, Tag 4, Tag 5, Tag 6, Tag 7). 

Die Daten sind nicht vergleichbar

Wir haben beim Statistischen Bundesamt nachgefragt, ob die Daten von 2018 mit den aktuellen Daten des DIVI-Registers vergleichbar sind. Ein Sprecher antwortete uns: „Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass die beiden Datensätze nicht 1:1 miteinander vergleichbar sind.“ Allerdings kenne er die Erhebungsmethodik der Statistik von 2020 nicht im Detail. Er riet uns, auch bei der DIVI nachzufragen. 

Unsere Nachfrage dort blieb bisher unbeantwortet.

Auszug aus der E-Mail eines Sprechers des Statistischen Bundesamts.
Auszug aus der E-Mail eines Sprechers des Statistischen Bundesamts. (Screenshot: CORRECTIV)

In einem Leitfaden weist die DIVI allerdings darauf hin, dass Zahlen aus unterschiedlichen Zeitfenstern nicht direkt vergleichbar seien. Es ergibt folglich keinen Sinn, einen Durchschnitt zu errechnen. 

Zudem zeigen die täglichen Daten der DIVI nicht die durchschnittliche Zahl der „aufgestellten Betten“ (wie beim Statistischen Bundesamt), sondern den gemeldeten Ist-Zustand der tatsächlich betreibbaren Intensivbetten im jeweiligen Meldebereich. 

DIVI-Register existiert erst seit März: „Es gibt keine vergleichbaren Daten aus den Jahren davor“

Auf der Website des DIVI-Registers wird darauf hingewiesen: „Das Register wurde erst in diesem Frühjahr gemeinsam mit dem [Robert-Koch-Institut] aufgebaut. Deshalb verfügen wir erst über verlässliche Daten seit dem 20.04.2020. Es gibt keine vergleichbaren Daten aus den Jahren davor!“ 

Eine tägliche Meldung an das Intensivregister ist für alle intensivbettenführenden Krankenhaus-Standorte auch erst seit dem 16. April durch eine Verordnung des Bundesgesundheitsministeriums vorgeschrieben.

Der Grund, warum die DIVI-Daten und die Zahlen des Statistischen Bundesamtes nicht vergleichbar sind, ist also die unterschiedliche Methodik: Das DIVI-Intensivregister zeigt Echtzeit-Daten für Intensivbettenkapazitäten  für Deutschland, allerdings erst seit Start des Registers am 14. März 2020. Die vom Statistischen Bundesamt genannten Daten für 2018 beziehen sich dagegen auf das gesamte Kalenderjahr und werden als Durchschnittswert einmal pro Jahr veröffentlicht.

Die Darstellung der Daten in der Grafik ist unseriös

Mehrere Werte aus dem Diagramm beruhen offenbar auf einer Eigenberechnung des Autors, sind aber nicht als solche gekennzeichnet. Es entsteht der Eindruck, die Zahlen seien vom Statistischen Bundesamt so berechnet worden, was nicht stimmt. 

Die Y-Achse beginnt erst bei dem Wert 16.000 (gemeint sind vermutlich Intensivbetten). So wirkt der unterste blaue Balken, der die Covid-19-Patienten in Intensivbehandlung anzeigen soll, extrem kurz.
Die Y-Achse beginnt erst bei dem Wert 16.000 (gemeint sind vermutlich Intensivbetten). So wirkt der unterste blaue Balken, der die Covid-19-Patienten in Intensivbehandlung anzeigen soll, extrem kurz. (Screenshot und Markierungen: CORRECTIV)

Zudem werden die Daten auf der vertikalen Diagramm-Achse erst ab 16.000 dargestellt. Ein Sprecher der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) schrieb uns dazu: „Angesichts der dadurch dominierenden grünen Farbe entsteht der Eindruck, die Intensivstationen seien nur zur Hälfte belegt. Würde die Skala bei null beginnen, wäre der Eindruck ein ganz anderer.“

Es wird suggeriert, es gebe „quasi“ keine Covid-19-Patienten in Intensivbetten

Insgesamt wird durch die Grafik auf Facebook und Telegram suggeriert, es gebe „quasi“ keine Covid-19-Patienten in Intensivbetten. Doch diese Behauptung ist irreführend.

Ein Sprecher der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) erklärte uns, er erwarte bis Ende des Jahres bis zu 5.000 Intensivpatienten mit Covid-19, die gleichzeitig auf Station liegen. „Das ist eine Situation, wie es sie in den vergangenen Jahrzehnten in deutschen Krankenhäusern noch nicht gab. Sie ist sehr angespannt, aber noch beherrschbar.“

Am Stichtag 30. November waren laut DIVI 27.533 Intensivbetten in Deutschland verfügbar („ITS-Betten Gesamt“). Davon waren 5.905 Betten frei, 21.628 waren belegt. 3.926 der Patienten und Patientinnen waren bezüglich Covid-19 in intensivmedizinischer Behandlung. Die Zahl der freien Betten ist im Vergleich zum 1. November um 2.065 Betten gesunken. 

Kapazitäten der Krankenhäuser sind entscheidend

Schon die ersten Wochen der Pandemie hätten gezeigt, dass die Intensiv-Kapazitäten entscheidend für die Sterberate der Erkrankten seien, so der DKG-Sprecher. „In vielen Ländern, z.B. China, Italien und Frankreich, ist die Zahl der Toten zu dem Zeitpunkt stark gestiegen, an dem die Intensivstationen nicht mehr aufnahmefähig waren. In Deutschland konnte das verhindert werden.“ Einer der Wege dafür sei, dass Krankenhäuser nicht notwendige Operationen absagen würden. 

Auszug aus der E-Mail eines Sprechers der Deutschen Krankenhausgesellschaft.
Auszug aus der E-Mail eines Sprechers der Deutschen Krankenhausgesellschaft. (Screenshot: CORRECTIV)

Insgesamt habe ein Covid-19-Patient einen höheren Personalbedarf als ein durchschnittlicher Intensivpatient. Statistisch gesehen verbrauche er „deutlich mehr als ein Bett“, so der Sprecher der DKG. Gemeint sei mit „Intensivbetten“ ein betreibbares Bett mit ausreichend Personal. Daher könne die Gesamtzahl der Intensivbetten stark schwanken, abhängig zum Beispiel vom Krankenstand des Personals, vor allem aber vom Anteil der Patienten mit besonders hohem Personalbedarf.

Fazit: Die Grafik ist irreführend. Daten zur Auslastung der Intensivbetten 2018 und 2020 sind nicht vergleichbar, weil sich die Methodik der Datenerhebung wesentlich unterscheidet. So werden die DIVI-Daten seit März 2020 täglich veröffentlicht, das Statistische Bundesamt publiziert hingegen nur einen Jahresdurchschnitt der belegbaren Betten einmal pro Jahr. 

Redigatur: Steffen Kutzner, Alice Echtermann

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

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