Faktencheck

Nein, Impfstoff-Entwickler Merck empfiehlt keine natürliche Heilung statt einer Impfung

Angeblich habe das Pharma-Unternehmen Merck die Arbeit an zwei Impfstoffkandidaten gegen Covid-19 eingestellt, weil es „besser wäre, das Virus zu bekommen“ und die natürliche Immunreaktion abzuwarten. Das ist falsch.

von Steffen Kutzner

Logos displayed on a smartphone in Brazil - 15 Feb 2020
Angeblich empfiehlt das Pharma-Unternehmen Merck statt des eigenen Impfstoffs die natürliche Infektion und Heilung. Das stimmt nicht. (Symbolbild: Picture Alliance / ZUMAPRESS.com / Rafael Henrique)
Behauptung
Das Pharma-Unternehmen Merck habe die Entwicklung von zwei Impfstoffen eingestellt und empfehle eine natürliche Heilung.
Bewertung
Teilweise falsch
Über diese Bewertung
Teilweise falsch. Das Pharma-Unternehmen hat zwar die Entwicklung von zwei Impfstoffkandidaten gestoppt, eine natürliche Heilung hat es aber nicht empfohlen.

„Merck gibt sein Impfstoffprojekt auf und empfiehlt die natürliche Heilung“, lautet der Titel eines Blog-Beitrags auf der Seite Arrangement Group. In dem Text heißt es weiter: „Das Unternehmen sagte, dass man nach intensiven Forschungsarbeiten festgestellt habe, dass es besser wäre, das Virus zu bekommen und sein Immunsystem arbeiten zu lassen. Die Bildung von Antikörpern sei effizienter als eine Impfung.“ Das stimmt so nicht.

Als Quelle ist im Text eine Pressemitteilung von Merck verlinkt. Darin ist jedoch nicht die Rede davon, dass das US-amerikanische Pharma-Unternehmen eine Infektion und natürliche Heilung empfehle. Wörtlich steht in der Mitteilung lediglich, dass in den Studien zu den Impfstoffkandidaten V590 und V591 eine geringer ausgeprägte Immunantwort durch den Impfstoff hervorgerufen wurde, als durch eine Infektion mit SARS-CoV-2. Eine Impfung soll den Körper dazu anregen, Abwehrstoffe gegen spezifische Proteine des Virus zu produzieren. Diese Immunantwort merken sich die Zellen und können dann bei einer tatsächlichen Infektion besser auf das Virus reagieren. So erklärt es die Europäische Kommission auf einer Informationsseite

Statt die Impfstoffe weiterzuentwicklen will Merck stattdessen die Entwicklung von zwei Medikamenten gegen Covid-19 vorantreiben.


Davon, dass Merck eine Infektion mit SARS-CoV-2 und eine natürliche Heilung empfehle, steht nichts in der Pressemitteilung. Auch eine Google-Suche ergab keine Treffer, dass das Unternehmen das je behauptet hat. Auf eine E-Mail-Anfrage von CORRECTIV.Faktencheck antwortete ein Sprecher, dass die Interpretation der Pressemitteilung falsch sei und das Unternehmen mit Regierungen und Gesundheitsbehörden in Kontakt stehe, um Impfstoff-Produktionen zu unterstützen. Merck betont auch, dass autorisierte Impfprogramme bei der Bekämpfung von Covid-19 wichtig seien.

Auszug aus der E-Mail eines Pressesprechers von Merck (Screenshot und Markierungen: CORRECTIV.Faktencheck)

Die Arrangement Group, eine Marketing-Firma mit Sitz am Bodensee, veröffentlichte auf dem gleichnamigen Blog in letzter Zeit mehrere impf- und Corona-kritische Beiträge, in denen Covid-19-Impfungen als „Menschenversuche“ und die Wirkstoffe als „hochgradig giftig“ bezeichnet werden. 

Redigatur: Sarah Thust, Tania Röttger

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck: 

  • Pressemitteilung von Merck zur Einstellung der Covid-Impfstoff-Forschung (25. Januar 2021): Link

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