Faktencheck

Nein, die Fehlerquote von Corona-Tests lässt die Inzidenz nicht auf über 50 steigen

Ein hundertfach geteilter Beitrag auf Facebook soll Menschen davon überzeugen, dass die Fehlerquote der Corona-Tests bei zwei Prozent liege und die Inzidenz allein durch die falsch-positiven Tests schon bei über 50 liege. Die Berechnung beruht jedoch auf falschen Zahlen und Annahmen. 

von Alice Echtermann

Symbolfoto PCR-Tests
Um die Fallzahlen in Deutschland infrage zu stellen, wird immer wieder wird behauptet, Corona-Tests seien angeblich in großer Zahl falsch-positiv. (Symbolbild: picture alliance / Robin Utrecht) 
Behauptung
Täglich würden im Durchschnitt etwa 340.000 Corona-Tests durchgeführt, und die Fehlerquote der Tests liege bei zwei Prozent. Alleine die Fehlerquote führe somit zu einer Inzidenz von 57,35.
Bewertung
Größtenteils falsch
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Größtenteils falsch. Die Zahl der Tests pro Tag ist falsch, und für die Fehlerquote von PCR-Tests gibt es keine Belege. Laut Experten und Robert-Koch-Institut liegt die Genauigkeit der Tests bei annähernd 100 Prozent.  

Seit Tagen kursiert auf Facebook (zum Beispiel hier) ein Bild mit Text, auf dem mehrere falsche Behauptungen über die Fehlerquote von Corona-Tests und die Inzidenz aufgestellt werden. So wird behauptet, es würden täglich im Schnitt 340.000 Tests durchgeführt, und deren Fehlerquote liege bei zwei Prozent. 

Als Quelle wird das Robert-Koch-Institut (RKI) angegeben. Auf der Basis dieser Zahlen werden Berechnungen zur Inzidenz durchgeführt und behauptet, dass allein die Fehlerquote der Tests zu einer Inzidenz von 57,35 führe. Es wird also suggeriert, dass eine Inzidenz von unter 50 nie erreicht werden könne. 

Die Zahlen sind jedoch falsch beziehungsweise unbelegt.


Der Facebook-Beitrag mit der falschen Aussage zur Fehlerquote der Tests.
Ein Facebook-Beitrag mit dem Bild. (Screenshot am 1. März: CORRECTIV.Faktencheck)

Anzahl der pro Tag durchgeführten PCR-Tests ist wesentlich niedriger als 340.000

Es gibt verschiedene Arten von Corona-Tests; welche auf dem Bild gemeint sind, ist nicht klar. Wir gehen davon aus, dass es um PCR-Tests geht. Testergebnisse von Antigen-Schnelltests müssen laut RKI immer noch durch einen PCR-Test bestätigt werden und zählen daher nicht direkt in die Zahl der vom RKI gemeldeten Neuinfektionen hinein. 

Das RKI veröffentlicht die Zahl der pro Woche durchgeführten PCR-Tests immer mittwochs. Im letzten Bericht vom 24. Februar steht, dass in der 7. Kalenderwoche 2021 insgesamt 1.069.784 PCR-Tests durchgeführt wurden. Davon waren 65.440 positiv (6,12 Prozent) (PDF, Seite 10). Im Schnitt wären in dieser Woche also pro Tag rund 153.000 PCR-Tests durchgeführt worden. 

Die Zahl der durchgeführten Tests schwankt jede Woche und ist insgesamt in letzter Zeit gesunken. Die Angabe von 340.000 Tests pro Tag ist aber in jedem Fall falsch – mit dieser Zahl müssten in einer Woche rund 2,3 Millionen Tests durchgeführt werden. Das war in den vergangenen Monaten nie der Fall. 

Es könnte sich bei dem Wert um die tägliche Testkapazität handeln: Für die 51. Kalenderwoche 2020 wurde zum Beispiel im Bericht des RKI eine Kapazität von rund 340.000 Tests angegeben. Diese Zahl zeigt jedoch nicht die real durchgeführte Zahl von Tests (PDF, Seite 10 und 11).  

Keine Belege für eine Fehlerquote von zwei Prozent

Bei der Fehlerquote von PCR-Tests wird in dem Bild auf Facebook nicht angegeben, ob falsch-positive oder falsch-negative Tests gemeint sind. Es liegt aber nahe, dass falsch-positive Tests gemeint sind, weil sie angeblich zu einer Erhöhung der Inzidenz führen sollen. Ein falsch-positives Testergebnis liegt vor, wenn eine Person nicht mit SARS-CoV-2 infiziert ist, aber der Test dennoch positiv ausfällt. 

Die Anzahl falsch-positiver PCR-Tests in der Praxis in Deutschland lässt sich nicht beziffern, weil es dazu keine Daten gibt. Zwei Prozent sind jedoch sehr unwahrscheinlich. Wir fanden auch kein öffentliches Dokument des RKI, in dem diese Zahl kommuniziert wurde. 

Das RKI schrieb uns für einen ähnlichen Faktencheck im Januar: „Bei korrekter Durchführung eines PCR-Tests liegt dessen Spezifität bei nahezu 100 Prozent. Fehler können beispielsweise durch das Vertauschen von Proben vorkommen. Auch werden positive oder nicht schlüssige Testresultate durch einen zweiten Test überprüft, so dass es in der Praxis zu fast keinen falsch positiven Ergebnissen kommt.“

Die Angabe zur Fehlerquote stammt mutmaßlich aus einem Laborversuch 

Jede Testmethode kann mal falsche Ergebnisse produzieren. Die doppelte Überprüfung von positiven Proben durch die Labore reduziert die Möglichkeit für Fehler in der Praxis jedoch stark. Wir haben dazu im vergangenen Jahr bereits recherchiert

Die Behauptung über eine zweiprozentige Fehlerquote hat ihren Ursprung vermutlich in einem Bericht zu einem sogenannten Ringversuch. Diese Versuche dienen der Qualitätssicherung von Laboren – es wird überprüft, ob die Labore Proben korrekt als positiv oder negativ erkennen. Laut einer Auswertung, die im vergangenen Jahr vom Verein „Instand e.V.“ veröffentlicht wurde, erzielten die Labore bei negativen Proben in etwa 98 Prozent der Fälle korrekte Testergebnisse („Spezifität“). Allerdings handelte es sich dabei nur um die Ergebnisse für die einzelnen Gensequenzen, auf die im PCR-Verfahren getestet wurde.

Dazu muss man wissen: Labore verwenden zum Nachweis von SARS-CoV-2 verschiedene Gen-Sequenzen des Virus. Wenn in der Praxis nicht nur auf eine, sondern auf zwei dieser Gen-Sequenzen getestet wird („Dual-Target“-System), reduziert das die (geringe) Möglichkeit für falsch-positive Ergebnisse noch weiter.

Experten sprechen von Spezifität von 99,99 Prozent

Der Leiter eines großen Laborverbunds in Deutschland, Bioscientia, teilte uns im vergangenen Jahr zu diesem Thema mit: Wenn man die Testergebnisse für die verschiedenen Zielgene zusammenzähle, komme man auf eine Spezifität von 99,99 Prozent. Falsch-positive Ergebnisse seien auch damit nicht komplett ausgeschlossen, sie beträfen jedoch nur einen von 10.000 Tests. Gemessen an der Gesamtmenge der Tests sei diese Fehlerquote „verschwindend gering“.

Für die Inzidenz bedeutet diese Fehlerquote: Würden an einem Tag in Deutschland 150.000 Menschen getestet (wie es in etwa in der 7. Kalenderwoche 2021 war), und kein einziger davon wäre wirklich infiziert – dann wären theoretisch 15 Testergebnisse pro Tag falsch-positiv. Das lässt sich über ein Onlinetool des RKI nachrechnen. Das entspräche einer bundesweiten 7-Tage-Inzidenz von rund 0,13. Bei 340.000 Tests pro Tag käme man mit diesen Werten auf 34 falsch-positive Tests und eine Inzidenz von rund 0,29.  

Auch der österreichische Molekularbiologe Martin Moder bezeichnete die zweiprozentige Fehlerquote im Oktober in einem Youtube-Video als „Mythos“. Er führte als weiteren Beleg dagegen an, dass in Österreich Ende Mai 2020 eine sogenannte Prävalenzstudie durchgeführt wurde: Es wurden zufällig ausgewählte Menschen mittels PCR getestet. Von 1.279 Personen bekam keine einzige ein positives Ergebnis. Bei einer angeblichen Fehlerquote von zwei Prozent hätten es etwa 25 sein müssen. 

Fazit: Die Berechnung im Facebook-Beitrag beruht auf falschen Zahlen und Annahmen. Es werden weitaus weniger Tests durchgeführt als darin behauptet, und die Genauigkeit des Tests liegt nach der Einschätzungen mehrerer Expertinnen und Experten bei nahezu 100 Prozent.

Redigatur: Till Eckert, Tania Röttger

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Lagebericht des Robert-Koch-Instituts vom 24. Februar 2021 mit Zahlen zu durchgeführten PCR-Tests: Link
  • Instand-Ringversuch (2020): Link
  • Prävalenzstudien in Österreich: Link
  • Youtube-Video von Martin Moder „Der 2 % Falsch Positiv Mythos“, 18. Oktober 2020: Link
  • Onlinetool des RKI zur Interpretation von Corona-Testergebnissen: Link
  • Laborverbund Bioscientia: „Wie zuverlässig ist der PCR-Nachweis?“, 21. August 2020: Link

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