Gesellschaft

Nein, Greta Thunberg hat Chinesen nicht dazu aufgefordert, auf Essstäbchen zu verzichten

Hat die Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg Menschen in China dazu aufgefordert, keine Essstäbchen mehr zu benutzen, weil dafür Bäume gefällt werden? Dieses alte Gerücht kursiert aktuell wieder in Sozialen Netzwerken. Es ist falsch, Thunberg hat sich so nicht geäußert.

von Sarah Thust

Greta Thunberg
Im Internet tauchen immer wieder Falschmeldungen über Greta Thunberg auf. Aktuell wird wieder behauptet, sie habe Chinesen aufgefordert, keine Essstäbchen mehr zu nutzen. Das ist falsch. (Symbolbild: Picture Alliance / Associated Press / Alex Board)
Behauptung
Greta Thunberg habe Menschen in China dazu aufgefordert, auf Essstäbchen zu verzichten, weil dafür Bäume gefällt werden.
Bewertung
Frei erfunden. Es gibt keine Hinweise auf eine solche Äußerung Thunbergs. Zwei Verantwortliche von „Fridays for Future International“ widersprechen der Behauptung.

Die Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg habe Menschen in China dazu aufgefordert, nicht mehr mit Stäbchen zu essen, da deswegen zu viele Bäume gefällt würden. Diese Behauptung verbreitete sich bereits im vergangenen Jahr tausendfach auf Facebook. Auch im April 2021 wurde sie mehr als 3.600 Mal auf Facebook geteilt (hier, hier und hier) – und sie kursierte im Messengerdienst Telegram. 

Die Behauptung ist falsch. Greta Thunberg hat so etwas nie gesagt. Wir fanden keine Belege für ihre Aussage, die bereits von zahlreichen internationalen Faktencheckern überprüft wurde. Zwei Verantwortliche der „Fridays for Future“-Bewegung bezeichneten die Meldung uns gegenüber als „Fake News“. Es handelt sich um eine Falschmeldung, die in mehreren Ländern und Sprachen kursiert.

Diese Behauptung über Greta Thunberg tauchte am 11. April auf Telegram auf
Diese Behauptung über Greta Thunberg tauchte am 11. April auf Telegram auf. (Quelle: Telegram / Screenshot vom 6. Mai: CORRECTIV.Faktencheck)

Keine Hinweise auf öffentliche Äußerung von Greta Thunberg zu diesem Thema

Wir haben zunächst auf Google und in der chinesischen Suchmaschine Baidu nach den Begriffen „Greta Thunberg Chopsticks“ und der chinesischen Übersetzung dieser Worte gesucht. (Das englische Wort „Chopsticks“ bedeutet Essstäbchen. Die Begriffe haben wir mit Google Translate ins Chinesische übersetzt.) 

Die Google-Suche führt zu mehreren englischsprachigen Faktenchecks, laut denen es keine Belege für die angebliche Aussage von Greta Thunberg gibt. Die Faktenchecker von Snopes fanden den Text 2020 auf der Satire-Website Joe.ks.com.

Die Baidu-Suche führt zu unterschiedlichen chinesischen Blog-Beiträgen, in denen zwar behauptet wird, Thunberg habe das gesagt, eine Quelle wird jedoch nicht genannt. Nur einer der Blogs bezieht sich in einem Artikel von Anfang 2020 auf „ausländische Medien“. Darin steht, die meisten Menschen würden zu Hause Stäbchen aus Plastik oder Metall verwenden. 

„Fridays for Future“: Greta Thunberg hat so etwas nie gesagt

Die 18-jährige Schwedin hat seit 2018 weltweite „Schulstreiks für das Klima“ angestoßen, aus denen die globale Bewegung „Fridays for Future“ hervorging. Dort finden sich junge Menschen zusammen und engagieren sich für Umwelt- und Klimaschutz.

Wir haben per E-Mail bei „Fridays for Future International“ nachgefragt: Hat Greta Thunberg gesagt, dass Menschen in China aufhören sollten, mit Stäbchen zu essen? Zwei Verantwortliche antworteten uns: „Wir können Ihnen versichern, dass Greta Thunberg so etwas nie gesagt hat und dass es sich um Fake News handelt.“

E-Mail von Fridays for Future
Zwei Aktivistinnen von „Fridays for Future International“ antworteten uns auf die Frage per E-Mail. (Screenshot vom 6. Mai: CORRECTIV.Faktencheck)

Bereits Thema im chinesischen Parlament: Für Produktion von Einweg-Essstäbchen werden Bäume abgeholzt

In dem Facebook-Beitrag wird außerdem behauptet, „die Chinesen“ hätten auf die Aussage von Thunberg reagiert. Sie solle wieder in die Schule gehen, da Essstäbchen aus Bambus und nicht aus Holz hergestellt würden. Doch wir fanden keine Belege, dass die chinesische Regierung eine solche Aussage an Thunberg gerichtet hätte. 

Was tatsächlich stimmt: Es gibt seit Jahren Berichte darüber, dass für die Produktion von Einweg-Essstäbchen in China viele Bäume abgeholzt werden. Wie die britische Rundfunkorganisation BBC 2006 berichtete, wurden damals jährlich Millionen von Bäumen dafür gefällt. 2006 habe die chinesische Regierung eine Steuer von fünf Prozent auf diese Waren eingeführt, um die Wälder zu schützen. 

2013 berichtete die US-amerikanische Washington Post unter Berufung auf staatliche chinesische Medien, der Leiter einer chinesischen Forstgruppe habe Parlamentarier darüber informiert, dass schätzungsweise 20 Millionen Bäume pro Jahr für die Produktion von Einweg-Essstäbchen abgeholzt würden.

Die Falschbehauptung über Thunberg ist unter anderem in Russland, Dänemark, Norwegen und Japan aufgetaucht, wie Reuters 2020 berichtete. Es gab demnach auch eine Variante, in der behauptet wurde, Thunberg habe diese Forderung an Japan gestellt. Die dänischen Faktenprüfer von TjekDet vermuteten den Ursprung der Behauptung in chinesischen Foren und fanden als frühesten Nachweis einen Tweet eines chinesischen Accounts vom 15. Januar 2020.

Redigatur: Alice Echtermann, Uschi Jonas

Vielleicht kennen Sie das. Die AfD scheint schier unaufhaltsam. Genauso wie der Rechtsruck in ganz Europa. Dazu kommt: Die Situation zuletzt in Ceuta, Krieg im Iran, Frieden ist in der Ukraine noch lange nicht in Sicht und gerade erst haben wir einen Sommer mit einem Rekord an Hitzetoten in Deutschland hinter uns. Von den unfassbaren Waldbränden in Europa will ich gar nicht erst anfangen.

Manchmal möchte man da schon den Kopf in den Sand stecken. Noch eine Krise. Noch eine schlechte Nachricht. Noch eine Debatte, bei der man sich fragt: Wo soll das alles hinführen? Ich glaube, ich spreche für viele, wenn ich sage: An vielen Tagen hat man einfach keinen Bock mehr. Vielleicht kennen auch Sie das Gefühl. Damit sind Sie nicht allein!

Wir von CORRECTIV wollen uns diesem Gefühl nicht länger hingeben. Denn so kann es nicht weitergehen. Deshalb haben wir uns eine neue Aktion ausgedacht und wir glauben, es ist genau das, was wir jetzt brauchen: Gemeinsam mit Ihnen wollen wir 42.000 Mutmeter gehen.

Mutmeter bedeuten für uns: aktiv zu werden und gemeinsam etwas zu schaffen, auf das wir stolz sein können. Gemeinsam setzen wir ein demokratisches Ausrufezeichen in einer extremen Zeit. Wie bei einem Marathon geht es nicht darum, wer am schnellsten ist. Es geht darum, überhaupt loszugehen. Meter für Meter. Schritt für Schritt.