Faktencheck

Nein, die Entwicklung des Meereises am Südpol stellt nicht die Wissenschaft über den Klimawandel infrage

Stellt ein Wachstum des Meereises rund um den Südpol die wissenschaftlichen Erkenntnisse über den Klimawandel infrage? Das behauptet der Verein Eike. Doch der Artikel ist irreführend; er enthält falsche Aussagen und lässt wichtigen Kontext aus.

von Matthias Bau

Meereis
Neu gebildetes Eis im Nordpolarmeer im Jahr 2011 (Symbolbild: Picture Alliance / Wildlife / D.J. Cox)
Behauptung
Das Meereis an beiden Polen wachse, anstatt zu schrumpfen; das Meereis am Südpol sei „auf einem Höhenflug“, die Temperatur am Südpol weise keinen klaren Trend auf und der Zuwachs an Eis dort gleiche den Verlust am Nordpol leicht aus.
Bewertung
Größtenteils falsch
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Größtenteils falsch. Der Artikel enthält falsche Aussagen und lässt Kontext weg. Die Entwicklung des Meereises am Südpol ist kein geeigneter Indikator für den globalen Klimawandel.

Am 8. April veröffentlichte der Verein „Europäisches Institut für Klima und Energie“ (Eike) einen Artikel, der den Klimawandel infrage stellen soll. Verbreitet wird er auch auf Facebook (hier und hier) und wurde laut dem Analysetool Crowdtangle bereits 1.800 Mal geteilt. 

Der Artikel behauptet in der Überschrift, das Meereis „an beiden Polen“ wachse, anstatt zu schrumpfen. Im Text steht dann, das Meereis am Südpol sei „auf einem Höhenflug“ – eine Tatsache, die die „Klimaille“ (mutmaßlich abwertende Bezeichnung für Menschen, die vor dem Klimawandel warnen) „nur schwer erklären“ könne. Der Text ist offenbar eine Übersetzung aus dem Englischen von dem Blog „Ice Age Now“. Das Wachstum des Meereises am Südpol sei nach „der Theorie der globalen Erwärmung“ ein „Ding der Unmöglichkeit“, wird behauptet.

Unsere Recherche zeigt: Die Entwicklung des Meereises am Südpol ist kein sinnvoller Indikator für den globalen Klimawandel und gleicht auch nicht den Eisverlust am Nordpol aus, wie im Artikel behauptet wird. 


Der Artikel verstrickt sich in Widersprüche und lässt wichtigen Kontext weg. So wird etwa in der Überschrift behauptet, das Eis sei an beiden Polen gewachsen, im Text heißt es aber, das Wachstum des Meereises in der Antarktis gleiche „das ‘fehlende’ Eis in und um die Arktis leicht aus“. Zudem fehlt die Information, dass für die Entwicklung des Eises die Meerestemperatur wesentlich wichtiger ist, als die Temperatur der Luft. Über den Verein Eike und seine Verbindung zur amerikanischen Klimawandelleugner-Lobby hat CORRECTIV umfassend berichtet.

Was ist Meereis? 

In dem Artikel heißt es, Satellitendaten zeigten, dass „die Meereisausdehnung um den Südpol in den letzten 40+ Jahren tatsächlich gewachsen“ sei. 

Aber was ist Meereis und welche Rolle spielt es für das globale Klima? Antworten auf die Fragen finden sich unter anderem auf der Seite meereisportal.de. Bei der Internetseite handelt es sich um eine Kooperation mehrerer Forschungseinrichtungen mit der Universität Bremen. 

Auf der Seite wird erklärt, dass es sich bei Meereis um gefrorenes Meer-, also Salzwasser, handelt, das auf den Ozeanen schwimmt. Neben dem Meereis gebe es außerdem noch das sogenannte Schelfeis und das Landeis, beides bestehe aus Süßwasser. Ideale Bedingungen für die Bildung von Meereis lägen im Winter vor, Einflussfaktoren für die Bildung von Meereis seien Wind- und Meeresströmungen.

Die Seite Meereisportal.de veranschaulicht den Unterschied zischen Meereis aus Salzwasser und Eis aus Süßwasser mit einer Grafik
Die Seite Meereisportal.de veranschaulicht den Unterschied zischen Meereis aus Salzwasser und Eis aus Süßwasser mit dieser Grafik (Quelle:meereisportal.de / Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Meereis am Nordpol schrumpft – am Südpol gibt es keinen eindeutigen Trend

Wie viel Meereis es gibt, hänge stark von den Jahreszeiten ab, heißt es auf der Webseite weiter. Wesentlich sei aber auch, ob man den Nordpol (Arktis) oder den Südpol (Antarktis) betrachte. Denn dort seien die Entwicklungen des Eises sehr verschieden. 

So schreibt das Deutsche Klima-Konsortium auf seiner Internetseite, dass „das Meereis rund um den Nordpol schrumpft“. Sowohl das Eisvolumen als auch die dort mit Eis bedeckte Ozeanfläche sei „seit Beginn der Satellitenmessungen 1979 stetig zurückgegangen – um durchschnittlich mehr als zehn Prozent pro Dekade“. Für den Südpol lasse sich bisher aber noch kein Trend ausmachen. 

Auf unsere Anfrage schickte uns das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung (AWI) eine ausführliche Stellungnahme per E-Mail zu: „In der Antarktis ist seit Beginn der kontinuierlichen Satellitenbeobachtungen im Jahr 1979 in den Monaten November bis Januar ein leicht abnehmender, in den Monaten Februar bis Oktober ein leicht zunehmender Trend im Monatsmittel der Meereisausdehnung zu verzeichnen“. In den Jahren 2016/17 habe die Meereisausdehnung plötzlich stark abgenommen, im Jahr 2020/21 sei „die Eisbedeckung jedoch wieder auf das langjährige mittlere Niveau gestiegen“. 

Anders als im Beitrag von Eike behauptet, kann man also nicht sagen, dass sich die Entwicklung des Meereises in der Antarktis „auf einem Höhenflug“ befindet. 

Das zeigt auch eine Grafik, auf die uns Dirk Notz, Professor für Meereis und Kryosphäre an der Universität Hamburg, in einem Telefonat hinweist. Sie wurde mit Hilfe der Daten der zwischenstaatlichen Organisation Eumetsat mit Sitz in Darmstadt erstellt und zeigt die tagesaktuelle Entwicklung des Meereises am Nord- (links) und Südpol (rechts).

Im Vergleich ist zu erkennen, dass sich aktuell weniger Meereis am Nordpol (Arctic Sea) bildet (schwarze Linie) als in den 80er oder 90er Jahren (violette und blaue Linien). Für den Südpol (Antarctic Sea) ist keine so eindeutige Entwicklung sichtbar. 

Ein Diagramm, dass die Meereisentwicklung am Nord- und Südpol zeigt
Diagramm der Meereisentwicklung am Nord- (links) und Südpol (rechts) (Quelle: OSI SAF Sea Ice Index v2.1r / Collage: CORRECTIV.Faktencheck)

Welche Bedeutung hat die Lufttemperatur für den Südpol?

In dem Artikel von Eike wird außerdem behauptet, dass „die Temperatur auf dem Kontinent [in der Antarktis, Anm. d. Red.] keinen wirklichen Trend“ aufweise. Diese Aussage stimmt, doch ihr fehlt Kontext.

In seiner Stellungnahme weist das AWI darauf hin, dass sich die Temperatur am Südpol je nach Gebiet unterschiedlich entwickle: „Es gibt Gebiete, die starke Erwärmung zeigen, insbesondere an der Antarktischen Halbinsel, wo die Temperatur um mehr als 2,5 °C in 50 Jahren angestiegen ist“, schreibt das Institut. Auch der Weltklimarat weist in seinem Sonderbericht darauf hin, dass es zwar keine gleichförmige Entwicklung in allen Teilen der Antarktis gebe. Die östliche Antarktis weise insgesamt keine signifikante Veränderung auf, aber der westliche Teil des Kontinents habe sich erwärmt. 

Zusammen mit der behaupteten Entwicklung des Meereises suggeriert der Beitrag von Eike, dass die Eismassen am Südpol nicht vom Klimawandel bedroht seien. Doch das Argument führt in die Irre. Übereinstimmend erklären uns Dirk Notz und das AWI, dass die Eisentwicklung des Landeises am Südpol weitgehend unabhängig von der Lufttemperatur sei. 

Meerestemperatur ist für Eisentwicklung am Südpol entscheidender als Lufttemperatur

Der Südpol besitze im Gegensatz zum Nordpol eine gewisse Resistenz gegenüber Veränderungen der Lufttemperatur. „Während der Arktische Ozean ein Binnenmeer ist, das von Landmassen umsäumt ist, ist die Antarktis ein Kontinent, der von einem Ozean umgeben ist“, erklärt das AWI in seiner Stellungnahme. Zum einen wirke der Eisschild am Südpol wie ein großer Kühlschrank, und zum andere gebe es den sogenannten Antarktischen Zirkumpolarstrom, der die Antarktis umfließt und „den antarktischen Kontinent thermisch isoliert“, wie es bei meereisportal.de heißt. Beides stabilisiere die Region gegenüber klimatischen Veränderungen.

Das sei der Grund dafür, sagt uns Dirk Notz, dass für die Eisentwicklung am Südpol die Meerestemperatur wesentlich wichtiger sei als die Lufttemperatur. Für wärmeres Wasser in der Antarktis sorgten „tiefere Meeresströmungen”, die „mehr Wärme in Richtung Antarktis“ transportierten, so das AWI. So werde „insbesondere das Schmelzen von Schelfeis“ (Eis, das sich vom Land ins Wasser erstreckt) beschleunigt. 

Auf der Webseite des Deutschen Klima-Konsortiums heißt es mit Verweis auf den Sonderbericht des Weltklimarates, dass „Teile des antarktischen Eispanzers“, also des Eises auf dem Festland, starke Verluste zeigten. Dort gingen „seit 2006 etwa 150 Milliarden Tonnen Eismasse pro Jahr verloren“. Der Weltklimarat führt diese Entwicklung auf den globalen Klimawandel zurück. Dazu, dass das Landeis in der Antarktis seit Jahren schrumpft, haben wir auch Anfang 2020 einen Faktencheck geschrieben. 

AWI: Der Rückgang des Meereises am Nordpol ist für das Klima bedeutsamer als Zuwächse am Südpol  

Am Ende des Texte behauptet Eike, dass „die Zuwächse in der Antarktis das ‚fehlende‘ Eis in und um die Arktis leicht“ ausgleichen würden. Die Aussage überrascht, da sie in direktem Widerspruch zur Überschrift des Artikel steht. Dort wurde fälschlich behauptet, dass das Meereis an beiden Polen wachse. 

Inhaltlich ist auch die Aussage, das Eiswachstum am Südpol würde den Verlust am Nordpol ausgleichen, falsch. Darüber hat die Seite klimafakten.de bereits im Juni 2016 geschrieben. Die Webseite ist eine Initiative der Stiftung Mercator und der European Climate Foundation, in ihrem Wissenschaftlichen Beirat sitzen zahlreiche Forschende. 

Auch das AWI erklärt in seiner Stellungnahme an uns, dass „der Schwund des sommerlichen Meereises am Nordpol deutlich schwerwiegendere Folgen“ für den Energiehaushalt der Erde habe, „als der winterliche Zuwachs am Südpol“. 

Mit Verweis auf den Bericht des Weltklimarates aus dem Jahr 2013 schreibt klimafakten.de, dass die Ausdehnung des Meereises „zwischen 1979 und 2012“ in der Arktis um etwa 3,8 Prozent pro Jahrzehnt zurückgegangen sei, während in der Antarktis ein Wachstum um nur „etwa 1,5 Prozent pro Jahrzehnt“ zu verzeichnen gewesen sei. Dirk Notz, von der Universität Hamburg, sagt im Telefongespräch, dass man davon ausgehen müsse, dass der Nordpol in 10 bis 30 Jahren zeitweise frei von Meereis sei. 

Schmilzt das Meereis, wird weniger Sonnenlicht reflektiert und die Ozeane erwärmen sich

Das Alfred-Wegener-Institut erklärt uns per E-Mail: „Geht Landeis oder Inlandeis durch Schmelzen verloren, fließt Schmelzwasser in den Ozean, das den Meeresspiegel ansteigen lässt. Meereis hingegen schwimmt, wie der Name sagt, auf dem Meer; und wenn es schmilzt, hat dies praktisch keine Auswirkungen auf den Meeresspiegel.“ Schmelze beispielsweise das gesamte Landeis von Grönland und der Antarktis, stiege der Meeresspiegel „um mehr als 65 Meter“. 

Beim Verlust des Meereises sei jedoch der sogenannte Albedo-Effekt und dessen Wirkung auf den Temperaturhaushalt der Erde entscheidend. „Wenn ein Ozean seine Eisbedeckung verliert, nimmt er mehr Wärme auf – denn die helle Eisoberfläche reflektiert einen Großteil der Sonnenstrahlung (Albedo), während das dunkle Wasser sie stärker absorbiert“, so das AWI. Im Sommer sei dieser Effekt aufgrund der Sonneneinstrahlung stärker als im Winter.

Das führt zu einem sich selbst verstärkenden Prozess. Gibt es weniger Meereis, wird mehr Strahlung aufgenommen und es kommt zu einer noch stärkeren Eisschmelze. Das ist der sogenannte Eis-Albedo-Rückkopplungseffekt. Laut dem AWI hat dieser Effekt bereits dazu geführt, „dass sich die Arktis doppelt bis dreifach so schnell erwärmt wie der Rest der Erde“. 

Weil das Meereis am Nordpol vor allem im Sommer zurückgehe, habe das „für den Energiehaushalt der gesamten Erde“ deutlich „schwerwiegendere Folgen als der winterliche Zuwachs am Südpol“.

Fazit: Eine Zunahme des Meereises am Südpol ist kein Beweis, dass Theorien über den Klimawandel falsch sind

Der Artikel auf der Webseite von Eike ist irreführend: 

  1. Bei der langfristigen Entwicklung des Meereises am Südpol lässt sich laut Forschenden kein klarer Trend ausmachen – in manchen Jahren gibt es einen Rückgang, in manchen ein Wachstum. 
  2. Die Überschrift des Artikels ist falsch – das Meereis am Nordpol wächst nicht, sondern geht seit Jahren stark zurück.
  3. Anders als im Artikel behauptet, werden die Verluste des Meereises am Nordpol nicht durch Zuwächse am Südpol ausgeglichen. 
  4. Die Eismassen auf dem Festland am Südpol schrumpfen ebenfalls seit Jahren. 
  5. Für das globale Klima ist die Entwicklung des Meereises am Nordpol relevanter als ein Zuwachs am Südpol: Weil es schmilzt, heizt die Sonne die Ozeane weiter auf. 

Redigatur: Steffen Kutzner, Alice Echtermann

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Infoseite des Deutschen Klima-Konsortiums zum Thema Meereis: Link
  • Infoseite des Deutschen Klima-Konsortiums zum Thema Landeis: Link
  • Sonderbericht des Weltklimarates „Special Report on the Ocean and Cryosphere in a Changing Climate“: Link
  • Faktencheck der Seite Klimafakten.de: Link
  • Infoseiten des Meereisportals: Link




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