Faktencheck

Nein, Corona ist nicht die Grippe – „Journalistenwatch“ verbreitet falsche Behauptung

Die Behauptung, es handele sich beim Coronavirus in Wahrheit um die Grippe, kursiert seit Beginn der Corona-Pandemie. Sie war und ist falsch – auch wenn Blogs wie „Journalistenwatch“ sie weiterhin im Netz verbreiten.

von Till Eckert

Coronavirus - Bayern
Ein Mann fährt an einer Corona-Teststation in München vorbei. Immer wieder wird behauptet, beim Coronavirus handele es sich in Wahrheit um die Grippe. Das stimmt nicht. (Symbolbild: Peter Kneffel / Picture Alliance / DPA)
Behauptung
Beim Coronavirus handele es sich um die Grippe und die Grippe sei „so gut wie ausgestorben“.
Bewertung
Größtenteils falsch
Über diese Bewertung
Größtenteils falsch. Bei SARS-CoV-2 und Influenzaviren handelt es sich um unterschiedliche Erreger, die beide Atemwegserkrankungen verursachen können – allerdings mit unterschiedlichen Symptomen und unterschiedlich schweren Krankheitsverläufen. Außerdem gab es Grippefälle in der Saison 2020/21.

„Hinweise verdichten sich: Corona ist nicht ‘schlimmer als die Grippe’ – es IST die Grippe“, so ist ein Artikel des Blogs Journalistenwatch vom 16. Mai 2021 betitelt. Im Text wird behauptet, einen Corona-Erreger habe es nie gegeben und die Pandemie sei ein „Fehlalarm“. Ein Beweis dafür sei, dass die Grippe laut Sterbezahlen von 2020 so gut wie „ausgestorben“ sei und es stattdessen nur noch Corona-Fälle gebe. 

Der Text wurde laut des Analysetools Crowdtangle mehr als 1.800 Mal auf Facebook geteilt. In einem Faktencheck vom 21. Mai beschäftigten wir uns anhand eines älteren Facebook-Beitrags schon einmal mit der Behauptung, beim Coronavirus handele es sich um die Grippe und um Spekulationen, nach denen es an dessen Stelle getreten sei. Nach unseren Recherchen sind die Behauptungen größtenteils falsch.

Die Grippewelle blieb aus, doch es gab vereinzelt Fälle

In der Grippesaison 2020/21 gab es laut des letzten Wochenberichts der Arbeitsgemeinschaft Influenza am Robert-Koch-Instituts (RKI) 16 Todesfälle mit laborbestätigter Influenza-Infektion (PDF, Seite 6) und 564 laborbestätigte Fälle. Influenza wird auch als Grippe bezeichnet.


Tabelle des RKI mit der Zahl der gemeldeten Influenza-Fälle
Diese Tabelle zeigt die Gesamtzahl der gemeldeten Influenza-Fälle in der Grippesaison 2020/2021 (Quelle: RKI, Influenza-Wochenbericht, Kalenderwoche 20/21 / Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Damit sind nicht alle Fälle erfasst; auf Influenza wird nicht massenhaft getestet und die Zahl der laborbestätigten Fälle liegt normalerweise jedes Jahr niedriger als die geschätzten Todesfälle, die das RKI mit einem statistischen Modell hochrechnet. Eine solche Schätzung liegt für die Saison 2020/21 noch nicht vor.  

Laut Medienberichten handelte es sich dennoch um die schwächste Grippesaison in Deutschland seit Beginn der systematischen Überwachung 1992 durch die Arbeitsgemeinschaft Influenza. Die „Grippewelle“, also ein deutlicher Anstieg der Fallzahlen, der zum Ende der Grippesaison wieder abflaut, blieb dieses Jahr aus. 

Das RKI erklärt den „abrupten Rückgang“ der Atemwegserkrankungen im Jahr 2020 mit den Corona-Maßnahmen. Die andauernden, außergewöhnlich niedrigen Raten von Atemwegserkrankungen in Deutschland, darunter Influenza, seien „mit hoher Wahrscheinlichkeit auf die kontaktreduzierenden Maßnahmen im Bundesgebiet zurückzuführen“, schreibt das RKI auf der Webseite „Grippeweb“.

Coronavirus und Grippe unterscheiden sich grundlegend

Bei SARS-CoV-2 und Influenzaviren handelt es sich um unterschiedliche Erreger, die beide Atemwegserkrankungen verursachen können, allerdings mit unterschiedlichen Symptomen und unterschiedlich schweren Krankheitsverläufen. Eine aktuelle Corona-Studie von April 2021 deutet sogar darauf hin, dass Covid-19 primär keine Atemwegserkrankung (wie die Grippe), sondern eine Gefäßerkrankung sein könnte. 

Während eine Influenza oft auf die Lungen beschränkt ist, kann bei Covid-19 fast jedes Organ des Körpers erkranken, zeigte bereits eine im Dezember 2020 veröffentlichte vergleichende Kohortenstudie. Die Details der Studie hat das deutsche Ärzteblatt in einem Bericht zusammengefasst. 

Am 8. Oktober 2020 hat sich das Robert-Koch-Institut (RKI) über die Unterschiede im Epidemiologischen Bulletin geäußert: „Eine höhere Letalität und lange Beatmungsdauer unterscheiden Covid-19 von schwer verlaufenden Atemwegsinfektionen in Grippewellen“. Letalität nennt man die Wahrscheinlichkeit, an einer Krankheit zu sterben.

Weiter schrieb das RKI: „Aufgrund des höheren Anteils beatmungspflichtiger Patienten und der beobachteten langen Beatmungsdauer muss man sich auf eine höhere Zahl von Beatmungsplätzen einstellen, als dies bei der gleichen Anzahl schwerer Erkrankungen während einer Grippewelle vergangener Saisons erforderlich war.“

Corona-Tests reagieren nicht auf Influenzaviren

Seit Beginn der Pandemie können Wissenschaftler SARS-CoV-2 von anderen Viren zuverlässig unterscheiden (CORRECTIV.Faktencheck berichtete). Ein Corona-PCR-Test reagiert auf spezielle Teile des Erbguts des Coronavirus; er kann nur das Coronavirus nachweisen und reagiert nicht auf Influenzaviren. 

Fazit: In der Grippesaison 2020/21 wurden vergleichsweise wenige Grippe-Todesfälle gemeldet. Doch es gab Grippe-Fälle, die Krankheit ist nicht „ausgestorben“. Bei SARS-CoV-2 und Influenzaviren handelt es sich um unterschiedliche Erreger: Covid-19 ist demnach nicht die Grippe.

Redigatur: Sarah Thust, Matthias Bau

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Letzter Wochenbericht der Arbeitsgemeinschaft Influenza (15. Mai bis 21. Mai 2021): Link
  • Saisonberichte der Arbeitsgemeinschaft Influenza: Link
  • RKI-Erklärung für den Rückgang von Atemwegserkrankungen laut Grippeweb: Link




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