Faktencheck

Nein, der Virologe Luc Montagnier sagte nicht, dass in zwei Jahren alle Geimpften tot sein würden

Auf Facebook kursieren Falschbehauptungen über den französischen Virologen Luc Montagnier. Er habe in einem Interview gesagt, alle Geimpften würden innerhalb von zwei Jahren sterben. Das stimmt nicht. Er äußerte in dem Interview jedoch andere irreführende Behauptungen über Corona-Impfungen.

von Steffen Kutzner

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In einem Interview stellt der Virologe Luc Montagnier mehrere unbelegte Theorien über Impfungen gegen Covid-19 auf (Quelle: Rair Foundation / Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)
Behauptung
Der Virologe Luc Montagnier habe gesagt, alle Geimpften würden innerhalb von zwei Jahren an der „Antikörper-abhängigen Verstärkung“ sterben.
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Größtenteils falsch
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Größtenteils falsch. Luc Montagnier hat nicht gesagt, alle Geimpften würden innerhalb von zwei Jahren sterben. Seine Aussagen im Interview zu infektionsverstärkenden Antikörpern sind zudem wissenschaftlich nicht belegt.

„Alle geimpften Menschen werden innerhalb von zwei Jahren sterben“, heißt es in Beiträgen auf Facebook, Twitter, Telegram und auf verschiedenen Webseiten. Das Zitat wird dem französischen Virologen Luc Montagnier über die Corona-Impfung zugeschrieben. Er habe angeblich bestätigt, „dass es keine Überlebenschance für Menschen gibt, die irgendeine Form des Impfstoffs erhalten haben“. Dazu wird ein Video geteilt, das ein Interview mit Montagnier zeigt. Der Beitrag verbreitete sich auch im englischsprachigen Raum.

In diesem Interview sagt Montagnier aber gar nichts davon. Stattdessen stellt er Mutmaßungen über eine „Antikörper-abhängige Verstärkung“ der Krankheit Covid-19 an. Dieses Phänomen der „infektionsverstärkenden Antikörper“ wird im Englischen „antibody-dependant enhancement“ (ADE) genannt. Es ist jedoch bei den Impfstoffen gegen Covid-19 laut Paul-Ehrlich-Institut bisher nicht aufgetreten. 

Das als Screenshot verbreitete Interview mit falschen Zitaten (Quelle: Facebook / Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Stiftung hinter dem Video weist Behauptungen zurück

In dem Video ist das Logo der Rair Foundation zu sehen, einer Stiftung, die Filmemachern Stipendien zur Umsetzung ihrer Projekte anbietet. Interviewt wird darin der 88-jährige Virologe Luc Montagnier. Er gilt als Mitentdecker des HI-Virus und bekam dafür 2008 den Nobelpreis für Medizin.


Die Rair Foundation äußerte sich zu dem Video am 25. Mai auf Twitter. Sie widersprach den Behauptungen, die im Internet kursierten: „Luc Montagnier hat nicht gesagt, die Impfungen würden Menschen in zwei Jahren töten. Der Nobelpreisträger hat gesagt, die Impfstoffe führten zur ‚Entstehung der Virusvarianten‘.“ Im Tweet findet sich ein Link zum am 18. Mai 2021 erschienen Original-Video auf der Webseite. Dort wiederum findet sich ein Link zum Interview in ganzer Länge von elf Minuten. Es wurde im Mai 2021 veröffentlicht.

In keinem der Videos sagt Montagnier, dass in zwei Jahren alle Geimpften sterben würden. Die angeblichen Zitate sind also aller Wahrscheinlichkeit nach frei erfunden.

In der langen Version des Interviews fragt der Moderator ab Minute 7:49, was in zwei oder drei Jahren sei. Montagnier erklärt bei Minute 8:22 lediglich: „Man weiß es nicht.“ 

Luc Montagnier stellt mehrere unbelegte Behauptungen zu den Impfstoffen auf

In dem auf Facebook und Twitter verbreiteten, kurzen Videoausschnitt äußert Montagnier die Theorie, dass die Kurve der Todesfälle in den Ländern der Anzahl der Impfungen folge (Minute 1:05), und dass die durch das Virus produzierten Antikörper eine stärkere Infektion verursachen würden (Minute 1:40). Zudem behauptet er mehrfach, etwa bei Minute 0:58, dass die Virusmutationen durch die Impfungen verursacht würden. 

Für keine dieser Aussagen gibt es wissenschaftliche Belege. 

Dass Mutationen durch die Impfungen verursacht werden, wäre aus mehreren Gründen unlogisch: Vier der sieben aktuell als besorgniserregend eingestuften Virusvarianten wurden schon vor der weltweit ersten Impfung am 8. Dezember 2020 entdeckt. Alle anderen wurden noch im selben Monat identifiziert, also bevor groß angelegte Impfkampagnen angelaufen waren. 

Zudem müssten, wenn die Theorie korrekt wäre, neue Mutanten vor allem in den Ländern auftreten, die hohe Impfquoten haben, wie etwa Israel. Darauf gibt es bisher keine Hinweise. Die bisher entdeckten Varianten wurden zum Beispiel in Großbritannien, Indien, Brasilien oder Südafrika entdeckt. 

Wir haben bereits im April in einem Faktencheck mit mehreren Wissenschaftlern über die Theorie gesprochen, dass Impfungen angeblich Mutationen begünstigen könnten. Sie stuften dies als unplausibel ein. Mutationen treten ihrer Einschätzung nach vor allem dort auf, wo sich das Virus ungehindert verbreiten kann – und somit könnten Impfungen sie sogar verhindern. 

Keine Hinweise auf steigende Todeszahlen durch Impfungen

Wenn die Zahl der Todesfälle durch Covid-19 in einem Land auch nach Beginn der Impfungen steigt, ist das kein Beleg dafür, dass die Impfung dafür verantwortlich sei. Ein Beispiel dafür ist Israel: Wie wir bereits einem Faktencheck gezeigt haben, stiegen dort die Corona-Fälle und Todesfälle nach Beginn der Impfungen an. Das ist möglich, da die dort verwendete Impfstoff von Biontech/Pfizer nicht sofort nach der ersten Dosis schützt, sondern ein Impfschutz erst 14 Tage nach der Erstimpfung eintritt und der volle Schutz erst 7 bis 14 Tage nach der Zweitimpfung besteht. 

Kurze Zeit nach Beginn der Impfkampagne sanken die Corona-Fallzahlen in Israel deutlich. Aktuell gibt es dort kaum neue Fälle, und fast 60 Prozent der Bevölkerung sind vollständig geimpft.  

Keine Hinweise auf infektionsverstärkende Antikörper

Dass es Hinweise auf infektionsverstärkende Antikörper oder ADE (antibody-dependant enhancement) gebe, wie Montagnier behauptet, stimmt ebenfalls nicht. Es geht dabei um die Frage, ob Antikörper durch Impfungen empfänglicher für schwere Krankheitsverläufe von Covid-19 machen könnten, wenn sich die geimpfte Person später mit dem Coronavirus infiziert.

Wie wir bereits für andere Faktenchecks recherchiert haben (hier und hier), wurde diese Theorie schon von verschiedenen Personen geäußert, es gibt aber bisher keine Hinweise darauf, dass sie zutrifft.

Infektionsverstärkende Antikörper können allgemein durch Impfmaßnahmen oder nach einer durchlebten Infektion entstehen. Sie machen den Patienten dann nicht immun, sondern bewirken das Gegenteil und begünstigen die Vermehrung der Viren bei einer erneuten Infektion. Auf natürlichem Weg, also ohne einen Impfstoff, wurden sie beispielsweise beim Dengue-Fieber beobachtet.

Das Paul-Ehrlich-Institut erklärt auf seiner Webseite, dass es bisher bezüglich mRNA-Impfstoffen „keinerlei Hinweise auf eine verstärkte Covid-19-Erkrankung bei geimpften Personen“ gegeben habe. Die inzwischen in der EU zugelassenen Impfstoffe von Biontech und Moderna sind mRNA-Impfstoffe. Hierzu gibt auch die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung Entwarnung: „Bei mRNA- und Vektor-Impfstoffkandidaten gegen andere Infektionskrankheiten wurde ein ADE bisher nicht beobachtet.“

Luc Montagnier fiel bereits vor einem Jahr durch irreführende Behauptungen zum Coronavirus auf; er hatte fälschlich behauptet, das Coronavirus enthalte Gen-Sequenzen von HIV.

Redigatur: Sarah Thust, Alice Echtermann

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Tweet der Rair Foundation mit dem Hinweis dazu, was Montagnier sagte: Link
  • Übersicht zu Corona- und Impfzahlen in Israel: Link
  • Informationsseite des Paul-Ehrlich-Instituts zu infektionsverstärkenden Antikörpern: Link




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