Faktencheck

Nein, Nebenwirkungen bei Covid-19-Geimpften werden nicht ignoriert, wenn der Impfschutz noch unvollständig ist

Auf Instagram kursiert die Behauptung, bei der Statistik bezüglich Nebenwirkungen oder Todesfällen nach Corona-Impfungen werde geschummelt. Angeblich würden die Fälle erst erfasst, wenn der Impfschutz vollständig ist – 22 Tage nach der Impfung. Alle davor würden ignoriert. Das ist falsch. 

von Alice Echtermann

Behauptungen über Erfassung von Impfnebenwirkungen
Nebenwirkungen von Corona-Impfungen und unerwünschte gesundheitliche Ereignisse werden in Deutschland dem Paul-Ehrlich-Institut gemeldet. Dabei ist es unerheblich, ob der Impfschutz vollständig ist oder nicht. (Symbolfoto: Picture Alliance / DPA / Markus Scholz)
Behauptung
Erst ab dem 22. Tag nach der zweiten Impfung würden Nebenwirkungen und Todesfälle in der Datenbank der Geimpften gezählt. Die Fälle, die kurz nach der Impfung auftreten, würden ignoriert oder vertuscht.
Bewertung
Falsch. Gesundheitliche Ereignisse nach Impfungen werden direkt ab dem Zeitpunkt der Impfung erfasst. Als vollständig geimpft gilt in Deutschland außerdem eine Person, deren zweite Impfdosis (oder Einmalimpfung) 14 Tage her ist.

Ein Instagram-Kanal namens „Gegen-Zeitung“ verbreitet Falschinformationen zur Corona-Pandemie und zu Impfungen. In einem Beitrag vom 9. September wird dort behauptet, Fälle von Nebenwirkungen oder Todesfälle kurz nach der Impfung würden vertuscht, weil solche Vorfälle erst ab dem 22. Tag gezählt und in die Statistik eingehen würden. Vorher würden die Menschen als „ungeimpft“ gelten. Das stimmt nicht. 

Auch Menschen, die kurz nach der Impfung gesundheitliche Auswirkungen erleben oder sterben, werden statistisch erfasst – sowohl in Deutschland als auch in einer Datenbank der Europäischen Arzneimittelagentur EMA. Unabhängig davon steht bei solchen Fällen aber nicht fest, dass die Ereignisse durch die Impfung verursacht wurden – dokumentiert werden Verdachtsfälle. 

Das Logo des Kanals „Gegen-Zeitung“ ähnelt dem der Bild-Zeitung, die Beiträge sollen offenbar so wirken, als kämen sie von einem Boulevard-Medium. Die „Gegen-Zeitung“ hat im August 2021 angefangen, reißerische Beiträge über die Pandemie und Impfungen zu verbreiten und hatte auf Instagram mehr als 12.900 Abonnenten (Stand: 24. September). Inzwischen wurde der Kanal offenbar gelöscht. Es handelt sich um keine Zeitung; veröffentlicht wird nur auf Instagram und Telegram. 

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Diese Behauptung auf dem Instagram-Kanal „Gegen-Zeitung“ ist falsch (Screenshot am 22. September 2021: CORRECTIV.Faktencheck)

Ähnliche Behauptung über Statistik aus den USA

Die Behauptung über die Impfstatistiken hat ihren Ursprung vermutlich in einem Artikel der Schweizer Internetseite Legitim vom 25. August. Dort steht im Titel „Wer innert 14 Tagen nach der Impfung stirbt, gilt als nicht geimpft“. Diese Überschrift ist irreführend. Im Text geht es um eine Statistik der US-Gesundheitsbehörde CDC aus Kalifornien. Darin wurden die Covid-19-Fälle im County (Landkreis) Los Angeles von Mai bis Juli 2021 erfasst und aufgeschlüsselt, wie viele der Infizierten bereits geimpft waren und wie viele ungeimpft. 

Es ging dabei offensichtlich unter anderem darum, zu ermitteln, wie effektiv die Impfung gegen Covid-19 schützt. Da die Schutzwirkung erst einige Zeit nach der Impfung eintritt, wurden mutmaßlich in dieser Statistik alle, deren erste Impfdosis noch keine 14 Tage her war, als „ungeimpft“ aufgelistet. 

Mit der Behauptung der „Gegen-Zeitung“, Impfnebenwirkungen oder Todesfälle nach Impfungen würden angeblich vertuscht, hat die CDC-Statistik aber nichts zu tun. 

Ob Biontech, Astrazeneca oder Johnson & Johnson: Angabe von 22 Tagen nach der zweiten Impfdosis ergibt keinen Sinn

Wie die „Gegen-Zeitung“ zudem auf einen zeitlichen Abstand von 22 Tagen kommt, ist unklar. In Deutschland gilt der Impfschutz als komplett, wenn 14 Tage seit der zweiten Impfdosis vergangen sind – beziehungsweise 14 Tage seit der Einzeldosis des Janssen-Impfstoffs. 

Die Angabe von 22 Tagen könnte sich auf Österreich beziehen, denn dort wurde im Sommer offenbar diskutiert, dass man 22 Tage nach der ersten Impfdosis die Corona-Maßnahmen lockern könne, weil schon ein gewisser Schutz bestehe. Die 22 Tage galten aber ab der ersten Impfdosis, nicht ab der zweiten, wie die „Gegen-Zeitung“ schreibt. 22 Tage ist außerdem die Zeit, die verstreichen muss, bis man in Österreich nach einer Einmalimpfung (mit dem Janssen-Impfstoff) als voll immunisiert gilt. 

Nein, gesundheitliche Ereignisse kurz nach der Covid-19-Impfung werden nicht ignoriert 

In Deutschland werden gesundheitliche Ereignisse nach Corona-Impfungen dem Paul-Ehrlich-Institut (PEI) gemeldet. Das PEI führt eine genaue Statistik darüber und veröffentlicht regelmäßig Sicherheitsberichte mit den Daten. Wichtig ist: Diese enthalten Verdachtsfälle auf Nebenwirkungen; der Zusammenhang zur Impfung ist nicht belegt (mehr dazu lesen Sie hier). 

PEI-Sprecherin Susanne Stöcker bestätigte uns auf Anfrage per E-Mail, dass alle Fälle erfasst werden – nicht nur die von Menschen, bei denen der Impfschutz schon vollständig ist. „In Deutschland (und der EU) wird jeder Verdachtsfall einer Impfnebenwirkung oder Impfkomplikation erfasst und bewertet. Sonst könnten wir auch gar nicht zu der Aussage kommen, dass die meisten Nebenwirkungen innerhalb weniger Stunden bis Tage, maximal Wochen auftreten.“ 

Tatsächlich finden sich im aktuellen Sicherheitsbericht vom 20. September teilweise genaue Zeitangaben, im Abstand von wie vielen Tagen die Ereignisse aufgetreten sind. Die Aussage, Todesfälle direkt nach Impfungen würden ignoriert, ist demnach falsch. 

Redigatur: Sarah Thust, Steffen Kutzner

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