Faktencheck

„Ovalmedia“ verbreitet irreführende Behauptungen über Wirksamkeit der Covid-19-Impfstoffe

In einem Video von „Ovalmedia“ wird behauptet, die Covid-19-Impfstoffe wären nicht so wirksam wie behauptet. Als eine Begründung wird angeführt, dass unklar sei, wie viele Ungeimpfte tatsächlich auf Intensivstationen liegen. Zudem wird die Belegung von Intensivstationen im August 2020 und 2021 gegenübergestellt. Den Behauptungen fehlt teilweise Kontext, teilweise sind sie falsch.

von Uschi Jonas

Dieses Video von „Ovalmedia“ verbreitet irreführende und falsche Behauptungen zur Wirksamkeit von Covid-19-Impfstoffen (Quelle: Telegram / Screenshot und Collage: CORRECTIV.Faktencheck)
Dieses Video von „Ovalmedia“ verbreitet irreführende und falsche Behauptungen zur Wirksamkeit von Covid-19-Impfstoffen (Quelle: Telegram / Screenshot und Collage: CORRECTIV.Faktencheck)
Behauptung
Wenn Ungeimpfte so gefährdet seien, hätten im Sommer 2020 mehr auf Intensivstationen liegen müssen als im Sommer 2021. Es stimme nicht, dass im August auf Intensivstationen vor allem ungeimpfte Covid-19-Patienten lagen, und die Wirksamkeit der Impfstoffe sei viel niedriger als von der Bundesregierung behauptet.
Bewertung
Teilweise falsch
Über diese Bewertung
Teilweise falsch. Die Covid-19-Situation im Sommer 2020 lässt sich nicht mit der im Sommer 2021 vergleichen. Die Hospitalisierungsinzidenz ist bei Ungeimpften deutlich höher als bei Geimpften. Die Wirksamkeit der Impfstoffe lässt mit der Zeit nach, sie schützen aber auch weiterhin die meisten Menschen vor einem schweren Verlauf.

Seit Ende September verbreitet sich ein Video von „Ovalmedia“ in Sozialen Netzwerken, in dem unter anderem behauptet wird, dass Impfstoffe gegen Covid-19 nicht so wirksam seien, wie bisher behauptet wurde, und dass ihre Schutzwirkung übertrieben dargestellt werde. Das soll ein Vergleich von Zahlen aus dem August 2020 und dem August 2021 zeigen: Nach der Argumentation im Video hätten 2020 deutlich mehr Menschen auf Intensivstationen liegen müssen, weil zu diesem Zeitpunkt mehr Menschen ungeimpft waren. Auch lägen aktuell angeblich weniger ungeimpfte Personen auf Intensivstationen als von der Bundesregierung behauptet.

Das Video von „Ovalmedia“ hat mehr als 644.000 Views auf Telegram (Stand 23. November) und verbreitet sich auch auf Youtube und anderen Videoportalen. Die Behauptungen darin sind teilweise falsch.

Unsere Recherche zeigt: Der Vergleich von August 2020 und August 2021 ist irreführend. In den Jahren waren unterschiedliche Virusvarianten verbreitet. Zu einem Großteil der Covid-19-Patienten in Krankenhäusern liegen Daten zum Impfstatus vor, diese zeigen, dass Ungeimpfte deutlich häufiger schwer erkranken. Die Wirksamkeit der Covid-19-Impfstoffe wurde in klinischen Studien mit tausenden Menschen überprüft, sie führen nachweislich zu weniger Krankenhauseinweisungen. Zwar lässt die Schutzwirkung offenbar nach einigen Monaten nach, die Impfungen schützen aber auch nach aktuellem Stand die meisten Geimpften vor einem schweren Verlauf.   

Hinter der „Ovalmedia Group“ steckt ein Videoproduktionsdienstleister aus Berlin, der Berichten des Tagesspiegel zufolge in der Kritik steht, mit bekannten Gegnern der Coronamaßnahmen zusammenzuarbeiten.

Video von „Ovalmedia“ zieht falsche Schlussfolgerung aus Wochenbericht des RKI von August 2021

Das Video von „Ovalmedia“ bezieht sich zunächst auf einen Facebook-Beitrag der Bundesregierung vom 25. August 2021. Darin werden die stationär und auf Intensivstationen behandelten Covid-19-Fälle auf Basis von Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI) vom 19. Juli bis 15. August 2021 dargestellt. Es wird dargestellt, dass ein Großteil der Covid-19-Patienten in Krankenhäusern keinen vollständigen Impfschutz habe. 

Der Facebook-Beitrag der Bundesregierung vom 25. August über die Wirksamkeit der Covid-19-Impfstoffe mit Blick auf die Hospitalisierung, auf den das Video von Ovalmedia Bezug nimmt (Quelle: Facebook / Screenshot und Schwärzungen: CORRECTIV.Faktencheck)
Der Facebook-Beitrag der Bundesregierung vom 25. August über die Wirksamkeit der Covid-19-Impfstoffe mit Blick auf die Hospitalisierung, auf den das Video von Ovalmedia Bezug nimmt (Quelle: Facebook / Screenshot und Schwärzungen: CORRECTIV.Faktencheck)

Den Daten des RKI-Wochenberichts vom 19. August zufolge wurden vom 19. Juli bis 15. August 3.235 Menschen wegen Covid-19 stationär in Krankenhäusern behandelt, 261 davon seien vollständig geimpft gewesen. Auf Intensivstationen wurden 309 Patienten behandelt worden, 17 davon seien vollständig geimpft gewesen. Die Bundesregierung greift diese Daten auf und überschreibt ihre Grafik auf Facebook mit der Aussage: „Die Corona-Impfung wirkt!“

Covid-19-Fälle auf Intensivstationen im August 2020 und August 2021 lassen sich nicht einfach gegenüberstellen

Im Video von „Ovalmedia“ werden die Zahlen des RKI angezweifelt (ab Minute 1:15) und mit einem Vergleich der Belegung von Intensivstationen im August 2020 und 2021 argumentiert. Ende August 2020 seien 100 Prozent der Menschen ungeimpft gewesen und es habe 240 Covid-19-Fälle auf Intensivstationen gegeben. Im August 2021 seien nur noch 20 Prozent der Menschen ungeimpft gewesen, während 309 Covid-19-Patienten auf Intensivstationen lagen (ab Minute 2:00). Daraus wird im Video der Schluss gezogen, dass die Ungeimpften nicht so anfällig wären auf Intensivstationen zu landen, wie vom RKI und der Bundesregierung behauptet. Das ist irreführend. 

Denn wie wir bereits in einem Faktencheck im September erläutert haben, lässt sich die Pandemie-Situation im Sommer 2020 nicht einfach mit der im Sommer 2021 vergleichen. 

Im August 2020 waren weniger gefährliche Coronavirus-Varianten verbreitet. Die aktuell dominante Delta-Variante ist leichter übertragbar. Auch kann sie die Schutzwirkung der Impfstoffe mindern, wie das RKI auf seiner Webseite erläutert. 

Die Zahlen des RKI zeigen zudem, dass der Anteil der Covid-19-Fälle, die auf Intensivstationen behandelt werden mussten, 2020 ohne Impfungen höher war. Im Lagebericht des RKI vom 20. August 2020 werden für die vergangenen sieben Tage deutschlandweit 7.902 Covid-19-Fälle angeführt (siehe PDF Seite 3), 231 Covid-19-Patienten wurden dem DIVI-Register zufolge laut Stand 20. August auf Intensivstationen behandelt (siehe PDF Seite 10). 

In der Woche vom 16. August 2021 lag die Zahl der Covid-19-Fälle deutschlandweit viel höher, bei 31.385 (siehe PDF Seite 6). Die Zahl der Covid-19-Fälle auf Intensivstationen war aber nicht gleichermaßen höher als 2020; zwischen dem 19. Juli und 15. August (Kalenderwoche 29 bis 32) waren es 341 (siehe PDF Seite 19). 

Hinzu kommt: Es ist zu erwarten, dass es mit steigender Impfquote auch zu immer mehr Impfdurchbrüchen kommt, wie das RKI erläutert. Einfach ausgedrückt: Wenn alle Menschen in Deutschland gegen Covid-19 geimpft wären, wäre auch jede Person, die krank wird oder auf der Intensivstation landet geimpft und der Anteil an Impfdurchbrüchen läge bei 100 Prozent. Auch steigt die Anzahl an Impfdurchbrüchen mit der Zahl aktiver Covid-19-Fälle. Denn je mehr Fälle es gibt, desto wahrscheinlicher ist es, sich auch als geimpfte Person zu infizieren.

RKI zählte Covid-19-Fälle mit unbekanntem Impfstatus bis Ende September als ungeimpft

Weiter heißt es im Video von „Ovalmedia“ (ab Minute 2:38), die Grafik der Bundesregierung zeige zwar, dass die 17 Menschen auf den Intensivstationen vollständig geimpft gewesen seien, es werde aber nicht gesagt, ob die anderen ungeimpft waren oder lediglich keinen vollständigen Impfschutz hatten. Die Grafik suggeriere, diese Menschen seien ungeimpft, dafür gebe es jedoch keine Quelle. Der Effekt der Impfung werde auf diese Weise „stark übertrieben“. 

Eine Pressesprecherin des RKI schrieb uns in einer E-Mail am 13. Oktober 2021, dass das Institut in älteren Berichten davon ausgegangen sei, dass Menschen „bei denen der Impfstatus nicht bekannt war“ ungeimpft gewesen seien. Da dies die Zahlen verzerrte, wurde die Methodik Ende September geändert. Ab da wurde die Impfeffektivität nur noch auf Basis der Fälle berechnet, bei denen der Impfstatus bekannt war. Das steht auch im Wochenbericht des RKI vom 30. September

Über die Gründe, warum der Impfstatus von Covid-19-Patientinnen und -Patienten im Krankenhaus teilweise nicht erfasst und an das RKI weitergeleitet werden kann, haben wir kürzlich einen ausführlichen Hintergrundbericht veröffentlicht. 

Das Video von „Ovalmedia“ wurde am 24. September veröffentlicht. Daher war damals die Aussage korrekt, dass nicht von allen als ungeimpft gezählten Covid-19-Fällen Klarheit über den Impfstatus bestand. 

Allerdings zeigt ein Blick in den aktuellen RKI-Wochenbericht vom 25. November, dass die Effektivität der Impfstoffe immer noch gegeben ist. 

Die Inzidenzen sind bei Ungeimpften deutlich höher als bei Geimpften

Der Anteil an Personen mit Impfdurchbrüchen liegt laut RKI-Wochenbericht vom 25. November (PDF, Seite 24) bei hospitalisierten Covid-19-Fälle aktuell bei 28,2 Prozent für die 18-59-Jährigen, für die über 60-Jährigen bei 56 Prozent. Bei den auf Intensivstationen behandelten Fällen liegt der Anteil bei 15,3 Prozent für die 18-59-Jährigen, für die über 60-Jährigen bei 46,4 Prozent. Doch wie bereits oben geschildert, ist das erwartbar. Je mehr Menschen geimpft sind und umso mehr Covid-19-Fälle es insgesamt gibt, desto mehr steigt die Quote der Impfdurchbrüche in den Krankenhäusern an.

Der Blick auf die aktuellen Inzidenzen (symptomatischer Fälle) und Hospitalisierungsinzidenzen zeigt, dass diese bei Ungeimpften deutlich höher sind (Wochenbericht vom 25. November, Seite 22). Bei diesen Daten gibt es eine gewisse Unsicherheit, da wie erwähnt nicht bei allen Patienten der Impfstatus bekannt ist (laut RKI lagen bei 85 Prozent der Fälle ausreichende Angaben vor). Es gibt keinen Grund, anzunehmen, dass die fehlenden 15 Prozent alle ungeimpft waren; wahrscheinlich ist, dass ein Teil geimpft und ein Teil ungeimpft war. Somit sind die vom RKI berechneten Inzidenzen durchaus aussagekräftig.

Vergleich der Inzidienzen und Hospitalisierungsraten von Geimpften und Ungeimpften nach unterschiedlichen Altersgruppen im RKI-Wochenbericht vom 25. November 2021 (Quelle: RKI/ Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)
Vergleich der Inzidenzen und Hospitalisierunginzidenzen von Geimpften und Ungeimpften nach unterschiedlichen Altersgruppen im RKI-Wochenbericht vom 25. November 2021 (Quelle: RKI/ Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Covid-19-Impfstoffe schützen laut aktueller Einschätzung in allermeisten Fällen wirksam vor einem schweren Krankheitsverlauf

„Ovalmedia“ vertritt die Meinung, die Wirksamkeit der Impfstoffe werde stark übertrieben (ab Minute 3:50 im Video), was sich vor allem an den steigenden Impfdurchbrüchen, vor allem bei den Älteren, zeige (ab Minute 4:20). Dieser Behauptung fehlt relevanter Kontext.

Eine Wirksamkeit von etwa 95 Prozent wird laut Paul-Ehrlich-Institut beispielsweise für den mRNA-Impfstoff von Biontech/Pfizer angegeben. Eine Studie im New England Journal of Medicine, die Daten von rund 600.000 geimpften Israelis mit einer ungeimpften Kontrollgruppe verglich, konnte diese Wirksamkeit Anfang 2021 in der Praxis nachweisen. 

Es zeigte sich, dass zwei Dosen der Impfung die symptomatischen Covid-19-Fälle um 94 Prozent reduzierten, die Rate der Krankenhausaufenthalte ging um 87 Prozent und die Anzahl schwerer Covid-19-Fälle um 92 Prozent zurück. Die geschätzte Effektivität, Todesfälle zu verhindern, lag der Studie zufolge bei 72 Prozent im Zeitraum zwischen 14 und 20 Tagen nach der ersten Impfdosis. Von Tag 21 bis 27 lag die Effektivität bei 84 Prozent.

Auch das RKI schreibt in seinem Lagebericht vom 19. August, auf den sich „Ovalmedia“ bezieht: „Alle Impfstoffe, die zurzeit in Deutschland zur Verfügung stehen, schützen nach derzeitigem Erkenntnisstand bei vollständiger Impfung wirksam vor einer schweren Erkrankung.“ 

Im aktuellen Wochenbericht vom 25. November schreibt das RKI weiterhin, dass „bei vollständiger Impfung die allermeisten geimpften Personen wirksam vor einer schweren Erkrankung“ geschützt seien (PDF, Seite 4).

Der Antikörperspiegel fällt nach einer gewissen Zeit ab, daher wird zu Booster-Impfungen geraten

Aktuell nimmt die vom RKI geschätzte Impfeffektivität allerdings tatsächlich ab. Im Wochenbericht vom 25. November wird die Effektivität vor einer symptomatischen Erkrankung zu schützen für den Zeitraum der vergangenen vier Wochen auf 68 Prozent für die 18- bis 59-Jährigen und auf 65 Prozent für die über 60-Jährigen beziffert (PDF, Seite 24). 

Das RKI schreibt, die gesunkene Impfeffektivität könne „für eine Abnahme der Schutzwirkung über die Zeit sprechen, da in der Bevölkerung der Anteil derjenigen wächst, die vor mehr als sechs Monaten geimpft wurden“. Deshalb empfahl die Ständige Impfkommission (Stiko) bereits Anfang Oktober Auffrischimpfungen für ältere Menschen, seit dem 18. November für alle über 18-Jährigen. Dazu haben wir in einem anderen Faktencheck mehr erläutert.

Zum Thema nachlassende Schutzwirkung schreibt die Bundesregierung aktuell auf ihrer Webseite: „Die Impfung schützt, auch wenn nach einer gewissen Zeit der Antikörperspiegel abfällt. Mit einer Impfung werden neben den Antikörpern auch Immunzellen trainiert, die Corona-infizierte Zellen erkennen und zerstören können. Auch wenn diese erzeugten Antikörperspiegel nach der Impfung nach einigen Monaten abfallen können, kann eine schützende Immunantwort durch eine Impfung erreicht werden. Die Behauptung, dass in dem Fall die Schutzimpfung nicht mehr wirkt, ist falsch. Wie lange der Schutz anhält, wird durch klinische Prüfungen auch nach einer Zulassung weiter ermittelt.“

Fazit: Das Video von „Ovalmedia“ ist von Mitte September 2021. Die Pandemielage von August 2020 und August 2021 lässt sich nicht vergleichen, da die Delta-Variante deutlich ansteckender ist. Es stimmt, dass die Angaben zu geimpften und ungeimpften Menschen in Krankenhäusern mit einer gewissen Unsicherheit belastet sind. Dennoch liegen aktuell bei 85 Prozent der Patienten Angaben zum Impfstatus vor. Die daraus berechneten Inzidenzen sind bei Geimpften deutlich niedriger als bei Ungeimpften.

Dass die Covid-19-Impfstoffe die allermeisten Menschen wirksam vor allem vor schweren Verläufen und dem Tod schützen, ist wissenschaftlich belegt. Da aber keiner der Impfstoffe eine Wirksamkeit von 100 Prozent erreicht und der Antikörperspiegel nach einiger Zeit sinkt, wird für Menschen über 70 und bestimmte Risikogruppen eine Auffrischungsimpfung empfohlen.

Redigatur: Matthias Bau, Till Eckert

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Wöchentlicher Lagebericht des RKI vom 19. August 2021: Link
  • Wöchentlicher Lagebericht des RKI vom 25. November 2021: Link
  • Epidemiologischer Steckbrief des RKI zu SARS-CoV-2 und Covid-19: Link 
  • Hinweise des RKI zur Wirksamkeit von Covid-19-Impfstoffen: Link
  • Risikobewertung des RKI zu Covid-19: Link