Faktencheck

Plakat über „seltene Nebenwirkungen“ nach Covid-19-Impfung stammt nicht von irischer Regierung

Ein Foto zeigt angeblich einen Aushang der irischen Regierung über Nebenwirkungen nach einer Covid-19-Impfung. Dazu sollen gehören: „Plötzlicher Tod“ und „Herzinfarkt“. Das irische Gesundheitsministerium und die für Impfmaterial zuständige Behörde dementieren. Das Foto kursiert seit mehreren Jahren.

von Sophie Timmermann

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In Sozialen Netzwerken verbreitet sich die Behauptung, dieses Foto zeige einen Aushang der irischen Regierung. Die Regierung dementiert. (Quelle: Telegram; Screenshot und Collage: CORRECTIV.Faktencheck)
Behauptung
Ein Foto zeige einen Aushang der irischen Regierung, der über die Nebenwirkungen der Covid-19-Impfung aufkläre, darunter Blutgerinnsel, Herzinfarkte und plötzlicher Tod.
Bewertung
Falsch. Laut dem irischen Gesundheitsministerium, der Aufsichtsbehörde für Impfstoffe und der für Covid-19-Aufklärungsmaterial zuständigen Behörde stammt der Aushang nicht von ihnen. Das angebliche Plakat weist mehrere Unstimmigkeiten im Vergleich zu offiziellen Plakaten auf.

„Oh je oh je“, heißt es unter einem Beitrag auf Facebook. Die Reaktion gilt dem Foto eines angeblichen Plakat der irischen Regierung. Es nennt Kopfschmerzen, Menstruationsstörungen, Gesichtslähmungen, Blutgerinnsel, „Herzinfarkte und Anfälle“, und „plötzlichen Tod“ als Nebenwirkungen der Covid-19-Impfung. Das Foto tauchte erstmals im Jahr 2021 auf. Seitdem kursiert es international: in englischen, japanischen oder russischen Beiträgen; seit Januar vermehrt auch in deutscher Sprache, etwa auf Telegram (hier, und hier), Twitter und Facebook. 

Das Plakat im Foto unterscheidet sich in einigen Details von offiziellen Covid-19-Aufklärungsplakaten in Irland. Die dortige Regierung und die zuständigen Gesundheitsbehörden teilten uns mit, der angebliche Aushang stamme nicht von ihnen. 

Warum die Behauptung aktuell wieder die Runde macht, ist unklar. Allerdings häuften sich in den vergangenen Wochen unbelegte Behauptungen zu „plötzlichen und unerwarteten“ Todesfällen, die angeblich mit der Covid-19-Impfung im Zusammenhang standen (wir berichteten). 

Laut Behörden in Irland wurde ein solches Plakat nie veröffentlicht – wer es erstellt hat, ist unklar

Auf dem Plakat im Netz heißt es, mögliche Nebenwirkungen der Covid-19-Impfung sollten der Health Products Regulatory Authority (HPRA) gemeldet werden. Die Behörde ist unter anderem für das Erfassen von Nebenwirkungen zuständig. Eine Pressesprecherin schreibt uns auf Anfrage: „HPRA stellt keine Covid-19-Impfposter her.“ Dieser Hinweis findet sich auch auf der Webseite. Die Sprecherin verweist auf die irische Gesundheitsbehörde Health Service Executive (HSE), die offizielle Covid-19-Informationsmaterialien produziere. 

Die HSE untersteht dem irischen Gesundheitsministerium. Auf Anfrage schreibt das Ministerium, das Plakat stamme weder von der irischen Regierung noch von der HSE. Wir haben zusätzlich bei HSE nachgefragt. Ein Sprecher bestätigte, die Informationen auf dem Plakat seien nicht veröffentlicht und auch nicht genehmigt worden. 

Der Sprecher verweist auf eine Übersicht aller Covid-19-Informationen und Broschüren auf der Webseite. Dort findet sich kein Plakat, das „plötzlichen Tod“ als Nebenwirkung einer Covid-19-Impfung nennt. Stattdessen gibt es Broschüren mit Verhaltensempfehlungen, wie etwa regelmäßigem Händewaschen oder Aufklärungsmaterial für Kinder. Wer das Plakat erstellt hat, ist unklar.

Das Logo auf dem angeblichen Covid-19-Plakat unterscheidet sich von jenem auf offiziellen Plakaten

Ein Vergleich mit einem offiziellen Covid-19-Plakat enttarnt mehrere Unstimmigkeiten – zum Beispiel fehlt auf dem angeblichen Poster das Logo der HSE. In dem online verbreiteten Foto ist unten rechts eine Harfe zu sehen. Die irische Regierung nutzt das Symbol als nationales Emblem. Neben der Harfe steht der irische Spruch „Muintir na hÉireannaigh“, übersetzt bedeutet das „Volk von Irland“. Auf offiziellen Plakaten steht jedoch auf Irisch „Rialtas na hÉireann“, also „Regierung von Irland“. 

Vergleich des angebliches Plakats aus Irland und einem offiziellen Plakat der Regierung
Das online verbreitete Foto (links) unterscheidet sich vom offiziellem Plakat (rechts), zum Beispiel durch den Slogan und das fehlende Logo der Gesundheitsbehörde HSE (Quelle: Telegram; HSE; Screenshots, Collage und rote Markierungen: CORRECTIV.Faktencheck)

„Plötzlicher Tod“ nicht als Nebenwirkung der Corona-Impfung aufgeführt 

Auf dem im Netz kursierenden Plakat heißt es, dass bestimmte „seltene Nebenwirkungen“ der Covid-19-Impfung aufgefallen seien. Die deutsche Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung erklärt zur Häufigkeit der Nebenwirkungen: „Selten bedeutet, dass eine Reaktion bei einer bis zehn von 10.000 geimpften Personen auftritt. Sehr selten bedeutet, dass eine bestimmte Reaktion bei weniger als einer geimpften Person pro 10.000 geimpften Personen auftritt.“ Es gebe auch typische Reaktionen nach einer Impfung, darunter Rötungen an der Einstichstelle oder Fieber. Die auf dem angeblichen irischen Plakat genannten Nebenwirkungen sind jedoch teilweise erfunden oder vermischen typische, seltene und sehr seltene Reaktionen. 

Die Gesundheitsbehörde HSE führt auf ihrer Webseite zu den einzelnen zugelassenen Covid-19-Impfungen sehr typische, typische, untypische, seltene und sehr seltene Nebenwirkungen auf. „Plötzlicher Tod“ und „Herzinfarkte“ sind bei keinem der Impfstoffe genannt. Kopfschmerzen können eine sehr typische Reaktion sein. Eine Gesichtslähmung („bell’s palsy“) wird bei den Impfstoffen von Moderna und Janssen als seltene Nebenwirkung aufgezählt; Blutgerinnsel („blood clots“) als seltene Nebenwirkung bei Janssen und Astrazeneca. Bei den Impfstoffen von Pfizer/Biontech und Moderna gehören Herzmuskel- und Herzbeutelentzündungen (Myokarditis und Perikarditis) zu den „sehr seltenen“ Nebenwirkungen.  

Laut dem Aufklärungsmerkblatt für die Impfstoffe Comirnaty (Biontech/Pfizer) und Spikevax (Moderna) des Robert-Koch-Instituts (PDF) gibt es zudem Hinweise, dass es „im Zusammenhang mit der Impfung zu einer verstärkten Menstruationsblutung kommen kann“ (Stand: 22. November 2022).

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung: Nutzen der Covid-19-Impfstoffe überwiegt „bei weitem“ mögliche Risiken

Auf der Webseite der HRPA heißt es, bis zum 28. November 2022 seien insgesamt „20.669 Meldungen über vermutete Nebenwirkungen im Zusammenhang mit der Covid-19-Impfung“ bei der Behörde eingegangen. Bis zum aktuellsten veröffentlichten Sicherheitsbericht von Mai 2022 waren es 20.182 Meldungen. Insgesamt gingen laut dem Bericht 113 Meldungen zu Personen ein, von denen bekannt sei, dass sie in zeitlichem Zusammenhang nach der Impfung gestorben seien. Die Meldungen sind nicht geprüft. Ob die Impfung im ursächlichen Zusammenhang mit diesen Todesfällen stand, ist nicht klar. 

In Deutschland überwacht das Paul-Ehrlich-Institut die Sicherheit von Impfstoffen. Im aktuellen Sicherheitsbericht, der im Bulletin zur Arzneimittelsicherheit im Dezember 2022 veröffentlicht wurde, heißt es: „Auch wenn Todesfälle in zeitlicher Nähe zur Covid-19-Impfung weltweit berichtet wurden, wurde in mehreren Studien gezeigt, dass Covid-19-Impfungen insgesamt und insbesondere auch bei älteren Personen nicht zu einer Übersterblichkeit führen“.

Laut der deutschen Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sind die in Deutschland zugelassenen Covid-19-Impfstoffe „gut wirksam und ihr Nutzen überwiegt bei weitem mögliche Risiken“. 

Redigatur: Sarah Thust, Viktor Marinov

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck: 

  • Covid-19-Infomaterialien der Gesundheitsbehörde HSE: Link (archiviert)
  • Nebenwirkungen der Covid-19-Impfungen, HSE: Link (archiviert)
  • Sicherheitsbericht der irischen Aufsichtsbehörde HRPA, Mai 2022: Link 
  • Informationen zur Covid-19-Impfung, HRPA: Link (archiviert)
  • Bulletin zur Arzneimittelsicherheit, Paul-Ehrlich-Institut: Link (archiviert)

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