Bundestagswahl 2025

Brief eines angeblichen Wahlhelfers über Wahlbetrug in Düsseldorf ist fake

Während der Auszählung der Stimmen der Bundestagswahl verbreitete sich online ein Brief eines angeblichen Wahlhelfers aus Düsseldorf, der „schwerwiegende Unregelmäßigkeiten“ in einem Wahlkreis der Stadt anprangert. Doch einiges an der Geschichte ist seltsam, ein Beleg für Wahlbetrug ist der Brief nicht.

von Paulina Thom

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Am 23. Februar 2025 konnten Wählerinnen und Wähler in Wahllokalen ihre Stimme für die Bundestagswahl abgeben (Symbolbild: Heiko Rebsch / DPA / Picture Alliance)
Behauptung
Einem Wahlhelfer namens Benedikt Elser zufolge habe es „schwerwiegende Unregelmäßigkeiten“ bei der Auszählung der Stimmen der Bundestagswahl im Wahlkreis 106 Düsseldorf II gegeben. 20 bis 40 Prozent der Stimmen für die AfD seien in Müllsäcke aussortiert und in einer örtlichen Mülldeponie verbrannt worden. Während der Auszählung seien zudem „speziell bei AfD-Stimmen“ in 100 bis 200 Fällen gültige Stimmzettel für ungültig erklärt worden, indem ein Kreis um bereits gesetzte Stimmen gezogen worden sei.
Bewertung
Falsch. Es gab im Wahlkreis 106 Düsseldorf II laut einem Stadtsprecher keinen Wahlhelfer namens Benedikt Elser. Durch die gegenseitige Kontrolle der Mitglieder eines Wahlorganes ist eine wie im Brief beschriebene Manipulation dem Stadtsprecher zufolge nicht vorstellbar. Stimmzettel werden zudem laut Bundeswahlordnung nicht ungültig, wenn ein Kreis um das Kreuz gezogen wird.

In einem Brief, der auf Telegram, Facebook und X verbreitet wird und knapp hunderttausend Aufrufe hat, prangert ein angeblicher Wahlhelfer „schwerwiegende Unregelmäßigkeiten“ bei der Auszählung der Stimmen der Bundestagswahl im Wahlkreis 106 Düsseldorf II an. So seien 20 bis 40 Prozent der Stimmen für die AfD aussortiert und in einer örtlichen Mülldeponie verbrannt worden. Während der Auszählung seien zudem „speziell bei AfD-Stimmen“ in 100 bis 200 Fällen gültige Stimmzettel für ungültig erklärt worden, indem ein Kreis um bereits gesetzte Kreuze auf dem Stimmzetteln gezogen worden sei. 

Über einen ähnlichen angeblichen Vorfall berichteten wir im Zuge der Landtagswahl in Brandenburg 2024. Nicht nur ist der erste Verbreiter – der Telegram-Kanal UNN – Unabhängig-Neutrale Nachrichten – derselbe wie damals, auch sind die Anschuldigungen, der Aufbau und die Formulierungen in den beiden Briefen ähnlich bis stellenweise identisch. 

Warum der Brief keinen Wahlbetrug belegt, erklären wir im Faktencheck. 

Screenshot von Telegram-Beitrag mit dem Brief
Dieser Brief eines angeblichen Wahlhelfers in Düsseldorf kursiert auf Telegram, doch den geschilderten Wahlbetrug hat es laut der Stadt nicht gegeben (Quelle: Telegram; Screenshot: CORRECTIV.Faktencheck)

Es gab keinen Wahlhelfer mit dem Namen Benedikt Elser im Wahlkreis Düsseldorf II

Der Brief des angeblichen Wahlhelfers aus Düsseldorf ist mit dem Namen Benedikt Elser unterzeichnet. Weder im besagten Wahlkreis noch irgendwo anders in Düsseldorf gab es laut Manuel Bieker, Sprecher der Stadt, einen Wahlhelfer mit diesem Namen. 

Auf die Frage, ob es bei der Auszählung zu irgendwelchen Unregelmäßigkeiten gekommen sei, schreibt uns Bieker: Alle Mitglieder des Wahlorganes, zu denen auch die Wahlhelfenden gehören, seien laut Bundeswahlgesetz zur unparteiischen Wahrnehmung ihres Amtes verpflichtet und kontrollierten sich bei der Auszählung gegenseitig. Dadurch sei eine gezielte Manipulation von Wahlergebnissen grundsätzlich nicht vorstellbar. Es gebe in der Stadt Düsseldorf einen Fall versuchter Wahlfälschung, eine Strafanzeige sei gestellt worden, schreibt Bieker. Dabei handele es sich um den Fall eines Wahlhelfers, der vor der Wahl im Internet angekündigt hatte, AfD-Stimmen vernichten zu wollen. „Dieser Wahlhelfer wurde vor Beginn der Stimmenauszählung durch den Wahlvorstand von seinen Aufgaben entbunden“, erklärt Bieker. 

Die Bundeswahlleiterin teilte uns auf Nachfrage mit, dass bisher keine Anhaltspunkte zu einem versuchten Wahlbetrug bei der Bundestagswahl 2025 vorlägen. 

Vorwürfe der angeblichen Stimmzettelvernichtung sind unlogisch

Es ist zudem unlogisch, dass 20 bis 40 Prozent der AfD-Stimmen eines Wahlbezirks säckeweise – wie im Brief behauptet – in einem Kleintransporter abtransportiert wurden, denn so viele Stimmzettel kämen gar nicht zusammen. Laut Bundeswahlordnung soll ein Wahlbezirk nicht mehr als 2.500 Einwohner umfassen. 

Nehmen wir als Beispiel für den Wahlkreis Düsseldorf II den Wahlbezirk mit den meisten Wahlberechtigten: 3609 Räuscherweg 40. Hier gab es 2.120 Wahlberechtigte. An der Urne gewählt haben 1.077 Menschen, hinzukommen in dem Bezirk 848 Briefwahlstimmen. Selbst wenn man annähme, dass alle abgegebenen 1.925 Stimmen für die AfD gewesen wären, käme man bei 20 bis 40 Prozent dieser Stimmen, die angeblich entsorgt worden seien, auf maximal 770 Stimmzettel. 

Eine solche Anzahl an Stimmen passe in eine einzelne Wahlurne, wie uns die Landeswahlleitung von Brandenburg für unseren früheren Faktencheck erklärte: „Was vorher in nur einer Wahlurne Platz fand, kann also schwerlich säckeweise entfernt worden sein.“

Ein Kreis um das Kreuz macht den Stimmzettel nicht ungültig

Schlicht falsch ist die Behauptung, dass in 100 bis 200 Fällen Stimmzettel durch einen Kreis um das Kreuz ungültig gemacht wurden. Wie uns die Pressestelle der Bundeswahlleiterin auf Nachfrage schreibt, macht dieses Vorgehen einen Stimmzettel nicht ungültig. „Der Wählerwille ist durch einen Kreis um das Kreuz weiterhin erkennbar“, schreibt die Pressestelle. 

Hinzu kommt: Laut Manuel Bieker von der Stadt Düsseldorf gab es keinen einzigen Wahlbezirk mit einer so hohen Zahl ungültiger Stimmen. Die Auswertung zum vorläufigen Wahlergebnis in Düsseldorf habe für die Wahlkreise 105 und 106 zusammengefasst eine Höchstzahl von 27 ungültigen Erst- beziehungsweise 18 ungültigen Zweitstimmen in den Wahlbezirken ergeben.

Alter Brief des angeblichen Wahlhelfers wurde für die Bundestagswahl angepasst

Der älteste Beitrag, den wir von dem Brief des angeblichen Wahlhelfers finden konnten, stammt von dem Kanal „Unabhängig-Neutrale Nachrichten“ (UNN). UNN hatte den Brief in ähnlicher Form bereits vor den Landtagswahlen in Brandenburg im September 2024 als erstes verbreitet. Der Kanal gehört einem Youtuber aus Österreich. Auf unsere Anfrage reagierte er weder damals noch heute.

Auffällig ist: Der Brief wurde nach unserem letzten Faktencheck offenbar gezielt angepasst, um glaubwürdiger zu wirken. Der angebliche Wahlhelfer erklärt nun etwa, warum er nicht die Polizei verständigt habe – etwas, worüber sich Nutzerinnen und Nutzer noch im September 2024 wunderten. Und während es im alten Brief hieß, AfD-Stimmzettel seien „um circa 18 Uhr in einen Kleintransporter verladen“ worden – was unmöglich ist, denn zu dieser Zeit beginnt die Auszählung erst – fehlt im neuen Brief eine genaue Zeitangabe. Auch die Anzahl der angeblich vernichteten und ungültig gemachten Stimmen fällt im neuen Brief geringer aus. 

Alle Faktenchecks rund um die Bundestagswahl 2025 lesen Sie hier.

Redigatur: Steffen Kutzner, Matthias Bau

Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:

  • Bundeswahlgesetz: Link 
  • Bundeswahlordnung: Link (PDF)
  • Vorläufige Ergebnisse der Wahlbezirke in Düsseldorf, Stand: 25. Februar: Link (archiviert)
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