Zustand des Great Barrier Reefs schwankt stark
Im Oktober 2025 hieß es auf X, dem Great Barrier Reef, an der Nordostküste Australiens, gehe es so gut wie nie. Doch die Daten, auf die sich die Behauptung stützt, sind veraltet. Wir zeigen, wie es aktuell um das Korallenriff und dessen Zukunft steht.
Das Great Barrier Reef vor der Nordostküste Australien erregt als Gradmesser des Klimawandels immer wieder mediale Aufmerksamkeit. Im Februar 2024 nannte die FAZ das von der Unesco als Weltkulturerbe geführte Riff den „sensibelsten Indikator für die Umweltsünden der Menschheit“. Die Tagesschau berichtete im Oktober 2025 von einer „Rekord-Korallenbleiche“, die zum Absterben von Korallen führen kann.
Auf X wird hingegen in mehreren Beiträgen behauptet, dass Medien und Klimaschützer lügen würden und den Zustand der Riffe überdramatisieren oder falsch darstellen. Dem Riff gehe es „bestens“ oder es würde „in Wahrheit“ wachsen, heißt es. Belegen soll das eine Grafik, die zeigt, wie sich der Korallenbewuchs am Great Barrier Reef seit 1986 entwickelt – doch sie ist veraltet, wie unser Faktencheck zeigt. Die Beiträge von Oktober 2025 erhielten seitdem dennoch mehr als hunderttausende Ansichten. Verbreitet wurde sie unter anderem von Markus Krall, Medienberichten zufolge Verbreiter von rechten Thesen und Untergangsprophezeiungen.

Grafik auf X fehlen aktuelle Daten zum Zustand des Great Barrier Reefs
Zunächst: Die Grafik und ein Begleittext darunter, die im Oktober 2025 im deutschsprachigen Raum verbreitet wurden, stammen von dem englischsprachigen Autor Bjorn Lomborg aus Dänemark. Er hatte die Grafik offenbar selbst mit damals verfügbaren Daten erstellt und am 6. Juli 2024 auf X veröffentlicht. Er schrieb dazu: „Dem Great Barrier Reef geht es heute besser als je zuvor“ – das passe nicht zu den jahrealten „Schreckgeschichten“, das Riff würde verschwinden.
Lomborg veröffentlichte als Autor mehrere Bücher, darunter zum Beispiel „Skeptischer Umweltschützer“ („Skeptical Environmentalist“), und wird auch in Medienberichten von Welt und FAZ zitiert. Der Guardian berichtete im Dezember 2021 über Forschende, die Lomborg einen selektiven Umgang mit ihren Studienergebnissen vorwarfen. Die London School of Economics and Political Science bezichtigte Lomborg mehrfach der Verbreitung von Falschbehauptungen.
Wir haben uns an das Australian Institute of Marine Science (AIMS) gewandt, das den Zustand des Riffs beobachtet und auf dessen Daten die Grafik verweist. Unsere Recherche zeigt: Das Great Barrier Reef war zwar im Jahr 2024 stark mit Korallen bewachsen, doch das ist auf eine Korallenart zurückzuführen, die durch verschiedene Faktoren besonders schnell absterben kann. Das AIMS hatte in seinem Bericht von August 2024 darauf hingewiesen, dass eine Hitzewelle bevorstehe, die dieses Absterben mit sich bringen würde – und dazu kam es auch.
Australian Institute of Marine Science beobachtet Great Barrier Reef seit 39 Jahren
Der Bericht des AIMS erschien am 6. August 2025. Darin berichtet das Institut über den Zustand des nördlichen, des zentralen und des südlichen Bereichs des Riffs zwischen August 2024 und März 2025. Insgesamt, so teilte uns das AIMS auf Anfrage mit, bestehe das Great Barrier Reef aus fast 3.000 Riffen. Der Bericht beschreibt die Dichte des Korallenbewuchess der Riffe („coral cover“) und Schäden an diesen.
Als Gefahr für das Riff werden dabei in dem Bericht Hitzeperioden und Stürme genannt, aber auch der sogenannte Dornenkronenseestern, der sich von bestimmten Korallenarten ernährt. Als mögliche Gründe für ein stärkeres Vorkommen der Seesterne nennt das AIMS eine größere Verfügbarkeit von Nährstoffen – vor allem Algen – durch dichtere Besiedlung der Küstengebiete, und den Verlust an Räubern durch Überfischung, die die Seesternlarven fressen. Genau verstanden sind diese Dynamiken aber noch nicht.

Lomborgs Diagramm auf X soll die Dichte des Korallenbewuchses des gesamten Great Barrier Reefs seit dem Jahr 1986 in Prozent zeigen, wie aus der Beschriftung der Achsen hervorgeht. Lomborg schreibt zudem im Text unter der Grafik, dass das AIMS seit 2020 keinen Index zum Gesamtzustand des Korallenriffs mehr veröffentliche. Er habe die Grafik daher selbst erstellt.
Das AIMS teilte uns dazu mit, dass man in den jährlichen Berichten dazu übergegangen sei, über die drei verschiedenen Regionen des Riffs separat zu berichten, da sich diese klimatisch und in den Risikobedingungen für die Korallen unterscheiden würden. Im Folgenden zeigen wir die aktuellen Grafiken zum Zustand der drei Riffregionen:
Aus den Daten geht hervor, dass im nördlichen und im zentralen Bereich des Great Barrier Reefs zwar Verluste beim Korallenbewuchs zu verzeichnen waren, diese jedoch dichter bewachsen sind als in den Vorjahren. Einzig im südlichen Bereich des Riffs stellt sich die Situation anders dar.
Insgesamt, so bilanziert das AIMS in seiner Nachricht an uns, seien in zwei der drei Regionen innerhalb eines Jahres so viele Korallen auf einmal abgestorben, wie noch nie in den letzten 39 Jahren. Als Gründe dafür führt das AIMS durch den Klimawandel verursachten Hitzestress bei den Korallen, Wirbelstürme und Schäden durch Dornenkronenseesterne an.
Great Barrier Reef ist durch neue Korallenart starken Schwankungen unterworfen
Dennoch, so schreibt das AIMS weiter, heißt das nicht, dass es dem Riff so schlecht gehe wie noch nie. Der Rekordverlust an Korallen stehe dem hohen Neubewuchs in den letzten Jahren gegenüber, sodass die Korallendichte jetzt in etwa dem langjährigen Mittel in jeder der drei Regionen entspräche.
Diese starken Schwankungen seien vor allem auf eine bestimmte, schnell wachsende Korallenart zurückzuführen, die sich in den vergangenen Jahren zunehmend auf dem Riff verbreitet habe: die sogenannte Tischkoralle (Acropora).

Die Acropora wachse zwar schnell, so das AIMS, aber sie sei auch anfällig für Sturmschäden und die sogenannte Korallenbleiche. Dabei stoßen die Korallen die Mikroalgen, mit denen sie in einer Symbiose leben, ab. Das geschieht, wenn sie auf Dauer zu großer Wärme ausgesetzt sind. Die Algen verleihen den Korallen ihre Farbe, werden sie abgestoßen, ist die Koralle weiß. Sinkt die Umgebungstemperatur nicht schnell genug wieder, sterben die Korallen ab. Die Max-Planck-Gesellschaft berichtete im April 2024, dass es bisher weltweit vier Massenkorallenbleichen gab: 1998, 2010, von 2014 bis 2017 und Anfang 2023. Laut AIMS war das Great Barrier Reef allein seit 2016 sechs Mal von einer Massenkorallenbleiche betroffen.
Fazit: Wie sehr das Great Barrier Reef in seinen verschiedenen Regionen mit Korallen bewachsen ist, schwankt stark. Ein vorübergehender Höchststand der Korallendichte in 2024 zeigt also weder, dass der Klimawandel von Forschenden übertrieben dargestellt wird, noch dass sich Ökosysteme wie Korallenriffe von alleine anpassen können. Das AIMS sieht die Schwankungen als Zeichen dafür, dass das Riff insgesamt instabiler geworden ist und in Zukunft weitere Schäden durch Hitzestress in Folge des Klimawandels davontragen kann. Es sei daher wichtig, klimaschädliche Emissionen zu reduzieren und Wege zu finden, um es den Riffen zu ermöglichen, sich an den Klimawandel und dessen Folgen anzupassen.
Redigatur: Sara Pichireddu, Sarah Thust
Die wichtigsten, öffentlichen Quellen für diesen Faktencheck:
- Bericht des Australian Institute of Marine Science, Great Barrier Reef Annual Summary Report Coral Reef Condition 2024/2025, vom 6. August 2025: Link (Englisch, archiviert)