Tagesschau-Beitrag zu angeblicher Drohung Netanjahus ist eine Fälschung
Ein mutmaßlicher Deepfake lässt es so aussehen, als würde eine Tagesschau-Moderatorin über eine Drohung Israels gegen Deutschland berichten. Für solche Fakes gibt es inzwischen sogar Vorlagen in der App Capcut.
In Sozialen Netzwerken kursiert ein Video mit dem Logo der Tagesschau, in dem es heißt, Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu habe gedroht, Deutschland anzugreifen. In seiner Rede habe er gesagt, Israel könnte mit Deutschland „dasselbe machen wie mit dem Iran“.
Im Februar 2026 hatten Israel und die USA den Iran angegriffen. Dabei wurde unter anderem Irans Oberster Führer Ajatollah Ali Chamenei getötet. Seitdem kommt es immer wieder zu gegenseitigen Angriffen.
Allein eines der Videos mit der angeblichen Drohung Netanjahus erreichte auf Tiktok knapp 400.000 Aufrufe.

Israelische Botschaft dementiert angebliche Drohung von Israels Ministerpräsidenten Netanjahu
In den Kommentaren zu dem Video weisen manche Nutzerinnen und Nutzer bereits darauf hin, dass das Video fake sei. Über mehrere Stichwort-Suchen findet sich keine solche Meldung außerhalb der Beiträge in Sozialen Netzwerken. Auch auf der Webseite der Tagesschau gibt es solche Beiträge nicht.
Die Pressestelle der israelischen Botschaft in Berlin schreibt auf Nachfrage: „Es handelt sich um ein gefälschtes Video und um Desinformation.“
Trotz sichtbarer Logos stammt der Beitrag laut ARD und RBB nicht von den Sendern
Im Video ist neben dem Logo der Tagesschau auch das Logo des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB) zu sehen.
Auf Anfrage schreiben die Pressestelle des RBB und für die Tagesschau die Pressestelle des NDR, dass der Beitrag nicht von ihnen stamme. Die Sprecherin erinnert stark an die Tagesschau-Sprecherin Romy Hiller.
Experte wertet angeblichen Nachrichtenbeitrag mit Tagesschau-Sprecherin als Deepfake
Bei dem Video handelt es sich mutmaßlich um einen Deepfake. Dabei werden Stimme und Antlitz einer Person mittels Künstlicher Intelligenz (KI) nachgeahmt und Mundbewegungen entsprechend angepasst. Dafür kann schon ein einzelnes Video der Person ausreichen.
Christian Hoffmann, Professor für Kommunikationsmanagement an der Universität Leipzig, schreibt uns dazu auf Anfrage: „Im Bild lassen sich einige Indikatoren eines Deepfakes erkennen: das gesprochene Wort passt oft nicht zur Mundbewegung passt, die Bewegungen sind monoton und wiederholend gleich.“ Die Stimme sei dagegen relativ gut repliziert worden. „Nur hier und da ist ein unnatürlicher, monotoner Tonfall klar erkennbar“, so Hoffmann.
Mutmaßlicher Erstverbreiter veröffentlicht offenbar Vorlagen für Deepfakes auf Tiktok
In vielen der Videos mit dem Deepfake ist der Tiktok-Nutzername „editvision_68“ eingeblendet.

Auf dem Profil wurde es am 3. Juli 2026 veröffentlicht – einen älteren Beitrag konnten wir nicht ausfindig machen. Das Profil hat gleich mehrere solcher Videos mit der vermeintlichen Tagesschau-Sprecherin Romy Hiller veröffentlicht – mittlerweile ist das Profil gelöscht und nicht mehr für Nachfragen erreichbar.
Zu den alten Beiträgen hieß es teils explizit: „Foto oder Video hinzufügen.“ In einem Fall wurde das Video auch als „Vorlage“ bezeichnet, die über eine Verlinkung in Capcut abrufbar ist. Capcut ist eine App, die Videobearbeitung anbietet. Die App gehört zu dem chinesischen Konzern Bytedance, der auch Tiktok entwickelt hat. Capcut steht schon länger wegen seiner Datenschutzpraktiken in der Kritik, zuletzt auch wegen seiner Nutzungsbedingungen.
In der App fanden wir zahlreiche passende Vorlagen für solche Nachrichtenbeiträge. Bytedance antwortete auf eine Anfrage von uns nicht.

Nachrichtenmoderatoren immer wieder von Deepfakes betroffen
Der mutmaßliche Deepfake von Tagesschau-Sprecherin Romy Hiller könnte gegen das Persönlichkeitsrecht oder Urheberrecht verstoßen, üble Nachrede oder Verleumdung darstellen. Auch andere Moderatoren waren bereits von Deepfakes betroffen, so zum Beispiel ZDF-Moderator Christian Sievers und ein France24-Moderator.
Der NDR und RBB betonen zudem auf Anfrage, dass die Nutzung ihrer Logos ohne Zustimmung nicht erlaubt sei. So schreibt der NDR: „Die Nutzung des Tagesschau-Logos stellt eine Markenrechtsverletzung dar.“ Ein externer Dienstleister sei deshalb beauftragt worden, das Video und das Tiktok-Profil abschalten zu lassen.
Tiktok löscht -Account nach Presseanfrage
Der Beitrag ist nicht als KI-generiert gekennzeichnet, obwohl Tiktoks Richtlinien das vorschreiben. Zudem müsste Tiktok laut dem Digital Services Act (DSA) der EU „angemessen, das heißt, verhältnismäßig“ auf rechtswidrige Inhalte reagieren, nachdem ein Nutzer solche Inhalte an Tiktok gemeldet hat. Das erklärte uns gegenüber Jessica Flint, Anwältin für IT- und Wirtschaftsrecht im Februar 2025.
Auf unsere Anfrage dazu reagierte Tiktok mit der Löschung des Videos und des Accounts. Eine Sprecherin von Tiktok schrieb uns dazu: „Wir haben die von Ihnen geteilten Inhalte wegen Verstößen gegen unsere Community-Richtlinien entfernt und werden dies auch weiterhin tun.“
Redigatur: Sophie Timmermann, Paulina Thom
Mitarbeit: Matthias Bau
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