Faktencheck

Gefälschter Tagesschau-Artikel erfindet Eklat um Weidel und Sewing 

Ein angeblicher Tagesschau-Artikel berichtet von einem Streit zwischen Alice Weidel und Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing. Doch der Beitrag ist gefälscht und folgt einer bekannten Betrugsmasche.

von Caroline Lindekamp

Christian Sewing taucht in gefälschtem Artikel auf
Christian Sewing bei einer Bankentagung vor der Kamera (Quelle: Florian Wiegand / DPA / Picture Alliance)
Behauptung
Der Chef der Deutschen Bank, Christian Sewing, habe die Talkshow „Maischberger“ wütend verlassen. Zuvor habe die AfD-Politikerin Alice Weidel dort eine Investitionsplattform vorgestellt, mit der man in wenigen Wochen Tausende Euro verdienen könne.
Einordnung
Für einen gemeinsamen Auftritt von Alice Weidel und Christian Sewing bei „Maischberger“ gibt es keine Belege. Der vermeintliche Tagesschau-Artikel ist eine Fälschung.

Wer auf diesen Link klickt, sieht einen vermeintlichen Tagesschau-Artikel. Dieser berichtet über einen Eklat zwischen Alice Weidel, der Co-Bundesparteivorsitzenden der AfD, und Christian Sewing, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Bank, in der Sendung „Maischberger“. Anlass sei eine Investitionsplattform gewesen, die Weidel erwähnte.

Der vermeintliche Artikel gibt das Gespräch zwischen Weidel, Sewing und Moderatorin Sandra Maischberger wie ein Protokoll wieder. Weidel soll unter anderem behauptet haben, ein Mann habe mit 250 Euro angefangen und dank einer automatisierten Anlage bereits nach einer Woche 7.000 Euro netto im Monat verdient. Sewing habe ihr vorgeworfen, vertrauliche Informationen preisgegeben zu haben, und daraufhin die Sendung verlassen.

correctiv.org/Screenshot_gefälschter_Artikel


Woran der gefälschte Tagesschau-Artikel zu erkennen ist

Mehrere Merkmale zeigen, dass der vermeintliche Tagesschau-Artikel nicht echt ist: Die URL führt nicht zu tagesschau.de, sondern auf eine andere Domain. Auch die Gestaltung weicht in Details ab: Die echte Tagesschau-Seite hat oben in der Mitte einen Hinweis auf „Tagesschau 24 Live“, der in der Fälschung fehlt. Außerdem ist der gefälschte Artikel angeblich im Ressort „Sensation“ – dieses existiert bei der Tagesschau gar nicht. Will man bei der Fälschung auf die Startseite der Tagesschau durch einen entsprechenden Klick gelangen, öffnet sich stattdessen die Webseite der Investitionsplattform.

correctiv.org/Screenshot_gefälschter_Artikel
tagesschau.de/Originalwebseite


Keine Belege für gemeinsamen „Maischberger“-Auftritt

Auch die Nachricht selbst weist Unstimmigkeiten auf: Auf der Webseite von „Maischberger“ sind zurückliegende Sendungen und ihre Gäste bis zu einem Jahr dokumentiert. Dort finden sich keine Hinweise auf einen gemeinsamen Auftritt von Alice Weidel und Christian Sewing. Auch Online-Suchen mit ihren Namen und Bilder-Rückwärtssuchen mit den Bildern aus dem vermeintlichen Artikel liefern keinen entsprechenden Treffer. Suchen auf der Tagesschau-Webseite führen ebenfalls ins Leere.

Wir finden lediglich einen Auftritt von Weidel bei „Maischberger“ am 22. Januar 2025. Die Sendung ist auf Youtube noch einsehbar. Christian Sewing war jedoch nicht zu Gast. Auch für einen anderen Auftritt Sewings bei „Maischberger“ – mit oder ohne Weidel – gibt es keine Belege.

ard.de/programmdirektion/Maischberger-Januar2025
youtube.com/Maischberger-Januar2025
spiegel.de/Weidel-bei-Maischberger


Ähnliche Fake-Artikel kursieren mit anderen Namen

Der vermeintliche Tagesschau-Artikel folgt einer bekannten Masche. Im Netz finden sich nahezu identische Versionen, in denen ebenfalls Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing eine Talkshow wütend verlassen haben soll. Die Person, die ihm gegenübersteht, und der Name der beworbenen Investitionsplattform unterscheiden sich. So kursiert eine Variante, in der statt Alice Weidel die Politikerin Sahra Wagenknecht bei „Maischberger“ eine angebliche Handelsplattform vorstellt. Auch dort ist von 250 Euro Startkapital und 7.000 Euro monatlichem Verdienst die Rede. Die Tagesschau selbst warnt vor solchen betrügerischen Fake-Webseiten.

perma.cc/ähnliche-Behauptung
tagesschau.de/fake-webseiten


Auch bei der Verbreitung zeigt sich ein auffälliges Muster: Je nach Standort zeigt derselbe Link unterschiedliche Inhalte. Bei einem Aufruf aus Deutschland führt der Link zu dem vermeintlichen Tagesschau-Artikel; bei einem Aufruf zum Beispiel aus Frankreich erscheint dagegen eine Fitness-Webseite. Diese standortabhängige Ausspielung von Inhalten wird als Geotargeting bezeichnet.

Die Technik ist im Online-Marketing gängig und wird etwa eingesetzt, um Werbung abhängig vom Standort der Nutzerinnen und Nutzer auszuspielen. Sie kann aber auch anderen Zwecken dienen: CORRECTIV.Faktencheck hat sie etwa bei der russischen Desinformationskampagne „Doppelgänger“ dokumentiert. Dort wurde anhand der IP-Adresse geprüft, aus welchem Land ein Zugriff erfolgte. Nur Zugriffe aus Deutschland führten zu gefälschten deutschen Nachrichtenseiten, Zugriffe aus anderen Ländern dagegen auf unverdächtige Webseiten. „Internetbetrüger verwenden diese Masche, um zu vermeiden, dass wertvolle Infrastrukturkomponenten wie die ‚echten‘ Domains oder Server zu viel Aufmerksamkeit erfahren“, war ein Fazit der Recherche.

perma.cc/Linkaufruf-aus-Frankreich 
haufe-akademie.de/Glossar-Geotargeting
correctiv.org/faktencheck/Russische-Doppelgänger
correctiv.org/Grafik-Geotargeting-bei-Doppelgänger


Verbraucherzentrale warnt vor Anlagebetrug

Immer wieder werden Prominente für ähnliche Investmentmaschen missbraucht. Wir recherchierten zuletzt etwa zu einem gefälschten ZDF-Artikel, der ein erfundenes „Maischberger“-Gespräch zwischen Friedrich Merz und Tino Chrupalla verbreitete. Auch dieser führte zu einem angeblichen Investmentangebot.

Die Verbraucherzentralen warnen vor solchen Fällen. Kriminelle ahmten dafür unter anderem Webseiten und Logos glaubwürdiger Medien nach und missbrauchten Bilder und Namen von Prominenten, „um Seriosität vorzuspielen“. Häufig werde zunächst ein niedriger Betrag wie 250 Euro verlangt. „Spätestens wenn Sie sich Geld auszahlen lassen wollen, treten Probleme auf“, warnt die Verbraucherzentrale auf ihrer Webseite. „Das Geld ist dann meist verloren.“

correctiv.org/Faktencheck/Merz-und-Chrupalla
verbraucherzentrale.de/Warnung-vor-Anlagebetrug


Diesen Faktencheck haben Mitglieder der Faktenforum-Community recherchiert. Redaktion: Viktor Marinov; Steffen Kutzner