Faktencheck

Argentinien unter Milei: Wie sich die Wirtschaftszahlen wirklich entwickelt haben

Unter Javier Milei gingen Armut und Inflation in Argentinien zurück. Doch in Sozialen Netzwerken genannte Zeiträume sind irreführend.

von Caroline Lindekamp

Javier Milei Präsident Argentiniens Präsident
Seit Dezember 2023 ist Javier Milei Argentiniens Präsident (Quelle: Luis Robayo / AFP)
Behauptung
Präsident Javier Milei habe in einem Jahr die Armutsquote in Argentinien halbiert, 4,4 Prozent Wirtschaftswachstum erzeugt, erstmals seit 123 Jahren einen Gewinn im Staatshaushalt erzielt und die Inflation „von 200 auf 22 Prozent gedrückt“. Außerdem habe er 14.000 Gesetze und Regulierungen gestrichen.
Einordnung
Die verbreiteten Angaben zur wirtschaftlichen Entwicklung Argentiniens unter Javier Milei sind teilweise richtig. Das Wirtschaftswachstum von rund 4,4 Prozent ist richtig. Armut und Inflation gingen in etwa wie angegeben zurück – allerdings nicht innerhalb eines Jahres. Die Behauptungen, Argentinien habe erstmals seit 123 Jahren einen Haushaltsüberschuss erzielt und Milei habe 14.000 Gesetze und Regulierungen gestrichen, sind ebenfalls irreführend.

Beiträge auf Plattformen wie Facebook, X und Instagram berichten von einer „beeindruckenden“ Bilanz des argentinischen Präsidenten Javier Milei: Armutsquote, Staatsbudget und Inflation hätten sich in nur einem Jahr gut entwickelt, wie verschiedene Kennzahlen zeigen sollen. 

Einige der Beiträge nennen einen Artikel der Washington Post, einer US-amerikanischen Tageszeitung, als Quelle für eine Erfolgsbilanz zu Javier Mileis Wirtschaftspolitik. Der Artikel aus dem Meinungsressort erschien am 3. April 2026 unter der Überschrift „New data from Argentina shows the real answer to poverty“ (sinngemäß: „Neue Daten aus Argentinien zeigen den echten Weg aus der Armut“). 

Die vier verbreiteten Zahlen finden sich dort in ähnlicher Form, jedoch mit anderen Zeitangaben. Die Washington Post verlinkt als Belege für die genannten Zahlen auf Agentur- und Medienberichte, unter anderem von Reuters. Diese wiederum beziehen sich bei den Angaben zu Armut, Inflation und Wirtschaftswachstum auf offizielle Daten argentinischer Stellen.

washingtonpost.com/kommentar-zu-milei
web.archive.org/behauptung1
web.archive.org/behauptung2 
perma.cc/behauptung3


Wirtschaftszahlen zu Argentinien beziehen sich auf unterschiedliche Zeiträume

Aus einer Antwort der Bundesregierung vom 12. Juni 2026 auf eine Kleine Anfrage eines AfD-Abgeordneten geht hervor, dass am 30. Die Beiträge in Sozialen Netzwerken behaupten, Javier Milei habe die genannten wirtschaftlichen Entwicklungen „in einem Regierungsjahr“ erreicht. Welches Jahr damit gemeint ist, bleibt jedoch offen. Milei trat am 10. Dezember 2023 sein Amt als argentinischer Präsident an.

Die tatsächlichen Zahlen beziehen sich allerdings auf unterschiedliche Zeiträume: Die Angaben zur Armutsquote stammen aus dem ersten Halbjahr 2024 und dem zweiten Halbjahr 2025. Die Inflationswerte wiederum stammen aus Dezember 2023 und Februar 2026, einzig das Wirtschaftswachstum bezieht sich tatsächlich auf das Kalenderjahr 2025.

Die Entwicklungen lassen sich somit nicht einem einzelnen Regierungsjahr zuordnen und betreffen teilweise Zeitspannen von über einem Jahr.

theguardian.com/wahlsieg-mileis


Armutsquote sank zwischenzeitlich auf 28 Prozent – aber nicht innerhalb eines Jahres

Die Angabe zur gesunkenen Armutsquote lässt sich mit Daten der argentinischen Statistikbehörde INDEC nachvollziehen. Laut der „Encuesta Permanente de Hogares“ („Ständige Haushaltsbefragung“) lebten im ersten Halbjahr 2024 52,9 Prozent der Menschen in den untersuchten 31 städtischen Ballungsräumen unterhalb der Armutsgrenze. Im zweiten Halbjahr 2025 waren es 28,2 Prozent. Die in den Beiträgen genannten gerundeten Werte von 53 und 28 Prozent sind damit richtig.

Die Statistik belegt aber nicht, dass die Armutsquote innerhalb eines Jahres von 53 auf 28 Prozent sank. Zwischen diesen Erhebungszeiträumen liegt deutlich mehr als ein Jahr. Inzwischen ist die Armutsquote wieder etwas gestiegen: Für das erste Halbjahr 2026 weist INDEC gut 32 Prozent aus.

Was der Vergleich zudem außer Acht lässt: Die Armutsquote war zu Beginn von Mileis Amtszeit zunächst gestiegen. Vor seiner Präsidentschaft im zweiten Halbjahr 2023 lag die Kennzahl noch bei rund 40 Prozent, im darauffolgenden Halbjahr unter Milei bei etwa 53 Prozent. Als einen Grund für den Anstieg nannte etwa die Tagesschau die Abwertung des argentinischen Peso und Kürzungen bei Renten wie Sozialleistungen.

indec.gob.ar/statistik-armutsquote-seite5
tagesschau.de/100-tage-milei


Argentiniens Wirtschaft wuchs 2025 um rund 4,5 Prozent

Die Angabe zum Wirtschaftswachstum, die sich über Soziale Netzwerke verbreitet, lässt sich mit offiziellen Daten bestätigen. Laut der argentinischen Statistikbehörde wuchs das reale Bruttoinlandsprodukt 2025 um rund 4,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr. 2024 war die Wirtschaftsleistung noch um 1,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gesunken.

indec.gob.ar/BIP-entwicklung-zum-download


Inflationsrate sank von rund 200 auf 33 Prozent – über mehr als zwei Jahre

Auch die Inflationsrate ging unter Milei deutlich zurück – allerdings nicht so rasant, wie in den Beiträgen behauptet. Laut INDEC lag sie im Monat seines Amtsantritts, Dezember 2023 im Vergleich zum Vorjahresmonat bei 211,4 Prozent. Ein Jahr später, im Dezember 2024, betrug sie noch 117,8 Prozent und hatte sich damit nicht einmal halbiert. Auf 33,1 Prozent sank die jährliche Inflationsrate im Februar 2026. Damit lag sie zwar deutlich unter dem Wert von Dezember 2023, dieser Rückgang vollzog sich jedoch über mehr als zwei Jahre und nicht innerhalb eines Jahres. Das setzte die Regierung mit einem radikalen Sparkurs durch, etwa auch im Bildungsbereich und bei der Rente.

biblioteca.indec.ar/verbraucherpreisindex-argentinien-2026
indec.ar/inflationsrate-im-zeitvergleich


Haushaltsüberschuss bestätigt, historische Einordnung irreführend

Die Angabe zum Staatshaushalt lässt sich grundsätzlich bestätigen. Laut dem argentinischen Wirtschaftsministerium erzielte der öffentliche Sektor 2024 einen Haushaltsüberschuss von 0,3 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP). Es war dem Ministerium zufolge der erste jährliche Finanzüberschuss seit 2010.

Die in den Beiträgen genannten 123 Jahre gehen auf eine Aussage Mileis zurück. Er erklärte, Argentinien habe in 113 der vergangenen 123 Jahre ein Haushaltsdefizit verzeichnet. In den übrigen zehn Jahren habe es zwar Überschüsse gegeben, allerdings habe das Land damals seine Schulden nicht vollständig bedient. Die argentinische Faktencheck-Organisation Chequeado überprüfte diese Darstellung und bewertete sie als irreführend: Nach Angaben von Fachleuten gab es bereits 1904, 1908 und 1920 Haushaltsüberschüsse, ohne dass Argentinien zahlungsunfähig war.

argentina.ar/pressemitteilung-wirtschaftsministerium
spectator.com/milei  
chequeado.com/faktencheck-zu-haushaltsdefizit


Zahl zu gestrichenen Gesetzen führt in die Irre

Dass Milei in einem Jahr 14.000 Gesetze und Regulierungen gestrichen habe, wie in den Beiträgen behauptet wird, stimmt so nicht. Laut dem argentinischen Deregulierungsministerium wurden seit Mileis Amtsantritt bis September 2026 knapp unter 3.000 Vorschriften geändert oder aufgehoben. Höher ist die Zahl der einzelnen geänderten Artikel, diese liegt aktuell bei rund 17.600 in den gut zweieinhalb Jahren Amtszeit.

archive.org/deregulierung


Diesen Faktencheck haben Mitglieder der Faktenforum-Community recherchiert.
Redigatur: Gabriele Scherndl, Viktor Marinov