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Vermeintliche Aldi-Kassenzettel sind gefälscht und belegen keine Inflation durch den Euro

Eine Collage mit zwei angeblichen Aldi-Kassenzetteln soll zeigen, dass Lebensmittel seit Einführung des Euro viel teurer geworden seien. Mehrere Auffälligkeiten sprechen jedoch gegen die Echtheit der Bons.

Symbolbild Kassenzettel Picture Alliance 20260630
Mehrere Merkmale sprechen gegen die Echtheit der beiden Kassenzettel (Symbolbild: Bernd Feil / Picture Alliance / M.i.S.)
Behauptung
Eine Collage zeige zwei Kassenzettel von Aldi – derselbe Einkauf, der früher 10,90 DM gekostet habe, koste heute 26,29 Euro.
Einordnung
Zahlreiche Merkmale sprechen gegen die Echtheit der Kassenzettel. Außerdem lässt sich die behauptete Preisentwicklung weder mit der Inflation noch mit der Euro-Einführung erklären.

Faktensammlung

In sozialen Netzwerken kursiert eine Bild-Collage mit zwei angeblichen Aldi-Kassenzetteln. Sie soll zeigen, dass der Euro Lebensmittel massiv verteuert hat. Über der Gegenüberstellung steht die Behauptung: „Der Euro als Währung ist der Untergang Europas.“ Zu sehen sind zwei Bons mit fast identischer Produktliste. Der linke soll von Aldi Süd stammen und wurde angeblich am 12. Mai 1998 ausgestellt. Für Milch, Brot, Butter, Cola, Schokolade, Käse, Nudeln, Äpfel, Eier und Kaffee zeigt der Bon einen Gesamtpreis von 10,90 D-Mark. Der rechte Bon zeigt dieselben Produkte zu höheren Einzelpreisen. Die Gesamtsumme beträgt hier 26,29 Euro. Er trägt das Datum 24. Mai 2026 und verweist auf die Aldi Nord App.

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Bei genauer Betrachtung weisen die beiden angeblichen Aldi-Kassenzettel viele Auffälligkeiten auf, die Zweifel an der Echtheit begründen. Der ältere Bon wurde dem Logo nach von Aldi Süd ausgestellt. Der neuere trägt zwar das aktuelle Aldi-Süd-Logo, verweist am unteren Rand aber auf die Aldi-Nord-App. Aldi Nord und Aldi Süd sind rechtlich getrennte Unternehmensgruppen. Sie haben unterschiedliche Preise, Filialnetze und Kassensysteme. Die Collage stellt die Bons trotzdem als direkten Vergleich desselben Einkaufs dar. Der QR-Code, mit dem man zur App gelangen sollte, lässt sich zudem nicht auslesen.

Auch weitere Details wirken unglaubwürdig. Beide Einkäufe sollen exakt um 15:42:31 Uhr abgeschlossen worden sein, obwohl zwischen den angeblichen Kaufzeitpunkten fast 28 Jahre liegen. Der ältere Bon trägt außerdem die auffallend einfache Bonnummer 12345, der neuere die Nummer 987654321. Das wirkt eher wie Platzhalter als echte Transaktionsnummern.

Weitere Ungereimtheiten betreffen den Inhalt des neueren Bons. Für die aufgeführte Cola in der 1,5-Liter-Flasche ist kein Pfand ausgewiesen, obwohl für Einweg-Getränkeflaschen in Deutschland grundsätzlich ein Pfandbetrag separat berechnet wird. Außerdem sind alle Produkte nur mit sehr allgemeinen Bezeichnungen wie „Milch“, „Brot“, „Butter“, „Cola“ oder „Schokolade“ aufgeführt. Moderne Kassensysteme verwenden üblicherweise genauere Artikelbezeichnungen oder interne Produktnamen.

Auch das Datum auf dem neueren Bon fällt ins Auge: Der Einkauf soll am 24. Mai 2026 stattgefunden haben, in diesem Jahr der Pfingstsonntag. Zwar gibt es einzelne Aldi-Filianen mit Sonntagsöffnung, etwa an Bahnhöfen, welcher Markt auf dem Kassenzettel gemeint sein soll, geht aus der Collage jedoch nicht hervor. Beide Bons enthalten nur den Hinweis „Ihre Filiale“, nennen aber weder eine konkrete Filialnummer noch eine Anschrift. Echte Aldi-Nord-Bons zeigen die Adresse der Filiale, kein farbiges Logo und sind völlig anders aufgebaut.

Hinzu kommt die uneinheitliche Kundenansprache auf dem angeblich aktuellen Bon. Zunächst heißt es „Vielen Dank für Ihren Einkauf“. Später ist von „Dein digitaler Kassenbon“ und „Wir freuen uns auf deinen nächsten Besuch“ die Rede. Eine solche Mischung aus Sie- und Du-Anrede innerhalb eines Kassenzettels ist ungewöhnlich.

Auffällig ist auch, dass Aufbau und Gestaltung der beiden Bons trotz des großen zeitlichen Abstands nahezu gleich sind. Reihenfolge und Mengenangaben der Produkte, Zeilenabstände sowie die Position von Datum und Uhrzeit sind fast identisch. Auch der ältere Bon wirkt künstlich gealtert. Kassenzettel werden auf Thermopapier gedruckt und verblassen nach Jahrzehnten oft stark oder sind kaum noch lesbar. Dieser Bon erscheint dagegen gleichmäßig vergilbt und vollständig lesbar.


Die beiden Kassenzettel zeigen eine Preissteigerung für die gleichen Waren von 10,90 D-Mark auf 26,29 Euro. Für einen Preisvergleich müssen die D-Mark zunächst in Euro umgerechnet werden. Nach dem offiziellen Umrechnungskurs von 1 Euro zu 1,95583 D-Mark entsprechen 10,90 D-Mark etwa 5,57 Euro.

Um zu prüfen, ob eine Preissteigerung in dieser Höhe plausibel ist, kann man den Verbraucherpreisindex des Statistischen Bundesamtes heranziehen. Er erfasst die durchschnittliche Preisentwicklung aller Waren und Dienstleistungen, die private Haushalte in Deutschland kaufen. Dafür wird ein Basisjahr festgelegt und dann die prozentuale Abweichung dazu berechnet. Zum Basisjahr 2020 liegt der Index für 1998 bei 74, für 2025 bei 121,9. Das allgemeine Preisniveau ist in diesem Zeitraum also um etwa 65 Punkte gestiegen.

Hätte der Einkauf auf dem älteren Kassenzettel nur entsprechend der Inflation zugelegt, hätte er 2025 etwa 9,16 Euro gekostet. Die in der Collage genannte Summe von 26,29 Euro liegt damit fast dreimal so hoch wie der Vergleichswert laut Verbraucherpreisindex vom Vorjahr – keine realistische Preisentwicklung.

Zwar sagt der Verbraucherpreisindex nichts darüber aus, wie sich die Preise einzelner Lebensmittel entwickelt haben. Er spiegelt die durchschnittliche Preisentwicklung eines repräsentativen Warenkorbs wider. Einzelne Warengruppen können sich in bestimmten Zeiträumen deutlich stärker oder schwächer verteuern als der Durchschnitt.

Bei einem Test am 30 Juni liegt der Preis für die ausgewiesenen Waren außer Äpfel, aber bei 15,28 Euro. Höher als nach der reinen Berechnung mit dem Verbraucherpreisindex, aber deutlich niedriger als auf dem angeblich aktuellen Kassenbon.


Die Collage soll nicht nur steigende Lebensmittelpreise zeigen. Sie wird zusammen mit der Aussage verbreitet: „Der Euro als Währung ist der Untergang Europas“. Doch schon wenige Monate nach der Einführung des Euro-Bargelds stellte die Deutsche Bundesbank fest, dass die amtliche Preisstatistik keinen außergewöhnlichen Anstieg der Verbraucherpreise durch die Währungsumstellung zeigte. Das Statistische Bundesamt untersuchte die Preisentwicklung rund um die Euro-Einführung mehrfach. Fünf Jahre nach der Bargeldeinführung zog die Behörde Bilanz: Die Umstellung von D-Mark auf Euro habe „keine nennenswerte Minderung der Geldwertstabilität“ bewirkt. Die durchschnittliche jährliche Inflationsrate lag in den fünf Jahren vor der Einführung (1997 bis 2001) bei 1,4 Prozent und in den fünf Jahren danach (2002 bis 2006) bei 1,5 Prozent. Einen sprunghaften Anstieg der Inflation durch den Euro konnten die Statistiker nicht feststellen.


Diese Faktensammlung haben Mitglieder der Faktenforum-Community recherchiert. Redaktion: Nadia Westerwald; Redigatur: Sara Pichireddu