Wir veröffentlichten am 16. April einen Artikel über Gerüchte, die nach dem Feuer von Notre-Dame auf Facebook und Twitter kursierten. Darunter war auch das Bild von zwei Männern, die lächelnd eine Absperrung nahe Notre-Dame verlassen, das Feuer ist im Hintergrund zu sehen. Das Bild wurde mit dem angeblichen Kontext geteilt, die Männer seien Muslime und würden sich über den Brand freuen. Wir recherchierten die Quelle, ein Artikel auf der englischsprachigen Webseite von Sputniknews, und fanden keine Hinweise darauf, dass das Bild eine Fälschung war.
In unserem Artikel steht folglich: „Die Fotos sind offenbar echt, aber es handelt sich um eine nicht belegbare Unterstellung, dass die Männer sich über den Brand freuten. Der Kontext – zum Beispiel ob die Männer wegen der medialen Aufmerksamkeit oder etwas anderem lächelten – ist nicht bekannt.“
Weil andere Medien das Bild als Fake bezeichnen, und uns Leser immer wieder darauf hinweisen, beschreiben wir hier, wie wir zu unserem Urteil gekommen sind.
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Forensiker einer Universität meinen, das Bild sei eine Montage
Kurz nach unserem Artikel veröffentlichte die US-Faktencheck-Organisation Politifact einen Artikel, laut dem das Bild ein Fälschung sei – die Organisation vergab die härteste Bewertung: „Pants on Fire“. In dem Artikel bezieht sich Politifact auf Forscher des Zentrums für Medienforensik der Universität Colorado. Sie sagten demnach, dass man mit bloßem Auge durch Heranzoomen an die rechte Wange des rechts stehenden Mannes erkennen könne, dass die beiden Männer in das Bild hineingeschnitten wurden. Außerdem sei das Bild schon auf Twitter erschienen, bevor Sputnik es veröffentlicht hatte.
Auch die Webseite Volksverpetzer bewertete das Bild daraufhin als Fälschung. Die Autoren kontaktierten laut ihrem Artikel dieselben Forscher, die das Bild gegenüber Politifact als Fälschung eingeschätzt hatten. In Bildmontagen verwiesen sie darauf, dass Teile der Ohren fehlen würden.

Doch ähnliche Verzerrungen finden sich auch an anderen Stellen des Bildes, wenn man heranzoomt. Das liegt wohl an der schlechten Qualität.

Was zeigen Forensik-Tools?
Daraufhin untersuchten wir das Bild noch einmal genauer. Unter anderem mit dem Tool Fotoforensics, mit dem man unter bestimmten Voraussetzungen herausfinden kann, ob ein Bild nachträglich bearbeitet wurde.
Zum Beispiel kann man damit die sogenannte Error Level Analysis anwenden. Sie speichert das Bild in einer komprimierten Fassung ab. So sollen Pixel sichtbar werden, die sich in ihrer Art unterscheiden, etwa weil zwei unterschiedliche Aufnahmen übereinander geschnitten wurden. Doch wenn das Bild nur in einer verarbeiteten Fassung vorliegt, weil es etwa auf Server geladen wurde, die Metadaten löschen oder das Bild komprimieren, sind diese Tools weniger aussagekräftig, so wie in diesem Fall.
Beim Umkehren der Farben erkennt man aber auch hier Details, die mit dem bloßen Auge schwer zu erkennen sind. Zum Beispiel werden so einzelne Haare sichtbar. Das per Photoshop zu fälschen, in der Schnelligkeit, wäre sehr schwierig. Auf Sputnik ist das Bild Teil eines Live-Tickers und wurde am 15. April um 21:29 Uhr eingebettet. Das Feuer war am frühen Abend ausgebrochen.

Beim Invertieren der Farben wird auch bei der Version, die Sputnik ursprünglich veröffentlicht hat, sichtbar, dass feine Haarsträhnen zu sehen sind.
Weiteres Material von Sputnik
Wir haben außerdem Sputnik angeschrieben. Die Presseabteilung schickte uns ein Video und das Originalbild. Auf dem Video erkennt man andere Personen, die auf dem Foto zu sehen waren. Außerdem möglicherweise einen der Männer, der gerade das abgesperrte Areal nahe der Kirche verlässt.

Die Presseabteilung erklärte außerdem: Die Fotos stammen von einer Sputnik-Reporterin, die nur mit einem Handy ausgestattet vor Ort war. Sie schickte Fotos und Videos an die Redaktion.
Das Originalbild enthält außerdem Metadaten, laut denen das Bild an dem Ort aufgenommen wurde, von dem es stammen soll.

Metadaten können zwar auch gefälscht werden, aber sie sind Teil einer Reihe von Indizien, die zu unserem Fazit führt: Es gibt keine erkennbaren Hinweise darauf, dass das Bild gefälscht ist. Auch die Faktencheck-Organisationen Nieuwscheckers und Lead Stories kamen zu diesem Urteil. Und Politifact hat inzwischen den Titel ihres Artikels angepasst und die gegensätzlichen Bewertungen unter dem Text aufgeführt, wenn auch die Wertung nicht verändert.
Vielleicht kennen Sie das. Die AfD scheint schier unaufhaltsam. Genauso wie der Rechtsruck in ganz Europa. Dazu kommt: Die Situation zuletzt in Ceuta, Krieg im Iran, Frieden ist in der Ukraine noch lange nicht in Sicht und gerade erst haben wir einen Sommer mit einem Rekord an Hitzetoten in Deutschland hinter uns. Von den unfassbaren Waldbränden in Europa will ich gar nicht erst anfangen.
Manchmal möchte man da schon den Kopf in den Sand stecken. Noch eine Krise. Noch eine schlechte Nachricht. Noch eine Debatte, bei der man sich fragt: Wo soll das alles hinführen? Ich glaube, ich spreche für viele, wenn ich sage: An vielen Tagen hat man einfach keinen Bock mehr. Vielleicht kennen auch Sie das Gefühl. Damit sind Sie nicht allein!
Wir von CORRECTIV wollen uns diesem Gefühl nicht länger hingeben. Denn so kann es nicht weitergehen. Deshalb haben wir uns eine neue Aktion ausgedacht und wir glauben, es ist genau das, was wir jetzt brauchen: Gemeinsam mit Ihnen wollen wir 42.000 Mutmeter gehen.
Mutmeter bedeuten für uns: aktiv zu werden und gemeinsam etwas zu schaffen, auf das wir stolz sein können. Gemeinsam setzen wir ein demokratisches Ausrufezeichen in einer extremen Zeit. Wie bei einem Marathon geht es nicht darum, wer am schnellsten ist. Es geht darum, überhaupt loszugehen. Meter für Meter. Schritt für Schritt.

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