Gesellschaft

Greta Thunberg: Keine Belege für systematische PR-Kampagne der Eltern und eines Unternehmers

In den sozialen Netzwerken verbreitet sich ein Text, der behauptet, Greta Thunberg werde für die finanziellen Interessen ihrer Eltern und eines Unternehmers ausgenutzt. CORRECTIV hat die bereits seit Anfang 2019 geführte Diskussion zusammengefasst und alte wie neue Behauptungen überprüft.

von Nina Breher

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Greta Thunberg am 28. Mai 2019 auf einem Klimakongress in Österreich. (Foto: © Georg Hochmut / AFP)
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Unbelegt. Es gibt keine Belege dafür, dass Greta Thunberg Teil einer systematischen PR-Kampagne ihrer Eltern und eines Unternehmers ist.

Ein Anfang Juni über Whatsapp und Facebook verbreiteter Text behauptet, die schwedische Klimaschutz-Aktivistin Greta Thunberg sei eine „Marionette für rein finanzielle Interessen“ ihrer Eltern und des Unternehmers Ingmar Rentzhog. Thunberg verdanke ihre Bekanntheit nicht ihrem Aktivismus, sondern sei Teil einer „PR-Kampagne für die linksgrün indoktrinierten, naiven jungen Menschen rund um die Welt“. Mehrere Leser erhielten den Text per Whatsapp und reichten ihn bei unserer Redaktion zur Überprüfung ein.

Der Beitrag, der auf Facebook und Whatsapp verbreitet wird, in voller Länge. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Behauptungen sind seit Anfang 2019 im Umlauf und wurden bereits von verschiedenen Medien geprüft, zum Beispiel von der schwedischen Zeitung Svenska Dagbladet und dem Spiegel. Fest stehe demnach bisher nur, dass der schwedische Unternehmer Rentzhog Thunbergs Namen genutzt habe, um für sein Unternehmen zu werben – jedoch ohne das Wissen der 16-Jährigen und ihrer Familie. Dafür, dass Greta Thunberg ihre Berühmtheit einer PR-Kampagne verdanke, die dem Buch ihrer Mutter und den Unternehmen ihres Vaters diene, konnte keine der Zeitungen Belege finden.

Den Vorwurf, Rentzhog habe Thunbergs Aktivismus für sich genutzt, erhob am 6. Dezember 2018 zuerst der schwedische Journalist Andreas Henriksson. Er schrieb auf Facebook, Rentzhog habe Thunberg für eine „PR-Kampagne für das Klima“ instrumentalisiert. Belege oder Quellen für seine Aussage führte der Journalist nicht an. Stattdessen verwies er auf sein Branchenwissen: „Ich erkenne eine PR-Kampagne, wenn ich eine sehe.“


Unternehmer weist Vorwurf zurück, PR-Kampagne um Thunberg orchestriert zu haben

Rentzhog ist Gründer des Unternehmens We Don’t Have Time, laut eigenen Angaben ein „soziales Netzwerk für alle, die Teil der Lösung der Klimakrise sein wollen“. Tatsächlich war Rentzhog einer der Ersten, der im August 2018 über Thunbergs ersten Streik vor dem schwedischen Parlament berichtet hatte.

Der Unternehmer widersprach Henrikssons Vorwurf einer PR-Kampagne in den Kommentaren zu dessen Facebook-Beitrag. Er habe „einen Tipp erhalten, dass es eine Schulaktion vor dem Parlament geben würde“ und sei so auf Thunberg gestoßen. Laut Rentzhog hatte ein Umweltaktivist die Aktion „in einem Mailverteiler angekündigt“. Rentzhog teilte auf Facebook mehrfach Bilder von Thunbergs Aktion. In einem Spiegel-Artikel vom 6. Februar bestritt er die Vorwürfe ebenfalls: „Wir haben Gretas Streik nie geplant“. Er habe vor dem Streik nur ihre Mutter flüchtig gekannt.

Kommentar von Renthog auf Henrikssons Facebook-Beitrag. (Screenshot: CORRECTIV)

Thunberg wusste laut eigener Aussage nichts von Verwendung ihres Namens

Eine Recherche der schwedischen Tageszeitung Svenska Dagbladet (kostenpflichtig) kam im Februar 2019 zu dem Ergebnis, Rentzhog habe Thunbergs Namen verwendet, um knapp eine Million Euro an Kapital für seine Firma zu sammeln. Die Zeitung begründet das damit, dass Thunberg wiederholt in einem Prospekt der Firma genannt wird, der dazu diene, Investoren anzuwerben.

In dem Prospekt tauchen Thunbergs Name und Gesicht mehrfach auf. Laut Rentzhog habe Thunberg in dem Prospekt aber „keinesfalls eine große Rolle“ gespielt. Er betont zudem, der Prospekt diene nicht der PR, sondern sei „ein Rechtsdokument, in dem wir nach schwedischem Recht Fakten und Aktivitäten über die Organisation und ihre Aktivitäten erwähnen müssen.

Ausschnitt aus dem Kapitel „Media“ des Prospekts von Rentzhog (S. 87, Screenshot: CORRECTIV)

Fest steht: Thunberg war für kurze Zeit „Youth Advisor“ für die Stiftung des börsenorientierten Unternehmens We Don’t Have Time AB. Den Posten nahm Thunberg laut We Don’t Have Time auf Anfrage an und trat nach drei Monaten, im Januar 2019, davon zurück. In einem Facebook-Post schrieb Thunberg am 11. Februar, sie sei „kurz“ „Youth Advisor“ gewesen und weiter: „Ich habe zu We Don’t Have Time keinerlei Verbindungen mehr.“ Sie habe nicht gewusst, dass ihr Name verwendet wurde, um für das Unternehmen zu werben.

Aus einer Stellungnahme von Thunberg am 11. Februar auf Facebook. (Screenshot: CORRECTIV)

Thunbergs Eltern geben in dem Svenska-Dagbladet-Text an, von der Instrumentalisierung ihrer Tochter für Werbezwecke nichts gewusst zu haben. CORRECTIV konnte sie nicht für eine Stellungnahme erreichen. Der Vater sagte gegenüber Svenska-Dagbladet: „Es ist unglücklich, falls sie kommerziell ausgenutzt wurde. Wir wussten davon nichts.“

Unternehmer betont, keine Profite mit Thunbergs Namen gemacht zu haben

Gegenüber CORRECTIV weist Rentzhog die Vorwürfe, er habe Thunberg ausgenutzt, um Profite zu generieren, per E-Mail als absurd zurück: „Wir haben damit keine Profite gemacht. Wir haben die eine Million Euro Kapital von Menschen erhalten, die unsere Sache unterstützen.“ Er habe Thunberg lediglich geholfen, „ihre wichtige Botschaft in die Welt zu tragen – wie andere soziale und traditionelle Medien danach auch.“

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Keine Belege dafür, dass Thunbergs Eltern involviert seien

Dass Thunbergs Familie nicht darüber informiert worden war, dass Rentzhog die 16-Jährige in öffentlichen Unternehmensdokumenten zeigte und erwähnte, räumte auch das Unternehmen in einer Stellungnahme vom 10. Februar 2019 ein: „Wir entschuldigen uns dafür.“

We Don’t Have Time hat also Thunbergs Namen verwendet. Dafür, dass Thunbergs Eltern darin involviert sind, gibt es keine Belege.

Die bereits zu Jahresbeginn diskutierten Behauptungen werden nun wieder in sozialen Netzwerken geteilt und dabei mit neuen Details angereichert. Sie betreffen vor allem Svante Thunberg, Gretas Vater. Er sei „Promoter“ von We Don’t Have Time, heißt es. Dieser Behauptung widerspricht Rentzhog gegenüber CORRECTIV: „Svante Thunberg hat zu keinem Zeitpunkt Werbung für We Don’t Have Time gemacht“.

Firmen von Thunbergs Vater erzielten 2018 keine höheren Gewinne als zuvor

Der geteilte Text behauptet außerdem, die Aktien der zwei Unternehmen des Schauspielers, Produzenten und Autors Svante Thunberg würden „seit dem ersten Auftreten Gretas quasi durch die Decke gehen“. Das stimmt nicht: Eine von Svante Thunbergs Firmen, die Ernman Produktion AB, hat laut den online zugänglichen Geschäftsinformationen 2018 ähnlich viel Umsatz gemacht wie 2016. Auch 2015 und 2017 erzielte sie weniger Umsatz als 2016. Die zweite Firma des Vaters, Northern Grace AB, hat in den letzten Jahren keine Umsätze erwirtschaftet. Die Umsätze der Unternehmen haben sich mit der Bekanntheit Greta Thunbergs also nicht merklich gesteigert.

Bei der Ernman Produktion AB handelt es sich um eine Musikproduktionsfirma, ihr Nettoumsatz war 2018 umgerechnet 363.000 Euro. Der Gewinn belief sich – wie bereits 2016 – auf rund 137.000 Euro. Svante Thunbergs Unternehmen scheint also gute Gewinne zu erzielen – das war aber bereits der Fall, bevor seine Tochter bekannt wurde.

Weitere Behauptungen ohne Belege

Des Weiteren behauptet der über Whatsapp und Facebook verbreitete Text: „Aktivisten von Extinction Rebellion, einer internationalen linksradikalen Umweltschutzbewegung, stünden hinter Rentzhogs Unternehmen. Belege dafür werden nicht genannt. CORRECTIV hat Rentzhog dazu befragt. Er teilte mit, We Don’t Have Time habe lediglich einen Artikel über das Aktivisten-Netzwerk Extinction Rebellion geschrieben. Verbindungen zwischen Exctinction Rebellion und Rentzhogs Unternehmen gebe es nicht.

Auszug aus einer E-Mail von Ingmar Rentzhog an CORRECTIV. (Screenshot: CORRECTIV)

Im geteilten Text steht außerdem, dass es die Fridays-for-Future-Bewegung schon seit dem Jahr 2015 gibt und sie gar nicht von Greta, sondern von anderen Klimaaktivisten initiiert wurde. Dafür liefert der Text keine Belege. Auch in Medien lassen sich keine Berichte darüber finden. Laut Google Trends geben Nutzer den Suchbegriff „Fridays for Future“ erst seit Dezember 2018 in die Suchmaschine ein.

Google Trends zeigt die Suchanfragen der Wortkombination „Fridays for Future“ zwischen September 2014 und Juni 2019 (Screenshot: CORRECTIV)

Update, 14. Juni 2019:

Am 14. Juni 2019 bestätigte Svante Thunberg gegenüber CORRECTIV per E-Mail, Geschäftsführer von Northern Grace AB und Ernman Produktion AB zu sein, und bezog Stellung zu den Tätigkeiten und Umsätzen der Unternehmen.

Die Northern Grace AB sei eine Plattenfirma, die es seit 2014 gibt. „Da unsere Tochter Greta in dieser Zeit krank wurde, haben wir das Unternehmen sofort wieder stillgelegt. Es liegt auch heute noch still, hat keine Mitarbeiter und nur Verluste erwirtschaftet.“

Zu den Tätigkeiten der Ernman Produktion AB schreibt er, es handele sich dabei um eine Musikproduktionsfirma, die ein Familienunternehmen sei: „Ernman Produktion AB hat zwei Mitarbeiter: Meine Frau und mich.“ Zudem teilt er mit, „alle Einnahmen des Unternehmens stammen von Konzerten und Performances meiner Frau.“ Greta Thunbergs Mutter Malena Ernman ist Opernsängern.

Zudem bestätigt er die Richtigkeit der im Artikel verlinkten Geschäftsinformationen der Ernman Produktion AB und der Northern Grace AB. Aktien der Firmen könne man nicht kaufen: „Es existieren keine Aktien von unserer Firma, und man kann nicht in sie investieren“, so Svante Thunberg zu CORRECTIV.





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