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Das Bild eines Unfalls mit unklarer Quelle wird immer wieder in sozialen Netzwerken geteilt. (Screenshot: CORRECTIV)

von Nina Breher

Ein Bild, das seit 2010 im Internet kursiert, zeigt eine Unfallszene. Nutzer stellen es in einen Zusammenhang mit Ablenkung am Steuer. Das Bild ist echt, es gibt aber keine Belege dafür, dass der Fahrer sein Handy benutzt hat.

Ein Bild, das ein Auto zeigt, das frontal in das Anfangsstück einer Leitplanke gefahren ist, existiert schon seit mindestens 2010 und wird immer wieder in sozialen Netzwerken geteilt. Titel und Begleittexte behaupten oft, der Fahrer des Wagens habe während der Fahrt sein Handy verwendet und sei deshalb verunfallt. Zu einer aktuell geteilten Version schreibt ein Facebook-Nutzer: „Die obere Hälfte des Körpers dieser verunfallten Person wurde, mit dem Handy in der Hand, im Kofferraum gefunden!“

Der am 12. Juni auf Facebook geteilte Beitrag. (Screenshot: CORRECTIV)

Das Bild ist seit spätestens 2010 im Umlauf

Eine Google-Bildersuche legt nahe, dass das Bild seit spätestens dem 9. April 2010 im Internet zu finden ist: Sucht man im Zeitraum von 1900 bis zum 8. April 2010 nach dem Bild, gibt es keine Suchergebnisse. Weitet man die Suche um einen Tag aus, taucht das Bild auf. Es könnte aber auch bereits früher entstanden sein. Wann der Unfall sich ereignet hat, ist unklar.

Eine Suchanfrage für den Zeitraum von 1900 bis zum 8. April 2010 liefert keine Ergebnisse in der Rückwärts-Bildersuche von Google. (Screenshot: CORRECTIV)
Frühester Fund des Bildes in der Google-Bildersuche am 9. April 2010 auf einer italienischen Internetseite. (Screenshot: CORRECTIV)

Aufnahme stammt wahrscheinlich aus Italien

Auf dem Bild sind neben dem verunglückten Auto ein Rettungshubschrauber, ein Feuerwehrauto und sechs Menschen in Feuerwehr-Uniform zu sehen. Auf einer der Uniformen ist der Schriftzug „Vigili del Fuoco“ zu erkennen. Das ist der Name der italienischen Feuerwehr. Das Bild stammt also wahrscheinlich aus Italien. Kurzfristige Anfragen von CORRECTIV an die italienische Feuerwehr sowie an die italienische Luftrettung blieben unbeantwortet.

Auf einer der Uniformen ist der Name der italienischen Feuerwehr zu erkennen. (Screenshot: CORRECTIV)

Auf der Internetseite mit persönlichen Inhalten einer Privatperson, auf der das Bild seit Mai 2010 zu finden ist, befindet es sich mit anderen Hubschrauber-Rettungsaktionen in einer Bildergalerie mit dem Titel „Interventi Ravenna Elisoccorso“ (auf Deutsch: „Eingriffe der Luftrettung von Ravenna“). Diese Überschrift legt nahe, dass das Bild aus der norditalienischen Stadt Ravenna stammen könnte.

Facebook-Seite nutzt das Bild 2012 als Warnung für Ablenkung am Steuer

Laut der Fact-Checking-Seite Snopes, die 2018 einen Faktencheck zu dem Foto veröffentlicht hatte, war das Foto seit Oktober 2010 auch auf dem Fotoportal Flickr zu finden. Die EMS Flight Crew, eine internationale Gemeinschaft von Luftrettungs-Medizinern aus den USA, habe es dort veröffentlicht. Das Bild ist dort nicht mehr zu finden; das Profil, auf das Snopes verweist, existiert nicht mehr.

Jedoch könnte, wie Snopes spekuliert, die EMS Flight Crew das Foto 2012 zuerst mit einer Warnung vor Ablenkungen beim Autofahren verbunden haben: Auf der Facebook-Seite der EMS Flight Crew ist ein Beitrag von Februar zu finden, in der Nutzer aufgefordert werden, sich eine Überschrift für das Bild auszudenken. 

Im Februar 2012 fordert die Facebook-Seite „EMS Flight Crew“ Nutzer auf, das Bild zu betiteln. (Screenshot: CORRECTIV)

Ende Mai 2012 stellt die Organisation das Bild mit dem Titel „don’t text and drive“ auf ihre Facebook-Seite. Ob die EMS Flight Crew die erste Instanz war, die das Bild in den Kontext der Gefahren der Handynutzung beim Autofahren stellte, ließ sich aber nicht ermitteln.

Ende Mai 2012 veröffentlicht die Gruppe das Bild mit dem Titel „don’t text and drive“. (Screenshot: CORRECTIV)
Unsere Bewertung:
Unbelegt. Das Bild von dem Unfall ist echt. Es gibt jedoch keine Quellen, die nahelegen, dass der Unfall entstanden ist, weil der Fahrer sein Handy verwendet hat. Unfallursache und -zeitpunkt sind unklar.

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Dieses Bild mit einer falschen Behauptung verbreitete die Initiative Hallo Meinung auf Facebook. (Screenshot und Collage: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

Eine Initiative namens „Hallo Meinung“ fordert Menschen auf, den Rundfunkbeitragsservice mit Anfragen zu fluten. Die Aktion soll ein Protest gegen die Gebühren sein. Jetzt behaupten die Macher, sie seien erfolgreich, denn der Service habe mitgeteilt, überlastet zu sein. Das eine hat mit dem anderen aber nichts zu tun. 

Die Initiative Hallo Meinung behauptet am 8. Januar auf Facebook, sie habe dafür gesorgt, dass der Rundfunkbeitragsservice Probleme mit einer Flut von Anfragen habe. Hallo Meinung schreibt: „Breaking News. Seit eben verkündet die ‘GEZ’ auf ihrer offiziellen Homepage die Teilkapitulation“. Es werde darauf hingewiesen, dass kurzfristige Antworten nicht garantiert werden könnten. 

Hallo Meinung behauptet, die Probleme des Beitragsservice seien eine Konsequenz der eigenen „Gebührenaktion“. Seit Dezember 2019 ruft die Initiative dazu auf, den Service mit möglichst vielen Anfragen und Post zu fluten und so in seiner Arbeit zu behindern. Der Facebook-Beitrag vom 8. Januar wurde mehr als 5.000 Mal geteilt. Die Information über die angebliche „Teilkapitulation“ des Beitragsservice ist allerdings falsch.

Der Facebook-Beitrag von Hallo Meinung. (Screenshot am 13. Januar 2020: CORRECTIV)

Hinweis auf der Webseite ist mindestens von April 2019

Die Mitteilung, dass es zu einem „erhöhten Aufkommen von Anrufen und schriftlichen Anfragen“ komme, steht auf der Webseite des Rundfunkbeitragsservice bereits seit April 2019. Das geht aus dem Internet Archive hervor, wo die Mitteilung auf der Startseite am 4. April 2019 das erste Mal gespeichert wurde. Sie kann also keine Konsequenz der Gebührenaktion von Hallo Meinung sein. 

Ein Sprecher des Rundfunkbeitragsservice, Christian Gärtner, bestätigte dies CORRECTIV ebenfalls auf Nachfrage per E-Mail. Der Hinweis stamme von April 2019. Der Grund sei ein Meldedatenabgleich im Jahr 2018 gewesen, durch den viele neue potenzielle Beitragszahler angeschrieben worden seien. Da habe es viele Rückmeldungen gegeben. Außerdem habe das Bundesverfassungsgericht 2018 entschieden, dass Nebenwohnungen vom Rundfunkbeitrag befreit werden können. Auch das habe zu vielen Anträgen geführt. „Die Aktion von Hallo Meinung ist offenkundig eine Störaktion“, so Gärtner. Solche Aktionen gebe es immer wieder, und der Beitragsservice sei dafür gut aufgestellt. 

Wer steht hinter Hallo Meinung?

Hinter Hallo Meinung steht der Video-Blogger Peter Weber. Laut Recherchen der WDR-Sendung Monitor (Juli 2019) ist er Unternehmer und kommt aus Schwarzenbruck (Bayern). In dem Beitrag wird berichtet, dass der dortige Gemeinderat sich von den Ansichten, die Weber in seinen Videos verbreitet, im Sommer 2019 distanzierte. Daraufhin seien Politiker von Facebook-Nutzern bedroht und beleidigt worden. 

Nach der Monitor-Sendung sprach Weber von „Manipulation“, die mit „Zwangsgebühren“ finanziert werde. In seinen Beiträgen auf Youtube kommt zum Beispiel auch der rechte Youtuber „Neverforgetniki“ zu Wort. Die Initiative Hallo Meinung sagt über sich selbst, sie sei auf kein politisches Spektrum beschränkt: „Wir wollen ALLE Perspektiven beleuchten, egal ob links, Mitte, oder konservativ.“

Auch der Anwalt Joachim Steinhöfel rief auf seiner Webseite zu einem Boykott beziehungsweise einer Störaktion des Rundfunkbeitrags auf („Weihnachtsgrüße an den Beitragsservice“ / „Neujahrsgrüße an den Beitragsservice“). Er verwies dabei auf Hallo Meinung und gab der Initiative ein Interview. Steinhöfel schreibt unter anderem für Portale wie Tichys Einblick und Die Achse des Guten. Er behauptet auf seiner Webseite ebenfalls, die „Gebührenaktion“ trage angesichts der Mitteilung des Beitragsservice über das erhöhte Aufkommen von Anfragen offenbar „erste Früchte“. Er wurde von seinen Lesern bereits darauf hingewiesen, dass der Hinweis auf der Webseite schon länger zu finden ist und veröffentlichte unter seinem Artikel ein Update, ließ den Text ansonsten aber unverändert. 

Unsere Bewertung:
Falsch. Die Mitteilung von der Überlastung des Rundfunkbeitragsservice ist keine Konsequenz der Aktion von „Hallo Meinung“. 

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Das Wort „inschallah“ steht seit 1941 im Duden, hier zu sehen in der Frakturschrift in der 12. Auflage des Wörterbuchs, das Bild hat uns der Dudenverlag bereitgestellt. (Quelle: Dudenverlag / Collage: CORRECTIV)

von Till Eckert

Im Netz wird die Behauptung verbreitet, das arabische Wort „inschallah“ sei kürzlich neu in den Duden aufgenommen worden. Das stimmt nicht.

In den vergangenen Tagen verbreitet sich via Facebook, Twitter oder Instagram die Behauptung, das Wort „inschallah“ (übersetzt: so Gott will) sei neu in den Duden, also in das deutsche Wörterbuch aufgenommen worden. 

Auch die Webseite Anonymous News behauptete dies am 9. Januar in einem Artikel und schrieb dazu, es handele sich um ein Zeichen dafür, dass eine angebliche Islamisierung voranschreite (mehr als 320 Mal auf Facebook geteilt). In einem identischen Artikel hatte das einen Tag zuvor auch Journalistenwatch geschrieben (mehr als 760 Mal auf Facebook geteilt). Mittlerweile wurden Überschrift und Text dieses Artikels allerdings geändert, so dass darin nicht mehr steht, das Wort sei neu in den Duden aufgenommen worden. In einem Update unter dem Text ist nun zu lesen, dass es sich bei diesem Detail um eine Falschmeldung gehandelt habe. Der AfD-Landtagsabgeordnete Roger Beckamp hatte den Artikel von Journalistenwatch in der ursprünglichen Version am auf Twitter geteilt

Tatsächlich stimmt es nicht, dass der Duden das Wort neu aufgenommen hätte.

Tweet des AfD-Landtagsabgeordneten Roger Beckamp. (Screenshot: CORRECTIV)

„Inschallah“ steht seit 1941 im Duden

Auf seiner Webseite beschreibt der Duden, wie Wörter im Wörterbuch landen: „Das wichtigste Verfahren der Dudenredaktion besteht darin, dass sie mithilfe von Computerprogrammen sehr große Mengen an elektronischen Texten daraufhin ‘durchkämmt’, ob in ihnen bislang unbekannte Wörter enthalten sind. Treten sie in einer gewissen Häufung und einer bestimmten Streuung über die Texte hinweg auf, handelt es sich um Neuaufnahmekandidaten für die Wörterbücher.“ Dazu gibt es auch ein Erklärvideo des Dudenverlags auf Youtube.

Und wie verhielt es sich beim angeblich neu aufgenommenen Wort „inschallah“? Auf CORRECTIV-Anfrage schreibt die Pressesprecherin des Dudenverlags, Nicole Weiffen, dass es sich dabei um eine Falschmeldung handle: „Die Redaktion und ich haben das nachvollzogen: ‘Inschallah’ steht bereits seit der 12. Auflage (1941/42) im Rechtschreibduden. Es gibt von dieser Auflage zwei Ausgaben in zwei verschiedenen Schriften (Fraktur 1941, Normalschrift 1942).“

E-Mail von Nicole Weiffen, Pressesprecherin des Dudenverlags. (Screenshot: CORRECTIV)

„Eine literarische Quelle, die uns sehr naheliegend erscheint, sind die gesammelten Werke von Karl May, der das Wort ‘Inschallah’ sehr oft verwendet. Aber verbindlich können wir das – rund 80 Jahre nach der Aufnahme in den Duden – natürlich nicht sagen“, schreibt Weiffen.

Angebliche Islamisierung ist ein Narrativ der Desinformation

Mit Falschmeldungen wie dieser bauen Webseiten und Blogs die Erzählung auf, deutsche Kultur werde von muslimischen Menschen verdrängt. Wir sehen das Narrativ häufig, es folgt immer derselben Argumentation: Eine angebliche Anpassung der deutschen Kultur aus Rücksichtnahme auf Muslime führe langfristig zu einer Islamisierung Deutschlands.

Unsere Bewertung:
Falsch. Das Wort „inschallah“ steht schon seit 1941 im Duden.

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Links das Time-Cover zur Person des Jahres 2019, Greta Thunberg – rechts zur Person des Jahres 1938, Adolf Hitler. Das Magazin wählt die Person nach ihrem Einfluss aus. (Coverbilder: Evgenia Arbugaeva und Rudolph C. von Ripper / Screenshots: CORRECTIV)

von Till Eckert

Im Netz verbreitet sich eine Bildcollage, laut der Greta Thunberg und Adolf Hitler beide schon einmal zur Person des Jahres des Time-Magazins gewählt wurden. Das stimmt zwar, ohne Kontext führt der Beitrag aber in die Irre.

Ein Bild von Adolf Hitler ist auf Facebook im Umlauf, dabei steht: „Das ‘Time’-Magazine, das Greta Thunberg zur ‘Person des Jahres 2019’ gewählt hat, kürte einmal Adolf Hitler zur ‘Person des Jahres 1938’.” Oben links ist ein Friedenszeichen-Emoji eingefügt. Der Beitrag wurde bisher mehr als 350 Mal auf Facebook geteilt.

Der Facebook-Beitrag zu den Time-Personen des Jahres 2019 und 1938. (Screenshot: CORRECTIV)

Das Time-Magazin wählt die Personen des Jahres nach ihrem Einfluss aus

Beide Personen wurden tatsächlich vom US-amerikanischen Time-Magazin in den angegebenen Jahren zur Person des Jahres gewählt, Greta Thunberg in diesem Jahr, Adolf Hitler im Jahr 1938

Mit dem Facebook-Beitrag soll womöglich suggeriert werden, dass es einen inhaltlichen Zusammenhang oder Ähnlichkeiten zwischen den beiden Menschen gebe; oder dass das Time-Magazin problematische Auswahlkriterien für seine Personen des Jahres habe. 

Wie das Magazin jedoch 2016 selbst erklärte, geht der Titel an „die Person oder Personen, die die Nachrichten und unser Leben am meisten beeinflusst haben, zum Guten oder Schlechten, und verkörpert, was für das Jahr wichtig war, zum Guten oder Schlechten“.  „Das heißt, die Person ist nicht unbedingt ein Held – Adolf Hitler beispielsweise war 1938 die Person des Jahres. Auf einem Cover spielte er eine grässliche Orgel, und auf dem Cover stand: ‘Vom unheiligen Organisten eine Hymne des Hasses’.” Hitler ist laut der Begründung 1938 vor allem wegen „skrupellosen, methodischen, von den Nazis gelenkten Ereignissen“ und eines drohenden Weltkriegs zur Person des Jahres gewählt worden. Also wegen seines Einflusses auf Europa und die westliche Welt. 

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Greta Thunberg wurde laut Time ausgewählt, weil „sie eine globale Bewegung startete“. Und: „Sie hat Anführer, von Bürgermeistern bis zu Präsidenten, überredet, Verpflichtungen einzugehen, wo sie zuvor gezögert haben. (…) Sie hat die Aufmerksamkeit der Welt auf Umweltungerechtigkeiten gelenkt, gegen die junge indigene Aktivisten seit Jahren protestieren.“

Unsere Bewertung:
Größtenteils richtig. Die Informationen stimmen – ohne Kontext zu den Auswahlkriterien ist der Beitrag jedoch irreführend.

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Ein 37-Jähriger aus Gelsenkirchen hieb laut Polizei mit einem Knüppel auf den Dienstwagen zweier Polizisten ein und rief dabei „Allahu Akbar”. Er wurde von einem der Beamten erschossen. (Symbolfoto: GlauchauCity/Pexels)

von Bianca Hoffmann

Ein Mann griff laut Polizei einen Streifenwagen in Gelsenkirchen mit einem Knüppel und einem Messer an. Dabei habe er „Allahu Akbar” gerufen. PI-News behauptet, es habe sich um eine „Terrorattacke” gehandelt, dafür gibt es aber keine Belege.

Ein 37-jähriger Mann wurde laut Polizei am 5. Januar in Gelsenkirchen von einem Polizisten erschossen. Zuvor habe er mit einem Knüppel auf den Dienstwagen von zwei Beamten eingeschlagen. Er habe außerdem ein Messer in der Hand gehalten und „Allahu Akbar“ gerufen. In einem Text, der am 6. Januar auf PI-News erschienen ist, wird behauptet, es habe sich um einen Terroranschlag gehandelt. 

Für diese Behauptung gibt es jedoch keine Belege. In einer gemeinsamen Presseerklärung der Polizeidirektionen Gelsenkirchen und Münster sowie der Staatsanwaltschaft Essen vom 6. Januar steht, dass sich „die anfängliche Vermutung einer terroristischen Motivation nicht erhärtet“ habe. Allerdings wird dazu noch weiter ermittelt. 

Polizei stuft Vorfall in Gelsenkirchen als Anschlag ein 

Am selben Tag äußerte sich der Innenminister Nordrhein-Westfalens, Herbert Reul (CDU), bei einer Pressekonferenz über den Vorfall. Davon gibt es ein Youtube-Video vom Nachrichtensender Welt. Reul erklärte, der Polizist, der den 37-Jährigen erschossen habe, sei ein Polizeianwärter im letzten Jahr seiner Ausbildung. „Nach unserer aktuellen polizeilichen Schriftlage soll der Angreifer mit einem Knüppel und einem Messer auf die Polizeibeamten zugegangen sein und dabei ‘Allahu Akbar’ gerufen haben“, so Reul. Der 23-jährige Polizist habe geschossen, nachdem der Gelsenkirchener der mehrfachen Aufforderung der Beamten, stehen zu bleiben, nicht nachgekommen sei. 

Aufgrund der Aussage („Allahu Akbar”) des Mannes wird der Vorfall laut Polizei als Anschlag eingestuft und als solcher untersucht. Der türkische Staatsangehörige war der Polizei bereits wegen mehrerer Vorfälle bekannt, unter anderem wegen Körperverletzung. „Den Ermittlungsbehörden liegen auch Hinweise auf eine psychische Erkrankung des Gelsenkircheners vor“, heißt es in der Pressemitteilung. 

Der Mann wurde bereits zweimal vom Staatsschutz überprüft

Wie Innenminister Reul außerdem sagte, wurde der Mann in den vergangenen zwei Jahren schon zweimal zu einem sogenannten Prüffall Islamismus. Das bedeute, dass sich der Staatsschutz den Mann genauer angeschaut habe. Laut Reul blieb die Untersuchung aber beide Male ohne Befund. Die Schwelle für solche Maßnahmen liege bewusst sehr niedrig.

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„Wir haben bisher keinerlei Hinweise auf mögliche Mittäter, und wir haben keinerlei Hinweise auf eine Einbindung in die islamistische Szene“, so Reul. Bisher gehe man von der Tat eines psychisch auffälligen Einzeltäters aus.  

Die Ermittlungen dauern weiter an, wie Anette Milk von der Staatsanwaltschaft Essen CORRECTIV per E-Mail erklärte. 

Es gibt also keine Belege dafür, ob es sich, wie bei PI-News behauptet, um eine Terrorattacke gehandelt hat. Außerdem wird untersucht, ob der Polizist, der den Mann mit vier Schüssen getötet hat, sich richtig verhalten hat, oder nicht.

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Der Artikel von PI-News bezeichnet die Tat ohne Belege als Terrorattacke. Die Ermittler sprechen bisher von einem Anschlag eines psychisch auffälligen Einzeltäters.

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Dieses Foto wird im Netz verbreitet – die Aufschrift auf dem Transparent ist eine Fälschung. (Screenshot und Collage: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

Ein satirisches Kinderlied des WDR, in dem es heißt „meine Oma ist ‘ne alte Umweltsau“, löst Proteste aus. Im Netz kursiert ein Foto, das angeblich ein Banner der Umweltbewegung Fridays for Future zeigt, auf dem „Oma“ Gewalt angedroht wird. Das Foto wurde jedoch manipuliert. 

Haben Demonstranten von Fridays for Future ein Transparent mit der Aufschrift „Oma, du alte Umweltsau mach dich vom Acker, bevor ich dich verhau“ getragen? Ein Foto, das dies angeblich zeigt, kursiert im Netz. Es wurde Ende Dezember von verschiedenen Nutzern auf Facebook geteilt. Sie schreiben dazu Kommentare wie „Wenn man seine Dummheit öffentlich zur Schau stellt“ oder „bei sowas unternimmt Facebook nichts“ – das zeigt, dass sie das Foto für echt halten. 

Es ist jedoch eine Fälschung. Die Aufschrift des Transparents wurde manipuliert, um Stimmung zu machen. Auch mehrere Nutzer weisen in Kommentaren auf Facebook darauf hin, dass das Foto bearbeitet ist.  

Ein Facebook-Beitrag mit dem manipulierten Foto. (Screenshot: CORRECTIV)

Der Hintergrund: Kurz nach Weihnachten 2019 entbrannte eine Debatte um ein Video des WDR. Der WDR hatte das Kinderlied „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ satirisch abgeändert, so dass es darin unter anderem hieß „meine Oma ist ‘ne alte Umweltsau“. 

Das sorgte laut Medienberichten (zum Beispiel WDR und Zeit Online) für Proteste, die in der ersten Januarwoche 2020 zu Demonstrationen in Köln führten. Laut Polizei waren unter den Demonstranten gegen den WDR Personen aus dem rechten politischen Spektrum. Die Gegendemonstrationen seien von mehreren Aktionsbündnissen organisiert worden, darunter „Köln gegen rechts“. Einige WDR-Mitarbeiter erhielten laut WDR Morddrohungen. 

Der WDR hat das Online-Video gelöscht. Wie die Redaktion von WDR2 am 27. Dezember auf Facebook mitteilte, geschah dies vor allem, um den Vorwurf, man habe Kinder instrumentalisiert, auszuräumen. Das Video ist aber noch zum Beispiel auf Youtube zu finden. 

Die Stellungnahme von WDR2 auf Facebook. (Screenshot: CORRECTIV)

Außer dem von Medien zitierten Satz „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad, das sind tausend Liter Super jeden Monat, meine Oma ist ‘ne alte Umweltsau“ singt ein Mädchenchor darin außerdem unter anderem: „Meine Oma brät sich jeden Tag ein Kotelett […], weil Discounterfleisch so gut wie gar nix kostet, meine Oma ist ‘ne alte Umweltsau. Meine Oma fliegt nicht mehr, sie ist geläutert […], stattdessen macht sie jetzt zehnmal im Jahr ‘ne Kreuzfahrt, meine Oma ist doch keine Umweltsau!“ Am Ende des Liedes ist kurz die Stimme von Greta Thunberg zu hören: „We will not let you get away with this“. 

Erika Steinbach teilte das manipulierte Foto

Das manipulierte Foto von den Fridays-for-Future-Demonstranten wurde auch am 30. Dezember auf Twitter von der ehemaligen CDU-Politikerin Erika Steinbach verbreitet. Etwas später am selben Tag schob Steinbach hinterher, es sei „doch nur Satire“ – in ihrem ersten Tweet ist diese Einordnung aber nicht erkennbar. 

Der erste Tweet von Erika Steinbach mit dem gefälschten Foto. (Screenshot: CORRECTIV)

Zahlreiche Nutzer wiesen unter Erika Steinbachs Tweet auf die Fälschung hin. Auch der Blog Volksverpetzer und die Faktenchecker der DPA berichteten darüber. 

Das Originalfoto stammt von Fridays for Future Konstanz. Über Twitter teilte die Initiative am 31. Dezember mit, das Bild sei einem Schülerblog entnommen worden. Der Blog-Artikel ist noch im Netz zu finden; er stammt von Februar 2019 und enthält das Originalfoto und noch ein Bild, das das Transparent aus anderer Perspektive zeigt. Es trägt die Aufschrift „Fridays for Future Konstanz“. 

Das Originalbild auf einem Schülerblog aus Konstanz. (Screenshot: CORRECTIV)
Unsere Bewertung:
Völlig falsch. Das Foto wurde manipuliert, im Original hat das Transparent eine andere Aufschrift. 

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Ein Mann, der einem Mädchen eine Wunde schminkt – dieses Bild soll Manipulation in Syrien belegen. (Screenshot und Collage: CORRECTIV)

von Tania Röttger

Seit einigen Jahren wird eine Collage verbreitet, die belegen soll, dass mit gefälschten Bildern über das Leid der Assad-Gegner im Syrien-Krieg berichtet wird. Wir konnten aber keine Berichte finden, in denen die Fotos so genutzt wurden. Zudem tauchten sie, ebenso wie die Collage, zuerst im Zusammenhang mit dem Krieg im Jemen auf.

Ein Artikel mit dem Titel „Nimm die rote Pille! – Manipulierte Geschichten aus Syrien“ auf der Webseite des Kopp Verlag zeigt eine Collage als Beispiel für eine angebliche Manipulation der Öffentlichkeit. Auf dem ersten Foto liegt ein offenbar verletztes oder totes Mädchen auf einem schmutzigen Boden, mit roten Spritzern um sich herum. Auf dem zweiten schminkt ein Mann einem ähnlich angezogenen Mädchen blutige Wunden ins Gesicht. Ob es sich um dasselbe Kind handelt, ist unklar, da ihr Gesicht nicht erkennbar ist. Dieser Artikel wurde laut dem Analysetool Crowdtangle ab dem 17. April 2018 von mehreren Facebook-Seiten mehr als 800 Mal geteilt.

In einem Artikel vom 15. April 2018 auf dem Blog Alles Schall und Rauch soll die Collage belegen, „wie „‘Opfer von Assad’ für eine Inszenierung von den Terroristen hergerichtet werden“. 

Der Blog „Alles Schall und Rauch“ bringt dieses Bild in Verbindung mit Syrien. (Screenshot: CORRECTIV)

Deutsche und russische Webseiten: Fotos zeigen Maskerade für Syrien-Krieg

Die Bilder-Collage wurde unseren Recherchen nach Ende August 2016 in Zusammenhang mit Syrien gebracht. Zum Beispiel veröffentlichte sie der Twitter-Account Novosyria am 26. August 2016 mit folgendem Text auf Russisch: „So ‘gezielt’ macht man Bombenopfer.“ Andere russische Webseiten schrieben: „So macht man ‘Opfer’ Assads.“ 

Russlands Militär unterstützt den syrischen Präsidenten Bashar al Assad. Dieser Allianz werfen Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch vor, Kriegsverbrechen gegen das syrische Volk zu begehen und begangen zu haben. 

Ein Nutzer auf Twitter teilte die Bilder am 26. August 2016. Auf Russisch steht darüber: „So ‘gezielt’ macht man Bombenopfer.“ (Screenshot: CORRECTIV)

Wir fanden keine Berichte in deutschen Medien, die das Bild des Mädchens verwenden, um über Kriegshandlungen von Assads Regierung zu berichten. Allerdings fanden wir mehrere Hinweise darauf, dass das Foto nicht aus Syrien, sondern aus dem Jemen stammt. 

Bild tauchte zuerst im Kontext des Jemen-Kriegs auf

Das Bild, in dem das Mädchen auf dem Boden liegt, fanden wir als Teil einer Bildstrecke auf der Webseite der iranischen Nachrichtenagentur FARS. Dort tauchte es auf, um Kriegsverbrechen im Jemen durch Saudi-Arabien zu bebildern. 

Das Foto des Mädchens in einer Bildstrecke der iranischen Nachrichtenagentur FARS. (Screenshot: CORRECTIV)

Im Jemen stehen sich Huthis und eine von Saudi-Arabien geleitete Koalition gegenüber. Am 26. März 2015 eskalierte der Konflikt durch einen Luftangriff der Saudi-Arabier auf die Huthis. Es gibt umstrittene Behauptungen, der Iran würde die Huthi-Rebellen unterstützen.

Die Fotostrecke von FARS trägt das Datum 26. März – keine Jahreszahl. Allerdings taucht das erste Bild aus der Strecke in anderen Medienberichten über den Luftangriff Saudi-Arabiens 2015 im Jemen auf, zum Beispiel in der Financial Times. Diese Artikel sind vom 26. März 2015, das Foto stammt von der Nachrichtenagentur Reuters. Es liegt also nahe, dass die Fotostrecke von FARS ebenfalls von 2015 stammt.  

Das gleiche Bild mit einem anderen Bildausschnitt in einer Bildstrecke auf der Seite der iranischen Nachrichtenagentur (links) und in einem Artikel der Financial Times. Das Datum stimmt bis auf die fehlende Jahreszahl überein. (Screenshots und Markierung: CORRECTIV)

Gerüchte über Manipulation

Die Behauptung, das Bild des Mädchens sei gefälscht, stellten Twitter-Nutzer einen Monat später auf, am 12. April 2015. Dies ergab eine Bildersuche bei Tineye. Ein Nutzer schrieb laut Google Translate: „Die Huthis haben keine Grenzen in ihren Lügen, sie malen auf Kindergesichter [um] zu behaupten, sie [seien] Opfer“. 

Unter einen anderen Tweet, der ebenfalls am 12. April die Collage teilte, kommentierte jemand, die Huthis würden „die Unschuld von Kindern beschmutzen“ und sie für Propaganda nutzen, um Saudi-Arabien zu verleumden. Die Nutzer unterstellen den Huthis offenbar, die Angriffe Saudi-Arabiens zu erfinden oder ihre Konsequenzen zu übertreiben. Im Gegensatz dazu gibt es, wie oben geschildert, Medienberichte und Berichte von Menschenrechtsorganisationen, die Saudi-Arabien klar als Initiatoren von Luftangriffen sehen.

Einer der Tweets enthält auch die Nahaufnahme des Gesichts eines Mädchens. Dieses Bild ist offenbar ein Screenshot von einem Facebook-Beitrag. Der wurde am 28. März auf Facebook gepostet. Also in der Zeit nach der iranischen Bildstrecke und vor dem Tweet, der behauptet, die Bilder seien gestellt.

Rechts das Bild, das am 28. März auf Facebook geteilt wurde, links das Bild aus dem Tweet vom 12. April 2015, in dem behauptet wird, das Mädchen sei nicht verletzt, es sei nur geschminkt. Mit Blau hervorgehoben: Ähnlichkeiten auf den Bildern. (Screenshots und Markierungen: CORRECTIV)

Mehrere Indizien deuten darauf hin, dass zumindest dieses Bild mit dem zweiten Schmink-Bild zusammenhängt: Die Wunde verläuft ähnlich; ein Ohrring ist sichtbar; dem Mädchen hängt eine Jacke über der Schulter, schwarz-weiß gewebt, die der Jacke des Mannes gleicht, der das Mädchen schminkt.

Fazit

Offensichtlich tauchte das Foto eines verletzten Mädchens, das am Boden liegt, zuerst in einem iranischen Medium im Zusammenhang mit Luftangriffen im Jemen auf. Kurz darauf erscheint es in einer Collage mit Schminkbildern kombiniert, mit der Behauptung, die Huthis hätten das Foto inszeniert und würden Opfer erfinden. Ein Jahr später wurde die Collage dann in ähnlichen Behauptungen über Syrien genutzt. 

Wir konnten nicht herausfinden, ob das Mädchen, das auf dem Boden liegt, dasselbe Mädchen ist, das der Mann schminkt. Es gibt aber Belege von Nachrichtenagenturen, dass es zu der Zeit saudische Luftangriffe im Jemen gab, bei denen auch Menschen verletzt wurden.

Unsere Bewertung:
Falsch. Die Bilder werden nach unseren Recherchen nicht von deutschen Medien als Belege für das Leid von Assad-Gegnern in Syrien genutzt.

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In Berlin gibt es unter anderem das Modellprojekt „Housing first“, um Wohnungen an obdachlose Menschen zu vermitteln. (Symbolfoto: Markus Spiske / Unsplash)

von Till Eckert

In einem Artikel der Webseite Anonymous News wird behauptet, der Berliner Senat wolle „Obdachlose erfrieren lassen“, weil freie Plätze in Flüchtlingsunterkünften leer blieben. Das stimmt nicht.

Will die Berliner Senatsverwaltung obdachlose Menschen erfrieren lassen? Mit dieser drastischen Behauptung betitelt die Webseite Anonymous News einen Artikel vom 12. Dezember. Im Verlauf des Textes heißt es, die Stadt mache sogenannte „Tempohomes“ nur Geflüchteten zugänglich, nicht aber Obdachlosen. Als vermeintlicher Beleg dafür wird die Aussage einer Sprecherin der Senatsverwaltung zitiert. 

Der Artikel wurde bisher mehr als 1.000 Mal auf Facebook geteilt. Wir haben ihn überprüft.

Der Artikel der Webseite Anonymous News mit der falschen Behauptung, der Berliner Senat habe angekündigt, Obdachlose erfrieren lassen zu wollen. (Screenshot und Verpixelung: CORRECTIV)

Die Behauptung ist konstruiert und verzerrt die Situation

Im Text von Anonymous News wird als Quelle ein Artikel der Berliner Zeitung vom 4. Dezember angegeben. Dort geht es um freie Plätze in sogenannten „Tempohomes“, Wohncontainern, die ursprünglich 2016 als Notunterkünfte für ankommende Geflüchtete eingerichtet wurden (PDF, Kleine Anfrage, Seite 2) und in denen derzeit 724 Plätze frei seien.

Dennoch weigere sich der Berliner Senat „beharrlich, in Not geratenen Deutschen auf diese Weise zu helfen“, schreibt Anonymous News. Dazu wird eine Aussage von Regina Kneiding, Sprecherin der Senatsverwaltung für Integration, Arbeit und Soziales, aus dem Artikel der Berliner Zeitung zitiert. Demnach fehlten formaljuristisch baurechtliche Genehmigungen, um die „Tempohomes“ für einen anderen Zweck zu verwenden. Zudem gebe es laut Kneiding „obdachlose Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen nicht in geschlossene Räume wollen“. 

Daraus konstruierte Anonymous News die Behauptung: „Deshalb hat der Senat beschlossen, konsequent alle Obdachlosen in Berlin lieber erfrieren zu lassen, als ihnen einen Unterschlupf in den ‘Tempohomes’ zu gewähren.“ 

Die Autoren lassen dabei jedoch weg, dass Kneiding in dem Artikel der Berliner Zeitung auch betonte, es gebe genügend andere Schlafplätze für Obdachlose. Kneiding antwortete auf CORRECTIV-Anfrage per E-Mail knapp darauf, ob die Senatsverwaltung beschlossen habe, obdachlose Menschen erfrieren lassen zu wollen, mit: „Nein.“ 

„Tempohomes“ werden für die Unterbringung von Obdachlosen in Betracht gezogen 

Kneiding erklärt in der E-Mail auch genauer, warum die „Tempohomes“ nicht verwendet werden können: „Die Tempohomes sind nach dem Flüchtlingsbaurecht errichtet. Und nach diesem Sonderbaurecht kann über einen bestimmten Zeitraum nur eine entsprechende Nutzung stattfinden.“ Zurzeit würden Gespräche zwischen Bezirken und Senat geführt, was die Nachnutzung der einzelnen Standorte betrifft. „Die bezirklichen Infrastrukturvorhaben haben Vorrang. So sind nach der Unterbringung von Geflüchteten in diesen Tempohomes eben auch andere Nutzung möglich. Dazu gehört auch die mögliche Unterbringung von Wohnungslosen oder Obdachlosen im Rahmen der Kältehilfe.“

Antwort der Senatsverwaltung. (Screenshot: CORRECTIV)

Die „Tempohomes“ werden für die Zukunft also für die Unterbringung von Obdachlosen in Betracht gezogen, können aber derzeit nicht verwendet werden.

In Berlin gibt es mehrere Angebote der Wohnungslosenhilfe

Der Text von Anonymous News suggeriert außerdem, es gebe keinerlei Hilfsangebote für Obdachlose in Berlin, sie blieben „auf der Strecke“ und Berlin sei untätig. Das stimmt nicht. 

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„Berlin bringt ungefähr rund 37.000 Menschen unter, die selbst keine eigenen Wohnung haben. Dazu gehörten auch Geflüchtete mit Aufenthaltsstatus, aber auch Berlinerinnen und Berliner, die ihre Wohnung aus den unterschiedlichsten Gründen verloren haben”, schreibt Kneiding. Sie gibt außerdem in ihrer E-Mail Einblicke in die Berliner Angebote der Wohnungslosenhilfe:

  • Es gebe beim Winterprogramm „Kältehilfe“ 1.160 Plätze, davon seien derzeit 280 frei. „Wer einen Platz in der Kältehilfe will, bekommt auch einen. Niemand soll auf der Straße erfrieren.“

Die Mittel für Projekte in der Obdachlosenhilfe seien in den vergangenen zwei Jahren von vier auf acht Millionen Euro verdoppelt worden.

Antwort der Senatsverwaltung. (Screenshot: CORRECTIV)
Unsere Bewertung:
Falsch. Der Berliner Senat hat nicht beschlossen, Obdachlose erfrieren zu lassen.

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Dieses Foto von Greta Thunberg erregte viel Aufmerksamkeit. (Screenshot und Collage: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

Ein Tweet von Greta Thunberg mit einem Foto, das sie sitzend auf dem Boden im Gang eines Zuges zeigt, sorgt für Aufregung. Auf Facebook behauptet ein Nutzer, das Bild sei ein „Fake“. Das ist falsch. Wir haben die Fakten zusammengetragen.

Hat die Klima-Aktivistin Greta Thunberg so getan, als hätte sie in einem Zug auf dem Boden sitzen müssen, obwohl sie einen Platz in der Ersten Klasse hatte? Das behauptete der Schauspieler Kalle Schwensen am 15. Dezember auf Facebook in einem Beitrag, der bisher mehr als 2.300 Mal geteilt wurde. Er schreibt: „Einmal mehr wurden die Botschaften von Greta Thunberg als simpler Fake entlarvt.“ Das Foto sei „eine glatte Lüge“: „Fräulein Greta Thunberg und ihr, mehrere Personen umfassender Tross, hatte alle Sitzplatzkarten [sic] und genossen eine erstklassige Betreuung an ihren Sitzplätzen in der 1. Klasse! Diese PR-Aktion von Greta Thunberg und ihrem Team passt in das Schmierentheater, dass sie seit Monaten veranstalten.“ 

Die Behauptung, Greta habe gelogen, ist falsch. 

Der Facebook-Beitrag mit der falschen Behauptung über Greta Thunbergs Zugreise. (Screenshot am 16. Dezember: CORRECTIV)

Der Hintergrund: Am 14. Dezember twitterte Thunberg gegen 23 Uhr ein Foto von sich, mit Gepäck auf dem Boden im Eingangsbereich eines Zuges sitzend. Sie schrieb dazu: „Reisen in überfüllten Zügen durch Deutschland.“ Sie war auf dem Rückweg nach Schweden. Das Foto muss früher an dem Tag entstanden sein, denn es ist darauf noch hell.

Der Tweet von Greta Thunberg am Samstagabend. (Screenshot: CORRECTIV)

Das Presseteam der Deutschen Bahn reagierte am 15. Dezember morgens, ebenfalls via Twitter: „Wir wünschen #Greta eine gute Heimfahrt. Und arbeiten weiter hart an mehr Zügen, Verbindungen und Sitzplätzen.“ 

Am frühen Nachmittag schrieb die Deutsche Bahn zwei weitere Tweets. Darin heißt es, man freue sich, dass Greta mit dem Zug fahre, hätte es aber noch schöner gefunden, wenn sie auch davon berichtet hätte, wie gut sie im ICE 74 auf ihrem Sitzplatz in der Ersten Klasse betreut worden sei. Dies klingt nach einem Vorwurf; es schwingt mit, Thunberg habe gelogen oder absichtlich nicht die ganze Wahrheit berichtet.

Der Tweet der Deutschen Bahn an Greta Thunberg am Sonntag. (Screenshot: CORRECTIV)

Greta Thunberg erklärte, ihr Zug sei ausgefallen

Thunberg reagierte am 15. Dezember auf den Vorwurf und twitterte, ihr Zug von Basel sei ausgefallen. Deshalb hätte sie in zwei verschiedenen Zügen auf dem Boden gesessen. „Ab Göttingen bekam ich einen Sitzplatz. Das ist natürlich kein Problem, und ich habe nie gesagt, dass es eins ist. Überfüllte Züge sind ein großartiges Zeichen, weil sie bedeuten, dass die Nachfragen nach Zugreisen hoch ist!“

Der Tweet von Thunberg mit der Erklärung am Sonntagnachmittag. (Screenshot: CORRECTIV)

Deutsche Bahn präzisiert: Thunberg hatte ab Kassel einen Sitzplatz

Die Deutsche Bahn veröffentlichte außerdem am 15. Dezember eine Pressemitteilung. Darin steht: „Zwischen Kassel und Hamburg ist Greta Thunberg – wie die zahlreichen weiteren Fahrgäste im Zug – freundlich und kompetent vom Zugteam der DB an ihrem Sitzplatz in der Ersten Klasse betreut worden. Dort saßen nach Angaben unseres Bordpersonals bereits ab Frankfurt die Mitreisenden von Greta Thunberg.“

Auf Nachfrage von CORRECTIV sagte ein Pressesprecher, er könnte über die Pressemitteilung hinaus nichts über Thunbergs Reiseroute mitteilen. 

Der ICE 74, den Greta Thunberg laut Deutsche Bahn nahm, fuhr am 14. Dezember von Zürich über Basel und Hamburg in Richtung Kiel. Er fiel laut der Webseite Zuglink.de nicht aus – also ist er vermutlich einer der Ersatzzüge, die Thunberg und ihre Begleiter nahmen, weil ihr ursprünglicher Zug gestrichen wurde. Sie stiegen allerdings nach eigener Aussage nicht in Basel ein, sondern erst später. 

Naheliegend ist, dass Greta Thunberg eigentlich den ICE 78 gegen 7 Uhr morgens von Basel aus nehmen wollte, der tatsächlich ausfiel. Sie könnte also mit dem ICE 202 unterwegs gewesen sein, der um 7:13 Uhr in Basel abfuhr, oder mit dem ICE 76 um 8 Uhr. 

Schwedische Journalistin bestätigt Thunbergs Aussage

Die schwedische Tageszeitung Dagens Nyheter berichtete, ihre Reporterin habe die Aktivistin auf ihrer Reise von Lissabon nach Schweden begleitet: Sie seien in einem Zug von Basel unterwegs gewesen, der in Offenburg „aus dem Verkehr gezogen“ wurde. Die Züge ICE 202 und ICE 76 fahren beide über Offenburg. 

Im Artikel steht: „Von dort fuhren wir zuerst mit dem Zug nach Frankfurt und dann mit einem anderen nach Hamburg. Im ersten Zug saßen sowohl Greta Thunberg als auch ich auf dem Boden, sagt DN-Reporterin Alexandra Urisman Otto, die auch im Zug gefilmt hat. […] Im zweiten Zug waren auch viele Leute und viele standen auf den Gängen oder saßen auf dem Boden, sagt sie. Nach Göttingen bekam Thunberg einen Platz in der ersten Klasse […]“ 

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Dagens Nyheter veröffentlichte außerdem Videomaterial, das zeigt, wie Thunberg auf dem Boden im Gang eines Zuges sitzt. Die Journalistin Alexandra Urisman Otto schrieb über ihre Erfahrungen auch auf Twitter. Thunberg selbst twitterte daraufhin, Medien seien offenbar mehr an Zugreisen von Teenagern interessiert als an der Klimakonferenz in Madrid.

Eine Journalistin bestätigte Greta Thunbergs Aussage. (Screenshot: CORRECTIV)

Greta Thunberg hat also nicht gelogen: Sie sagte, sie habe in zwei verschiedenen Zügen auf dem Boden gesessen. Das wären dann vermutlich der ICE von Basel nach Offenburg und der weitere Zug von Offenburg nach Frankfurt. Dort fuhr gegen 14 Uhr der ICE 74 in Richtung Hamburg ab, den die Deutsche Bahn in ihrem Tweet erwähnte. Darin bekam Thunberg entweder ab Kassel (Aussage der Bahn) oder ab Göttingen (Aussage Thunbergs und der Journalistin) einen Sitzplatz. Zwischen diesen beiden Stationen liegen nur wenige Minuten. 

Unsere Bewertung:
Falsch. Das Foto von Greta Thunberg ist kein „Fake“; ihre Angaben sind plausibel. Laut Deutsche Bahn bekam sie erst später auf der Reise einen Sitzplatz. 

uiguren collage
Eines der zwei Bilder in einem aktuellen Facebook-Beitrag. Sie sollen angeblich uigurische Inhaftierte in China zeigen. (Screenshot: CORRECTIV)

von Till Eckert , Tania Röttger

In einem Facebook-Beitrag sind zwei Bilder zu sehen, die angeblich inhaftierte Uiguren in China zeigen. Das stimmt nicht.

Ein Facebook-Beitrag der Seite „Erdogan in Deutschland“ suggeriert in einem Beitrag vom 10. Dezember, auf den zwei dazu hochgeladenen Bildern seien inhaftierte Uiguren in China zu sehen. Die Bilder sind wohl von einem viralen Instagram-Post kopiert, zu dem wir bereits einen Faktencheck veröffentlicht haben. Der Kanal heißt „Das Erwachen“, die Bilder tragen das Symbol davon.

Wir haben das überprüft.

Recherche vieler Medien zeigt: China inhaftiert tatsächlich hunderttausende Uiguren

Der Hintergrund des Beitrags ist offensichtlich eine kürzlich erschienene Recherche mehrerer internationalen Medien, darunter der Süddeutschen Zeitung. Den Medien liegen demnach interne Dokumente aus der chinesischen Regierung vor, die belegen, dass das Land hunderttausende Uiguren, eine muslimische Minderheit, systematisch in Lagern inhaftiert. 

Es handele sich laut den Journalisten um „eine der größten Menschenrechtsverletzungen unserer Zeit“. Doch bildet der virale Instagram-Beitrag diese Lager auch wirklich ab? Wir haben ihn geprüft.

Das erste Bild stammt aus Indonesien

Wir haben das Bild bei der Suchmaschine Yandex hochgeladen, es führt zu mehreren Youtube-Videos (eins von Juli 2019 und eins von August 2019) und zu Artikeln (etwa auf den Webseiten Bogordaily im Juli 2016 und Banjarmasin Post im März 2017). Mithilfe des Google-Übersetzers lassen sich die Beschreibungen und Kommentare zu den Videos als Indonesisch ausmachen.

Das erste Bild im Facebook-Beitrag ist ein Screenshot des Videos, das unter anderem auf Instagram verbreitet wurde. (Screenshot: CORRECTIV)

Wir kontaktierten Kollegen der indonesischen Faktencheck-Organisation Liputan 6, die uns bestätigen: In den Videos wird Indonesisch gesprochen. Außerdem gibt es einen Artikel auf der Webseite Bogordaily vom 18. Juli 2016, der das Video beschreibt. Demnach handelte es sich bei den gefesselten Männern um Diebe.

Elin Kristanti, stellvertretende Chefredakteurin von Liputan 6, schickte uns eine Übersetzung des Videos: Die liegenden Männer bitten um Vergebung, werden aber von den schlagenden Männern verflucht. 

Übersetzung vom Indonesischen ins Deutsch einiger Äußerungen aus dem Video. (Screenshot der E-Mail: CORRECTIV)

Es handelt sich hier also um ein Standbild eines Videos aus Indonesien, das spätestens im Jahr 2016 aufgenommen wurde und nichts mit den Uiguren in China zu tun hat. 

Das zweite Foto ist offenbar von 2004, es handelt sich um eine chinesische Aktivistin in Paris

Über dem zweiten Foto steht in türkischer Sprache: Verbreitet diese Folter an alle. Ein Muslim bleibt kein Zuschauer. Wer nur zusieht bei der Folter wird von Gott so behandelt, als hätte er sie selbst begangen.“

Das zweite Bild im zweiten Video des Instagram-Beitrags. (Screenshot: CORRECTIV)

Eine Bilder-Rückwärtssuche über Yandex führt zu mehreren alten Blog-Beiträgen, in denen das Foto zu finden ist. Es ist demnach offenbar am 17. Juli 2004 im 13. Bezirk von Paris entstanden.

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Laut eines Artikels auf der Webseite der „Falun Gong Human Rights Working Group“, in dem das Foto ebenfalls zu sehen ist, handelt es sich bei der abgebildeten Frau um Chen Ying, die in einem chinesischen Arbeitslager inhaftiert gewesen sei und auf dem Foto die Folter an ihr demonstriere. 

Unsere Bewertung:
Falsch. Die beiden Bilder zeigen keine in China inhaftierte Uiguren.

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Christine Lagarde war lange Zeit Direktorin des Internationalen Währungsfonds – jetzt ist sie Chefin der Europäischen Zentralbank. (Symbolfoto: Daniel Roland / AFP)

von Alice Echtermann

Hat Christine Lagarde als Direktorin des Internationalen Währungsfonds es als Risiko für die Weltwirtschaft bezeichnet, wenn alte Menschen zu lange leben? Das angebliche Zitat kursiert seit vielen Jahren im Netz und in Medienberichten. Dabei gibt es keinen Beleg, dass Lagarde dies je sagte. 

Seit vielen Jahren kursiert ein angebliches Zitat von Christine Lagarde im Netz, das sie als Direktorin des Internationalen Währungsfonds gesagt haben soll: „Alte Menschen leben zu lange und es ist eine Risiko für die globale Wirtschaft. Etwas muss getan werden.“

Das Zitat wird aktuell von einer Webseite namens Snap4Face verbreitet, die unter anderem auch über „Chemtrails“ schreibt. Der Artikel ist von August 2019 und in fehlerhaftem Deutsch verfasst. Kritisiert wird darin, dass der Währungsfonds von einem „Langlebigkeitsrisiko“ in Bezug auf alte Menschen spreche. 

Der Artikel wurde bisher laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 18.600 Mal auf Facebook geteilt. In Deutschland teilte den Link zu Snap4Face unter anderem die Facebook-Seite der AfD Mainz-Bingen. Das Zitat griffen auch Medien auf, zum Beispiel im Oktober 2019 das deutsche Debatten-Magazin The European, das Beiträge von zahlreichen Autoren veröffentlicht, darunter Alice Weidel (AfD), Alexander Dobrindt (CSU) oder Anke Domscheit-Berg (Die Linke). 

Wir haben das Zitat überprüft und konnten nirgends einen Beleg für seine Echtheit finden.  

Der Facebook-Beitrag der AfD Mainz-Bingen. (Screenshot: CORRECTIV)

Als Quelle gibt Snap4Face einen Blog-Artikel auf Rumänisch vom 9. Februar 2018 an. Dieser wiederum verlinkt auf einen Beitrag auf Spanisch auf der Webseite Alertas.eu. Diese gibt es nicht mehr, der Artikel wurde aber zuletzt im Dezember 2018 im Internet Archiv archiviert. Das erste Mal wurde er im November 2016 gespeichert, so alt ist er also mindestens.  

Alle drei Texte, auf Deutsch, Rumänisch und Spanisch, sind fast identisch. Das Zitat steht jedes Mal in der Überschrift, kommt im Artikel selbst aber nicht weiter vor. Auch eine Quelle wird nicht genannt. 

Netzsuche zeigt: Das Zitat tauchte bereits 2014 auf

In den Artikeln geht es darum, dass der Internationale Währungsfonds eine Analyse zur Alterung der Bevölkerung herausgegeben habe. Darin schlage er vor, Leistungen zu kürzen und das Rentenalter zu verschieben, weil langes Leben ein Wirtschaftsrisiko sei. In dem spanischen Text ist außerdem eine Text-Bild-Collage eingebunden, mit einem Foto von Christine Lagarde und dem angeblichen Zitat.

Die Text-Bild-Collage in dem spanischen Artikel von Alertas.eu. (Screenshot: CORRECTIV)

Eine Bilderrückwärtssuche bei Google ergibt, dass die Collage seit mindestens fünf Jahren im Netz kursiert: Wir fanden sie in einem spanischen Blog-Artikel von September 2014. Darin steht, Lagarde habe das Zitat „in dieser Woche gesagt“. 

Eine Google-Suche nach „los ancianos viven demasiado“ nur im Jahr 2014 ergibt jedoch keine seriöse Quelle für das Zitat. Dieselbe Suche auf Englisch für 2014 bleibt ebenfalls erfolglos. Und auch bei dem Zitat auf Deutsch wird nirgends eine Quelle angegeben. 

Wenn Lagarde als Direktorin des Internationalen Währungsfonds den Satz öffentlich gesagt hätte, dann höchstwahrscheinlich auf Englisch. In den Jahren bis einschließlich 2014 gibt es für den Satzteil „old people live too long“ jedoch keinen einzigen relevanten Google-Treffer in Verbindung mit Lagarde. 

Was stimmt: Der Währungsfonds sieht höhere Lebenserwartung als Wirtschaftsrisiko an

Während unserer Recherche stoßen wir auf Hinweise, dass der Anlass für die Blog-Artikel der Global Financial Stability Report des Währungsfonds von 2012 gewesen sein könnte. Darin geht es in Kapitel 4 um das „Longevity Risk“ („Langlebigkeitsrisiko“), das von Snap4Face erwähnt wird. Der Bericht führt aus, dass die Tatsache, dass Menschen länger leben würden als erwartet, mehr wirtschaftliche Ressourcen verbrauche. Dies sei unterschätzt worden. Die Formulierung „alte Menschen leben zu lange“ findet sich in dem Bericht aber nicht. 

Ein Indiz, dass sich der Artikel von Snap4Face um diesen Report dreht, ist, dass die Pressekonferenz für den Bericht im April 2012 von José Viñals gehalten wurde. Er ist Kapitalmarkt-Direktor des Internationalen Währungsfonds – und die einzige andere Person, die außer Lagarde im Artikel genannt wird. Die Aussagen, mit denen Viñals von Snap4Face zitiert wird, finden sich sinngemäß in einem offiziellen Transkript der Pressekonferenz wieder. 

Auszug aus dem Artikel von Snap4Face. (Screenshot: CORRECTIV)
Aussagen von José Viñals bei einer Pressekonferenz zum Global Financial Stability Report im April 2012. (Quelle: Transkript der Pressekonferenz des Internationalen Währungsfonds / Screenshot: CORRECTIV)

Christine Lagarde war bei dieser Pressekonferenz nicht anwesend. Es handelt sich bei dem angeblichen Zitat also höchstwahrscheinlich um eine Erfindung, eine übertriebene Zuspitzung der 2012 vorgestellten Positionen des Währungsfonds. 

Lagarde äußerte in Reden Sorge über Alterung der Gesellschaft – aber nicht respektlos

Wir haben auch recherchiert, wie sich Christine Lagarde sonst in offiziellen Reden zu alten Menschen geäußert hat. Wir fanden eine Rede, die Lagarde 2014 hielt. Darin sagte sie, im Jahr 2020 werde es erstmals mehr alte Menschen über 65 Jahren geben als Kinder unter fünf Jahren. Das werde zu Problemen in Ländern mit alternden Gesellschaften führen, zum Beispiel langsameres Wachstum. Lagarde sagte aber nicht, dass die alten Menschen ein Risiko für die Weltwirtschaft seien und etwas dagegen getan werden müsse.  

Außerdem fanden wir zwei Reden von 2013. In einer sagte sie, alte Menschen würden einem griechischen Sprichwort zufolge Bäume pflanzen, in deren Schatten sie selbst nie sitzen könnten – also eine sehr respektvolle Äußerung. In der anderen Rede sprach sie 2013 in Seoul über die alternde Bevölkerung in Korea: „Wir sehen, dass alte Menschen eine fragile Zukunft erwartet, mit dreimal höherer Wahrscheinlichkeit, arm zu sein, als die gesamte Bevölkerung.“

Der Internationale Währungsfonds hat bis zur Veröffentlichung nicht auf unsere Presseanfrage reagiert. 

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Wir konnten keine Quelle für dieses Zitat finden. Es ist höchstwahrscheinlich eine Zuspitzung von Positionen des Währungsfonds von 2012.

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Diese Videos und Bilder auf Instagram bekommen gerade viel Aufmerksamkeit und Likes. (Screenshot: CORRECTIV)

von Till Eckert , Tania Röttger

Ein Instagram-Beitrag mit mehreren hunderttausend Likes suggeriert anhand eines grausamen Videos und mehrerer Fotos, es handele sich bei den abgebildeten Menschen um inhaftierte Uiguren in China. Das stimmt nicht.

In einem Beitrag der Instagram-Seite „Das Erwachen“ vom 10. Dezember sind ein Video und eine Zusammenstellung mehrerer Bilder zu sehen, die angeblich Uiguren in chinesischen Internierungslagern zeigen sollen. „China aktuell – und die Welt schaut weg“, steht darüber. Mehr als 340.000 Menschen vergaben ein „Gefällt mir“. 

Eine Leserin machte uns auf den Instagram-Beitrag aufmerksam.

Recherche vieler Medien zeigt: China inhaftiert tatsächlich hunderttausende Uiguren

Der Hintergrund des Beitrags ist offensichtlich eine kürzlich erschienene Recherche mehrerer internationalen Medien, darunter der Süddeutschen Zeitung. Den Medien liegen demnach interne Dokumente aus der chinesischen Regierung vor, die belegen, dass das Land hunderttausende Uiguren, eine muslimische Minderheit, systematisch in Lagern inhaftiert. 

Es handele sich laut den Journalisten um „eine der größten Menschenrechtsverletzungen unserer Zeit“. Doch bildet der virale Instagram-Beitrag diese Lager auch wirklich ab? Wir haben ihn geprüft.

Das erste Video stammt aus Indonesien

Das erste Video zeigt, wie drei Männer nackt oder halbnackt auf dem Boden liegen und von zwei Männern gepeitscht werden. 

Ein Screenshot des Videos, den wir bei der Suchmaschine Yandex hochgeladen haben, führt zu mehreren Youtube-Videos (eins von Juli 2019 und eins von August 2019) und zu Artikeln (etwa auf den Webseiten Bogordaily im Juli 2016 und Banjarmasin Post im März 2017). Mithilfe des Google-Übersetzers lassen sich die Beschreibungen und Kommentare zu den Videos als Indonesisch ausmachen.

Das erste Video im Instagram-Beitrag von „Das Erwachen“. (Screenshot: CORRECTIV)

Wir kontaktierten Kollegen der indonesischen Faktencheck-Organisation Liputan 6, die uns bestätigen: In den Videos wird Indonesisch gesprochen. Außerdem gibt es einen Artikel auf der Webseite Bogordaily vom 18. Juli 2016, der das Video beschreibt. Demnach handelte es sich bei den gefesselten Männern um Diebe.

Elin Kristanti, stellvertretende Chefredakteurin von Liputan 6, schickte uns eine Übersetzung des Videos: Die liegenden Männer bitten um Vergebung, werden aber von den schlagenden Männern verflucht. 

Übersetzung vom Indonesischen ins Deutsch einiger Äußerungen aus dem Video. (Screenshot der E-Mail: CORRECTIV)

Fazit: Es handelt sich hier also um Videos aus Indonesien, die spätestens im Jahr 2016 aufgenommen wurden und nichts mit den Uiguren in China zu tun haben. 

Inzwischen hat der Instagram-Kanal in seinen Kommentar zum Beitrag geschrieben: „Achtung Video Quelle ist aus Indonesien, Bilder aus China!!!“. Der erste Teil stimmt, wie oben gezeigt, der zweite nur teilweise.

Das zweite Video zeigt verschiedene Fotos

Beim zweiten Video des Instagram-Beitrags handelt es sich um eine Zusammenstellung verschiedener Fotos, beziehungsweise Screenshots von anderen Beiträgen auf Sozialen Netzwerken. Am Ende wird noch einmal suggeriert, es handele sich bei den abgebildeten Menschen um Uiguren in einem Internierungslager. Im Beitragstext schreiben die Verfasser, die Bilder seien aus China. Wir haben alle Fotos überprüft:

Das erste Foto ist von 2003, es zeigt einen iranischen Aktivisten in Nottingham

Über dem ersten Foto steht in türkischer Sprache:Wenn Du eine Unterdrückung/Grausamkeit nicht verhindern kannst, dann verbreite sie wenigstens (hz. Ali). In Osttürkistan findet ein Massaker statt. Die Folter, die einem Muslim angetan wird.“

Das erste Bild im zweiten Video des Instagram-Beitrags. (Screenshot: CORRECTIV)

Eine Bilder-Rückwärtssuche über Yandex führt zur Stockfoto-Datenbank Alamy, in der das Foto zu finden ist. Bei dem Mann handelt sich der Beschreibung zufolge um einen 33-jährigen geflüchteten Iraner, der in England gegen die Behandlung von Geflüchteten protestierte. Das Bild sei am 25. Mai 2003 entstanden. 

Eine Bilder-Rückwärtssuche über Bing führt außerdem zur Bilder-Datenbank Gettyimages, dort ist ein Foto des Mannes zwei Tage später (27. Mai 2003) zu finden. Dazu heißt es: „Der iranische Asylbewerber Abas Amini mit geschlossenen Augen, Ohren und Mund am 27. Mai 2003 in Nottingham, England. Amini hat mit dieser Maßnahme gegen die Anfechtung seines erfolgreichen Asylantrags durch das Innenministerium protestiert.“

Das zweite Foto ist offenbar von 2004, es handelt sich um eine chinesische Aktivistin in Paris

Über dem zweiten Foto steht in türkischer Sprache: Verbreitet diese Folter an alle. Ein Muslim bleibt kein Zuschauer. Wer nur zusieht bei der Folter wird von Gott so behandelt, als hätte er sie selbst begangen.“

Das zweite Bild im zweiten Video des Instagram-Beitrags. (Screenshot: CORRECTIV)

Eine Bilder-Rückwärtssuche über Yandex führt zu mehreren alten Blog-Beiträgen, in denen das Foto zu finden ist. Es ist demnach offenbar am 17. Juli 2004 im 13. Bezirk von Paris entstanden. Laut eines Artikels auf der Webseite der „Falun Gong Human Rights Working Group“, in dem das Foto ebenfalls zu sehen ist, handelt es sich bei der abgebildeten Frau um Chen Ying, die in einem chinesischen Arbeitslager inhaftiert gewesen sei und auf dem Foto die Folter an ihr demonstriere. 

Keines der drei Fotos im dritten Bild, einer Collage, zeigt nachweislich inhaftierte Uiguren

Das dritte Bild ist eine Foto-Collage. Bei dem Mann im oberen Bild handelt es sich nach einer Rückwärtssuche über Yandex offenbar um Zheng Shoujun. Er wurde laut eines Blog-Beitrags von 2004 angeblich im Jahr 2001 von Polizeibeamten in der chinesischen Stadt Shengyang mit einer gewissen Technik gefoltert. Diese demonstriere er auf dem Foto. Das Bild ist also eine nachgestellte Szene. Es ist auch in einem weiteren Blog-Beitrag von 2008 zusammen mit weiteren Fotos zu sehen.

Das dritte Bild im zweiten Video des Instagram-Beitrags. (Screenshot: CORRECTIV)

Das Foto unten links mit einer Gruppe Gefangener in blauen Anzügen ist schon älter, es kursiert seit mindestens vier Jahren im Netz, wie wir durch Bilder-Rückwärtssuchen über Google, Yandex und Tineye herausfanden. Ein Blog-Artikel mit dem Foto ist auf 2015 datiert. Das passt zu einem Tweet des Accounts „Uygur Türgleri“ vom Juni 2015 mit einem ähnlichen Foto; darauf ist anscheinend einer der Gefangenen näher zu sehen. Wir haben die taiwanesische Faktencheckerin Summer Chen vom Taiwan FactCheck Center um Hilfe bei der Verifizierung gebeten. 

Sie fand anhand des lilanen Banners im Hintergrund heraus, dass es sich um eine Situation am 31. Mai 2014 handelt, in einem Sportstadium der Stadt Hotan im Autonomen Uigurischen Gebiet Xinjiang. Die Stadt veröffentlichte dazu einen Newsletter. Es habe sich demnach um eine öffentliche Verhaftung mehrerer in Terrorverdacht stehenden Menschen gehandelt: „Die 21 Verdächtigen wurden unter dem Vorwurf der Anstiftung zu ethnischem Hass, ethnischer Diskriminierung und Anwendung gefährlicher Methoden zur Gefährdung der öffentlichen Sicherheit strafrechtlich festgenommen.“ Mehr als 1.000 Menschen hätten teilgenommen. Im Newsletter steht nichts davon, dass es sich um Uiguren gehandelt habe. 

Für das Foto von einer Menschengruppe unten rechts zeigt eine Rückwärtssuche über Yandex, dass es sich laut eines Blog-Artikels von 2014 offenbar um uigurische Protestanten handelt. Das Foto ist dort zusammen mit vielen weiteren zu finden, es ist offenbar am 7. Juli 2009 im chinesischen Urumqi entstanden. Urumqi ist die Hauptstadt des uigurischen autonomen Region Xinjiang. Die Protestanten sollen laut des Artikels gegen „Massaker in China“ demonstriert haben. 

Wir haben in der Bilderdatenbank AP Images nach den Stichworten „Urumqi, China, Tuesday, July 7, 2009“ gesucht und wurden fündig: Das Foto wird dort aufgelistet. Dazu steht: „Uigurische Frauen trauern vor Journalisten, die die Gegend besuchen, und behaupten, dass die Behörden ihre Verwandten am Dienstag, den 7. Juli 2009, in Urumqi, China, entführt haben.“ 

Viertes Bild, ebenfalls eine Collage: Keines der Fotos zeigt inhaftierte Uiguren

Es handelt sich um einen Screenshot eines Facebook-Beitrags mit dem Datum 1. Dezember, das Jahr ist unklar. Im türkischen Text über der Collage wird China der Niedergang gewünscht. Türkischen Unterdrückten solle geholfen werden, aber die Welt schaue nur zu.

Das vierte Bild im zweiten Video des Instagram-Beitrags. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Herkunft des Bildes oben links, also das der Frau, die vor einem Soldaten gefesselt kniet, konnten wir nicht herausfinden. Verschiedene Rückwärtssuchen über Google, Yandex und Tineye, teils mit definierten Zeiträumen, führten zu keiner seriösen Quelle oder weiteren Bildinformationen. Klar ist aber, dass das Foto schon mindestens seit 2008 im Netz auftaucht. Oft wird es als Symbolbild verwendet, um China zu kritisieren, so zum Beispiel in einem 2017 veröffentlichten Artikel von Epoch Times

Die drei sehr kleinen Fotos darunter haben wir bei unserer Recherche zum dritten Bild im Instagram-Beitrag bereits gefunden: Es handelt sich um Fotos von der uigurischen Demonstration am 7. Juli 2009 im chinesischen Urumqi. Hier eine Übersicht aus der Bilderdatenbank AP Images, hier das mittlere Foto in der Adobe-Stock-Datenbank.

Das Foto oben rechts, das des gefesselten Mannes, entstand im Januar 2003. Eine Bilder-Rückwärtssuche über Tineye führte zur Bilderdatenbank Gettyimages, wo das Foto zu finden ist. Dazu steht, dass es sich um den 29-jährigen Huang Hu handele, einen Leiter eines chinesischen Kindergartens, der öffentlich hingerichtet wurde, weil er wegen der Vergiftung von 70 Kindern eines konkurrierenden Kindergartens verurteilt worden war. 

Das Foto unten links, das der Männer in weißen Hemden, fanden wir über eine Google-Bilder-Rückwärtssuche in einem Artikel von Al Jazeera von 2014. Dort wird als Bildquelle die Bilderdatenbank AFP angegeben. In einem Artikel von The Australian von 2011 steht mehr Kontext zum Foto: Es handele sich um Menschen, die in einen Korruptionsskandal in der chinesischen Fujian-Provinz verwickelt waren. Eine Suche bei AFP führte uns zum Foto: Es zeigt 14 Beamte, denen vor dem chinesischen Gerichtshof am 8. November 2000 in Xiamen ihre Urteile vorgelesen werden. China habe die 14 Regierungsbeamten zum Tode verurteilt, für ihre Rolle bei einem Milliardenschmuggel mit Waren in der Stadt. 

Beim Foto von der Menschengruppe unten rechts handelt es sich um einen Bildausschnitt, im Original sind darauf noch Polizeibeamte zu sehen: Wir fanden es nach einer Rückwärtsuche über Tineye zunächst in einem Artikel des Spiegel vom Juli 2009, es soll sich um die uigurische Demonstration am 7. Juli 2009 im chinesischen Urumqi handeln. Als Quelle ist die Bilderdatenbank AFP angegeben. Dort wurden wir fündig, es handelt sich tatsächlich um ein weiteres Foto der Proteste in Urumqi am 7. Juli 2009. 

Beim fünften Foto handelt es sich offenbar um Hundediebe in China, die öffentlich geächtet werden sollten

Über dem fünften Bild wird in türkischer Sprache suggeriert, es handele sich um Uiguren, denen Hunde um den Hals gehängt würden, weil sie ihrem Gebet nachgingen. Ein Ort wird nicht angegeben.

Das vierte Bild im zweiten Video des Instagram-Beitrags. (Screenshot und Verpixelung: CORRECTIV)

Eine Rückwärtssuche über Tineye führte zu verschiedenen Blogs, die das Bild in Artikeln verwenden. Es handele sich laut eines vietnamesischen Artikels von 2015 um Hundediebe, die in der chinesischen Provinz Guizhou geschnappt und von der Menge gezwungen worden seien, kniend tote Hunde um den Hals zu tragen. Auch das Medium Tomo News US griff das Thema 2015 für ein Youtube-Video auf und berichtete über den Vorfall, ebenso wie die englische Boulevardzeitung Mirror.

Die ursprüngliche Quelle des Fotos konnten wir jedoch nicht finden, weshalb wir nicht verifizieren können, ob sich die Situation tatsächlich so zutrug. Sie wirkt aber plausibel: In einem Artikel von Daily Mail sind andere Fotos zu sehen, darunter auch eines von einem Mann, dem ein toter Hund umgebunden wurde. In einem weiteren, früheren Artikel der britischen Boulevardzeitung zu Hundediebstahl in China sind außerdem weitere Fotos zu sehen, die zeigen, wie brutal mit den mutmaßlichen Tätern umgegangen wird. 

Einen Zusammenhang mit uigurischen Inhaftierten konnten wir nicht feststellen.

Fazit zu den Fotos

Neun der dreizehn Fotos wurden zwar in China aufgenommen, aber keines von ihnen zeigt nach unseren Recherchen belegbar inhaftierte Uiguren: Bei einem handelte es sich um die nachgestellte Demonstration von Folter in anderem Zusammenhang, vier zeigen verurteilte Straftäter, ebenfalls in anderem Zusammenhang, vier sind auf einer Demonstration entstanden und eines zeigt möglicherweise Hundediebe. 

Zwei der Fotos wurden nicht in China aufgenommen. Bei einem Fotos konnten wir die Herkunft und Quelle nicht verifizieren. Die meisten Fotos sind mehrere Jahre alt – es lässt sich demnach nicht sagen, dass es sich um aktuelle Fotos aus China handele. 

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Auch wenn einige Bilder einen Bezug zu Uiguren und Protesten gegen China haben, zeigen sie keine Folter von Menschen in chinesischen Internierungslagern.

Update, 19. Dezember: Wir haben zu einem Bild bei taiwanesischen Faktencheckern um Hilfe bei der Verifizierung gebeten und deren Antwort im Text ergänzt. An der Bewertung hat sich nichts geändert.

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Das Problem ist aktuell – das Video und die meisten Fotos zeigen aber nachweislich keine inhaftierten Uiguren.

Bildschirmfoto 2019-12-13 um 13.52.33
Dieses Video zeigt, wie mehrere Menschen einen Weihnachtsbaum demolieren. Es wurde aber nicht, wie behauptet, in Europa aufgenommen, sondern im Nahen Osten. (Screenshot: CORRECTIV)

von Cristina Helberg

In einem bei Facebook verbreiteten Video wird behauptet, Geflüchtete und Muslime hätten einen Weihnachtsbaum in einem deutschen oder europäischen Einkaufszentrum zerstört haben, weil sie das christliche Symbol angeblich ablehnen. Das Video wurde jedoch in Ägypten aufgenommen. Mit Deutschland hat die Szene nichts zu tun.

Am 9. Dezember veröffentlichte ein Facebook-Nutzer ein Video, in dem zu sehen ist, wie Menschen in einem Einkaufszentrum einen Weihnachtsbaum hinaufklettern und den Schmuck entfernen und demolieren. Dazu schrieb er „Was Deutschland mit sich machen lässt“. Der Beitrag wurde bisher mehr als 2.600 Mal geteilt. 

Das Video beginnt mit einer Frauenstimme aus dem Off: „Dramatische Szenen haben sich mitten in einem Kaufhaus in Europa abgespielt“. Tannenbäume und Weihnachtsartikel würden „mutwillig von Flüchtlingen wütend und mit brutaler Aggressivität zerstört“, weil sie als Muslime die christlichen oder jüdischen Artikel ablehnen würden. Später wird suggeriert, der Vorfall habe sich in Dortmund in einer Filiale der Kette Woolworth abgespielt. „Aus Rücksicht vor weiteren Konfrontationen hat Woolworth Dortmund sämtliche Weihnachtsartikel aus seinem Programm komplett herausgenommen“, sagt die Frauenstimme aus dem Off. Angela Merkel schweige zu dem Vorfall. 

Wir haben die Behauptungen geprüft. 

Zwei Sequenzen aus dem Video. Links wird suggeriert, die Szene habe sich in Dortmund abgespielt. (Screenshot: CORRECTIV).

Nein, diese Szene hat sich nicht in Deutschland abgespielt

Woolworth schreibt auf eine Presseanfrage von CORRECTIV: „Das Video zeigt keine Woolworth-Filiale. Als deutsches Einzelhandelsunternehmen haben wir ein umfangreiches Weihnachtssortiment […]. Es gibt für uns keine Veranlassung, Weihnachtsartikel aus dem Verkauf zu nehmen.“

Die Antwort von Woolworth per E-Mail: „Das Video zeigt keine Woolworth Filiale“. (Screenshot: CORRECTIV)

Bereits im Dezember 2018 kursierte dieselbe Videoszene schon einmal, nur die Behauptungen darüber wichen etwas ab. Dortmund wurde in dem Video nicht genannt. In unserem Faktencheck haben wir 2018 herausgefunden, dass die Szene nicht in Deutschland gefilmt wurde. Recherchen von Bussiness Insider, Le Monde oder Buzzfeed zeigen, dass es in der Mall of Arabia in Kairo, Ägypten, aufgenommen wurde. Das Originalvideo wurde am 4. Januar 2016 auf Youtube hochgeladen.

Für einen Artikel, der im November 2016 erschien, fragte Le Monde bei der Mall of Arabia nach. Laut dem Artikel antwortete die Mall, dass die Szene an Weihnachten 2015 stattfand und erklärte: „Das waren Kinder, die nicht wussten, was sie taten, und unser Sicherheitsteam kümmerte sich um sie, sobald sie sie sahen“.

Gegen eine generelle Ablehnung von Weihnachten spricht auch, dass die Mall 2015 und auch aktuell auf ihrer Facebook-Seite offensiv mit der Weihnachtsdekoration wirbt. 

Narrativ der „Kulturverdränung“ wird besonders vor Weihnachten genutzt 

Besonders vor Festen wie Weihnachten wird die Erzählung, die deutsche Kultur drohe durch den Islam verdrängt zu werden, für Falschmeldungen genutzt. Die angebliche Umbenennung des Nikolaus in „Zipfelmützenmann“ oder des Weihnachtsmann in „Jahresendfigur“ sind nur zwei der Falschmeldungen, die wir in diesem Zusammenhang schon geprüft haben. In unserer Artikelserie „Narrative der Desinformation“ geben wir einen Überblick über häufige Erzählungen hinter Falschmeldungen. 

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Unsere Bewertung:
Falsch. Die Szene wurde in Ägypten aufgenommen und zeigt keine Geflüchteten in Deutschland.