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Bewertung: richtig

Ja, „Mission Lifeline“ hat T-Shirts mit der Aufschrift „Team Umvolkung“ gedruckt – sie ist satirisch gemeint

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Das entsprechende T-Shirt mit der Aufschrift „Team Umvolkung“. (Screenshot: CORRECTIV)

von Nina Breher

Das Foto eines T-Shirts, auf dem der Seenotrettungs-Verein „Mission Lifeline“ sich selbst als „Team Umvolkung“ bezeichnen soll, wird in den sozialen Medien geteilt.

Die Kleinpartei Partei der Vernunft verbreitet über ihre Facebook-Seite ein Foto, das den Rücken einer Person zeigt, die ein T-Shirt mit der Abbildung eines Schiffs von Mission Lifeline und dem Schriftzug „Team Umvolkung“ trägt. Die Partei der Vernunft wirft den Seenotrettern in dem Facebook-Beitrag vor, die Aufschrift beschreibe „genau, wofür sie stehen und worum es ihnen vordergründig geht.“

Der aktuell geteilte Beitrag. (Screenshot: CORRECTIV)

In den Kommentaren unter dem Beitrag äußern sich Nutzer teilweise emotional: „Auf welchem geistigen Niveau muss man sich befinden, wenn man so etwas anzieht?“, kommentiert einer. Ein anderer fragt: „Es erschließt sich mir nicht, was das soll! Wer hat was von einem Land ,das irgendwann im Chaos versinkt?“ Mehrere Nutzer bitten außerdem um die Überprüfung der Authentizität des Fotos.

T-Shirt stammt von „Mission Lifeline“ – es ist satirisch gemeint

Telefonisch bestätigt Axel Steier von „Mission Lifeline“ CORRECTIV, dass das T-Shirt im „Mission-Lifeline“-Umfeld entworfen wurde. Der Verein habe laut Steier „einmalig 100 Stück produziert“ und verkauft. Das geht auch aus einem Tweet des Schiffsführers Claus-Peter Reisch vom 5. Oktober 2018 hervor.

Der „Mission Lifeline“-Schiffsführer Claus-Peter Reisch kündigte den Verkauf der T-Shirts in einem Tweet an. (Screenshot: CORRECTIV)

Auf der Vorderseite des T-Shirts steht „Schlepperkönig“. Das sei laut Steier – ebenso wie die Worte „Team Umvolkung“ auf der Rückseite – eine satirische Bezugnahme auf aus dem rechten Spektrum stammende Äußerungen. Die T-Shirts seien „satirisch, eine Art Gag gewesen. Diese Begriffe waren damals in der Diskussion. Wir finden, das T-Shirt war eine angemessene Reaktion darauf.“

Bereits einen Tag nach Ankündigung des Verkaufs waren die T-Shirts vergriffen, wie ein Facebook-Beitrag des Seenotrettungs-Vereins zeigt. Anschließend habe man „es Dritten erlaubt, das T-Shirt zu drucken und zu verkaufen“, so Steier. „Daraus entstehende Einnahmen gehen als Spende an Mission Lifeline.“

Der Begriff „Umvolkung“ stammt aus dem Sprachgebrauch des Nationalsozialismus

Das Landesamt für Verfassungsschutz Nordrhein-Westfalen kommt 2018 zu dem Schluss, der Begriff werde derzeit von Rechtsextremisten verwendet, „um ihre fremdenfeindlichen Positionen zu verbreiten. Sie wollen den Eindruck erwecken, dass durch Einwanderung eine ethnisch homogene Bevölkerungsgruppe durch eine andere ethnisch homogene Bevölkerungsgruppe vertrieben würde.“ Das erläutert das Amt in Bezug auf die Verwendung des Begriffs bei einer Veranstaltung der rechtsextremen Wählergruppe „Bürgerbewegung pro Köln“ im Jahr 2017 (PDF).

Der Begriff ‚Umvolkung‘ stammt, so der NRW-Verfassungsschutz weiter,  „aus dem Sprachgebrauch des Nationalsozialismus für bevölkerungspolitische Maßnahmen im Sinne der NS-Ideologie.“

Auch das Bundesamt für Verfassungsschutz beschäftigte sich mit dem Begriff, und zwar in einem Gutachten zur AfD, das die Nachrichtenseite Netzpolitik veröffentlichte. Darin heißt es, das Wort ‚Umvolkung‘ werde „maßgeblich von Rechtsextremisten genutzt, um eine vermeintliche Überfremdung und damit verbundene Auslöschung des deutschen Volkes zu beschreiben. Nicht zuletzt aufgrund der vielfältigen Nutzung im rechtsextremistischen Spektrum ist der Terminus ein Anhaltspunkt für eine rechtsextremistisch konnotierte Gesellschaftskonzeption.“

Aktuell wird der Begriff zunehmend wieder verwendet, wie eine Auswertung von seit 1945 erscheinenden Zeitungsartikeln zeigt, die das Digitale Wörterbuch der Deutschen Sprache automatisiert erstellt.

Die DWDS-Wortverlaufskurve für „Umvolkung“, erstellt durch das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache. Sie zeigt, dass der Begriff seit 2013 vermehrt verwendet wird. Grundlage der Verlaufskurve ist ein Textkorpus, der aus vielen überregional verbreiteten Wochen- und Tageszeitungen seit 1945 besteht. (Quelle: DWDS, Screenshot: CORRECTIV)
Unsere Bewertung:
Richtig. Das T-Shirt ist echt. Es ist satirisch gemeint.

Bewertung: falsch

Junge sammelt Flaschen? Wie eine gestellte Szene zum Symbolbild für Armut in Deutschland wurde

Bildschirmfoto 2019-07-19 um 17.25.52
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Bildschirmfoto 2019-07-19 um 17.25.52
Diese Fotos eines Flaschen sammelnden Jungen sind gestellt und in verschiedenen Bilder-Datenbanken zu finden. (Bildquelle: Imagebroker, Fotograf: Walter Allgöwer, Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

Ein Foto eines Jungen, der Pfandflaschen sammelt, wird seit Jahren immer wieder in Medien verwendet, manchmal auch illegal. In sozialen Netzwerken zeigen Nutzer es als Beweis für Kinderarmut in Deutschland. Doch das Bild ist ein reines Symbolfoto – es wurde inszeniert. 

Symbolbilder werden in Medienberichten häufig verwendet; im Grunde immer dann, wenn es kein aktuelles Bild zu einem Artikel gibt. Allerdings sollten diese stets als Symbolfotos benannt werden, damit keine Missverständnisse aufkommen. 

Wie sich Bilder andernfalls verselbstständigen können, zeigt der Fall von mehreren Fotos eines blonden Jungen. Ein Foto, auf dem er Flaschen aus einem Mülleimer sammelt, wurde zum Beispiel im Februar 2018 auf Facebook veröffentlicht, ohne Angaben zum Kontext. Es wurde seitdem mehr als 1.100 Mal geteilt, in letzter Zeit verstärkt. Recherchen von CORRECTIV zeigen: Das Foto ist kein Beweis für Kinderarmut in Deutschland. Der abgebildete Junge musste nie selbst Flaschen sammeln; die Szene ist gestellt. 

Das Foto in einem Beitrag auf Facebook von Februar 2018. (Screenshot am 23. Juli 2019 und Schwärzung: CORRECTIV)

Durch die Rückwärtssuche bei Google konnte CORRECTIV den Namen des Fotografen in Erfahrung bringen: Walter Allgöwer. Eine Bildersuche nach ihm mit den Suchworten „Flaschen sammeln Armut“ fördert weitere Fotos des Jungen zutage. Erst kürzlich, im Mai 2019, wurden zwei solcher Fotos von Allgöwer verwendet: in einem Bericht des Stern über Straßenkinder in Berlin, und auf der Webseite des Deutschlandfunks zur Illustration eines Textes über Kinderarmut. Das Foto in dem Deutschlandfunk-Artikel stammt wahrscheinlich nicht aus derselben Serie, denn der Junge trägt andere Schuhe, deren Sohlen durchgelaufen sind, und er hat keine Flaschen dabei. Aufgrund der grauen Hose aber und der Tatsache, dass beide Fotos von Allgöwer gemacht wurden, ist es sehr wahrscheinlich, dass es sich um dasselbe Kind handelt. 

In beiden Fällen fehlt die Information, dass es sich um Symbolbilder handelt. Beim Stern wird in der Bildunterschrift sogar konkret suggeriert, bei dem Kind handele es sich um eines der Straßenkinder, die vom Verein „Straßenkinder e.V.“ betreut werden: „Ein Junge verdient sein Taschengeld durch das Sammeln von Pfandflaschen: Auffangen vor dem Absturz, darum geht es beim Kinderhaus Bolle des Vereins ‘Straßenkinder e.V.’“

Artikel des Stern vom 10. Mai 2019. (Screenshot am 18. Juli 2019 und Schwärzung: CORRECTIV)
Artikel des Deutschlandfunks über Kinderarmut vom 11. Mai 2019. (Screenshot am 18. Juli 2019 und Schwärzung: CORRECTIV)

Die Evangelische Kirche Deutschland verwendete 2017 ein Foto des Jungen aus der Serie – diesmal von hinten, aber eindeutig erkennbar durch die Kleidung. Hier steht als Zusatz „Archivbild“ darunter. Im Text geht es allgemein um die wachsenden sozialen Unterschiede in Deutschland, vor denen der Chef der Diakonie Deutschland gewarnt habe.  

Artikel auf der Webseite der Evangelischen Kirche Deutschland von Oktober 2017. (Screenshot am 18. Juli 2019: CORRECTIV)

Und bei RBB tauchte ein Foto aus der Serie im Februar 2019 auf; darauf ist der Junge ebenfalls an der Kleidung zu erkennen. Nur wenn man mit dem Mauszeiger über das Foto fährt, öffnet sich ein Fenster, in dem vermerkt ist, dass es sich um ein Symbolbild handelt. Allerdings steht dabei, das Kind bringe die Bierflaschen der Eltern weg.

Artikel auf der Webseite von RBB24. (Screenshot am 19. Juli 2019: CORRECTIV)

Das Kind ist der Sohn des Fotografen

Der Fotograf Walter Allgöwer stammt aus Baden-Württemberg. CORRECTIV hat ihn kontaktiert und gefragt, welchen Hintergrund die Aufnahmen haben. Seine Antwort: „Das Kind ist mein Sohn.“ Die Bilder seien 2009 für eine Reportage über Armut und Hartz IV entstanden.

Die erste Antwort des Fotografen Walter Allgöwer an CORRECTIV. (Screenshot: CORRECTIV)

Auf unsere Nachfrage präzisiert Allgöwer in einer zweiten E-Mail: „Die Aufnahmen sind natürlich gestellt, mein Sohn hat niemals Flaschen gesammelt. Aber es hat ihm großen Spaß gemacht diese Rollen zu spielen.“ Er habe die Fotos damals an mehrere Bildagenturen verkauft – explizit als Symbolbilder. Sie tauchten jedoch inzwischen ohne seine Erlaubnis „zahlreich in osteuropäischen Zeitschriften auf“. Die Bildagenturen verneinten ihm gegenüber, etwas darüber zu wissen. 

CORRECTIV hat die Bildagentur Picture Alliance kontaktiert, die zur DPA-Gruppe gehört und eine wichtige Bildquelle für Medien in Deutschland ist, und gefragt, in welcher Form die Fotos in ihrer Datenbank hinterlegt sind. Picture Alliance antwortete, dass die ganze Fotoserie mit dem blonden Jungen, der Flaschen sammelt, in ihrer Datenbank zu finden ist. Sie seien als Symbolbilder zum Thema Armut auch über die Partneragenturen „Joker“ und „Imagebroker“ im Vertrieb, schreibt Picture-Alliance-Sprecher Roland Klostermann in einer E-Mail. „Bei uns sind die Bilder in der Datenbank mit ‘Modellfreigabe vorhanden’ gekennzeichnet. Da weiß sofort jeder Kunde, dass es gestellte Bilder sind und keine ‘echten’ redaktionellen. Was der Kunde daraus macht, liegt nicht in unserer Hand.“

Ein Auszug aus der DPA-Datenbank, den CORRECTIV von Klostermann als PDF zugeschickt bekam, zeigt, dass bei den Fotos als Beschreibung steht „Ein neunjähriger Junge verdient sein Taschengeld durch Sammeln von Pfandflaschen, Deutschland, Europa“ und „Junge beim Sammeln von Pfandflaschen“. 

Bild wird auch illegal verbreitet

In einigen Beispielen wurden die Fotos offenbar illegal aus Bilddatenbanken kopiert. Darauf weist auch die Tatsache hin, dass in dem Bild, das auf Facebook verbreitet wurde, Wasserzeichen mit dem Namen der Agentur Zoonar zu sehen sind. Dort wird das Foto ebenfalls angeboten. Die Wasserzeichen wären nicht vorhanden, wäre das Foto gekauft und heruntergeladen worden – stattdessen wurde offenbar ein Screenshot gemacht.  

Über die Bilder-Rückwärtssuche in Suchmaschinen lässt sich das Foto auch zum Beispiel auf Twitter finden, wo es 2018 von einer türkischen Medienseite namens R-Komplex verbreitet wurde. In dem dazugehörigen Artikel auf der Webseite findet sich ebenfalls das Foto des Jungen – ohne irgendeine Quellenangabe. Am unteren rechten Bildrand sind drei Buchstaben zu erkennen, vermutlich „pic“. Sie deuten darauf hin, dass das Bild mit einem Screenshot kopiert wurde, dort könnte ursprünglich „Picture Alliance“ gestanden haben. 

Die Überschrift des türkischen Textes lautet laut der automatischen Übersetzung durch Google: „Kinderarmut ist in Europa und Deutschland unheimlich!“ Darunter heißt es: „Es wurde festgestellt, dass die in Deutschland und Europa beängstigende Kinderarmut von Generation zu Generation weitergegeben wurde und der Staat nicht eingreift.“

Ein Artikel auf einer türkischen Webseite. Das Foto wird ohne Quellenangabe verwendet. Im Text geht es um Kinderarmut in Deutschland und Europa. (Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)

Die Verwendung des Bildes ohne jeden Kontext lässt es wie eine reale Momentaufnahme, wie einen Beweis für Kinderarmut in Deutschland erscheinen. Das ist es aber nicht. 

Walter Allgöwer verweist in seiner Mail auch auf die Seite „Imagebroker“, an die er seine Fotos regelmäßig verkauft. Dort sind zahlreiche Bilder des Jungen zu sehen – in ganz unterschiedlichen Situationen. Beim Fußball, beim Wandern, am Strand, beim Graffiti-Sprühen. Der Junge steht offensichtlich sehr oft Modell für seinen Vater.

Auf der Seite „Imagebroker“ finden sich zahlreiche Fotos, die denselben Jungen in den unterschiedlichsten Situationen zeigen. (Screenshot und Schwärzung: CORRECTIV)

Die Bildunterschrift bei dem Foto mit den Flaschen am Mülleimer lautet: „Ein neunjähriger Junge verdient sein Taschengeld durch Sammeln von Pfandflaschen, Deutschland, Europa“. Entstanden im August 2009. Auch dort steht der Vermerk „Model Release“. Er weist auf einen Modelvertrag hin, mit dem die abgebildete Person in die Veröffentlichung ihres Bildes einwilligt. Laien dürfte es trotzdem schwer fallen, dies als Hinweis auf eine gestellte Szene zu erkennen.

In der Datenbank von „Imagebroker“ steht bei dem Foto der Vermerk „Model Release“, der auf einen Modelvertrag mit der abgebildeten Person hindeutet. (Screenshot am 19. Juli 2019 und Schwärzung: CORRECTIV)
Unsere Bewertung:
Falsch. Das Foto zeigt keinen realen Fall sondern eine gestellte Szene. Der abgebildete Junge ist der Sohn des Fotografen und hat nie Flaschen sammeln müssen.

Bewertung: größtenteils falsch

Nein, Mithu Sanyal hat Opfern nicht geraten, eine Vergewaltigung könne „auch Erleben sein“

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Der Autorin Mithu Sanyal wird vorgeworfen, sie habe Vergewaltigungen verharmlost. (Symbolfoto: Tumisu / Pixabay)

von Alice Echtermann

Der Blog „Halle-Leaks“ behauptet, die Autorin und Feministin Mithu Sanyal habe Opfern geraten, eine Vergewaltigung als „Erlebnis“ zu betrachten. Das stimmt so nicht. Sanyal trat dafür ein, dass Dritte statt von Opfern von „Erlebenden“ sprechen sollten.

Ein Artikel des Blogs Halle-Leaks vom 22. Februar 2017 über die in Düsseldorf geborene Autorin Mithu Sanyal wurde bereits hundertfach von verschiedenen Facebook-Seiten und -Nutzern geteilt. Seit kurzem taucht er erneut in dem sozialen Netzwerk auf.

In einem Bild mit Text und einem Foto von Sanyal wird behauptet, sie habe Opfern geraten: „Eine Vergewaltigung kann auch Erleben sein. Viel Spass!“ Der Artikel selbst trägt den Titel „Gutmenschin meint Vergewaltigungs-Opfer sollten mehr Erlebende sein“. Im Text heißt es dann unter anderem: „Linksgrün versiffte Gutmenschin fordert mehr Spaß an der Vergewaltigung – für das Opfer. Die Vergewaltigung als ERLEBNIS!“ 

Insgesamt interagierten Facebook-Nutzer laut dem Analysetool Crowdtangle mehr als 6.200 Mal mit dem Text. Ein Beitrag auf Facebook vom 13. Juli wurde bereits mehr als 860 Mal geteilt. Auch in der öffentlichen Gruppe „AfD-Gruppe bundesweit“ wurde der Link zum Artikel am 14. Juli verbreitet. 

Der aktuelle Beitrag auf Facebook, in dem der Artikel von „Halle-Leaks“ geteilt wurde. (Screenshot: CORRECTIV)

CORRECTIV hat überprüft, ob Sanyal sich so geäußert hat. Sowohl die Schrift auf dem Bild als auch die Überschrift des Artikels deuten an, die Autorin habe gesagt, Vergewaltigungsopfer sollten die Tat nicht so schwer nehmen. Das Wort „Erleben“ klingt in diesem Zusammenhang positiv, als sei eine Vergewaltigung ein positives Erlebnis. Der Zusatz „Viel Spass!“ unterstreicht diesen Eindruck zusätzlich. Das hat Sanyal jedoch nie so gesagt oder geschrieben. 

Halle-Leaks bezieht sich auf einen Artikel von Mithu Sanyal und Marie Albrecht für die Taz vom 13. Februar 2017. Darin hatten die Autorinnen dafür plädiert, Opfer von Vergewaltigungen nicht mehr „Opfer“ zu nennen, sondern „Erlebende“. Sie schrieben als Begründung: „Denn ‘Opfer’ ist keineswegs ein wertfreier Begriff, sondern bringt eine ganze Busladung von Vorstellungen mit. Wie die, dass Opfer wehrlos, passiv und ausgeliefert sind – und zwar komplett. Bloß sind Menschen, denen etwas angetan wurde, ja immer noch sie selbst.“ 

Das Wort „Opfer“ stecke diese Menschen in eine Schublade. Menschen, die missbraucht wurden, als Opfer zu bezeichnen, halte sie weiter in der Ohnmacht, der sie während der Tat ausgesetzt waren, es nehme ihnen auch nach der Tat die Selbstbestimmung. Das ist aus Sicht der Autorinnen respektlos und falsch. Auch Natascha Kampusch habe nach ihrer Flucht vor ihrem Entführer in einem Interview gesagt, sie sei kein Opfer. Zudem werde das Wort als Schimpfwort gebraucht, zum Beispiel von Jugendlichen („Du Opfer!“).

„Wertfreier“ Begriff

Der Begriff „Erlebende“ sei dagegen wertfrei, so Sanyal und Albrecht. Sie seien deshalb dafür, dass es in den Duden aufgenommen werde. Mit dem Wort könne jede oder jeder selbst bestimmen, wie er oder sie das Erlebte bewerte. „Die Formulierung lädt ein, über die Wahrnehmung der erlebenden Person nachzudenken, und nicht, was ein anderer Mensch mit dieser Person macht.“ 

Der Begriff solle jedoch keine anderen Bezeichnungen ersetzen. Wer sich als Opfer wahrnehme, habe das Recht, sich so zu beschreiben.

Der letzte Absatz des Artikels von Sanyal und Albrecht in der Taz. (Screenshot am 18. Juli 2019: CORRECTIV)

Kritik: Verharmlosung durch Sprache

Vor allem Sanyal wurde für ihre Meinung öffentlich stark kritisiert. Sie ist die prominentere der beiden Autorinnen; Marie Albrecht sei Studentin, hieß es in dem Artikel der Taz. Sanyal hatte damals gerade das Buch „Vergewaltigung. Aspekte eines Verbrechens“ herausgebracht. 

Der feministische Blog Die Störenfriedas veröffentlichte am 18. Februar 2017 als Reaktion auf den Text einen offenen Brief gegen die „sprachliche Verharmlosung sexueller Gewalt“. Darin heißt es: „Wie wir etwas benennen, entscheidet darüber, wie wir es beurteilen. Opfer sexueller Gewalt zu ‘Erlebenden’ zu machen, lässt die Gewalt aus dem Sprachgebrauch verschwinden, die Tat und die Täter und bis nur noch die Betroffenen übrig sind, die sich selbst nun auch nicht mehr ‘Opfer’ nennen sollen, weil sie das degradiert.“ Nicht der Opferdiskurs jedoch degradiere die Menschen, sondern die Tat beziehungsweise die Täter. 

Und auch in einem Meinungsbeitrag in der FAZ hieß es kritisch, eine Vergewaltigung sei kein „Erlebnis“: „Wo es keine Opfer mehr gibt, gibt es auch keine Täter mehr. Wo erlebt wird, wird nichts mehr erlitten.“ 

Kritik der Seite „Die Störenfriedas“ an Sanyals Vorschlag, von „Erlebenden“ zu sprechen. (Screenshot am 16. Juli 2019: CORRECTIV)

Die Beiträge von Die Störenfriedas oder der FAZ setzen sich kritisch mit Sanyals und Albrechts Text auseinander, geben ihre Forderung jedoch im Kontext wider – während Halle-Leaks sämtliche Argumentation weglässt und die Aussagen ohne Zusammenhang verdreht. 

Sanyal: Wollte niemandem vorschreiben, wie sie eine Vergewaltigung zu sehen haben

Auf eine Anfrage von CORRECTIV antwortete Sanyal per E-Mail, sie sei von Halle-Leaks absichtlich falsch verstanden worden. „Es geht mir eben darum, niemandem vorzuschreiben, wie sie eine Vergewaltigung zu sehen haben. Dies ist jedoch das, was wir – als Gesellschaft – häufig tun. Wir sagen Menschen: Dies ist das Schlimmste, was dir passieren kann und es wird dich für immer brechen. Das mag der Fall sein, aber das muss es nicht. Und in Bezug auf Heilung ist es schädlich, Menschen von vornherein zu sagen, dass sie niemals über eine Sache hinweg kommen können.“ 

Die Idee zu dem Artikel in der Taz sei ihr gekommen, nachdem sie eine Lesung aus ihrem neuen Buch gegeben habe. „Bei der anschließenden Diskussion baten einige Zuhörerinnen darum, nicht Opfer genannt zu werden, weil sie sich davon in eine Schublade gesteckt fühlten.“ Auch Beratungsstellen und Krisentelefone würden Menschen, die sich an sie wendeten, als erstes fragen, „wie sie das Verbrechen bezeichnen, wie sie sich selbst bezeichnen, welche Worte sie selbst wählen wollen“. 

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Nach dem offenen Brief von Die Störenfriedas habe unter anderem die feministische Zeitschrift Emma ihre These irreführend wiedergegeben: „Die EMMA titelte ‘Opfer sollen nicht mehr Opfer heißen’, obwohl in meinem Artikel explizit stand: ‘Selbstverständlich soll ‚Erlebende‘ andere Bezeichnungen nicht ersetzen.’ Es ging lediglich um eine weitere Möglichkeit der Selbstbezeichnung, wie es in den feministischen Debatten bereits einige gegeben hat“, schreibt Sanyal. Der Begriff „Opfer“ sei auch ein juristischer Begriff; schon deshalb sei es nicht zielführend, ihn komplett abzuschaffen.

Sie habe wegen dieser Debatte zahlreiche Hassmails bekommen. In diesen seien ihr unter anderem auch selbst Vergewaltigungen gewünscht worden, und sie sei rassistisch beleidigt worden. Ein Artikel auf Philosophia Perennis über den Fall endete mit den Worten „Willkommen in Rapefugeestan“, also mit einem klaren Bezug zu Geflüchteten. Sie habe aber auch viele positive Rückmeldungen erhalten, so Sanyal. 

Unsere Bewertung:
Größtenteils falsch. Mithu Sanyal hat Opfern von Vergewaltigungen nicht geraten, diese als „Erlebnis“ zu betrachten. Sie hat dafür plädiert, dass Dritte statt von „Opfern“ von „Erlebenden“ sprechen, da diese Bezeichnung wertfrei sei.

Bewertung: falsch

Nein, es gibt in Deutschland nicht 500.000 gewaltbereite Linksextremisten

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Eine Demonstration. (Foto: Randy Colas / Unsplash

von Nina Breher

Ein Artikel behauptet, es gebe einer Studie zufolge in Deutschland „500.000 gewaltbereite Linksextremisten“. Diese Zahl ist falsch. Sie findet sich nicht in der Studie, sondern wurde von den Autoren selbst mit falschen Annahmen berechnet.

Ein Artikel auf der Internetseite Anonymousnews vom 5. Juli 2019 gibt an, es gebe in Deutschland 500.000 gewaltbereite Linksextremisten. Auf der Internetseite Blick nach links, für die laut Impressum der Berliner AfD-Landesverband verantwortlich ist, wurde bereits am 29. Mai 2019 eine identische Meldung publiziert.

Der Artikel auf der Internetseite Anonymousnews. (Screenshot: CORRECTIV)

Grundlage der Zahl ist eine Studie der Freien Universität Berlin

Der Artikel nennt zwei Zahlen: Im Titel steht, es gebe 500.000 gewaltbereite Linksextremisten, im Text ist von 460.000 die Rede. Die Zahlen werden als Beleg dafür präsentiert, „wie schlecht der deutsche Verfassungsschutz arbeitet“. Dieser zählte für 2015 7.700 gewaltbereite Linksextremisten in Deutschland (2018: 9.000, PDF, S. 110). Als Quelle nennt der aktuell geteilte Artikel eine Studie des Forschungsverbunds SED-Staat an der Freien Universität Berlin aus dem Jahr 2015.

Die repräsentative Umfrage zu Linksextremismus gibt an, vier Prozent der deutschen Gesamtbevölkerung habe ein „nahezu geschlossenes linksextremes Weltbild“. Offenbar hat der Artikel diese Angabe zur Berechnung der Zahl verwendet. 2015 haben in Deutschland laut dem Statistischen Bundesamt 82,2 Millionen Menschen gelebt. Vier Prozent von 82,2 Millionen sind rund 3,288 Millionen. Von diesen als „linksextrem“ eingestuften Personen befürworteten laut der Zusammenfassung der Studie „14 Prozent Gewaltanwendung“. 14 Prozent von den zuvor genannten 3.287.200 ergeben 460.320. Das entspricht in etwa der in dem Artikel genannten Zahl.

Autor der Studie: Im Artikel genannte Zahl ist nicht aussagekräftig

Klaus Schroeder, Politikwissenschafts-Professor und Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität Berlin, hat die zitierte Studie gemeinsam mit Monika Deutz-Schroeder durchgeführt. Am Telefon teilt er CORRECTIV: „Die Zahl stimmt nicht und der Kontext wird nicht erklärt.“

Erstens seien für die Studie „nur Personen über 16 Jahre befragt“ worden. Die Zahl 460.000 basiere aber auf der Gesamtbevölkerung von 82 Millionen. 2015 gab es laut Statistischem Bundesamt in Deutschland 69,7 Millionen Einwohner, die älter als 16 Jahre alt waren. Vier Prozent von ihnen sind 2,788 Millionen, 14 Prozent davon wiederum 390.320.

Aber selbst diese Zahl ist noch zu hoch gegriffen. Denn zweitens hat die Studie Schroeder zufolge nicht tatsächlich gewaltbereite Linke ermittelt, sondern „die Leute prinzipiell nach dem Einsatz von Gewalt zum Erreichen politischer Ziele“ befragt. In der Langfassung der Studie, die CORRECTIV vorliegt, lautet die Aussage, die von den Befragten bejaht oder verneint werden konnte: „Zur Durchsetzung politischer Ziele ist auch der Einsatz von Gewalt gegen Personen erlaubt.“

Schroeder gibt zu bedenken, wenn eine Person diese Aussage mit „ja“ beantworte, heiße das nicht, dass sie selbst gewaltbereit sei. Die Befragung sei „eine Annäherung“. Er gehe davon aus, dass die meisten Befragten, die mit „ja“ geantwortet haben, zwar Gewalt in einer Diktatur bejahen würden, nicht aber in einer demokratischen Gesellschaft.

Auszug aus der Langfassung der Studie mit dem Titel „Gegen Staat und Kapital – für die Revolution! Linksextremismus in Deutschland – eine empirische Studie“. „D“ steht für Deutschland, „O“ für Ost, „W“ für West, „16-29“ für 16- bis 29-Jährige und „LE 1“ für Personen mit einem „weitgehend geschlossenen linksextremistischen Weltbild“. Die Angaben darunter sind in Prozent. (Screenshot: CORRECTIV)

Der Politikwissenschaftler räumt ein, er hätte die Aussage in der Umfrage anders formulieren sollen: „Das war ein Fehler unsererseits. Man hätte die Teilnehmer fragen müssen, ob sie Gewalt zur Durchsetzung ihrer politischen Ziele in einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft bejahen.“ 

Aus der Studie geht demnach nicht hervor, wie viele der befragten Menschen tatsächlich „gewaltbereit“ sind.

Unsere Bewertung:
Falsch. Die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage von 2015 werden falsch interpretiert. Zudem war die Frage zur Gewaltanwendung darin so formuliert, dass aus ihr nicht die Zahl tatsächlich gewaltbereiter Linksextremisten ermittelt werden kann.

Bewertung: richtig

Mann schlägt Scheiben ein: Dieses Video aus Donauwörth ist echt

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Zerstörte Windschutzscheiben, Symbolbild (Adrian van Leen for openphoto.net)

von Tania Röttger

Innerhalb eines Tages wurde ein Video mehr als 30.000 Mal auf Facebook geteilt. Es zeigt einen verwirrten Mann, der in einer Unterkunft für Geflüchtete Autofenster einschlägt.

Dort, wo die Kamera ist, sind auch Frauen, die flehend „mein Auto, mein Auto“ sagen. Gefilmt wird ein Mann, der von Auto zu Auto geht und mit einem Holzstück Windschutz- und Heckscheiben zerschlägt. 

Mehrere Facebook-Seiten und -Nutzer teilten das Video, insgesamt mehr als 30.000 Mal. Darunter die Seite „AfD wirkt – Heike Temel – Frauenalternative“, mit einem Kommentar, der die Tat mit dem Ankerzentrum für Geflüchtete in Donauwörth in Zusammenhang bringt. Laut Koalitionsvertrag soll in Ankerzentren „Ankunft, Entscheidung, kommunale Verteilung bzw. Rückführung stattfinden“.

Einer der Facebook-Beiträge mit dem Video. Darunter finden sich auch rassistische Kommentare. (Screenshot: CORRECTIV)

Einige Facebook-Nutzer haben das Video als potenzielle Falschmeldung gemeldet.

Polizei bestätigt Vorfall

Das zuständige Polizeipräsidium Schwaben-Nord bestätigte uns den Fall per E-Mail und verwies auf eine Pressemitteilung. Der Mann sei geistig verwirrt gewesen, habe den Beamten nicht antworten können und sei zunächst zur ärztlichen Untersuchung gekommen. Den Schaden schätzt die Polizei auf 50.000 Euro. 

Pressemitteilung der Polizei zu dem Fall. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Polizei schreibt außerdem, der Mann wohne wohl nicht in Donauwörth, sondern in Augsburg. Das hat uns auch die Pressestelle der zuständigen Regierung von Schwaben bestätigt. Eine Sprecherin schrieb uns per E-Mail: „Der Flüchtling war seit August 2018 zur Durchführung seines Asylverfahrens in der ANKER-Einrichtung Donauwörth untergebracht und wurde Mitte April diesen Jahres in eine dezentrale Unterkunft im Landkreis Augsburg abverlegt. Zum Zeitpunkt der Tat hielt er sich unberechtigt auf dem Gelände der ANKER-Einrichtung auf.“

E-Mail der zuständigen Regierungsstelle Schwaben. (Screenshot: CORRECTIV)
Unsere Bewertung:
Richtig. Die Polizei hat bestätigt, dass das Video einen Vorfall vom 10. Juli in Donauwörth zeigt.

Bewertung: teilweise falsch

Veraltete Zahlen zu Wohnungs- und Obdachlosen im Umlauf

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2016 waren schätzungsweise 860.000 Menschen in Deutschland ohne Wohnung. (Foto: THE COLLAB. from Pexels)

von Nina Breher

Ein Artikel der Internetseite „Politikstube“ gibt an, 860.000 Menschen seien 2018 wohnungs- oder obdachlos gewesen. Die Zahlen stammen von 2016, neuere Schätzungen gibt es aber auch nicht.

Ein Beitrag der Internetseite Politikstube, der am 24. Dezember 2018 erschien, wurde laut dem Analyse-Tool Crowdtangle insgesamt mehr als 9.400 Mal auf verschiedenen Facebookseiten und -profilen geteilt. Er trägt den Titel „Deutschland 2018: 860.000 Menschen ohne eigene Wohnung – Tendenz steigend“. Die Zahl stammt jedoch nicht von 2018, sondern aus dem Jahr 2016.

Einer der auf Facebook geteilten Beiträge, die den Artikel der Internetseite Politikstube verlinken. (Screenshot: CORRECTIV)

Neue Zahlen existieren noch nicht

Dass 860.000 Menschen im Jahr 2016 wohnungslos waren, gab der Verein  Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG-W) am 4. November 2017 in einer Pressemitteilung bekannt: „In 2016 waren demnach ca. 860.000 Menschen in Deutschland ohne Wohnung.“ Davon hätten „ca. 52.000 Menschen (…) ohne jede Unterkunft auf der Straße“ gelebt. Als wohnungslos gilt laut Diakonie Deutschland, wer über keine Wohnung verfügt. Obdachlos ist, wer wohnungslos ist und im öffentlichen Raum oder zum Beispiel in einer Notunterkunft übernachtet.

Auf Anfrage bestätigt Werena Rosenke, Geschäftsführerin der BAG-W, gegenüber CORRECTIV, dass die von Politikstube genannte Zahl „aus der letzten Schätzung von 2016 stammt“. Für 2018 gelte sie nicht. Ende Juli 2019 werde eine neue Schätzung publiziert. Wie hoch sie ausfallen werde, könne derzeit nicht gesagt werden, so Rosenke.

Seit 2016 berücksichtigt die Schätzung der BAG-W auch Geflüchtete ohne Wohnung. Aktuellere Zahlen gibt es derzeit nicht. (Quelle: Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V.; 14. Nov. 2017)

Zwölf bestätigte Fälle von Kältetod im Winter 2018/19

Zudem zitiert der Artikel von Politikstube eine Aussage von BAG-W-Geschäftsführerin Rosenke zu im Winter 2018/19 an Kälte gestorbenen wohnungs- und obdachlosen Menschen: „Wir wissen von neun Menschen, die nachts ohne Fremdverschulden gestorben sind.“

Paul Neupert von der BAG-W teilte CORRECTIV die aktuelle Zahl telefonisch mit: Der BAG-W seien „zwölf gesicherte Kältetodfälle aus dem Winter 2018/19 bekannt“. Dem Verein würden Kältetode jedoch „nicht direkt gemeldet“. Er dokumentiere lediglich Fälle, von denen in Zeitungen berichtet werde und aus denen hervorgehe, dass es sich um Tode aufgrund von Kälte handele. „Man weiß nicht, wie hoch die Dunkelziffer ist“, so Neupert.

Wohnungs- und Obdachlose werden bisher nicht bundesweit statistisch erfasst. Mehrere Medien hatten im Juni 2019 berichtet, die Bundesregierung wolle eine solche Statistik einführen. Jarmila Schneider, stellvertretende Pressesprecherin des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, bestätigte das gegenüber CORRECTIV per E-Mail: „Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales hat einen Gesetzentwurf zur Einführung einer bundesweiten Wohnungslosenberichterstattung erarbeitet und stimmt diesen gegenwärtig innerhalb der Bundesregierung ab.“ Erstmals solle die Statistik 2021 erhoben werden, teilt Schneider mit.

Unsere Bewertung:
Teilweise falsch. Die Zahl gilt nicht für 2018. Es handelt sich um eine Schätzung für das Jahr 2016.

Bewertung: größtenteils richtig

Dieses Video stammt von 2014 und zeigt Tumult in einem Berliner Freibad

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Ein Video zeigt grölende Jugendliche in einem Freibad. (Screenshot: CORRECTIV)

von Alice Echtermann

Ein Video aus einem Schwimmbad wird massiv auf Facebook verbreitet. Es zeigt eine große Gruppe Jugendlicher, die sich offenbar einem Bademeister gegenüber respektlos verhalten. Unsere Recherchen zeigen: Das Video ist echt. Es ist fünf Jahre alt und stammt aus Berlin. 

Mehr als 14.000 Mal wurde ein Video, das einen Tumult rund um einen Sprungturm in einem Freibad zeigt, auf Facebook geteilt. Hochgeladen hat es die Seite „DCT Kontaktbüro“ am 30. Juni. Die etwa 40 Sekunden lange Sequenz zeigt, wie einige junge Männer unter Jubel und Pfiffen von zahlreichen jugendlichen Zuschauern offenbar einen älteren Mann im weißen Shirt von einem Sprungbrett vertreiben. Der Mann gehört scheinbar zum Personal des Schwimmbads und wollte die Jugendlichen zuvor davon abhalten, auf das Brett zu gelangen.

Dasselbe Video wurde einen Tag später auch von dem AfD-Politiker Ronald Gläser auf Facebook hochgeladen und dort bereits etwa 12.500 Mal geteilt. Beide, „DCT Kontaktbüro“ und Gläser, behaupten im Text über dem Video („Merkels Multi-Kulti-Paradies“), die Szene habe sich in Deutschland abgespielt. Der Bademeister werde respektlos mit einem Schuh auf den Kopf geschlagen. Er stehe stellvertretend für alle Deutschen. Zu dem Video auf der Seite „DCT Kontaktbüro“ schreiben Nutzer Kommentare wie: „Das wäre mein letzter Arbeitstag als Zoowärter“ oder „Kommen hierher und benehmen sich wie Affen“.

CORRECTIV hat die Echtheit des Videos und seinen Kontext geprüft.

Das Video auf der Facebookseite von „DCT Kontaktbüro“. (Screenshot: CORRECTIV)

Wann und wo wurde das Video aufgenommen?

Das Video ist nicht aktuell; es stammt aus dem Jahr 2014 und wird immer wieder im Netz geteilt. Bereits im Jahr 2017 veröffentlichten die Faktenchecker von Mimikama einen Bericht dazu, in dem sie aufklären, dass das Video schon älter sei und aus einem Berliner Schwimmbad stamme. Tatsächlich ist auf dem Video zu sehen, wie ein junger Mann den Mann im weißen Shirt mit einer Badelatsche auf den Arm und den Kopf schlägt.

Es existiert jedoch noch ein zweites, längeres Video, das zeigt, was vor dieser Szene geschah. Mimikama verweist auf das Youtube-Video vom 8. Juni 2014. Die Sequenz mit dem Titel „Sommerbad Neukölln AK-Außer Kontrolle“ ist etwa drei Minuten lang und zeigt zunächst nur, wie zahlreiche Jugendliche vom Sprungturm ins Becken springen. Bei Minute 1:30 sieht man, wie der Mann im weißen Shirt auf das Sprungbrett klettert und zwei Jugendliche, die darauf stehen, schubst und vom Brett jagt. Eine Stimme im Hintergrund fragt: „Hat er ihn getreten?“ Ein Mädchen antwortet „Habe ich nicht gesehen.“ Der Sprungturm wird offenbar geschlossen; zwei andere Mitarbeiter des Schwimmbads sind auf den höheren Ebenen des Sprungturms zu sehen.

Dieselbe Person, die das längere Video hochgeladen hat, veröffentlichte am selben Tag auch die zweite, kürzere Sequenz auf Youtube, die aktuell auf Facebook kursiert. Titel: „Sommerbad Neukölln Junge schlägt Bademeister.“ Im Text darunter steht: „Junge schlägt Bademeister mit Badelatschen weil er einen jungen davor getreten hatte.“

Die 40-sekündige Videosequenz auf Youtube. (Screenshot: CORRECTIV)

Das Video von „DCT Kontaktbüro“ stammt vom Pfingstsonntag 2014 aus dem Freibad am Columbiadamm in Berlin-Neukölln, auch Sommerbad Neukölln oder Columbiabad genannt. Allerdings wird auf Facebook nicht erklärt, dass es fünf Jahre alt ist. Die kurze Vorgeschichte der Szene, in der der Bademeister einen Jugendlichen schubst, wird ebenfalls nicht erwähnt.

Es gibt zahlreiche Medienberichte, die von Tumulten in diesem Freibad berichten. Über den Vorfall an Pfingsten 2014 (8./9. Juni) schreibt der Tagesspiegel in der Rückschau: „Drei Tage in Folge herrschte hier rund um Pfingsten 2014 Aufruhr. Mehrere Dutzend Jugendliche hatten den Turm besetzt, sprangen unkontrolliert ins Wasser, gefährdeten andere Badegäste und sich selbst. Schließlich standen 100 aggressive Typen in Badehosen diversen Polizisten gegenüber. Drei Tage in Folge wurde das Bad geräumt.“ Jeweils gegen 19 Uhr hätte eine große Gruppe männlicher Jugendlicher den Sprungturm besetzt, weshalb die Polizei gerufen wurde, heißt es in einem anderen Artikel des Tagesspiegel vom 11. Juni 2014. 

Suchergebnis bei Google zu den Vorfällen an Pfingsten 2014 im Columbiabad in Berlin. (Screenshot: CORRECTIV)

In diesem Schwimmbad kommt es Medienberichten zufolge immer wieder zu Polizeieinsätzen. Wie aus einer aktuellen Antwort des Berliner Abgeordnetenhauses auf eine Anfrage des FDP-Politikers Marcel Luthe hervorgeht, wurden 2018 an der Adresse des Freibads (Columbiadamm 160) insgesamt 130 Straftaten erfasst. Damit steht das Schwimmbad im Vergleich der Berliner Bäder auf Platz eins. Den größten Teil der Taten machen einfache Diebstähle aus, es gibt aber auch einige Fälle von Körperverletzung. Sexualdelikte wurden in dem Freibad 2018 nicht erfasst. 

Unsere Bewertung:
Größtenteils richtig. Das Video entstand an Pfingsten 2014 in einem Berliner Freibad. 

Bewertung: unbelegt

Keine Belege dafür, dass dieses Bild einen Unfall wegen Handynutzung am Steuer zeigt

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Das Bild eines Unfalls mit unklarer Quelle wird immer wieder in sozialen Netzwerken geteilt. (Screenshot: CORRECTIV)

von Nina Breher

Ein Bild, das seit 2010 im Internet kursiert, zeigt eine Unfallszene. Nutzer stellen es in einen Zusammenhang mit Ablenkung am Steuer. Das Bild ist echt, es gibt aber keine Belege dafür, dass der Fahrer sein Handy benutzt hat.

Ein Bild, das ein Auto zeigt, das frontal in das Anfangsstück einer Leitplanke gefahren ist, existiert schon seit mindestens 2010 und wird immer wieder in sozialen Netzwerken geteilt. Titel und Begleittexte behaupten oft, der Fahrer des Wagens habe während der Fahrt sein Handy verwendet und sei deshalb verunfallt. Zu einer aktuell geteilten Version schreibt ein Facebook-Nutzer: „Die obere Hälfte des Körpers dieser verunfallten Person wurde, mit dem Handy in der Hand, im Kofferraum gefunden!“

Der am 12. Juni auf Facebook geteilte Beitrag. (Screenshot: CORRECTIV)

Das Bild ist seit spätestens 2010 im Umlauf

Eine Google-Bildersuche legt nahe, dass das Bild seit spätestens dem 9. April 2010 im Internet zu finden ist: Sucht man im Zeitraum von 1900 bis zum 8. April 2010 nach dem Bild, gibt es keine Suchergebnisse. Weitet man die Suche um einen Tag aus, taucht das Bild auf. Es könnte aber auch bereits früher entstanden sein. Wann der Unfall sich ereignet hat, ist unklar.

Eine Suchanfrage für den Zeitraum von 1900 bis zum 8. April 2010 liefert keine Ergebnisse in der Rückwärts-Bildersuche von Google. (Screenshot: CORRECTIV)
Frühester Fund des Bildes in der Google-Bildersuche am 9. April 2010 auf einer italienischen Internetseite. (Screenshot: CORRECTIV)

Aufnahme stammt wahrscheinlich aus Italien

Auf dem Bild sind neben dem verunglückten Auto ein Rettungshubschrauber, ein Feuerwehrauto und sechs Menschen in Feuerwehr-Uniform zu sehen. Auf einer der Uniformen ist der Schriftzug „Vigili del Fuoco“ zu erkennen. Das ist der Name der italienischen Feuerwehr. Das Bild stammt also wahrscheinlich aus Italien. Kurzfristige Anfragen von CORRECTIV an die italienische Feuerwehr sowie an die italienische Luftrettung blieben unbeantwortet.

Auf einer der Uniformen ist der Name der italienischen Feuerwehr zu erkennen. (Screenshot: CORRECTIV)

Auf der Internetseite mit persönlichen Inhalten einer Privatperson, auf der das Bild seit Mai 2010 zu finden ist, befindet es sich mit anderen Hubschrauber-Rettungsaktionen in einer Bildergalerie mit dem Titel „Interventi Ravenna Elisoccorso“ (auf Deutsch: „Eingriffe der Luftrettung von Ravenna“). Diese Überschrift legt nahe, dass das Bild aus der norditalienischen Stadt Ravenna stammen könnte.

Facebook-Seite nutzt das Bild 2012 als Warnung für Ablenkung am Steuer

Laut der Fact-Checking-Seite Snopes, die 2018 einen Faktencheck zu dem Foto veröffentlicht hatte, war das Foto seit Oktober 2010 auch auf dem Fotoportal Flickr zu finden. Die EMS Flight Crew, eine internationale Gemeinschaft von Luftrettungs-Medizinern aus den USA, habe es dort veröffentlicht. Das Bild ist dort nicht mehr zu finden; das Profil, auf das Snopes verweist, existiert nicht mehr.

Jedoch könnte, wie Snopes spekuliert, die EMS Flight Crew das Foto 2012 zuerst mit einer Warnung vor Ablenkungen beim Autofahren verbunden haben: Auf der Facebook-Seite der EMS Flight Crew ist ein Beitrag von Februar zu finden, in der Nutzer aufgefordert werden, sich eine Überschrift für das Bild auszudenken. 

Im Februar 2012 fordert die Facebook-Seite „EMS Flight Crew“ Nutzer auf, das Bild zu betiteln. (Screenshot: CORRECTIV)

Ende Mai 2012 stellt die Organisation das Bild mit dem Titel „don’t text and drive“ auf ihre Facebook-Seite. Ob die EMS Flight Crew die erste Instanz war, die das Bild in den Kontext der Gefahren der Handynutzung beim Autofahren stellte, ließ sich aber nicht ermitteln.

Ende Mai 2012 veröffentlicht die Gruppe das Bild mit dem Titel „don’t text and drive“. (Screenshot: CORRECTIV)
Unsere Bewertung:
Unbelegt. Das Bild von dem Unfall ist echt. Es gibt jedoch keine Quellen, die nahelegen, dass der Unfall entstanden ist, weil der Fahrer sein Handy verwendet hat. Unfallursache und -zeitpunkt sind unklar.

Bewertung: falsch

Nein, dieses Zitat stammt nicht von Voltaire, sondern von einem Neonazi und Holocaustleugner

Voltaire collage
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Voltaire collage
Das Zitat wird Voltaire immer wieder fälschlicherweise zugeschrieben. (Screenshot: CORRECTIV)

von Till Eckert

Immer wieder werden dem französischen Philosophen Voltaire falsche Zitate zugeschrieben. Eines, das gerade verbreitet wird, stammt in Wahrheit von einem Neonazi aus den USA.

Wenn du wissen willst, wer dich beherrscht, finde heraus, wen du nicht kritisieren darfst.

Dieses Zitat ist derzeit auf Facebook im Umlauf und wird François-Marie Arouet, besser bekannt als Voltaire, zugeschrieben. Wer im Netz nach dem Spruch sucht, findet ihn in Foren, auf Spruchkarten und sogar auf T-Shirts – immer wieder im Zusammenhang mit dem 1778 verstorbenen Philosophen.

Der Spruch taucht im Netz immer wieder auf und wird Voltaire zugeschrieben. (Screenshot: CORRECTIV)

Derzeit ist das Zitat auf Facebook im Umlauf. Der Autor und Youtuber Tim Kellner veröffentlichte es am 24. Juni, dazu schrieb er: „Die Meinungsfreiheit wurde seit 2015 Stück für Stück immer mehr abgeschafft. Heutzutage gibt es sie in diesem Land nicht mehr.“ Es wurde mehr als 2.200 Mal geteilt. Dabei stammt das Zitat gar nicht von Voltaire.

Der Spruch entstammt in ursprünglicher Form dem Essay eines Neonazis von 1993

Wer den Spruch auf Deutsch in gängigen Suchmaschinen eingibt, findet ihn schnell auch in englischer Sprache, er zirkuliert dabei offenbar hauptsächlich in zwei Versionen: 

  1. „To learn who rules over you, simply find out who you are not allowed to criticize.“
  2. „To determine the true rulers of any society, all you must do is ask yourself this question: Who is it that I am not permitted to criticize?“

In der ersten Version wird der Spruch erst seit 2012 häufiger im englischsprachigen Google gesucht, wie eine Suche in den Google Trends zeigt:

Google-Trends-Suche nach: „To learn who rules over you, simply find out who you are not allowed to criticize.” (Screenshot: CORRECTIV)

Für die zweite Version sowie den Spruch auf Deutsch liegen Google Trends offenbar nicht genug Informationen vor, auch eine Google-News-Archivsuche führt ins Leere. Die reguläre Google-Suche führt aber zu einem Artikel des Guardian von 2015, in dem das angebliche Voltaire-Zitat thematisiert wird. Auch die BBC hat bereits über die falsche Zuordnung berichtet: Der Spruch stamme ursprünglich von Kevin Alfred Strom, einem Neonazi und Holocaust-Leugner aus den USA, nicht von Voltaire. 

Birgit Mikus, Abteilungsleiterin bei der Voltaire Foundation der Oxford-Universität in Großbritannien, die das gesamte Werk Voltaires erforscht, bestätigt das gegenüber CORRECTIV per Mail: „Das Zitat ist tatsächlich fälschlicherweise Voltaire zugeschrieben, und es scheint, dass es tatsächlich 1993 von Kevin Alfred Strom geschrieben wurde.“ Mikus verweist dafür auf einen Beitrag des Direktors Nicholas Cronk im Blog des Instituts von 2017:

Aus einem Beitrag des Direktors der Voltaire Foundation der Oxford-Universität. (Screenshot: CORRECTIV)

Kevin Alfred Strom ist laut der gemeinnützigen Bürgerrechts-Plattform Southern Poverty Law Center ein US-amerikanischer Neonazi und Holocaustleugner, der 2008 wegen des Besitzes von Kinderpornografie zu 23 Monaten Haft verurteilt wurde. Er ist Mitbegründer der neonazistischen Plattform National Vanguard, auf der er regelmäßig antisemitische Artikel veröffentlicht, die Luftangriffe auf Dresden 1945 als „wahren Holocaust“ bezeichnet oder Podcasts präsentiert, in denen Adolf Hitler als „der größte Mann unserer Ära“ gefeiert wird.

Nicht Voltaire: Das Twitter-Profil des US-amerikanischen Neonazis Kevin Alfred Strom. (Screenshot: CORRECTIV)

Strom schrieb 1993 das Essay „All America Must Know the Terror That is Upon Us“, worin tatsächlich das Zitat „To determine the true rulers of any society, all you must do is ask yourself this question: Who is it that I am not permitted to criticize?“ zu finden ist – das später offenbar paraphrasiert, vereinfacht und in andere Sprachen übersetzt wurde, darunter ins Deutsche.

Auszug aus Kevin Alfred Stroms Essay von 1993. (Quelle: America First Books / Screenshot: CORRECTIV)

Strom selbst nimmt in einem Artikel auf National Vanguard von 2017 Bezug auf das Zitat, Titel: „Voltaire hat es nicht gesagt“. 

Voltaire werden häufiger falsche Zitate zugeschrieben

Es ist nicht das einzige Zitat, das fälschlicherweise Voltaire zugeschrieben wird. Dasselbe gilt auch für diesen Spruch, der in verschiedenen Versionen und Sprachen zirkuliert: 

Ich teile Ihre Meinung nicht, aber ich würde mein Leben dafür einsetzen, dass Sie sie äußern dürfen.

Direktor Cronk von der Voltaire Foundation der Oxford-Universität schreibt dazu: „Ironischerweise taucht das wohl berühmteste und oft wiederholte Zitat Voltaires in seinen Schriften und seinen Briefwechseln nicht auf.”

Unsere Bewertung:
Falsch. Das angebliche Voltaire-Zitat stammt ursprünglich von einem US-amerikanischen Neonazi.

Bewertung: unbelegt

Keine Belege dafür, dass Angela Merkel sexuelle Belästigung Minderjähriger durch Geflüchtete als „nicht mein Problem“ bezeichnet hat

Bildschirmfoto 2019-06-24 um 16.00.07
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Bildschirmfoto 2019-06-24 um 16.00.07
Aus der ZDF-Sendung „Klartext, Frau Merkel!“ vom 14. September 2017. (Screenshot: CORRECTIV)

von Till Eckert

Ein Facebook-Beitrag behauptet, Angela Merkel habe in Bezug auf sexuelle Belästigung Minderjähriger durch Geflüchtete die „Schuld von sich“ gewiesen. Es gibt keine Belege dafür.

Ein Facebook-Beitrag vom 14. Juni beschreibt ein angebliches Gespräch mit Angela Merkel. Angesprochen darauf, „dass durch ihre Asylpolitik immer öfters Minderjähriger (sic!) durch Flüchtlinge sexuell belästigt würden“, habe Merkel „die Schuld von sich“ gewiesen und darauf verwiesen, „dass die Eltern ihre Aufsichtspflicht verletzt haben“. Merkel soll außerdem gesagt haben: „Ist doch nicht mein Problem.“

Der Facebook-Beitrag mit einem angeblichen Gespräch zwischen Angela Merkel und einer unbekannten Person. (Screenshot: CORRECTIV)

Keine Belege für das Zitat

Wer das Foto im Beitrag genauer betrachtet, findet unten links den Schriftzug „In Satira by Uwe Ostertag“. Der Name Uwe Ostertag taucht immer wieder im Zusammenhang mit erfundenen Beiträgen auf. Er ist unter anderem  verantwortlich für gefälschte Wahlplakate, wie CORRECTIV berichtete, oder falsche Politikerzitate – hier ein CORRECTIV-Faktencheck über ein angebliches Zitat der SPD-Politikerin Aydan Özoğuz. Auch ein gefälschtes Zitat von Angela Merkel brachte Ostertag bereits in Umlauf. 

Ostertag war laut der Mainpost im Jahr 2017 unter anderem wegen Volksverhetzung zu 22 Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt worden (kostenpflichtig). Er habe eine Geldstrafe wegen Volksverhetzung nicht bezahlt und sich Polizisten widersetzt, die ihn per Haftbefehl in seiner Wohnung aufgesucht hätten. Er ging laut Mainpost in Berufung, daraufhin sei er zu vier Jahren auf Bewährung verurteilt worden – eine Auflage sei dabei gewesen, alle Webseiten und Profile im Netz zu löschen (kostenpflichtig).

Das Bild aus dem Beitrag – Merkel und ein kauerndes Mädchen – tauchte schon 2018 in einem Facebook-Beitrag auf, wie eine Google-Bilderrückwärtssuche zeigt. Damals allerdings ohne den „In-Satira“-Schriftzug. 

Eine Quelle für das angebliche Gespräch nennt der Facebook-Beitrag nicht. Eine Suche im Netz nach den Wortlauten in Kombination mit Merkel führt zu der ZDF-Sendung „Klartext, Frau Merkel!“ vom 14. September 2017. Es ist möglich, dass im Facebook-Beitrag lose Bezug darauf genommen wird: Im Themenblock Integration äußerte eine Bürgerin aus Erfurt den Vorwurf, sexuelle Übergriffe durch männliche geflüchtete Menschen hätten drastisch zugenommen, und das sei ein Tabuthema geworden (Minute 58:10). 

Merkel antwortete darauf mit: „[…] Wenn solche schrecklichen Dinge passieren, dann ist das schlimm genug. Es gab aber auch schon vorher in Deutschland Sexualdelikte, auch das darf man nicht vergessen. […] Und ich möchte Ihnen auch ganz klar sagen, dass wir schlimme Einzelfälle haben, dass wir inzwischen auch sagen, Straftäter müssen unser Land verlassen – wir haben hier die Gesetze absolut verschärft. Aber das, was Sie jetzt hier als das große demografische Problem herausstellen, das sehe ich nicht. […] Wir sollten nicht alle unter einen Generalverdacht stellen. Sie haben insinuiert, dass wir eine Zahl von jungen Männern hier haben, die unser demografisches Gleichgewicht in Unordnung bringen könnten und damit Probleme haben könnten, mit denen wir nicht fertig werden, und das glaube ich nicht. Wir müssen hart sein gegen sexuelle Vergehen, hart sein gegen jede Straftat, […] aber jeder hat den Einzelblick auf sich und sein Leben offen verdient. Das ist kein Tabuthema, das akzeptiere ich nicht. Ich möchte eine Gesellschaft haben, in der wir über alles sprechen können.“

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Explizit um sexuelle Belästigung gegenüber Minderjährigen ging es in diesem Gespräch nicht. Es lassen sich keine Gespräche mit Angela Merkel finden, in dem es um dieses Thema ging und Merkel mit „ist doch nicht mein Problem“ antwortete, beziehungsweise auf die Aufsichtspflicht der Eltern verwies. Es gibt somit keine Belege dafür, dass Merkel sich so geäußert hat.

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Es gibt keine Belege dafür, dass Merkel sich jemals so zum Thema der sexuellen Belästigung Minderjähriger durch Geflüchtete geäußert hat.

Bewertung: unbelegt

Greta Thunberg: Keine Belege für systematische PR-Kampagne der Eltern und eines Unternehmers

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Greta Thunberg am 28. Mai 2019 auf einem Klimakongress in Österreich. (Foto: © Georg Hochmut / AFP)

von Nina Breher

In den sozialen Netzwerken verbreitet sich ein Text, der behauptet, Greta Thunberg werde für die finanziellen Interessen ihrer Eltern und eines Unternehmers ausgenutzt. CORRECTIV hat die bereits seit Anfang 2019 geführte Diskussion zusammengefasst und alte wie neue Behauptungen überprüft.

Ein Anfang Juni über Whatsapp und Facebook verbreiteter Text behauptet, die schwedische Klimaschutz-Aktivistin Greta Thunberg sei eine „Marionette für rein finanzielle Interessen“ ihrer Eltern und des Unternehmers Ingmar Rentzhog. Thunberg verdanke ihre Bekanntheit nicht ihrem Aktivismus, sondern sei Teil einer „PR-Kampagne für die linksgrün indoktrinierten, naiven jungen Menschen rund um die Welt“. Mehrere Leser erhielten den Text per Whatsapp und reichten ihn bei unserer Redaktion zur Überprüfung ein.

Der Beitrag, der auf Facebook und Whatsapp verbreitet wird, in voller Länge. (Screenshot: CORRECTIV)

Die Behauptungen sind seit Anfang 2019 im Umlauf und wurden bereits von verschiedenen Medien geprüft, zum Beispiel von der schwedischen Zeitung Svenska Dagbladet und dem Spiegel. Fest stehe demnach bisher nur, dass der schwedische Unternehmer Rentzhog Thunbergs Namen genutzt habe, um für sein Unternehmen zu werben – jedoch ohne das Wissen der 16-Jährigen und ihrer Familie. Dafür, dass Greta Thunberg ihre Berühmtheit einer PR-Kampagne verdanke, die dem Buch ihrer Mutter und den Unternehmen ihres Vaters diene, konnte keine der Zeitungen Belege finden.

Den Vorwurf, Rentzhog habe Thunbergs Aktivismus für sich genutzt, erhob am 6. Dezember 2018 zuerst der schwedische Journalist Andreas Henriksson. Er schrieb auf Facebook, Rentzhog habe Thunberg für eine „PR-Kampagne für das Klima“ instrumentalisiert. Belege oder Quellen für seine Aussage führte der Journalist nicht an. Stattdessen verwies er auf sein Branchenwissen: „Ich erkenne eine PR-Kampagne, wenn ich eine sehe.“

Unternehmer weist Vorwurf zurück, PR-Kampagne um Thunberg orchestriert zu haben

Rentzhog ist Gründer des Unternehmens We Don’t Have Time, laut eigenen Angaben ein „soziales Netzwerk für alle, die Teil der Lösung der Klimakrise sein wollen“. Tatsächlich war Rentzhog einer der Ersten, der im August 2018 über Thunbergs ersten Streik vor dem schwedischen Parlament berichtet hatte.

Der Unternehmer widersprach Henrikssons Vorwurf einer PR-Kampagne in den Kommentaren zu dessen Facebook-Beitrag. Er habe „einen Tipp erhalten, dass es eine Schulaktion vor dem Parlament geben würde“ und sei so auf Thunberg gestoßen. Laut Rentzhog hatte ein Umweltaktivist die Aktion „in einem Mailverteiler angekündigt“. Rentzhog teilte auf Facebook mehrfach Bilder von Thunbergs Aktion. In einem Spiegel-Artikel vom 6. Februar bestritt er die Vorwürfe ebenfalls: „Wir haben Gretas Streik nie geplant“. Er habe vor dem Streik nur ihre Mutter flüchtig gekannt.

Kommentar von Renthog auf Henrikssons Facebook-Beitrag. (Screenshot: CORRECTIV)

Thunberg wusste laut eigener Aussage nichts von Verwendung ihres Namens

Eine Recherche der schwedischen Tageszeitung Svenska Dagbladet (kostenpflichtig) kam im Februar 2019 zu dem Ergebnis, Rentzhog habe Thunbergs Namen verwendet, um knapp eine Million Euro an Kapital für seine Firma zu sammeln. Die Zeitung begründet das damit, dass Thunberg wiederholt in einem Prospekt der Firma genannt wird, der dazu diene, Investoren anzuwerben.

In dem Prospekt tauchen Thunbergs Name und Gesicht mehrfach auf. Laut Rentzhog habe Thunberg in dem Prospekt aber „keinesfalls eine große Rolle“ gespielt. Er betont zudem, der Prospekt diene nicht der PR, sondern sei „ein Rechtsdokument, in dem wir nach schwedischem Recht Fakten und Aktivitäten über die Organisation und ihre Aktivitäten erwähnen müssen.

Ausschnitt aus dem Kapitel „Media“ des Prospekts von Rentzhog (S. 87, Screenshot: CORRECTIV)

Fest steht: Thunberg war für kurze Zeit „Youth Advisor“ für die Stiftung des börsenorientierten Unternehmens We Don’t Have Time AB. Den Posten nahm Thunberg laut We Don’t Have Time auf Anfrage an und trat nach drei Monaten, im Januar 2019, davon zurück. In einem Facebook-Post schrieb Thunberg am 11. Februar, sie sei „kurz“ „Youth Advisor“ gewesen und weiter: „Ich habe zu We Don’t Have Time keinerlei Verbindungen mehr.“ Sie habe nicht gewusst, dass ihr Name verwendet wurde, um für das Unternehmen zu werben.

Aus einer Stellungnahme von Thunberg am 11. Februar auf Facebook. (Screenshot: CORRECTIV)

Thunbergs Eltern geben in dem Svenska-Dagbladet-Text an, von der Instrumentalisierung ihrer Tochter für Werbezwecke nichts gewusst zu haben. CORRECTIV konnte sie nicht für eine Stellungnahme erreichen. Der Vater sagte gegenüber Svenska-Dagbladet: „Es ist unglücklich, falls sie kommerziell ausgenutzt wurde. Wir wussten davon nichts.“

Unternehmer betont, keine Profite mit Thunbergs Namen gemacht zu haben

Gegenüber CORRECTIV weist Rentzhog die Vorwürfe, er habe Thunberg ausgenutzt, um Profite zu generieren, per E-Mail als absurd zurück: „Wir haben damit keine Profite gemacht. Wir haben die eine Million Euro Kapital von Menschen erhalten, die unsere Sache unterstützen.“ Er habe Thunberg lediglich geholfen, „ihre wichtige Botschaft in die Welt zu tragen – wie andere soziale und traditionelle Medien danach auch.“

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Keine Belege dafür, dass Thunbergs Eltern involviert seien

Dass Thunbergs Familie nicht darüber informiert worden war, dass Rentzhog die 16-Jährige in öffentlichen Unternehmensdokumenten zeigte und erwähnte, räumte auch das Unternehmen in einer Stellungnahme vom 10. Februar 2019 ein: „Wir entschuldigen uns dafür.“

We Don’t Have Time hat also Thunbergs Namen verwendet. Dafür, dass Thunbergs Eltern darin involviert sind, gibt es keine Belege.

Die bereits zu Jahresbeginn diskutierten Behauptungen werden nun wieder in sozialen Netzwerken geteilt und dabei mit neuen Details angereichert. Sie betreffen vor allem Svante Thunberg, Gretas Vater. Er sei „Promoter“ von We Don’t Have Time, heißt es. Dieser Behauptung widerspricht Rentzhog gegenüber CORRECTIV: „Svante Thunberg hat zu keinem Zeitpunkt Werbung für We Don’t Have Time gemacht“.

Firmen von Thunbergs Vater erzielten 2018 keine höheren Gewinne als zuvor

Der geteilte Text behauptet außerdem, die Aktien der zwei Unternehmen des Schauspielers, Produzenten und Autors Svante Thunberg würden „seit dem ersten Auftreten Gretas quasi durch die Decke gehen“. Das stimmt nicht: Eine von Svante Thunbergs Firmen, die Ernman Produktion AB, hat laut den online zugänglichen Geschäftsinformationen 2018 ähnlich viel Umsatz gemacht wie 2016. Auch 2015 und 2017 erzielte sie weniger Umsatz als 2016. Die zweite Firma des Vaters, Northern Grace AB, hat in den letzten Jahren keine Umsätze erwirtschaftet. Die Umsätze der Unternehmen haben sich mit der Bekanntheit Greta Thunbergs also nicht merklich gesteigert.

Bei der Ernman Produktion AB handelt es sich um eine Musikproduktionsfirma, ihr Nettoumsatz war 2018 umgerechnet 363.000 Euro. Der Gewinn belief sich – wie bereits 2016 – auf rund 137.000 Euro. Svante Thunbergs Unternehmen scheint also gute Gewinne zu erzielen – das war aber bereits der Fall, bevor seine Tochter bekannt wurde.

Weitere Behauptungen ohne Belege

Des Weiteren behauptet der über Whatsapp und Facebook verbreitete Text: „Aktivisten von Extinction Rebellion, einer internationalen linksradikalen Umweltschutzbewegung, stünden hinter Rentzhogs Unternehmen. Belege dafür werden nicht genannt. CORRECTIV hat Rentzhog dazu befragt. Er teilte mit, We Don’t Have Time habe lediglich einen Artikel über das Aktivisten-Netzwerk Extinction Rebellion geschrieben. Verbindungen zwischen Exctinction Rebellion und Rentzhogs Unternehmen gebe es nicht.

Auszug aus einer E-Mail von Ingmar Rentzhog an CORRECTIV. (Screenshot: CORRECTIV)

Im geteilten Text steht außerdem, dass es die Fridays-for-Future-Bewegung schon seit dem Jahr 2015 gibt und sie gar nicht von Greta, sondern von anderen Klimaaktivisten initiiert wurde. Dafür liefert der Text keine Belege. Auch in Medien lassen sich keine Berichte darüber finden. Laut Google Trends geben Nutzer den Suchbegriff „Fridays for Future“ erst seit Dezember 2018 in die Suchmaschine ein.

Google Trends zeigt die Suchanfragen der Wortkombination „Fridays for Future“ zwischen September 2014 und Juni 2019 (Screenshot: CORRECTIV)

Update, 14. Juni 2019:

Am 14. Juni 2019 bestätigte Svante Thunberg gegenüber CORRECTIV per E-Mail, Geschäftsführer von Northern Grace AB und Ernman Produktion AB zu sein, und bezog Stellung zu den Tätigkeiten und Umsätzen der Unternehmen.

Die Northern Grace AB sei eine Plattenfirma, die es seit 2014 gibt. „Da unsere Tochter Greta in dieser Zeit krank wurde, haben wir das Unternehmen sofort wieder stillgelegt. Es liegt auch heute noch still, hat keine Mitarbeiter und nur Verluste erwirtschaftet.“

Zu den Tätigkeiten der Ernman Produktion AB schreibt er, es handele sich dabei um eine Musikproduktionsfirma, die ein Familienunternehmen sei: „Ernman Produktion AB hat zwei Mitarbeiter: Meine Frau und mich.“ Zudem teilt er mit, „alle Einnahmen des Unternehmens stammen von Konzerten und Performances meiner Frau.“ Greta Thunbergs Mutter Malena Ernman ist Opernsängern.

Zudem bestätigt er die Richtigkeit der im Artikel verlinkten Geschäftsinformationen der Ernman Produktion AB und der Northern Grace AB. Aktien der Firmen könne man nicht kaufen: „Es existieren keine Aktien von unserer Firma, und man kann nicht in sie investieren“, so Svante Thunberg zu CORRECTIV.

Unsere Bewertung:
Unbelegt. Es gibt keine Belege dafür, dass Greta Thunberg Teil einer systematischen PR-Kampagne ihrer Eltern und eines Unternehmers ist.

Bewertung: unbelegt

Keine Belege für „brutale“ Vergewaltigung in Arnstadt Mitte April

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Der Polizei ist der beschriebene Fall nicht bekannt. (Symbolbild: cocoparisienne/Pixabay)

von Hüdaverdi Güngör

Eine Facebook-Nutzerin behauptet, in Arnstadt sei ein 14-jähriges Mädchen „brutal“ vergewaltigt worden. Dafür gibt es keine Belege. Der zuständigen Polizeistelle ist kein solcher Fall bekannt.

Die Facebook-Nutzerin postete am 17. April einen Screenshot einer Textnachricht. Darin wird, untermauert von vielen wütenden und erbrechenden Emojis, behauptet: „Am Wochenende in Arnstadt wurde eine 14 Jährige so brutal vergewaltigt, dass man ihr die Gebärmutter rausnehmen musste“. Diese Informationen dürfe jedoch nicht an die Öffentlichkeit, um Aufstände wie in Chemnitz zu vermeiden. Es folgt die Bitte: „Verbreitet das bitte überall“. Der Screenshot wurde bisher mehr als 8600 Mal geteilt. Wir haben recherchiert, ob die Behauptung stimmt.

Die Aussagen sind nicht belegbar. (Screenshot: CORRECTIV)

Der verbreitete Screenshot ist der Landespolizeiinspektion Gotha, die für Arnstadt zuständig ist, bereits bekannt. Auf unsere Presseanfrage teilte uns die Polizei mit: „Im Bereich der Landespolizeiinspektion Gotha ist keine derartige Straftat angezeigt worden.“ In dem Zuständigkeitsgebiet der Landespolizeiinspektion seien in den letzten zwei Wochen auch keine „ähnlich gelagerten“ Vorfälle angezeigt worden. Der Facebook-Post selbst liefert keine Belege für die Behauptung.

Die Antwort der Landespolizeiinspektion Gotha auf unsere Anfrage. (Screenshot: CORRECTIV)

Unsere Bewertung:
Für die angebliche Vergewaltigung eines 14 jährigen Mädchens in Arnstadt gibt es keine Belege.