Faktencheck

Zweite „Corona-Welle“: Aussage einer WHO-Regionaldirektorin wurde aus dem Zusammenhang gerissen

Es gebe derzeit keine zweite Corona-Welle – das soll eine Regionaldirektorin der WHO angeblich bei einer Konferenz Mitte Oktober gesagt haben. Das stimmt zwar, ihre Aussage wurde aber aus dem Zusammenhang gerissen.

von Kathrin Wesolowski

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Eine WHO-Regionaldirektorin habe gesagt, dass es keine zweite Corona-Welle gebe. Diese Behauptung kursiert als Überschrift im Netz – und führt in die Irre. (Symbolbild: Unsplash / Martin Sanchez)
Behauptung
Eine WHO-Regionaldirektorin soll gesagt haben, dass es keine zweite Corona-Welle gebe.
Bewertung
Fehlender Kontext
Über diese Bewertung
Fehlender Kontext. Die Aussage der WHO-Regionaldirektorin wurde aus dem Zusammenhang gerissen.

Hinweis: Dieser Artikel gibt den Stand vom 23. Oktober 2020 wieder. Die Webseite „Wochenblick“ hat ihren Artikel als Reaktion auf diesen Faktencheck am 29. Oktober 2020  korrigiert, sowie die dazugehörigen Beiträge auf Facebook. Die neue Version ist hier zu finden.

„WHO-Sprecherin stellt klar: Es gibt keine zweite Corona-Welle“ titelte der österreichische Blog Wochenblick Mitte Oktober. Die Regionaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation (WHO) für Notfälle, Dorit Nitzan, habe dies am 13. Oktober auf einer Konferenz zum Thema „Pandemie 2020“ erklärt. Der Beitrag wurde dem Analysetool Crowdtangle zufolge mehr als 5.000 Mal auf Facebook geteilt.

CORRECTIV hat die Behauptung überprüft: Die Regionaldirektorin hat die Aussage so getroffen. Sie wurde allerdings aus dem Kontext gerissen. 

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Konferenz wurde nicht von WHO, sondern von der Russischen Präsidialakademie organisiert

Auf unsere Anfrage per E-Mail bestätigte uns eine Sprecherin der WHO, dass es am 13. Oktober eine Konferenz zum Thema „Pandemie 2020: Herausforderungen, Lösungen, Konsequenzen“ gegeben habe. Diese Konferenz sei allerdings nicht von der WHO sondern unter anderem von der Russischen Präsidialakademie für Volkswirtschaft und öffentliche Verwaltung organisiert worden. Die Direktorin für gesundheitliche Notlagen in der EU Dorit Nitzan habe bei der Konferenz eine virtuelle Präsentation gehalten. 

Davon existiert eine Aufzeichnung. Darin sind sowohl die Grafiken zur Entwicklung von Covid-19 in verschiedenen Ländern zu sehen, als auch Nitzans Erklärung dazu zu hören. 

Die Grafiken zeigen unterschiedliche Verläufe von Corona-Ausbrüchen: Es gebe Länder mit einem großen Ausbruch ohne erkennbare zweite Welle, da die Infektionen unter Kontrolle gebracht wurden. In anderen Regionen mit größeren Ausbrüchen, die zeitweise unter Kontrolle gebracht wurden, sei eine Art zweite Welle zu sehen. Und in wieder anderen Ländern, in denen die Pandemie ohne Kontrolle fortschreitet, ist keine zweite Welle erkennbar. Dazu sagte Nitzan: „Die Formen zeigen in der Tat, dass es keine zweite Welle gibt. Der Virus ist mitten unter uns und der Virus wird unter uns bleiben bis wir eine Lösung gefunden haben.“ (ab Stunde 1:29:53).

Ein Ausschnitt aus der Konferenz „Pandemie 2020: Herausforderungen, Lösungen, Konsequenzen“, unter anderem mit der Regionaldirektorin Dorit Nitzan. (Screenshot: CORRECTIV)

Zur Einordnung dieser Aussagen schrieb uns die Pressesprecherin der WHO, die Pandemie sei eine große Welle mit mehr oder weniger Fällen, je nachdem, welche Maßnahmen die Länder und Einzelpersonen ergreifen würden. Diese Einordnung findet sich auch in dem Text von Wochenblick wieder, allerdings suggeriert die Überschrift, es gebe generell keine zweite Welle.

Ein Ausschnitt aus der E-Mail der WHO. (Screenshot: CORRECTIV)

In der E-Mail der WHO stellte die Sprecherin zudem klar, dass die Zahlen der Corona-Infizierten in Europa stiegen und die Zahl an 1.000 Toten pro Tag erreicht worden sei. Die Region habe die höchste wöchentliche Anzahl von COVID-19-Fällen seit Beginn der Pandemie registriert, wobei fast eine Million Fälle gemeldet worden seien. Die bestätigte Gesamtzahl der Fälle habe inzwischen acht Millionen überschritten. Dies müsse aber auch in Kontext gesetzt werden: „In vielen Ländern haben die Tests stark zugenommen, und wir beobachten fünfmal weniger Todesfälle als Mitte März. Wir sehen auch Länder, die geeignete und notwendige Maßnahmen ergreifen, um die Übertragungskette zu durchbrechen.“

Fazit: Eine Aussage der Direktorin für gesundheitliche Notlagen in der Europäischen Region der WHO, Dorit Nitzan, wurde aus dem Zusammenhang gerissen, zudem fehlte Kontext.