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Wir suchen Leute, die das Handwerk des Faktenchecken lernen und anwenden wollen. (Foto: Christin Hume)

Werde Teil unserer Faktencheck-Community. In kostenlosen Kursen bringen wir Euch das Handwerk des Faktencheckens bei und bezahlen für Eure Arbeit im CheckJetzt-Team.

Dieses Jahr kommt viel auf Faktenchecker zu: bei den EU-Parlamentswahlen, den vier Landtagswahlen – unter anderem in Sachsen – erwarten wir, dass viele Fakten zurechtgebogen werden um Stimmen zu fangen. Dazu kommt noch der ständige Strom an falschen, verzerrten oder irreführenden Meldungen in sozialen Medien, die eine ehrliche Debatte behindern.

Hier wollen wir eingreifen. Wir wollen dazu beitragen, dass Diskussionen auf Fakten basieren. Aus diesem Grund suchen wir Menschen, die uns in unserer Faktencheck-Arbeit unterstützen wollen – wir bauen eine Faktencheck-Community auf.

Wenn Ihr interessiert seid, in dieser Community mitzuwirken, bekommt Ihr von uns zunächst eine kostenlose Einführung in die Arbeit als Faktenchecker. Danach wollen wir mit Euch weiterarbeiten, dafür bezahlen wir Euch auch.

An wen richtet sich das Projekt?

Wir suchen vor allem Menschen, die der Gesellschaft durch Recherche und faktenbasierte Berichte helfen wollen, verlässliche Informationen zu erhalten.

Wir suchen freie Journalisten, Wissenschaftler und alle anderen, die sich vorstellen können, Falschmeldungen zu begegnen, Fakten zu finden, diese für die Öffentlichkeit aufzubereiten und zu dokumentieren.

Wir haben zu diesem Zweck ein Programm entwickelt, mit dessen Hilfe nahezu jeder mit einer Mischung aus Tutorials, Übungen, Workshops und Praxisaufgaben zu einem Faktenchecker ausgebildet werden kann.

Meldet Euch über dieses Google Formular an, wenn ihr Interesse habt.

Ablauf der Ausbildung

Ihr bekommt dann im nächsten Schritt Zugang zu unserem Online-Workshop in der Reporterfabrik. Wenn ihr diesen abgeschlossen habt, könnt Ihr Euch mit dem Zertifikat für einen Praxisworkshop anmelden. Der erste Workshop soll am Mittwoch, 27. Februar stattfinden, einer in Essen, einer in Berlin (weitere folgen).

Wenn ihr den Praxisworkshop abgeschlossen habt, bekommt ihr Zugang zu unserem Online-Tool, mit dessen Hilfe wir potentielle Falschmeldungen prüfen. Für die Arbeit in diesem von uns entwickelten Faktencheck-Tool werdet Ihr als Mitglieder des CheckJetzt-Teams bezahlt.

Anmeldung: hier

Fragen: faktencheck [at] correctiv.org

Stella Immanuel, eine der Ärztinnen der „America’s Frontline Doctors“ bei der Pressekonferenz am 27. Juli vor dem Supreme Court in Washington.
Stella Immanuel, eine der Ärztinnen der „America’s Frontline Doctors“ bei der Pressekonferenz am 27. Juli vor dem Supreme Court in Washington. (Screenshot: CORRECTIV)

von Uschi Jonas

Eine Gruppe Mediziner, die sich „America’s Frontline Doctors“ nennen, ziehen weltweit Aufmerksamkeit mit der unbelegten Behauptung auf sich, Covid-19 könne mit dem Malaria-Medikament Hydroxychloroquin geheilt werden. Ärztin Stella Immanuel verbreitet schon seit Jahren unwissenschaftliche Mythen.

In weißen Kitteln steht eine Gruppe Menschen vor dem US Supreme Court in Washington. Sie nennen sich America’s Frontline Doctors und sprechen davon, dass niemand an Covid-19 erkranken müsse. Es gebe ein Heilmittel, das Erkrankte gesund mache und Gesunde präventiv vor einer Erkrankung schütze: Hydroxychloroquin. Alle Schutzmaßnahmen vor dem Coronavirus seien zudem hinfällig und nutzlos. 

Hydroxychloroquin ist ein Medikament, das gegen Malaria eingesetzt wird, entzündungshemmend wirkt und auch gegen rheumatologische Erkrankungen helfen soll. Doch: Seit Monaten warnen Ärzte und Wissenschaftler vor der Einnahme von Hydroxychloroquin in Zusammenhang mit Covid-19. Es gibt keine Belege, dass es zur Behandlung der Krankheit geeignet ist. Das Video der „Frontline Doctors“ verbreitete sich trotzdem rasant in mehreren Ländern auch weil sich prominente Unterstützer fanden.

Am 27. Juli war die rechtspopulistische Nachrichtenseite Breitbart News laut Medienberichten live auf Facebook und übertrug die Pressekonferenz der „Frontline Doctors“. Unterstützt wurde die Veranstaltung von den „Tea Party Patriots“, einer rechtskonservativen politischen Organisation. Der Republikaner Ralph Norman eröffnete die Pressekonferenz. 

Youtube, Facebook und Twitter löschten Videos der „America’s Frontline Doctors“

Auch wenn das Video der Pressekonferenz mittlerweile von Youtube gelöscht wurde, findet sich auf dem Youtube-Kanal der „Tea Party Patriots“ noch ein über dreistündiges Video des sogenannten Gipfeltreffens der „Frontline Doctors“. Das Video tauchte auch in Deutschland auf: Die Pressekonferenz ist auf der Webseite „Corona-Datencheck“ zu finden. Ein Ausschnitt des Videos findet sich unter anderem mit deutscher Beschreibung auf der Plattform Bittube. Das Video dort trägt das Logo der Jugendorganisation „Turning Point USA“, die Donald Trump im Wahlkampf nahesteht.  

Nicht nur auf Youtube wurden die Videos der Pressekonferenz gelöscht, auch Facebook und Twitter löschten laut Medienberichten Posts, die Videos der „Frontline Doctors“ verbreiteten ­ darunter auch Tweets von US-Präsident Donald Trump und seinem Sohn Donald Trump Jr.. Auch Musikerin Madonna, die laut den Berichten schon häufiger Falschinformationen während der Corona-Pandemie verbreitete, veröffentlichte Botschaften der Gruppe und bezeichnete Stella Immanuel, eine der Ärztinnen im Video, als ihre Heldin

Facebook begründete die Löschung der Videos dem US-Nachrichtensender CNN zufolge damit, dass das Video falsche Informationen über die Heil- und Behandlungsmöglichkeiten von Covid-19 verbreite. Bevor das Facebook-Live-Video auf Breitbart News von Facebook gelöscht wurde, sei es mehr als 20 Millionen Mal angeklickt worden, schreibt NBC-Reporterin Brandy Zadrozny auf Twitter

Donald Trump verteidigte erneut den Einsatz von Hydroxychloroquin gegen Covid-19

Auf einer Pressekonferenz des Weißen Hauses am 28. Juli verteidigte Donald Trump die Tatsache, dass er das Video und das Statement einer der auftretenden Ärztinnen, Stella Immanuel, geteilt hatte: Sie sagte, sie habe enormen Erfolg bei hunderten von verschiedenen Patienten und ich hielt ihre Stimme für eine wichtige Stimme, aber ich weiß nichts über sie. Erneut betonte er, dass er selbst 14 Tage lang im Mai präventiv Hydroxychloroquin eingenommen habe und es ihm gut gehe. Immer wieder pries Donald Trump in den vergangenen Monaten das Malaria-Medikament als Heilmittel gegen Covid-19 an.

Doch wer sind die „Frontline Doctors“? Die Webseite der Gruppierung ist inzwischen nicht mehr verfügbar. Sie sei vom Website-Host Squarespace am 28. Juli gelöscht worden, schreibt eine der Ärztinnen auf Twitter. In der archivierten Version der Webseite ist zu lesen, dass die Mediziner ankündigten, einen Weiße-Kittel-Gipfel abzuhalten, um „die Amerikaner zu ermächtigen, nicht länger in Angst zu leben“. Die US-Bürger seien angeblich Opfer einer „massiven Desinformationskampagne“ geworden. Spätestens bei dem öffentlichen Auftritt am vergangenen Montag vor dem Supreme Court wurde deutlich, dass es ihnen dabei um den Umgang mit der Corona-Pandemie ging. 

Ärztin Stella Immanuel behauptet, Hunderte Covid-19-Patienten mit Hydroxychloroquin geheilt zu haben

Besonders eindrücklich sind dabei die Worte von Stella Immanuel. Sie gibt an, Ärztin in Houston, Texas zu sein und Medizin in Nigeria studiert zu haben. Bei der Liveübertragung vor dem Supreme Court redete sie sich regelrecht in Rage: Ich habe persönlich mehr als 350 Menschen mit Covid behandelt. Patienten, die die Diabetes haben, die Bluthochdruck haben, Patienten die Asthma haben. Ich habe ihnen Hydroxy gegeben, ich habe ihnen Zink gegeben, ich habe ihnen Zithromax gegeben, und es geht ihnen allen gut. 

Zudem habe sie sich selbst, medizinischen Angestellten und vielen anderen Ärzten auch Hydroxychloroquin zur Prävention gegeben. Niemand müsse krank werden, niemand müsse sterben, sagt Immanuel: Für dieses Virus gibt es Heilung. Und das sind Hydroxychloroquin, Zink und Zithromax. 

Studien, die vor Hydroxychloroquin warnten, seien gefälschte Wissenschaft und das Tragen von Schutzmasken und Abstandhalten bringe nichts, um die Ausbreitung des Coronavirus zu bremsen, behauptet Immanuel weiter. Belege für diese Behauptungen liefert sie keine.

Seit Monaten gibt es Diskussionen über die Anwendung des Malaria-Medikaments im Kampf gegen Covid-19

Zu Beginn der Corona-Pandemie häuften sich weltweit Meldungen, das Malaria-Medikament könne bei der Behandlung von Covid-19 helfen. So hatte die U.S. Food and Drug Administration (FDA), die Lebensmittelüberwachungs- und Arzneimittelbehörde der Vereinigten Staaten, im März eine Notfallgenehmigung für den Einsatz von Hdydroxychloroquin und Chloroquin zur Behandlung von Covid-19 erteilt. 

Auch in anderen nicht-europäischen Ländern wurden ähnliche Regelungen erlassen, wie das Robert-Koch-Institut (RKI) in einem Hinweispapier zum Umgang mit Covid-19-Erkrankten schreibt. Doch die Entscheidung fußte laut der Behörde lediglich auf Einzelfallberichten und Beobachtungsanalysen, die zu uneinheitlichen Ergebnissen führten, was die Sicherheit und Wirksamkeit von Hydroxychloroquin anbelangt. 

Im Mai sorgte dann eine Studie für Aufsehen, die in der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet veröffentlicht worden war. Dort wurde nicht nur die Wirksamkeit von Hydroxychloroquin in Frage gestellt, sondern behauptet, das Medikament würde schwere Nebenwirkungen hervorrufen und das Sterberisiko erhöhen. Die Studie wurde massiv kritisiert, drei der vier Autoren gaben laut Medienberichten ihren Rückzug aus der Studie bekannt.  

Trotz Zweifeln an der Zuverlässigkeit der zugrundeliegenden Daten führte die Studie jedoch zum Widerruf der Notfallgenehmigung im Juni durch die FDA, wie das RKI schreibt

Inzwischen wurden einige klinische Studien zu Hydroxychloroquin wieder aufgenommen, wie auch in einem Papier des RKI zur Erkennung, Diagnostik und Therapie von Covid-19 vom 22. Juli zu lesen ist (Seite 12).

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte sieht keine Belege für eine Wirksamkeit von Hydroxychloroquin zur Behandlung von Covid-19. Auch die WHO rät von einer Einnahme ab, weil sie gefährliche Nebenwirkungen hervorrufen und sogar zum Tod führen könne.

Laut Stella Immanuel löschte Facebook ihre private Seite

Zahlreiche Medien berichten davon, dass Stella Immanuel dubiose, unwissenschaftliche Überzeugungen vertrete und verbreite. 

Immanuel arbeitet im Rehoboth Medical Centre in Houston, Texas. Online zu finden ist lediglich eine Facebook-Seite der Privatklinik, Facebook löschte die private Seite der Ärztin offenbar. Auf Twitter schrieb sie dazu: Wenn meine Seite nicht wiederhergestellt wird, wird Facebook im Namen Jesu zusammenbrechen. In ihrer Twitter-Biografie schreibt sie über sich selbst, sie sei unter anderem Ärztin, Autorin, Rednerin sowie Gottes Streitaxt und Kriegswaffe”. 

Immanuel verteufelt Masturbation und glaubt an Dämonen sowie Reptilien, die die Welt regieren

Außerdem predigt sie in der Fire Power Ministry. Dahinter verbirgt sich offenbar eine missionarische, religiöse Organisation. Die Website der Organisation ist nur in einer archivierten Version verfügbar. Aber auf Immanuels Youtube-Kanal finden sich seit 2009 Videos, in denen sie beispielsweise 2011 behauptete, wer masturbiere und Sexträume habe, rufe Dämonen, was wiederum die Ursache für zahlreiche gynäkologische Krankheiten sei.

Stella Immanuel, Mitglied von „America’s Frontline Doctors“, glaubt, dass allein die Kirche ein Recht auf Macht habe. (Quelle: Youtube, Screenshot: CORRECTIV)
Stella Immanuel, Mitglied von „America’s Frontline Doctors“, glaubt, dass allein die Kirche ein Recht auf Macht habe. (Quelle: Youtube, Screenshot: CORRECTIV)

2015 behauptete sie in einem Video, DNA von Aliens werde in medizinischen Behandlungen genutzt. Wissenschaftler würden einen Impfstoff entwickeln, um Menschen daran zu hindern, religiös zu sein und Reptilien säßen anstatt Menschen in der Regierung. Auch verbreitete sie die Behauptung, Illuminati und Dämonen würden die Weltordnung bestimmen. Lediglich die Kirche habe den Auftrag, diese Rolle zu übernehmen. Der Glaube daran, dass „Reptiloide“, also Echsenmenschen, die Länder der Welt anführen würden, ist ein Verschwörungsmythos. 

Fazit: Unbelegte Heilsversprechen einer umstrittenen Ärztin

Seit Beginn der Pandemie wird an der Wirksamkeit und den Folgen der Behandlung mit Hydroxychloroquin bei Covid-19-Patienten weltweit diskutiert und geforscht fest steht bislang, dass die Anwendung des Medikaments keine Wirksamkeit bei der Heilung oder Prophylaxe gegen das Coronavirus zeigt. 

Für die Behauptung von Stella Immanuel, sie habe Hunderte Patienten mit dem Medikament geheilt, gibt es keine Belege. Immanuel, deren Aussagen bei der Pressekonferenz der „Frontline Doctors“ auch im Weißen Haus diskutiert wurden, berief sich in der Vergangenheit bei vielen ihrer Äußerungen nicht auf wissenschaftlich fundierte Fakten, sondern auf religiöse Ansichten und verbreitete teils Verschwörungsmythen.

Titelbild
Ein gemeinsamer Bericht von CORRECTIV, Maldita.es, AFP, Full Fact und Pagella Politica/Facta. (Collage: Maldita.es)

5G, Bill Gates, Impfungen und dubiose Heilmittel: CORRECTIV hat mit Faktencheck-Organisationen aus vier europäischen Ländern analysiert, welche Muster sich über Grenzen hinweg in den Falschinformationen zu Covid-19 zeigen.

Falschinformationen und Viren haben einiges gemeinsam: Sie können sich exponentiell ausbreiten, und sie machen nicht vor Grenzen halt. Für professionelle Faktenchecker bedeutet die Pandemie des Coronavirus SARS-CoV-2 eine neue, internationale Dimension der Desinformation. Die Weltgesundheitsorganisation hat dafür den Begriff „Infodemie“ geprägt.

Mitte März hat CORRECTIV.Faktencheck sich deshalb mit vier weiteren Organisationen in Europa zusammengeschlossen, um die Verbreitung von falschen Behauptungen über Covid-19 besser zu verstehen. Die Kooperation mit Maldita.es in Spanien, Pagella Politica/Facta in Italien, Full Fact in Großbritannien und Agence France-Presse (AFP) in Frankreich zeigt, dass in der Flut der Falschinformationen Muster zu erkennen sind.

645 Faktenchecks, fünf Länder

Identische Behauptungen wurden in allen Ländern und Sprachen verbreitet. Manche der scheinbar gut gemeinten Warnungen oder medizinischen Ratschläge sind harmlos – wie das Gurgeln mit Essig. Manche jedoch sind gefährlich – wie das Trinken von Desinfektionsmittel. Durch die Verunsicherung der Menschen schaffen es zudem auch große Narrative der Desinformation ins Licht der Aufmerksamkeit. Sie können das Vertrauen in Institutionen erschüttern und nachhaltige, zersetzende Wirkungen haben – wie der Glaube an Verschwörungen, Ressentiments gegen Impfungen oder 5G-Mobilfunkstrahlen.

Wir haben alle im März und April veröffentlichten Artikel der fünf Organisationen zu Covid-19 analysiert – insgesamt 645 Texte – und Gemeinsamkeiten und Unterschiede herausgearbeitet. Wann tauchte eine Falschinformation wo auf? Welche Varianten derselben Behauptungen gab es? Und welche Themen waren spezifisch für jedes Land?

Entstanden ist ein interaktives Web-Projekt in fünf Sprachen über zwei Monate Faktencheck-Arbeit während einer globalen Pandemie.

Lesen Sie hier die Analyse der Covid-19-Infodemie in Europa:

covidinfodemiceurope.com

(Projekt-Koordination für CORRECTIV: Alice Echtermann)

PCR-Tests Coronavirus
Proben für Corona-Tests werden im Diagnosticum-Labor im sächsischen Plauen für die weitere Untersuchung vorbereitet. (Symbolbild: picture alliance/Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/ZB) 

von Cristina Helberg

Seit Beginn der Corona-Pandemie kursiert in Sozialen Netzwerken ein zentraler Vorwurf: Die PCR-Tests seien unzuverlässig und lieferten oft falsche Ergebnisse. Die Test selbst sind zwar sehr genau, ihr Ergebnis wird aber durch die sogenannte Vortestwahrscheinlichkeit beeinflusst. Was steckt dahinter? 

Besonders zu Beginn der Corona-Pandemie in Deutschland im März wiederholten Kritiker der Eindämmungsmaßnahmen eine Behauptung immer wieder: Die PCR-Tests, mit denen Infektionen erkannt werden, seien in „bis zu 80 Prozent der Fälle“ falsch positiv. „Falsch positiv“ bedeutet: Eine eigentlich gesunde Person bekommt ein positives Testergebnis und wird fälschlich als Infektionsfall gezählt. Dass diese Fehlerquote hoch sei, behaupteten in Youtube-Videos unter anderem der Internist Claus Köhnlein, der Onkologe Heiko Schöning und der Heilpraktiker Andreas Schlecht. Sie bezogen sich dabei unter anderem auf Störanfälligkeiten des Tests oder Reaktionen mit anderen, älteren Coronaviren. 

Wir haben die Behauptung, die Fehlerquote liege bei „30 bis 50 Prozent“, bereits im April 2020 in einem Faktencheck als falsch eingestuft. Die Labore der Unikliniken Köln, Stuttgart und Dresden hatten auf unsere Anfrage den in den Youtube-Videos angegebenen Fehlerquoten bezogen auf Störanfälligkeiten und Kreuzreaktionen widersprochen. Sie betonten aber, dass es wichtig sei, dass Abstriche richtig genommen, Labore Erfahrung haben und die Proben richtig transportiert werden. Unser Faktencheck bezog sich dabei auf die Sensitivität und die Spezifität der Tests, die nach Aussage der Experten sehr hoch ist. 

Es gibt jedoch noch eine andere große Fehlerquelle: die Vortestwahrscheinlichkeit. Selbst wenn Corona PCR-Tests hoch spezifisch und sensitiv sind, können sie je nachdem, wie viel getestet wird und wie viele Menschen infiziert sind, viele falsche Ergebnisse liefern. Dazu hatten viele unser Leserinnen und Leser Fragen. In diesem Text erklären wir das Problem.

Was sind Sensitivität und Spezifität?

Sensitivität ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Test Infizierte als infiziert erkennt, und Spezifität die Wahrscheinlichkeit, dass er Gesunde als gesund erkennt. 

Die Gesellschaft zur Förderung der Qualitätssicherung in medizinischen Laboratorien hat im April dazu einen Versuch durchgeführt. Laboren wurden verdeckte positive und negative Proben mit SARS-CoV-2 oder anderen Coronaviren geschickt. Im Anschluss erhob die Gesellschaft, wie viele Proben die 463 Laboratorien aus 36 Ländern richtig als positiv oder negativ erkannten. 

In einer Zwischenauswertung vom 3. Juni kommen die Autoren zu dem Schluss, dass die Labore von drei positiven Proben 98,9% bis 99,7% korrekt als positiv erkannten (Sensitivität). Die vierte, am stärksten verdünnte positive Probe erkannten 93 Prozent. Im Fall der negativen Proben waren es 97,8% bis 98,6% korrekte Ergebnisse (Spezifität). „Diese hohen Erfolgsquoten repräsentieren eine sehr gute Leistungsfähigkeit der Ringversuchsteilnehmer und der angewendeten Testformate“, schreiben die Autoren (PDF, Seite 19-20 und Seite 21).  

Die angewandten PCR-Tests sind insgesamt also in der Regel hoch spezifisch und sensitiv (auch wenn die genauen Ergebnisse je nach Art des Tests sehr unterschiedlich sein können) und der Ringversuch bestätigt Aussagen von drei Uniklinik-Laboren in unserem Faktencheck. Berücksichtigt wurden in dem Versuch allerdings keine anderen Faktoren wie falsche Probenentnahmen. Diese könnten wesentlich zur Fehlerquote beitragen, insbesondere zu falsch negativen Ergebnissen.  

Die Vortestwahrscheinlichkeit spielt eine wichtige Rolle 

In unserem Faktencheck Anfang April erwähnten wir bereits die wichtige Rolle der sogenannten Basisrate oder Prävalenz, also die Häufigkeit, mit der eine Krankheit in der Bevölkerung vorkommt. Man spricht von der Vortestwahrscheinlichkeit. Sie verändert sich laufend. Warum das Einfluss auf den Test hat, zeigt ein Beispiel. 

Angenommen ein Test hat eine sehr hohe Sensitivität und Spezifität von 99 Prozent. Testet man nun 100 Gesunde, werden 99 Personen korrekt negativ getestet und eine Person falsch positiv. Testet man jedoch 100 Infizierte, wird der Test 99 Personen korrektiv positiv erkennen und eine Person falsch negativ. Die Anzahl und die Art falscher Testergebnisse hängt demnach auch davon ab, wie viele von den getesteten Personen gesund und wie viele infiziert sind. 

Alexander Dalpke, Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene der Technischen Universität Dresden führte in unserem Faktencheck dieses Beispiel an, um zu verdeutlichen, dass der Test derselbe bleibt, die Wahrscheinlichkeiten sich jedoch je nach Basisrate ändern: „Der Test wird im positiven und negativen Vorhersagewert besser, wenn gezielt Populationen mit einer höheren Vortestwahrscheinlichkeit untersucht werden.“

Deshalb sollen vor allem Menschen mit Symptomen getestet werden

Seit Beginn der Corona-Pandemie gilt in Deutschland unter anderem deshalb die Vorgabe des Robert-Koch-Instituts, dass vor allem Menschen getestet werden sollten, die Symptomen zeigen, direkten Kontakt zu Infizierten hatten oder sich in Risikogebieten aufhielten. Darauf wies auch die Kassenärztliche Bundesvereinigung bis zum 15. Juni auf ihrer Webseite hin. Mittlerweile gibt es aber einige Änderungen. Zukünftig sind auch Reihentestungen in Kitas, Schulen oder Pflegeheimen möglich. Auch Personen ohne Symptome, aber mit einer Warnbenachrichtigung durch die Corona-App können sich auf Kosten der Krankenkassen nun testen lassen. 

Das Robert-Koch-Institut hatte bis zum 2. Juni auf seiner Webseite stehen: „Von einer Testung von asymptomatischen Personen wird aufgrund der unklaren Aussagekraft eines negativen Ergebnisses sowie der Möglichkeit falsch positiver Befunde in Abhängigkeit von der Prävalenz/ Inzidenz in der Regel abgeraten.“ 

RKI zum PCR-Test: keine Testung von Personen ohne Symptome
Hinweis auf der Seite des Robert-Koch-Instituts. (Abgerufen am 18. Mai 2020, Screenshot: CORRECTIV)

Am 3. Juni nahm das RKI den Teilsatz über die Möglichkeit falsch positiver Befunde aus dem Artikel, ergänzte dafür aber einen ganzen Absatz zur Vortestwahrscheinlichkeit. Dort steht nun: „Generell wird die Richtigkeit des Ergebnisses von diagnostischen Tests auch von der Verbreitung einer Erkrankung beeinflusst. Je seltener die Erkrankung und je ungezielter getestet wird, umso höher sind die Anforderungen an Sensitivität und Spezifität der zur Anwendung kommenden Tests.“  

RKI Änderung Hinweis zu PCR-Tests
Hinweis zur Vortestwahrscheinlichkeit auf der Webseite des Robert-Koch-Instituts (Abgerufen am 15. Juni, Screenshot: CORRECTIV)

Der große Unterschied von 50 oder einem Prozent Vortestwahrscheinlichkeit 

Das British Medical Journal stellt auf seiner Webseite eine interaktive Covid-19-Simulation zur Verfügung, an der jeder ausprobieren kann, wie sich die Test-Spezifität und Sensivität und die Vortestwahrscheinlichkeit auf die Testergebnisse von 100 Personen auswirken. Je nach Vortestwahrscheinlichkeit kommt es zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen. 

Kalkulator 50 Prozent Vortestwahrscheinlichkeit
Eine Simulation mit dem Covid-19-Kalkulator des British Medical Journal. Von 100 getesteten Personen mit einer Vortestwahrscheinlichkeit von 50 Prozent wird eine Person falsch positiv getestet. (Screenshot: CORRECTIV)

Nehmen wir als Beispiel je 50 und ein Prozent Vortestwahrscheinlichkeit. Bei 50 Prozent Prävalenz, wenn also von 100 getesteten Personen 50 infiziert sind, werden im Test (mit den angenommenen Parametern 99 Prozent Sensitivität und 98 Spezifität) 50 korrekt positiv erkannt, eine Person als falsch positiv, 49 als korrekt negativ und 0 falsch negativ. Eine Person würde also fälschlicherweise unter Quarantäne gestellt. Der Anteil falsch positiver Ergebnisse an allen Tests liegt bei einem Prozent (1 von 100). 

Bei einer Vortestwahrscheinlichkeit von nur einem Prozent sieht das schon ganz anders aus. Von 100 Personen ist nun eine infiziert. Im Test wird es deshalb ein korrektes positives Ergebnis geben, aber auch zwei falsch positive Ergebnisse. Es gibt also mehr falsch positive Ergebnisse als tatsächlich positive. Der Anteil der falsch positiven Ergebnisse an allen Tests liegt bei zwei Prozent (2 von 100). Falsch negativ wird in diesem Szenario niemand getestet.  

Kalkulator 1 Prozent Vortestwahrscheinlichkeit
Eine Simulation mit dem Covid-19-Kalkulator des British Medical Journal. Von 100 getesteten Personen mit einer Vortestwahrscheinlichkeit von einem Prozent werden zwei falsch positiv getestet. (Screenshot: CORRECTIV)

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Die Beispiele zeigen: Kommt die Krankheit in der getesteten Gruppe kaum vor, sinkt die Wahrscheinlichkeit, bei einem positiven Testergebnis auch tatsächlich infiziert zu sein, extrem. 

Im ersten Beispiel bedeutet ein positiver Test, dass die Person mit 98 prozentiger Wahrscheinlichkeit auch tatsächlich infiziert ist. Im zweiten Beispiel liegt dieser Wert nur noch bei 33 Prozent. Rund 67 Prozent der positiven Testergebnisse (2 von 3) sind in diesem Fall falsch. 

Gesundheitsminister Spahn warnt vor millionenfachen Reihentestungen 

 Besonders kritisch wird das Problem der Vortestwahrscheinlichkeit, wenn massenhaft Gruppen mit geringer Prävalenz getestet werden. Wenn es also nicht mehr nur um 100, sondern um Millionen Menschen geht. Davor warnte auch Gesundheitsminister Jens Spahn am 14. Juni in der ARD im Nachbericht aus Berlin. Auf mögliche Reihentestungen angesprochen, sagte er: „Ich finde nur eins immer wichtig, wenn ich lese, wir müssten drei, vier oder fünf Millionen jetzt flächendeckend jeden Tag testen: […] Dadurch, dass wir […] die Zahlen so runtergebracht haben, haben wir im Moment eine Positiv-Testung von unter einem Prozent bei gleichbleibend konstanter Testzahl in den letzten Wochen. Und wir müssen jetzt aufpassen, dass wir nicht nachher durch zu umfangreiches Testen […] zu viel falsch Positive haben. Weil die Tests ja nicht 100 Prozent genau sind, sondern auch eine kleine, aber eben auch eine Fehlerquote haben.“

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Weiter sagte Spahn: „Wenn insgesamt das Infektionsgeschehen immer weiter runter geht und und Sie gleichzeitig das Testen auf Millionen ausweiten, dann haben Sie auf einmal viel mehr falsch Positive als tatsächlich Positive.“ 

Insgesamt zeigt sich, PCR-Tests auf SARS-CoV-2 sind in der Regel sehr genau. Pauschale Aussagen von Kritikern wie Claus Köhnlein oder Heiko Schöning wie „der PCR-Test hat eine Fehlerquote von 30 bis 50 Prozent“ sind demnach falsch. Doch die geringe Fehlerquote reicht schon aus, um zum Problem zu werden. Je geringer die Vortestwahrscheinlichkeit in der Bevölkerung ist, desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Tests korrekte Ergebnisse liefern. Das kann dazu führen, dass mehr Menschen falsch positiv getestet werden, als tatsächlich erkrankt sind. Das gilt insbesondere, wenn die Erkrankung immer seltener wird und gleichzeitig immer breiter getestet wird, also zum Beispiel Reihentestungen von Fußballern stattfinden. 

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Seit die Corona-Krise Deutschland erreicht hat, verbreiten sich viele irreführende und falsche Behauptungen rund um Covid-19 im Netz. (Symbolfoto: Unsplash)

CORRECTIV.Faktencheck hat mehr als 1.800 Hinweise von Leserinnen und Lesern zu möglicher Desinformation über das Coronavirus ausgewertet. Die Analyse zeigt: Whatsapp ist der häufigste Verbreitungskanal für fragwürdige Informationen – und Youtube ist der Ort, an dem sie zu finden sind. Was tun die Konzerne dagegen?

Seit Wochen nimmt der Strom falscher und manipulativer Behauptungen zum Thema Covid-19 nicht ab. Verschiedene Akteure verbreiten Falschinformationen auf Plattformen wie Youtube oder Facebook. Eine Datenanalyse von CORRECTIV.Faktencheck zeigt nun: In der Corona-Krise ist Youtube die von Nutzern am häufigsten gemeldete Plattform für fragwürdige Informationen. Rund 46 Prozent der Links, die uns mit der Bitte um einen Faktencheck geschickt wurden, führen zu der Videoplattform. 

Gleichzeitig ist Whatsapp der wichtigste Verbreitungskanal: 34 Prozent der Nutzer gaben an, die mögliche Falschinformation dort erstmals gesehen zu haben. Man könnte sagen: Whatsapp ist die Autobahn für Coronavirus-Fakes, Youtube-Videos sind die Rennwagen.

So erhalten Falschinformationen innerhalb kürzester Zeit teils riesige Reichweiten. Laut einer aktuellen Forsa-Umfrage im Auftrag der Landesanstalt für Medien NRW glauben 81 Prozent der Menschen in Deutschland, bereits im Internet auf Desinformation zum Coronavirus gestoßen zu sein. 

Die ausgewerteten Daten stammen aus dem CrowdNewsroom von CORRECTIV und sind nicht repräsentativ. Seit Mitte März konnten Leserinnen und Leser dort Inhalte einreichen, bei denen sie einen Faktencheck für nötig hielten. Mehr als 1.800 Meldungen haben wir insgesamt ausgewertet. Sie basieren auf subjektiven Einschätzungen von Nutzern, welche Informationen falsch sein könnten. Es handelt sich also nicht zwingend bei allen um Fakes. 

Was die Einreichungen jedoch sehr gut zeigen, ist, welche Beiträge zum Coronavirus die Menschen verunsichert oder ihr Misstrauen geweckt haben. Und auf welchen Wegen die Informationen sie erreichen. 

Die Plattform: Rund 46 Prozent der Links führen zu Youtube

Wirft man einen Blick darauf, welche Plattformen am häufigsten in unseren Daten auftauchen, wird die besondere Bedeutung von Youtube klar: Eine Analyse von mehr als 1.400 eingereichten Links im CrowdNewsroom zeigt, dass 45,8 Prozent zu Videos auf Youtube führen. 

Auf dem zweiten Platz liegen Webseiten mit 30,6 Prozent, gefolgt von Facebook mit 16,6 Prozent. Links zu Whatsapp sind nicht möglich, daher fällt der Messenger aus dieser Auswertung heraus. 

Die Grafik zeigt, woher die von Nutzern gemeldeten potenziell falschen Informationen stammten

Das heißt, mit Abstand am häufigsten haben uns Leserinnen und Leser Youtube-Videos als potenzielle Falschinformationen gemeldet. 

Der Verbreitungsweg: 34 Prozent geben an, die Information per Whatsapp erhalten zu haben

Auf die Frage, wo sie der Information zum ersten Mal begegnet sind, antworteten 34 Prozent der Nutzer Whatsapp. An zweiter Stelle folgt Facebook mit 28,8 Prozent. 14,2 Prozent der Nutzer gaben als Erstkontakt Youtube direkt an, 7,6 Prozent Webseiten.

Whatsapp ist der Weg, auf dem die meisten Menschen erstmals mit potenziell falschen Informationen in Berührung kommen – zum Beispiel, weil sie ihnen von Bekannten geschickt wurden. 

Die Grafik zeigt, auf welchem Weg Nutzer die Information erhalten haben

Whatsapp ist also der häufigste Verbreitungskanal für fragwürdige Informationen – und Youtube ist der Ort, an dem sie zu finden sind. 

Das Ergebnis unserer Datenanalyse spiegelt die große Bedeutung wider, die diese beiden Angebote auf dem Markt in Deutschland haben. Laut der ARD-ZDF-Onlinestudie (2019) nutzt 40 Prozent der Gesamtbevölkerung mindestens einmal wöchentlich Youtube. Besonders beliebt ist die Videoplattform bei jüngeren Internetnutzern: 82 Prozent der 14- bis 29-Jährigen besuchen sie mindestens einmal pro Woche.

Noch viel weiter verbreitet ist Whatsapp in Deutschland: 75 Prozent verwenden den Messenger 2019 mindestens wöchentlich. Bei den Menschen zwischen 14 und 49 Jahren sind es sogar mehr als 90 Prozent. Facebook wird von 31 Prozent aller Menschen mindestens wöchentlich genutzt. 

Falschinformationen zu Gesundheitsthemen sind eine Gefahr

Dass falsche Informationen zu Gesundheitsthemen in Sozialen Netzwerken verbreitet werden, ist nicht neu – die Corona-Krise hat das Problem jedoch verschärft. 

Falschmeldungen zu Covid-19 verbreiten sich international. Zum Beispiel wurden Whatsapp-Nachrichten mit der Behauptung, man solle immer seine Schuhe vor der Haustür ausziehen, weil das Coronavirus daran hafte, in Deutschland, Irland, und Kroatien verschickt. Und die falsche Behauptung, alle 15 Minuten einen Schluck Wasser zu trinken verhindere eine Infektion, kursierte auf Whatsapp in Deutschland und Spanien und auf Facebook in Litauen, Kroatien und den Philippinen

Zahlreiche Ärztinnen und Ärzte, darunter der Virologe Christian Drosten, haben kürzlich in einem offenen Brief von großen Tech-Konzernen gefordert, gegen die „Infodemie“ vorzugehen. Die Betreiber der Plattformen müssten „sofort und systematisch aktiv werden, um die Flut an medizinischen Fehlinformationen sowie die dadurch ausgelöste Gesundheitskrise zu stoppen“. Die Ärzte beziehen sich zum Beispiel auch auf Stimmungsmache gegen Masern-Impfungen.

„Sind Fake News einmal im Kopf eines Menschen, sind sie dort relativ stabil verankert“ 

Sabrina Heike Kessler vom Department of Communication and Media Research der Universität Zürich ist Kommunikationswissenschaftlerin und spezialisiert auf Wissenschaftskommunikation. Sie sagt: „Dass Menschen in Gesundheitsfragen an Fake News glauben, erklärt sich auch mit dem menschlichen Wunsch, gesund zu sein, zu bleiben oder werden zu wollen und der Angst vor Krankheit und Tod.“ Der Mensch sei beim Thema Gesundheit evolutionär darauf angelegt, sich auf das zu verlassen, was andere denken, empfehlen und tun. 

Das erkläre teils, weshalb sich Falschinformationen über Covid-19 so rasant verbreiten, erklärt Kessler gegenüber CORRECTIV. „Wirken die Informationen, die man über das Coronavirus liest auch noch plausibel und passen ins eigene Weltbild, werden sie direkt mental eingespeichert. Sind Fake News dann einmal im Kopf eines Menschen, sind sie dort relativ stabil verankert und nur sehr schwer wieder zu beseitigen.“ 

Was unternehmen die Tech-Konzerne?

Youtube, Whatsapp und Facebook sind angesichts dieser Probleme nicht untätig. Sie ergreifen bereits Maßnahmen, um die Verbreitung von Falschmeldungen einzudämmen.

So hat Whatsapp Anfang April die Weiterleitung von Nachrichten im Messengerdienst eingeschränkt; sie können jetzt nur noch an maximal fünf Chats verschickt werden. Außerdem können Nachrichten, die bereits zuvor fünfmal weitergeleitet wurden, nur noch an einen Chat gesendet werden. Auf Anfrage teilte Whatsapp uns mit, dies habe die Menge der stark weitergeleiteten Nachrichten um 70 Prozent reduziert. 

Whatsapp betont auch, man unterstütze die Arbeit von Faktencheckern weltweit und arbeite mit Behörden zusammen. Tatsächlich können Nutzer seit kurzem mit der WHO oder dem Bundesgesundheitsministerium zum Thema Covid-19 über einen Whatsapp-Chatbot kommunizieren. 

Der Facebook-Konzern, zu dem Whatsapp gehört, kooperiert bereits seit mehreren Jahren mit unabhängigen Faktencheckern wie CORRECTIV. Dadurch werden Menschen, die eine Falschinformation in dem Sozialen Netzwerk geteilt haben, auch rückwirkend informiert. Zudem gibt Facebook an, Beiträge über das Coronavirus auf Facebook und Instagram zu löschen, wenn sie eine „Gefahr für das körperliche Wohlergehen“ darstellen.   

Youtube: „Wir arbeiten mit Hochdruck“

Youtube hat bisher kein Faktencheck-Programm. Der Konzern entfernt Videos mit falschen medizinischen Informationen zu Covid-19. Youtube-Sprecher Georg Nolte teilte uns per E-Mail mit, dies seien zum Beispiel Videos, in denen behauptet wird, dass das Coronavirus nicht existiere. Oder die „medizinisch nicht fundierte Methoden“ zur Verhinderung einer Infektion empfehlen und Menschen davon abhalten, sich behandeln zu lassen. Außerdem würden Videos gelöscht, die „die Wirksamkeit der Leitlinien der WHO oder der jeweiligen Gesundheitsbehörde ausdrücklich bestreiten, was dazu führen könnte, dass Menschen gegen diese Leitlinien verstoßen“.

„Wir arbeiten mit Hochdruck, unsere User vor Fehlinformationen zu schützen und wollen sie mit verlässlichen und hilfreichen Nachrichten verbinden“, sagt Nolte. In Absprache mit dem Bundesgesundheitsministerium habe man unter den betreffenden Videos, auf der Homepage und in der Youtube-Suche Infoboxen installiert. „So wollen wir möglichst viele Menschen auf die Infopanels des BMG und seiner zugeordneten Institute aufmerksam machen. Wir haben so global gesehen bereits 14 Milliarden Impressionen auf den Infoseiten der verschiedenen Gesundheitsorganisationen erzeugt.“ 

Youtube zeigt tatsächlich seit einiger Zeit unter Videos zu Covid-19 in Deutschland einen Link zur Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZGA) an. 

Doch ist das genug? Einige Videos werden nicht gelöscht, weil sie offenbar nicht den genannten Kriterien entsprechen. Sie enthalten meist sehr viel Meinung – und führen oft in die Irre. Ein Beispiel ist ein 30-minütiger Beitrag des Bloggers Ken Jebsen, in dem er mehrere falsche Behauptungen aufstellt und spekuliert, Bill Gates habe die Kontrolle über das Gesundheitswesen übernommen, um Zwangsimpfungen durchzuführen. Zahlreiche Leserinnen und Leser haben uns auf dieses Youtube-Video von KenFM hingewiesen, das inzwischen mehr als drei Millionen Aufrufe hat. 

Auch ein Videointerview mit Stefan Homburg, in dem er behauptet, der „Lockdown“ der Regierung sei unnötig und unwirksam gewesen, ist noch online. (In der Einleitung mahnt Moderatorin Milena Preradovic alle Zuschauer, sich bitte an die Corona-Regeln zu halten.) Nicht mehr auf Youtube zu finden ist dagegen zum Beispiel ein Video, das Aussagen eines italienischen Arztes zum Coronavirus in falschen Kontext stellte

Kettenbriefe auf Whatsapp oder Videos auf Youtube haben oft bereits extrem hohe Reichweiten erzielt, bevor die ersten Faktenchecks oder Medienberichte dazu veröffentlicht sind. Und der Hinweis von Youtube auf die BZGA, der auch unter dem Video von Ken Jebsen auftaucht, kann unter Umständen missverständlich wirken. Nutzer, die den Hintergrund nicht kennen, könnten ihn eher als Pluspunkt für die Seriosität der Behauptungen verstehen. 

Ken Jebsen
Der Hinweis auf die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung erscheint unter einem Video, in dem Ken Jebsen behauptet, Bill Gates habe die Kontrolle über das Gesundheitssystem übernommen, um Zwangsimpfungen durchzusetzen. (Screenshot: CORRECTIV)

Nach Einschätzung von Kommunikationswissenschaftlerin Kessler versucht Youtube zwar, gegen Falschmeldungen und Hetze anzugehen, aber: „Youtube wird immer nur den Fake-News-Verbreitenden hinterherlaufen können, wenn keine grundlegend neuen Maßnahmen ergriffen werden.“

Ein Problem sei auch, dass die großen Konzerne wenig Daten für wissenschaftliche Untersuchungen herausgeben. „Sowohl Youtube als auch Whatsapp sind für die sozialwissenschaftliche Forschung schwer zu untersuchen“, sagt Kessler. Niemand wisse genau, welches Ausmaß die Falschmeldungen zum Coronavirus dort annehmen. 

Ihrer Ansicht nach müssen die Konzerne mehr tun. Sie müssten „mehr Geld in die Hand nehmen, mehr Menschen anstellen, die Fake News aufspüren können, mehr mit unabhängigen Faktenprüfern kooperieren, und mehr mit der sozialwissenschaftlichen, unabhängigen Forschung zusammenarbeiten, um effektiv und adäquat gegen die Verbreitung von Fake News vorzugehen.“

Sonderauswertung: Das sind die fünf Youtube-Kanäle, die CORRECTIV am häufigsten gemeldet wurden

1. Schwindelambulanz Sinsheim / Dr. Bodo Schiffmann
Insgesamt 131 Mal reichten Leserinnen und Leser uns Videos von Bodo Schiffmann ein, einem Arzt, der eine Schwindelambulanz in Sinsheim betreibt. Er setzt sich gegen die Corona-Maßnahmen der Regierung ein und hat kürzlich sogar eine Partei gegründet: „Widerstand2020“. Seit Wochen produziert Schiffmann wie am Fließband Beiträge zum Coronavirus. Seine Videos sind voller Spekulationen – das spiegelt sich in der Häufigkeit wider, mit der sie von Leserinnen und Lesern im CrowdNewsroom eingereicht wurden. 

2. eingeSCHENKt.tv 
73 Mal wurden Videos des Youtube-Kanals „eingeSCHENKt.tv“ gemeldet. Hinter dem Angebot mit 85.000 Abonnenten steht der Journalist Thomas Schenk; die Beiträge sind eher politischer als wissenschaftlicher Natur. Vor Corona wurden auf dem Kanal Videos mit Titeln wie „CO2 und Klima(lüge)?“ veröffentlicht, sowie Interviews mit Max Otte von der CDU-Werteunion oder dem rechten Youtuber Heiko Schrang. Aktuell berichtet der Kanal viel über die sogenannten Hygienedemos.

3. Prof. Dr. med. Sucharit Bhakdi
Sucharit Bhakdi ist ein ein emeritierter Professor für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene an der Universität Mainz. 43 Mal wurden uns von Nutzern im CrowdNewsroom Links zu seinen Videos geschickt. Sein Youtube-Kanal wurde erst vor wenigen Wochen gegründet und hat rund 71.000 Abonnenten – seine Videos aber verbuchen teilweise ein bis zwei Millionen Aufrufe. 

4. KenFM
„KenFM“ ist der Youtube-Kanal des Bloggers Ken Jebsen mit 466.000 Abonnenten. In seinen Videos spielt er die Gefährlichkeit des Coronavirus generell herunter und vermutet hinter der Pandemie eine große Verschwörung, unter anderem von Bill Gates als Strippenzieher. Die Beiträge von „KenFM“ wurden 34 Mal im CrowdNewsroom eingeschickt.

5. PUNKT.Preradovic
33 Mal gemeldet wurden Videos von „PUNKT.Preradovic“, dem Youtube-Kanal der ehemaligen RTL-Moderatorin Milena Preradovic mit 37.000 Abonnenten. Sie interviewte unter anderem Sucharit Bhakdi, der behauptete, Impfungen gegen Corona seien „sinnlos“, den Wirtschaftswissenschaftler Stefan Homburg, der den „Lockdown“ als unnötig und überflüssig bezeichnete, oder den Arzt Wolfgang Wodarg, der die Gefährlichkeit des Coronavirus infrage stellte. 

Text: Alice Echtermann
Datenanalyse: Michel Penke, Max Donheiser
Grafik: Benjamin Schubert
Mitarbeit am CrowdNewsroom: Till Eckert, Bianca Hoffmann, Matthias Bau, Steffen Kutzner

Corona Demo 6
Wegen der Corona-Krise wurden das deutsche Infektionsschutzgesetz umgekrempelt und Grundrechte eingeschränkt. Ist unser Rechtsstaat in Gefahr? (Symbolbild: picture alliance / Daniel Kubirski)

von Lea Weinmann

In der Corona-Krise hat die Bundesregierung außergewöhnliche gesetzliche Maßnahmen ergriffen; das Parlament hat dem Gesundheitsministerium weitgehende Befugnisse zugesprochen. Während Einzelne den Untergang der Demokratie nahen sehen, bleiben Juristinnen und Juristen noch gelassen. Kritik äußern sie trotzdem.

Am 15. April 2020 gilt in ganz Deutschland ein umfassendes Kontaktverbot. Dennoch versammeln sich gegen Nachmittag etwa 150 Menschen vor der Heidelberger Polizeidirektion. Die Demonstranten rufen: „Wir sind das Volk!“, einzelne haben Banner dabei. Polizisten, die durch Megaphone auf die Menge einreden, werden ausgebuht. Handyvideos halten die Szenerie fest, kursieren kurz darauf im Internet und werden zehntausendfach aufgerufen.

Die Menschen sehen den Rechtsstaat in Deutschland in Gefahr. Sie demonstrieren aus Solidarität mit Beate Bahner, Anwältin für Medizinrecht aus Heidelberg. Die Anwältin, die am 8. April beim Bundesverfassungsgericht mit einem Eilantrag gegen die Corona-Rechtsverordnungen klagte, die sie als „staatszersetzenden Angriff“ bezeichnete und mit der „Errichtung eines diktatorischen Polizeistaates“ verglich.

Als sie wenige Tage später in eine Psychiatrie eingewiesen wurde, behauptete sie in einer angeblichen Sprachnachricht auf Youtube, dies sei wegen ihrer Kritik an den Maßnahmen der Regierung geschehen. Für etwa 150 Menschen ist das offensichtlich Grund genug, am 15. April spontan einen Verstoß gegen das Infektionsschutzgesetz in Kauf zu nehmen und vor der Polizeidirektion zu demonstrieren.

Tatsächlich wird gegen Bahner ermittelt – weil sie auf ihrer Webseite vor Ostern öffentlich zu Demonstrationen und damit zum Widerstand gegen die Corona-Maßnahmen aufgerufen hatte. Laut Polizei und Staatsanwaltschaft hatte ihre kurzzeitige Einweisung in eine Psychiatrie damit aber nichts zu tun. Vielmehr hielten die Beamten es wegen ihres Verhaltens „für erforderlich, medizinische Hilfe einzuholen“, heißt es in einer Polizeimeldung.

Beate Bahner ist ein besonderer, aber doch kein Einzelfall. Denn mit ihrer Kritik ist sie nicht allein.

Es wurden auch andere Stimmen laut, die aktuellen Corona-Verordnungen seien verfassungswidrig: Die Gewaltenteilung werde damit „beseitigt“, schrieb beispielsweise Olaf Margraf, nach eigenen Angaben ein Rechtsanwalt, auf Facebook und rief in einem Video indirekt zum Widerstand gegen die „Notstandsgesetze“ auf (ab Minute 07:00). Die Webseite Rubikon sprach gar von einem Gesetz „aus Hitlers Küche“.

Welche Gesetze wurden in der Corona-Krise verändert?

Das Ende des Rechtsstaats – ist da etwas dran? Dazu muss man sich ansehen, was sich seit der Corona-Krise rechtlich eigentlich geändert hat.

Am 27. März hat der Bundesrat einem Gesetz zugestimmt, das den langen Titel „Gesetz zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite“ trägt. Damit wurden einige unterschiedliche Gesetze angepasst, im Wesentlichen geht es aber um das Infektionsschutzgesetz. In diesem sind insbesondere die Paragraphen 5 und 28 interessant.

Paragraph 5 wurde komplett neu eingeführt. Darin räumt der Bundestag dem Bundesgesundheitsministerium weitreichende Befugnisse ein, um selbst Rechtsverordnungen oder Allgemeinverfügungen zu erlassen. Dafür musste der Bundestag zuvor eine „epidemische Lage von nationaler Tragweite“ feststellen. Der Bundestag selbst ist es auch, der diese Lage wieder aufheben kann.

Die Gesetzgebungskompetenz wird teilweise abgetreten

Das Gesundheitsministerium kann mit diesen sogenannten Ermächtigungen – solange der epidemische Notstand herrscht – selbst Verordungen erlassen, und zwar ausdrücklich auch „ohne Zustimmung des Bundesrates“. Davon betroffen sind vor allem Bereiche im Gesundheitswesen, aber auch Regelungen zum grenzüberschreitenden Reiseverkehr.

Wichtig ist auch ein Blick auf Absatz 1, Paragraph 28 im Infektionsschutzgesetz: Dort wurde zwar kein umfangreicher Gesetzestext, sondern nur ein Halbsatz ergänzt. Der ist allerdings besonders wichtig, weil er unterm Strich die rechtliche Grundlage für Ausgangsbeschränkungen und Kontaktsperren erst geschaffen hat.

Im ersten Teil des Absatzes steht weiterhin, dass die zuständige Behörde gegenüber Kranken oder Menschen, die andere anstecken könnten, „Schutzmaßnahmen“ ergreifen kann, um zu verhindern, dass sich eine Krankheit weiterverbreitet. Ergänzt wurde nun der Teil „[die zuständige Behörde] kann insbesondere Personen verpflichten, den Ort, an dem sie sich befinden, nicht oder nur unter bestimmten Bedingungen zu verlassen oder von ihr bestimmte Orte oder öffentliche Orte nicht oder nur unter bestimmten Bedingungen zu betreten“.

Sind die Änderungen wegen der Corona-Krise verfassungswidrig?

Im gleichen Absatz werden vier Grundrechte genannt, die zur Durchsetzung dieses Gesetzes eingeschränkt werden dürfen: die Freiheit der Person, die Versammlungsfreiheit, die Freizügigkeit und die Unverletzlichkeit der Wohnung.

Ist das schon der Beweis für die Verfassungswidrigkeit? Kurze Antwort: Nein.

„Ein Grundrechtseingriff ist nicht, weil es ein Grundrechtseingriff ist, per se rechtswidrig“, sagt Sigrid Wienhues, Fachanwältin für Verwaltungsrecht und Vorsitzende des Ausschusses für Verwaltungsrecht der Bundesrechtsanwaltskammer (BRAK). Maßgeblich sei vielmehr, dass der Eingriff gerechtfertigt sei.

Das zu definieren, ist nicht einfach. Wichtig ist laut der Juristin, dass die Maßnahmen geeignet, erforderlich und im Ergebnis angemessen seien. Weil auch das nicht wirklich konkret ist, gibt das Infektionsschutzgesetz den Verwaltungen einen Rahmen, in dem sie handeln können. „Damit nicht jeder vorher ein verfassungsrechtliches Seminar gehört haben muss“, sagt Wienhues.

Das Infektionsschutzgesetz sei ein „klassisches Gefahrenabwehrgesetz“, erklärt sie. Für Gefahrenabwehr sei in Deutschland die Verwaltung zuständig. Das heißt: Wenn Gefahr droht, muss sie reagieren können – und das möglichst schnell. Also reagierten die Verwaltungen: Auf Landesebene wurden im März überwiegend Corona-Rechtsverordnungen (beispielsweise die aktuell gültige in Nordrhein-Westfalen) erlassen. Auf Ebene der örtlichen Verwaltungen waren es Allgemeinverfügungen (beispielsweise für die Stadt Düsseldorf).

Verwaltungen dürfen nicht übers Ziel hinausschießen

Die meisten stützen sich auf das bundesweite Infektionsschutzgesetz, das Grundrechtseingriffe laut Wienhues „ausdrücklich vorsieht“. „Krise ist immer die Stunde der Exekutive“, sagt die Juristin.

Das heiße allerdings nicht, dass man übers Ziel hinausschießen dürfe.

Max Steinbeis ist da kritischer. Seit zehn Jahren betreibt der Jurist den Verfassungsblog, den er als eine Diskursplattform über aktuelle verfassungsrechtliche Themen im In- und Ausland beschreibt. „Was heißt hier eigentlich Stunde der Exekutive?“, fragt er im Gespräch mit CORRECTIV. „Krise ist mindestens ebenso die Stunde der Legislative und Judikative.“ Steinbeis ist der Meinung, dass viele der Freiheitsbeschränkungen, die in den Ländern verfügt worden sind, „einem kritischen Blick, mit welchem Schutzzweck das gerechtfertigt sein soll, im Nachhinein nicht standgehalten haben“.

Tatsächlich mehrten sich in den vergangenen Wochen die Berichte über Rechtsverordnungen, deren Inhalt teilweise wieder gelockert werden musste: Am 15. April kippte das Bundesverfassungsgericht im Eilverfahren das Verbot mehrerer Demonstrationen in Gießen. Versammlungen dürften wegen der geltenden Corona-Verordnungen nicht pauschal verboten werden, urteilten die Richter. Zwar bezog sich das Urteil nur auf die hessische Corona-Verordnung, es hatte aber eine Signalwirkung für alle anderen Bundesländer.

Das Oberverwaltungsgericht in Greifswald kassierte kurz vor Ostern Paragraph 4a in der Verordnung von Mecklenburg-Vorpommern, die es auch Einheimischen verbot, an die Küste oder in die Region Mecklenburgische Seenplatte zu fahren. Auch im Saarland, in Berlin und Bayern mischten sich Gerichte ein.

„Jetzt ist die Zeit, genau hinzuschauen“

Sigrid Wienhues hat sich über diese Urteile gefreut, sagt sie. Das zeige, dass die Gerichte weiter funktionierten. „Unsere Gerichte verstecken sich nicht und nehmen ihre Aufgabe zur Überprüfung der Verwaltung gerade sehr wohl wahr“, sagt sie.

Im Gespräch mit CORRECTIV mahnt die Verwaltungsrechtlerin immer wieder, dass jetzt durchaus die Zeit sei, genau hinzuschauen: „Es kann sehr wohl sein, dass einzelne Verwaltungen überreagieren oder sich im Ton vergreifen.” Auch der Zeitpunkt sei entscheidend: Regelungen, die vor wenigen Wochen getroffen wurden, müssten immer wieder überprüft werden: Ist die Gefahr noch genauso groß? Gibt es neue Erkenntnisse, dass die aktuellen Maßnahmen nichts bringen? Oder gibt es mildere Mittel, die den gleichen Effekt haben (Stichwort: Maskenpflicht statt Quarantäne für alle)?

Schwerpunkt: Coronavirus

Alle Faktenchecks, Hintergründe und Tipps, wie Sie Falschmeldungen besser erkennen.

ZUM SCHWERPUNKT

Neben der Kritik an den Verwaltungen heben auch Verfassungsexperten den Finger: Auf dem Blog von Max Steinbeis schneidet das neue Gesetz bei mehreren Verfassungsrechtlern eher schlecht ab. Der Vorwurf unter anderem: Der neue Paragraph 5 verschaffe dem Bundesgesundheitsministerium zu viele Kompetenzen. „Mit Art. 80 Abs. 1 GG ist das nicht zu vereinbaren“, schreibt etwa Christoph Möllers, Rechtswissenschaftler an der Humboldt-Universität zu Berlin. In Artikel 80 Grundgesetz ist festgelegt, dass „Inhalt, Zweck und Ausmaß“ einer erteilten Ermächtigung genau definiert werden müssen – und das leistet der neue Paragraph 5 nach Ansicht von Möllers nicht.

Auch der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags schrieb deshalb Anfang April, es verblieben „gewichtige Bedenken“ in Bezug auf den Paragraph 5.

Experte: „Großer Gegenalarm“ momentan nicht gerechtfertigt

Trotz aller Kritik finden sich unter den Experten nur sehr wenige, der in der Novelle tatsächlich eine massive Erosion des Rechtsstaats sieht. Vereinzelt gibt es Juristinnen wie Beate Bahner, die mit eben dieser Behauptung viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Sigrid Wienhues ärgert sich darüber, dass manche damit „möglicherweise zusätzlich zur Verunsicherung beitragen“.

„Wir sind auch nur ein Durchschnitt der Gesellschaft“, sagt sie und meint damit die Berufsgruppe der Juristinnen und Juristen. „Vielleicht ist der ein oder die andere von uns etwas sprechfähiger, aber er oder sie hat damit nicht automatisch recht, mit dem, was er sagt. Es ist auch nur eine von vielen möglichen Meinungen.“

Auch Max Steinbeis hält den „großen Generalalarm“ im Moment nicht für gerechtfertigt. Er sehe keine Indizien für eine große Verschwörungstheorie. Dennoch warnt er davor, dass der Sicherheitsstaat sich die Gelegenheit, Machtbefugnisse auszubauen „womöglich nicht entgehen lassen will“. Umso wichtiger sei eine kritische Öffentlichkeit, die sich traue, Fragen zu stellen.

„Leute, lasst uns politisch bleiben!“

In diesem Punkt sind sich die beiden Juristen einig: „Leute, lasst uns politisch bleiben!“, fordert Sigrid Wienhues. Dazu gehöre auch der Streit darüber, was erforderlich ist. Wenn der nicht mehr möglich sei, würde sie anfangen, sich Sorgen zu machen.

Den Eilantrag von Beate Bahner gegen die Corona-Maßnahmen hat das Bundesverfassungsgericht nach nur zwei Tagen abgelehnt. Dasselbe Gericht gewährleistete es mit einer Entscheidung zur Versammlungsfreiheit am 17. April jedoch, dass auch in Stuttgart Demonstrationen stattfinden durften.

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Das Urteil ebnete den Weg dafür, dass an den Wochenenden Anfang Mai tausende Menschen auf dem Cannstatter Wasen in Stuttgart gegen die Corona-Maßnahmen demonstrieren konnten. Die Stadt hatte die erste Veranstaltung dieser Art zunächst verboten, nach der Entscheidung des Gerichts aber weitere Demonstrationen unter Auflagen zugelassen.

In Stuttgart demonstrieren Tausende für ihre Grundrechte

Bei der Demo „Querdenken“ am 9. Mai wurde einer der Demonstranten von einer Journalistin gefragt, ob er glaube, dass das Grundgesetz außer Kraft gesetzt sei (Minute 02:17). „Es gibt nichts zu glauben, sondern das ist so“, sagt er. „Die Bundesregierung hat das Grundgesetz außer Kraft gesetzt mit dem Infektionsschutzgesetz.“ Er hält dabei ein kleines Büchlein in der Hand. Es ist ein Grundgesetz – eines von vielen, die bei der Demo verteilt wurden. Das Gesetz, das es ihm ermöglichen wird, auch in der kommenden Woche wieder demonstrieren zu gehen.

Die nächste Demonstration ist bereits für den 16. Mai angemeldet.

Anmerkung 18. Mai: In einer früheren Version des Artikels stand, das Gesundheitsministerium werde mit dem Infektionsschutzgesetz dazu ermächtigt, selbst Gesetze zu erlassen. Es handelt sich aber nur um Verordnungen, nicht um Gesetze. Die Gesetzgebungskompetenz wird nicht an die Exekutive abgetreten. Wir haben das präzisiert.

Bodo Schiffmann und Widerstand2020
Der Arzt Bodo Schiffmann ist einer der Gründer der neuen Partei „Widerstand2020“. (Collage: Ivo Mayr / CORRECTIV)

von Bianca Hoffmann

Der Arzt Bodo Schiffmann sieht sich an der Speerspitze einer Bewegung gegen die Corona-Maßnahmen. In einer Hinsicht hebt er sich von den anderen „Gegenexperten“ ab: Es drängt ihn in die Politik. Dafür gründet er eine Partei: „Widerstand2020“. Wer ist dieser Mann?

Auf dem Youtube-Kanal „Schwindelambulanz Sinsheim“ mit inzwischen etwa 133.000 Abonnenten berichtet der Arzt Bodo Schiffmann täglich über angebliche Fakten zum Coronavirus SARS-CoV-2. Das ist gefährlich, wie eine Analyse seiner Videos und der Kommentare seiner Follower zeigt: Er bietet seinen Zuschauern dadurch eine Projektionsfläche für deren Unmut und das fehlende Vertrauen in die demokratischen Institutionen. 

In Interviews vergleicht Schiffmann unter anderem die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie mit dem Ermächtigungsgesetz, das Adolf Hitler 1933 in die Diktatur gehoben hat. Wie kam es zu all dem?

Bodo Schiffmann ist Inhaber einer, wie er sagt, gut laufenden Spezialambulanz im badischen Sinsheim. Hier empfängt er Patienten, die an Schwindel- oder Gleichgewichtserkrankungen leiden. Und sie scheinen den Arzt gern aufzusuchen. Die Durchschnittsbewertung liegt auf dem Portal Jameda (nach Schulnoten) bei 1,2. Und auch die Bewertungen bei Google zeichnen ein ähnliches Bild. Auf der Homepage von Schiffmann gibt es zudem das Gütesiegel „Top Mediziner“ der Verbraucherzeitschrift Guter Rat

Bodo Schiffmann in einem seiner Videos. (Quelle: Youtube/Schwindelambulanz Sinsheim, Screenshot: CORRECTIV)

Über SARS-CoV-2 weiß er zu Beginn der Pandemie allerdings genauso viel wie wir alle, die keine Virologen sind; nämlich wenig. In seinen mittlerweile täglich erscheinenden Videos über das Coronavirus vermittelt er aber einen ganz anderen Eindruck. Schiffmann inszeniert sich als „Gegenexperte“ mit einer klaren Botschaft an Christian Drosten, das Robert-Koch-Institut und die Bundesregierung: Es gebe keinen wissenschaftlichen Halt mehr für die Maßnahmen.

In einigen Städten, darunter Stuttgart und Berlin gehen deswegen derzeit Menschen auf die Straße, um gegen die Maßnahmen der Regierung gegen das Coronavirus zu protestieren. Bei den sogenannten Hygienedemos kommen besorgte Bürger, Hippies, Esoteriker, Linke, Rechte, Mediziner jeden Samstag zusammen. Beeinflusst werden die Proteste von einigen wenigen. Einer davon ist Bodo Schiffmann.

Damit seine Inhalte ein größeres Publikum erreichen, hat er sich mit bekannten Gesichtern der alternativen Medienszene zusammengetan. Ob diese rechts, links oder islamkritisch sind? Im Gespräch mit CORRECTIV macht Schiffmann klar, dass es ihm mittlerweile egal ist, wo man ihn hinstecken will.

Erstes Video sollte Mitarbeitern und Patienten gegen die Angst helfen

Vor sechs Wochen fängt alles recht harmlos an. „Ein objektiver Blick auf Corona – mal ohne Panik“ – das ist der Titel des ersten Videos zu SARS-CoV-2, das der HNO-Arzt auf seinem Youtube-Kanal veröffentlicht. Patienten und Mitarbeiter hätten ihn zum neuartigen Coronavirus befragt, erklärt er. Jetzt wolle er helfen. 

In dem Video vom 14. März ist eine Art Präsentation zu sehen. Schiffmann selbst ist unten rechts in der Ecke eingeblendet. Die von ihm gezeigten Folien suggerieren seinen Zuschauern: Informiert euch selbst, und zwar am besten anhand der Daten des Robert-Koch-Institutes, des Statistischen Bundesamtes oder auch der Johns Hopkins Universität. Er kritisiert die „Panikmache“ durch die Presse und rät, ruhig zu bleiben.

Außerdem äußert der Arzt massive Kritik an der deutschen Gesundheitspolitik, die seiner Meinung nach veraltete Notfallpläne vorhalte. Das erste Video zum Coronavirus endet mit den Worten: „Ich verspreche, ich werde mich hier jetzt nicht mehr zu diesem Thema äußern.“

Normalerweise erscheinen auf dem Youtube-Kanal der „Schwindelambulanz“ Erklärvideos zum Thema Schwindel, Schiffmanns Fachgebiet. Das älteste Video ist im Dezember 2013 hochgeladen worden. Darin erklärt Schiffmann anhand einer Puppe Übungen gegen Lagerungsschwindel. Es hat in sechs Jahren etwas mehr als 42.000 Abrufe erhalten. Die meisten der Videos auf dem Kanal haben weniger als 10.000 Abrufe. So bleibt es, jahrelang. Noch in der Woche vom 14. März hat die „Schwindelambulanz“ laut Analysetool Socialblade 766 Abonnenten. 

Sechs Wochen später, am 5. Mai sind es mehr als 133.000. Schiffman hat sein Versprechen, keine Videos mehr über Corona zu machen, nicht gehalten.

Zuschauer bezeichnen Schiffmann als „Verharmloser“ – er will, dass man ihm zuhört

Dabei seien die Reaktionen auf die ersten Videos durchmischt gewesen, erklärt Schiffmann gegenüber CORRECTIV. Die Kommentatoren hätten ihn als „Verharmloser“ bezeichnet. Das lässt sich heute nicht mehr nachvollziehen, da die Kommentare in besagten Videos abgeschaltet wurden. Der HNO-Arzt betont, dass er seine Einschätzung aus der eigenen Erfahrung und der Entwicklung der Zahlen aus Wuhan ableitet. Noch dazu sieht er das deutsche Gesundheitswesen nicht in Gefahr. 

Dass seine Einschätzung aber nicht wirklich gefragt zu sein scheint, wurmt Schiffmann offensichtlich. Im Gespräch betont er immer wieder, dass er bislang ja keine Interviewanfragen der öffentlich-rechtlichen Medien erhalten habe. Und das, obwohl seine Zuschauer ihn dort sogar empfohlen hätten. 

Sein Verhältnis zu Medien ist allerdings problematisch. Am Donnerstag, den 30. April, gab Bodo Schiffmann CORRECTIV ein Interview, das in beiderseitigem Einverständnis aufgezeichnet wurde. Der Arzt bat im Anschluss, die Zitate autorisieren zu dürfen – gestattete dann allerdings nicht, sie zu veröffentlichen. In diesem Text werden deswegen nur paraphrasierte Inhalte aus dem Interview verwendet.  

CORRECTIV ist spendenfinanziert
Wir recherchieren zu Missständen in der Gesellschaft, bieten Bildungsprogramme an und setzen uns für Informationsrechte und Pressefreiheit ein.
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In einem seiner Videos fordert Schiffmann den Virologen Christian Drosten dazu auf, ihm auf eine Anfrage zu antworten. Außerdem solle die Bundesregierung doch einfach seinen Kanal abonnieren und anschließend ihre „Fehler zugeben“. 

Er wendet sich denen zu, die hören wollen, was der selbsternannte Experte zu sagen hat. Und das sind Interviewanfragen, die er anfangs noch abgesagt habe – aus dem Spektrum der alternativen Medien. Sein Bild über Ken.fm und Rubikon habe sich durch den persönlichen Kontakt geändert, sagt er uns im Gespräch. Er empfinde sie jetzt eher als „mitte-links“ und als „Querdenker“. 

Schiffmanns Videos sind oft irreführend 

Die Videos von Bodo Schiffmann beginnen immer gleich. Etwa die erste Hälfte nimmt eine Art Disclaimer und Eigenwerbung ein. Der Disclaimer hat sich im Laufe der Zeit verändert, eines bleibt gleich; Schiffmann wisse, dass SARS-CoV-2 ein gefährliches Virus ist – allerdings seien auch Grippeviren gefährlich. Warum dieser Vergleich hinkt, haben wir bereits in mehreren Faktenchecks dargestellt, zum Beispiel hier und hier

Zu Beginn eines jeden Videos behauptet Schiffmann außerdem, er sei immer kritisch und um Objektivität bemüht. Er rät seinen Zuschauern, sich an die behördlichen Vorgaben zu halten und bekräftigt, dass es sich bei den Informationen in den Videos um seine persönliche Meinung handele. 

Allerdings finden sich in seinen Videos immer wieder Falschinformationen. Drei Beispiele aus nur einem Video: In „Corona 40“ berichtet Bodo Schiffmann über die sogenannte „Hygienedemo“ am 1. Mai in Berlin, in deren Zuge der Organisator Anselm Lenz festgenommen wurde. Dieser sei von einem unverhältnismäßig großen Aufgebot an Polizei aus dem Taxi gezogen worden, weiß Schiffmann zu berichten. Dass er dabei Kontext auslässt, bemerken selbst seine Zuschauer. In mehreren Kommentaren ist dort zu lesen, dass Lenz wohl nicht ganz unschuldig an seiner Festnahme gewesen sei. Auch Medien berichteten, dass Lenz einige Polizisten mit Zeitungen beworfen habe.

Kommentar unter dem Video „Corona 40“ von Bodo Schiffmann. (Screenshot: CORRECTIV)

Im gleichen Video wirft Schiffmann einen Blick auf die Zahlen des Robert-Koch-Institutes. Er zeigt einen Screenshot des Dashboards vom RKI. Dann berichtet er, wie viele Menschen bereits an Covid-19 gestorben seien und zweifelt daran, ob diese mit oder an der Krankheit gestorben seien. Erste Obduktionsberichte aus Hamburg zeigen, dass die meisten der Covid-19-Toten dort tatsächlich am Virus gestorben sind.  

Anschließend betont Schiffmann, dass auch Covid-19-Todesfälle von Menschen, die gewaltsam ums Leben gekommen sind, in der Statistik gezählt werden. Unser Faktencheck hat ergeben: Das stimmt, spielt in der Statistik aber eine untergeordnete Rolle. Durch die Betonung im Video entsteht allerdings der Eindruck, das betreffe einen Großteil der Verstorbenen. 

Der HNO-Arzt stellt teilweise falsche Behauptungen auf. Dadurch nimmt er billigend in Kauf, dass seine Zuschauer das Vertrauen in Institutionen wie das Robert-Koch-Institut verlieren. Besonders deutlich wird das durch einen Blick in die Nutzerkommentare bei Youtube:

Nutzer-Kommentar unter einem Video auf dem Kanal von Bodo Schiffmann, in dem es um den versuchten Suizid einer jungen Frau geht. (Screenshot: CORRECTIV)
Weiterer Nutzer-Kommentar unter dem Video von Bodo Schiffmann. (Screenshot: CORRECTIV)

Die WHO sprach in diesem Zusammenhang schon im Februar von einer „massiven Infodemie“, bei der Falschmeldungen verbreitet würde. Nun sind in den Videos von Bodo Schiffmann aber nicht alle Behauptungen falsch. Er appelliert zudem immer wieder an seine Zuschauer, sie mögen doch bitte selbst die Fakten überprüfen. Durch seine medizinische Tätigkeit erweckt er zudem den Eindruck von Seriosität.

Der Arzt wird somit zu einem der wichtigsten Gesichter der Corona-Gegner. 

Die „Beschneidung der Grundrechte“ ist sein Lieblingsthema

Ein zentrales Thema in Schiffmanns Videos ist der „Lockdown“ in Deutschland – also die Kontaktbeschränkungen. In „Corona 40“ und vielen Videos zuvor wettert er gegen die Beschneidung von Grund- und Freiheitsrechten. Sein Credo: Das Infektionsschutzgesetz alleine hätte ausgereicht, um die Pandemie in den Griff zu kriegen. Das Gesundheitssystem in Deutschland sei stabil genug, um das Coronavirus auszuhalten. „Unter dem Deckmantel der Corona-Aktivität […] sind Gesetze erlassen worden, die man nicht hätte erlassen müssen, es sind Grundrechte gebrochen worden“, sagt er in einem Interview mit NuoViso.

Außerdem sei die Meinungsfreiheit beschnitten worden, indem kontrolliert werde, was auf Whatsapp, Facebook oder Youtube veröffentlicht wurde. 

Mit diesem Vorwurf bezieht sich Schiffmann unter anderem auf die Arbeit von CORRECTIV.Faktencheck, dem er in einem Video vorwirft, als „Meinungspolizei“ Artikel auf Facebook zu zensieren

Video gelöscht – der Wendepunkt für Bodo Schiffmann 

Auf Youtube werden seine Videos offenbar von Usern gemeldet: Das Video „Corona 11“ war sogar zeitweise komplett von der Plattform gelöscht worden. Darin beschäftigt er sich mit einem Papier des Deutschen Institutes für Katastrophenmedizin, das ihm angeblich zugespielt wurde. Darin wurde wohl über das Triage-Verfahren in Frankreich berichtet, demzufolge nach Alter entschieden werde, wer beatmet wird und wer nicht. Darüber hinaus würde bei Menschen, die nicht beatmet werden, angeblich Sterbebegleitung durch Opiate und Schlafmittel empfohlen.  

Verschiedene Medien griffen den Inhalt des Dokumentes auf, zum Beispiel hier und hier. Inzwischen gibt es laut einem Bericht des SWR allerdings erhebliche Zweifel daran. 

Die Löschung seines Videos war ein Wendepunkt für Schiffmann. „Und das hat mir starke Angst gemacht“, sagt er im Interview mit NuoViso. Er habe damit gerechnet, aufgrund des Inhaltes Post vom Anwalt zu bekommen oder ähnliches, aber nicht damit. 

CORRECTIV hat bei Youtube nachgefragt, warum das Video gelöscht wurde. Die Antwort: „Manchmal treffen unsere Systeme eine falsche Entscheidung. Wenn wir darauf hingewiesen werden, wird das Video wieder aktiviert. Was bereits geschehen ist.“ Schiffmanns Video ist wieder abrufbar. 

Es sind solche rhetorische Spitzfindigkeiten, mit denen Schiffmann bewusst versucht, Zweifel zu säen: Er, der Wissenschaftler, der an keine Verschwörungstheorien glaube, werde plötzlich selbst das Ziel von Zensur. 

Videos decken sich nicht immer mit den Community-Standards von Youtube

Aber nicht alles, was Schiffmann auf seinem Youtube-Kanal verbreitet, ist von den Community-Standards gedeckt. „Wir nehmen den Kampf gegen jedwede Form problematischer Inhalte sehr ernst und entfernen schon seit vielen Jahren alle Inhalte, die gegen unsere Produktrichtlinien verstoßen. Zum Beispiel erlauben wir keine Anstiftung zu Gewalt, Belästigung oder Hassrede“, schreibt Youtube per E-Mail an CORRECTIV. 

Die Standards kamen beispielsweise bei einem Video zum Tragen, in dem Schiffmann den Brief einer Mutter vorliest, deren Tochter sich das Leben nehmen wollte, angeblich, weil sie Angst hatte, sich mit Covid-19 anzustecken. Immerhin blendet Schiffmann dazu einen Hinweis ein, an wen sich seine Zuschauer wenden sollten, wenn sie Suizidgedanken haben. Das Video wurde dennoch von Youtube mit einem Warnhinweis versehen.

Dieses Video können sich Nutzer erst ansehen, wenn sie diesen Hinweis gelesen haben. (Screenshot: CORRECTIV)

Eine neue Partei soll her: „Widerstand2020“

Der Arzt sucht nach anderen Wegen, um seinen Unmut zu teilen. Einer davon ist die „Querdenkerbommel“. 

Die Bastelanleitung dafür präsentiert Schiffmann zu Ostern: Ein Ball aus Aluminiumfolie, der an einem Band baumelt. Diese soll als „tägliche, legale, nicht anmeldungspflichtige Demonstration für Mitdenker, nicht Mitläufer“ dienen, um mit anderen ins Gespräch zu kommen. Auf den sogenannten Hygienedemos gelte die Bommel inzwischen als Uniform, erklärt uns Bodo Schiffmann. Wie Fotos zeigen, wird sie bereits von einigen getragen.

Querdenkerbommel auf der Hygienedemo am 2. Mai
Querdenkerbommel auf der Hygienedemo am 2. Mai in München. (Foto: picture alliance/ZUMA Press)

Es bleibt aber nicht bei einem Accessoire aus Alufolie. Kurz nach Ostern stellt Schiffmann im Video „Corona 26“ vom 15. April den Vorschlag in den Raum, eine Partei zu gründen. Er glaube nicht mehr, „dass man von außen etwas bewirkt.“ Das Video hat etwas mehr als 200.000 Aufrufe und knapp 3.000 Kommentare. 

In einem anderen Video versucht er, mit seinen Ideen bei einer der existierenden Parteien in Deutschland aufgenommen zu werden. „Wenn Sie eine Partei haben und der Meinung sind, dass ich diese unterstützen könnte, dann bitte ich darum, dass man sich mit mir in Verbindung setzt. Bitte jemand, der was zu sagen hat, also keine kleinen Ortsverbände, sondern dann den Parteivorsitzenden.“ 

Darauf hätten sich angeblich Parteien gemeldet wie die Ökologisch-Demokratische Partei (ÖDP) oder die „Neue Mitte“, erklärt Schiffmann gegenüber CORRECTIV. Mit denen habe er Videokonferenzen gehabt, man habe aber nicht zusammengefunden. 

Dann habe Schiffmann die Unternehmerin Victoria Hamm in einer Zoom-Konferenz kennengelernt. Dazugestoßen sei der Rechtsanwalt Ralf Ludwig, der die Facebook-Gruppe „Corona-Pandemie fällt heute aus“ mit mehr als 28.000 Mitgliedern betreut. Unter den dreien habe die Chemie gestimmt – sie gründeten selbst eine Partei: „Widerstand2020“.

Ziel der Partei: Alles soll so werden, wie es vor dem „Lockdown“ war 

Immer wieder versucht Schiffmann im Gespräch mit CORRECTIV, den Fokus auf seine Partei zu lenken. Diese habe in nur wenigen Wochen Erstaunliches vollbracht. Sie zähle mittlerweile mehr als 100.000 Mitglieder, wird auf der Webseite behauptet

Die Facebook-Seite der neuen Partei hat fast 25.000 „Gefällt mir“-Klicks. Man positioniere sich weder rechts, noch links und wolle als „Mitmachpartei“ funktionieren, heißt es. 

Was soll diese Partei also bewirken? Es soll alles wieder so werden, wie es vor dem „Shutdown“ war, betont Schiffmann mehrfach. Aber eben doch nicht ganz genauso: Die Grundrechte sollten überarbeitet werden und auch in Krisenzeiten geschützt sein. Das Ganze nennt sich laut Schiffmann dann „Machtbegrenzung“. „Widerstand2020“ arbeite darüber hinaus an basisdemokratischen Ideen. Jeder solle digital daran mitarbeiten können. Auf diesem Wege entstehe auch gerade das Parteiprogramm. 

Bodo Schiffmanns Vision: Politik solle nicht wie bislang von gewählten Stellvertretern gemacht, sondern von der gesamten Bevölkerung. Als Beispiel dafür solle die Schweiz dienen. 

Ob die Anzahl der Mitglieder, die „Widerstand2020“ angibt, tatsächlich stimmt, ist nicht nachvollziehbar. In den Sozialen Netzwerken wird sie massiv angezweifelt. So wurde ein Hahn namens „Blacky“ angeblich von seinem Besitzer bei der Partei angemeldet – ausgerechnet von einem hochrangigen Mitglied der AfD

Coronavirus Symbolbild
Rund um das Thema Covid-19 tauchen im Netz immer wieder ähnliche Behauptungen auf. Viele Menschen sind deshalb verunsichert. (Foto: Ivo Mayr / CORRECTIV)

von Alice Echtermann

Ist das Virus eine Biowaffe? Sterben aktuell gar nicht mehr Menschen als normalerweise? Helfen Vitamine, Covid-19 zu heilen? Diesen Fragen begegnen wir bei unserer Arbeit immer wieder, meist in Form von irreführenden Behauptungen. Eine Zusammenstellung.

Bestimmte Narrative tauchen rund um die Pandemie durch das neuartige Coronavirus SARS-CoV-2 immer wieder auf. Viele von ihnen erreichen in Sozialen Netzwerken wie Facebook oder Youtube ein riesiges Publikum, halten aber einem Faktencheck nicht Stand: Sie sind irreführend. Hier fassen wir die häufigsten Behauptungen, Gerüchte und Theorien als Fragen zusammen – und antworten mit den Ergebnissen unserer Recherchen. 

Hinweis: Dieser Text gibt den Stand vom 23. April 2020 wieder.  

1. Ist das neuartige Coronavirus aus einem Forschungslabor „entwischt“?

Was oder wo genau die Quelle des Ausbruchs war, ist noch unklar. Es gibt Hinweise auf einen Markt mit exotischen Tieren in Wuhan, zu dem einer Studie aus China zufolge sehr viele der ersten Infizierten Kontakt hatten (27 von 41). Allerdings ist nicht gesichert, dass das Virus wirklich dort erstmals auf Menschen übertragen wurde. Zum Beispiel hatte der erste bekannte Fall am 1. Dezember 2019 offenbar keine Verbindung zu dem Markt, wie wir in unserem Faktencheck im Januar erläutert haben.

Eine andere Theorie, die deshalb immer noch kursiert, für die es aber bisher keine Belege gibt, ist, dass das Virus versehentlich aus einem Forschungslabor freigesetzt wurde. Aktuell wurde die Debatte befeuert durch eine Enthüllung der Washington Post: Mitglieder der US-Botschaft in Peking hätten demnach vor zwei Jahren, im Januar 2018, eine Forschungseinrichtung in Wuhan besucht und anschließend über Sicherheitsmängel in dem Institut für Virologie berichtet.  

2. Ist das neuartige Coronavirus absichtlich manipuliert worden oder gar eine Biowaffe?

Diese Verschwörungstheorie hält sich hartnäckig, obwohl bereits im Februar zahlreiche Wissenschaftler betonten, alles deute auf einen natürlichen Ursprung des Virus hin. Autoren einer neueren Studie im wissenschaftlichen Journal Nature kommen nach einer genetischen Analyse des Coronavirus ebenfalls zu dem Schluss: „SARS-CoV-2 ist kein Labor-Konstrukt oder absichtlich manipuliertes Virus.“ 

Ein „starker Beleg“ dafür sei, dass die Interaktion des Virus mit den menschlichen ACE2-Rezeptoren „nicht ideal“ sei. Dies deute darauf hin, dass es durch „natürliche Auslese“, also Evolution zustande kam. Plausibel sind laut den Wissenschaftlern zwei Szenarien – entweder sei die Veränderung des Virus in einem tierischen Wirt vor der Übertragung auf den Menschen geschehen, oder erst danach, also im Menschen selbst. Im ersten Szenario sei es wahrscheinlich, dass Fledermäuse als „Reservoir“ des Virus dienten. Doch auch bei Schuppentieren (pangolins) kämen Coronaviren vor, die SARS-CoV-2 sehr ähnlich seien. 

Auch die Möglichkeit einer „versehentlichen Laborfreigabe“ wird von den Wissenschaftlern analysiert (siehe Frage 1). Es sei theoretisch auch möglich, dass sich SARS-CoV-2 in Zellkulturen verändert habe, schreiben sie. Diese Theorie könne mit ihrer Forschung zwar nicht widerlegt werden – man halte sie jedoch für unplausibel. 

3. Wussten Behörden, andere Organisationen oder Bill Gates schon vorher von diesem Coronavirus?

Verbreitet ist seit Wochen eine Behauptung, die im Grunde eine Verschwörungstheorie ist: Die Bundesregierung, andere Institutionen, Bill Gates oder Drehbuchautoren hätten schon vorher von der aktuellen Pandemie gewusst; sie sei sogar geplant gewesen. 

Als angeblicher Beleg wird immer eine Risikoanalyse im Bevölkerungsschutz herangezogen, die 2013 dem Bundestag vorgelegt wurde. Der angebliche „Geheimplan“ ist öffentlich einsehbar. In unserem Faktencheck haben wir erklärt, was es damit auf sich hatte: Es wurde das Szenario einer Pandemie durch ein hypothetisches Coronavirus namens „Modi-SARS“ durchgespielt, um zu analysieren, ob Deutschland darauf vorbereitet wäre. Ähnlichkeiten zu der heutigen Pandemie sind vorhanden, aus einem einfachen Grund: Es gab ein reales Vorbild. Bereits 2003 wurde das SARS-Coronavirus (SARS-CoV) entdeckt. 

Es diente offenbar auch als Inspiration für das Drehbuch der koreanischen TV-Serie „My Secret, Terrius“ 2018, in dem ein mutiertes Coronavirus vorkommt. Diese Serie war ebensowenig eine Vorhersage der Pandemie wie die Übung „Event 201“, die im Oktober 2019 stattfand und an der unter anderem die „Bill & Melinda Gates“-Stiftung teilnahm. (Bill Gates hat übrigens auch kein Patent auf das neuartige Coronavirus.) Wer darin oder in der Tatsache, dass auf einigen alten Desinfektionsmittel-Flaschen auch der Begriff „Coronavirus“ auftaucht, eine Verschwörung wittert, muss enttäuscht werden. 

Die Erklärung ist simpel: Es gibt viele verschiedene Coronaviren, die seit Jahrzehnten bekannt sind. Es tauchten in der Vergangenheit bereits Erreger auf, die von Mensch zu Mensch übertragen wurden. Vor diesem Hintergrund wurde öfter vor einer möglichen Pandemie durch ein neues Coronavirus gewarnt.   

4. Gibt es Mittel, die Covid-19 heilen oder die Krankheit verhindern?

Es gibt bisher kein Heilmittel für die Lungenkrankheit Covid-19 und keinen Impfstoff. In verschiedenen Ländern werden unterschiedliche Medikamente getestet. Teilweise handelt es sich um Mittel, die eigentlich gegen andere Krankheiten eingesetzt werden. Bisher ist eine Wirksamkeit gegen Covid-19 bei keinem Medikament bestätigt, wie das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte mitteilt

Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte
Auszug der Webseite des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte, Stand 23. April 2020. (Screenshot: CORRECTIV)

Es werden jedoch immer wieder andere Stoffe ins Gespräch gebracht, die angeblich helfen sollen. Manche dieser Versprechen, zum Beispiel über die Einnahme von Chlordioxid, können gefährlich sein. Oft ist auch die Rede von Vitamin C oder Vitamin D. Hierbei gibt es einen schmalen Grat: Der Mensch braucht Vitamine und eine ausreichende Versorgung damit ist sicherlich gut. In einer Überdosierung kann jedoch auch Vitamin D gesundheitsschädlich werden. Und Versprechen, dass Vitamine eine Infektion mit dem neuartigen Coronavirus verhindern oder gar heilen könnten, führen in die Irre. 

In unseren Faktenchecks gehen wir ausführlicher auf Vitamin C und Vitamin D ein.

5. Machen bestimmte Medikamente die Krankheit schlimmer?

In mehreren europäischen Ländern kursierte im März die Meldung, das Schmerzmittel Ibuprofen könnte eine Infektion mit dem Coronavirus verschlimmern. Dafür gab es keine wissenschaftlichen Belege, wie unser Faktencheck zeigte. 

Laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte wird aktuell geprüft, ob „von der Einnahme sogenannter nichtsteroidaler Antirheumatika (NSAR) im Falle einer Erkrankung mit dem Coronavirus abgeraten“ werden sollte. Zu dieser Gruppe zählten neben Ibuprofen auch Aspirin und Diclofenac. „Die europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) sieht gegenwärtig keine Evidenz für die Verschlechterung des Krankheitsverlaufs von COVID-19 (…).“ Ibuprofen könne also weiter eingenommen werden, in niedrigen Dosen und über einen möglichst kurzen Zeitraum. Alternativen wie Paracetamol sollten in Betracht gezogen werden. 

Auch über sogenannte ACE-Hemmer – Medikamente, die zur Senkung des Blutdrucks eingesetzt werden – wird diskutiert, ob sie eine Auswirkung haben können. Das Bundesinstitut schreibt dazu: „Diese Zusammenhänge sind theoretischer Natur, wobei einige auf ein Komplikationsrisiko und andere auf eine schützende Wirkung dieser Medikamente hinweisen. Derzeit gibt es keine wissenschaftlichen Beweise, die beide Behauptungen stützen.“ Patienten sollten diese Medikamente auf keinen Fall eigenmächtig absetzen. 

6. Sind die Todeszahlen im Vergleich zu denen durch die saisonale Grippe (Influenza) harmlos?

Die Todeszahlen durch Covid-19 und Influenza sind aktuell nicht vergleichbar. Die Zahl der nachweislich mit dem Coronavirus infizierten und gestorbenen Menschen wird aktuell an das Robert-Koch-Institut gemeldet. Am 22. April waren das 4.879 Fälle. 

Die Zahl der Grippetoten wird dagegen jede Saison statistisch geschätzt. In unserem Faktencheck haben wir erklärt, dass die Grundlage hierfür die sogenannte Exzess-Mortalität oder Übersterblichkeit ist. Experten beobachten dabei, wie viele Menschen in der Grippesaison im Vergleich zu den übrigen Monaten im Jahr sterben. Sollte es in der Zeit einen „Mortalitätsanstieg“ geben, werden diese zusätzlichen Todesfälle der Influenza zugeordnet. 

In der besonders schweren Grippesaison 2017/18 gab es demnach schätzungsweise 25.000 Todesfälle, erklärt das RKI. Tatsächlich gemeldet wurden damals 1.674 Todesfälle „mit laborbestätigter Influenza“. 

7. Sterben aktuell gar nicht mehr Menschen als normalerweise?

Dazu lässt sich für ganz Europa oder Deutschland aktuell noch keine Aussage treffen. Zu einer Übersterblichkeit in Deutschland (siehe Frage 6) gibt es bisher keine Daten. Das Statistische Bundesamt hat am 17. April eine Auswertung der täglichen Sterbezahlen in Deutschland seit Januar 2020 veröffentlicht – allerdings geben diese Zahlen bisher nur die Entwicklung bis zum 15. März wieder. Am 15. März gab es in Deutschland laut Robert-Koch-Institut erst 12 Todesfälle im Zusammenhang mit Covid-19. Wie sich die Todeszahlen entwickeln, werden die Auswertungen in Zukunft zeigen. In unserem Faktencheck gehen wir genauer auf das Thema der Übersterblichkeit ein.

In anderen Ländern lassen sich bereits Trends beobachten. In Italien gab es laut dem italienischen Gesundheitsministerium seit Anfang März einen deutlichen Anstieg der durchschnittlichen Mortalität, insbesondere im Norden des Landes und besonders stark bei Menschen über 85 Jahren. Auch die Autoren einer am 20. April als Preprint veröffentlichten Studie von US-amerikanischen Wissenschaftlern kommt zu dem Schluss, dass die Mortalität in Italien gestiegen ist. 

Übersterblichkeit in Italien
Auswertung der Gesamtmortalität (durchschnittliche Sterblichkeit) in Norditalien sowie Mittel- und Süditalien von Oktober 2019 bis April 2020. (Quelle: Ministero della Salute, Screenshot: CORRECTIV)

Für England und Wales hat zudem das Office of National Statistics kürzlich Zahlen veröffentlicht, die einen Anstieg der wöchentlichen Todesfälle im Vergleich zum Fünf-Jahres-Durchschnitt aufweisen.

Übersterblichkeit in England und Wales
Auswertung der pro Woche registrierten Sterbefälle in England und Wales vom 28. Dezember 2019 bis 10. April 2020. (Quelle: Office for National Statistics, Screenshot: CORRECTIV)

8. Ist in Wahrheit 5G-Strahlung Schuld an den Todesfällen?

Nein, es gibt keinen Zusammenhang zwischen den Todesfällen und dem Mobilfunkstandard 5G. Das Bundesamt für Strahlenschutz teilte uns mit: Elektromagnetische Strahlung könne keine solchen Auswirkungen haben. „5G verursacht weder Zellabbau noch grippeähnliche Symptome. 5G kann (wie alle Felder von Mobilfunksendeanlagen, also auch 2G, 3G, 4G) höchstens eine geringfügige, nicht wahrnehmbare Erwärmung verursachen, die sich vor allem auf die Körperoberfläche beschränkt (und die Lunge nicht erreicht).“ Die aktuellen Grenzwerte für die Strahlung seien daran angepasst. 

9. Ist der PCR-Test auf das Coronavirus unzuverlässig?

Behauptungen, der PCR-Test zur Diagnose einer Infektion mit dem Coronavirus habe eine Fehlerquote von 30 bis 50 Prozent, sind nicht zutreffend, zeigt unser Faktencheck. PCR steht für Polymerase-Ketten-Reaktion. Laut Robert-Koch-Institut sind die angegebenen Prozentwerte „nicht nachvollziehbar“. 

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Der Test wurde vom Virologen-Team der Berliner Charité um Christian Drosten entwickelt. Drosten zufolge ist es ausgeschlossen, dass er auf andere Erreger als SARS-CoV-2 reagiert und so ein „falsch positives“ Ergebnis liefert. Der Test könnte höchstens auf das erste SARS-Virus reagieren, das 2003 entdeckt wurde, aber heute beim Menschen nicht mehr vorkomme. Der Test sei durch eine umfassende Studie geprüft worden. 

Möglich ist allerdings laut RKI, dass der Test kontaminiert wird. Auch „falsch negative“ Ergebnisse sind möglich, vor allem im späteren Stadium der Infektion, da das Virus dann laut Drosten oft nicht mehr im Hals des Patienten nachweisbar ist. Experten von drei Universitätskliniken haben uns auf Nachfrage bestätigt, dass der Test sehr zuverlässig sei und bei richtiger Anwendung falsche positive Ergebnisse so gut wie ausgeschlossen seien.

10. Können junge Menschen nicht an Covid-19 erkranken? 

Doch, das können sie, allerdings verläuft die Krankheit bei ihnen offenbar meist weniger stark. Das RKI schreibt (Stand 30. März): „Bisherigen Daten nach, die meist aus China stammen, ist noch unklar, ob Kinder weniger an COVID-19 erkranken als Erwachsene. Die Symptomatik der Erkrankung bei Kindern scheint jedoch häufig geringer ausgeprägt als bei Erwachsenen, obwohl auch, insbesondere bei jüngeren Kindern, schwere Verläufe vorkommen können.“ 

In einer Pressekonferenz am 26. März sagte Lothar Wieler, Präsident des RKI: „An Covid-19 können alle Menschen in Deutschland erkranken, unabhängig vom Alter und unabhängig vom Gesundheitszustand […].“ Auch jüngere und gesunde Menschen könnten sehr schwer erkranken oder sterben, betonte er.

11. Sterben ausschließlich Menschen mit Vorerkrankungen an Covid-19?

Nein, aber Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen sind besonders gefährdet. Das RKI schreibt: „Schwere Verläufe können auch bei Personen ohne bekannte Vorerkrankung auftreten und werden auch bei jüngeren Patienten beobachtet.“ Das Risiko für einen schweren Verlauf steige ab einem Alter von 50 bis 60 Jahren stetig an. 87 Prozent der in Deutschland verstorbenen Menschen waren laut RKI 70 Jahre alt oder älter. 

Ebenfalls potenziell gefährdet seien Raucher, Menschen mit Übergewicht und Menschen mit Vorerkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, chronischen Lungenerkrankungen, Diabetes, Krebs oder geschwächtem Immunsystem (wegen einer Krankheit oder der regelmäßigen Einnahme von Medikamenten).

12. Werden alle Infizierten, die sterben, als Covid-19-Todesfälle gezählt – auch wenn sie einen Unfall hatten?

Das ist korrekt. Wie uns das Robert-Koch-Institut auf Nachfrage für unseren Faktencheck mitteilte, werden alle Menschen mit laborbestätigtem Nachweis einer Infektion, die anschließend sterben, in der Statistik als Covid-19-Todesfall geführt. Der Grund: „Das Risiko an COVID-19 zu versterben ist bei Personen, bei denen bestimmte Vorerkrankungen bestehen, höher. Daher ist es in der häufig Praxis schwierig zu entscheiden, inwieweit die SARS-CoV-2 Infektion unmittelbar zum Tode beigetragen hat.“ 

Aus diesem Grund werde nicht unterschieden zwischen „verstorben an Coronavirus“ und „verstorben mit Coronavirus“. So wolle man „ein möglichst genaues Bild der Todesfälle“ bekommen. „Wie gesagt, die beschriebene Situation – dass jemand an COVID-19 erkrankt ist und danach tödlich verunglückt – ist sehr selten.“

Auszug aus einer E-Mail des Robert-Koch-Instituts
Auszug aus einer E-Mail des Robert-Koch-Instituts an CORRECTIV. (Screenshot: CORRECTIV)

13. Werden die Verstorbenen nicht obduziert? 

Häufig wird wegen der statistischen Erfassung der Todesfälle zum Beispiel von Pathologen gefordert, dass alle Verstorbenen obduziert werden. So könne man ausschließen, dass sie an einer anderen Krankheit starben. Der Deutschen Gesellschaft für Pathologie zufolge hatte das RKI im März noch davon abgeraten, die Verstorbenen zu obduzieren, wegen des Infektionsrisikos. Aktuell ist eine solche Empfehlung beim RKI in den Hinweisen zum Umgang mit Verstorbenen jedoch nicht mehr zu finden. 

Wie einer unser Faktenchecks zeigte, werden in Hamburg bereits alle Menschen, die laut Statistik an Covid-19 starben, von der Rechtsmedizin begutachtet. Aktuell meldet das RKI 91 Todesfälle für Hamburg (Stand 22. April). Laut einem Lagebericht der Stadt vom 22. April konnte Covid-19 als Todesursache insgesamt bei 95 Patienten festgestellt werden. 

Auszug aus dem Corona-Bericht Hamburgs vom 22. April 2020. (Screenshot: CORRECTIV)

Zudem wird aktuell ein Zentralregister für Obduktionen in Deutschland aufgebaut. 

Update, 4. Mai: Im Hamburger Lagebericht vom 3. Mai übersteigt die Zahl der Personen, bei denen Covid-19 durch die Obduktion als Todesursache festgestellt wurde, erneut die offizielle Zahl der Todesfälle des RKI (165 zu 164). Der Grund: „Die Diskrepanz ist auf einen Meldeverzug durch das RKI zurückzuführen.“

14. Stirbt das Virus bei Hitze ab und sind deshalb heiße Bäder oder heiße Getränke hilfreich? 

Es gibt bisher kein Mittel, die Krankheit zu heilen oder wirksam eine Infektion zu verhindern. Überprüft haben wir zum Beispiel die falsche Behauptung, das Virus sitze im Hals und könne deshalb mit Wasser trinken oder gurgeln aufgehalten werden. Oder heißes Wasser oder Tee trinken könne es abtöten. Ebenfalls nicht richtig ist die Behauptung, heiße Bäder könnten das Virus aufhalten. 

Im Netz kursieren seit Wochen die unterschiedlichsten Angaben, bei welcher Temperatur das Virus angeblich abstirbt – in einem Kettenbrief war zum Beispiel die Rede von 27 Grad. Dazu steht fest: Die normale Körpertemperatur des Menschen liegt bei 36,5 bis 37 Grad. Das kann das Virus also locker aushalten. Deshalb kann zum Beispiel auch warmes Wetter oder Klima allein die Ausbreitung mutmaßlich nicht stoppen. Laut ersten Laborstudien erfolgt die Inaktivierung von SARS-CoV-2 erst bei einer wesentlich höheren Umgebungstemperatur wie 70 Grad (hier geht es zum Faktencheck).  

15. Verbreiten Haustiere das Coronavirus?

Medienberichten zufolge wurde in einem New Yorker Zoo ein Tiger mit dem Coronavirus infiziert. Es gab zudem Ende Februar einen Bericht aus Hongkong, nach dem ein Hund schwach positiv getestet worden sei. 

Laut Friedrich-Löffler-Institut gibt es jedoch keine Hinweise, dass Haustiere das Virus auf Menschen übertragen können. Und auch nicht, dass es auf Nutztiere übertragbar ist. Erste Versuche zeigten, dass sich weder Schweine noch Hühner infizieren lassen. 

Um mögliche Falschinformationen zum Coronavirus zu entdecken, hat CORRECTIV.Faktencheck einen CrowdNewsroom geschaffen – ein Onlineportal, auf dem Nutzerinnen und Nutzer sie uns direkt schicken können.

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Viele Youtube-Kanäle, die sonst Verschwörungstheorien verbreiten, nutzen die Corona-Pandemie, um Ärzte zu interviewen – auch völlig fachfremde. (Foto: Ivo Mayr/CORRECTIV)

von Cristina Helberg

Youtube duldet Falschmeldungen, Hetze und Verschwörung seit Jahren auf seiner Plattform. Das wird in der Corona-Pandemie zu einem besonderen Problem: Pseudo-Sprechstunden und absurde Gesundheitstipps generieren Millionen Klicks. „Alternative Medien“ helfen bei der Verbreitung.

Schon zu normalen Zeiten ist Youtube Umschlagplatz Nummer Eins für gezielte Desinformation und Falschmeldungen. Keine andere Plattform tut so wenig dagegen und nirgendwo anders erreichen Fakes so hohe öffentliche Klick- und Sharezahlen. 

Während der Corona-Pandemie zeigt sich, wie problematisch es ist, wenn sich Millionen Menschen bei Youtube informieren. 

Wenn es um „Fake News“ geht, denken die Meisten an politisch motivierte Falschmeldungen. Unterschätzt wird dabei die Reichweite von Falschmeldungen im Gesundheits- und Medizinbereich. Eine Pflanze heilt Krebs in 16 Stunden und das Masernvirus existiert gar nicht? Schon vor der Corona-Pandemie konnten Faktencheckerinnen beobachten, dass viele der meistgeklickten Fakes medizinische Themen behandelten. Solche, die Betroffenen Heilung versprachen – und mit falscher Hoffnung Geld verdienten. 

In Zeiten von Corona hat sich die Arbeit im Faktencheck-Team daher inhaltlich kaum verändert. Die Narrative der Desinformation sind dieselben geblieben, nur mit einem Corona-Dreh versehen. Einschlägige Webseiten berichteten vorher regelmäßig von einer angeblichen „Invasion“ von Geflüchteten. Jetzt warnen sie, die Corona-Maßnahmen würden ausgenutzt, um „heimlich“ Asylbewerber nach Deutschland zu bringen. Wer früher „Lügenpresse“ schrie, beschuldigt die ARD nun ohne jeden Beleg, Särge von 2014 in der Corona-Berichterstattung gezeigt zu haben. 

Und viele, die vorher auf Youtube fragwürdige Gesundheitstipps und Heilsversprechungen gaben, geben sich nun als Coronavirus-Experten aus. Sie werden auf Youtube-Kanälen als „Mediziner“ vorgestellt und treten gerne in weißen Hemden oder Arztkitteln auf. Dass sie zwar meist Ärzte sind, aber nicht über ihre eigenen Fachgebiete sprechen, wird dabei verschwiegen. 

Urologe im Youtube-Gespräch mit „alternativen Medien“

So behauptet Michael Spitzbart im Compact-Interview auf Youtube, das Virus sei für Gesunde „praktisch harmlos“ und rät dazu, das Immunsystem zu beschäftigen: „Wenn im Restaurant eine Gabel runterfällt, die erst recht nehmen. Das ist eine geimpfte Gabel“. Das Youtube-Video vom 3. April erreichte bisher 172.000 Klicks. (Unser Faktencheck dazu) Spitzbart ist Urologe.  

Der Internist Claus Köhnlein streut in Youtube-Interviews mit den „alternativen Medien“ Der fehlende Part (860.000 Aufrufe) und KenFM (105.000 Aufrufe) Zweifel an der Zuverlässigkeit der PCR-Tests, mit denen auf Corona-Infektionen getestet wird. Knapp eine Million Mal wurden diese Videos insgesamt aufgerufen. (Unser Faktencheck dazu)

Seit dem Ausbruch des neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2 hat sich auf Youtube eine Allianz aus Homöopathen, Impfgegnern, Verschwörungstheoretikern und „alternativen Medien“ gebildet. Überschneidungen hat es schon vorher gegeben, aber die hohen Klickzahlen befeuern die Gastauftritte und Co-Produktionen. Mediziner der unterschiedlichsten Fachbereiche liefern den Youtube-Kanälen der „alternativen Medien“ die notwendige Faktenfassade während der Pandemie. 

Verunsicherte Einreichungen von Leser*innen

Viele Einreichungen der letzten Tage in unserem CrowdNewsroom lassen vermuten, dass solche Videos aktuell zahlreiche Menschen erreichen, die die Kanäle zuvor nicht kannten. Unsere Nutzer berichten von Whatsapp-Gruppen mit Bekannten oder Familienmitgliedern, in die plötzlich fragwürdige Meldungen geschickt würden. Nie zuvor hat unser Faktencheck-Team seit der Gründung im Mai 2017 so viele Anfragen erhalten. Viele davon klingen ehrlich verzweifelt. 

Einer breiten Öffentlichkeit wurde das Problem der fragwürdigen Youtube-Videos durch Auftritte des Internisten und Lungenarztes Wolfgang Wodarg bewusst, der sich unter anderem von Eva Herman und dem ZDF-Magazin Frontal 21 interviewen ließ. Diese Videos und ein Kettenbrief zur Ibuprofen-Einnahme schafften es aufgrund ihrer vermeintlichen Legitimation durch Mediziner per Weiterleitung offenbar auch in Kreise, die sonst seltener irreführende oder falsche Meldungen erreichen. 

Interview mit verschwörungstheoretischen Kanälen

Ein weiteres Problem ist die offenbare Unbedarftheit mancher Mediziner bei der Auswahl ihrer Gesprächspartner. So gab etwa die Virologin Karin Mölling dem Medium KenFm ein Interview, das auf Youtube 170.000 Mal aufgerufen wurde. 

Michael Butter, der zu Verschwörungstheorien forscht, sagte dazu in einem Zeit-Interview„Die Virologin Karin Mölling [ist] eine emeritierte Professorin am angesehenen Max-Planck-Institut für molekulare Genetik in Berlin. Sie hält die strikten Maßnahmen wie das weitreichende Kontaktverbot für übertrieben. Das ist eine legitime wissenschaftliche Position. Aber Frau Mölling hat dazu KenFM ein Interview gegeben. Auf dieser Internetseite wurde schon behauptet, die Massenmedien seien von Zionisten unterwandert oder die Flüchtlingskrise sei bewusst gesteuert und diene der ‘Desorganisation’ Deutschlands. Auch zu Corona werden dort seit Wochen Verschwörungstheorien verbreitet. In so einem Kontext werden Frau Möllings Äußerungen offensichtlich Teil dieser Verschwörungstheorien. Das hätte ihr klar sein müssen.“

Medizinische Tipps, die dem aktuellen Stand der Forschung widersprechen, sind das eine Problem. Ihnen kann man mit Fakten begegnen. Auf Youtube werden diese Falschmeldungen jedoch mit Verschwörungstheorien verbunden und damit Millionen von Klicks generiert. Wahlweise werden die Pharmaindustrie, die USA, China oder satanische Sekten für die Pandemie verantwortlich gemacht. 

„Machtergreifung“, Weltuntergang und Biowaffe: Verschwörungstheorien in Corona-Zeiten

Eine aktuelle Analyse der Universität Münster hat  15.000 Facebook-Posts von „alternativen Nachrichtenmedien“ von Anfang Januar bis zum 22. März untersucht. Sie kommt zu dem Schluss, diese hätten bisher während der Corona-Krise vor allem Gerüchte und einzelne Verschwörungstheorien verbreitet. „Diese Medien vermischen in ihren Veröffentlichungen das Leugnen des Klimawandels, die Flüchtlingskrise, Weltuntergangstheorien und das Coronavirus“, sagt Thorsten Quandt, der die Studie leitete. 

Unter anderem hätten „alternative Medien“ die Verschwörungstheorie, das Virus sei eine Biowaffe aus China, verbreitet. (Unseren Faktencheck dazu finden Sie hier) „Wir fanden mehrere Fälle, in denen ihre Aussagen an anderer Stelle aufgegriffen wurde, beispielsweise in den Youtube-Kanälen von Verschwörungstheoretikern, die als sekundäres Verbreitungssystem dienen. Sie bezeichnen die Botschaften der alternativen Nachrichtenmedien als glaubhaft“, sagt Thorsten Quandt. 

Das bestätigt, was wir Faktencheckerinnen seit Jahren beobachten: Youtube-Verschwörungstheoretiker und „alternative Medien“ sind untrennbar miteinander verbunden. Nun mischen sich zunehmend auch Mediziner darunter. 

So spielte zum Beispiel der Homöopath Ralf Kron im Youtube-Interview mit dem Blog eingeschenkt.tv auf eine Verschwörungstheorie an: Auf Desinfektionsmitteln werde schon seit Jahren Schutz gegen Coronaviren versprochen. (Unser Faktencheck dazu) 

Auch bekannte Größen der Verschwörungsszene wie Oliver Janich melden sich in diesen Wochen zu Wort: In einem seiner Videos tritt der ebenfalls bekannte Verschwörungstheoretiker Gerhard Wisnewski auf und bekräftigt, was er schon in einem zweiten Youtube-Interview sagte: „Was wir hier haben, das ist 1933 auf globaler Ebene, die Machtergreifung der WHO-Strukturen zusammen mit chinesischen Strukturen“. Knapp 300.000 Mal wurde das Video aufgerufen. 

Youtubes zögernde Antwort auf Desinformation

Youtube stellt Faktenchecker vor besondere Herausforderungen: Die Videos sind häufig lang und die Aussagen ein wildes Durcheinander aus Tatsachenbehauptungen (prüfbar), Meinung (nicht prüfbar) und Verschwörungstheorien (nur Aspekte prüfbar). Der Faktencheck eines einzigen Videos kann Tage dauern, während die Klickzahlen im Minutentakt steigen. Anders als Facebook ermöglicht Youtube außerdem bisher keine Verknüpfung von Faktenchecks mit Falschmeldungen, die Usern dann angezeigt werden. Zudem bietet Youtube Faktencheckerinnen kein Tool, mit dem die Plattform effektiv nach Falschmeldungen durchsucht werden kann.

WHO-Direktor Tedros Adhanom Ghebreyesus kündigte im Februar an, nicht nur gegen das Virus anzukämpfen, „sondern auch gegen die Trolle und Verschwörungstheoretiker, die Fehlinformationen vorantreiben und die Reaktion auf den Ausbruch untergraben“. 

Bei Youtube scheint man das Problem weiterhin nur langsam anzugehen. Angesichts der Corona-Pandemie blendet die Plattform in Deutschland aktuell unter Videos lediglich einen Verweis auf Informationen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung oder WHO ein, wie der Konzern in einem FAQ zum Coronavirus schreibt. Beim Thema „Falschmeldungen“ bleibt Youtube in diesen Richtlinien jedoch vage und schreibt, man würde Inhalte löschen – nach eigenen Angaben aber erst dann, wenn es sich um Inhalte handele, in denen behauptet werde, „dass schädliche Substanzen oder Behandlungen positive gesundheitliche Auswirkungen haben können.“

Aus den Youtube-Richtlinien zum Thema „Falschmeldungen“. (Screenshot: CORRECTIV)

Bleiben bei sonstig irreführenden Videos also die Info-Einblendungen. Diese jedoch sind selbst irreführend designt: Wer ein Video damit sieht, könnte meinen, die abstrusesten Verschwörungsvideos seien durch die Bundeszentrale legitimiert oder stammten sogar von ihr. Selbst Youtubes aktuelle Verbesserungsansätze promoten Fakes und Verschwörung demnach noch.

Update, 11. April:  Wir haben am Ende des Artikels einen Auszug aus den Youtube-Richtlinien ergänzt. 

Update, 24. April 2020: In einer Stellungnahme hat sich Youtube nach Erscheinen zu unserem Text geäußert. Youtube schreibt, es sei nicht zutreffend, dass man Falschmeldungen, Hetze und Verschwörung auf der Plattform dulde.  

„Wir nehmen den Kampf gegen jedwede Form problematischer Inhalte sehr ernst und entfernen schon seit vielen Jahren alle Inhalte, die gegen unsere Produktrichtlinien verstoßen. Zum Beispiel erlauben wir keine Anstiftung zu Gewalt, Belästigung oder Hassrede. Dabei setzen wir auf eine Kombination aus Nutzern und Technologie, um unzulässige Inhalte zu melden und diese Richtlinien durchzusetzen. Wir arbeiten laufend an der Verbesserung unserer internen Prozesse, um eine zügige und sachgerechte Prüfung und Entfernung sicherzustellen und haben die betreffenden Richtlinien für Hassrede und ähnlich problematische Inhalte immer wieder verschärft.“

Weiter schreibt Youtube: „Natürlich wird es auf YouTube immer wieder Inhalte geben, die sich an der Grenze unserer Richtlinien befinden. Deshalb haben wir in den vergangenen Jahren daran gearbeitet, Inhalte von verlässlichen Quellen auf YouTube zu fördern und die Verbreitung von grenzwertigen Inhalten und schädlichen Fehlinformationen zu reduzieren.“ Die Infotafeln mit Verweis auf Informationen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, über die CORRECTIV berichtet hatte, seien mit der Behörde abgestimmt. 

Coronavirus - Robert-Koch-Institut - Pressekonferenz
Lothar Wieler, Leiter des Robert-Koch-Instituts, auf einer Pressekonferenz. Zu Fake News äußert sich das Institut nicht. (Foto Annegret Hilse/Reuters-Pool/dpa)

von Frederik Richter , Alice Echtermann , Till Eckert , Cristina Helberg

Deutschland bekämpft mit allen Mitteln den Ausbruch der Corona-Pandemie. An eines hat jedoch kaum einer gedacht: den Einfluss von Desinformation. Das Robert-Koch-Institut und weitere Einrichtungen geben Faktencheckern selten Auskunft. Das kann gefährlich sein.

Desinformation rund um die Corona-Pandemie erreicht in sozialen Netzwerken Millionen Menschen. Sie hängen an den Lippen von Ärzten und angeblichen Experten, die behaupten, die Pandemie sei nicht viel schlimmer als eine Grippe-Welle.

Solche Falschinformationen haben konkrete Auswirkungen: Wer glaubt, das Coronavirus sei nicht so schlimm, ist weniger bereit, sich an Hygieneregeln und Maßnahmen zur Eindämmung zu halten. Es kann um Leben und Tod gehen.

„Desinformation über Gesundheit kann Ausbrüche von Ansteckungskrankheiten verschlimmern“, schrieben zwei britische Forscher in einer Studie vom November 2019. Sie verwiesen darauf, dass während des Ausbruchs von Ebola in Westafrika das Verhalten der Menschen davon abhing, welche Informationen über Übertragungswege der Krankheit sie erhalten hatten.

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Bereits am 2. Februar wies die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in einem Situationsbericht darauf hin, dass die Corona-Pandemie von einer „massiven Infodemie“ begleitet werde. Seitdem beobachtet die WHO Gerüchte und Mythen rund um den Corona-Ausbruch und kämpfen mit Aufklärung gegen sie an.

Es gibt bei Bundesbehörden und in den Ländern auch positive Beispiele. Doch beim Robert-Koch-Institut (RKI), der wichtigsten Bundesbehörde im Kampf gegen Pandemien, und anderen Einrichtungen findet dieser Teil der Pandemie-Bekämpfung kaum statt. Manche Pressesprecher halten den „Quatsch“ im Internet offenkundig für unwichtig im Vergleich zu anderen Anfragen und antworten nicht auf Fragen von Faktencheckern, die der Desinformation entgegentreten wollen.

Das RKI ließ seit Januar etwa ein halbes Dutzend Anfragen zu jeweils verschiedenen Falschbehauptungen zum Coronavirus unbeantwortet oder verwies auf andere Behörden. Erst als wir uns massiv bei der Bundesregierung beschwerten, erhielten wir Ende März Informationen.

Die Pandemie ist eine beispiellose Herausforderung für die Gesellschaft, die Medien und vor allem auch für die Behörden. Einige Aspekte der Pandemie-Bekämpfung in Deutschland gelten international als vorbildlich. In Frankreich wie auch in Großbritannien zum Beispiel führen Kommentatoren in der innenpolitischen Debatte immer wieder die vergleichsweise großen Testkapazitäten in Deutschland an.

Mitten im Sturm

Das RKI steht im Zentrum des Sturms. Ohne Frage sind die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter überlastet und arbeiten sehr hart, um die Krise zu bewältigen. Das Institut erhält nach eigenen Angaben derzeit über 100 Medienanfragen pro Tag. Das ist mit den Kapazitäten aus normalen Zeiten nicht zu bewältigen. Doch wenn über mehrere Wochen hinweg Anfragen unbeantwortet bleiben, entsteht der Eindruck, dass das Institut die Bedeutung von Desinformation bei der Bekämpfung von Pandemien unterschätzt.

Anfang Februar wandten wir uns an einen Wissenschaftler des Robert-Koch-Instituts. Wir wollten über ein weitverbreitetes Gerücht schreiben, dass das Virus aus einem Biowaffen-Labor im chinesischen Wuhan stamme, und baten um eine Einschätzung. Entsprechende Facebook-Posts waren schon im Januar tausendfach geteilt worden.

Stattdessen antwortete die Pressesprecherin des RKI. Sie bat uns, Anfragen in Zukunft nur an die Pressestelle zu richten. Unsere Fragen beantwortete sie nicht.

Die Pressesprecherin lieferte lediglich einen vagen Verweis auf eine Äußerung des Virologen Christian Drosten zur Entstehung des Virus. Diesen Verweis sollten wir jedoch nicht zitieren. „Mein Kommentar bezog sich auf alle diese Verschwörungs-Behauptungen und ist nur für Ihren Hintergrund gemeint gewesen. Ich möchte solche Behauptungen nicht durch Zitate aufwerten“, schrieb die Sprecherin zur Begründung.

Diese Haltung ist überholt. Nach ihr wird das, was im Internet steht, erst dann wichtig, wenn eine Pressesprecherin es mit einem Zitat würdigt. Offenkundig ist den Presseverantwortlichen fremd geblieben, dass das Internet anders funktioniert. Desinformationen führen an offiziellen Verlautbarungen vorbei ein Eigenleben – und sie können Leben kosten.

Nichts hinzuzufügen

Als wir dem RKI die Bedeutung von Faktenchecks noch einmal schriftlich erläuterten und um Auskunft baten, antwortete die Sprecherin lediglich: „Ich kann meinen Ausführungen nichts hinzufügen.“ Die Falschinformation, dass das Virus aus einem chinesischen Labor für Biowaffen stammt, zirkuliert bis heute. Ein ehemaliger AfD-Politiker griff sie noch vor wenigen Tagen im baden-württembergischer Landtag auf – dieses Mal in der Version, dass das Virus aus einem Biowaffenlabor in den USA stammen könnte.

Erst Ende März, nachdem wir noch mehrfach angefragt haben, äußerte sich das RKI dazu uns gegenüber – und wir konnten schließlich einen ersten Faktencheck dazu veröffentlichen.

Andere Faktenchecker wie die Kolleginnen und Kollegen vom Bayerischen Rundfunk haben ähnliche Erfahrungen gemacht.

„In den ersten Tagen und Wochen der Berichterstattung über das Coronavirus hat das Robert-Koch-Institut auf die Fragen unserer Faktencheck-Redaktion relativ schnell geantwortet, aber eher knapp“, sagt Sophie Rohrmeier, Teamlead Verifikation und Faktenfuchs beim Bayerischen Rundfunk.

„Auf Details sind sie nicht eingegangen. Der nächste Schritt war dann, dass sie uns gesagt haben, aus Kapazitätsgründen könnten sie nicht mehr antworten. Inhaltlich haben wir also keine Fragen mehr beantwortet bekommen.“

Das RKI habe zum Beispiel nicht auf den Vorwurf der sogenannten Überzählung reagiert. Dabei geht es um die Frage, ob nicht zuviele Tote in der Corona-Statistik auftauchen, weil Patienten an mehreren Krankheiten sterben können. Auch das bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit habe nicht geantwortet, sagt Rohrmeier.

„Ich verstehe, dass das RKI und andere Behörden gerade sehr viele Anfragen bekommen und es etwas länger dauern kann. Aber wenn man das Virus eindämmen will, muss man auch Ängste und Gerüchte eindämmen. Desinformation zu bekämpfen, gehört aus meiner Sicht dazu, um das Virus zu bekämpfen.“

Die Bevölkerung überzeugen

Die Haltung des RKI verwundert, wenn man eine Risikoanalyse der Bundesregierung zum Bevölkerungsschutz aus dem Januar 2013 liest. Die Analyse enthält das fiktive Szenario einer globalen Pandemie – ausgelöst durch ein neuartiges Coronavirus.

Darin findet sich ein Abschnitt zum Thema Kommunikation. „Nur wenn die Bevölkerung von der Sinnhaftigkeit von Maßnahmen (z. B. Quarantäne) überzeugt ist, werden sich diese umsetzen lassen“, heißt es.

Die Autorinnen und Autoren des Berichts – der unter der Federführung des RKI verfasst wurde – gehen davon aus, dass die Behörden Verunsicherungen und verschiedenen Erklärungen mit Informationen begegnen müssen. „Es ist von einer vielstimmigen Bewertung des Ereignisses auszugehen, die nicht widerspruchsfrei ist“, schrieben sie.

Und weiter: „Dementsprechend ist mit Verunsicherung der Bevölkerung zu rechnen. Zusätzlich ist ein (mehr oder minder qualifizierter) Austausch über neue Medien (z. B. Facebook, Twitter) zu erwarten.“

„Leider nicht die Kapazität“

Die Analyse stammt aus einer Zeit, in der über soziale Netzwerke verbreitete Desinformationen und „Fake News“ noch nicht im heutigen Ausmaß als Problem erkannt waren. Doch die Autoren erkannten bereits, dass sie ein Faktor bei der Bekämpfung von Epidemien sind. Hält man sich die Reaktion des RKI vor Augen, scheint diese Erkenntnis dort noch nicht angekommen zu sein.

Oder es sieht sich als nicht zuständig an. Auf seiner Webseite schreibt das Institut, die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) sei dafür zuständig, die Bevölkerung zu informieren. Tatsächlich schaltet die BzgA zahlreiche Anzeigen in sozialen Netzwerken. Wer auf Twitter, Instagram oder Youtube „Coronavirus“, „Covid-19“ oder ähnliche Suchwörter eingibt, bekommt einen Link zur Webseite der Behörde eingeblendet.

Die BzgA jedoch verbreitet lediglich die fachlichen Informationen des RKI, wie uns eine Pressesprecherin auf Nachfrage mitteilte. Damit kann auch die BzgA die Fragen von Faktencheckern nicht beantworten.

Factchecker sind für ihre Arbeit auf Aussagen von Expertinnen und Wissenschaftlern angewiesen (Foto: Ivo Mayr/CORRECTIV)

Zum Entkräften von Desinformation, die auf vielschichtige, aber immer andere Weise Falschmeldungen, Halbwahrheiten und Spekulationen mit Fakten vermischt, müssen Medien auch spezifische Fragen zu Falschinformationen stellen, die Expertinnen und Experten und Behörden lächerlich vorkommen. Es sind Fragen, die viele Menschen in Deutschland umtreiben und die sie verunsichern.

Am 25. März versuchten wir es wieder bei der Pressestelle des RKI.

„Wir haben leider nicht die Kapazität, hier Infos bereitzustellen und können nur auf unsere Internetseiten verweisen. Vielleicht kann auch jemand von der Gesellschaft für Virologie weiterhelfen“, lautete die Antwort.

Doch da wissen wir bereits, dass die Gesellschaft für Virologie auch nicht helfen kann. Am 16. März fragten wir die Gesellschaft an. Wir suchten einen Virologen, der die Aussage entkräften kann, dass Vitamin C in hohen Dosen das Coronavirus abtöten kann. Facebook-Posts mit dieser Aussage wurden mehrere tausend Mal geteilt, Youtube-Videos mehrere zehntausend Mal aufgerufen.

Zu banal

Das klingt aus Sicht von Experten vielleicht zu banal, um sich damit abzugeben. Doch Faktenchecker sind darauf angewiesen, in ihren Texten Wissenschaftler zitieren zu können. Die Öffentlichkeit muss auf ihr Wissen zurückgreifen können, um Informationen einzuordnen.

Ohne Zitate von Wissenschaftlern und Expertinnen ist ein Faktencheck nicht möglich. Nur mit den unabhängigen Einordnungen wird die Arbeit der Faktenchecker gründlich und glaubwürdig.

Die Pressesprecherin der Gesellschaft für Virologie lehnte unsere Anfrage jedoch ab. Man habe nicht mehr die Kapazität, jede Anfrage zu beantworten, sagte sie am Telefon. Es gebe zu viele Anfragen, als dass man sich mit allem beschäftigen könne, was im Internet geschrieben werde. Die Pressesprecherin entschuldigte sich vielmals und sandte uns anschließend auch noch den Verweis auf eine wissenschaftliche Studie zum Thema.

Ähnlich ist es bei der Berliner Charité. Am 24. Januar, noch bevor der Ausbruch des Coronavirus in China das größte Thema in den Medien war, wandten wir uns zum ersten Mal an das dortige Institut für Virologie. Wir erhielten keine Antwort. Am 6. Februar stellten wir eine weitere Anfrage. Es sei der Charité ein Anliegen, mit der eigenen Expertise zur Einordnung von Fake News und Gerüchten beizutragen, lautete die Antwort. Der Leiter der Virologie, Christian Drosten, stehe jedoch wegen des erhöhten Aufkommens von Presseanfragen zum Coronavirus für die Beantwortung unserer Fragen nicht zur Verfügung.

Nicht unsere Aufgabe

Das Landeszentrum Gesundheit in Nordrhein-Westfalen – das Bundesland war zunächst am stärksten von der Corona-Pandemie betroffen – hat eine Fachabteilung Infektionsschutz. Doch die Behörde konzentriert sich auf die Zusammenarbeit mit anderen Behörden. Als wir um Informationen zur Einordnung der millionenfach verbreiteten Aussagen von Wolfgang Wodarg baten, teilte eine Sprecherin mit: Nicht unsere Aufgabe. Wodarg zählt zu den Ärzten, die die Corona-Pandemie für Panikmache von Regierungen, Experten und Medien halten.

Ganz anders agiert die WHO: Sie hat eine Liste mit „Myth busters“, also Faktenchecks falscher Behauptungen über das Coronavirus auf der eigenen Webseite veröffentlicht. Auch in sozialen Netzwerken verbreitet sie diese.

Das Bundespresseamt sagte uns auf Anfrage, dass die Bundesregierung sehr wohl gegen Desinformationen vorgehe. „Auf unseren Kanälen versuchen wir, kursierende Falschinformationen klar zu benennen“, teilte ein Sprecher mit. „Wir sensibilisieren für das Aufkommen von Desinformation und zeigen den Bürgerinnen und Bürgern verlässliche Quellen auf.“ Das Bundesministerium für Forschung und Bildung zum Beispiel hat auf seiner Webseite einige Faktenchecks veröffentlicht.

Der Sprecher verwies auch darauf, dass sich verschiedene Bundesminister täglich in Pressekonferenzen Fragen der Medien stellten. Doch das hilft der Arbeit in Sachen Desinformation wenig, denn diese verbreitet sich spontan und beinhaltet meist sehr spezielle Behauptungen, die die Glaubwürdigkeit von Wissenschaft untergraben. Das Bundesgesundheitsministerium verwies uns bei einer Anfrage übrigens ebenfalls an das RKI.

Gegenüber dem Bundespresseamt beschwerten wir uns massiv über die mangelnde Auskunftsbereitschaft des RKI. Drei Tage später beantwortete die Behörde zum ersten Mal eine Anfrage von uns.

So ein „Quatsch“

Zuvor hatten wir uns auf unserer Suche nach Informationen auch an den Pressesprecher eines großes Krankenhauses in Nordrhein-Westfalen gewandt. Um es deutlich zu machen: Das Krankenhaus dient ausschließlich der Versorgung von Patienten und sei keine Forschungseinrichtung. Es wäre nicht zu erwarten, dass es der Presse wissenschaftliche Einschätzungen zur Verfügung stellt.

Doch die spontane Antwort des Sprechers bringt eine offenbar weit verbreitete Haltung bei deutschen Institutionen und Behörden auf den Punkt: „Wenn ich offen sein darf: Zu so einem Quatsch äußern wir uns also nicht; dazu ist die Zeit gerade zu kostbar“, schrieb er.

Auch das ist eine Binsenweisheit. Es muss auch nicht jeder Antworten geben. Es wäre aber hilfreich, wenn sich zumindest eine Stelle im RKI um die Belange der Faktenchecker kümmern könnte – damit Falschinformationen in den sozialen Medien schnell auf Augenhöhe begegnet werden kann.

Es gibt auch positive Beispiele. Das Bundesinstitut für Risikobewertung beantwortete eine Anfrage von uns sehr zügig. Die Staatskanzlei des Saarlands kontaktierte uns diese Woche und zeigte Interesse an einem Austausch im Kampf gegen Fake News. Das Bundesland informiert bereits mit einem automatisierten Messenger-Dienst über das Coronavirus.

Julii Brainard und Paul Hunter, die Autoren der eingangs erwähnten Studie, untersuchten den Einfluss von Desinformation auf die Schwere eines Pandemie-Ausbruchs. Die Wissenschaftler der Universität East Anglia modellierten verschiedene Kommunikations-Strategien zur Bekämpfung von Desinformation. Sie kamen in ihrem theoretischen Modell zu dem Schluss, dass diese den Einfluss von Desinformationen auf einen Krankheitsausbruch reduzierten.

„Die Wirksamkeit der Anwendung solcher Strategien im Kampf gegen „Fake News“ muss unter realen Bedingungen getestet werden“, schrieben sie.

Die Welt, und damit auch deutsche Behörden, hat jetzt die Gelegenheit dazu.

Mitarbeit: Tania Röttger, Marcus Bensmann, Bianca Hoffmann, David Schraven und Lea Weinmann

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(Bild: CORRECTIV)

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Der CrowdNewsroom von CORRECTIV.Faktencheck ist ein neues Tool gegen die Desinformation zum Coronavirus SARS-CoV-2. (Grafik: CORRECTIV)

von Bianca Hoffmann

Zu dem neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2 sind zahlreiche Falschmeldungen im Umlauf. Menschen können diese jetzt schnell und unkompliziert online melden, mit dem neuen CrowdNewsroom von CORRECTIV.Faktencheck. 

Behauptungen zu dem Coronavirus SARS-CoV-2 werden derzeit tausendfach weitergeleitet. Die WHO spricht von einer „Infodemie“, bei der es für die Menschen schwer sei, vertrauensvolle Quellen zu finden. Um Falschmeldungen effektiv zu bekämpfen, hat CORRECTIV.Faktencheck jetzt ein neues Meldesystem entwickelt: Jede und jeder kann verdächtige Behauptungen in unserem CrowdNewsroom melden.

Unser Team sichtet die Einreichungen, bewertet sie und veröffentlicht gegebenenfalls Faktenchecks. 

Hier geht es zu dem neuen CrowdNewsroom zum Coronavirus.

Es ist essentiell, Falschmeldungen zu dem Coronavirus SARS-CoV-2 klarzustellen, damit Menschen keinen falschen Versprechungen oder Handlungsanweisungen folgen. Der CrowdNewsroom zum Coronavirus ermöglicht, effektiver gegen die Verbreitung von Falschmeldungen vorzugehen. 

Dabei können alle mithelfen! 

Mit den gesammelten Daten wird auch deutlich, wie sich Desinformation in Deutschland verbreitet: Es wird sichtbar, ob es regionale Unterschiede bei den Falschmeldungen gibt, welche Sozialen Netzwerke am meisten für die Verbreitung genutzt werden und ob die Nachrichten insbesondere im persönlichen Bekanntenkreis geteilt oder verschickt werden. 

Der CrowdNewsroom ist eine von CORRECTIV entwickelte Software, um Bürgerinnen und Bürger an Recherchen zu beteiligen. Unter Mitwirkung der Öffentlichkeit wurden bereits mehrere Recherchen von CORRECTIV realisiert. CORRECTIV.Faktencheck ist eine eigene Redaktion innerhalb des gemeinnützigen und unabhängigen Recherchezentrums CORRECTIV. 

Coronavirus Symbolbild Labor
Die WHO bezeichnet die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2 als Pandemie. (Foto: Hans Klaus Techt / picture alliance / APA / picturedesk.com)

von Frederik Richter , Bianca Hoffmann

In mehreren Videos behauptet der Arzt Wolfgang Wodarg, bei der Coronavirus-Pandemie handele es sich um Panikmache. Dabei durchmischt er Fakten und Spekulationen. Im Gespräch mit CORRECTIV zeigt er sich unbeeindruckt.

Die weltweite Ausbreitung des Coronavirus und die Maßnahmen von Regierungen zur Eindämmung verunsichern die Menschen. Die aktuelle Situation ist ein idealer Nährboden für die Verbreitung von falschen, ungenauen Informationen und Spekulationen. Videos des Arztes Wolfgang Wodarg, der die Coronavirus-Pandemie für Panikmache hält, werden innerhalb von Tagen auf Youtube hunderttausende Mal angesehen. 

Wolfgang Wodarg war 15 Jahre lang Bundestagsabgeordneter für die SPD. Er gehört dem Vorstand von Transparency International an.

In den Videos, in denen er seit einigen Tagen mit seiner Sicht auf das Coronavirus auftritt, stellt er sich zudem als Lungenarzt, Internist und ehemaligen Leiter eines Gesundheitsamts in Schleswig-Holstein vor. 

Ein Youtube-Video vom 13. März wurde bereits über eine Million Mal aufgerufen. Ein Interview mit Eva Herman hat an nur einem Tag über 100.000 Aufrufe erzielt. Ein knapp elfminütiges Youtube-Video mit englischen Untertiteln hat in den vergangenen drei Tagen über eine halbe Million Aufrufe erreicht.

Wolfgang Wodarg
Der Arzt Wolfgang Wodarg sorgt derzeit für Aufregung mit seinen Äußerungen zum Coronavirus. (Quelle: Youtube / OvalMedia, Screenshot: CORRECTIV)

Der Tenor aus diesem sowie weiteren Videos lässt sich so zusammenfassen:

Die Reaktion von Regierungen und Behörden auf die Krankheit Covid-19 sei nicht angemessen. Wodarg sagt, er sei „fassungslos, über das, was ich da beobachten muss.“ Auf seiner Webseite fordert er: „Corona-Panic beenden!“ 

Er stellt zudem verschiedene Behauptungen auf.

Behauptung: Neuartiges Coronavirus sei nicht schlimmer als frühere Grippewellen

Wodarg argumentiert im Kern, dass es Coronaviren schon vor der aktuellen Krankheitswelle gegeben habe. Diese sei nicht schlimmer als frühere Grippewellen. Allerdings hätten Forscher – angeblich auch aus finanziellen Motiven – jetzt Tests entwickelt, die zuvor nicht zur Verfügung standen. Deswegen seien erst jetzt Erreger ins Bewusstsein getreten, die es schon lange gegeben habe.

Wodarg sagt, dass etwa zehn Prozent aller existierenden Viren Coronaviren seien (Minute 1:45). Und macht folgende Rechnung auf: Wenn es bei vorherigen Grippewellen 20.000 bis 30.000 Tote gegeben habe, dann gab es „in den vergangenen Jahren immer 2.000 bis 3.000 Tote durch Coronaviren. Und da sind wir ja noch weit von weg.“

Die Anzahl der bisher bestätigten Deutschen mit Grippe übersteigt die der Patienten mit Coronavirus – noch. In der gesamten Grippe-Saison 2019/2020 sind laut dem bundeseigenen Robert-Koch-Institut (RKI) bislang 247 Menschen durch eine Grippe ums Leben gekommen. Mit Grippe infiziert haben sich allerdings viel mehr Personen. Insgesamt wurden „145.258 labordiagnostisch bestätigte Influenzafälle an das RKI übermittelt“ (PDF, S. 6).  

Es trifft zu, dass die Familie der Coronaviren älter als der aktuelle Ausbruch des SARS-CoV-2 -Virus ist. Laut Robert-Koch-Institut ist diese Familie seit Mitte der 1960er Jahre bekannt. 

Das Robert-Koch-Institut erklärt auf seiner Webseite, dass Coronaviren schon seit den 1960er Jahren identifiziert sind. (Screenshot: CORRECTIV)

Auch bei den SARS– und MERS-Viren handelt es sich um Coronaviren. Bei SARS-CoV-2 wird daher von Experten auch von einem „neuartigen“ Coronavirus gesprochen. Da es lange keinen eigenen Namen hatte, setzen viele Menschen SARS-CoV-2 offenbar mit dem Begriff „Coronavirus“ gleich. Das Helmholtz-Institut schreibt, etwa ein Drittel der „typischen Erkältungen“ sei auf Coronaviren zurückzuführen. Es gibt keine Belege darüber, wie viele Menschen direkt in Folge einer Ansteckung mit Coronaviren ums Leben gekommen sind, lediglich für die Epidemien mit SARS (774 Todesfälle in 2002/03) und MERS (800 Todesfälle bisher) liegen Zahlen vor.  

Wodarg argumentiert, dass es ein normaler Vorgang sei, dass sich Viren verändern, um sich verbreiten zu können. Allerdings lässt er die Problematik des aktuellen SARS-CoV-2-Ausbruch unter den Tisch fallen: Für dieses Virus gibt es bisher weder einen Impfstoff noch eine Immunität in der Bevölkerung. Lässt man der Pandemie also ihren Lauf, ist das Gesundheitssystem schnell überlastet.

Behauptung: Tests seien nicht spezifisch genug entwickelt

Das zweite Kernargument von Wodarg: Er zieht Möglichkeiten der Medizin, den Verursacher von Covid-19 zu erkennen, in Zweifel. Demnach seien Mediziner in der chinesischen Stadt Wuhan bei wenigen Patienten auf eine „angeblich“ neue RNA-Sequenz in Viren gestoßen.

Wissenschaftler der Berliner Charité unter Beteiligung des Leiters der Virologie, Christian Drosten, hätten dann schnell einen Test entwickelt. Dieser sei jedoch nicht ausreichend validiert worden, die üblichen Genehmigungsverfahren seien übersprungen worden, behauptet Wodarg. Die Charité ließ eine Anfrage von CORRECTIV zu den Vorwürfen zunächst unbeantwortet.

Wodarg sagt in einem Facebook-Video auf der Seite des ZDF-Magazins Frontal 21 außerdem, dass dieser Test lediglich auf Grundlage „der ähnlichen Viren, die man kannte“ entwickelt worden sei. Das Virus aus Wuhan habe schließlich in Berlin nicht vorgelegen. „Das ist nun natürlich so eine Sache, ob der Test jetzt wirklich nur diese Viren misst, die dort eine Rolle gespielt haben in der Klinik, oder ob der gleichzeitig noch andere SARS-Viren misst.“

Wodarg lobt allerdings die Wissenschaftler der Charité dafür, dass sie ihre Arbeiten ins Internet gestellt hätten. So könnten Wissenschaftler aus aller Welt diese überprüfen.

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Das wissenschaftliche Protokoll der Entwicklung des Tests für das damals noch als 2019-nCoV bezeichnete Virus ist in der Tat hier bei der WHO nachzulesen. Die Wissenschaftler schreiben, dass der Test auf der genetischen Nähe von 2019-nCoV mit SARS-Coronaviren basiere. Sie argumentieren jedoch, dass der Test das neuartige Virus ausreichend von anderen unterscheiden könne. Dies habe man anhand von 297 klinischen Proben anderer Viren, die Atemwegserkrankungen auslösen, untersucht.

Virologe Christian Drosten weist Vorwürfe zurück

Drosten wies am 18. März in seinem täglichen Podcast mit dem NDR die Vorwürfe von Wodarg zurück. Der Test sei entwickelt „auf der Basis des nahe verwandten SARS-Coronavirus. Dieses hat aber auch wieder mit den landläufigen Erkältungs-Coronaviren überhaupt nichts zu tun, das ist genetisch sehr weit entfernt.“

Man habe eine Reihe von Tests gemacht auf Basis des alten SARS-Coronavirus und einer „riesengroßen Diversität von Fledermaus-Coronaviren, also die nächsten Verwandten“.

Dann sei die Sequenzinformation des neuen Coronavirus veröffentlicht worden und man habe sie mit den Tests abgeglichen. Es seien die zwei Tests gewählt worden, die am besten zu dem neuen Virus passten. Diese seien weiter validiert worden, mit der Universität Hong Kong, der Universität Rotterdam, der nationalen Public Health Organisation in London und eigenen Patienten.

Es sei eine  Validierungsstudie durchgeführt worden mit hunderten echten Patientenproben, mit anderen Coronaviren und Erkältungsviren, so Drosten. „Und nicht ein einziges Mal hat es da eine falsch positive Reaktion gegeben. Also dieser Test reagiert gegen kein anderes Coronavirus des Menschen und gegen kein anderes Erkältungsvirus des Menschen.“

Angebliche Ungenauigkeiten bei den Tests: Das ist der vielleicht konkreteste Kritikpunkt von Wodarg. Danach wird es vage, Belege gibt es keine. Wodarg macht aber deutlich, dass er politische und finanzielle Interessen hinter der staatlichen Reaktion auf die Ausbreitung vermutet.

Behauptung: Coronavirus diene politischen Interessen

In China vermutet Wodarg ein Interesse des Staats an mehr Überwachung als Motiv. „Das war politisch sehr wichtig plötzlich. Das Fieberthermometer regelte den Verkehr in Chinas Straßen“, sagt er auf Youtube. Das SARS-CoV-2-Virus sei deswegen in Wuhan entdeckt worden, weil es dort „Sicherheitslabore“ für Viren gebe. Es ist eine von mehreren nicht ausgeführten Andeutungen, mit denen Wodarg seine Theorie von der unnötigen Panikmache unterfüttert. 

In einem telefonischen Gespräch mit CORRECTIV führt Wodarg aus, dass es eben in Wuhan spezialisierte Labore gegeben habe und nicht zum Beispiel in Peking. 

Im Umkehrschluss streitet der Arzt damit ab, dass es einen dramatischen Ausbruch einer neuartigen Viruserkrankung in Wuhan gegeben habe. Denn laut Wodargs Theorie sind angeblich Menschen überall gleichzeitig mit durch Coronaviren ausgelösten Atemwegserkrankungen erkrankt.

Behauptung: Wissenschaftler haben finanzielle Interessen am Coronavirus

Wodarg sagt, es habe sich ein selbstbezügliches Netz aus Politikern und Wissenschaftlern gebildet, in dem andere Ansichten keinen Platz mehr hätten. „Da ist was gesponnen worden, ein Netz von Informationen von Meinungen. (Das) hat sich entwickelt in diesen Fachkreisen und die Politik hat sich an diese Fachkreise gewandt, die damit angefangen haben.“

Wodarg unterstellt den Wissenschaftlern dabei finanzielle Interessen. „Wissenschaftler wollen mitschwimmen, weil sie Geld brauchen für ihre Institute. Sie wollen wichtig werden.“

Im NDR-Podcast widerspricht Christian Drosten: Man verdiene mit dem Test unter dem Strich „keinen Cent“.

Die Ansicht von Wodarg widerspricht auch den Äußerungen vieler Wissenschaftler. Eine Gruppe von Wissenschaftlern des Londoner Imperial College bezeichnet die aktuelle Situation als die größte Bedrohung für die öffentliche Gesundheit durch ein Atemwegsvirus seit der H1N1-Pandemie am Ende des Ersten Weltkriegs (Spanische Grippe).

Laut dem Situationsbericht der WHO vom 17. März haben sich knapp 180.000 Menschen weltweit mit dem neuen Coronavirus infiziert. 7.426 Menschen sind demnach an der Krankheit gestorben. Laut Johns-Hopkins-University sind mehr als 81.000 bereits wieder geheilt.

Einordnung der Behauptungen von Wolfgang Wodarg

Es ist nicht das erste Mal, dass Wodarg finanzielle Interessen hinter Maßnahmen gegen eine Krankheit wittert. Vor zehn Jahren kritisierte er als Abgeordneter im Europarat die Reaktion der Weltgesundheitsbehörde auf das H1N1-Virus. Diese erklärte die sogenannte Schweinegrippe damals zu einer Pandemie. Kritiker wie Wodarg hielten das für falsch. Sie warfen den Verdacht auf, dass dies im Interesse der Pharmaindustrie erfolgt sei, damit diese an Impfungen Geld verdienen konnte.

Die WHO teilte im August 2010 mit, die Pandemie habe zu über 18.000 Toten geführt.

Auf der Webseite von Transparency International spricht Wodarg von „Unternehmen, die Seuchen erfinden, um aus Angst Profit zu schlagen“.

Der SPD-Gesundheitspolitiker Karl Lauterbach hat Wodarg wegen seiner aktuellen Äußerungen auf Twitter kritisiert:

Karl Lauterbach (SPD) äußert sich zu den Videos von Wolfgang Wodarg. (Screenshot: CORRECTIV)

Im Gespräch mit CORRECTIV.Faktencheck sagt Wodarg, es gehe ihm primär darum, zu zeigen, dass es immer schon Coronaviren gegeben habe. „Wie sähe die Welt aus, wenn wir diesen Test nicht hätten? Dann wäre der Kaiser nackt“, sagt er in Anspielung auf das Märchen „Des Kaisers neue Kleider“. Und Wodarg glaubt, dass dann eben politische und finanzielle Interessen auf diesen Zug aufgesprungen seien. 

Wodarg berichtet, dass sein Telefon nicht mehr still stehe. Gerade hat er dem anti-westlichen Blog Ken.FM ein Interview gegeben.

Versteht er, dass in der aktuellen Situation die Menschen Diskussionen über die mangelnde Validität von Testverfahren und angebliche Verschwörungen durch chinesische Politiker und Wissenschaftlern nicht auseinanderhalten können?

„Im Moment pickt sich jeder raus, was er will“, räumt Wodarg ein.

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Update vom 18. März: Wir haben den Text mit Äußerungen von Christian Drosten ergänzt sowie die Einordnung des Blogs Ken.FM angepasst.

Mitarbeit: Alice Echtermann, Arne Steinberg