Justiz

Unbelegt: Es gibt keine statistischen Daten zu Mordverdächtigen mit Migrationshintergrund

Eine Webseite behauptet unter Berufung auf Medienberichte, die meisten Mörder in Deutschland seien Menschen mit Migrationshintergrund. Für diese Behauptung gibt es keine Grundlage. In der Kriminalstatistik wird ein Migrationshintergrund nicht erfasst – genauso wenig die Religion.

von Cristina Helberg

Luegenpresse22
Der Artikel von New Swiss Journal behauptet: „Am meisten morden Täter mit Migrationshintergrund“. Dabei wird das Merkmal in der Kriminalstatistik gar nicht erfasst. (Screenshot: CORRECTIV)
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Unbelegt. In der Kriminalstatistik wird weder die Religion noch ein Migrationshintergrund erfasst.

Die Webseite New Swiss Journal veröffentlichte am 26. November einen Artikel, mit der Überschrift: „Mehr Lügenpresse geht nicht – Die meisten Morde an Frauen verüben Täter mit Migrationshintergrund“. Darin behauptet der Autor außerdem auch, „die meisten Mordanschläge auf Frauen, werden von Tätern mit Migrations- und muslimischem Religionshintergrund verübt.“ Die Aussagen beziehen sich laut Text auf Deutschland, nicht auf die Schweiz. 

Später änderte die Redaktion die Überschrift und sprach nun allgemein von Morden, nicht mehr nur Frauenmorden. In der URL ist die alte Überschrift noch zu lesen. Als Quellen nennt der Autor „deutsche Medien“. Laut dem Analysetool Crowdtangle wurde der Artikel bisher mehr als 680 Mal bei Facebook geteilt.

Wir haben die Behauptungen geprüft. 

Der Artikel mit der ersten Überschrift, später änderte die Redaktion die Überschrift in: „Mehr Lügenpresse geht nicht – Am meisten morden Täter mit Migrationshintergrund“. (Screenshot: CORRECTIV)

Bundeskriminalamt: Statistik erfasst Migrationshintergrund nicht

Das Bundeskriminalamt schreibt auf Nachfrage von CORRECTIV zu den zwei Behauptungen per E-Mail: „Statistiken, anhand derer die von Ihnen mitgesendeten Behauptungen zu überprüfen wären, sind hier nicht bekannt. In der Polizeilichen Kriminalstatistik werden weder Migrations-, noch Religionshintergrund erfasst.“ 

Als Menschen mit Migrationshintergrund werden Zugewanderte oder deren Nachfahren bezeichnet

2018 gab es laut der Kriminalstatistik (Grundtabelle – Excel) 901 erfasste Fälle von Mord, davon waren 649 Versuche. Im Zusammenhang damit gab es 853 Tatverdächtige (Männer und Frauen), davon 329 „nichtdeutsche Tatverdächtige“. Mehr als die Hälfte der Verdächtigen hatte also die deutsche Staatsbürgerschaft. Von den Tatverdächtigen waren 746 Männer und 107 Frauen. 

Die im Text getroffene Behauptung zum überwiegenden Täteranteil mit Migrationshintergrund oder mit muslimischen Hintergrund lässt sich anhand dieser Daten nicht prüfen, da diese Information nicht erfasst wird. 

Das stellte die Bundesregierung auch in einer Antwort auf eine Kleine Anfrage der AfD im Dezember 2018 fest. „Aussagen zu Tatverdächtigen bzw. Straftaten von Tatverdächtigen mit ‘Migrationshintergrund’ sind nicht möglich, da ein solches Merkmal in der PKS nicht abgebildet wird“, schrieb die Bundesregierung.  

Schon im Jahr 2008 stellte der fraktionslose Abgeordnete Henry Nitzsche folgende Frage an die Bundesregierung: „Wie hoch ist deutschlandweit der prozentuale Anteil ausländischer Straftäter und Täter mit Migrationshintergrund bei Mord, Totschlag, Körperverletzungsdelikten, insbesondere schwerer und gefährlicher Körperverletzung sowie Raubdelikten, insbesondere schwerem Raub?“ 

Die Antwort des Parlamentarischen Staatssekretärs des Innenministeriums, Peter Altmaier,  vom 24. Januar 2008: „In der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) wird bei den Tatverdächtigen nur die Staatsangehörigkeit erfasst […]. Bei deutschen Tatverdächtigen ist deshalb keine Aussage zu früheren Staatsangehörigkeiten, nichtdeutschen Vorfahren oder ausländischen Geburtsorten (Migrationshintergrund) möglich.“

Die Antwort war also in den vergangenen Jahren immer die gleiche und gilt auch aktuell: Zu Tatverdächtigen mit Migrationshintergrund lassen sich keine statistischen Aussagen treffen, weil das Merkmal in der Kriminalstatistik nicht erfasst wird.

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